Kulturelle Aneignung und Identitätspolitik

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  • #11604681  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 33,814

    Ich habe das neue Special noch nicht gesehen, die Vorhergehenden aber schon. Zum Teil schon recht drastisch (und bei weitem nicht immer gut), zum Teil aber auch nicht so trans- oder frauenfeindlich wie es gemacht wird. Auch im neuen Special ist es wohl so. Zum einen krankt die Diskussion daran, dass alles auf den Slogan „trans women are women“ heruntergekocht wird (Chappelle stimmt dem im übrigen zu), zum anderen, dass Comedians diese Themen nach Willen einiger Twitter-„Aktivisten“ eigentlich nicht anrühren sollen. Natürlich bin ich gegen ein Verbot.

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    #11605009  | PERMALINK

    herr-rossi
    Moderator
    -

    Registriert seit: 15.05.2005

    Beiträge: 75,669

    Mit US-Comedians kenne ich mich absolut nicht aus, da ich aber in letzter Zeit gerne T1J (sein bürgerlicher Name ist nicht bekannt) schaue, der als schwarzer Amerikaner Fragen der sog. Identitätspolitik auf sehr gechillte und abgewogene Weise kommentiert, habe ich neulich auch seine Nachbetrachtung der Chappelle-Shows aus den 2000s gesehen, wen’s interessiert: klick

    Was mich ja unangenehm berührt, dass die sogenannte „cancel culture“ -auch hier – immer umstandslos in Verbindung mit „wokeness“ und „political correctness“ gebracht wird, als gäbe es nicht reichlich Kampagnen von rechter Seite, die sich der genau gleichen Techniken bedienen. Man konnte es in den letzten Tagen ja im Fall von Sarah-Lee Heinrich beobachten – und hierzulande ist die Stimmung ja noch nicht mal so aufgeheizt wie in den USA.

    So sollte vor zwei Jahren Lindsay Ellis, eine Filmwissenschaftlerin und beliebte YT-Kommentatorin, die zweifellos links, aber nun wirklich alles andere als eine undifferenzierte und humorlose „PC“-Ideologin ist (im Gegenteil), durch eine rechte Kampagne gecancelt werden, mit allen Mitteln und allen Konsequenzen. Wie es einem dabei ergeht, hat sie sehr eindringlich auf dem XOXO-Festival geschildert:

    Mir geht es nicht um „Whataboutism“, sondern darum, dass endlich anerkannt wird, dass auch rechte „cancel culture“ eine Gefahr für die Meinungsfreiheit ist.

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    #11605013  | PERMALINK

    pfingstluemmel
    Darknet Influencer

    Registriert seit: 14.09.2018

    Beiträge: 3,841

    Ist das überhaupt ein Problem für jemanden, der nicht am Mainstream teilnehmen möchte? Such dir deine Nische, bau dir eine Untergrundgefolgschaft auf und scheiß auf all das, was gerade als genehm gilt. So wird man natürlich nicht reich, aber was kümmert es den Künstler?

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    Come with uncle and hear all proper! Hear angel trumpets and devil trombones. You are invited.
    #11605031  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 33,814

    herr-rossi[…]
    So sollte vor zwei Jahren Lindsay Ellis, eine Filmwissenschaftlerin und beliebte YT-Kommentatorin, die zweifellos links, aber nun wirklich alles andere als eine undifferenzierte und humorlose „PC“-Ideologin ist (im Gegenteil), durch eine rechte Kampagne gecancelt werden, mit allen Mitteln und allen Konsequenzen. Wie es einem dabei ergeht, hat sie sehr eindringlich auf dem XOXO-Festival geschildert:[…]

    Ich lese gerade ihren Roman „Axiom’s End“.

    Mir geht es nicht um „Whataboutism“, sondern darum, dass endlich anerkannt wird, dass auch rechte „cancel culture“ eine Gefahr für die Meinungsfreiheit ist.

    Würde ich nie widersprechen. Wobei mir schon so ist, dass diese Cancel Culture von rechts – also das Auffinden/Herausstellen von vermeintlich „verkehrten“ Zitaten und der Versuch in sozialen Medien einen Pranger zu errichten bzw im Fall von Medien- und Kulturschaffenden den Beruf unmöglich zu machen – zuerst von Links kam und dann, ziemlich hämisch, von rechts übernommen wurde. Was rechts war und ist: Beschimpfungen, Hetze und Morddrohungen. Beides nicht so toll.

    Das Problem sehe ich mehr und mehr bei diesen Riesenplattformen mit ihren Algorithmen, die Blasenbildung und Abgrenzung noch belohnen, aber eben auch bei deren Wirkung in der realen Welt. Twitter vor allem, ist so eine Blase, die mir vorkommt, als wären da nur Medienschaffende vertreten, die diesen binären Kosmos für das wahre Leben halten (und ein Interesse daran haben, dass nicht reguliert wird – man sehe sich einfach mal an, in wie vielen Artikeln Twitter erwähnt wird).

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    #11605191  | PERMALINK

    nicht_vom_forum

    Registriert seit: 18.01.2009

    Beiträge: 4,230

    latho
    Wobei mir schon so ist, dass diese Cancel Culture von rechts – also das Auffinden/Herausstellen von vermeintlich „verkehrten“ Zitaten und der Versuch in sozialen Medien einen Pranger zu errichten bzw im Fall von Medien- und Kulturschaffenden den Beruf unmöglich zu machen – zuerst von Links kam und dann, ziemlich hämisch, von rechts übernommen wurde.

    Bist Du sicher? Mir fallen da spontan Fälle wie die „Dixie Chicks“ ein, die für ihre Haltung zum Bush-Irakkrieg nach allen Regeln der Kunst „gecancelt“ wurden. Links sind für mich sowohl bei „Cancel Culture“ als auch bei „Identity Politics“ in erster Linie die Begriffe. Die Inhalte waren schon immer übergreifend und mindestens genauso im konservativ/rechten Spektrum vertreten. Antisemitismus, Trumps „White working class“, das „klassische Familienbild“ usw. sind doch unterm Strich nichs anderes als Identity Politics.

    Das Problem sehe ich mehr und mehr bei diesen Riesenplattformen mit ihren Algorithmen, die Blasenbildung und Abgrenzung noch belohnen, aber eben auch bei deren Wirkung in der realen Welt. Twitter vor allem, ist so eine Blase, die mir vorkommt, als wären da nur Medienschaffende vertreten, die diesen binären Kosmos für das wahre Leben halten (und ein Interesse daran haben, dass nicht reguliert wird – man sehe sich einfach mal an, in wie vielen Artikeln Twitter erwähnt wird).

     
    Zustimmung. Auch wenn für mich Facebook wesentlich problematischer ist. Twitter (und Instagramm) kann man zumindest ignorieren, ohne dass es wesentliche soziale Kosten verursacht. Facebook/Whatsapp nicht zu benutzen, verursacht handfeste Nachteile.

    --

    Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away.  Reality denied comes back to haunt. Philip K. Dick
    #11605317  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 33,814

    nicht_vom_forum
    Bist Du sicher? Mir fallen da spontan Fälle wie die „Dixie Chicks“ ein, die für ihre Haltung zum Bush-Irakkrieg nach allen Regeln der Kunst „gecancelt“ wurden. Links sind für mich sowohl bei „Cancel Culture“ als auch bei „Identity Politics“ in erster Linie die Begriffe. Die Inhalte waren schon immer übergreifend und mindestens genauso im konservativ/rechten Spektrum vertreten. Antisemitismus, Trumps „White working class“, das „klassische Familienbild“ usw. sind doch unterm Strich nichs anderes als Identity Politics.

    Ja, für mich stehen Linksidentitäre und (Rechts-)Identitäre bei allen sonstigen Verschiedenheiten auf den selben Grundlagen.
    Die Dixie-Chicks-Geschichte war ja vor den sozialen Medien (und hat auch nicht so umfassend funktioniert). Das Cancelling, also das Ausblocken und „Vertreiben“ aus sozialen Medien mit anschließendem Druck auf Arbeitgeber/Auftragsgeber ist in der Form neuer und kam in meiner Wahrnehmung erst auf „linker“ Seite vor. Ist ein bisschen virtuelle Hexenjagd und Machtdemonstration sowie innere Frontbegradigung. Nachdem die rechte Seite vorgibt, gegen „Cancel Culture“ zu sein, kann sie das ja eigentlich nur „ironisch“ betreiben (also dieselben Methoden anwenden), sie hat ja keine Chance, dass das so einen durchschlagenden Erfolg hat wie „linke“ Aktionen in der eigenen Blase.

    nicht_vom_forum
    Zustimmung. Auch wenn für mich Facebook wesentlich problematischer ist. Twitter (und Instagramm) kann man zumindest ignorieren, ohne dass es wesentliche soziale Kosten verursacht. Facebook/Whatsapp nicht zu benutzen, verursacht handfeste Nachteile.

     
    Facebook und Whatsapp sind der selbe Konzern, ich würde die aber schon trennen, zumal Whatsapp ein privater Messengerdienst für Einzelpersonen und kleine Gruppen ist, Facebook dagegen eigentlich die Definition eines sozialen Mediums mit großer Transparenz. Ich bin da hoffnungsvoll: Facebook ist bei Jüngeren und Nicht-Mehr-Ganz-Jungen out, auch Twitter schwächelt in den USA (bei den Nutzerzahlen), die Zukunft sehe ich eher in mehr Privatheit, wenn die Masse der Internetuser (synonym: „die Welt“) lernt, dass totale Offenheit nicht viel bringt (außer goodies für einige Insta-Influencer).

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    #11605335  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 33,814

    The Closer habe ich gestern Abend angesehen. Als Programm ok, schon typischer Spät-Chappelle, mir fehlten etwas die punches, das war sehr viel Erzählen und preaching to the choir, ein paar gute one liner wären nicht schlecht gewesen. Und tatsächlich ist vieles vom Inhalt den Themen LGBTQ+/Trans-Themen gewidmet. Und ja, das „Team Terf!“ taucht auch auf, aber ohne Kontext macht es keinen Sinn. Die letzten 20 Minuten erzählt Chappelle eine tatsächlich anrührende (und wohl wahre) Geschichte über eine Kollegin und Trans-Frau, die eigentlich alle hätte zufrieden sein lassen können. Aber dazu hätte der Twitter mob ja das Special ansehen und nicht nur auf einzelne Wortfetzen hin den Schaum ins Gesicht zaubern müssen.

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    #11639745  | PERMALINK

    bullschuetz

    Registriert seit: 16.12.2008

    Beiträge: 1,866

    Gehört das hierher? Ich denke schon, irgendwie: der Fall Kathleen Stock.

    Zitat:

    Zur Wahrheit gehört auch, dass wir es bei Wokeness mit Religionsersatz zu tun haben. Das wird nicht zuletzt am Namen der Bewegung deutlich: Woken­ess und Woke Culture – eine Erweckungsbewegung?

    --

    #11639759  | PERMALINK

    bullschuetz

    Registriert seit: 16.12.2008

    Beiträge: 1,866

    Und wie immer ist es kompliziert. 

    --

    #11639763  | PERMALINK

    bullschuetz

    Registriert seit: 16.12.2008

    Beiträge: 1,866

    Sorry, Link kaputt. Nochmal.

    --

    #11639803  | PERMALINK

    nicht_vom_forum

    Registriert seit: 18.01.2009

    Beiträge: 4,230

    bullschuetzGehört das hierher? Ich denke schon, irgendwie: der Fall Kathleen Stock.
    Zitat:

    Zur Wahrheit gehört auch, dass wir es bei Wokeness mit Religionsersatz zu tun haben. Das wird nicht zuletzt am Namen der Bewegung deutlich: Woken­ess und Woke Culture – eine Erweckungsbewegung?

    Ich kann nur dringendst empfehlen, die Briten beim Thema „Wokenes“ und speziell „Transgender“ komplett zu ignorieren. Die dortigen Culture Wars sind ganz besonders häßlich und nicht auf andere Länder übertragbar. Nicht zuletzt, weil sich der Brexit als massive Fehlentscheidung entpuppt und die Tories dringend etwas brauchen, zum ihr Boulevard-Klientel bei Laune zu halten, bzw. abzulenken. Da kommt das Narrativ von „Die Linke zerfleischt sich gegenseitig“ wie gerufen und wird seitens der Presse massiv befeuert.

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    #11640139  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 8,673

    diese furchtbare cancel culture schlägt schon wieder durch.

    --

    #11640173  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 33,814

    nicht_vom_forum

    bullschuetzGehört das hierher? Ich denke schon, irgendwie: der Fall Kathleen Stock. Zitat:

    Zur Wahrheit gehört auch, dass wir es bei Wokeness mit Religionsersatz zu tun haben. Das wird nicht zuletzt am Namen der Bewegung deutlich: Woken­ess und Woke Culture – eine Erweckungsbewegung?

    Ich kann nur dringendst empfehlen, die Briten beim Thema „Wokenes“ und speziell „Transgender“ komplett zu ignorieren. Die dortigen Culture Wars sind ganz besonders häßlich und nicht auf andere Länder übertragbar. Nicht zuletzt, weil sich der Brexit als massive Fehlentscheidung entpuppt und die Tories dringend etwas brauchen, zum ihr Boulevard-Klientel bei Laune zu halten, bzw. abzulenken. Da kommt das Narrativ von „Die Linke zerfleischt sich gegenseitig“ wie gerufen und wird seitens der Presse massiv befeuert.

     
    Aber gerade das Beispiel Stock zeigt ja, dass die „TERF Wars“ nicht unbedingt erfunden sind.

    --

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    #11640477  | PERMALINK

    nicht_vom_forum

    Registriert seit: 18.01.2009

    Beiträge: 4,230

    latho
    Aber gerade das Beispiel Stock zeigt ja, dass die „TERF Wars“ nicht unbedingt erfunden sind.

    Erfunden nicht. Aber sie taugen wegen der sehr speziellen britischen Randbedingunge nicht als Beispiel oder Analogie – für irgendwas. Man kann sie wirklich nur als UK-Spezialfall betrachten. Alleine das Konstrukt TERF ist ja ein Thema, das nur in der britischen Diskussion wirklich im Vordergrund steht. Schon in den USA verlaufen die gesellschaftlichen Fronten anders.

    Case in Point: Der aktuelle Koalitionsvertrag und die Berichterstattung darüber: Da wurde das Thema „Transgender“ sehr geräuschlos und im Sinn der Betroffenen behandelt. Wie es sein soll. Siehe z. B. https://www.lsvd.de/de/ct/6305-Vielversprechender-Koalitionsvertrag-Queerpolitischer-Aufbruch-kommt https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-11/ampel-koalition-gesellschaftspolitik-schwangerschaftsabbruch-selbstbestimmungsgesetz/komplettansicht

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    #11640523  | PERMALINK

    nail75

    Registriert seit: 16.10.2006

    Beiträge: 43,688

    Ich stimme dem zu. Am besten man hält sich von dieser ganze Twitter-Scheinwelt-Debatte fern. Es kommt nichts gutes dabei herum und meistens geht es nicht einmal um echte Probleme, sondern um erfundene oder eingebildete.

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