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  • #1024157  | PERMALINK

    irrlicht
    Nihil

    Registriert seit: 08.07.2007

    Beiträge: 30,779

    Ich kenne „Eli and the thirteenth confession“ leider noch nicht, es gibt allerdings kaum ein Werk, das ich mehr liebe und bewundere, als dessen Nachfolger, „New York Tendaberry“, ein vielfältiges, strahlendes Meisterwerk, ein Abbild von Heimweh, den Boulevards der Großstadt, von Hingabe und Verzweiflung. Ich finde Deinen Text wunderbar und bin voller Vorfreue, Nyros Werk endlich in Bälde weiter zu entdecken (ein größeres Kompliment gibt es gar nicht). Danke dafür!

    --

    Hold on Magnolia to that great highway moon
    Highlights von Rolling-Stone.de
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    #1024159  | PERMALINK

    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

    Beiträge: 4,617

    Gern geschehen, vielen Dank für die guten Worte! :-)

    New York Tendaberry mag ich auch sehr, aber ich gebe Eli… doch klar den Vorzug.

    --

    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
    #1024161  | PERMALINK

    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

    Beiträge: 4,617

    The Don Ellis Orchestra – Electric Bath (1967)

    Dies ist der Rolls-Royce Phantom IV unter den Pop/Jazz-Platten: purer Luxus, pure Eleganz, reine Herrlichkeit. Wie bei exklusiven Autos fängt das schon bei der Ausstattung an: Eine 21-köpfige Big Band hat dieses wahrhaft majestätische Album eingespielt, aber im Unterschied zu den Big Bands der Swing-Ära wirbelt die Musik mit einer unerhörten Dynamik und Leichtigkeit daher und wird gleichzeitig von einem ebenso präzisen wie wütenden Trommelfeuer einer ganzen Batterie von gleich vier Schlagwerkern vorangetrieben. Der Leiter, Don Ellis, wirkt selbst als einer von fünf Trompetern mit, dazu kommen drei Posaunisten, fünf Flötisten/Saxophonisten, ein Pianist/Keyboarder und drei Bassisten. Henry Mancini schrieb als Geleitwort in die Liner Notes: „My rock-oriented, teen-age son, Chris, and I have both flipped out over Don Ellis‘ new band. Anyone that can reach these two opposite poles at once must be reckoned with and listened to.“

    Hinzu tritt die ungeheure Komplexität von Ellis‘ Musik, die aber auf geradezu wundersame Weise mit bezwingender Eingängigkeit zusammentrifft. Drei Jahre zuvor hatte er ein Studium der Musikethnologie an der University of California, Los Angeles (UCLA) begonnen, wo er den indischen Musiker Harihar Rao kennen lernte. Dessen Einflüssen folgend, experimentierte Ellis mit ungeraden Metren in der westlichen Musik, was erstmals 1966 auf seinem Livealbum Live In 3 2/3 /4 Time zutage trat (das ist hier kaum korrekt darstellbar, also noch mal in Worten ins Deutsche übersetzt: Live im Dreizweidrittel/Viertel-Takt – was aufgelöst einem 11/12-Takt entsprechen würde). Doch so ehrfurchtgebietend die revolutionäre musikalische Substanz dieses Werkes auch ist – es lässt sich ganz ohne musiktheoretisches Wissen vollumfänglich genießen, sofern ein gewisses Maß an Hörbereitschaft und Musikalität vorhanden ist.

    Und wie leicht Ellis es den Hörern macht! Electric Bath beginnt mit „Indian Lady“, einem prachtvollen Uptempo-Stück, das Cineasten zwangsläufig sofort an das Werk Henry Mancinis erinnert. „Alone“ lässt es ruhiger angehen, lässt den Hörer sanft über eine sonnenbeschienene Landschaft schweben, auf einem golddurchwirkten orientalischen Teppich, der auch der schlankesten Shisha sicheren Halt gibt. „Turkish Bath“ beginnt mit einem betörenden Sitar-Einsatz und legt dann mit der wunderbarsten und herrlichsten Kakophonie der Musikgeschichte los: Man beiße in die saftigste Zitrone der Welt – man wird doch nicht die köstliche Verwirrung der Sinne erleben, die diese jubilierende Katzenmusik aus zwei Sopransaxophonen und einer Klarinette hervorruft. Daraufhin allerdings swingt das Stück dermaßen befreit los, dass man tanzen muss, tanzen, tanzen, immerfort tanzen. „Open Beauty“ verschafft einem nach so viel Bewegung wieder Ruhe, Stille und Kontemplation, bevor „New Horizons“ noch einmal ganz aus dem Vollen schöpft, weit ausschweift über Pop, Jazz und Klassik hinweg, ein ganzes Filmfestival im Denkgehäuse des Hörers entwirft und schließlich in einem donnernden, vollständig erschöpfenden Finale endet. Zigarette, Schatz?

    Tracklist:
    1 Indian Lady 8:07
    2 Alone 5:32
    3 Turkish Bath 10:29
    4 Open Beauty 8:27
    5 New Horizons 12:21

    *****

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    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
    #1024163  | PERMALINK

    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

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    Ani DiFranco – To the Teeth (1999)

    Nachdem ich zuletzt den großen Verlust beschrieb, den der Tod der großen Laura Nyro für die Popmusik bedeutete, soll dieser Beitrag von dem Trost handeln, der darin besteht, dass sie eine wahrhaft würdige Nachfolgerin gefunden hat. In der Tat besticht Ani DiFranco durch all die Tugenden, die auch Laura Nyro besaß: Schon in sehr jungen Jahren fest auf eigenen Beinen stehend, gründete sie bereits im Alter von 18 Jahren mit einem Startkapital von 50 Dollar ihre eigene Plattenfirma Righteous Babe Records, um bald darauf ihr selbstbetiteltes Debütalbum unter vollständig eigener Regie zu veröffentlichen. Diese Plattenfirma besteht bis heute und veröffentlicht erfolgreich nicht nur die Platten ihrer Inhaberin, sondern auch solche ihrer Freunde.

    Ani DiFranco ist eine vollständig komplette Künstlerin mit großem kompositorischem und lyrischem Talent, eigenwilliger Stimme und beeindruckenden Fähigkeiten an der Gitarre. Sie ist eine sehr politische Songwriterin in bester amerikanisch-linksliberaler Tradition, die sich gezielt in die amerikanische Politik eingemischt und von Anbeginn selbstbewusst ihre Bisexualität gelebt und thematisiert hat. Sie ist bestens vernetzt und genießt sowohl in Musikerkreisen als auch bei ihrem Publikum höchstes Ansehen. Ohne jegliche Beteiligung der großen Musikkonzerne ist es ihr gelungen, Ruhm und beachtlichen kommerziellen Erfolg zu generieren. Man muss sich am Riemen reißen, um über so viel musterhaftes, vorbildliches Standing nicht zu schmunzeln, um es nicht in den reflexhaften Verdacht eines grandiosen Klischees, womöglich gar des Strebertums zu ziehen. Dazu besteht kein Grund!

    Das vorliegende Album, ihr elftes innerhalb von zehn Jahren, bietet ein beeindruckendes Panorama musikalischer Stile und dichterischer Themen. Der Titelsong, ein atmosphärisch sehr dichtes Folkstück, ist eine sarkastisch-zornige Anklage der Waffennarretei in ihrem Heimatland, dessen Bewohner to the teeth, also bis an die Zähne bewaffnet sind, und stellt eine direkte Reaktion auf das Columbine-Massaker dar. „Soft Shoulder“ ist ein melancholischer Song über eine Liebe, die keine Chance bekam, und „Wish I May“ eine Reflexion des Selbstzweifels und der Selbstanklage. Schon die ersten drei Songs zeigen also die enorme Vielfalt, die dieses mit fast 72 Minuten Länge sehr voluminöse Album aufweist. Wie also könnte man Ani DiFranco nicht lieben? Ich weiß es nicht, aber das ist der einzige Punkt, bei dem diese bewunderungswürdige Künstlerin bei mir eine Leerstelle hinterlässt.

    Tracklist:
    1) „To the Teeth“ – 7:42
    2) „Soft Shoulder“ – 6:04
    3) „Wish I May“ – 4:53
    4) „Freakshow“ – 5:42
    5) „Going Once“ – 5:33
    6) „Hello Birmingham“ – 5:23
    7) „Back Back Back“ – 4:46
    8) „Swing“ – 6:10
    9) „Carry You Around“ – 3:24
    10) „Cloud Blood“ – 4:51
    11) „The Arrivals Gate“ – 4:35
    12) „Providence“ – 7:18
    13) „I Know This Bar“ – 5:31

    ****

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    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
    #1024165  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,225

    Saffer38

    Bruce Springsteen & The E-Street Band: The wild, the innocent, the E-Street-shuffle

    Wunderbare Besprechung!

    Auch mir ist TWTIATESS neben dem gänzlich konträrem NEBRASKA das liebste aller Springsteen-Alben. Hier überschäumende Euphorie, dort karge Depression, aber es sind gerade die entgegengesetzten Pole, die diese beiden Alben faszinierend machen.

    --

    "I said a hip-hop, the hippie, the hippie / To the hip, hip-hop and you don't stop the rockin' / To the bang-bang boogie, say up jump the boogie / To the rhythm of the boogie, the beat" (The Sugarhill Gang)
    #1024167  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,225

    Brian Eno + David Byrne – MY LIFE IN THE BUSH OF GHOSTS (1981)

    Als MY LIFE IN THE BUSH OF GHOSTS 1981 erschien, war dies für mich eine eigenartige Erfahrung: Das Album hörte sich so anders an, als alles, was ich bis dahin gehört hatte. Das war wie eine exotische Speise mit fremden Gewürzen, die meine Geschmacksknospen auf noch nie erlebte Art stimulierten und deren Geschmack ich nicht beschreiben und einordnen konnte. MY LIFE IN THE BUSH OF GHOSTS klang unheimlich, verwirrend, wild und gefährlich, war ebenso faszinierend wie schwer verdaulich.

    Brian Eno und David Byrne hatten schon auf dem Stück I ZIMBRA vom Talking Heads Album FEAR OF MUSIC (1979) mit afrikanischen Polyrhythmen experimentiert und einen Text verwendet, der weder von ihnen selbst geschrieben worden war, noch einen erkennbaren Sinn ergab. Auf MY LIFE trieben sie diese Vorgehensweise auf die Spitze: Die vocals werden hier nicht einmal mehr von einem der beteiligten Musiker vorgetragen, sondern stammen von obskuren Schallplatten oder aus dem Radio. Da hört man einen [I]„inflamed caller and smooth politician replying“, eine Libanesische Sängerin oder einen Prediger, der die Frohe Botschaft über den Äther verbreitet, und sogar einen Exorzisten. Die Gesangspuren sind meist aber so verfremdet, dass der ursprüngliche Sinn der Botschaft nicht mehr erkennbar ist. Was bleibt, sind rätselhafte Stimmen. All dies haben Eno und Byrne mit unzähligen polyrhythmischen Instrumentalspuren verwoben, die wie ein wundersamer und geheimnisvoller Urwald zu wuchern scheinen, durch den Nebelschwaden ziehen. Vielleicht ist das alles aber auch der fiebrige Traum eines Großstadtneurotikers, aus dem er nicht erwachen kann oder die Phantasie eines Besessenen, der Stimmen hört.

    Eno und Byrne verarbeiten auf MY LIFE Einflüsse aus den verschiedensten Quellen: Funk, Afro-Beat, Dub, Ambient und dazu kommen diese vokalen objets trouvées. Man könnte sich dabei sogar an die elektrischen Fusion-Alben von Miles Davis aus den späten 60ern und frühen 70ern erinnert fühlen, die der Produzent Teo Maceo am Mixboard zusammengeschnitten hat. Auch haben Eno und Byrne das hier verwendete Collage-Prinzip nicht selbst erfunden. Holger Czukay von Can hatte ähnliches schon vorher gemacht und der wiederum hatte die Idee wahrscheinlich von seinem Lehrer Stockhausen übernommen. MY LIFE ist in brisantes musikalisches Gebräu, das alles andere als authentisch ist, denn eigentlich passt das alles überhaupt nicht zusammen und es bleibt offen, was es für einen Sinn ergibt. Eine absichtlich herbeigeführte babylonische Sprachverwirrung, zu der das globale Dorf aber wunderbar tanzen kann.

    Es gibt eine Anektdote zu dem auf der CD-Re-Issue nicht mehr enthaltenen Stück QU’RAN, auf dem Eno und Byrne die Rezitation von Koran-Versen mit Popmusik kombinierten. Beides für sich ist kein Problem, aber die Verbindung von beidem stieß bei einigen Muslimen auf Ablehnung, so dass man das Stück vorsichtshalber ganz beiläufig durch ein anderes ersetzte. Aus künstlerischer Sicht ist es natürlich triumphal, wenn man durch die bloße Kombination zweier Dinge so einen Bedeutungswandel herbeiführen kann. Wie andere darauf reagieren, ist ein andere Frage.

    Welchen Einfluss hat MY LIFE IN THE BUSH OF GHOSTS ausgeübt? In den 80ern wurde world music zu einem Begriff und Ausläufer davon schafften es bis in die Hitparade. Sampling wurde zur gängigen Technik der Popmusik, Hip Hop-Künstler wie DJ Dilla oder Madlib haben viel später ganze Alben ausschließlich aus Samples zusammengeschnitten. Flying Lotus‘ Musik könnte man vielleicht als ein Fortsetzung von MY LIFE mit elektronischen Mitteln verstehen. Sicher kann man MY LIFE nicht als unmittelbaren und schon gar nicht als alleinigen Impuls für diese Entwicklungen betrachten. Wahrscheinlich war MY LIFE auch nur eins von vielen Mosaiksteinchen in der Entwicklungsgeschichte dieser Musik, aber vielleicht eins von etwas größerer Bedeutung – und ein besonders schönes.

    Im Jahr 2006 erschien – wohl anlässlich der 25. Jubiläums der Erstveröffentlichung – eine erweiterte Re-Issue von MY LIFE IN THE BUSH OF GHOSTS. Selbst wenn vieles, was auf MY LIFE 1981 erstmals anklang heute teilweise in den Kanon der Popmusik Einzug gefunden hat – oder vielleicht genau deshalb – , hat diese Musik für mich auch im Jahr 2013 nichts an Faszination eingebüßt.

    zuletzt geändert von friedrich

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    "I said a hip-hop, the hippie, the hippie / To the hip, hip-hop and you don't stop the rockin' / To the bang-bang boogie, say up jump the boogie / To the rhythm of the boogie, the beat" (The Sugarhill Gang)
    #1024169  | PERMALINK

    asdfjkloe

    Registriert seit: 07.07.2006

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    Red White ‘N’ Blue (ex-Cuby + Blizzards)

    1974 wurde von der niederländischen Band “Cuby + Blizzards”, der neben “Livin’ Blues” wohl auch über die Landesgrenzen hinaus bekanntesten Bluesband, das Album “Afscheidsconcert“ veröffentlicht. Wie der Titel bereits aussagt, ein Abschied, zunächst.

    Harry “Cuby” Muskee und der Spitzengitarrist Eelco Gelling starteten nun ein neues Projekt, “Red White & Blue“, es war 1975, dass eine Platte dieser Band, gleichen Namens, erschien.

    George Kooymans von “Golden Earring“ hatte produziert und ansonsten waren Musiker von“Q 65“ ,“Tee Set“ und „“Supersister“ dabei, nämlich diese alle:

    Harry Muskee (vocals)
    Eelco Gelling (guitars)
    Frank Nuyens (guitars)
    Lourens Leeuw (bass)
    Herman van Boeyen (drums)
    Robert Jan Stips (keyboards)
    Egon Jansen (percussion)

    Viele Cuby-Fans waren vielleicht nicht so begeistert, bot die neue Band doch einen anderen Sound, weniger im Blues verhaftet, doch letztlich anschließend an einige Stücke, die bereits bei C+B etwas ’aus der Reihe tanzten’, also schon eher in die Richtung Rockpop tendierend.

    So kam es trotz einiger Erfolge bei Liveauftritten jedoch nicht zu den erwarteten Umsatzzahlen der Platte, der Verkauf war recht schleppend, und alsbald zierte sie diverse ’Grabbelboxen’.

    Eigentlich ist das recht schade, denn die Musik hat mit Songs wie “Happyville“ und “Perfection“ einige recht gute und anspruchsvolle Rocksongs zu bieten, die zudem mit einem gewissen Popcharakter ausgestattet sind. Hinzu kommt der eine oder andere Blueshauch, der diesen recht eigenständigen Sound gut abrundet.

    Das schlechte Abschneiden der Platte führte immerhin zur ersten Reunion der alten Band, in etwas anderer Besetzung allerdings, so war unter anderem Herman Brood wieder dabei bei “Kid Blue“.

    Bezeichnend für den damaligen Misserfolg ist sicher auch, dass bis heute keine offizielle Veröffentlichung auf CD vorliegt.

    Hier alle Songs:

    1:Happyville(Gelling/Hay)
    2:Perfection(Gelling/Muskee)
    3:Master of Planning(van Boeyen/Muskee)
    4:Pigeon Girl(Nuyens/Muskee)
    5:Bird(Gelling/Muskee)
    6:Country Life(Gelling/Muskee)
    7:Freewheeler(Nuyens/Muskee)

    --

    #1024171  | PERMALINK

    asdfjkloe

    Registriert seit: 07.07.2006

    Beiträge: 5,711

    Jon Mark – Songs for a friend (Bird with a broken wing suite)

    Einige werden Jon Mark als Gitarrist der Formation, die er mit dem Bläser Johnny Almond gründete, wohl kennen – Mark-Almond.
    Weitere wahrscheinlich auch durch beider Teilhabe an der ersten schlagzeuglosen Band von John Mayall, zu hören auf der Liveplatte “The Turning Point”.

    Nach Ende von Mark-Almond war diese hier vorgestellte Platte die erste Soloveröffentlichung von Mark, aufgenommen 1975.

    Meiner Meinung nach ist das sicher eine der Platten mit ganz wunderschöner Musik, allerdings mit der Gefahr einer Gratwanderung, denn, das, was man hört, ist mitunter schon ’gefährlich nah’ an Kitsch und Schmalz….

    Doch die Musik ist wirklich bezaubernd, wie sie mit der Vielzahl der Musiker, insbesondere der Streicher, geboten wird.
    Mark mit seiner Akustikgitarre, satt unterlegt mit einem “Wall Of Strings“ und hochkarätigen Sessionmusikern wie Tommy Eyre, Ron Carter, Larry Knechtel, Hal Blaine.

    Eine unglaubliche Ruhe, Schönheit und Wärme strahlt die Musik aus, und Mark hält alles mit seiner ruhigen, schon fast sedierenden Stimme zusammen, manchmal kurz vor dem Sprechgesang stehend. Unterstützt wird er hier ab und zu von einer Mezzosopranistin, Salli Terri, die dem Ganzen dann noch einen leicht klassisch-opernhaften Anstrich verleiht.

    Untertitelt ist das Werk “Bird with a broken wing suite“, und Mark selbst führt in den “Liner Notes“ aus:
    “I hope possibly you will find a part of yourself in this collection…“

    Und, in der Tat, das habe ich und wird vielleicht jeder, der einmal in sich blickt. So denke ich, dass diese Musik in Zeiten anhaltender “düsterer Phasen“ im Leben durchaus Unterstützung bieten kann. Und – obwohl die Atmosphäre grundsätzlich vielleicht etwas traurig und wehmütig wirken mag, so schwingt doch auch viel Hoffnung mit in den Liedern. (“Someday I’ll build a boat…“)

    Gut, und wenn das Boot dann gebaut ist und man aus der Misere gesegelt ist, dann bietet sich, unter anderen Aspekten, in der Musik sicher auch viel Trost und Ruhe. (”file under New Age“????)

    So sagt Mark weiter in den “liner notes” :
    ”Whilst not wishing to appear overly melancholic, I have tried to reflect the inner emotions we all experience in an ever changing society, each song for me having its own counterpart in reality”.

    Recht hat er, der Jon.
    Emotionen werden hier massiv geboten und auch geweckt!
    Bezeichnend für die weitere Entwicklung des Musikers mag, unter dem Hintergrund dieser Musik, möglicherweise sein, dass spätere Platten von ihm mit reinen Synthesizerklängen ausgestattet waren und tatsächlich sehr meditative Klänge boten, zum Beispiel auf “The Standing Stones Of Callanish“.

    Hier nun noch die Liste der Musiker:

    Jon Mark: Vocals, Classic Guitar
    Tommy Eyre: Piano, Harpsichord, Electric Piano
    Salli Terri: Mezzo Soprano
    Ron Carter: Acoustic Bass
    Larry Knechtel: Bass Guitar
    Hal Blaine: Percussion
    Donald Reinberg: Bach Trumpet
    Gayle Levant: Harp
    Victor Feldman: Timpani, Vibes
    Andrew Narell: Steel Drums
    Patrick Gleason: Moog Synthesizer
    Kirby Johnson: Leader
    Apul Shure: Concert Master
    Bonnie Douglas: Violin
    Marshall Sosson: Violin
    Murray Adler: Violin
    Nathan Kaproff: Violin
    Erno Neufeld: Violin
    Harry Bluestone: Violin
    Sheldon Sanov: Violin
    Haim Shtrum: Violin
    Leonard Atkins: Violin
    Israel Baker: Violin
    Albert Steinberg: Violin
    Harris Goldman: Violin
    Ralph Schaeffer: Violin
    Tibor Zelig: Violin
    Mari Tsumura: Violin
    Hyman Goodman: Violin
    Sid Sharp: Violin
    Bob Notkoff: Violin
    Bill Hymanson: Violin
    Bernard Kundell: Violin
    Barry La Magna: Violin
    Myra Kestenbaum: Viola
    Allan Harshman: Viola
    David Schwartz: Viola
    Myer Bello: Viola
    Pamela Goldsmith: Viola
    Louis Kievman: Viola
    Leonard Selic: Viola
    Sam Boghossian: Viola
    Jerome Kessler: Cello
    Jesse Ehrlich: Cello
    Anne Goodman: Cello
    Ray Keller: Cello
    Ray Kramer: Cello
    Mary Louise Aeyen: Cello
    Armand Kaproff: Cello
    Fred Seykora: Cello
    Douglas Daus: Cello
    Meyer Rubin: Contrabass
    Milton Kestenbaum: Contrabass
    Jay Grauer: Contrabass

    Die Songs:

    01:Signal Hill (Jon Mark) (6:19)
    02:Joey (Jon Mark) (5:06)
    03:Ballad Of The Careless Man (Jon Mark) (7:10)
    04:Someday I’ll Build A Boat (Jon Mark) (4:52)
    05:The Bay (Jon Mark) (3:52)
    06:Liars Of Love (Jon Mark) (5:14)
    07:Alone With My Shadow (Jon Mark) (5:26)
    08:Old People’S Homes (Jon Mark) (5:22)
    09:Carousel (Jon Mark) (5:30)

    --

    #1024173  | PERMALINK

    kritikersliebling

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 18,340

    Marius Müller-Westernhagen – Geiler is‘ schon
    Warner 1983

    „Aber geiler is‘ schon, als in der Gosse zu liegen“. Als nach einer halben Stunde dieses Fazit erklingt, ist man als Hörer durch ein Stahlbad der Schunkelreime und Belanglosigkeiten gegangen. Da erinnert man sich treffend aber ungern an den zweiten Titel „Take Four, Because Your Birne Is weich“. Eins ist sicher, die Pillen die MMW hier besingt reichen nicht aus, um das Album heute zu verstehen.

    Wie immer, wenn ich eine neue LP auspackte, glich es einem fast klerikalen Akt. Der Geruch des Covers, die Papierhülle für das Vinyl, bedruckt mit Texten und Informationen, ein neuer Geruch, dann die statische Aufladung der LP, die sich an die Schutzhülle festkrallt und nur durch vorsichtiges Hineingreifen, um keine Fingerabdrücke auf dem Vinyl zu hinterlassen und selbiges dadurch jeglicher Jungfräulichkeit zu berauben, teilweise löst, dann das Tasten nach dem Mittelloch der LP, um einen Ansatz dafür zu haben, sie vom Papier zu befreien. Knisternd und widerwillig gibt das Vinyl nach und dann hat man die Platte endlich flach auf den Fingerkuppen einer Hand vor sich.

    Es wollte damals schon nicht richtig passen zwischen den Wolfgangs, Klaus‘, Wolfs und Ullas. Heinz-Rudolf war noch nicht massentauglich. Der Zeitgeist beschäftigte sich mit dem Abgesang der NDW, dem kalten Krieg, einem komischen US-Präsidenten. Bands, die überall, vor allem in und um Köln herum mehr Aufsehen erregten als MMW. Aber der Herr hatte sich nach drei Alben für die Arbeiterklasse mit „Das Herz eines Boxers“ eine Auszeit genommen. Was sollte bei diesem Album schon schief gehen. Fast alles. Der Titel des Albums „Geiler is‘ schon“ machte mich neugierig und völlig blind schlug ich zu. Dabei hätte ein Blick auf Tracklist genügt, um leise zu fragen: Was kann man bei Titel wie „Lilli die Mücke“, „Der schwarze Mann“ oder beispielsweise „Gitti Kleinlich“ erwarten. Erwartense nix.

    Dem Album reichen zwei geniale Momente, um im Westernhagenschen Kosmos nicht als Totalausfall zu gelten. Dabei sieht das Cover nach einem erdigen Blues-Album aus. Westernhagen mit ramponierter Telecaster. Dem Rock’n’Roll-Bild der 80er Jahre, später von Springsteen veredelt.

    Inhaltlich sind die Texte peinlich. „Mutter, sing mir mein Lied, Mutter, dass Du mich liebst“. Klingt nach Rolf Zuckowski, ist aber damals beinharter Rock und vermutlich sogar ernst gemeint. Dann aber wendet sich das Blatt und es geht in Richtung Kindergartenreim. „Da kommt der Peter, Peter der Verräter… […] Da kommt die Ute, Ute die Gute… […] Da kommt Klaus Lieb, Klaus Lieb dieser Dieb…“ und so weiter und so fort. Hauke mit der Pauke, Grete mit Trompete. Es kommen sehr viele Dinge in dem Album vor. Z. B. Lilli die Mücke. Ein Lied über nächtlichen Mückenbesuch, wer macht das schon? Selbst wenn ich ein Gleichnis herstellen will, es fehlt der Aha-Effekt. Böse böse wird es bei „Der schwarze Mann“. Die Band rockt breitbeinig, bretthart, knallhart und Westernhagen schleudert einem die Warnungen um die Ohren: „Sprich nicht so laut, denn er hat seine Ohren überall. Registriert alles, er kennt sogar Dein Muttermal.“ Thematisch natürlich heute voll auf der Höhe, aber leider leider mit der Brechstange gereimt.
    In „Wäre ich ein Tier“ regt sich so etwas wie Gefühl, doch es ist die letzte Strophe zuviel: „Nicht mal Gott könnte böse sein, wie schön es mit uns war. Ich hätt‘ Dich geliebt ein Leben lang, vielleicht auch nur ein Jahr.“ So wie hier Sprache bemüht wird, klingt es in meinen Ohren nach einer Zerrung. Doch es geht noch schlimmer. „Gitti Kleinlich will es mal besser ham…“ Diese kleine Straßenromantik, die das ganze Album begleitet ist eine biedere Sackgasse. Da waren die Typen (Giselher, Willi Wucher oder der Heinz von Marga) aus dem Pfefferminz-Album deutlich cooler. Gern erinnere ich mich dann an Hermann vom „Sekt oder Selters“-Album oder später an Gerti aus der DDR.

    Doch diese Nostalgie hat hier nichts verloren. Ein Dichter mit Auftragsarbeit am Abgrund. Da schmerzt es schon nicht mehr, als „Neues von Hilde“ erklingt. Die Texte reichen nicht mal beim tiefsten Selbstmitleid zum Mitsingen.

    Und dann kommt aus dem Nichts – die Resignation über einen Fehlkauf verdrängt die Wut über rausgeschmissenes Geld, dass man besser in einen vorzüglichen Kinoabend mit Sabine oder Kirsten investiert hätte – der Song, der bierselig auf Hochzeiten zum Ende der Feier gespielt werden wird oder wahlweise gleich zu Beginn in der Kapelle oder vorm Standesamt. „Lass uns leben“ Leben L e b e n, LEBEN. Leben wird in den 80ern groß geschrieben, bzw. der Tod überbewertet. Überall drohen Enden. Ende der SPD, Ende der Welt, Ende der Fußballvorherrschaft. Da freut man sich, wenn einer sagt, dass er leben will in einer Welt voller Gift, Abgas und saurem Regen. In einer Welt aus willkürlichen Politikern und Schauspielern.

    Die Hoffnung stirbt zuletzt und mündet in dem letzten Satz des Album: „Dann trinken wir Schampus, bis wir verrecken und wer das nicht geil find, der kann uns mal…“

    --

    Das fiel mir ein als ich ausstieg.
    #1024175  | PERMALINK

    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

    Beiträge: 4,617

    The Who By Numbers (1975)

    Mitte der siebziger Jahre gehörte The Who zusammen mit den Rolling Stones und den Überbleibseln der Beatles zu einer ganz kleinen Handvoll von Granden der Rockmusik, die bereits seit über einem Jahrzehnt aktiv waren und dabei weltweiten Ruhm sowie Multimillionen-Erlöse erzielt und große Stadien gefüllt hatten. Dieses Phänomen, das heute längst nichts Außergewöhnliches mehr darstellt, war seinerzeit ganz neu und stellte seinen Protagonisten die charakterliche Gretchenfrage, für deren Beantwortung kaum gefestigte Erfahrungswerte zur Verfügung standen, zumal viele Rockstars sich bereits in jungen Jahren mittels Drogen ums Leben gebracht hatten. „Touring can make you crazy“ heißt es in Frank Zappas Film 200 Motels, und so ähnlich erging es Pete Townshend, einem der empfindsamsten Gemüter seines Metiers. Rückblickend darf man heute froh und dankbar sein, dass er noch lebt und leidlich gesund ist, stand er doch damals kurz davor, sich buchstäblich totzusaufen. Doch im Unterschied zu vielen anderen Pop- und Rockstars, die in diesem Zustand nur noch bemitleidenswerten Ausschuss produzierten, schuf er mit The Who das berührendste und ehrlichste Rockalbum, das ich kenne: The Who By Numbers.

    Kompositorisch ist es nicht der ganz große Wurf, es beinhaltet weder diffizile Pretiosen noch spektakuläre Singlehits; auch kolossale Kracher wie das 1971er Songmonument „Won’t Get Fooled Again“ sind nicht dabei. Dafür befreite es aber The Who von den etwas prätentiösen Schlacken, die die Band mit Tommy und Quadrophenia angesammelt hatte, und gab mit seiner Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit der entstehenden UK-Punkszene allen Grund, diesen Rockdinosauriern mit größtem Respekt zu begegnen, was z.B. die Sex Pistols mit ihrer Coverversion von „Substitute“ dokumentierten. Und es präsentierte dem Publikum einen neuen Star: John Entwistle nämlich, der mit seinen ebenso präzisen wie schwindelerregend schnellen und in ihrer enormen Dynamik mitreißenden Bassläufen dem Gruppensound eine neue Qualität verlieh, die in dieser Präsenz zuvor nicht vorhanden war.

    Das Album legt munter los mit dem grimmig-sarkastischen „Slip Kid“, einem zwar simplen, aber gehörig aggressiv eingespielten Hand Clapper, dessen Text von der Alltagsmühle handelt, in die ein erfolgreicher Künstler genauso geworfen ist wie jedes menschliche Zahnrad der kapitalistischen Gesellschaft. „However Much I Booze“, der zweite Track, ist für mich bereits der Höhepunkt des Albums: ein ebenso maßlos schönes wie zum Weinen trauriges Lied über einen von Selbsthass und Zorn zerfressenen Künstler, der seine multiple Frustration in Unmengen Brandy ersäuft; mich hat dieser Song seit dem ersten Hören immer ganz nah ans Wasser gebracht. „Squeeze Box“ ist dazu ein krasser Kontrast: ein nahezu naiv-fröhlicher Song über Mama, die Tag und Nacht die Quetschkommode spielt und Papa damit um den Schlaf bringt. Es geht weiter mit „Dreaming From the Waist“, einem wild drängenden Rocksong über dieses Gefühl, dass du gleich platzt vor lauter Adrenalin und Ruhelosigkeit, und das dich davon träumen lässt, endlich die Kontrolle wiederzuerlangen und Seelenfrieden zu haben.

    Aber genug der Topfguckerei. Dieses Album verlangt danach, individuell entdeckt und gespürt zu werden. Das kann man weder beschreiben noch vorwegnehmen.

    Tracklist:
    1 Slip Kid 4:30
    2 However Much I Booze 5:05
    3 Squeeze Box 2:41
    4 Dreaming From the Waist 4:09
    5 Imagine a Man 4:07
    6 Success Story 3:21
    7 They Are All in Love 3:00
    8 Blue Red and Grey 2:48
    9 How Many Friends 4:06
    10 In a Hand or a Face 3:25

    ****

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    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
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    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

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    Lena – My Cassette Player (2010)

    Es ist eine Binsenweisheit, dass die Hervorbringungen gecasteter Pop-Starlets in aller Regel eine minimale Halbwertszeit besitzen. Findet sich ein solches Erzeugnis zufällig einmal in der Sammlung eines Musik-Aficionados, zumal eines schreibenden, ist dies nicht selten Anlass für einen halb amüsierten, halb verschämten Bericht unter dem Motto: Wie ich einmal meinen Musikverstand verlor. Im besten Fall wird es als guilty pleasure verbucht, welches man mit selbstironisch durchwirktem Halb- bis Dreiviertelengagement gegen den Spott der Umwelt verteidigt. Dass meine Haltung zu Lena von diesem Muster abweicht, ist freilich nicht weniger bekannt als die angeführte Binsenweisheit. Inwiefern das auch für ihr Debütalbum gilt, soll Gegenstand dieses Beitrags sein.

    Als ich Ende Juni 2010 das vorliegende Album erwarb, gab ich damit einem über knapp vier Wochen gewachsenen inneren Drang nach, der nach den mit zunehmender Neugier und Begeisterung zu meiner Kenntnis gelangten Fernsehauftritten Lenas nach mehr verlangte. Dieser Kaufakt kam von allem, was ich je in Zusammenhang mit Lena unternahm, am ehesten einem guilty pleasure nahe, und das kam so: Ich hatte mir nämlich aufgrund des gebotenen Mehrwerts und des günstigen Preises vorgenommen, die „Tchibo Edition“ zu kaufen, die mit einer Bonus-DVD aufwartete und 14,90 Euro kostete. Somit war ich auf ein Tchibo-Geschäft verwiesen, wo ich von der halbseiden-freundlichen Verkäuferin mit den laut herausgeflöteten Worten beschieden wurde: „Einmal Lena Unser Star für Oslo für den Herrn bitteschön!“ Unter diesem Eindruck, der die nicht mehr ganz Jungen unter uns an einen bestimmten TV-Werbespot der achtziger Jahre mit einem fahrradhelmbewehrten Ingolf Lück und einer weißbekittelten Hella von Sinnen erinnern wird (oder irre ich mich in der Besetzung?), war ich bereit, die erworbene CD ohne jegliche Erwartungshaltung anzuhören. Letztendlich fand ich, dass rund die Hälfte der Tracks wirklich gut und somit die häufig anzutreffende, kühl kalkulierte Praxis, ein Popalbum mit zwei bis drei (wenn’s hoch kommt) potentiellen Singlehits und die Restlaufzeit komplettierendem, musikalisch irrelevantem Füllmaterial zu bestücken, bei weitem übertroffen war.

    Diese Wahrnehmung hatte jedoch nicht lange Bestand. Heute ist My Cassette Player für mich ein Album, mit dem ein Tag nicht fehlgehen kann, so ich es am Morgen höre, und mit dem ein Tag gerettet ist, spiele ich es am Abend. Die Tracks, die vor drei Jahren noch nicht mein Gefallen fanden, haben in der Zwischenzeit ein damals noch unentdecktes Potential entfaltet, während die schon seinerzeit mit großem Genuss gehörten Hits ihren Stand gefestigt haben. Hören wir sie im einzelnen durch.

    Satellite, der Ohrwurm des Jahres 2010. Vom Playback her betrachtet äußerst simpel gestrickt, ist die Komposition bereits nicht ohne; Lenas Gesang allerdings ist fantastisch. Versprach Ian Dury mit „Hit Me With Your Rhythm Stick“ eine musikalische Impression, die er selbst mit diesem Song nicht ganz erfüllen konnte, gelingt das Lena mit „Satellite“ grandios. Wie eine Eispeitsche knallt ihr Like a satellite aus dem Refrain im Gehörgang, und auch im Ganzen bürstet sie den Text ganz gegen seinen Wortsinn, indem sie das Schmachten und Sehnen in einen eisigen Vorwurf ummodelt. Großes Kino!
    My Cassette Player, der Titelsong. Vor drei Jahren für mich einer der irrelevantesten Tracks, ist er auch heute noch ziemlich unspektakulär, aber in seiner von Sweetness geprägten Entspanntheit überaus angenehm zu hören. Der Text ist freilich sehr naiv, nah an der Grenze zur Dämlichkeit, die aber nicht überschritten wird.
    Not Following, die Perle. Einige Lenafans verzweifeln bis heute daran, dass diese Ellie-Goulding-Komposition nicht als Single ausgekoppelt wurde. Warum?! Ein kühler Offbeat, der stark an Tryo erinnert, ein sehr schön eingesetztes Glockenspiel, das für Lenas Musik ein wenig zu einem Markenzeichen avanciert ist, und Kastagnetten als rhythmisch verstärkendes Element prägen diesen Song, der bei großer Hitze Kühlung verschafft. Lena singt defensiv, ein wenig klagend, sie gibt die ertappte Stalkerin, die sich nichts anhängen lassen will. Cool und sophisticated.
    I Like to Bang My Head: Plastik pur, der Text reiner Nonsense, vor drei Jahren die Nervensäge des Albums. Aber Lenas Stimme flutet das Lied mit Östrogenen, diesem Sirenengesang ist nicht zu entkommen. Erinnert mich an Tomacco: schmeckt scheiße, gib mir mehr davon.
    My Same, das Lied, mit dem alles begann. Hier in einer sehr jazzigen Version, die mich 2010 durch ihre Zurückgenommenheit im Vergleich zur temperamentvolleren USFO-Fassung enttäuschte, inzwischen aber durch Lenas außerordentlich subtilen Gesangsvortrag überzeugt. Perfekte Überleitung von dem Dings davor hin zu etwas ganz und gar Süßem.
    Caterpillar in the Rain. Seufz! Wundersüß! Obwohl schwerst kitschverdächtig, ist dieses Lied, das ebenfalls ziemlich jazzig daherkommt, ohne Fehl und Tadel. Warum? Man rate. Lena natürlich! Ihr damaliges Unschuldsimage findet hier seine absolute Vollendung. Engelsgleich. Und wie sie „Kaiterpillar“ singt – zum Piepen!
    Love Me, der verschmähte Favorit des USFO-Finales. Belegte in seiner ersten Chartswoche Platz 3 und wurde so völlig zu Recht zu Lenas zweitem großen Hit. Lena singt ihn mit viel Biss, Bass und Drums haben erfreulich viel Druck, und die Gitarre erzeugt einen Hauch von New-Wave-Feeling. Sehr cool!
    Touch a New Day, vor drei Jahren für mich der etwas unterbelichtete Eiscreme-Song, hat ganz klar an Format gewonnen. Wirklich zum Staunen, wie dieses eigentlich vollkommen harmlose Liedchen sich festsetzt. Des Rätsels Lösung: es ist in sich vollkommen stimmig, alles daran passt. Einfach schön.
    Bee, der dritte Top-5-Hit des Albums, Platz 4 in den Singlecharts. „I feel like a little kid again / No worries for me to understand / Fall in love each night and then / Wakin up with a feelin that I can’t describe / I love this life it just gets better“ – Lifts your spirits!
    You Can’t Stop Me, der Song zur Opel-Werbung. (In der Tiefgarage des Hauses, in dem ich wohne, steht ein Opel Corsa Satellite.) Typischer Raab-Pseudo-Funk, tut aber nicht weh. Und wie geil ist das denn: „You do appreciate my attitude / So you will never let me down“. Programmatisches Selbstbewusstsein à la Lena – das gefällt!
    Mr. Curiosity. Im USFO-Halbfinale raste das Publikum nach der Liveaufführung und schwamm in Tränen. Die Albumversion vermag nicht so zu überzeugen, ist auch nicht so besonders gesungen. Relativ zu seinem Potential ist dieser Track wohl die größte Enttäuschung des Albums. Im Unterschied zu 2010 skippe ich ihn aber nicht; zum Anhören ist er gut genug.
    I Just Want Your Kiss. Während der diesjährigen Tournee endlich live gespielt, ist dieser Song ein hübscher und wohlgelungener Amy-Winehouse-Abklatsch der besseren Sorte, sehr mädchenhaft gesungen, aber nicht ohne Biss. Hat was.
    Wonderful Dreaming – zum Abschluss noch mal was Leichtes, Jazziges. Zum Einschlafen allerbestens geeignet, und das ist weder Ironie noch Spott; am folgenden Morgen wird man dankbar sein, dass es dieses Lied gibt.

    Die Produktion dieses Debütalbums ist unzweifelhaft mittelmäßig, die Lenas Gesang begleitende Musik im wesentlichen synthetisch erzeugt. Doch ebenso wie ein perfekt geschnittener Kunstfaser-Anzug durchaus einen hervorragenden Eindruck machen kann, so kann auch ein schnell produziertes Popalbum aus dem Hause Raab über Jahre hinweg dem Hörer viel Freude bereiten. Der Hauptgrund dafür ist freilich Lenas Stimme. Um dies zu verdeutlichen, sowie um zu zeigen, warum Lena nicht unter die eingangs genannte Kategorie fällt, soll das letzte Wort dazu einem wahrhaft Berufenen gehören:

    Tracklist:
    1 Satellite 2:55
    2 My Cassette Player 3:35
    3 Not Following 3:36
    4 I Like to Bang My Head 3:23
    5 My Same 3:02
    6 Caterpillar in the Rain 3:42
    7 Love Me 2:59
    8 Touch a New Day 3:08
    9 Bee 3:00
    10 You Can’t Stop Me 2:54
    11 Mr. Curiosity 3:41
    12 I Just Want Your Kiss 3:05
    13 Wonderful Dreaming 3:32

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    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
    #1024179  | PERMALINK

    kritikersliebling

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 18,340

    Lieber Hal Croves,

    ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn es einen packt, aber ursprünglich ist dieser Thread als Gegenstück/Ergänzung zum offiziellen RS-Website-Wiederhören-Thema gedacht. Die Alben sollten also schon etwas Zeit auf dem Buckel haben und sich nicht dadurch kennzeichnen, dass sie nach zwei Jahren mal wieder gehört wurden, sondern den Wandel der Zeit oder Nostalgie oder persönliche Erlebnisse reflektieren, bzw. begleitet haben.

    Ferner sollte man den einzelnen Besprechungen etwas Zeit geben, damit der geneigte User der regelmäßig hier liest, sich auf eine neue Besprechung freut, unabhängig davon, ob er das Album kennt oder nicht.

    Oh, ich sehe gerade, dass Du aus OS kommst. Da hätte ich ja nur aus dem Fenster rufen müssen.

    --

    Das fiel mir ein als ich ausstieg.
    #1024181  | PERMALINK

    mikko
    Moderator
    Moderator / Juontaja

    Registriert seit: 15.02.2004

    Beiträge: 34,399

    KL ist natürlich zuzustimmen, was die Auswahl und Frequenz des hier Geposteten betrifft. Im Übrigen gefällt mir Deine Würdigung von Lenas Kassettenspieler ganz gut. Nur das abschließende Urteil fällt eine Idee zu positiv aus. Aber das hatte ich auch nicht anders erwartet.

    Und auch Deine Besprechung von „The Who By Numbers“ liest sich gut und enthält einige richtige Beobachtungen und Einschätzungen. Hier kann ich auch der Gesamtwertung vorbehaltlos zustimmen.

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    Twang-Bang-Wah-Wah-Zoing! - Die nächste Guitars Galore Rundfunk Übertragung ist am Donnerstag, 19. September 2019 von 20-21 Uhr auf der Berliner UKW Frequenz 91,0 Mhz, im Berliner Kabel 92,6 Mhz oder als Livestream über www.alex-berlin.de mit neuen Schallplatten und Konzert Tipps! - Die nächste Guitars Galore Sendung auf radio stone.fm ist am Dienstag, 17. September 2019 von 20 - 21 Uhr mit US Garage & Psychedelic Sounds der Sixties!
    #1024183  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,225

    Ich kenne weder THE WHO BY NUMBERS noch MY CASSETTE PLAYER, finde aber die Besprechungen sehr gut und anregend geschrieben. Hut ab! Wie Du den Werdegang von Pete Townshend/The Who im Speziellen und das alternder Rockstars im Allgemeinen in der Einleitung beschreibst, ist alleine ja schon anrührend.

    Ich weiß nicht, wie ich selbst THE WHO BY NUMBERS oder MY CASSETTE PLAYER bewerten würde – sicher völlig anders, aber das spielt hier jetzt keine Rolle – finde Deine Begeisterung aufgrund Deiner Beschreibungen aber nachvollziehbar. Es ist mir sehr sympathisch, wie Du Dich auf die jeweilige Musik einlässt, ohne Vorurteile den Blick versperren zu lassen. Die Tchibo-Anekdote ist köstlich und vielleicht ist der Weg über Tchibo („Jede Woche eine neue Welt“) genau der richtige Zugang zu Lena.

    Großartig finde ich den Plattentest mit Slayer-Drummer Dave Lombardo. Geistreich und pointiert, in ganz kurzer Zeit gelingt es ihm, die Qualität dieser Musik zu erfassen und zu beschreiben. Auch er völlig vorurteilsfrei, ehrlich und offen für das, was da aus dem Cassette Player tönt. Das ist umso sympathischer, wenn man weiß, dass er mit einem völlig anderen musikalischen Genre verbunden ist, dessen Anhänger Lena vermutlich brüsk ablehnen würden.

    Die schnelle Abfolge der Besprechungen hier finde ich allerdings auch etwas schwierig. Da bleibt einem kaum Zeit für eine Reaktion.

    --

    "I said a hip-hop, the hippie, the hippie / To the hip, hip-hop and you don't stop the rockin' / To the bang-bang boogie, say up jump the boogie / To the rhythm of the boogie, the beat" (The Sugarhill Gang)
    #1024185  | PERMALINK

    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

    Beiträge: 4,617

    O.K., dann lasse ich mir bis zur nächsten Besprechung wieder mehr Zeit. Ich war persönlich der Meinung, dass ein Abstand von drei Jahren zum Ersterwerb bzw. zur Erstveröffentlichung ausreicht, um ein Album hier zu präsentieren, so ähnlich wie Whisky mindestens drei Jahre gereift sein muss, werde aber künftig den geäußerten Wünschen auch diesbezüglich entsprechen.

    Ansonsten bedanke ich mich für die guten Worte.

    --

    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
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