Konzertimpressionen und -rezensionen

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  • #10579363  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out So Much"

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    vorgarten

    letzteres würde ich bezweifeln, aber trotz kleiner preise, dem besuch eines star-ensembles und einem noch recht neuen konzertsaal von frank gehry war auch dieses konzert nicht bis auf den letzten platz gefüllt – und das publikum sah jetzt auch nicht anders aus als bei beethovensonaten oder schubertliederabenden. aber: das war ein wahnsinnig tolles konzert (alban berg: vier stücke für klarinette und klavier op. 5 | gérard grisey: vortex temporum für klavier und fünf instrumente | pierre boulez: le marteau sans maître für altstimme und sechs instrumente). nach den berg-stücken war das gehör geschärft, die huster und raschler konnten sich schon mal bemerkbar machen (dann gibt es ja noch die, denen ständig das programm aus den händen fällt), und es gab zwei kammermusikalische schwergewichtswerke, die zwei unterschiedliche wege von messiaen aus gingen und wiederum vierzig jahre auseinander liegen. für mich war es eine sehr persönliche angelegenheit, vortex temporum wiederzuhören, nachdem ich vor 22 jahren (mit 22 jahren!) bei der uraufführung in witten war. damals hat mich diese musik völlig unvorbereitet getroffen und tief bewegt (sie soll ja auch verschiedene schwindelgefühle erzeugen), und es war sofort klar, dass hier ein neuer musikgeschichtlicher akzent gesetzt war (es gab sogar – in witten völlig unüblich – buh-rufe) – umso verrückter, das stück jetzt zwischen berg und boulez eingeklammert zu sehen, als teil des großen kanons – es gibt ja auch schon eine choreografie von ana teresa de kaersmakers dazu, wahrscheinlich taucht es bald in filmen auf. die aufnahme aus witten (ensemble recherche unter kwame ryan) gibt es auf cd, ich kenne sie in- und auswendig. aber es war wirklich toll, was wiederum pintscher daraus gemacht hat. fast mit spätromantischem gestus (oder man hatte den berg noch im ohr), aber mit genauem gespür für die klangfarben und verschmelzenden resonanzen – das maschinell rhythmische ging dabei ein bisschen verloren. und dann gibt es ja noch dieses unglaubliche klaviersolo – ich saß genau drüber und sah dimitri vassilakis völlig begeistert bei der arbeit zu. als er hinterher von pintscher abgeknutscht wurde, zuckte er nur verlegen mit den schultern. was für ein toller pianist. boulez‘ meister ohne hammer danach kam mit ähnlich spannenden klangverschmelzungen aus disparatesten quellen aus der pause, blieb aber rhythmisch so abstrakt, dass es nach grisey fast banal wirkte. trotzdem toll, wie die stimme eingesetzt wird (ich kannte das stück auch schon recht gut vorher). auf jeden fall ein toller kontrast und eine spannende aufgabe für’s gehör. falls jemandes interesse geweckt wurde: deutschlandfunk kultur hat das konzert aufgenommen und strahlt es am übermorgen um kurz nach acht aus (kann man auch problemlos aufnehmen) – https://www.deutschlandfunkkultur.de/programmvorschau.282.de.html?drbm:date=13.09.2018vorgarten

    Liest sich sehr spannend …. werde ergo via Deutschlandfunk nachhören ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
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    #10579375  | PERMALINK

    vorgarten

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    soulpopeLiest sich sehr spannend …. werde ergo via Deutschlandfunk nachhören ….

    bin sehr gespannt, was du davon hältst. die aufnahme des uraufführungsensembles (ist keine live-aufnahme, sondern kurz vorher/danach in freiburg im studio eingespielt worden, also leider ohne huster und raschler meinerseits) findest du hier.

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    #10579379  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out So Much"

    Registriert seit: 02.12.2013

    Beiträge: 18,877

    vorgarten

    soulpopeLiest sich sehr spannend …. werde ergo via Deutschlandfunk nachhören ….

    bin sehr gespannt, was du davon hältst. die aufnahme des uraufführungsensembles (ist keine live-aufnahme, sondern kurz vorher/danach in freiburg im studio eingespielt worden, also leider ohne huster und raschler meinerseits) findest du hier.

    Danke – werde mir das kaufen (allerdings erst ca. in einem Monat, wenn ich wieder aus dem Gartenhaus in meine Wohung mit Postadresse zurückgekehrt bin) ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #10580814  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    @vorgarten Das liest sich tatsächlich super … ich hätte gerne öfter die Gelegenheit, Musik des 20. Jahrhunderts (äh, nicht Mahler, Ravel, Debussy, Prokofiev und Schostakowitsch – aber die alle auch gerne häufiger) im Konzert zu hören … der Tag in Luzern mit Stockhausen sowie Nono und Messiaen war ja wirklich toll, auch das gelegentliche zeitgenössische Programm oder die gelegentliche aktuelle Oper („Lunea“ von Holliger hat sich auf ewig eingebrannt, ich hoffe Kurtágs „Fin de partie“ im November wird ähnlich eindrücklich).

    Die NZZ hat inzwischen auch noch was über das Stockhausen-Wochenende geschrieben – der verhaltene Einstieg in „Gruppen“ fiel mir auch auf, fand ich aber eigentlich ganz passend, denn das Ding entwickelt einen solchen Sog, eine solche Wucht und Vielfalt, dass ein etwas fahler Einstieg ganz gut passt (aber der für Pintscher eingesprungene Jaehyuck Choi war von den drei Dirigenten eindeutig der uncharismatischste, wobei Rattle auf mich auch nicht gerade charismatisch wirkt, Duncan Ward hatte die beste Ausstrahlung, was das betraf, aber Rattle war Zentrum und Angelpunkt und wohl Seele der Aufführung):
    https://www.nzz.ch/feuilleton/was-ist-ein-ton-das-lucerne-festival-stellt-grundfragen-ld.1419523

    Hier gibt es zahlreiche Konzertberichte zu Berlin und auch ein paar zu Luzern (teils wurde natürlich an beiden Orten dasselbe aufgeführt, auch das Programm mit den Berlinern unter Petrenko, das ich hörte, gab es davor natürlich anderswo – u.a. in Berlin selbst – schon), aber leider nicht zu den Konzerten, die vorgarten oder ich besucht haben:
    http://seenandheard-international.com/category/concert-reviews/international-concerts/

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #76: Leonard Bernstein & Jazz, 25.10, 20:00; #77: Hommage an Randy Weston, 1.11., 21:00-23:00 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #9: Leonard Bernstein, 20th Century Renaissance Man, 20.10., 22:30 | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
    #10582002  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Registriert seit: 25.01.2010

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    gypsy-tail-wind

    … Sehen konnte ich allerdings nicht viel, auch nicht gegen Ende, als Scimone wohl umkippte, die Leute sich erhoben, ein paar nach vorne rannten – Chor und Orchester brachten die letzten Takte aber zu Ende, alles setzte sich wieder … und danach gab es zwei Zugaben, die der Maestro (*1934) dann aber sitzend dirigierte. Einen Besetzungswechsel gab es auch noch, wenn ich die Ansage, die Scimone zu Beginn ohne Mikrophon und ins unruhige Publikum hinein machte: der Tenor war nicht wie angekündigt Aldo Caputo sondern ein anderer Sänger (Marco irgendwas?) – ich konnte leider im Netz nirgendwo etwas über das Konzert finden, bloss diverse Vorankündigungen.

    Claudio Scimone ist vor über einer Woche, am 6. September, im Alter von 84 Jahren gestorben.

    http://www.repubblica.it/spettacoli/musica/2018/09/06/news/addio_a_claudio_scimone_direttore_e_fondatore_dei_solisti_veneti-205732461/

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #76: Leonard Bernstein & Jazz, 25.10, 20:00; #77: Hommage an Randy Weston, 1.11., 21:00-23:00 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #9: Leonard Bernstein, 20th Century Renaissance Man, 20.10., 22:30 | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
    #10584385  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Kammermusik-Soiree mit Jordi Savall und Le Concert des Nations
    Zürich, Tonhalle-Maag – 16.09.2018

    Le Concert des Nations
    Marc Hantaï
    Flöte
    Manfredo Kraemer Violine
    David Plantier Violine
    Balázs Máté Violoncello
    Xavier Puertas Violone
    Pierre Hantaï Cembalo
    Jordi Savall Leitung, Alt- und Bassgambe

    Johann Sebastian Bach „Musikalisches Opfer“ BWV 1079

    Ein seltsames Ding, diese musicalische Opfergabe an einen vierleseits verklärten, flötespielenden (echt jetzt?) König … so richtig warm werde ich damit auch nach dem feinen Konzert gestern nicht. Es war aber enorm lehrreich, das Ding mal im Konzert zu erleben, denn das machte den Effekt des Zusammensetztens, das Wechselspiel der Stimmen, das gegenseitige Zuhören und Antworten, das Schichten der Elemente, der Fugen, sehr handgreiflich.

    Los ging es damit, dass Marc Hantaï nach vorne trat und das kurze „Thema regium“ spielte von dem Schönberg glaubte, es könne eigentlich nur von Carl Philipp Emmanuel Bach stammen. Anlass für das ganze Werk war, dass der „alte Bach“ drei Jahre vor seinem Tod den Besuch bei Friedrich II. nicht mehr zurückweisen konnte – sein Sohn Carl Philipp Emmanuel Bach, einer der eminenten Vertreter der neuen „galanten Stils“, war an dessen Hof tätig. Bach senior mit seinem religiösen Verständnis von Musik stammte aus einer vergangenen Epoche und die Begegnung mit Friedrich II. kann wohl ebenso wie jene mit CPE als die eines Generationenkonflikts gelesen werden. Die Geschichte dazu, inklusive der Ansicht Schönbergs, ist bekannt (Quelle des folgenden Zitats):

    What happened the evening they met is, thanks to contemporary reports, fairly clear. Frederick gave Bach a complex theme of 21 notes and asked him to use it as the basis of an extemporaneous three-part fugue. It was a fiendishly difficult subject for development in counterpoint – so difficult, in fact, that Arnold Schoenberg, the greatest practitioner of counterpoint in the 20th century, wrote an article in 1950 that set forth the theory that the „Royal Theme“ could only have been devised by Bach’s son CPE, the only musician present with enough understanding of counterpoint to trump his father’s.

    Dann präsentierte Pierre Hantaï am Cembalo das dreistimmig Ricercar, das angeblich eine Art Notation aus dem Gedächtnis der Improvisation ist, die Bach vor dem König spielte. Dessen Aufforderung, danach eine sechsstimmige Fuge zu improvisieren, schlug Bach dann aus – und machte sich an die Komposition des ganzen Werkes, das gespickt ist mit Seitenhieben gegen den König und die von ihm verkörperte Ablehnung organisierter Religion (wofür Bach ja während der längsten Zeit seiner Karriere stand) und der entsprechenden musikalischen Dogmen, Regelungen, Werkzeugen. Wie Bach in die Werkzeugkiste greift, wird im zitierten und verlinkten Artikel weiter vertieft.

    Im Konzert entfaltet sich das Werk allmählich, nimmt immer neue Formen an, das königliche Thema blitzt immer wieder auf. Die beiden Violinen, die Gambe, das Barockcello kommen solistisch zum Zug. In der Mitte stand die Triosonate für Flöte, Violine und Basso continuo. Geschrieben wurde sie wohl mit Gedanken, dass König sie selbst spielen würde – allerdings wählte Bach die Form eine „sonata da chiesa“, die wiederum von der neuen Generation als hoffnungslos antiquiert betrachtet wurde. Im gestrigen Konzert war das der Moment, an dem am ehesten die Grenze deutlich wurde, die der heutige Konzertbetrieb einem Ensemble mit alten Instrumenten aufzeigt: die Austarierung stimmte nicht, die Flöte war zu leise. Und das im transparenten Saal der Tonhalle-Maag. Im grossen Tonhalle-Saal wäre das Konzert sowieso ein klangliches Debakel gewesen, ob der kleine Saal der Tonhalle besser gewesen wäre, wage ich ebenfalls zu bezweifeln.

    Es folgte die zweite Hälfte der Kanons, wie schon davor ergab sich immer wieder ein Wechseln zwischen Cembalo solo und dem Ensemble, das in verschiedenen Besetzungen aufspielte – die Violone kam nur selten zum Einsatz, das Cello setzte auch öfter aus, manchmal hatte auch die zweite Geige Pause, Savall wechselte zwischen der sehr kleinen Alt-Gambe und der Bassgambe, die in etwa die Grösse eines Cellos hat. Gemeinsame Stücke von Streichern und Flöte sowie Cembalo gab es nur wenige, aber die dauernden Besetzungswechseln sorgten dafür, dass das Geschehen lebendig blieb.

    Am Ende gab es drei Zugaben, zunächst zwei Sätz aus irgendeinem Werk (aus einem Flötenkonzert?), bei dem ich beim zweiten, rasanten Satz unweigerlich an Jethro Tull denken musste … alberne Musik (in der Reihe neben mir stapfte sogar jemand mit dem Fuss dazu), die überhaupt nicht passen wollte. Danach folgte ein Stück aus den Festivitäten zur Geburt des späteren Louis XIII., das sehr schön war (und mich sofort denken liess: ein Konzert mit französischer Musik hätte mich mit diesem Ensemble wesentlich mehr gefesselt), und als Rausschmeisser einen Marsch (von Marais? Savall sprach Deutsch, etwas leise leider), der am Ende sogar noch eine kleine Temposteigerung beinhaltete – aber dann doch viel zu gesittet war, um als ordentliches Trinklied durchzugehen.

    Ein paar Kritikpunkte gibt es schon: eben, erstmal die Balance, wann immer die Flöte dabei war (das wurde in der Zugabe auch wieder deutlich). Dann fand ich den Ton des ersten Geigers (Manfredo Kramer) deutlich weniger ansprechend als den des zweiten (David Plantier). Kramers Ton war manchmal so brüchig, dass er aussetzte, auch das Vibrato vielleicht eine Spur zu stark. Savall selbst glänzte ebenfalls nicht mit dem schönsten Ton, aber dazu muss man bei ihm wohl einfach zu den älteren Aufnahmen greifen. Sehr beeindruckend war allerdings Pierre Hantaï – gerade im Wechsel mit dem Kammerensemble wurde immer wieder deutlich, welchen Klangreichtum das Cembalo zu bieten hat, in den Händen von Hantaï wird es wahrlich zu einem ganzen Ensemble von Instrumenten!

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #76: Leonard Bernstein & Jazz, 25.10, 20:00; #77: Hommage an Randy Weston, 1.11., 21:00-23:00 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #9: Leonard Bernstein, 20th Century Renaissance Man, 20.10., 22:30 | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
    #10584527  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Hier ist jetzt auch noch eine ausführliche Rezension zu Aimard mit Stockhausens Klavierstücken I-XI erschienen, zum Auftritt in Berlin, nicht jenem, den ich in Luzern gehört habe – habe sie noch nicht gelesen:
    http://seenandheard-international.com/2018/09/the-performance-of-a-lifetime-pierre-laurent-aimards-mastery-in-stockhausen/#more-81851

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #76: Leonard Bernstein & Jazz, 25.10, 20:00; #77: Hommage an Randy Weston, 1.11., 21:00-23:00 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #9: Leonard Bernstein, 20th Century Renaissance Man, 20.10., 22:30 | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
    #10586585  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Und hier auch noch ein weiterer Bericht zum Konzert mit Savall:
    http://seenandheard-international.com/2018/09/love-of-form-is-still-love-concert-des-nations-elucidates-bachs-musikalisches-opfer/

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #76: Leonard Bernstein & Jazz, 25.10, 20:00; #77: Hommage an Randy Weston, 1.11., 21:00-23:00 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #9: Leonard Bernstein, 20th Century Renaissance Man, 20.10., 22:30 | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
    #10590989  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Zürich, Tonhalle-Maag – 20.09.2018
     
    Tonhalle-Orchester Zürich
    Bernard Haitink
    Leitung
    Till Fellner Klavier
     
    Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzert Nr. 22 Es-Dur KV 482

    Anton Bruckner Sinfonie Nr. 7 E-Dur
     
    Doch noch ein paar Sätze nachgereicht zu einem sehr feinen Konzert. Zwei ähnliche Doppelprogramme leitete Haitink vor etwas weniter als zwei Jahren bzw. Ende letzten Jahres schon. Noch in der alten Tonhalle spielte András Schiff das Krönugnskonzert von Beethoven und nach der Pause erklang Bruckner Neunte (ich schrieb darüber ein paar ungelenke Sätze), letzten Dezember gab Maria João Pires anscheinend ihr europäisches Abschiedskonzert mit Mozarts wunderbarem Konzert B-Dur KV 595 und danach folgte Bruckners Vierte (auch darüber habe ich berichtet).

    Ganz so prominent war die heurige Besetzung mit Till Fellner natürlich nicht, aber im Publikum sassen viele junge Leute, die wohl in erster Linie seinetwegen gekommen waren – er ist schon seit einigen Jahren Dozent an der hiesigen Musikhochschule. KV 482 also, eines der schönsten von Mozarts Klavierkonzerten, letzte Saison etwas unglücklich durch Kit Armstrong mit der Camerata Bern aufgeführt (klick). Strukturelle Probleme – dass vor lauter Detailliebe der Blick auf das Ganze getrübt wird – gibt es mit Haitink natürlich nicht. Fellner spielte sehr schön, mit einer manchmal fast stupenden Leichtigkeit, sehr unaufgeregt, relativ flach, aber mit zartem Ton und glasklarem Anschlag. Da und dort fächerte er die Rhythmen etwas auf, es gab im Zusammenspiel mit dem Orchester die eine oder andere Unsauberkeit, aber alle waren bei der Sache und am Ende schien Fellner geradezu gelöst aufzuspielen. Ich würde nicht sagen, dass das eine grosse Aufführung war, es war wohl eher eine darstellende, zurückhaltend, die Musik für sich sprechen lassend – was bei Mozart aber oft, finde ich, sehr gut kommt. Und so war es auch mit Fellner und Haitink.

    Nach der Pause wuchs das Orchester stark, und nun sassen sie alle auf den Stuhlkanten, reagierten wie üblich exakt auf Haitinks minimales Dirigat – ein eingespieltes Team bzw. ein Orchester, das diesen Dirigenten, die Zusammenarbeit mit ihm, ganz offensichtlich schätzt. Was ja auf Gegenseitigkeit beruht. Und das zeigt wiederum auch, wie gut das Tonhalle-Orchester nach wie vor sein kann, wenn denn alles passt. Und ja, an dem Abend, dem zweiten und letzten mit diesem Programm, passte auch wirklich alles. Mich jedoch überforderte die Symphonie ein wenig, die schon im zweiten Satz ihren Höhepunkt findet und dann noch so lange dauert. Ich bin wohl gerade nicht in der richtigen Laune für solche riesigen Trümmer (habe auch zuhause seit Monaten keinen Bruckner mehr gehört, überhaupt fast nichts Symphonisches). Will sagen, die vermutlich nahezu perfekte Aufführung, die in Sachen Tempo, Dynamik, Freilegen von Strukturen und Durchblick durch das Ganze, ohne Details zu verwischen, nichts zu wünschen übrig liess, vermochte mich eher wegzupusten als zu packen.

    Ich kenne das ja längst von Werken dieses Kalibers, das war immerhin die vierte Bruckner-Konzerterfahrung (Welser-Möst dirigierte letzten November eine sehr tolle Aufführung der Achten, d.h. es „fehlen“ im Konzert noch Nr. 5 und Nr. 6, auf Aufführungen von Nr. 1-3 bin ich nicht gerade erpicht, ich finde auch Nr. 4 weiterhin, Konzerterlebnis mit Haitink hin oder her, nicht wahnsinnig toll) – und etwas Wagner gab es letzte Saison ja auch (einen Besuch der Wiederaufnahme des „Tannhäuser“ in der gerade beginnenden Saison habe ich nicht vor). Aber egal, es war ein eindrücklicher Abend, der stärker als Pires/Bruckner 4, ähnlich wie Schiff/Bruckner 9, auch an der Grenze zur Überforderung der Aufnahmekapazität vorbeischrammte – aber so scheint Haitink es zu mögen und andere Konzerte sind mir manchmal auch etwas zu kurz, ich will also nicht klagen (in dem Fall war es aber sinnvoll, wie Welser-Möst es mit Bruckner 8 tat, nur ein einziges Werk zu spielen – was überdies Zinman mit Mahler 6 und Rattle mit Mahler 9 auch so hielten).

    Ein Eindruck noch zum Schluss, auch wenn er vielleicht dämlich ist: mir kam die Musik Bruckners in ihrer Schroffheit und zugleich Reinheit recht deutlich wie Alpenmusik, Musik der Berge vor – es drängten sich Bilder auf von schroffen Klippen und Wasserfällen, von Auen und kleinen Seen mit diesem unglaublich klaren Wasser … klar ist das keine Programmusik, aber eben: die Bilder waren irgendwann einfach da, gerade auch in den Kontrasten zwischen den fast schon lüpfigen melodischen Momenten und dann diesen brutalen Einbrüchen, die mit gewaltiger Kraft über die sanfteren Passagen hineinbrechen, sie (und mich) überrollen.

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    #10590993  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Die NZZ hat auch berichtet (wohl vom ersten Abend):
    https://www.nzz.ch/feuilleton/tonhalle-wenn-aura-und-altersweisheit-zusammenkommen-ld.1421743

    Und auch auf Seen and Heard International gibt es einen Bericht (vom zweiten Abend):
    http://seenandheard-international.com/2018/09/till-fellners-authoritative-mozart-and-ageless-bernard-haitinks-lucid-bruckner/

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    #10591391  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Liederabend Anna Stéphany – Zürich, Opernhaus – 24.09.2018
     
    Anna Stéphany Mezzosopran
    Sholto Kynoch Klavier
     
    «Nature’s Songbook»
     
    ROBERT SCHUMANN
    Röselein, Röselein

    JOHANNES BRAHMS
    Nachtigallen Schwingen
    An die Nachtigall
    Lerchengesang

    ROBERT SCHUMANN
    Die Blume der Ergebung
    Aus den östlichen Rosen

    JOHANNES BRAHMS
    Juchhe!

    CLAUDE DEBUSSY
    Trois Chansons de Bilitis:
    1. La Flûte de Pan
    2. La Chevelure
    3. Le Tombeau des Naïades

    JEAN SIBELIUS
    Bellis (Klavier solo)
    Marssnörn
    Campanula (Klavier solo)
    Demanten pa marssnörn
    Iris (Klavier solo)
    Svarta rosor
     

     
    MAURICE RAVEL
    Histoires naturelles:
    1. Le Paon
    2. Le Grillon
    3. Le Cygne
    4. Le Martin-pêcheur
    5. La Pintade

    GABRIEL FAURÉ
    Le Papillon et la fleur

    GEORGES BIZET
    La Coccinelle

    CHARLES GOUNOD
    Au Rossignol
    Envoi des fleurs

    CAMILLE SAINT-SAËNS
    La Cigale et la fourmi
     

     
    Encore:

    PERCY GRAINGER
    The Spring of Thyme

    WOLFGANG AMADEUS MOZART
    Voi che sapete (Arietta des Cherubino aus „Le nozze di Figaro“, KV 492)
     
    Am Sonntag begann hier auch die Saison in der Oper, und ich freute mich sehr auf meinen heutigen Auftakt, einen Liederabend mit der englisch-französischen Mezzo-Sopranistin Anna Stéphany, die von 2012 bis 2015 zum Ensemble der Oper gehörte. Ich sah sie in der Saison 2016/17 als Charlotte in der phantastischen Produktion von Massnetes „Werther“ und mochte auch ihre letztes Jahr erschienene CD „Black Is the Colour“ (alpha) mit Berios „Folk Songs“, Ravels „Histoires Naturelles“ und „Psyché“ von Falla. Das Labyrinth Ensemble, von dem sie auf der CD begleitet wird, besteht grossteils aus Musikerinnen und Musikern, die zum Orchester der Oper Zürich gehören. Die Lieder von Ravel (auf der CD im Arrangement von Arthur Lavandier zu hören) standen heute Abend auf dem Programm, vom Rest hatte ich keine Ahnung, nur gesehen, dass es Schumann, Brahms und mehr geben würde. Begleitet wurde Stéphany vom Pianisten Sholto Kynoch.

    Los ging es mit Schumann und Brahms, wobei mir die Brahms-Lieder im direkten Vergleich etwas harmlos vorkamen – durchaus auch in ihrer Machart (und mit den läppischen Texten von, der Reihe nach, Hoffmann von Fallersleben, Voss, Candidus und Reinick). Schumanns Lieder hingegen faszinieren mich immer wieder sehr, da muss ich unbedingt mal tiefer schürfen. Die Lieder zwischen dem Brahms, auf Texte von Rückert, gefielen mir sehr, aber auch das erste (auf einen Text von Schöpff) ist toll. Das dritte, „Aus den östlichen Rosen“, klang fast schon ein wenig wie ein Show-Song, wie man ihn aus dem frühen 20. Jahrhundert (und auch dem mittleren) kennt.

    Zum Höhepunkt der ersten Konzerthälfte wurde dann aber der Zyklus von Debussy. Der sprechende Gestus, die flache Sprachmelodie, die eher einem Sing-Sang als einem Singen gleicht, dabei aber stets eine enorm nuancierte Gestaltung verlangt – faszinierend! Stéphanys Diktion und Verständlichkeit auf Deutsch ist sehr gut, auf Französisch ist sie wohl nahezu perfekt. Der Sibelius-Block zum Abschied in die Pause passte ganz gut, Kynoch kriegte hier auch seine Features und gefiel in ihnen so gut wie in der Begleitung, die Sprache klang manchmal so, als würde man vom Deutschen her die Hälfte verstehen, aber das war dann oft doch nur ein Trugschluss.

    Nach der Pause sollte das Programm beim Französischen bleiben – und der Ravel-Zyklus wurde gleich zum nächsten Höhepunkt. Hier wird viel pointierter gesungen als bei Debussy, aber die Nähe zum gesprochenen Wort ist immer noch gegeben, die Verzierungen, das Vibrato etc. viel zurückhaltender eingesetzt als in den deutschen Liedern. Die Texte über den Pfau, die Grille, den Schwan, den Eisvogel und das Perlhuhn aus der Feder von Jules Renard sind schon für sich genommen ziemlich witzig. Gesungen von einer begnadeten Actrice, die den verschiedenen Sprechern in den Texten obendrein wo nötig auch noch verschiedene stimmliche Schattierungen gibt, ist das ein köstliches Vergnügen. Die zwei Hugo-Vertonungen von Fauré und Bizet waren ebenso vergnüglich, und hier wurde die Nähe zum Chanson und eben auch allgemein zum populären Lied des 20. Jahrhunderts überdeutlich. Das zog sich durch die zwei Lieder von Gounod (auf Texte von Lamartine und Augier) und den krönenden Abschluss von Saint-Saëns (auf die Fabel von La Fontaine) weiter. Da verläuft eine direkte Linie bis hin zu Jacques Brel. Jednefalls war diese zweite Konzerthälfte durchs Band weg phantastisch, auch in der Agogik, dem Zusammenspiel mit Kynoch – da passte einfach alles.

    Obwohl das Parkett höchstens halbvoll und die Ränge bis auf die vordersten Reihen ziemlich leer waren, gab es am Ende langen Applaus und ohne Zugaben liess man Stéphany nicht gehen. Sie sang als erstes Graingers Volskliedbearbeitung „The Spring of Thyme“, und nach ein paar weiteren Verbeugungen und Ab- und Aufgängen schliesslich noch die Arietta des Cherubino aus Mozarts Figaro, „Voi che sapete“ – natürlich hatte Stéphany in ihrer Zeit als Ensemblemitglied die Rolle auch in Zürich gesungen (leider ohne dass ich sie gesehen hätte). Ein rundum gelungener Abend jedenfalls, dem man ein deutlich grösseres Publikum gewünscht hätte.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #76: Leonard Bernstein & Jazz, 25.10, 20:00; #77: Hommage an Randy Weston, 1.11., 21:00-23:00 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #9: Leonard Bernstein, 20th Century Renaissance Man, 20.10., 22:30 | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
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