Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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Milt Hinton – Basicly with Blue | 17. Juli 1976 im Black and Blue Open Air Studio in Nizza (vermutlich einfach irgendwo in der Arena ohne Publikum, gibt auch Filmaufnahmen aus dem Rahmen) – Cliff Smalls ist der neue Mann am Klavier, der beim Label als Sidemen und auch mal als Leader zum Einsatz kam. Hinton spielt natürlich den Bass, und das Trio profitiert massiv vom Drummer, Sam Woodyard, der schon im Opener tolles Zeug dahertrommelt und sich wie üblich als Charakterkopf erster Güte erweist. Natürlich steht der Bass im Mittelpunkt, aber er produziert nicht wie Slam Stewart, ist viel agiler als Major Holley oder Arvell Shaw. Die LP enthält elf meist kurze Stücke (nur drei sind vier bis fünf Minuten lang), Miniaturen mit vielen guten Arrangement-Ideen, die das alles abwechslungsreich machen. Bass im Lead, Piano und Bass unisono, Duo-Passagen für Bass und Drums … der Opener „Look Out Jack!“ stammt von Walter „Foots“ Thomas, es folgt der Traditional „Joshua Fit the Battle of Jericho“, mit „Mean to Me“, „How High the Moon“, „Laughing at Life“ (mit Gesang vom Leader, mit und ohne Text) und „(Back Home Again in) Indiana“ sowie „Prelude to a Kiss“, und „Undecided“ gibt es Pop- und Jazz-Standards, dazu ein paar Stücke von Hinton selbst: „Me and You“ (ohne Smalls), „Mona’s Feeling Lonely“ (hier lässt Hinton seinen Bass zu karger Begleitung den Blues singen) und der CD-Bonustrack „Walking Through the Woodyard“, während der LP-Closer „Toneing Down“ von Smalls stammt. Ich finde es aufschlussreich, Hinton relativ direkt neben George Duvivier zu hören. Beide konnten in jedem denkbaren Rahmen eingesetzt werden – Hinton mag generell etwas traditioneller unterwegs gewesen sein, aber hier ist er wirklich super und hat sein eigenes Album unbedingt verdient.

Zum Pianisten kann ich hier gar nicht viel schreiben, seine Rolle ist tatsächlich recht klein hier – aber er füllt sie gekonnt Smalls lebte von 1918 bis 2008, lauf Wiki brachte ihm sein Vater, der Klavier und Orgel in seiner Kirche in Charleston, SC, spielte, schon früh klassische Musik bei. Weg aus seiner Heimat ging er mit den Carolina Cotton Pickers (die auch aufnahmen). Von 1942 bis 1946 spielte er Posaune und arrangierte und sprang als Back-Up-Pianist ein in der Big Band von Earl Hines – er fand sich also neben Gillespie und Parker, mittendrin, als der Bebop entstanden ist. Als die Big Band aufgelöst wurde, spielte er mit allem, was Rang und Namen hatte, auch mit Earl Bostic, als dort gerade ein junger Coltrane in der Band war und „Flamingo“ entstand, mit Sarah Vaughan, J.J. Johnson und Charlie Rouse, Eatha Kitt, Ella Fitzgerald, Sammy Davis Jr., Smokey Robinson, Clyde McPhatter, Brook Benton … und 1955/56 ist er bei zwei Alben von Bennie Green zu hören. Danach spielte er länger mit der Band von Sy Oliver, auch noch, als diese von 1974 bis 1984 im Rainbow Room auftrat. In den Siebzigern nahm Smalls für die Master Jazz Piano-Reihe auf, spielt für dassele Label auf Alben von Julian Dash und Buddy Tate mit, und ist eben auch auf einigen Black and Blue-Alben zu hören … nicht nur im Trio, wohlgemerkt, sondern auch mit Sy Olivers Band (1973) und mit Percy France und Leonard Gaskin auf „Oliver Jackson Presents Le Quartet“.

Major Holley – Excuse Me Ludwig | Major Holley hatte ein paar Jahre früher für Black and Blue schon ein Trio-Album mit Gerry Wiggins und Ed Thigpen gemacht, das mir bisher durch die Lappen ging („Mule“ heisst es), im Februar 1977 nahm er mit Wiggins und Oliver Jackson das nächste auf (ein drittes mit Slam Stewart sowie dem Hank Jones Trio mit Duvivier/Jackson folgte im Juli 1977 noch, das kenne ich ebenfalls noch nicht). Auch das ein gutes Album mit einigen sehr tollen Stücken, etwa „Salty Mama Cassoulet“, einem von drei Holley-Originals hier. Sein Bogen-Spiel mit Unisono-Gesang dazu (Steward sang eine Oktave höher, Holley hatte offensichtlich eine recht beeindruckende Bass-Stimme) ist aber auf Dauer schon etwas ermüdend, auch wenn er nie so in den Vordergrund drängt, nie so auf Show aus ist wie Steward. Das Titelstück ist der Opener und das erste Stück von Holley, das dritte Original ist „Lamb Stew for Slam“ am Ende der A-Seite. Zwischen die drei Originals wurden Berlins „Blue Skies“ und Strayhorns „Lush Life“ programmiert. Auf der B-Seite gibt es „How High the Moon“ (mit viel Raum für Wiggins und Jackson), Strayhorns „Raincheck“, Ann Ronells „Willow Weep for Me“ und „Like Someone in Love“, als Bonustrack auf der CD dazu noch einen Alternate Take von „Excuse Me Ludwig“. Auch Gerald Wiggins hat hier insgesamt einen eher kleinen Part, aber er drückt dem Album dabei deutlich stärker seinen Stempel auf als Smalls das vermag.

Rodger „Ram“ Ramirez – Easy to Love ~ Plays Standard | Ausgerechnet bei der 2020er-Erstveröffentlichung im Rahmen der grossen japanischen Black and Blue-Reihe wird der Name des verdienten Protagonisten falsch geschrieben (ein D zuviel, dafür am Ende ein S vergessen). Das Album wurde am 9. und 16. Mai 1977 aufgenommen – ob in Paris oder New York weiss ich nicht. Es gibt nach dem Titelgebenden Cole Porter-Song eine Reihe weiterer Standards: „Don’t Blame Me“, „Prelude to a Kiss“, „Makin‘ Whoopee“, „Stompin‘ at the Savoy“, „Honeysuckle Rose“, „How Long Has This Been Goin‘ On?“, „How High the Moon“, dazwischen die Ramirez-Stücke „Tender Frame“, „Don’t Know it“ und „Something in F“. Von „Prelude to a Kiss“ und „Tender Frame“ sind auch noch je ein Alternate Take zu hören. Al Hall und Eddie Locke bilden die äusserst solide Rhythmusgruppe. Neben Wiggins verblasst auch Ramirez‘ Spiel ein wenig, aber vor Smalls braucht er sich keinesfalls zu verstecken – und dieses Trio-Album von 1977/2020 ist ein echt schöner Fund. Ramirez hat Swag und Swing, ein gutes Timing, in dem einiges an Basie steckt … aber sicher auch Hines und Garner ihre Spuren hinterliessen. Teddy Wilson wohl auch, aber das ist weniger offensichtlich. Es gibt auch Momente – in der Melodieführung und den Changes von „Tender Frame“ etwa, in denen Ramirez gar nicht weit von der alterslosen klassischen Eleganz eines Tommy Flanagan ist.

Roger J. Ramirez kam 1913 in San Juan auf Puerto Rico zur Welt und starb 1994 in Queens, NYC. Sein „claim to fame“ ist, dass er „Lover Man“ komponiert hat. Ein frühes Columbia-Album von 1960, „The Most Crazy…“ mit Ramirez an der Orgel und dem Drummer Ronnie Coles, hat Black and Blue als „Live in Harlem“ neu aufgelegt – auch sehr hörenswert. Auch Ramirez – und Earl Hines, Claude Hopkins und Sir Charles Thompson, die alle auch bei Black and Blue vertreten sind – hat für die Master Jazz Piano Reihe aufgenommen. Seine ersten Gigs spielte Ramirez, der in New York aufwuchs und früh das Klavierspiel zu erlernen begann, in den frühen Dreissigern. Unter anderem gehörte er zu den Bands von Rex Steward, Sid Catlett, Willie Bryant, Ella Fitzgerald, Frankie Newton, Charlie Barnet und John Kirby. „Lover Man“ komponierte er 1942, zwei Jahre später nahm Billie Holiday den Song auf, der danach sehr schnell populär wurde. Ab Mitte der Fünfziger spielte er auch Orgel. Auf Platte kriegt man ihn neben der Fitzgerald (ehemals Chick Webb) Big Band auch mit der Band von Jack McVea und Buster Bailey, auf der ersten Blue Note-Session von Ike Quebec, auf „Annie Sings Ross“ (Prestige, 1952), oder – wieder einmal, klar – bei Master Jazz Recordings als Leader („Rampant Ram“) sowie Pianist einer Ellingtonians-Band um Booty Woody („Hang in There“ heisst die Platte).

Cliff Smalls Featuring Oliver Jackson and Leonard Gaskin | Im Februar 1978 ist Smalls dann als Leader an der Reihe, in Südfrankreich entsteht sein Album mit Leonard Gaskin und Oliver Jackson, das mit „Yellow Dog“, einem Original des Bassisten, beginnt. Dessen Spiel mit trockenem Ton aber guten Beat ist ähnlich altmodisch wie das von Arvell Shaw (den Black and Blue allerdings ganz anders aufnahm) oder Al Hall. Jackson sorgt jedoch für viel Bewegung und Gaskin ist hier überhaupt nicht fehl am Platz, das ist einfach wieder ein etwas altmodischeres Album – dennoch denke ich, ein anderer Bassist hätte schon einen Unterschied machen können (z.B. Hinton oder Duvivier). „The Man I Love“ und Smalls‘ bereits gehörtes „Toneing Down“ folgen auf der A-Seite – die Stücke sind hier also deutlich länger. Auch die B-Seite enthält nur drei, „Millie and Alexis Blues“ vom Drummer, „Secret Love“ und „Caravan“, das dem 2000er-Reissue den Namen gab und für meine Ohren hier wirklich das Highlight ist – eine verhaltene Performance mit einer leicht mysteriösen Stimmung, die dem Stück von Juan Tizol absolut gerecht wird. Dort erschien auch der in Japan wieder beigefügte Bonustrack, ein Alternate Take von Gaskins Opener.

Oliver Jackson Trio Featuring Cliff Smalls and Leonard Gaskin | Ein Jahr später ist dasselbe Trio wieder im Studio – dieses Mal in Paris, Barclay, und unter Jacksons Leitung. „You Can Depend on Me“ von Smalls‘ Förderer Earl Hines macht den Auftakt, „O.J. Tune“ von Jackson, Basies „One O’Clock Jump“, Kaempferts „Love“ (oder „L-O-V-E“ – reduktionistisches Besen-Solo vom Leader, Semi-Stride-Solo-Einlage vom Pianisten, mehrere Tonartenwechsel …) und Jacksons „Blues After Hours“ (Jackson oder sonstwer juchzt zum rollenden Blues-Solo von Smalls, Gaskin lässt seinen Bass endlich etwas ausklingen und geht richtig in die Tiefe, Jackson ist ebenfalls super hier) folgen auf der A-Seite. Die B-Seite öffnet mit „Love for Sale“ (mit tollem Beat von Jackson und das nächste Highlight, obwohl Gaskin zu seiner „jeder Ton sauber abgesetzt“-Phrasierung zurückkehrt), gefolgt von „I Let a Song Go Out of My Heart“, Sy Olivers „Opus One“ und „Softly as in a Morning Sunrise“ – das ist unterm Strich wohl wirklich besser als das Vorgänger-Album des Trios (wie Claude Carrière in den Liner Notes meint). Die Rollenverteilung ist dabei nicht gross verändert – aber selbst wenn es nur für das Cover gewesen wäre, hat sich der Leader-Wechsel gelohnt.

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