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redbeansandricedas Newborn Album ist diskografisch ganz interessant… John Koenig lies die 7000er Serie kurz nach dem Tod seines Vaters auslaufen, arbeitete dann bis 1982 noch mit der 14000er Serie weiter, das Peter Erskine Album ist das letzte von ihm produzierte… nach dem Streit mit seiner Schwiegermutter verkauften er und seine Schwester dann das Label an Fantasy, die 1985/86 gleich eine ganze Serie von Alben aus den Contemporary Vaults rausbrachten… darunter dieses Newborn Album… und beide Serien fortsetzten, die 7000er mit „alten“ Aufnahmen und die 14000er mit neuen…
http://www.jazzlists.com/SJ_Label_Contemporary.htm
http://www.jazzlists.com/SJ_Label_Contemporary_14000.htmDanke, hab das Label gar nie genauer angeschaut … vor Jahren mal die ausführlichen Texte in der 4-CD-Label-Box von Fantasy gelesen … ich hab mehr von dieser 14000er-Serie, als ich ohne zu gucken gedacht hätte, aber das ist da im Gesamtpaket echt kein besonders attraktives Label mehr. Frank Morgan, klar, und viele interessante Alben und Künstler – aber die Cover … Das Hawes-Album steht quasi am Anfang des ersten Neuanfangs, das Newborn-Album stammt war von da, aber markiert dann den nächsten Quasi-Neuanfang (eher ein verwalterischer, während der mit John Koenig ja schon nochmal ein neues Kapitel einläutete. Dass Ben Webster at the Renaissance erst da erschien, wusste ich gar nicht … manchmal könnte man ja denken, zwischen Boris Rose und Zev Feldman hätten nur die Miles-Erben den Markt mit neuen älteren Aufnahmen geflutet, aber das stimmt natürlich überhaupt nicht (von Bill Evans gab’s ja bei Fantasy auch schon immer wieder mal was).
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tbaHighlights von Rolling-Stone.deRolling Stones: Die 15 spannendsten Cover-Versionen ihrer Songs
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Gerry Wiggins – A Beautiful Friendship | Das Album neulich zu überspringen war halt doch ein Fehler – denn Gerald Wiggins spielt im März 1977 mit Major Holley und Oliver Jackson ein viel moderneres Album ein als er das 1974 mit Holley und Ed Thigpen getan hatte („Wig Is Here„). Und es brauchte tatsächlich Japaner, um die zwei Alben komplett herauszubringen – in Frankreich erschienen 1990 und nochmal 2002 zwei Compilation-CDs mit Auszügen von beiden Alben sowie ein paar Bonustracks. Diese stammen allesamt von diesen interessanteren 1977er-Sessions und sind in der japanischen Reihe am richtigen Ort untergebracht worden, also auf der abgebildeten CD, die vier Bonustracks enthält. Es gibt alte und weniger alte Pop-Songs und einen exquisiten Touch am Piano, der in „(This Is the End of) A Beautiful Friendship“, „Blue Moon“, „What Is There to Say“, „Someone to Watch Over Me“ oder „One Hundred Years from Today“ gerade so gut funktioniert wie in „Days of Wine and Roses“, dem Wild Bill Davis-Stück „Stolen Sweets“ (das Charles Thompson schon 1974 für sein Black & Blue-Album „Hey There!“ eingespielt hat), oder im Closer, Wiggins‘ eigenem „Sonar“, das u.a. Les McCann und Ray Bryant (auf dem Prestige-Trio-Album, das hier ja erfreulich beliebt ist) eingespielt haben. Als Bonus gibt es dann noch „This Can’t Be Love“ (ein Strut mit dem sonst nicht zu hörenden Bärengesang von Holley zu seiem Solo), Wiggins‘ „Sysmo Blues“, „Watch What Happens“ (alle von der 2002er-CD) und am Ende „On a Clear Day“ (erstmals auf der 1990er-CD). Wunderbare Musik von einem Pianisten, der wohl nie mehr als ein Geheimtipp war (müsste mal wer Ethan Iverson stecken
). Das bewegt sich so selbstverständlich zwischen Bop und Swing wie das bei den Detroitern der Fall ist (Harris, Jones, Flanagan), hat aber etwas mehr Biss, irgendwo zwischen Basie und Jamal … und einen enorm schönen Sound am Klavier hat Wiggins auch.--
"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
McCoy Tyner – Supertrios | McCoy Tyner mit zwei Trios: Ron Carter und Tony Williams nahmen am 9. und 10. April, Eddie Gomez und Jack DeJohnette am 11. und 12. April 1977 mit dem Pianisten in den Fantasy Studios in Berkeley auf, Orrin Keepnews produzierte für Milestone. Keepnews erwähnt, dass Williams ein paar Male in der Coltrane-Band für Jones eingesprungen sei, Tyner aber sonst praktisch nicht mit ihm gespielt habe. DeJohnette war ein alter Bekannter, mit dem Tyner aber bis zum April 1977 nie ein Studio betreten hatte (inzwischen ist mit „Forces of Nature – Live at Slugs'“ ein Live-Dokument greifbar). Und schliesslich Eddie Gomez: mit ihm hatte Tyner nie zuvor gespielt. Nach zwei durcharrangierten Alben in grösserer Besetzung wollten Tyner und Keepnews für Album Nummer 11 bei Milestone „something direct and strongly piano-oriented“ aufnehmen. Geplant war, mit jedem der Trios eine Plattenseite einzuspielen – doch schon in der Planungsphase sei ihnen, also Tyner und Keepnews, klar geworden, dass das besser ein Doppelalbum werden sollte, um mehr Musik mit den zwei feinen Rhythmusgruppen präsentieren zu können.
Das Trio mit Carter und Williams funktioniert für meine Ohren sehr viel besser als das mit Carter und Jones (auf „Trident) – Tyner klingt besser, das alles hat nicht weniger Biss, aber wirkt nicht so unter Dauer-Druck. „Wave“ von Jobim ist ein toller Opener, dann folgt mit „Blues on der Corner“ ein eigener Klassiker. Monks „I Mean You“ im Duo mit Williams, der hier sehr toll spielt, schliesst die erste Seite der Doppel-LP (bei mir läuft ein CD-Reissue). Auf der zweiten Seite gibt es Tyners „The Greeting“, Ellingtons „Prelude to a Kiss“ im Duo mit Carter und „Moment’s Notice“ von Coltrane.
Das zweite Trio spielt alle sechs Titel in voller Besetzung, es gibt nur zwei Fremdkompositionen, „Stella by Starlight“ und „Lush Life“ auf Seite 4, die mit Tyner „Blues for Ball“ endet. Auf Seite 3 gibt es drei Stücke des Pianisten, „Hymn-Song“, „Consensus“ und noch einen eigenen Klassiker „Four by Five“. Das Trio funktioniert anders, die beiden Begleiter sind agiler, vor allem das Schlagzeug sehr viel unberechenbarer. Das längste Stück des Doppelalbums, „Consensus“ mit seinen neuneinhalb Minuten, wird zu einem Highlight, in dem DeJohnette Tyners Solo ständig anders begleitet. Dann folgt Gomez, der allmählich etwas Tempo rausnimmt, um neu anzusetzen. Ich glaube, dieses Trio funktioniert gerade, weil Gomez und DeJohnette ständig in Bewegung sind, so hervorragend für mich. Tyner empfinde ich trotz seiner immensen Energie und seines Drives immer als eine Art monolitischen Block, der (auch wenn er rasende Stücke spielt) in sich ruht, quasi unbeweglich – und die Bewegung von Gomez/DeJohnette prallt wie Wellen auf ihn, da findet eine Art Arbeit statt, die mich sehr fasziniert und im Ergebnis überzeugt.
Die zweite LP bzw. Hälfte hier ist wohl aktuell mein Trio-Favorit von McCoy Tyner – quasi umgekehrt chronologisch vor der ersten Hälfte und dann „Trident“. „Passion Dance“ ist ja mehrheitlich solo, mit dem Companion „Counterpoints“ (mehrheitlich Trio, aber auch zwei Solo-Tracks) ergibt sich da aber auch nochmal ein Trio-Album – aber das überspringe ich … vom langjährigen späteren Trio (Avery Sharpe/Louis Hayes bzw. Avery Sharpe/Aaron Scott) müsste ich besonders die zwei Sweet Basil-Alben endlich mal anhören, aber auch da ist erstmal keine Eile, dass etwas so gut ist, wie diese Aufnahmen hier, erwarte ichh eher nicht.
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Freddie Redd – Under Paris Skies | Ich habe mich zu Freddie Redd ja neulich ein paar Male mässig positiv geäussert … wenn ich das zu beschreiben versuche, geht es irgendwie in die Richtung, dass ich bei ihm eine Art elaborierteres „arranger’s piano“ höre, das mich einfach nicht besonders anspricht. Er kann eine Melodie führen – er schrieb ja auch selbst diese tollen Melodien, Redd der Bandleader/Komponist ist ein anderes Thema! – aber wenn er die dann verschnörkelt und in eine Art Solo fortführt, finde ich das meistens sachdienlich und nicht viel mehr. Seinem Spiel mangelt es für meine Ohren an Subtilität, an Nuancen – er spielt ohne Dynamik, eine Art Post-Powell-Nähmaschinen-Bop. Und er klingt auch nicht besonders gut (kann er vielleicht nur mässig viel dafür, aber es gibt ja doch Alben von diversen Labeln und das zieht sich durch). Auf der Haben-Seite aber eben: ein durchaus charmantes, mit dem Kopf eines Komponisten und Arrangeurs denkendes Bebop-Piano, leicht verschattet, mit einem Talent für Melodien – und das ist perfekt, wenn er Leute wie Jackie McLean oder Tina Brooks dabei hat (auch das späte Album mit Teddy Edwards, Phil Ranelin und Curtis Peagler erinnere als ich ziemlich gut) … und die findet er auch hier, alle sechs Stücke sind von ihm – entgegen den vom Albumtitel geschürten Erwartungen gibt es keine Redd-Version von „Sous le ciel de Paris“ – was ich durchaus schade finde. „Diane I Love You“, der Opener, ist genau, was ich meine: ein tolles Stück, Redd weiss, wie er die Melodie präsentieren muss, damit sie funktioniert … im Solo reiht er dann Melodie-Paraphrasen und Bop-Licks. Didier Levallet und Didier Carlie am Bass und Schlagzeug sind als Begleiter mehr als angemessen, sie helfen Redd beim Schaffen der Stimmungen, die seine Stücke setzen, und das funktioniert im „Bleeker Street Blues“ (einen thematisch/melodisch interessanten Blues kriegt man ja auch nicht oft zu hören, das hier ist einer) so gut wie in der Ballade „To Bud with Love“ (Powell, würde ich annehmen), in der es einen schnellen Teil über eine Art Montuno-Rhythmus gibt. Teil zwei besteht wieder aus drei Stücken: „This Heart of Mine“, das fast neunminütige „You“ (eine weitere schöne Ballade mit starkem Beitrag von Levallet – hier greift auch meine Kritik am nicht genügend variablen Klavierspiel nicht wirklich, das ist echt gut!) und der kurze Closer „God Is Love“, ein Walzer, den es auf einem Paris-Album schon braucht. Aufgenommen wurde das Album an zwei Tagen Ende Juli 1971 im Studio Europasonor in Paris für Futura – und von den Alben im Trio, die ich in den letzten Wochen wieder angehört habe, ist das unbedingt mein Favorit (ich hab für später auch noch „Live at the Studio Grill“ hervorgeholt).
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soulpope "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"Registriert seit: 02.12.2013
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McCoy Tyner – Supertrios | McCoy Tyner mit Eddie Gomez und Jack DeJohnette am 11. und 12. April 1977 mit dem Pianisten in den Fantasy Studios in Berkeley auf, Orrin Keepnews produziert für Milestone …. Das Trio funktioniert anders, die beiden Begleiter sind agiler, vor allem das Schlagzeug sehr viel unberechenbarer. Das längste Stück des Doppelalbums, „Consensus“ mit seinen neuneinhalb Minuten, wird zu einem Highlight, in dem DeJohnette Tyners Solo ständig anders begleitet. Dann folgt Gomez, der allmählich etwas Tempo rausnimmt, um neu anzusetzen. Ich glaube, dieses Trio funktioniert gerade, weil Gomez und DeJohnette ständig in Bewegung sind, so hervorragend für mich. Tyner empfinde ich trotz seiner immensen Energie und seines Drives immer als eine Art monolitischen Block, der (auch wenn er rasende Stücke spielt) in sich ruht, quasi unbeweglich – und die Bewegung von Gomez/DeJohnette prallt wie Wellen auf ihn, da findet eine Art Arbeit statt, die mich sehr fasziniert und im Ergebnis überzeugt ….Höre ich auch ähnlich …. was jedoch daran nix verändert, dass sich McCoy Tyner in seinem opulenten, ja schwelgerischen Stil selbst genügt (seine Soloscheiben/-Auftritte ja zumeist ein Erlebnis) und das Piano Trio Format an dessen Grenzen führt …. btw ziemlich interessant, wie häufig Eddie Gomez ab den mitt70ern als in seinen Formeln erstarrt gehört wird um dann in Einzelfällen – wie hier – „genau richtig“ zu sein ….
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"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)soulpope
btw ziemlich interessant, wie häufig Eddie Gomez ab den mitt70ern als in seinen Formeln erstarrt gehört wird um dann in Einzelfällen – wie hier – „genau richtig“ zu sein ….Ja, guter Punkt – wobei das Reden über Gomez‘ Erstarrung sich zum grössten Teil auf das Evans Trio als Ganzes und eher den Leader beziehen dürfte also konkret auf Gomez‘ Bass-Spiel?
Ich hatte auch nochmal kurz geguckt, wo es sonst Gomez/DeJohnette nach Bill Evans überall gibt … bei mir: Lee Konitz (1969), Jack Wilkins (1977 – mit Randy Brecker), Ralph Towner (1978), Mick Goodrick (1978 – mit John Surman), Joanne Brackeen (1981 und 1991) Bennie Wallace (1985 – mit weiteren Leuten und nicht auf dem ganzen Album), Eliane Elias (1989 – wegen Nana Vasconcelos und vermutlich zu viel Gesang hier off topic) – viel Gitarre also, aber das leuchtet ja genau so ein wie mit Pianist*innen.
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Sadik Hakim – Resurgence / Piano Conception | Japan und die Jazz-Pianisten ist wirklich ein Thema für sich … von Sadik Hakim habe ich schon über ein paar Alben geschrieben, und weil ich die insgesamt so toll finde, mussten noch zwei her, die man als 2022er CD-Reissues noch kriegen kann. Sie stammen von einer Session am 21. Juni 1977 im Downtown Sound Studio in New York mit Errol Walters (b) und Taro Okamoto (d). Gus Statiras hat die Session produziert, wie es scheint für den japanischen Ableger von Progressive. Eine US-Ausgabe listet Discogs nur in Form einer Compilation (produziert von Lars Edegran, was dann auch gleich als Credit für die Produktion auf die Reissues gedruckt wurde – geschludert bzw. das Reissue neu aufgelegt, was ja in Japan oft passiert, und dabei die Original-Credits verschluckt). Darauf wurden alle 14 Stücke der Session kombiniert (als CD-R gelistet – entweder als Stellvertreter für ein rein digitales Format oder es waren zwei, denn beide Alben sind über 40 Minuten lang, das zweite mit den Alternates, die ja auch dabei sind, sogar über eine Stunde). Es ist leider dieses generische Cover, das für beide 2022er-Reissues zum Einsatz kam:

Die Info auf dem Cover mag darauf hinweisen, dass es von den Alben doch auch US-Releases mit anderen Titeln gibt – die bei Discogs aber keinerlei Spuren hinterlassen hätten.
Die LPs bestehen aus je drei Stücken pro Seite, dazu kommen dann noch zwei Alternate Takes von Stücken von „Piano Conception“. Das geht alles sehr gut rein … und wenn ich Hakim mit Redd vergleiche, ist er technisch vielleicht gar nicht viel besser, stilistisch sowieso nah (Powell halt), aber er hat einfach die besseren Ideen, einen interessanteren Flow, konstruiert Soli mit einer gewissen Logik – und ähnlich wie Redd mit interessanter akkordischer Begleitung und Einsatz von recht viel Pausen und Raum. Das Programm des ersten Albums ist vielseitig. Los geht es auf dem ersten Album mit „Dear Old Stockholm“, gefolgt vom Porter-Klassiker „Easy to Love“ und dem ersten Original von Hakim, „The Right Way“. Das zweite mit Walters am E-Bass, „Down by the Ferry Dock“, öffnet Teil 2, gefolgt von einer Piano-Solo-Version von John Lewis‘ „Milestones“ (also das Stück aus der Charlie Parker Zeit, 1947 um genau zu sein, das üblicherweise auch als von Miles Davis gelistet wird) und „Little Train“ von Heitor Villa-Lobos, mit Samba-Beat und zunächst dem gestrichenen Bass im Lead, bevor Hakim übernimmt.
Album Nummer zwei bietet fünf Hakim-Tunes (plus zwei Alternate Takes) sowie „Monk’s Mood“. Los geht es mit „Waltz with Me“, ein Highlight ist dann die Ballade „Why So?“ – und als Zwischenfazit direkt nach Redd halt, dass dessen Stücke eben wirklich besser sind als die Tunes von den allermeisten, prägnanter, mit eigenwilligeren und auch süffigeren Changes (manche Redd-Stücke klingen ja fast wie Pop-Songs). In „A Pearl for Errol“ spielt Walters dann wieder den E-Bass, stellenweise klassisch walkend, aber manchmal mit fast verzerrtem Ton. „Prayer for Liliane“ ist dann wieder ein mittelschneller Walzer – und ein echt schönes Stück, das denen von Redd nun wirklich nicht nachsteht. Nach der schönen Monk-Interpretation greift Walter für „Thinking of You“ nochmal zum E-Bass, es gibt einen graden Latin-Beat und wieder recht süffige Changes. Den Ausklang machen dann ein erster Take von „Waltz with Me“ und der vierte (keine Ahnung, ob der vor oder nach dem Master entstanden ist) von „Prayer for Liliane“ – als hätten die drei mit dem Dreiviertel etwas länger gebraucht.
Unterm Strich auch das sehr schöne Aufnahmen – erfreulich, dass Hakim in den Siebzigern doch recht gut dokumentiert wurde, und dass das allesamt lebendige Alben mit einer eigenen Tönung sind, keine Veteranen-Musik und auch nichts, was (wie z.B. die meisten hier gehörten Black & Blue-Alben) irgendwie über den Stilen stehen muss oder will … sondern Hakim spielt einfach sein Zeug und das ist 1977 noch genau so gut, wie es das vermutlich schon 1947, sicher aber 1957, gewesen ist.


Die Rückcover sind echt schön hier – auf dem ersten Album gibt’s eins mit Foto, auf dem die drei händchenhaltend nebeneinander sitzen (im Studio? in Statiras‘ Büro? Links hängt ein Poster, darauf sind die Namen Braff, Condon, Krupa und mehr, was ich nicht zuordnen kann, zu lesen – Werbung (oben steht „…cement“) für eine Platte oder ein Konzert wohl:

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..wenn man nur eine hälfte des albums nominieren könnte, wäre tyner/gomes/dejohnette in meiner top trio liste in den vorderen regionen zu finden….die vorbehalte gegen trident kann ich nachvollziehen, für mich aber immer noch ein vorzügliches album, in einer top 100 wären sicher drei alben von tyner drin!
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Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt!
soulpope "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"Registriert seit: 02.12.2013
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Bob Degen Trio „Parting“ (Enja Records) 1998 …. dies ein Pianist mit/in eigener Nische und zahlreichen Eigenkompositionen, welche de facto alle nicht einmal erweiterte „Standards“ wurden .. hier cooperativ mit Bassist Michael Formanek (was für Intro !!) und dem Finesse Drummer Bill Stewart in sehr feingliedriger Abstimmung …. auch bez. Covertitelauswahl interessant ….
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soulpope "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"Registriert seit: 02.12.2013
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Für mich hat Eddie Gomez innerhalb seiner Entwicklung in den 70ern – und dies geschah unabhängig von Bill Evans –längere Pause eingelegt bzw sich womöglich zu sehr auf den höherfrequenten Teile seiner Instrumentes fixiert …. dieses brachte in einem flächigeren Kontext – Ralph Towner (btw. Gitarristen überhaupt ?), Joanne Brackeen – wiederholt feingesponnene Klangbilder, die Soli wurden jedoch immer vorhersehbar(er) ….
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Hank Jones – I Remember You | Als nächstes wieder Black & Blue – aber mit einem vorzüglichen, ganz aus einem Guss geratenen Album von Hank Jones, der am 28. Juli 1977 mit George Duvivier und Oliver Jackson ein wunderbares Programm einspielte, in dem sich alte Klassiker – das Titelstück als Opener, „You Took Advantage of Me“, „Love Walked In“, „I’ll Be Around“, „Let’s Fall in Love“, „Like Someone in Love“ (das Thema im Duett mit gestrichenem Bass), „It’s the Talk of the Town“ – mit ein paar Jazz-Originals mischen: „Dat Dere“ von Bobby Timmons und „Theme for Jobim“ von Gerry Mulligan. Das besonderste Stück ist vielleicht das zweite, „Young No More“ von einem gewissen Frank Metis („German-American songwriter, arranger, bandleader, accordion player & author. Born August 8, 1925 in Germany. Died March 10, 2010 in Jackson Heights, New York, USA.“ steht beim Discogs-Eintrag). Von diesem, dem Titelstück, „Love Walked In“ und „Like Someone in Love“ gibt es noch je einen Alternate Take. Jones spielt „You Took Advantage of Me“ unbegleitet – und offenbart hier vielleicht noch deutlicher als sonst seinen wunderbaren Touch. Solche Urteile sind ja immer etwas doof und führen vor allem meistens nirgendwo hin, aber nach Redd oder Hakim ist das schon Klavierspiel von einer anderen Qualität (Gerry Wiggins kommt sehr nah, würd ich sagen). „Let’s Fall in Love“ ist das zweite Solo – und das ist hier eine Stride-Nummer. Zum dritten Mal unbegleitet kriegen wir Jones dann nach dem Mulligan-Bossa im Closer, „It’s the Talk of the Town“. Das mit der Qualität des Klaviersiel ist natürlich nur einer von vielen Aspekten, die am Ende das Gesamtpaket ausmachen. Dieses ist hier allerdings eh rundum gelungen – eben wirklich aus einem Guss.
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Harold Danko Trio „In and Out“ (SteepleChase) 2002 …. durch das sehr famose „Trilix“ Album bin ich hellhörig auf die frühere Aufnahme des Pianisten geworden …. und eine kleine Investition später kam wieder Frohsinn auf, das eingespielte „Gespann“ inkl. Michael Formanek (b) + Jeff Hirshfield (dr) bietet wieder ein exzellentes Gourmetmenü …. es ist auch hier die hochinteressante Titelauswahl, welche ein bestimmemder Faktor ist und so ist bspws die Sicht auf Joe Henderson’s „In and Out“ schlichtweg sehr hinreissend …. btw Nils Winther betätigt für die Coverphotographie zwar den Autofocus, lässt aber gesichert den Belichtungsmesser aussen vor …. ergo ist die SteepleChase Typizität garantiert …. gehört gehört (!!) ….
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"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
Don Friedman – Jazz Dancing | Ein zupackendes und überraschend gradliniges Bebop-Album nahm Don Friedman am 12. September 1977 für Progressive auf – allem Anschein nach wieder eins nur für den japanischen Markt, was vielleicht das Repertoire erklärt? Frank Luther und Ronnie Bedford sind dabei … und ich hab neulich schon drüber geschrieben, auch über die verworrene Situation mit den Friedman-Veröffentlichungen für Progressive, aber die Friedman-Alben, die ich sonst übersprungen hatte, liegen jetzt auf dem Stapel und das hier, als erstes, lief gestern erneut.


Parallel dazu kehre ich nochmal in die frühen Siebziger zurück, hab den Black and Blue-Katalog nochmal etwas durchforstet, auch da hatte ich zwei Drittel der Klaviertrio-Alben nicht herausgesucht. Gene Rodgers hatte 1939 bei Hawkins‘ berühmten „Body and Soul“ mitgespielt. 1910 in New York geboren (die Eltern kamen auf den Danish West Indies zur Welt, heute den US Virgin Islands), 1987 ebendort gestorben, spielte er um dieselbe Zeit neben Hawkins auch mit Benny Carter oder Erskine Hawkins (und mit dem auch mit Rosetta Tharpe), davor schon mit King Oliver, Clarence Williams etc. Da Black and Blue ja zum einen Teil immer auch Traditionspflege war, gruben sie 1972 auch Rodgers nochmal aus. Am 6. Juli hatte Slam Steward im Bell Sound in New York die erste Hälfte seines Albums „Slamboree“ eingespielt – mit Wild Bill Davis am Klavier, Al Casey, und Joe Marshall. Die drei fehlenden Stücke folgten dann am 10. Juli im selben Studio im Trio – mit Gene Rodgers und Jo Jones: „Foolin‘ Around“, „When Your Lover Has Gone“ und „Indiana“ – natürlich mit gestrichenen Bass-Soli, in denen Stewart auf seine so typische Art mitsingt. Auf der CD gibt es beim Bonusmaterial auch hauptsächlich Alternate Takes von der Session mit Casey, aber ganz am Ende auch noch eine Probe zu „Foolin‘ Around“.

Gene Rodgers – After Hours | Hauptsächlich entstand am 10. Juli aber Rodgers‘ eigenes Album mit Stewart und Jones – und weil die drei an dem Tag enorm produktiv waren, gibt es da noch vier Outtakes (keine Alternate Takes). Und Stewart nimmt eine weniger prominente Rolle ein, drängt nicht ständig in den Vordergrund, singt aber auch hier bei den Soli mit – aber macht nicht ständig einen auf Spektakel. Rodgers spielt ein eher bescheidenes Swing-Piano, keine Virtuosität, da und dort leise Stride-Anleihen, aber weil er die fast immer weg lässt, wirkt er moderner und mehr im Blues verwurzelt, wie schon im Opener, „I Wish I Knew How It Would Feel to Be Free“, zu hören ist, wo er nach dem Bass-Solo ein jubilierendes-klagendes zweites Solo spielt (mir ist trotz der Simone-Strecke im Sommer nicht bewusst geworden, dass Billy Taylor den Song komponiert hat). Weiter geht es mit „Lullaby of the Leaves“ – ein gezupftes Bass-Intro ohne Stimmeinsatz, im Solo danach greift Stewart zum Bogen und singt mit – und Rodgers blüht auch hier erst danach so richtig auf. „Makin‘ Whoopee“ ist ein Solo für Rodgers, der hier etwas dichter spielt, nah am Stück aber mit tollen Läufen. Der eigene „Peculiar Blues“ beschliesst dann die erste Seite: ein funky Shuffle mit Gesang, zu dem auf der Hülle nichts steht, ich tippe darauf, dass der von Rodgers kommt – erinnert ein wenig an Les McCann, den man durchaus – neben Erroll Garner und Monty Alexander, die Bernard Niquet in den Liner Notes erwähnt – auch im Klavierspiel da und dort heraushören mag. Ich höre hier vor allem einen (nahezu) Zeitgenossen von Earl Hines, der auf eine ähnliche Art mit sehr hartem aber auch brillantem Anschlag spielt, den Fokus auf die Melodie liegt, aber auch einen Sinn für schöne Voicings hat – auch im Blues, wo er wie üblich nach dem Bass-Solo erst richtig los legt, bevor er zum Abschluss nochmal singt. Die zweite Plattenseite enthält nur drei Stücke und „After Hours“, das vor Jimmy Smith eine Pianisten-Parforce-Nummer war, legt Rodgers gleich mit einem tollen Blues-Solo los, während Jones mit ihm mit aktiv mitgeht und einen flächigen Beat dazu spielt. Hier ist die zweite Runde nach dem Bass nur noch eine erweiterte Coda, in der Rodgers zweihändig rifft, während Stewart/Jones, den Groove zum Ende bringen. „September in the Rain“ ist das zweite wunderbare Solo-Stück des Albums, das danach mit „Body and Soul“ schliesst, im mittelschnellen Tempo und mit ziemlich üppigem Piano. Das Bonussegment bildet dann quasi eine dritte Plattenseite mit einem zügigen „A Foggy Day“ zum Einstieg und Rodgers‘ „Good Grief“, in ähnlichem Tempo und mit üppigem Kommentar von Jones in Rodgers‘ zweitem Solo nach Stewart. „Yesterdays“ ist dann natürlich wieder ein Solo-Stück, mit einem gut aufgelegten Pianisten, der immer wieder in Läufe in der hohen Lage ausbricht und auch à la Hines tremoliert. Auch „Over the Rainbow“, der Closer, spielt Rodgers solo und das ist dann nochmal eine richtige Ballade und ein sehr schöner Ausklang dieses vollkommen überzeugenden, überhaupt nicht altbackenen Albums (das würde ich zu „Slamboree“ nicht sagen) – und gerade eine echt schöne Überraschung beim Wiederhören (vermutlich erst der dritte Durchgang – aber viele dieser B&B-Alben liefen vor allem um 2021/22 herum, als ich fast komplett im Homeoffice herumsass und an langen Tagen etwas musikalische Gesellschaft benötigte).

Claude Hopkins – Safari Stomp | Das Fazit gilt hier nicht ganz – jedenfalls nicht, was „nicht altbacken“ angeht, denn Hopkins war tatsächlich ein paar Monate älter (Ende August vs. Ende Dezember 1903) und sein Spiel bleibt viel stärker in der alten Musik verwurzelt. Auch bluesy, einfacher, manchmal fast basic. Auch er weiss eine Melodie zu präsentieren, wie er z.B. im zweiten Stück, seinem eigenen „Crying Out My Heart for You“, eindrücklich zeigt. Arvell Shaw spielt hinter ihm den passenden, auch etwas altmodischen Bass, Jo Jones ist wieder am Schlagzeug dabei, als Hopkins am 17. Juli 1974 in Vallauris (zwischen Antibes und Cannes) dieses Album einspielte. „I Would Do Anything for You“ ist der Opener, ansonsten gibt es Oldies und Klassiker wie „Struttin‘ with Some Barbecue“, „Them Their Eyes“, „Poor Butterfly“, „I’m Coming Virginia“ und dazwischen Hopkins‘ Titelstück und seinen „Nice Blues“ (ich tippe auf: dem Ort gewidmet, an dem die alle gerade beim Sommerfestivals spielten, 1978 nahm B&B dort ja dann eine ganze Reihe von Alben auf). Die CD bietet hier nochmal ganze acht Bonustracks – ein paar Alternate Takes (zwei von „Struttin'“, einen vom Titelstück), aber auch neue Stücke, die die Palette ein wenig erweitern und vielleicht deshalb nicht aufs Album gelangten: Ellingtons „I Got It Bad“, Neal Heftis „Cute“ (in zwei Takes, mit meisterhaftem Besen-Spiel von Jones), dazu noch „Who’s Sorry Now“ und „It’s Wonderful“. Auch das ein wunderbares, aber recht anders geartetes Album. Zwischen Hopkins, Rodgers, Thompson, Wiggins und Jones öffnet sich die ganze Breite dessen, was Black and Blue im sehr weiten Feld des Mainstream, der in den Siebzigern längst alles von den Hot Five bis zum Bebop umfasste, zu bieten hat. Doch zwei weitere kommen noch …


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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
Milt Hinton – Basicly with Blue | 17. Juli 1976 im Black and Blue Open Air Studio in Nizza (vermutlich einfach irgendwo in der Arena ohne Publikum, gibt auch Filmaufnahmen aus dem Rahmen) – Cliff Smalls ist der neue Mann am Klavier, der beim Label als Sidemen und auch mal als Leader zum Einsatz kam. Hinton spielt natürlich den Bass, und das Trio profitiert massiv vom Drummer, Sam Woodyard, der schon im Opener tolles Zeug dahertrommelt und sich wie üblich als Charakterkopf erster Güte erweist. Natürlich steht der Bass im Mittelpunkt, aber er produziert nicht wie Slam Stewart, ist viel agiler als Major Holley oder Arvell Shaw. Die LP enthält elf meist kurze Stücke (nur drei sind vier bis fünf Minuten lang), Miniaturen mit vielen guten Arrangement-Ideen, die das alles abwechslungsreich machen. Bass im Lead, Piano und Bass unisono, Duo-Passagen für Bass und Drums … der Opener „Look Out Jack!“ stammt von Walter „Foots“ Thomas, es folgt der Traditional „Joshua Fit the Battle of Jericho“, mit „Mean to Me“, „How High the Moon“, „Laughing at Life“ (mit Gesang vom Leader, mit und ohne Text) und „(Back Home Again in) Indiana“ sowie „Prelude to a Kiss“, und „Undecided“ gibt es Pop- und Jazz-Standards, dazu ein paar Stücke von Hinton selbst: „Me and You“ (ohne Smalls), „Mona’s Feeling Lonely“ (hier lässt Hinton seinen Bass zu karger Begleitung den Blues singen) und der CD-Bonustrack „Walking Through the Woodyard“, während der LP-Closer „Toneing Down“ von Smalls stammt. Ich finde es aufschlussreich, Hinton relativ direkt neben George Duvivier zu hören. Beide konnten in jedem denkbaren Rahmen eingesetzt werden – Hinton mag generell etwas traditioneller unterwegs gewesen sein, aber hier ist er wirklich super und hat sein eigenes Album unbedingt verdient.
Zum Pianisten kann ich hier gar nicht viel schreiben, seine Rolle ist tatsächlich recht klein hier – aber er füllt sie gekonnt Smalls lebte von 1918 bis 2008, lauf Wiki brachte ihm sein Vater, der Klavier und Orgel in seiner Kirche in Charleston, SC, spielte, schon früh klassische Musik bei. Weg aus seiner Heimat ging er mit den Carolina Cotton Pickers (die auch aufnahmen). Von 1942 bis 1946 spielte er Posaune und arrangierte und sprang als Back-Up-Pianist ein in der Big Band von Earl Hines – er fand sich also neben Gillespie und Parker, mittendrin, als der Bebop entstanden ist. Als die Big Band aufgelöst wurde, spielte er mit allem, was Rang und Namen hatte, auch mit Earl Bostic, als dort gerade ein junger Coltrane in der Band war und „Flamingo“ entstand, mit Sarah Vaughan, J.J. Johnson und Charlie Rouse, Eatha Kitt, Ella Fitzgerald, Sammy Davis Jr., Smokey Robinson, Clyde McPhatter, Brook Benton … und 1955/56 ist er bei zwei Alben von Bennie Green zu hören. Danach spielte er länger mit der Band von Sy Oliver, auch noch, als diese von 1974 bis 1984 im Rainbow Room auftrat. In den Siebzigern nahm Smalls für die Master Jazz Piano-Reihe auf, spielt für dassele Label auf Alben von Julian Dash und Buddy Tate mit, und ist eben auch auf einigen Black and Blue-Alben zu hören … nicht nur im Trio, wohlgemerkt, sondern auch mit Sy Olivers Band (1973) und mit Percy France und Leonard Gaskin auf „Oliver Jackson Presents Le Quartet“.

Major Holley – Excuse Me Ludwig | Major Holley hatte ein paar Jahre früher für Black and Blue schon ein Trio-Album mit Gerry Wiggins und Ed Thigpen gemacht, das mir bisher durch die Lappen ging („Mule“ heisst es), im Februar 1977 nahm er mit Wiggins und Oliver Jackson das nächste auf (ein drittes mit Slam Stewart sowie dem Hank Jones Trio mit Duvivier/Jackson folgte im Juli 1977 noch, das kenne ich ebenfalls noch nicht). Auch das ein gutes Album mit einigen sehr tollen Stücken, etwa „Salty Mama Cassoulet“, einem von drei Holley-Originals hier. Sein Bogen-Spiel mit Unisono-Gesang dazu (Steward sang eine Oktave höher, Holley hatte offensichtlich eine recht beeindruckende Bass-Stimme) ist aber auf Dauer schon etwas ermüdend, auch wenn er nie so in den Vordergrund drängt, nie so auf Show aus ist wie Steward. Das Titelstück ist der Opener und das erste Stück von Holley, das dritte Original ist „Lamb Stew for Slam“ am Ende der A-Seite. Zwischen die drei Originals wurden Berlins „Blue Skies“ und Strayhorns „Lush Life“ programmiert. Auf der B-Seite gibt es „How High the Moon“ (mit viel Raum für Wiggins und Jackson), Strayhorns „Raincheck“, Ann Ronells „Willow Weep for Me“ und „Like Someone in Love“, als Bonustrack auf der CD dazu noch einen Alternate Take von „Excuse Me Ludwig“. Auch Gerald Wiggins hat hier insgesamt einen eher kleinen Part, aber er drückt dem Album dabei deutlich stärker seinen Stempel auf als Smalls das vermag.

Rodger „Ram“ Ramirez – Easy to Love ~ Plays Standard | Ausgerechnet bei der 2020er-Erstveröffentlichung im Rahmen der grossen japanischen Black and Blue-Reihe wird der Name des verdienten Protagonisten falsch geschrieben (ein D zuviel, dafür am Ende ein S vergessen). Das Album wurde am 9. und 16. Mai 1977 aufgenommen – ob in Paris oder New York weiss ich nicht. Es gibt nach dem Titelgebenden Cole Porter-Song eine Reihe weiterer Standards: „Don’t Blame Me“, „Prelude to a Kiss“, „Makin‘ Whoopee“, „Stompin‘ at the Savoy“, „Honeysuckle Rose“, „How Long Has This Been Goin‘ On?“, „How High the Moon“, dazwischen die Ramirez-Stücke „Tender Frame“, „Don’t Know it“ und „Something in F“. Von „Prelude to a Kiss“ und „Tender Frame“ sind auch noch je ein Alternate Take zu hören. Al Hall und Eddie Locke bilden die äusserst solide Rhythmusgruppe. Neben Wiggins verblasst auch Ramirez‘ Spiel ein wenig, aber vor Smalls braucht er sich keinesfalls zu verstecken – und dieses Trio-Album von 1977/2020 ist ein echt schöner Fund. Ramirez hat Swag und Swing, ein gutes Timing, in dem einiges an Basie steckt … aber sicher auch Hines und Garner ihre Spuren hinterliessen. Teddy Wilson wohl auch, aber das ist weniger offensichtlich. Es gibt auch Momente – in der Melodieführung und den Changes von „Tender Frame“ etwa, in denen Ramirez gar nicht weit von der alterslosen klassischen Eleganz eines Tommy Flanagan ist.
Roger J. Ramirez kam 1913 in San Juan auf Puerto Rico zur Welt und starb 1994 in Queens, NYC. Sein „claim to fame“ ist, dass er „Lover Man“ komponiert hat. Ein frühes Columbia-Album von 1960, „The Most Crazy…“ mit Ramirez an der Orgel und dem Drummer Ronnie Coles, hat Black and Blue als „Live in Harlem“ neu aufgelegt – auch sehr hörenswert. Auch Ramirez – und Earl Hines, Claude Hopkins und Sir Charles Thompson, die alle auch bei Black and Blue vertreten sind – hat für die Master Jazz Piano Reihe aufgenommen. Seine ersten Gigs spielte Ramirez, der in New York aufwuchs und früh das Klavierspiel zu erlernen begann, in den frühen Dreissigern. Unter anderem gehörte er zu den Bands von Rex Steward, Sid Catlett, Willie Bryant, Ella Fitzgerald, Frankie Newton, Charlie Barnet und John Kirby. „Lover Man“ komponierte er 1942, zwei Jahre später nahm Billie Holiday den Song auf, der danach sehr schnell populär wurde. Ab Mitte der Fünfziger spielte er auch Orgel. Auf Platte kriegt man ihn neben der Fitzgerald (ehemals Chick Webb) Big Band auch mit der Band von Jack McVea und Buster Bailey, auf der ersten Blue Note-Session von Ike Quebec, auf „Annie Sings Ross“ (Prestige, 1952), oder – wieder einmal, klar – bei Master Jazz Recordings als Leader („Rampant Ram“) sowie Pianist einer Ellingtonians-Band um Booty Woody („Hang in There“ heisst die Platte).

Cliff Smalls Featuring Oliver Jackson and Leonard Gaskin | Im Februar 1978 ist Smalls dann als Leader an der Reihe, in Südfrankreich entsteht sein Album mit Leonard Gaskin und Oliver Jackson, das mit „Yellow Dog“, einem Original des Bassisten, beginnt. Dessen Spiel mit trockenem Ton aber guten Beat ist ähnlich altmodisch wie das von Arvell Shaw (den Black and Blue allerdings ganz anders aufnahm) oder Al Hall. Jackson sorgt jedoch für viel Bewegung und Gaskin ist hier überhaupt nicht fehl am Platz, das ist einfach wieder ein etwas altmodischeres Album – dennoch denke ich, ein anderer Bassist hätte schon einen Unterschied machen können (z.B. Hinton oder Duvivier). „The Man I Love“ und Smalls‘ bereits gehörtes „Toneing Down“ folgen auf der A-Seite – die Stücke sind hier also deutlich länger. Auch die B-Seite enthält nur drei, „Millie and Alexis Blues“ vom Drummer, „Secret Love“ und „Caravan“, das dem 2000er-Reissue den Namen gab und für meine Ohren hier wirklich das Highlight ist – eine verhaltene Performance mit einer leicht mysteriösen Stimmung, die dem Stück von Juan Tizol absolut gerecht wird. Dort erschien auch der in Japan wieder beigefügte Bonustrack, ein Alternate Take von Gaskins Opener.

Oliver Jackson Trio Featuring Cliff Smalls and Leonard Gaskin | Ein Jahr später ist dasselbe Trio wieder im Studio – dieses Mal in Paris, Barclay, und unter Jacksons Leitung. „You Can Depend on Me“ von Smalls‘ Förderer Earl Hines macht den Auftakt, „O.J. Tune“ von Jackson, Basies „One O’Clock Jump“, Kaempferts „Love“ (oder „L-O-V-E“ – reduktionistisches Besen-Solo vom Leader, Semi-Stride-Solo-Einlage vom Pianisten, mehrere Tonartenwechsel …) und Jacksons „Blues After Hours“ (Jackson oder sonstwer juchzt zum rollenden Blues-Solo von Smalls, Gaskin lässt seinen Bass endlich etwas ausklingen und geht richtig in die Tiefe, Jackson ist ebenfalls super hier) folgen auf der A-Seite. Die B-Seite öffnet mit „Love for Sale“ (mit tollem Beat von Jackson und das nächste Highlight, obwohl Gaskin zu seiner „jeder Ton sauber abgesetzt“-Phrasierung zurückkehrt), gefolgt von „I Let a Song Go Out of My Heart“, Sy Olivers „Opus One“ und „Softly as in a Morning Sunrise“ – das ist unterm Strich wohl wirklich besser als das Vorgänger-Album des Trios (wie Claude Carrière in den Liner Notes meint). Die Rollenverteilung ist dabei nicht gross verändert – aber selbst wenn es nur für das Cover gewesen wäre, hat sich der Leader-Wechsel gelohnt.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
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Rodger „Ram“ Ramirez – Easy to Love ~ Plays Standard | Ausgerechnet bei der 2020er-Erstveröffentlichung im Rahmen der grossen japanischen Black and Blue-Reihe wird der Name des verdienten Protagonisten falsch geschrieben (ein D zuviel, dafür am Ende ein S vergessen). Das Album wurde am 9. und 16. Mai 1977 aufgenommen – ob in Paris oder New York weiss ich nicht. Es gibt nach dem Titelgebenden Cole Porter-Song eine Reihe weiterer Standards: „Don’t Blame Me“, „Prelude to a Kiss“, „Makin‘ Whoopee“, „Stompin‘ at the Savoy“, „Honeysuckle Rose“, „How Long Has This Been Goin‘ On?“, „How High the Moon“, dazwischen die Ramirez-Stücke „Tender Frame“, „Don’t Know it“ und „Something in F“. Von „Prelude to a Kiss“ und „Tender Frame“ sind auch noch je ein Alternate Take zu hören. Al Hall und Eddie Locke bilden die äusserst solide Rhythmusgruppe. Neben Wiggins verblasst auch Ramirez‘ Spiel ein wenig, aber vor Smalls braucht er sich keinesfalls zu verstecken – und dieses Trio-Album von 1977/2020 ist ein echt schöner Fund. Ramirez hat Swag und Swing, ein gutes Timing, in dem einiges an Basie steckt … aber sicher auch Hines und Garner ihre Spuren hinterliessen. Teddy Wilson wohl auch, aber das ist weniger offensichtlich. Es gibt auch Momente – in der Melodieführung und den Changes von „Tender Frame“ etwa, in denen Ramirez gar nicht weit von der alterslosen klassischen Eleganz eines Tommy Flanagan ist ….Schaut interessant aus ….
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"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin) -
Schlagwörter: Jazz, Piano, Piano Trio
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