Konzertimpressionen und -rezensionen

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  • #11928249  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    yaiza
    Gastspielprogramme sind vermutlich nochmal ein Thema für sich…

    Wie meinst Du?

    Ich würde sagen: Die sind eher noch mehr auf Nummer sich programmiert (dabei sind das schon landauf landab fast alle Konzerte … ich meine, ein kurzes Einstiegsstück zu programmieren, das ungewohnt ist, ist ja noch kein mutiger Entscheid, und Ravel oder Stravinsky als „moderne“ Programmteile grad auch nicht). Ich finde aber auch sowas, wie das Tonhalle-Orchester gerade in Hamburg absolvierte (drei Abende mit unterschiedlichen Programmen) wesentlich spannender als diese Ein-Abend-Tourneen. Das Mahler Chamber Orchestra machte das letzten Herbst mit dem zweiten Mozart-Programm auch so, aber in Lugano, wo ich es hörte, gab es leider nur einen einzelnen Abend (eine Auswahl der drei Programme, ohne Kammermusik, die sonst auch noch gespielt wurde, nebst weiteren Klavierkonzerten und anderen Kombinationen der Werke). Solche längeren Gastspiele müssen sich wohl erst noch etablieren, aber das fände ich interessant. Müssten halt von den Veranstaltern auch entsprechend als Schwerpunkte/Highlights frühzeitig vermarktet werden (also in der Tonhalle hiesse das: ins Programm des TOZ selbst aufgenommen werden, nicht einfach dort durchgeführt, wie eine Vielzahl anderer Konzerte von Drittveranstaltern, von denen ich in aller Regel gar nichts mitkriege, weil es eh schon zuviel gibt, woraus gewählt werden muss).

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #138: 14.2., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #30: tba
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    #11928773  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

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    #11929801  | PERMALINK

    yaiza

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    @gypsy-tail-wind: ja, in die Richtung, dass auf Gastspielen vermehrt die „Klassiker“ gebracht werden, habe ich auch gedacht.

    Gestern waren in Berlin die Wiener Symphoniker mit Beethoven KK 3 und Sinf. 5 zu Gast:
    https://www.tagesspiegel.de/kultur/wiener-symphoniker-zu-gast-in-berlin-lebendige-tradition-8910310.html

    Derweil sind die Berliner Philharmoniker/K. Petrenko in den USA mit zwei Programmen unterwegs:
    I Andrew Norman – Unstuck / Mozart VK1 KV 207 (m. N. Bendix-Balgley, 1. Konzertm.) / Korngold – Symphonie Fis-Dur op. 40
    II Mahler 7
    interessante Kombi; „Unstuck“ habe ich mir gerade mal angehört; vielleicht ist die Korngold Symphonie in Fis-Dur irgendwann nochmal im Radio zu hören

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    #11929809  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

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    yaiza @gypsy-tail-wind: …. Gestern waren in Berlin die Wiener Symphoniker mit Beethoven KK 3 und Sinf. 5 zu Gast: https://www.tagesspiegel.de/kultur/wiener-symphoniker-zu-gast-in-berlin-lebendige-tradition-8910310.html ….

    Die Salzsäure als Programm ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #11929953  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Interessant – konventioneller als das Wiener Beethovenprogramm ist ja schwer machbar. Das muss dann aber auch wirklich allererste Sahne sein, sonst gehen alle enttäuscht heim (oder gut: alle reden sich ein, es wäre hervorragend gewesen ;-) ). Und die Berliner Programme sind dann was … einfach ein zufälliges Gegenbeispiel? Oder doch eher ein Zeichen, dass das beste (keine Ahnung, sagen halt viele) Orchester der Welt sich mehr erlauben kann? Ob die Besucherzahlen dem recht geben?

    Bei mir gab’s gestern einen konzertanten „Tito“, der mich komplett umgehauen hat. Und obwohl ich mich nicht wesentlich besser fühle, hatte ich nach dem Jazzkonzert von letztem Freitag zum zweiten Mal im Konzert (trotz eines langen, anstrengenden Arbeitstages) das Gefühl, ich sei wieder so aufmerksam und wach gewesen wie sonst seit zwei Monaten nicht mehr. Ich schreibe dann ein paar Zeilen dazu … je nachdem erst am Sonntag, wenn dann auch der Rihm’sche Jakob Lenz hinter mir ist (gerade eine Karte gekauft für Samstagabend – die letzte von bloss vier Vorstellungen, die netterweise im ZKO-Haus stattfinden, zu dem ich 10 Minuten zu Fuss hab).

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    #11933819  | PERMALINK

    yaiza

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    Konzerthaus Berlin
    Festival „Aus den Fugen“
    Di, 22.11.2022, 20h Großer Saal
    Zeitmaschine Liszt & Gesualdo – Raumklangkonzert mitten im dunklen Saal

    Cédric Pescia, Klavier & Opus Vocale, Chor; Ltg.Volker Hedtfeld

    Nuages gris, Bagatelle ohne Tonart, La lugubre gondola
    „O vos omnes“ (aus den Karmetten-Responsorien)
    Après une lecture du Dante – Fantasia quasi Sonata
    „Ecce quo modo moritur iustus“ (aus den Karmetten-Responsorien)
    Les jeux d’eau á la Villa d’Este, Csárdás macabre
    „Plange quasi virgo“ (aus den Karmetten-Responsorien)
    Bénédiction de Dieu dans la solitude (aus „Harmonies poétiques et religieuses“)

    Wg. zeitweise nicht fahrender Straßenbahn (leider aufgrund eines Unfalls) kam ich diesmal kurz vor knapp im Konzerthaus an. Durchatmen und noch schnell einen Platz suchen, bevor die Beleuchtung ausgeht. Ich entschied mich für’s Parkett. Die verbleibende Zeit nutzte ich für Blicke durch den Saal. Die festen Sitzreihen im Parkett waren für dieses Festival abmontiert. Nun standen in der Mitte des Großen Saals ein Flügel und drumherum waren in 6 Blöcken Stühle aufgestellt. Eine andere Atmosphäre war durch diese Auflockerung gleich zu spüren. In der Woche zuvor saß ich im 1. Rang und konnte das noch nicht so nah fühlen. Im Konzert wartete viel Unbekanntes auf mich. Ich machte mir noch schnell 3 Liszt-Fixpunkte klar „Wolken-Dante-Wasserspiele“ und dann ging auch schon das Licht aus. Der Pianist Cédric Pescia und der Chor Opus Vocale gestalteten zusammen ein Liszt & Gesualdo-Programm. „Nuages gris“ war ein schöner Einstieg. Es breitete sich schnell Ruhe im Saal aus und da es bis auf die Beleuchtung am Flügel und hinter den Logen im 1. Rang dunkel war, gab es auch kein Rascheln, Kramen oder Blättern mehr. Den ersten Chorbeitrag fand ich toll, er kam für mich überraschend. Da ich erst kurz vor Beginn im Saal war, bekam ich nicht mit, wo sich der Chor aufstellte, wusste anfangs nicht woher die Stimmen kamen und genoss es noch ein bisschen. Der Chor stand zuerst auf der Galerie im 1. Rang und wechselte später in den vorderen Bereich des 1. Rangs auf die Orgelempore. Für den dritten Teil stellte sich der Chor im hinteren Bereich des Parketts auf. Ich saß zwei Reihen davor und fand es eindrucksvoll, mal die Musik so nah im Rücken zu haben. Nach ca. 90min ging ein sehr schönes Konzert zu Ende. Das Ineinandergehen von Klavier & Chor (der ganz leise die Plätze wechselte und zum Schluss auch in der für ihn freigehaltenen letzten Reihe Platz nahm) war sehr gut vorbereitet. Zum Schlussapplaus stellten sich alle Beteiligten auch nochmal um den Flügel und starteten einen Umlauf, so dass man erstmals am Abend auch in die Gesichter blicken konnte.

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    #11933821  | PERMALINK

    yaiza

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    Konzerthaus Berlin
    Festival „Aus den Fugen“
    Do, 24.11.2022, 20h Großer Saal
    UNDR – Goldberg Percussion – Konzert in der Mitte des dunklen Saals

    Jean Rondeau, Klavier & Tancrède Kummer, Percussion
    Klangregie: Silouane Colmet Daâge
    Neue musikalische Ideen und Improvisationen basierend auf
    den Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach

    Aus den Fugen schien in dieser Woche nicht nur das Programm im Konzerthaus. Als der Bus kurz vor’m Alex stehenblieb und der Fahrer den Funk lautstellte, damit alle Fahrgäste den Verlauf der spontanen Umleitung mithören konnten, war ich schon wieder in der „flinke Hufe-Stimmung“. Da fährt man schon mit genügend Zeit los und muss gleich 2x nacheinander zum Konzerthaus rennen. Zum Glück ging’s dann doch schnell weiter. Ich kam spät in den Saal, fand noch einen Randplatz mit schönem Blick auf Drums & Bechstein, an welchem Jean Rondeau stand und sich verschiedene Utensilien zurechtlegte. Stoffbeutel schnell noch nach unten legen, ransetzen und los ging’s mit der Aria aus den Goldberg-Variationen. Nach und nach wurde es ruhiger, das Licht gedimmt bis es schließlich dunkel war. Und zu diesem Konzert war es tatsächlich richtig dunkel, da aufgrund des unbesetzten 1. Rangs das Licht an den Aufgängen zu den Logen ausgemacht werden konnte. Im ersten Teil hörte man Rondeau allein am Flügel. Als sich Percussionist Tancrède Kummer dazugesellte, stellte sich erst eine Jazz-Atmosphäre ein. Nach und nach wurden die Klänge roher und die beiden nahmen das Publikum auf eine spannende Experimentalreise mit. Zu hören waren Flügel & Drums und Steine, Ketten, Papier, Sticks … und ein noch seitlich stehendes Klavier wurde von Kummer bespielt. Ich freute mich, da ich eigentlich schon immer mal live über eine längere Zeit präpariertes Klavier hören wollte (bisher nur mal kurz mit Cédric Tiberghien). Ich mochte die Stimmung des Unerwarteten. Später wurden von Band auch Stimmen eingespielt. Irgendwie geschah immer wieder was neues. Nach und nach standen auch Leute auf und verließen leise den Saal. Vor mir hatten einige wohl etwas anderes erwartet; auf einmal waren 6 Plätze leer. Zwei betagte Damen schauten aus einem Nachbarblock kurz rüber und entschieden, sich das Ganze von noch näher anzusehen, was ich ziemlich cool fand.
    Auf dem Programmblatt las ich später, die Fragen „Was bleibt, wenn die Musik auf die reine Essenz heruntergebrochen wird? Wenn der musikalische Inhalt fehlt? … wenn Worte und Texte keine Bedeutung mehr haben?“ Dann werde ich auch erst bemerken, dass alle Programmteile zwischen „Aria“ und „Aria da Capo“ mit dem Buchstaben „G“ anfingen und durchaus interessante Namen trugen, wie Grain, Graphe, Gigue, Grégorien, Gomorrhe, Ghetto, Golgotha, Goliath usw. Aber auch ohne Kenntnisse machte es mir Spaß, das Geschehen zu verfolgen. Es bleiben unglaublich viele Eindrücke… ein letzter Teil war wieder Rondeau allein überlassen, sein Spiel hatte zunächst noch viel Rohes (ich musste wieder an Bartók denken) und verfeinerte sich. Er beugte sich beim Spiel immer weiter herunter und als das Licht anging, sah man einen einen Flügel ohne Pianisten und hörte eine Einspielung vom Band. Ein herrliches Schlussbild, auch toll in Verbindung mit dem Kaltstart. Ich hatte nicht mitbekommen, wie er aufstand… Ich sah nur, dass jd. zur Tür hinausging, wusste aber nicht, dass es Rondeau war, der den Saal verließ. Es blieb noch ein bisschen beim Schlussbild und das verdutzte Publikum fing an zu applaudieren. Ich rechnete fast schon damit, dass wir beide Künstler nicht mehr sehen würden, aber sie kamen hinaus und nahmen den Applaus entgegen. Ein eindrucksvoller Abend mit starkem Programm.
    Zur Mitte hin dachte ich, dass wir wohl gerade ganz schön weit von „Goldberg“ entfernt sind. Im letzten Drittel spürte ich, dass ich die Goldberg-Variationen wohl erstmal unter diesem Eindruck anders hören werde. Darauf freue ich mich auch schon.
    UNDR (isländisch für „Wunder“) bezieht sich auf eine Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges. Die möchte ich bald noch lesen.

    in La Grange Au Lac, Évian, Juni 2022:

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    #11933853  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Theater St. Gallen – 20.11.2022

    Der anonyme Liebhaber
    Oper von Joseph Bologne «Chevalier de Saint-Georges», Libretto von François-Georges Fouques Deshayes „Desfontaines“ nach Stéphanie Féliticé de Genlis „Madame de Genlis“ (Neufassung von Femi Elufowoju jr.(

    Musikalische Leitung Kazem Abdullah
    Inszenierung Femi Elufowoju jr. / Sebastian Juen
    Bühne und Kostüm ULTZ
    Licht Charles Balfour, Andreas Enzler
    Choreografie Elenita Queiroz
    Choreinstudierung Franz Obermair
    Dramaturgie Christina Schmidl

    Joseph Joshua Stewart
    Léontine Florina Ilie
    Ophémon Äneas Humm
    Dorothee Libby Sokolowski
    Jeannette Jennifer Panara
    Colin Christopher Sokolowski
    Tänzerinnen Theatertanzschule St. Gallen
    Chor des Theaters St. Gallen
    Sinfonieorchester St. Gallen

    Brecht’sches Theater, BLM-Agitprop, eine echte Rarität der (Pariser) Frühklassik und ein Stück voller wunderbarer Musik – das alles gab’s in der Aufführung von Joseph Bolognes „L’amant anonyme“ am Theater St. Gallen. Für ihre alles in allem sehr stimmige Inszenierung hat Femi Elufowoju jr. das Libretto bearbeitet und dabei die Hauptfigur – die anonym um seine Geliebte buhlt – mit Joseph Bologognes Biographie verquickt. Gesprochene Dialoge auf Deutsch wurden zwischen die Nummern geschoben, dazu kam ein Sprecher aus dem Off, der die Geschehnisse – den Plot wie auch die Biographie Bolognes – aus heutiger Sicht kommentierte, einordnete, am Ende in ein „say their names“-Plädoyer fiel.

    Bologne, der Joseph, den wir im Stück zu sehen kriegen, war auch ein gefeierter Fechter, der u.a. in London den Chevalier d’Éon besiegte, seinerseits ein berühmter Fechter und einer der berühmtesten Crossdresser seiner Zeit. Mit ihm wurde in St. Gallen die Figur des Ophémon vermählt. Joshua Stewart überzeugte mich in der Titelrolle nicht so ganz, seine Stimme blieb oft etwas fahl, blieb zusammen mit den anderen etwas zu leise. Äneas Humm konnte sich als Éon austoben, im längeren ersten Teil die meiste Zeit in Frauenkleidern und stimmlich überzeugend. Bezaubernd war ganz besonders Florina Ilie in der Rolle der Léontine, der Witwe, die Joseph heimlich liebt und mit Geschenken überhäuft.

    Dass Bologne eben nicht der „schwarze Mozart“ ist sondern ganz im Gegenteil recht eindeutig Mozart beeinflusst hat – die Violinkonzerte und die berühmte Sinfonia concertante KV 364 hätte es ohne die Begegnung in Paris kaum in der Form gegeben – wurde von der Regie genutzt, um den Sprung in die Gegenwart zu machen. Die Erzählstimme – die für mein Empfinden im Lauf des Stückes willkommen war, die Brüche funktionierten eben im Sinn von Brechts Theater, aber überhaupt nicht als Brüche, die einen aus dem Stück geworfen hätten – ordnete ein, kommentierte (noch ausführlicher dazu der Text im Programmflyer, vermutlich von Christina Schmidl verfasst?) und erwähnte zum Beispiel auch, dass bis heute keine person of color die Intendanz einer Oper inne hatte.

    Ein Happy-End kann diese Oper natürlich nicht haben, erst recht nicht bei dem vorliegenden Regiekonzept. Das Bild, dass am Ende alle davonziehen und Joseph allein auf der Bühne zurück bleibt, gefiel mir sehr – aber mit dem abschliessenden Plädoyer der Erzählstimme wurde für mein Empfinden das Konzept der Regie dann etwas überdehnt. Schade, denn für die Wirkung wäre das gar nicht nötig gewesen.

    Die Musik fand ich bezaubernd, nicht nur geht es mit einer substantiellen Ouvertüre los, es folgen Arien, Duette, Terzette und mehr, voller wunderbarer melodischer Einfälle. Dass ein durch und durch junges Ensemble auf der Bühne stand, erhöhte da Vergnügen noch. Das Sinfonieorchester St. Gallen ist mir bisher unbekannt, wusste unter Kazem Abdullah (auf dem Foto natürlich der Herr in Schwarz, zwischen Stewart und Ilie) aber zu überzeugen.

    Tonhalle, Zürich – 22.11.2022

    La clemenza di Tito (KV 621)
    Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, Libretto von Caterino Mazzolà nach Pietro Metastasio
    (konzertant)

    Alexandra Marcellier Sopran (Vitellia)
    Mélissa Petit Sopran (Servilia)
    Lea Desandre Sopran (Annio)
    Cecilia Bartoli Mezzosopran (Sesto)
    John Osborn Tenor (Titus Vespasianus)
    Peter Kálmán Bass (Publio)
    Les Musiciens du Prince–Monaco
    Gianluca Capuano
    Leitung
    Il canto di Orfeo (Jacopo Facchini, Einstudierung)

    Am Dienstagabend dann in der Tonhalle die konzertante Aufführung von Mozarts „La clemenza di Tito“ mit Bartoli – schon Wochen zuvor praktisch ausverkauft und auch von mit mit grosser Vorfreude erwartet, nicht zuletzt, weil ich die Oper noch nie live gehört hatte. Diese Aufführung verdeutlichte für mich dann auch, wie phantastisch dieses Werk wirklich ist – das konnten angehörte Aufnahmen und auch die grandiose Salzburger Aufführung vor ein paar Jahren nicht so deutlich wie der Abend in Zürich.

    Das war nun von A bis Z vollkommen überzeugend und geradezu grandios. Die Sängerinnen und Sänger fügten sich zu einem herausragenden Ensemble zusammen, sie agierten auf einem schmalen Bereich vor dem Orchester durchaus theatralisch. Dass Bühnenbild, üppigere Kostüme, Maske usw. fehlte, tat dem ganzen überhaupt keinen Abbruch: auch so war das atemberaubend und hochdramatisch – bis zum seltsam dahinplätschernden Schluss natürlich, aber der ist wohl genau so, wie Mozart ihn eben haben wollte. Das Orchester unter Capuano, das ich schon ein Jahr früher in einem phänomenalen Konzert mit Bartoli und Franco Fagioli hörte, überzeugte auch dieses Mal vollkommen – der Klarinettist, der mit zwei alten Instrumenten für „seine“ Arien nach vorn kam, war natürlich besonders sichtbar.

    Von den vier Frauen kannte ich nur Marcellier nicht – Petit gehörte von 2015 bis 2017 zum Ensemble (ich hörte sie im Winter/Frühling 2017 als Sophie in „Werther“ und in „Médée“ von Charpentier, später auf jeden Fall auch noch in „Fidelio“), Desandre hat die letzten Jahre bei einigen wunderbaren Aufnahmen mitgewirkt, nicht zuletzt an der Seite von Sabine Devieilhe in italienischen Kantaten von Händel. Und Bartoli ist ja, ginge es nach dem Publikum, schon seit Jahrzehnten Ehrenzürcherin. Das stimmte jetzt die Balance, die Stimmen fügten sich aufs schönste zusammen – Mozart durchbricht ja den Seria-Charakter des Stückes stark, es gibt so viel mehr als Rezitative, Arien und Duette zu hören. Osborn war der einzige, der seinen Part nicht auswendig konnte und ein Tablet mit sich herumtrug. Als nach mehreren Abgängen doch noch eine Zugabe gegeben wurde – eine Wiederholung der letzten Nummer – hatte er dieses nicht mit und konnte nur etwa die halbe Zeit mitsingen. Macellier machte ihm zwar zwischendurch die Souffleuse, aber am Ende war die Zugabe sowieso vor allem ein Gaudi, ein gemeinsames Feiern der Musik. Wahnsinnig toll! (Und für mich ein Lichtblick: trotz eines langen Tages davor fühlte ich mich – wie ein paar Tage davor beim Konzert von Anthony Braxton – erstmals wieder so „wach“ wie üblich, und wie seit zwei Monaten bei keinem Konzert mehr).

    ZKO-Haus, Zürich – 26.11.2022

    Jakob Lenz
    Kammeroper von Wolfgang Rihm, Text von Michael Fröhling frei nach Georg Büchners «Lenz»

    Musikalische Leitung Adrian Kelly
    Inszenierung Mélanie Huber
    Ausstattung Lena Hiebel
    Lichtgestaltung Dino Strucken
    Dramaturgie Fabio Dietsche

    Lenz Yannick Debus
    Oberlin Jonas Jud
    Kaufmann Maximilian Lawrie
    6 Stimmen Chelsea Zurflüh, Bożena Bujnicka, Freya Apffelstaedt, Simone McIntosh, Amin Ahangaran, Gregory Feldmann
    Kinder Nina Gringolts, Lavinia Scorsin, Noelia Finocchiaro
    Zürcher Kammerorchester

    Ein Konzert, das ich weggelassen habe, fand am Abend vor dem erwähnten Braxton-Konzert statt – und ich liess es aus, was leider schon die richtige Entscheidung war: er Auftakt und neben dem „Jakob Lenz“ das einzige aus der kleinen Hommage zum 70. von Rihm, die gerade in Zürich läuft (es gibt noch ein Stück von Rihm bei einem Schubert-Konzert des ZKO und eine Rihm-Kantate vor der Dritten von Brahms bei einem der Sinfoniekonzerte am Opernhaus – beide werde ich nicht besuchen, letzteres in erster Linie, weil ich weiterhin nicht annähernd so viel unternehmen mag, wie ich gerne würde). Den „Lenz“ mochte ich mir aber nicht entgehen lassen. Nur vier Aufführungen gab es, gestern war die Derniere.

    Das Stück dauert um die 75 Minuten, ist sehr speziell instrumentiert (drei Celli, zwei Oboen + Englischhorn, Klarinette/Bassklarinette, Fagott/Kontrafagott, Trompete, Posaune, Schlagzeug und Cembalo) und überhaupt, fand ich, sehr besonders. Einen Plot gibt es nicht so sehr (Lenz springt in den Brunnen, predigt, versucht ein totes Mädchen wiederzuerwecken, Kaufmann kommt zu Oberlin – so weit, so bekannt), eher fokussiert Rihm auf das Innenleben des Protagonisten, und das geht so weit, dass es durchaus vertretbar schiene, auch die zwei anderen namentlichen Figuren (Oberlin und Kaufmann) als Einbildungen bzw. Abspaltungen von Lenz zu verstehen, nicht nur die sechs Stimmen, bei denen das recht klar ist. Die Bühne (oben im Originalzustand, unten in dem des letzten Drittels) aus beweglichen Holzquadern symbolisierte wohl nicht zuletzt das „Gebirg“, aber auch die Wohnräume von Oberlin, die Kanzel, von der Lenz predigt usw. Eine sehr effektive Inszenierung fand ich, stimmig und toll anzuschauen.

    Auch hier wieder schön: ein junges Ensemble auf der Bühne (u.a. wohl eine Tochter von Ilya Gringolts?), abgesehen vom überragenden Yannick Debus (und den Kindern, versteht sich) allesamt Mitglieder des aktuellen IOS (Internationales Opernstudio Zürich). Auch das ein kurzer aber toller, rundum überzeugender Abend.

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    #11938243  | PERMALINK

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    Zürich, Tonhalle – 02.12.2022

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Peter Ruzicka
    Leitung
    Nils Mönkemeyer Viola
    Damen der Zürcher Sing-Akademie Chor
    Florian Helgath
    Einstudierung

    Peter Ruzicka (*1948)
    «FURIOSO» für Orchester – Schweizer Erstaufführung
    «DEPART», Konzert für Viola und Orchester – Uraufführung

    George Enescu (1881-1955)
    «Isis», Sinfonisches Adagio für Frauenchor und Orchester (Orchestrierung Pascal Bentoiu) – Schweizer Erstaufführung
    Sinfonie Nr. 4 e-Moll (Vervollständigung Pascal Bentoiu) – Schweizer Erstaufführung

    Prélude: Kleine Tonhalle, 18.00 Uhr
    Künstlergespräch und Kammermusik mit dem Komponisten Peter Ruzicka, dem Bratschisten Nils Mönkemeyer, der Sängerin Lisa Weiss und Franziska Gallusser (Moderation)

    Peter Ruzicka

    Drei Stücke für Klarinette solo (2012)
    Riccardo Acciarino Klarinette

    Fünf Szenen für Klavier (2009)
    Vilhelm Moqvist Klavier

    Das war ein unerwartet toller Abend gestern. Peter Ruzicka schaute in der Tonhalle vorbei, das ganze war ein Carte-Blanche-Abend für das Festival „Sonic Matter“, das sonst an völlig anderen Spielstätten abgehalten wird und nicht direkt Programme zum Sitzen und Zuhören bietet. Für einmal hatte ich einen Parkettplatz (kein grosses Vergnügen, akustisch ist es weiter hinten und oben halt einfach besser) – vielleicht, weil man zunächst davon ausing, dass der Balkon und die Galerien gar nicht geöffnet würden? Das wäre okay gewesen, denn es gab mehr leere Plätze als besetzte. Sehr schade, denn es gab drei Schweizer Erstaufführungen und eine Uraufführung – und es war am Ende echt umwerfend!

    So ein „Prélude“ habe ich schon länger nicht mehr erlebt – die finden meist an einem der drei Abende statt, an denen das Tonhalle-Orchester jeweils seine Programme aufführt, ich gehe meist zum letzten (Fr oder Sa) und dann gibt es da in der Regel nichts. Umso schöner also, dass ich das gestern rechtzeitig mitgekriegt habe und früh genug dort war. Das ganze dauerte eine Stunde, es gab etwas viele Worte und auch Floskeln (auch von Ruzicka und Mönkemeyer), tiefer geschürft wurde leider nicht. Aber egal, es gab v.a. die drei Stücke für Klarinette solo, die ich echt umwerfend fand. Acciarino setzte sich danach auch noch rasch hin und äusserte sich zum Stück, das er als eine Art Reise empfinde. Auch meinte er, das Material, mit dem Ruzicka arbeite, sei recht sparsam, aber es werde unglaublich vielfältig variiert. Höchste Lagen, weite Sprünge usw. – das klang sehr anspruchsvoll, und war es wohl auch. Acciarino studiert an der ZHdK, ist aber alles andere als ein Anfänger (klick). Das würde ich auch von Vilhelm Moqvist nicht behaupten, doch der ist wirklich noch sehr jung. Er spielte als Abschluss Ruzickas „Fünf Szenen für Klavier“ – leider etwas beeinträchtigt von Geräuschen von nebenan (dass der Kammermusiksaal der Tonhalle innerhalb des Gebäudes so schlecht isoliert ist, ist mir noch gar nie aufgefallen – aber neulich bei einem der Bruckner-Konzerte mit Järvi gab es auch im grossen Saal recht viel Lärm von nebenan, vermutlich von Toilettenbesucher*innen einer Veranstaltung im Kongresshaus … nicht, was man sich wünscht). Die Szenen fand ich deutlich konventioneller, aber schon auch sehr ansprechend.

    Es ging auch um Paul Celan. Mönkemeyer meinte im Gespräch, ihn habe hermetische Lyrik schon seit frühester Jugend fasziniert. Ruzicka hat sich immer wieder mit Celan befasst und diesem auch eine Oper gewidmet. Jetzt also ein Konzert für Viola und Orchester mit dem Titel „Depart“, nach der Notiz, die Celan seiner Frau auf dem Tisch hinterliess, als er am 19. April 1970 verschwand (als Todesdatum wird der 20. April 1970 geführt): „Départ Paul“. Das neue Werk hätte im Frühling 2020 uraufgeführt werden sollen, noch dann kam der Lockdown im März dazwischen. Zweieinhalb Jahre später konnte das nun am selben Ort und mit denselben Leuten nachgeholt werden. Los ging es davor aber mit „Furioso“, einer Ouvertüre von Ruzicka für seinen väterlichen Freund Rolf Liebermann (der 1947 ein „Furioso“ komponiert hatte). So furios fand ich das allerdings gar nicht, auch wenn das Tempo schon immens war (Ruzicka bezeichnet es als „Grenzfall“). Auf dem Podium sassen an den ersten Pulten bekannte Gesichter, aber im Gegensatz zu den „grossen“ Konzerten wirkten andere Musiker*innen mit bzw. rückten welche nach vorn, die sonst vielleicht nur bei richtig grossen Besetzunten am sechsten oder siebten Pult der Geigen sitzen. Doch ganz gross wurde die Besetzung erst für das letzte Stück des Abends.

    Nach der Ouvertüre gab es eine kleine Umbaupause und dann die Uraufführung des 2020 fertiggestellten Viola-Konzerts von Ruzicka, eines Auftragswerkes der Tonhalle-Gesellschaft. Ruzicka schrieb für das – leider nur online nachzulesende – Programm dazu:

    «Départ Paul» schrieb Paul Celan am 19. April 1970 in sein Notizbuch, ehe er mit dem Gang in die Seine seinem Leben ein Ende bereitete. Fünfzig Jahre später entstand mit meinem Bratschenkonzert «DEPART» eine Trauermusik zum Gedenken an diesen grossen Dichter, der wie kein anderer die Wunden des 20. Jahrhunderts zu benennen wusste. Ihm hatte ich bereits eine Reihe anderer Werke gewidmet, darunter die Oper «CELAN», die in meinem neuen Stück ein spätes Parergon erfährt. Die Solobratsche führt durch die Musik von «DEPART», die zwischen rauschhaftem Aufbegehren und verstummender musikalischer Gestalt changiert. Meine Empathie für Celan führt nicht selten zu Momenten des Aufbegehrens, des Ausbruchs – dann aber auch der epischen Zurücknahme ins Dunkle, Unbestimmte, in Stille und Auslöschung. «DEPART» wurde in den Monaten der aufkommenden Corona-Pandemie geschrieben.
    – Peter Ruzicka

    Zum Paradoxon des Aufbegehrens und des Verstummens passt das Celan-Zitat, das Mönkemeyer im Gespräch nannte: „Schwerer werden. Leichter sein.“ Das lässt sich durchaus auf die Musik anwenden, in der die Solo-Bratsche einen eher klagend-resignierenden als auftrumpfend-glänzenden Part spielte. Eine Trauerstimmung grundiert das ganze, was mit den Klangcharakteristika der Bratsche zu tun hat, aber auch mit der Instrumentierung, die mit Bassklarinette und Kontrafagott, mit Tuba und einer recht tiefenlastigen Streicherbesetzung (10-8-6-5-5) daherkam, aber eben auch mit einer Celesta und viel Schlagwerk. Im Gegensatz zum Furioso, das vor dem Verstummen noch einmal richtig auftrumpft, endet „Depart“ mit einem allmählichen Verklingen, geht quasi organisch in die Stille über – die leider sofort durch heftigen Applaus durchbrochen wurde. Dieser war mehr als verdient. Das Stück kommt quasi herbstlich, in Grau-, Grün- und Blautönen, mit dunklen Verschattungen daher – hat auch kammermusikalische Momente, Momente des Dialogs. Das gefiel mir sehr gut. Dass Mönkemeyer danach überhaupt eine Zugabe spielte, fand ich eigentlich fast ein wenig schade. „Danach kann man eigentlich nur Bach spielen“ – klar. Es gab einen Satz aus einer der Cello-Suiten, der sich für meine Ohren dann wie eine Fortsetzung der Klage aus dem Konzert davor anhörte, ein Trauergesang, ein Weinen fast.

    Der erste Konzertblock war kurz – nur 40 Minuten. Aber keineswegs leicht an Gehalt. Der zweite war das ebensowenig, dauerte aber fast doppelt so lang. Um die 20 Minuten dauert „Isis“, ein sehr eigenwilliges Stück mit Frauenchor. Dieser steigt nach dem ersten Drittel ein, singt ausschliesslich auf den Vokal „A“ und verschmilzt immer wieder mit Stimmen des Orchesters, erzeugt oft eher den Effekt einer veränderten Orchestertextur als dass er so richtig als Chor wahrgenommen würde. Dass die Sängerinnen in der Ecke neben den Hörnern und Schlagzeugern auch beim Singen sitzen blieben, passt ganz gut dazu – fand auch Lisa Weiss, die im ersten Teil des Prélude vom Stück und den Proben erzählte (am Vorabend hatten sie frei gekriegt, weil die Proben so gut gelaufen seien, dass Ruzicka die letzte Probe direkt abgesagt habe). Ich zitiere gerne noch einmal Ruzickas Beitrag zum Programm – den Vergleich mit Messiaen finde ich passend, aber dann doch irgendwie wieder nicht:

    In «Isis», jenem ebenfalls nur entworfenen und von Pascal Bentoiu nachinstrumentierten sinfonischen Gedicht für Frauenchor und Orchester aus dem Jahre 1923, sind die Vokalstimmen ähnlich Orchesterinstrumenten in das Klanggeschehen eingewoben. Die Vokalisen erscheinen wie Boten einer Himmelsmusik, die Isis, die ägyptische Zaubergöttin, anruft. Die zarte, überwiegend kammermusikalisch geprägte Partitur ist ein Stück der Farben, ganz so, wie es Olivier Messiaen einmal beschrieben hat: «Die Musik der Farben macht das, was die Glasfenster und Rosetten des Mittelalters tun: Sie beschert uns das Überwältigtsein, sie rührt gleichzeitig an unsere edelsten Sinne: das Gehör und das Gesicht. Sie erschüttert unsere Empfindungsfähigkeit, reizt unsere Einbildungskraft, lässt unsere Einsicht wachsen und bringt uns dahin, dass wir unsere Begriffe hinter uns lassen, um dort anzukommen, wo mehr als nur Vernunft und Intuition sind.»

    Erst dann, ganz zum Schluss, folgte – erstaunlicherweise – das, was sich für mich am Ende als „the main event“ entpuppten sollte: die vierte Symphonie Enescus, ein dreisätziges Ungetüm von etwa 40 oder 45 Minuten Dauer, zu dem er den ersten und den Anfang des zweiten Satzes fertiggestellt hatte, den Rest aber nur skizzenhaft hinterliess. Den Rest der Orchestrierung übernahm im Jahr 1996 dann Pascal Bentoiu (1927-2016), der auch „Isis“ orchestriert hat und der auch ein Buch über Enescu geschrieben hat. Die Mischung aus eigenwilliger Klangsprache – Enescu verwendet die byzantinischen Kirchentonleitern und mischt sie mit den bekannten Dur- und Molltonleitern – und französischem Charm (Volker Tarnow spricht im Programmtext von „Pariser Esprit“), einer Art heiterer Melancholie, die dann aber in die Trauer kippt, fand ich enorm attraktiv. Aber auch fordernd. Ein wuchtiges und dennoch irgendwie recht zartes Stück, nicht annähernd so kristallin wie „Isis“, aber gerade die Kopplung – diese fast 70 Minuten Enescu am Stück – funktionierte für mich ganz hervorragend.

    Am Ende pfiffen meine Ohren … so ist das halt mit den Plätzen im Parkett (der Platz in der 1. Reihe, den ich bei der Neuen Konzertreihe habe, ist diesbezüglich in Ordnung: klar, der Klang ist nicht ausgewogen, wenn ein ganzes Orchester spielt, aber ein Ohrenpfeifen kriege ich da nicht, der Klang zieht über meinem Kopf hindurch). Ich hatte mir gestern noch überlegt, für die zweite Konzerthälfte nach oben zu gehen, aber blieb dann doch dort, wo ich schon vor der Pause gesessen hatte (nicht eingequetscht zwischen vielen anderen in ein paar gut besetzten Reihen, wo mein Platz an sich gewesen wäre, sondern etwas weiter vorn – sich so umsetzen geht in der Tonhalle an sich selbst bei halbleeren Rängen nicht).

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    soulpope
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    @ „gypsy“ :  klingt nach einem abenteuerlichen Abend …. Anregungen für Ohren und Kopf …..

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    gypsy-tail-wind
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    Basel, Stadtcasino – 04.12.2022 – „Geschwisterliebe“

    Nelson Goerner Klavier
    Kammerorchester Basel
    Philippe Herreweghe
    Leitung

    Fanny Hensel Ouvertüre in C-Dur
    Felix Mendelssohn Bartholdy Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 in g-Moll

    Felix Mendelssohn Bartholdy Sinfonie Nr. 3 in a-Moll «Schottische»

    Vier Konzerte sind schon wieder um seit dem letzten Bericht – die Anspannung bei der Arbeit ist für den Moment mal vorbei, die letzten paar Wochen werden wieder etwas ruhiger, und darum bin ich froh. Noch froher bin ich allerdings darüber, dass ich – wenn halbwegs ausgeruht – meine Aufmerksamkeit bei Konzerten wieder einigermassen intakt ist, schon seit ein paar Wochen vor dem Konzert in Basel, dem dritten aus der Abo-Reihe (Nr. 2 mit Levit habe ich wegen meiner Covid-Erkrankung leider verpasst). Da am ersten Sonntag des Monats im Kunstmuseum Basel freier Eintritt ist, habe ich es sogar zum ersten Mal wieder gewagt, vor dem Konzert noch eine gute Stunde durch eine Ausstellung zu wandeln: „Fun Feminism“ im Museum für Gegenwartskunst (das Haus gehört zum Kunstmuseum Basel, verfügt aber über eigene, sehr tolle Räume in einem umgebauten bzw. mehreren umgebauten und zusammengehängten Gebäuden direkt am Rhein). Das tat richtig gut – auch wenn mir klar ist, dass es noch weitere Zeit brauchen wird, bis ich mich vielleicht einst wieder „normal“ fühlen werde. Aber gut: zur Musik!

    Die war bezaubernd! Die Ouvertüre von Fanny Hensel kannte ich nicht, ein wunderbarer Einstieg in das Konzert, ein Stück voller Einfälle und überraschender Wendungen, wunderbar instrumentiert obendrein, das den Vergleich mit dem ungleich berühmteren Bruder wirklich nicht zu scheuen braucht. Verena Naegele schreibt im Programmheft etwas ungelenk aber treffend: „Als Zuhörende bleibt Staunen und Trauer zugleich zurück: Hier die Prägnanz dieser Musik, zu der Fanny dank ihrer Studien bei Zelter fähig war, da die Gewissheit, was sie bei weiterer Förderung noch ähtte komponieren können.“. Das Konzert angesichts der zehn Minuten von Fanny aber mit „Geschwisterliebe“ zu überschreiben, war natürlich ein Marketing-Stunt – das können die Basler, mir gefällt da auch die Programmgestaltung, die Kombination von Werken, von Dirigenten, Solist*innen. Ich sehe ihnen sowas also gerne nach, aber etwas billig finde ich es dennoch.

    Die beiden folgenden gewichtigeren Werke von Felix Mendelssohn waren dann ebenfalls hervorragend. Herreweghe hatte im Gespräch zur Konzerteinführung unter anderem von seiner Zeit in Paris berichtet, als er viel Musik des französischen Barock dirigierte. Der Meister darin, so sagte er freimütig, sei William Christie. Ihm gefalle dieses Repertoire nicht so sehr, er mache es auch seit dem Weggang aus Paris nicht mehr – aber er hätte dennoch sehr viel gelernt, was ihm zum Beispiel bei Bruckner geholfen habe: die Bedeutung der Präzision, der Phrasierung nämlich. Beim französischen Repertoire müsse sich die Musik unglaublich präzise an die Partitur halten, damit sich alles gut zu den ebenso präzise durchzuführenden (einst) zugehörigen Tänze füge. Zu Bruckner schob er dann etwas kokett nach: er habe ja vieles gelernt – aber nie dirigieren. Dass er überhaupt Bruckner machen dürfe – man ihn das machen lasse – sei schon irre.

    Dieses tänzerische Element, ein Spiel von grosser Beweglichkeit und zugleich von höchster Präzision, führte zu einem für meine Ohren höchst lebendigen Mendelssohn, „bubby“ kam mir das vor, auch das Spiel von Nelson Goerner im Klavierkonzert: virtuos, tänzelnd, lebendig, immer bereit für einen Hüpfer, eine rasche Drehung – etwas nervös wirkte das, manchmal etwas Detailverliebt vielleicht, aber der Blick fürs Ganze ging darob nie vergessen. Ähnlich nach der Pause in der Schottischen – eine wunderbare Aufführung dieser Symphonie, die ich schon lange ins Herz geschlossen habe (zusammen mit der Italienischen, mit den drei anderen tue ich mich noch schwer). Das war ein wunderbares Konzert – und ich hoffe sehr, dass ich die Fortsetzung (eine Symphonie mit Herreweghe pro Saison, inklusive anschliessender Aufnahmen – ich hoffe, die Klavierkonzerte und weitere Konzertprogramm-Beigan kommen auch mit auf die CDs!) mitkriegen werde und vielleicht allmählich auch Zugang zu den drei anderen Symphonien finde. (Die Nr. 5 hörte ich in dem für meine Ohren leider nicht geglückten Mendelssohn-Programm des Freiburger Barockorchester mit Isabelle Faust unter Pablo Heras-Casado).

    Was mich gerade etwas irritiert: für Januar ist vom Tonhalle-Orchester Bruckner Nr. 7 angekündigt (ich war am Donnerstag etwas zu früh beim Vertrieb, um die für den Tag erwartete Ankunft noch mitzukriegen und der erste Käufer zu werden) – das Mendelssohn-Projekt steht hier aber immer noch in der Liste:
    https://www.tonhalle-orchester.ch/media/aufnahmeprojekte/
    Von den Konzerten habe ich leider keines gehört, aber kaufen und daheim anhören würde ich das schon!

    (Foto: Blick ins Stadtcasino kurz vor Beginn der Konzerteinführungg)

    Zürich, Tonhalle – 07.12.2022 & 09.12.2022

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Herbert Blomstedt
    Leitung

    Franz Schubert Sinfonie Nr. 4 c-Moll D 417 «Tragische»

    Franz Berwald Sinfonie Nr. 2 D-Dur «Capricieuse»

    Weil meine Eltern am Freitag ihre goldene Hochzeit feierten und uns zum Essen einladen wollten, hatte ich vor einigen Wochen auch noch eine Karte für die erste Aufführung des jüngsten Programmes mit Herbert Blomstedt gekauft. Die übliche Firmenesserei in der Adventszeit verdrängte das Essen aber auf Samstag und so hatte ich – zum Glück! – gleich zweimal die Gelegenheit, zum ersten Mal bewusst etwas von Franz Berwald zu hören. Für den ersten Abend hatte ich zur Abwechslung (bei einem Konzert ohne Solist*in spielt das ja keine Rolle) mal einen Platz auf der rechten statt wie üblich der linken Galerie. Beide Konzerte waren leider recht schlecht besucht, besonders am Freitag fiel mir auf, dass sehr viele verkaufte Plätze leer blieben; erkrankt, verstorben – keine Ahnung, zelebrieren wir unsere „Normalität“. Mich stimmt das sehr nachdenklich.

    Die „Tragische“ von Schubert habe ich vor ein paar Jahren schon in Basel gehört, damals mit Holliger am Pult des Kammerorchester (dessen letztes Langzeitprojekt das war: die Schubert-Symphonien mit Holliger, inzwischen komplett bei Sony greifbar und sehr empfehlenswert). Ich erinnere mich da allerdings lebendiger an die Sechste und den Auftritt von Patricia Kopatchinskaja mit einem Konzert von Sofia Gubaidulina – und an die Kälte in der Kirche, in der die Konzerte während des Stadtcasino-Umbaus abgehalten wurden. In der Tonhalle klang Schubert sehr anders, eben nicht in kleiner Kammermusik-Besetzung (dennoch waren einige der später bei Berwald besetzten Stühle leer, v.a. weniger Streicher in allen fünf Stimmen). Die „Tragik“, die Schwere des Werkes, kam dabei deutlicher zum Vorschein. Das war eine stringente, in sich stimmige, überzeugend musizierte Sichtweise – aber ich glaube nicht eine, die ich als meine bevorzugte sehe.

    Faszinierend war dann aber Berwald nach der Pause – neben Blomstedt selbst der Grund, weshalb ich das Konzert hören wollte. Seine vier Symphonien schrieb der Altersgenosse Schuberts – Berwald lebte von 1796–1868 – in drei Jahren, 1842–45. Alle tragen sie Titel, die „Kapriziöse“ folgte auf die „Seriöse“, blieb leider unaufgeführt im Schreibtisch des Komponisten liegen – und die Originalpartitur ging irgendwann verloren. „Erhalten hat sich nur die 1842 entstandene Verlaufsskizze des Werks, nach der sich eine Aufführungspartitur rekonstruieren liess. Dieser verdienstvollen Arbeit unterzog sie der Stockholmer Konservatoriumsprofessor Ernst Ellberg, dessen Fassung 1914 in Stockholm zur Uraufführung gelangte. Auf dieser Grundlage hat 1971 Nils Castegren seine Edition im Rahmen der Berwald-Gesamtausgabe erarbeitet; diese Version gilt heute als diejenige, die dem verschollenen Original wohl am nächsten kommt“ (Hans-Joachim Hinrichsen im Programmheft). Für mich war diese Symphonie – die in drei Sätzen ohne ein Scherzo daherkommt – eine echte Entdeckung. Und es war klasse, dass ich sie am Freitag – dann auch richtig ausgeschlafen – gleich noch einmal hören konnte. Einige Motive hatten sich da schon im Gedächtnis festgehakt. Wie Berwald mit Themen und eben auch kleinen Motiv-Kürzeln umspringt, fand ich sehr faszinierend zu hören, das wirkt viel weniger gradlinig, als man es sich sonst mit Symphonien aus der Zeit gewohnt ist (manche sagen dazu „moderner“), sehr lebendig, sehr bewegt, und ja, wie Hinrichsen schreibt, da gewisse Motive immer wieder – auch unerwartet – zum Einsatzkommen, hat das Werk etwas „Kaleidoskopartiges“.

    Wie ich im Hörfanden schon geschrieben habe, muss ich wohl Aufnahmen der vier Symphonien besorgen. Die Decca-CD von Blomstedt selbst mit Nr. 1 und Nr. 4 ist derzeit nicht greifbar, aber es gibt bei BIS eine Doppel-CD mit Sixten Ehrling von allen Vieren, die bestelle ich dann wohl die nächsten Tage mal beim Vertrieb (wo ich am Donnertag passenderweise zwei Stenhammar-CDs abholte, die eine mit Neeme, die andere mit Paavo Järvi).

    Blomstedt im Gespräch mit Ulrike Thieke von der Tonhalle (für das Tonhalle-Magazin, Herbst 2022):

    Diese Neugierde erkennt man auch in Ihren Programmen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich, mit dem Sie seit vierzig Jahren verbunden sind. Bei Ihrem Zürcher Debüt im März 1982 dirigierten Sie ein reines Beethoven-Programm, kurz darauf schon ein Werk von John Adams. Im Dezember werden Sie die Sinfonie Nr. 2 von Franz Berwald leiten. Wählen Sie heute Ihre Programme anders aus als in früheren Tagen?

    Ja und nein. Wenn man Chef von einem Orchester ist, hat man auch eine besondere Verantwortung. Man muss das Repertoire planen, damit sich das Alte nicht immer wiederholt. Und wenn man Neuigkeiten wählt, muss man beachten, dass es nicht nur um die Neuigkeit geht, sondern auch Qualität bringt. Ausserdem ist man ein Repräsentant für das lokale Musikleben. Und das Publikum soll sich auch entwickeln können. Als Chef hat man viele Aufgaben. Wenn man hingegen als Gast nur ein Konzert macht, hat man ganz andere Möglichkeiten und weniger Zwänge. Man kann den eigenen Wünschen etwas mehr nachgehen. Und manchmal tut es mir leid, dass das Publikum das noch nicht kennt, was ich entdeckt habe. Das möchte man weitergeben. Es steckt also ein bisschen Missionar in jeder/m Musiker*in.

    Welche Rolle spielt das Publikum bei Ihrer Auswahl?

    Das Publikum ist in jeder Stadt ein bisschen anders, und das ist gut so. Auch wenn man älter wird, darf man nicht einfach nur auf ein paar wenige Schlachtrösser zurückgreifen, nur weil man glaubt, man hat damit mehr Erfolg. Das ist primitiv, eigentlich abscheulich. Dieser Gesichtspunkt «Habe ich damit Erfolg?» ist mir nie eingefallen. Ich bin überzeugt von einem Stück, und das Publikum soll das dann entdecken. Aber dem Publikumsgeschmack nachzugeben, das habe ich nie gemacht. Das hängt vielleicht mit meiner Erziehung zusammen. Das Populäre war mir immer verdächtig. Das Eingängigste, was am leichtesten zu verdauen ist, bei dem man sich nicht anstrengen muss, ist nie das Beste.

    Fotos: Schlussapplaus in der Tonhalle am Mittwoch 7.12. (oben) bzw. 9.12. (unten)

    Zürich, Kleine Tonhalle – 08.12.20222 – Kammermusik-Lunchkonzert

    Isabelle Weilbach-Lambelet Violine
    Katja Fuchs Viola
    Anita Leuzinger Violoncello
    Frank Sanderell Kontrabass
    Anton Kernjak Klavier

    Toshio Hosokawa «The Water of Lethe», Klavierquartett
    Franz Schubert Klavierquintett A-Dur D 667 «Forellenquintett»

    Bei so einem Lunchkonzert im Winter (es gibt sie das ganze Jahr über, so alle zwei Monate wohl) war ich schon einmal – damals gab es Schulhoff und Dvorák und ich habe etwas über das Format und das Publikum gespottet (klick). Musikalisch gesehen war das Konzert dieses Mal einheitlicher, das Gebotene überaus ansprechend. Beim Schubert fiel mir die leicht schleppende Phrasierung von Kernjak immer wieder auf – diese rollenden Phrasen, die quasi die Streicher in Schwung bringen, mit höchst spannenden kleinen rhythmischen Akzentverschiebungen.

    Aber hin bin ich natürlich nicht wegen des Forellenquintetts, das ich nicht sonderlich mag, sondern wegen des ersten Stückes von Toshio Hosokawa, „The Water of Lethe“ (2015/16 komponiert), in klassischer Klavierquartett-Besetzung ohne Kontrabass. Eine Inspiration, so Ulrike Thieke im Programm, seien Verse des Dichters Walter Savage Landor (1775-1864) gewesen: „On love, on grief, on every human thing, Time sprinkles Lethe’s water with his wing.“ (ich nehme an, vor „Time“ gehört ein Zeilenumbrich, den ich eher mit einem „/“ als mit einem Komma markieren würde, aber ich zitiere ja das Programmheft). Um die Verbundenheit von Kunst und Natur – ein wiederkehrendes Muster, wenn ich an die ersten Begegnungen im Konzert mit Emmanuel Pahud und im Gesprächskonzert im Museum Rietberg zurückdenke – geht es Hosokawa dabei: „Ich wollte eine Musik ohne Anfang und ohne Ende schreiben, die an einen ruhig dahinfliessenden Strom erinnert“ – wieder aus dem Programmheft. Eine nur ruhige Musik wurde daraus allerdings nicht, sehr kraftvoll wird das Stück im Lauf der Zeit, Wirbel, Klangstrudel, Klavierschläge und harte Griffe, die die Materialität, die Körperlichkeit der Streichinstrumente hervorstechen lassen. Ich habe schon nach den ersten Begegnungen mit Hosokawa zum Saisonauftakt mal geguckt, was es so an Aufnahmen gibt, aber die schiere Menge hielt mich bisher noch davon ab, genauer nachzuforschen und mich mal für ein paar CDs zu entscheiden.

    Die nächsten Termine – der zweite ein typisches Adventsprogramm (ausverkauft – und das bringt mich noch auf einen interessanten Punkt: die Basler*innen haben eine enorm höhere Hust-Neurosenquote als die Zürcher*innen, echt krass!):

    17.12. András Schiff und seine Cappella Andrea Barca mit einem Bach-Clavierkonzerte-Marathon (BWV 1052-1056 & 1058)
    20.12. Kammerorchester Basel und Zürcher Sing-Akademie unter René Jacobs mit Bach (BWV 147 und 243) und D. Scarlatti (Salve regina)

    Ein Foto habe ich nicht gemacht in der kleinen Tonhalle – aber hier Zürich vor ein paar Tagen, an einem grauen Nachmittag:

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    yaiza

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    gypsy-tail-windZürich, Tonhalle – 02.12.2022 Tonhalle-Orchester Zürich Peter Ruzicka Leitung Nils Mönkemeyer Viola Damen der Zürcher Sing-Akademie Chor Florian Helgath Einstudierung Peter Ruzicka (*1948) «FURIOSO» für Orchester – Schweizer Erstaufführung «DEPART», Konzert für Viola und Orchester – Uraufführung — George Enescu (1881-1955) «Isis», Sinfonisches Adagio für Frauenchor und Orchester (Orchestrierung Pascal Bentoiu) – Schweizer Erstaufführung Sinfonie Nr. 4 e-Moll (Vervollständigung Pascal Bentoiu) – Schweizer Erstaufführung

    vielen Dank für diesen Bericht. Klingt großartig, auch der Teil zum Bratschenkonzert.

    Bei den Enescu-Sinfonien 4 & 5 bin ich noch nicht weit. Die Ruzicka-CDs (mit NDR Radiophilh. u. DRP) hatte ich mir mal via jpc geholt und wollte mich dann mal ausführlicher mit ihnen und vor allem auch nochmal 1-3 beschäftigen. Ist aber bisher noch nicht geschehen. Nach Deinem Bericht bin ich da auf jeden Fall gespannt und werde sie mal herauslegen. Mal schauen, die Chancen auf eine ruhigere Zeit im Jahreswechsel stehen gut.

    Ansonsten freut es mich, dass es bzgl. „Munterkeit“ wieder bei Dir aufwärts geht. Mich hat’s noch nicht erwischt, aber ich weiß, dass ich demnächst auch mal dran bin… das Virus ist jetzt voll in meine Familie geplatzt — leider hat’s erstmal die ältere Riege getroffen, die sich bei Treffen untereinander ansteckten. Der Verlauf war sehr unterschiedlich.

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    #11944507  | PERMALINK

    yaiza

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    Ebenfalls Dank für die anderen Berichte @gypsy-tail-wind sowie Ausschnitte von Interviews mit Herbert Blomstedt. Im Radio verfolgte ich ebenfalls Programme (z.B.  mit dem „doppelten Franz“ aus Kopenhagen – Schubert 6 + Berwald 2, Dlf Kultur 17.11.22 Danmarks Radio). Berwald 1 hatte er mit Schuberts „großer C-Dur“ im letzten Jahr gekoppelt.

    Bzgl. Blomstedt Gespräche
    Ich kann das Buch „Mission Musik“ empfehlen. Das sind von Julia Spinola aufgezeichnete Gespräche. Dieses Buch sieht so handlich aus, aber da steckt ganz viel drin. Für mich hier interessant. Es gibt einiges zu seiner Ausbildung zu lesen, er beschreibt auch, wie er sich von Orchester zu Orchester weiterentwickelte. Blomstedt geht kurz auf Dirigiertechniken ein oder schildert Episoden rund um das Durchsetzen der antiphonischen Aufstellung. Das werde ich demnächst nochmal nachlesen… da hier kürzlich Tschaikowski 6 erwähnt wurde, erinnerte ich mich daran (er nimmt diese Sinf. als Bsp.) Zu Sibelius und Finnland, die Familie zog 1932 dahin, steckt auch einiges drin. Ein wirklich langes Leben…

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    #11944529  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Antiphonisch meint die alte deutsche Aufstellung mit 1. Violine links und 2. rechts? Das hält Järvi glücklicherweise meist auch so, das Tonhalle-Orchester hat sich wohl ganz gut dran gewöhnt (bei Ruzicka sassen rechts dann wieder – wie bei Järvis Vorgänger und den meisten Gastdirigenten – die Celli). Ich finde das einen echten Gewinn!

    Das Buch merke ich mir mal – danke für den Hinweis! Wenn Du magst, das Interview mit Blomstedt gibt’s im Moment noch online (ich glaub so Zeug verschwindet spätestens nach Saisonende komplett von der Website der Tonhalle, da kann man auch keine vergangenen Konzerte mehr finden, nur jeweils die aus der laufenden Saison – das hier ist eine Ausnahme, denn im Juni war er ja schon hier (Bruckner 5, damals stehend und ohne Partitur) und das Gesrpräch wurde quasi wiederverwertet:
    https://www.tonhalle-orchester.ch/en/news/herbert-blomstedt-ich-werde-davon-nie-muede/

    Hier gibt es auch eine Tonaufzeichnung (bin nicht sicher, ob das exakt dasselbe ist), auch zum Konzert von Juni – er spricht ja sehr gut Deutsch (und hat in Luzern eine Zweitwohnung, das war mir bis dahin auch nicht klar):
    https://www.tonhalle-orchester.ch/konzerte/kalender/herbert-blomstedt-dirigiert-bruckner-1438316/

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    gypsy-tail-wind
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    Zürich, Tonhalle – 17.12.2022 – Neue Konzertreihe Zürich

    Cappella Andrea Barca
    András Schiff
    Leitung, Klavier

    Johann Sebastian Bach
    Klavierkonzert D-Dur BWV 1054
    Klavierkonzert f-Moll BWV 1056
    Klavierkonzert g-Moll BWV 1058
    Klavierkonzert E-Dur BWV 1053

    Klavierkonzert A-Dur BWV 1055
    Klavierkonzert d-Moll BWV 1052

    Encore:
    Klavierkonzert D-Dur BWV 1056 (II und III)
    Capriccio sopra la lontananza de il fratro dilettissimo

    Ich hab’s drüben schon erwähnt: der gestrige Abend mit András Schiff und seiner Cappella Andrea Barca war grossartig! Zumindest was Konzerte anbelangt, werde ich allmählich zum Schiff-Fan (und dass ich vor einigen Monaten mal eine Charakterisierung las, in der er mit Buster Keaton verglichen wurde – und mir das einleuchtete – half auf jeden Fall auch). Es gab sechs der Klavierkonzerte von Bach – es fehlte BWV 1055, was ein Arrangement eines der Brandenburgischen Konzerte ist. Angeordnet waren sie in einer höchst stimmigen Abfolge.

    Schiff spielte einen privaten Steinway, der etwas schräg stand, so dass die zweiten Violinen etwas weiter gegen die Mitte rücken, die Bratschen hingegen ein wenig ins Hintertreffen gerieten. Direkt neben Schiff sass Christoph Richter, der Stimmführer der Celli, der die paar Solo-Stellen spielte und – die Werke stehen ja an einem Übergang, sind quasi Neusetzungen mit Wurzeln – auch die wichtige Continuo-Stimme. Die Zwei Kontrabässe standen – wie die Violinen natürlich – auch in Stereo, der eine aussen links hinter den Celli, der andere aussen rechts hinter den Bratschen. Durch die manchmal kleine Besetzung – immer mal wieder spielten nur Konzertmeister Erich Höbarth und die drei Stimmführenden der anderen Register (Ulrike-Anima Mathé bei den zweiten Violinen, Hariolf Schlichtig bei den Bratschen und eben Richter) – ergaben sich auch wunderbar intime Momente. Höbarth sass in Schiffs Rücken, aber das Ensemble spielte überhaupt ohne grosse Blickkontakte. Schiff gab manchmal ein paar Einsätze, doch die meiste Zeit lief das munter dahin, ohne ersichtliche Kommunikation: man kennt sich so gut, dass keine Worte und auch keine Gesten nötig sind.

    Der erste betörende Moment war der langsame Satz von BWV 1054 (nach dem zweiten Violinkonzert BWV 1042, wo der Mittelsatz mich ebenfalls stets sehr berührt). In BWV 1056 (vermutlich auf ein verschollenes Violinkonzert zurückgehend) gibt es im zweiten Satz lange Streicher-Pizzicati, während das Klavier die Melodie praktisch alleine trägt – da gab es dann die eine oder andere kaum vermeidbare kleine Unsauberkeit (Besetzung: 6-6-4-3-2), aber auch das war wunderbar. Ein sehr kompaktes Stück, in dem die Ecksätze ein zusammengehörendes Ganzes bilden. Noch schöner fand ich dann BWV 1058 (davon gibt es wiederum auch eine Version für Violine), wieder mit einem betörenden Mittelsatz. BWV 1053 scheint auf ein Oboenkonzert zurückzugehen, doch entnommen hat Bach alle drei Sätze anderen überlieferten Stücken (den Kantaten BWV 169 und BWV 49, in denen eine Orgel mit reichhaltigen solistischen Passagen zum Einsatz kommt). Nach der Pause folgten BWV 1055 (vermutlich zuerst für Oboe d’amore bestimmt) und BWV 1052, das längste der sechs (der Kopfsatz stammt aus der Kantate BWV 1052, der Schlusssatz aus BWV 188). Das war dann wirklich ein glanzvoller Schlusspunkt eines umwerfenden Konzerts, in dem es fabelhaftes, mit rundum überzeugendes Klavierspiel zu hören gab – allein das eine Premiere in Sachen Schiff und ich. Und das Zusammenspielt mit dem Ensemble, das Ausschöpfen der Dynamik, das gemeinsame Atmen, und dabei alles ohne grosse Gesten, völlig unprätentiös – das war wirklich ein Erlebnis! Schiff nutzte fast nur in den kantilenenartigen Passagen der langsamen Sätze die Pedale, glänzte immer wieder mit einem perfekt aufgereihten jeu perlé, spielte noch die kleinsten Ausschmückungen mit Präzision und einer Prägnanz, die nichts zu wünschen übrig liess – selbst die zartesten Pianissimo-Passagen waren stets klar ausgestaltet, und dasselbe gilt für das Orchester.

    Als erste Zugabe – der Applaus war schon vor der Pause sehr gross – gaben alle zusammen die zwei letzten Sätze von BWV 1056, also das Pizzicato-Largo und das attaca folgende Presto. Das reichte noch nicht – und Schiff setzte sich noch einmal hin, spielte jetzt allein ein ganz wundersames Stück, das ich zwar (in Cembalo-Einspielungen) auf jeden Fall schon gehört, aber noch nicht so wahrgenommen habe wie gestern: das Capriccio „über die Abreise des sehr geschätzten Bruders“ (er sagte es freundlicherweise an), das in sechs Sätzen einen irren Ideenreichtum bietet und über zehn Minuten dauert. Nach knapp zweieinhalb Stunden war dann Schluss … und ich stolperte glücklich in die Nacht hinaus.

    Fotos mochte ich gestern keine machen, das war irgendwie zu eng, zu nah dran war ich mit meinem für solche Aufführungen perfekten Platz in der vordersten Reihe … daher oben ein Schnappschuss, den ich gestern in der Früh an der Limmat machte.

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