30 Jahre später: was macht die Hardcore-Sammlung?

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  • #12512925  | PERMALINK

    ford-prefect
    Feeling all right in the noise and the light

    Registriert seit: 10.07.2002

    Beiträge: 11,055

    In meiner Jugend Mitte der 1990er wuchs ich mit Bands wie Biohazard, Downset, Sick of it all und Madball auf, die für mich in meiner Wahrnehmung den Begriff Hardcore definierten. Recht simpel rausgehauene Powerchords von roher Energie verbunden mit parolenhaften Songtexten. Ab 1997 kamen Shelter hinzu, die für buddhistisch geprägten Krishnacore stehen und damals das punk-poppige Album „Beyond Planet Earth“ veröffentlichten. Auf die Urväter der Szene wie Black Flag, Minor Threat und Youth of Today, kombiniert mit der Straight Edge-Bewegung, kam ich erst etwas später … als ich ab 1998 anfing, das Visions-Magazin zu lesen. Dieser typische New York Hardcore. Dazu noch die Ryker’s aus Kassel, die hab ich im Vorprogramm von Dog Eat Dog in der Offenbacher Stadthalle im Dezember 1996 gesehen. Höre ich immer noch gerne, wenn diese Bands etwa Thema im Podcast „Und dann kam Punk“ sind.

    zuletzt geändert von ford-prefect

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    #12512935  | PERMALINK

    jan-lustiger

    Registriert seit: 24.08.2008

    Beiträge: 11,382

    wahrZen Arcade der Hüskers ist nicht fest in deinem Kanon verankert?

    Doch, und New Day Rising auch. War natürlich zu kurz gedacht. Mein Gehirn springt bei dem Begriff Post-Hardcore irgendwie automatisch ans Ende der 80er, zu Fugazi, NoMeansNo oder den Sachen, die Jello Biafra mit D.O.A. gemacht hat.

    Hüsker Dü haben aber auch irgendwie ihren eigenen Kosmos geschaffen, in dem Hardcore und Power Pop friedlich nebeneinander koexistieren. Selbst die Zen Arcade ist mir in den meisten Tracks entweder noch zu nah am Oldschool-Hardcore oder hat mir schon zu viel Pop-Appeal, als dass ich da an Post-Hardcore denken würde. Aber wie so viele dieser „Post“-Genres ist das ganze auch einfach schwer zu fassen und noch schwerer auf einen Sound zu reduzieren. Die Hüskers jedenfalls sind bei mir in der Ruhmeshalle und werden da aller Voraussicht nach auch bleiben.

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    #12512937  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Bin gerade am Ausloten. Ist „Pretty on the inside“ (1991) von Hole Hardcore? Eher nicht, oder? „When I was a Teenage Whore“ war ja schon ein ziemliches Statement. „Live Through This“ (1994) erst recht nicht, aber das haben ohnehin alle gewusst. Wie sieht`s mit „Eleventeen“ (1992) von Daisy Chainsaw aus? Hm, eher Alternative Rock/Grunge mit Noise-Rock. Lard („The Last Temptation of Reid“, 1990) war mehr Industrial als Hardcore. Ministry trifft auf Dead Kennedys. D.O.A. und „The Last Scream of the Missing Neighbours“ (1989) war für Hardcore vielleicht auch schon zu ausgefeilt. Ebenso wie die Bad Brains („Quickness“, 1989), aber deren Exzentrik und Widerspruchssucht lassen in der Rückschau am ehesten das Etikett Hardcore gelten. S.O.D. und „Speak English or Die“ (1985) erst recht. Und „The Shape of Punk to Come“ von Refused (1998)? Ich denke ja, genauso wie 0 + 2 = 1 von nomeansno (1991), aber ich bin da bei weitem kein Experte.

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    Tout en haut d'une forteresse, offerte aux vents les plus clairs, totalement soumise au soleil, aveuglée par la lumière et jamais dans les coins d'ombre, j'écoute.
    #12513015  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 15,612

    jan-lustigerDie Hüskers jedenfalls sind bei mir in der Ruhmeshalle und werden da aller Voraussicht nach auch bleiben.

    Bei mir werden sie auch bleiben.
    : )

    #12513339  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Nun schaue ich aber bei Discogs nach und die sagen, es gibt auch Hardcore Techno, Hardcore Punk, Breakbeat Hardcore, und dann gibt’s zu meiner Überraschung eine Übersicht zu den gefragtesten Hardcore-Alben bei Discogs und da verstehe ich die Welt nicht mehr: „Evil Empire“, „Ill Communication“ (???), „Double Nickels On The Dime“ (?), Moby: Every Time You Touch Me“ (Whaat?). Nun muss ich aber auch sagen, dass ich damals nie auf die Idee gekommen wäre, explizit nach Hardcore zu fragen, das Etikett war mir zu dieser Zeit gar nicht geläufig.
    Wenn ich Bad Brains kennenlernte, NoMeansNo oder Lard, dann über Empfehlung des Freundes, der mir auch „The Colour of Spring“ oder „Mother’s Milk“ ans Herz gelegt hatte, aber auch Mekong Delta hörte, oder auch zu Schostakowitsch Springseil trainierte und Schnittke und Penderecki, aber auch Mahler hörte. Oder Edgar Varèse.
    Hardcore als Etikett war damals schon unbrauchbar oder gar nicht geprägt. Was sich auch in der discogs-Liste zeigt, was alles Hardcore sein soll.

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    #12513367  | PERMALINK

    pfingstluemmel
    Darknet Influencer

    Registriert seit: 14.09.2018

    Beiträge: 8,527

    Hardcore HipHop existiert ebenfalls, doch hat diese vorangestellte Bezeichnung wenig mit dem zu tun, was man landläufig als Hardcore kennt. Es ist eher ein Marker für etwas extremere, manche würden sagen unverwässertere Spielarten des Genres. So als Abgrenzung zum Pop.

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    Come with uncle and hear all proper! Hear angel trumpets and devil trombones. You are invited.
    #12513421  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Bei Rate Your Music (RYM) gibt es skurrile neue Subgenres wie „Rain Sounds“ (12 Tage alt!), „Toypop“ oder „Microfunk“ (18 Stunden alt!) – man könnte sich vorstellen, es gebe für alles eine Hardcore-Steigerung. Hardcore Rain Sounds! Hardcore Toypop!
    RYM hat auch „Hardcore Punk“ als separates Genre mit 46.233 Releases und klarer Definition: „Late 1970s, yelling/screaming, stripped-down production, very short songs.“

    Die Top-5 sind echte Klassiker: Dead Kennedys, Hüsker Dü, Bad Brains…
    Aber: Discogs listet „Hardcore Techno“, „Breakbeat Hardcore“ etc. unter demselben Label – völlig verschiedene Musik! Jede Plattform definiert „Hardcore“ anders.

    Und: RYM zeigt kontinuierliche Aktivität bis heute. Vielleicht leben neue Hardcore-Bands weiter, während alte Sachen (NoMeansNo etc.) verstauben?

    Bei Discogs kann man mit dem Spezialfilter „Hardcore“ so gut wie alles verbinden:
    • Punk (157.033) – der klassische Hardcore
    • Gabber (26.712)
    • Breakbeat (26.131)
    • Happy Hardcore (22.788)
    • Thrash (21.959) – Metal
    • Techno (20.794)
    • Emo (17.919)
    • Grindcore (16.631)

    477.032 Releases unter „Hardcore“ – aber völlig verschiedene Richtungen.
    Von Punk über Happy Hardcore-Rave bis zu Death Metal – alles mit „Hardcore“ getaggt.

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    #12513497  | PERMALINK

    ford-prefect
    Feeling all right in the noise and the light

    Registriert seit: 10.07.2002

    Beiträge: 11,055

    Tatsächlich begegnete mir der Genre-Begriff Hardcore ab 1993 das erste Mal im Zusammenhang mit den Techno-Compilations der Reihe „Thunderdome“. Die erste Ausgabe dieses Samplers trug den Untertitel „F*ck Mellow, This Is Hardcore From Hell“. Fürchterlicher elektronischer Krach, aber meinen Mitschülern und meinen beiden Brüdern gefiel’s. Erst durch die Rollins Band und dem Song „Liar“ anno 1994 begann ich, diesen Stilbegriff auch mit brettharten E-Gitarren zu verbinden.

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    #12513615  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Diese Etikettierungen kamen ja häufig erst im Nachhinein von Außen dazu. Als Yes „Close to the Edge“ veröffentlichte (1972), war das noch nicht der Inbegriff des Prog-Rocks, sondern vielleicht Art Rock oder so. Auch King Crimsons „Red“ war noch nicht Prog. Can und Neu! nannten ihr Zeug auch nicht Krautrock und ich bin mir nicht sicher, ob My Bloody Valentine ihre Musik anfangs ebenso scherzhaft wie die britische Presse mit Shoegaze in Verbindung gebracht haben.

    Was mit der klassischen Situation begann („Aaaargh, verflixt! Was war das für ein Song??? Wie heißt der nur? Von wem war der???“) („You die, I die, you know, I know“) entwickelte schnell eine Eigendynamik. Erst vorsichtig den Faden aufgenommen, Konfrontation mit den Alben, die langsam verstauben, Track-für-Track-Absuche bei D.O.A., Lard, S.O.D. und anderen, KI befragt (keine Treffer), nach drei Tagen der Heureka-Effekt: „Yes! NoMeansNo!“ Wie der Proustsche Madeleine-Effekt.

    Und dann die Spirale: Hardcore-Definitionen recherchieren, Genre-Chaos bei Discogs entdecken – bis aus der einfachen Song-Suche ein Impuls zum Nachspüren der eigenen Musikbiografie wird.

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    #12513633  | PERMALINK

    fevers-and-mirrors

    Registriert seit: 28.11.2004

    Beiträge: 1,599

    Um was geht es hier nochmal genau? Hardcore Punk (und nur der spielt hier eine Rolle, ganz egal, ob es natürlich auch Hardcore Techno usw. gibt, oder) ist doch seit den frühen 80ern ein völlig gebräuchlicher und hinreichend umrissener Begriff, beginnend logischerweise in den USA. Dass heutzutage Discogs & Co. für ihre Genre-Auflistungen schon kleine Anteile davon genügen, um das Etikett draufzukleben, ist dabei doch so verbreitet wie aber letztendlich auch völlig egal. Klar beinhaltet z.B. „Ill Communication“ auch Hardcore, siehe „Tough Guy“ und „Heart Attack Man“, die ja auch direkt auf die Ursprünge der Band verweisen, bevor sie Hip-Hop für sich entdeckten. Das macht daraus noch kein Hardcore-Album, nur eins, in dem HC auch eine Rolle spielt.

    Ich persönlich respektiere vieles am Hardcore (z.B. DIY, Fanzine-Kultur, moralische Integrität, Kompromisslosigkeit) und liebe zumindest noch die paar Dutzend Alben und Singles, die ich auch weiterhin besitze.

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    #12513683  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Wie ich das verstehe, sind Dir die ursprünglichen Werte geblieben, während bei mir die Sammlung verstaubt ist. Die Kompromisslosigkeit des Genres steht bei Dir, so wie ich es verstehe, hoch im Kurs, während ich eher die einzelnen Tracks als ästhetische Erfahrung konsumiert habe. Die entsprechende Fanzine-Kultur hatte ich auch nicht mitbekommen, der Lifestyle-Aspekt fiel bei mir völlig flach.

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    #12514401  | PERMALINK

    fevers-and-mirrors

    Registriert seit: 28.11.2004

    Beiträge: 1,599

    Ja, ich halte die Gesamterfahrung „Hardcore“ weiterhin für reizvoll. Sprich: Wenn sich zu dem ganzen geschätzten Überbau noch musikalische Perlen addieren, bin ich weiterhin sehr angetan, auch wenn die absolute Begeisterungsfähigkeit mit 17 oder auch 25 (natürlich?) noch größer war.

    --

    #12514439  | PERMALINK

    atom
    Moderator

    Registriert seit: 10.09.2003

    Beiträge: 22,718

    Ich habe die Szene selbst nur aus der Distanz verfolgt und dabei immer eher an der Oberfläche gekratzt. Trotzdem mochte ich das gesamte Umfeld – die Ästhetik, die Fanzines, die DIY-Kultur – das hat mich immer fasziniert. Bei mir stehen ein paar Dutzend LPs und EPs, meist die Klassiker, allerdings höre ich das alles selten. Ein guter Freund von mir hingegen war von Anfang an tief verwurzelt in der Hardcore-Szene. Für ihn gab es musikalisch kaum etwas außerhalb davon, und das hat sich bis heute nicht geändert. Seine Plattensammlung besteht zu 90% aus Hardcore-Singles, EPs und LPs, und auch seine Konzertbesuche drehen sich fast ausschließlich um diese Szene.

    --

    Hey man, why don't we make a tune... just playin' the melody, not play the solos...
    #12514459  | PERMALINK

    kingberzerk

    Registriert seit: 10.03.2008

    Beiträge: 2,407

    Zum geschätzten Überbau und der Gesamterfahrung fällt mir ein, was ich einst bei Sebastian Haffner gelesen hatte und mir auch in der Schule beigebracht wurde: als Heranwachsende gewinnen wir unsere Ideale, und wir verlieren sie nicht, unser Leben lang. Wir geraten in Konflikt mit ihnen, aber wir behalten sie.

    Für mich war es die DIY-Ethik, die Skepsis zum Phänomen Kommerzialisierung, die Fanzine-Kultur (war kein Leser, aber mein gebildetes Umfeld, das mich versorgte), der Sicherheitsabstand zur politischen Realität, Authentizitätscodes (“echt” vs. “verkauft”). Das bringt mich zu Platon: Echt, wahr und richtig. 

    Diese Orientierung hat Bestand, aber anderes ist dazugekommen, auch andere Ausdrucksformen. NoMeansNo bleibt faszinierend für mich, aber die Prioritäten haben sich abgewechselt.

    Die Faszination ist weniger mit Besessenheit verbunden, es bleibt eine Wertschätzung ohne Vereinnahmung. Manche Dinge sind schön, weil sie da sind, nicht weil man sie besitzen oder konsumieren muss.

    --

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    #12514833  | PERMALINK

    jimmydean

    Registriert seit: 13.11.2003

    Beiträge: 3,811

    bei mir eher umgekehrt, war früher nicht der fanatic… fugazi z.b. finde ich immer noch nicht so wahnsinnig gut… habe aber in den letzten jahren meinen kosmos erweitert… vor 7 jahren habe ich erstmals die descendents live gesehen.. seitdem habe ich auch noch all und die moving targets „entdeckt“…

    black flag sind für mich nur in den anfangsjahren hardcore, schon auf „damaged“ waren einflüsse von king crimson drauf, und später dann auch noch mit „my war“ ein vorläufer von grunge..

    hüsker dü und minutemen auch nur ganz am anfang… und no means no hört sich für mich eher nach gang of four an..

     

    --

    i don't care about the girls, i don't wanna see the world, i don't care if i'm all alone, as long as i can listen to the Ramones (the dubrovniks)
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