Kulturelle Aneignung, Identitätspolitik, Wokeism, PC & Cancel Culture

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  • #11849451  | PERMALINK

    krautathaus

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    thesidewinder@krautathaus: Kann ich alles so unterschreiben. Twitter ist halt nur Medium der Wahl, Stichwort Trump.

    Dieses konsequente fokussierenn auf die eigenen Vorlieben und ignorieren von Zeitfressern, kann halt nicht jeder. Die Verführung des prompten Widerspruchs ist meist zu groß und erschwerend kommt dann noch ein übermäßiges Mitteilungsbedürfnis dazu.

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    #11849455  | PERMALINK

    thesidewinder

    Registriert seit: 17.03.2019

    Beiträge: 8,106

    krautathausDie Verführung des prompten Widerspruchs ist meist zu groß und erschwerend kommt dann noch ein übermäßiges Mitteilungsbedürfnis dazu.

    Das muss man aber offline auch managen können. ;-)

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    #11849457  | PERMALINK

    nicht_vom_forum

    Registriert seit: 18.01.2009

    Beiträge: 4,825

    Disclaimer: Die meisten meiner folgenden Beispiele kommen aus den USA, es ist wohl offensichtlich, warum. Mir geht es in diesem Post um die Sprachregelungen. Eines der Grundprobleme der ganzen Wokeness-Diskussion ist ja, dass zwar die Slogans nach Deutschland kommmen, die entsprechenden gesellschaftlichen Probleme, aber in jedem Fall anders und in vielen Fällen kleiner sind (oder, wie im Fall Sklaverei und ihren Folgen, gar nicht vorhanden).

    latho
    Ich bin der Meinung, dass Menschenrechte für alle (Menschen) gelten und es deswegen unnötig ist, zu dem Satz „Alle Menschen sind gleich“, danach noch „Frauen auch“, „Homosexuelle auch“, „Lesben auch“ etc hinzuzufügen, der ursprüngliche Satz reicht aus, wird er nicht angewandt, ändern ein paar Buchstaben auf dem Papier nichts

    Hmmm… Im Prinzip ja, aber… Um mal das prominenteste Beispiel herauszugreifen: Der „Black Lives Matter“-Bewegung geht es um statistisch überproportionale und im Einzelfall überaggressive Gewalt der US-Polizei gegen Schwarze. Das mit „All lives matter“ zu kontern, ist zwar natürlich nicht falsch, ist aber absichtliches Missverstehen. Und rein logisch: As long as „black lives“ don’t matter, „all lives“ don’t matter either. Hinsichtlich der US-Diskussion ist die Sachlage, historisch betracht ja auch weniger eine Frage von „Alle Menschen sind gleich“, sondern dass „All men are created equal“ eine Fußnote braucht, die „women are men“, „gays are men“, „black people are men“ ergänzt.

    Natürlich gibt es Menschenfeindlichkeit, aber das heißt ja nicht, dass Nicht-identitäre Linke nicht auch etwas dagegen haben – aber da – Bürgerkriegskultur, im Identitären angelegt – beißt die Maus kein Faden ab: bist du nicht für uns, bist du gegen uns.

    Das hat seinen Ursprung aber m. E. in den wesentlich polarisierteren Gesellschaften in den USA und im UK. Und ich habe schon den Eindruck, dass die „Rechts-Identitären“ den Identitätsbegriff eingeführt und somit die Linien gezogen haben: Rassentrennung in den USA (siehe One-Drop-Rule) war ja keine Erfindung der Schwarzen oder der Iren. Die Linke hat ihn m. E. nur aufgegriffen und adaptiert. (Disclaimer: Das ist natürlich die twitteresque Kurzfassung eines komplexen Themas)

    Und die Auseinandersetzung gegen „Abweichler“ wird im Normalfall wie ein brutalisierter Rosenkrieg geführt (man nehme zB den Fall J.K. Rowling).

    Die UK-Diskussion zum Thema Transgender ist ein unangenehmer Sumpf, den ich zwar beobachte, aber noch weniger als die US-Themen diskutieren möchte (und werde). Nur so viel: J. K. Rowling ist nicht nur irgendein „Abweichler“ mit privaten Meinungen. Sie ist eine der reichsten Frau im UK, ist weltweit vielleicht sogar die bekannteste Frau aus UK, und sie verhält sich aktiv trans-feindlich (Stichwort: Trans Exclusionary Radical Feminist). Das führt natürlich auch zu entsprechend großen Gegenreaktionen.

    nicht_vom_forum Das ist allerdings immer noch meine tatsächliche Wahrnehmung. Es gab jetzt 2 deutsche/schweizer Fälle, bei denen Dreadlocks irgendwie thematisiert wurden und das gesamte Feuilleton bekommt Schnappatmung.

    Deswegen sagte ich ja: hätte man dem Gemeckere der angeblich ins Unwohlsein Beförderten stand gehalten, hätte es ein paar Wellen auf Twitter gegeben und dann Ruhe. Aber nachdem vor allem die eigene Blase die Auswirkungen überschätzt („bloß kein shitstorm, bloß kein shitstorm“) agiert man da teilweise im Vorauseilenden Gehorsam

    Ja. Und das ist nicht gut – keine Frage.

    Aber es sind ja nicht nur zwei kleine Vorfälle und ansonsten bekommt man davon nichts mit: in den Feuilletons finde ich tagtäglich irgendwelchen identitären Quatsch,

    Irgendwie sind es meiner Wahrnehmung halt doch zwei (oder sagen wir „kleiner 10 in mehreren Jahren“) Vorfälle, an denen tatsächlich inhaltlich was dran ist. Bei den meisten anderen Fällen sehe ich Form und Ausmaß der „linksidentitären“ Proteste als Problem, inhaltlich gibt es dann doch meistens einen Punkt, der zumindest vertretbar ist.
    Die vermeintlichen Opfer sind ja oft auch nicht so naiv, wie sie sich darstellen (Ich habe doch nur „All lives matter“ gesagt und jetzt werden ich vom Wokeness-Mob gecancelt.). Dazu kommen dann noch diverse Fälle, bei denen sich Leute als Wokeness-Opfer darstellen, aber der eigentliche Auslöser der Konsequenzen ein anderer Grund ist, beispielsweise ein arbeitsrechtlicher.

    ich bin im täglichen Leben auch, sagen wir öfters, mit Sprachregelungen konfrontiert (zB, dass eine Kollegin vor einiger Zeit forderte, den main branch der Entwicklungslinie nicht mehr „master“ zu nennen, weil das ja an Sklaverei erinnerte).

    Das kommt halt aus der Computer-Terminologie. Auch hier wieder: Gegen den „Master“-Begriff als solches gibt es m. E. eigentlich nichts einzuwenden. Ich finde es aber eine nachvollziehbare Kritik, dass man aber nicht unbedingt von Master- und Slave-Festplatten (-Servern, -Datenbanken) etc. sprechen muss – und dieses Begriffspaar war eben über Jahrzehnte üblich. Dass das diese Diskussion dann auf „Blacklist/Whitelist“ ausgedehnt wird, finde ich zwar idiotisch, mir ist aber meine Zeit zu schade, mich darüber wirklich aufzuregen.

    Es ist ein bisschen so wie nach dem Wahlsieg der Republikaner in Virginia, ein mittlerweile als demokratisch geltender Staat, in dem die Demokraten, nach einer Wahl, in der es auch um Schulpolitik ging, „critical race theory“ erst als nicht schlimm, dann als nicht existent erklärten, um dann die Republikaner bzw deren Wähler als Rassisten abzutun.

    In die öffentliche Debatte eingeführt hat den Begriff „Critical Race Theory“ aber die US-amerikanische Rechte, die mit dem Popanz CRT alle nötigen und berechtigten Diskussionen über die rassistische (in jeder Bedeutung des Begriffs) Vergangenheit der USA und über das Thema Sklaverei abwürgt – genau wie sie mit den Begriffen „Communism/Socialism“ jede Art von Diskussion zu sozialen und wirtschaftlichen Themen einfach beendet.

    Dass den Linksidentären mehr und mehr der Wind ins Gesicht bläst, ist ja kein Zufall.

    Nein, Zufall ist es mit Sicherheit nicht.

    zuletzt geändert von nicht_vom_forum

    --

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    #11849461  | PERMALINK

    stormy-monday
    verdreckter Hilfssheriff

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    Spannende und gewinnbringende Diskussion hier jedenfalls. Danke allen Beteiligten.

    --

    Hellhounds in my passway
    #11849463  | PERMALINK

    krautathaus

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    thesidewinder

    krautathausDie Verführung des prompten Widerspruchs ist meist zu groß und erschwerend kommt dann noch ein übermäßiges Mitteilungsbedürfnis dazu.

    Das muss man aber offline auch managen können.

    Absolut, nur dass ich da halt nicht anonym die Sau raus lassen kann, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.

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    “It's much harder to be a liberal than a conservative. Why? Because it is easier to give someone the finger than a helping hand.” — Mike Royko
    #11849469  | PERMALINK

    thesidewinder

    Registriert seit: 17.03.2019

    Beiträge: 8,106

    krautathaus

    thesidewinder

    krautathausDie Verführung des prompten Widerspruchs ist meist zu groß und erschwerend kommt dann noch ein übermäßiges Mitteilungsbedürfnis dazu.

    Das muss man aber offline auch managen können.

    Absolut, nur dass ich da halt nicht anonym die Sau raus lassen kann, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.

    Das ist halt der große Nachteil und leider hinkt die Justiz da meilenweit hinterher. Siehe den aktuellen Fall von Lisa Marie Kellermayr. Sie hatte Auszüge der Bedrohungen gegen sie online gestellt, da sind Sachen dabei…

    Siehe hier.

    So, jetzt aber genug OT.

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    #11849481  | PERMALINK

    latho
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    thesidewinderSlightly off-topic: dieses Twitter-Bashing finde ich übrigens albern. Bin da mittlerweile seit mehr als 10 Jahren angemeldet und habe dort dutzende toller Menschen kennen gelernt. Wenn ich Idioten folge, bekomme ich idiotischen Content angezeigt, so einfach ist das. Wenn man hin und wieder da aufräumt und schwarze Schafe aussortiert, ist das eine großartige Plattform.

     
    Das will ich dir auch gar nicht absprechen. Aber die großen weltweit vernetzten Social-Media-Plattformen haben in meinen Augen Mitschuld an der Verkürzung des politischen Diskurses. Das war früher Facebook, in dem so ziemlich alles und jeder ohne irgendeine Einschränkung aufeinander losgelassen wurde. Und dann eben Twitter, politische Diskussion auf 140 Zeichen, meine Follower gegen deine und der Algorithmus befeuert das auch noch. Diese ganze Blasenbildung wäre meines Erachtens ohne Twitter nicht möglich gewesen.

    --

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    #11849493  | PERMALINK

    thesidewinder

    Registriert seit: 17.03.2019

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    lathoDas will ich dir auch gar nicht absprechen. Aber die großen weltweit vernetzten Social-Media-Plattformen haben in meinen Augen Mitschuld an der Verkürzung des politischen Diskurses. Das war früher Facebook, in dem so ziemlich alles und jeder ohne irgendeine Einschränkung aufeinander losgelassen wurde. Und dann eben Twitter, politische Diskussion auf 140 Zeichen, meine Follower gegen deine und der Algorithmus befeuert das auch noch. Diese ganze Blasenbildung wäre meines Erachtens ohne Twitter nicht möglich gewesen.

    Logisch, das sind die Schattenseiten dieser einfachen Vernetzung. Querdenker & Konsorten gab es schon immer, vor Twitter haben die sich halt höchstens zum Stammtisch getroffen. Aber ich finde es halt auch nicht richtig, die ganze Kneipe zu verteufeln wegen dem Deppen-Stammtisch am Dienstag Abend. Die berühmten 2 Seiten der Medaille.

    Im Großen und Ganzen gilt: vermeiden in die Kommentare bestimmter Tweets zu schauen, wenn man sich nicht ärgern will. Wenn man sich davon triggern und reizen lässt, macht Social Media wirklich keinen Spaß. Das musste ich auch erst lernen. Ignorieren, stumm schalten und blocken schont die Nerven. Das ist ein bisschen wie mit dem polternden, BILD-lesenden Onkel auf der Familienfeier, der über Flüchtlinge, Maskenpflicht und Pleite-Griechen schimpft.

    Übrigens: seit 2017 sind es 280 Zeichen. ;-)

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    #11849517  | PERMALINK

    latho
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    nicht_vom_forum
    Hmmm… Im Prinzip ja, aber… Um mal das prominenteste Beispiel herauszugreifen: Der „Black Lives Matter“-Bewegung geht es um statistisch überproportionale und im Einzelfall überaggressive Gewalt der US-Polizei gegen Schwarze. Das mit „All lives matter“ zu kontern, ist zwar natürlich nicht falsch, ist aber absichtliches Missverstehen. Und rein logisch: As long as „black lives“ don’t matter, „all lives“ don’t matter either. Hinsichtlich der US-Diskussion ist die Sachlage, historisch betracht ja auch weniger eine Frage von „Alle Menschen sind gleich“, sondern dass „All men are created equal“ eine Fußnote braucht, die „women are men“, „gays are men“, „black men are men“ ergänzt.

    Das ist für mich das falsche Beispiel, weil „All Lives Matter“ ja deutlich als rechte Trollantwort auf Black Lives Matter „eingeführt“ wurde. Meine Beispiele zum Thema Ergänzung von „Alle Menschen sind gleich“ bezog sich eher auf das Prinzip, nicht auf ein bestimmtest Beispiel.
    Dass Englisch zumindest in dem Bereich „verwundbarer“ ist (sonst wird ja nicht gegendert, Schauspielerinnen bezeichnen sich ja zB als „actor“) als Deutsch, ist wohl eher die Ausnahme. Daran herumzudrehen, als würde erst ein Zusatz, „not just men are created equal but also women“ die Gleichberechtigung bringen, ist eben Glaube an Wortmagie. Das Grundgesetz ist von 1949, die Bill of Rights noch älter, von daher ist die Sprache altmodisch. Das wörtlich zu nehmen (auch auf der anderen Seite ist dieser Quatsch ja verbreitet, siehe Alito vom SCOTUS) ist für mich kindisch.

    nicht_vom_forum
    Das hat seinen Ursprung aber m. E. in den wesentlich polarisierteren Gesellschaften in de USA und UK. Und ich habe schon den Eindruck, dass die „Rechts-Identitären“ den Identitätsbegriff eingeführt und somit die Linien gezogen haben: Rassentrennung in den USA (siehe One-Drop-Rule) war ja keine Erfindung der Schwarzen oder der Iren. Die Linke hat ihn m. E. nur aufgegriffen und adaptiert. (Disclaimer: Das ist natürlich die twitteresque Kurzfassung eines komplexen Themas)

    Als „identitär“ würde ich den „alten“ Rechtsextremismus nicht bezeichnen, da standen eben Gott und Nation als Taktgeber für die Unterdrückung der Schwarzen und anderer. Dass man jetzt Kultur/Ethnie etc sagt und nicht mehr race/Rasse, liegt eben daran, dass die Pseudowissenschaft Rassentheorie mittlerweile auch wissenschaftlich widerlegt wurde.
    Dass sich die „Progressiven“ auf linksidentitäre Konzepte stürzen, beginnt in den 70ern und kommt über weite Verzweigungen aus den Emanzipationsbewegungen, deswegen sind auch nur Schwarze, Frauen und – ursprünglich – Schwule „in“, Juden nicht oder wie der von mir schmerzlich vermisste Dieter Zimmer mal schrieb, OS2-User auch nicht.

    nicht_vom_forum
    Die UK-Diskussion zum Thema Transgender ist ein unangenehmer Sumpf, den ich zwar beobachte, aber noch weniger als die US-Themen diskutieren möchte (und werde). Nur so viel: J. K. Rowling ist nicht nur irgendein „Abweichler“ mit privaten Meinungen. Sie ist eine der reichsten Frau im UK, ist weltweit vielleicht sogar die bekannteste Frau aus UK, und sie verhält sich aktiv trans-feindlich (Stichwort: Trans Exclusionary Radical Feminist). Das führt natürlich auch zu entsprechend großen Gegenreaktionen.

    So einfach ist das nicht (und ja, ich habe den Beitrag von N. Wynn auch gesehen). Rowling hatte, soviel ich das mitbekommen hatte, einige eher unverfängliche Tweets (da haben wir’s wieder) von TERFs geliked (und ansonsten Transpersonen ja jegliche Unterstützung zugesprochen) hat, das ist für mich nicht aktives Eintreten gegen Trans-Personen. Das Problem ist eher, dass die Diskussionen um trans rights ja völlig aus dem Ruder gelaufen ist und sich nur noch hinter dem simplizistischen Slogan „Trans women are women“ versammelt wird (oder eben nicht). Entweder dafür oder dagegen – ein Machtkampf, dem es nicht mehr auf Diskussion oder gar Kompromisse ankommt, sondern nur ums Rechthaben.
    Aber gut, lassen wir diese UK-Diskussion mal draußen.

    nicht_vom_forum Das ist allerdings immer noch meine tatsächliche Wahrnehmung. Es gab jetzt 2 deutsche/schweizer Fälle, bei denen Dreadlocks irgendwie thematisiert wurden und das gesamte Feuilleton bekommt Schnappatmung.

    Das rechte Feuilleton, sonst finde ich da eher nichts zu.

    nicht_vom_forum
    Irgendwie sind es meiner Wahrnehmung halt doch zwei (oder sagen wir „kleiner 10 in mehreren Jahren“) Vorfälle, an denen tatsächlich inhaltlich was dran ist. Bei den meisten anderen Fällen sehe ich Form und Ausmaß der „linksidentitären“ Proteste als Problem, inhaltlich gibt es dann doch meistens einen Punkt, der zumindest vertretbar ist. Die vermeintlichen Opfer sind ja oft auch nicht so naiv, wie sie sich darstellen (Ich habe doch nur „All lives matter“ gesagt und jetzt werden ich vom Wokeness-Mob gecancelt.). Dazu kommen dann noch diverse Fälle, bei denen sich Leute als Wokeness-Opfer darstellen, aber der eigentliche Auslöser der Konsequenzen ein anderer Grund ist, beispielsweise ein arbeitsrechtlicher.

    Dass die Rechte sich dem Thema als wirklich einfachen Wahlkampfhelfer angenommen hat, kann ja nicht überraschen, war ja früher auch mit Angriffen auf die „loony left“ so. Dass sie sich absichtlich dumm stellt (Jordan Peterson, der zumindest etwas Hintergrund hat, nennt „wokeness“ wahrheitswidrig ständig „socialism“), dass man die Vorlagen dankend annimmt und dass bei solchen Spiegelfechtereien erst recht keine sozialen Probleme gelöst werden – geschenkt.
    Aber es sind ja nicht Dreadlocks allein, das Thema begegnet einem doch auf Schritt und Tritt, sei es bei dem Thema Gendern in Universitäten und Ämtern, bei mehr oder weniger aktiven Canceln in Publikationen (also „Verdammung“ und danach aktives Totschweigen von Veröffentlichungen etc), deutlich wird es bei einer Umfrage, dass in den USA (!) 62% der Befragten Angst haben, sich politisch zu äußern (und zwar beide Parteien, ich vermute, das betrifft vor allem die Zentristen).

    nicht_vom_forum
    Das kommt halt aus der Computer-Terminologie. Auch hier wieder: Gegen den „Master“-Begriff als solches gibt es m. E. eigentlich nichts einzuwenden. Ich finde es aber eine nachvollziehbare Kritik, dass man aber nicht unbedingt von Master- und Slave-Festplatten (-Servern, -Datenbanken) etc. sprechen muss – und dieses Begriffspaar war eben über Jahrzehnte üblich. Dass das diese Diskussion dann auf „Blacklist/Whitelist“ ausgedehnt wird, finde ich auch zwar idiotisch, mir ist aber meine Zeit zu schade, mich darüber wirklich aufzuregen.

    Aufregen tut mich das auch nicht, in unserem Betrieb wurde das damals auch nicht durchgeführt, aber als Beispiel ist es schon aussagekräftig.
    Blacklist etc: Ich hatte mir neulich mal überlegt, welche Hautfarben Sklaven wohl am häufigsten gehabt haben müssen (auf die komplette Geschichte gesehen) und es dürften wohl weiß gewesen sein.

    nicht_vom_forum
    In die öffentliche Debatte eingeführt hat den Begriff „Critical Race Theory“ aber die US-amerikanische Rechte, die mit dem Popanz CRT alle nötigen und berechtigten Diskussionen über die rassistische (in jeder Bedeutung des Begriffs) Vergangenheit der USA und über das Thema Sklaverei abwürgt – genau wie sie mit den Begriffen „Comunism/Socialism“ jede Art von Diskussion zu sozialen und wirtschaftlichen Themen einfach beendet.

    Wie man es nennt, ist mir erstmal egal und nein, über die Argumente oder Diskussionsfähigkeit auf der (US-)rechten Seite müssen wir nicht sprechen, die ist ja nicht nur absolut ungebildet sondern auch noch stolz drauf.
    Aber existieren tut so etwas wie CRT (wie man es denn nennen will), es gibt genügend Proteste von Eltervereinigungen, weil an Schulen irgendwelche überzogenen Maßnahmen zur „racial sensitivity“ durchgezogen werden.

    nicht_vom_forum
    Nein, Zufall ist es mit Sicherheit nicht.

    Ich meinte damit auch nicht durch die Rechte, sondern durch – vernünftige – Linke.

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    #11849521  | PERMALINK

    latho
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    Registriert seit: 04.05.2003

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    thesidewinder

    lathoDas will ich dir auch gar nicht absprechen. Aber die großen weltweit vernetzten Social-Media-Plattformen haben in meinen Augen Mitschuld an der Verkürzung des politischen Diskurses. Das war früher Facebook, in dem so ziemlich alles und jeder ohne irgendeine Einschränkung aufeinander losgelassen wurde. Und dann eben Twitter, politische Diskussion auf 140 Zeichen, meine Follower gegen deine und der Algorithmus befeuert das auch noch. Diese ganze Blasenbildung wäre meines Erachtens ohne Twitter nicht möglich gewesen.

    Logisch, das sind die Schattenseiten dieser einfachen Vernetzung. Querdenker & Konsorten gab es schon immer, vor Twitter haben die sich halt höchstens zum Stammtisch getroffen. Aber ich finde es halt auch nicht richtig, die ganze Kneipe zu verteufeln wegen dem Deppen-Stammtisch am Dienstag Abend. Die berühmten 2 Seiten der Medaille. Im Großen und Ganzen gilt: vermeiden in die Kommentare bestimmter Tweets zu schauen, wenn man sich nicht ärgern will. Wenn man sich davon triggern und reizen lässt, macht Social Media wirklich keinen Spaß. Das musste ich auch erst lernen. Ignorieren, stumm schalten und blocken schont die Nerven. Das ist ein bisschen wie mit dem polternden, BILD-lesenden Onkel auf der Familienfeier, der über Flüchtlinge, Maskenpflicht und Pleite-Griechen schimpft. Übrigens: seit 2017 sind es 280 Zeichen.

     
    Weiß ich :bye:

    Aber es ist schon bisschen mehr als nur die Kneipe, in der sich die Welt trifft (um mal bei deiner Analogie zu bleiben). Es ist eine Kneipe, in der Wirt neue Gäste gezielt zu den am dichtesten besetzten Tischen schickt, entweder mit der eigenen Meinung oder eben zu denen mit der konträr anderen Meinung, die praktischerweise gleich daneben sitzen. Wo der Wirt das Bier bringt und dabei sagt, „die <jeweils anderen> haben so einen Schuss, aber was soll ich machen?“, wo der größte rechtsradikale Schreihals in der Ecke stehen darf und Parolen verkündet, bis die Polizei kommt und der Wirt gezwungen ist, ihn rauszuschmeißen. Etc pp.

    --

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    #11849729  | PERMALINK

    nicht_vom_forum

    Registriert seit: 18.01.2009

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    lathodas Thema begegnet einem doch auf Schritt und Tritt, […] bei mehr oder weniger aktiven Canceln in Publikationen (also „Verdammung“ und danach aktives Totschweigen von Veröffentlichungen etc),

    @.latho: Als ernsthafte und nicht rhetorische Frage unabhängig vom Rest der Diskussion: Hast Du dazu mal ein paar Quellen/Links? Ich kenne keinen einzigen Fall, dass ein Akademiker wegen Mangel an Wokeness bei der Arbeit auf seinem Fachgebiet Auswirkungen zu spüren bekommen hätte, die über eine kurze Suspendierung während einer offiziellen Untersuchung hinausgegangen wären. Ich kenne wirklich ausschließlich Fälle nach dem Muster „Prof. auf Gebiet A bekommt Ärger wegen Aussagen zu weiltläufig verwandtem Gebiet B oder völlig fremdem Gebiet C“.

    --

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    #11849927  | PERMALINK

    latho
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    Beiträge: 35,095

    nicht_vom_forum

    lathodas Thema begegnet einem doch auf Schritt und Tritt, […] bei mehr oder weniger aktiven Canceln in Publikationen (also „Verdammung“ und danach aktives Totschweigen von Veröffentlichungen etc),

    @.latho: Als ernsthafte und nicht rhetorische Frage unabhängig vom Rest der Diskussion: Hast Du dazu mal ein paar Quellen/Links? Ich kenne keinen einzigen Fall, dass ein Akademiker wegen Mangel an Wokeness bei der Arbeit auf seinem Fachgebiet Auswirkungen zu spüren bekommen hätte, die über eine kurze Suspendierung während einer offiziellen Untersuchung hinausgegangen wären. Ich kenne wirklich ausschließlich Fälle nach dem Muster „Prof. auf Gebiet A bekommt Ärger wegen Aussagen zu weiltläufig verwandtem Gebiet B oder völlig fremdem Gebiet C“.

     
    Fällt mir jetzt aus dem Stand auch keiner in den engen Grenzen auf. Müsste ich nochmal suchen. Aber zwei Beispiele:

    Kathleen Stock – von selber zurückgetreten, aber das kann man interpretieren.

    Adolph Reed (lohnt sich zu lesen) – wird gerne ausgeladen.

    Andere Beispiele sind Greg Patton oder Tiffany Reilly
    Entsprechen alle nicht zu 100% deinen Anforderungen, kommen aber nahe.

    --

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    #11850069  | PERMALINK

    bullschuetz

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    Wenn ich grade den Twitterkrieg zwischen Marie-Luise Vollbrecht & Co gegen Dana Mahr & Co im Gefolge des Zweigeschlechtervortrags verfolge, habe ich echt die Qual der Wahl, wen ich da abgefahrener finden soll. Beide Seiten werfen einander hingebungsvoll  Antisemitismus, Rechtsextremismus und Holocaustverharmlosung vor. Man sollte sie allesamt komplett ignorieren. Manchmal werden echt die vollkommen falschen Debatten geführt und das auch noch auf die falsche Art. Wenn ich mir vorstelle, wie ich versuchen würde, meinen Nachbarn auch nur umrisshaft zu erklären, worum es in all diesen Culture-Appropriation-Gender-Terf-Trans-Identity-Bipoc-Debatten geht, bekomme ich schlimme Kopfschmerzen.

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    #11850107  | PERMALINK

    nicht_vom_forum

    Registriert seit: 18.01.2009

    Beiträge: 4,825

    @.latho: Danke für die Links. Mit einer vorausgeschickten Entschuldigung dafür, dass ich mich über mein eigenes „unabhängig vom Rest der Diskussion“ hinwegsetze (es sollte wirklich keine Falle sein), würde ich doch kurz auf meine Sicht dieser Fälle eingehen. Kathleen Stock und Greg Patton wurden seinerzeit hier ja auch im Forum diskutiert.

    lathoFällt mir jetzt aus dem Stand auch keiner in den engen Grenzen auf.

    Die engen Grenzen waren allerdings der Punkt.

    Ich finde es im Fall Kathleen Stock beispielsweise selbst auch durchaus kritikwürdig, wie sie ihren Status als Philosophieprofessorin (professioneller Schwerpunkt „aesthetics, fiction, imagination,“[1]) nutzt, um ein populärwissenschaftliches Buch zum Thema Gender „Material Girls: Why Reality Matters for Feminism“[2] zu veröffentlichen, Statements wie „Trans women are still males with male genitalia“[1, Zitat 36] abzugeben[3] und für die Auswirkungen auf den Day-Job dann den Woke Mob und die Cancel Culture verantwortlich macht. Da habe ich mit dem Inhalt (nicht der Form!) der Proteste gegen sie eigentlich keine Probleme. Da gilt das gleiche, wie wenn Hans-Georg Maaßen als vermeintliche Privatperson der Bild ein Interview gibt: Ohne seine Position im BfV hätte sich niemand für seine Meinung interessiert und er wäre auf gar keinen Fall auf die Bild-Titelseite gekommen.

    Ähnlich verzerrt finde ich die Wokeness-Kritik im Fall Greg Patton. Meine Zusammenfassung dieses Falls wäre die folgende: Schritt 1: „Studenten haben sich beschwert.“, Schritt 2: „Die Universität hat die Beschwerde geprüft.“, Schritt 3: „Die Beschwerde wurde als substanzlos ad acta gelegt.“, Resultat: „Alles in Ordnung, gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.“. Aus Deinem Link:

    The investigation into the professor ended without fanfare on September 25. The university’s Office for Equity, Equal Opportunity, and Title IX concluded there was no ill intent on Patton’s part and that “the use of the Mandarin term had a legitimate pedagogical purpose.”

    Aus dem Ruder gelaufen ist hier m. E. primär die weltweite Berichterstattung der Wokeness-Kritiker, die dann China auf den Plan gerufen hat.

    Adolph Reed (lohnt sich zu lesen) […] Tiffany Reilly

    Entsprechen alle nicht zu 100% deinen Anforderungen, kommen aber nahe.

    Adolph Reed scheint mir von einer Art woker damnatio memoriae aber auch noch ein Stück entfernt. Folgendes:

    lathobei mehr oder weniger aktiven Canceln in Publikationen (also „Verdammung“ und danach aktives Totschweigen von Veröffentlichungen etc),

    kann ich hier auf der Basis dessen, was ich zu dem Fall gefunden habe eigentlich nicht erkennen.

    Wirklich bedenklich finde ich von Deiner Liste vor allem den Fall Tiffany Reilly. Ob hier allerdings die Cancel Culture oder das US-Arbeitsrecht das Problem ist, finde ich aus der Ferne schwierig zu beurteilen. (Preisfrage: Stand auf ihrem privaten Facebook-Profil als Beruf „Windsor School principal“?)
    Nach Weiterlesen zu dem Fall: Es geht um mehr als um „was fired after making a Facebook post critical of the Black Lives Matter movement“, wie es in dem verlinkten Artikel steht und es wird nicht besser. Der Fall ist tatsächlich nur schwer mit dem Ideal einer freien Gesellschaft vereinbar.

    [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Kathleen_Stock

    [2] Frage: Hätte irgendjeman ohne ihre professionellen Kontakte und Bekanntheit überhaupt einen Verleger dafür gefunden?

    [3] Punkt: Auf einer Veranstaltung, zu der sie ohne ihren Lecturer-Status wohl kaum eingeladen worden wäre.

    zuletzt geändert von nicht_vom_forum

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    #11850201  | PERMALINK

    latho
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    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 35,095

    Ich hatte ja gesagt, dass ich auf die Schnelle keine exakt passenden Beispiele für deine Vorgaben finde. Ich halte es auch für zu einfach zu sagen, „hat keiner seine Stelle verloren, ist also nichts passiert“, heißt, ich nehme den Weggehenden oder Selber-Kündigenden ab, dass ihre Stelle unmöglich wurde.

    Was Stock angeht, kritikwürdig sind ihre Aussagen natürlich (wie alle Aussagen), aber deswegen sollte sie ihren Job nicht kündigen müssen. Ich weiß, dass jenseits der Aussagen von Stock an der Uni diverse Tweets und Likes etc aufgetaucht sind, die herauszukramen noch kein definitiver „Beweis“ ist. Ich beziehe mich da auch auf den Zeit-Artikel vor ein paar Monaten.

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