Konzertimpressionen und -rezensionen

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  • #10494185  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Und noch eine Lobeshymne auf das Konzert des Chiaroscuro Quartet:
    https://www.nzz.ch/feuilleton/so-herrlich-koennen-darmsaiten-klingen-ld.1390121
    Es liegt dann wohl an mir, dass mich das nicht zu fesseln vermochte … allerdings werden da und dort ja auch Dinge angedeutet, die sich bei mir in den Vordergrund drängten und mich störten, während die anderen Berichter das hinnehmen und anderso einen grossen Gewinn fanden – im obigen Text heisst es zu den Fugen von Bach, die hättem dem Ohr geschmeichelt „eher als prachtvoll marmoriertes Seidenband denn als kenntlich gemachtes Gewebe einzelner Fäden“, anderswo wird der „unforcierte Bratschenton“ erwähnt – eben: die Bratsche verschwand völlig in diesem Seidenband, und mir war das alles leider einfach nicht klar genug – GERADE beim Bach, beim Beethoven und Mendelssohn störte es mich dann etwas weniger, aber der erste Eindruck war dann halt einfach schon einmal nicht so gut.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #89: Blue Note Records: Die frühen Jahre, Teil 3: Swing Sessions, 1944-46 - 29.8., 22:00; #90: Blue Note Records: Die frühen Jahre, Teil 4: Swing Combos und New Orleans Revival, 1949-55 - 10.9., 22:00; #91: Dr. John und das New Orleans-Piano - 14.9., 22:30 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #11: tbd | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
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    #10508049  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out So Much"

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    Samstag, 16. Juni 2018, 19.30 Uhr
    Franz Liszt Konzertsaal Raiding
    Boris Giltburg, Klavie
    F. Liszt: Ètudes d‘exécution transcendante
    3. Paysage 4. Mazeppa 5. Feux follets 6. Vision 7. Eroica 1. Preludio 2. Molto vivace 8. Wilde Jagd 9. Ricordanza 10. Presto molto agitato 11. Harmonies du soir 12. Chasse neige
    S. Rachmaninoff: Études-Tableaux op.39

    Wieder einmal in Raiding und Boris Giltburg hat sich mit den beiden gewählten Werken von Liszt und Rachmaninoff eine warhaft herkulianische Aufgabe gestellt
    Im ersten Programmteil erklimmt er die „Transzendentalen Eüden“ von Liszt – welche auf deb „Grandes Etudes“ des Meisters beruhen und deren Namesgebung auf einen Streit bzw die Rivalität von Liszt und dem zeigenössischen Klaviervirtuosen Sigismund Thalberg zurückzuführen ist. Giltburg wählt eine eigene Reihenfolge der Etüden (siehe oben) und der nur scheinbar etwas zögerliche Einstieg bereitet in realiter die Bühne für die nachfolgenden emotionalen Gipfelsiege und seelischen Abgründe. Er spielt ungemein präzise jedoch bar jeglicher gefühlskalter Perfektion und es ist richtiggehend im Saal greiffbar, wie das Publikum gebannt die wogende Reise mitverfolgt. Es erscheint unfassbar wie ein Künstler dieses Werk notengetreu abbilden kann und dabei nicht partiell in Improvisationen verfällt (was wiederum den Kreis zu dem Werdegang mancher Etüden als Ergebnisz von Improvisationen der Grand Etudes schliesst). Dies ist süchtigmachende Musik und nach dem ausklingen von „Chasse Neige“ stellt man mit Verblüffung fest dass man knapp 75 Minuten am Tropf von Liszt in der Verarztung durch Giltburg hing. Standing Ovations und der schmächtige Künstler strahlt ….
    Nach einer Pause am lauen Frühsommerabend im Parkareal des Lisztzentrums Raiding unternimmt Giltburg den 2ten Teil seiner musikalischen Pilgerreise zu und mit Rachmaninoff. Er meistert auch diese mit Bravour und doch liegt ein Abstand in der Luft …. schlussendlich wird klar, daß die Lisztschen Transzendentalen Etüden Substanz am Aufnahmepotential des Zuhörers gekostet habe …. oder um es zu verbildlichen „“Welche Scheibe kann man noch nach Coltrane`s A Love Supreme auflegen …. ? “
    Schlussendlich (inklusive zweier Scriabin Etüden Zugaben) ist der Rausch vorbeigezogen und nach nicht endewollendem Jubel – dann Aufbruch und die rund 100 km Heimreise nach Wien im Bewusstsein ein denkwürdiges Konzert erlebt zu haben …..

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #10508053  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Klingt toll, danke für den Bericht. Kenne Giltburg noch überhaupt nicht, aber das macht schon neugierig!

    In Sachen Klavierrezitale muss ich noch bis in den Herbst hinein warten (es stehen noch Konzerte mit Honeck – der für den leider zum Pausieren gezwungenen Haitink diesen Freitag einspringen wird – und mit Blomstedt nächste Woche, jeweils mit Frank Peter Zimmermann bzw. Julia Fischer in der ersten Konzerthälfte) – davor gibt es im Sommer noch Aimard mit Klaviermusik von Stockhausen, wenn die Saison dann startet, stehen u.a. Arcadi Volodos (Clementi, Schubert D 780, Rachmaninov, Skrjabin) und dann im neuen Jahr Sokolov, Lupu und Zimerman (letzterer in Luzern, die anderen in Zürich … Buchbinder sähe ich auch gerne einmal solo, aber immerhin sollte es – nach einem abgesagten Konzert, für das ich Tickets hatte – im kommenden Mai mit einem Konzert mit Orchester klappen, ich hörte ihn noch nie live).

    Schade, dass ich nicht öfter die Gelegenheit habe … ich höre Klavier solo wohl lieber als mit Orchester, aber letzteres wird halt deutlich häufiger programmiert (in der kommenden Saison stehen bei mir auf dem Plan: Fellner mit Haitink, Buniatishvili mit Järvi, Pletnev mit dem Kammerorchester Basel, Volodos mit Järvi, Lewis mit Roth, Thibaudet mit Urbanski – ausser Pletnev alle mit dem Tonhalle-Orchester).

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    #10508069  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out So Much"

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    gypsy-tail-wind …. wenn die Saison dann startet, stehen u.a. Arcadi Volodos (Clementi, Schubert D 780, Rachmaninov, Skrjabin)  ….

    Da können wir dann unsere Impressionen austauschen  :yes:   ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #10508075  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    soulpope

    gypsy-tail-wind …. wenn die Saison dann startet, stehen u.a. Arcadi Volodos (Clementi, Schubert D 780, Rachmaninov, Skrjabin) ….

    Da können wir dann unsere Impressionen austauschen ….

    Ist dasselbe Programm angekündigt?

    Muzio Clementi
    Klaviersonate fis-Moll op. 25 Nr. 5

    Franz Schubert
    Moments musicaux D 780

    Sergej Rachmaninow
    Prélude cis-Moll op. 3 Nr. 2
    Prélude fis-Moll op. 23 Nr. 1
    Mélodie op. 21 Nr. 7 (Arr. Arcadi Volodos)
    „‚Étude-tableau“ op. 39 Nr. 5 es-Moll
    Aus: Cellosonate g-Moll op. 19, 3. Satz Andante (Arr. Arcadi Volodos)

    Alexander Skrjabin
    Mazurka e-Moll op.25 Nr. 3
    „Fragilité“ op. 51 Nr. 1
    „Flammes sombres“ op. 73 Nr. 2
    „Poème“ op. 71 Nr. 2
    Klaviersonate Nr. 5 Fis-Dur op. 53

    Und wann hörst Du ihn genau? Hier spielt er am Montag 22. Oktober.

    --

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    #10508095  | PERMALINK

    soulpope
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    gypsy-tail-wind

    soulpope

    gypsy-tail-wind …. wenn die Saison dann startet, stehen u.a. Arcadi Volodos (Clementi, Schubert D 780, Rachmaninov, Skrjabin) ….

    Da können wir dann unsere Impressionen austauschen ….

    Ist dasselbe Programm angekündigt? Muzio Clementi Klaviersonate fis-Moll op. 25 Nr. 5 Franz Schubert Moments musicaux D 780 Sergej Rachmaninow Prélude cis-Moll op. 3 Nr. 2 Prélude fis-Moll op. 23 Nr. 1 Mélodie op. 21 Nr. 7 (Arr. Arcadi Volodos) „‚Étude-tableau“ op. 39 Nr. 5 es-Moll Aus: Cellosonate g-Moll op. 19, 3. Satz Andante (Arr. Arcadi Volodos) Alexander Skrjabin Mazurka e-Moll op.25 Nr. 3 „Fragilité“ op. 51 Nr. 1 „Flammes sombres“ op. 73 Nr. 2 „Poème“ op. 71 Nr. 2 Klaviersonate Nr. 5 Fis-Dur op. 53 Und wann hörst Du ihn genau? Hier spielt er am Montag 22. Oktober.

    Identes Programm am 30.10 im Konzerthaus Wien  :bye: ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #10518419  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Shit, gerade einen langen Post verloren … zu dem beeinduckenden Konzert des Tonhalle-Orchesters mit Julia Fischer unter der Leitung von Blomstedt. Grossartige Aufführungen des Violinkonzerts von Mendelssohn (kein Vergleich mit der seltsam verkorksten Fassung, die Isabelle Faust mit dem Freiburger Barockorchester vor etwas mehr als einem Jahr in Zürich spielte) und danach der ersten Mahler-Symphonie. Ich nehme wohl später nochmal einen Anlauf, zu berichten … Die Woche davor hörte ich bereits Frank Peter Zimmermann mit dem Beethoven-Konzert und danach die Symphonie Nr. 4 von Brahms mit Manfred Honeck, der für den indisponierten Bernard Haitink eingesprungen war.

    Einen Opernbericht gibt es dann auch noch – gestern die phantastische Poppea von Dantone/Bieito gehört und gesehen, ich bin noch völlig geflasht von der unfassbaren Musik!

    Den Ausklang der Saison macht am Sonntag noch das Armida-Quartett mit Auszügen aus BWV 1080, KV 546 und Op. 130 mit Op. 133 – Kürzelsprache muss bei solchen Werken ausreichen, ich freue mich sehr darauf, hoffe auf ein weniger zweispältiges Erlebnis als mit dem Chiaroscuro Quartet neulich … und ärgere mich ein klein wenig darüber, das dazwischen liegende Konzert des Quarteto Casals (mit 18/6 und 59/2) verpasst zu haben, aber so ist das nun halt.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #89: Blue Note Records: Die frühen Jahre, Teil 3: Swing Sessions, 1944-46 - 29.8., 22:00; #90: Blue Note Records: Die frühen Jahre, Teil 4: Swing Combos und New Orleans Revival, 1949-55 - 10.9., 22:00; #91: Dr. John und das New Orleans-Piano - 14.9., 22:30 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #11: tbd | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
    #10518583  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Zürich, Tonhalle-Maag – 22.6.

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Manfred Honeck
    Leitung
    Frank Peter Zimmermann Violine

    Ludwig van Beethoven Ouvertüre zu „Egmont“ f-Moll op. 84
    Ludwig van Beethoven Violinkonzert D-Dur op. 61

    Johannes Brahms Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98

    Der Reihe nach also … die zwei letzten grossen Konzerte des Tonhalle-Orchesters in der endenden Saison waren für mich beides Höhepunkte. Zweimal Geigenkonzert mit sehr geschätzten Solisten und zwei sehr überaus geschätzte Dirigenten waren angekündigt, von denen der eine, Bernard Haitink, leider absagen musste. Eingesprungen ist kurzfristig Manfred Honeck, für mich bisher nur ein Name und beim Tonhalle-Orchester war er wohl erst zum zweiten Mal zu Gast – aber hoffentlich nicht zum letzten Mal! Sein Einnspringen brachte eine Programmänderung mit sich, die ich im Vorfeld bedauerte, aber im Rücklich nicht: statt Schumanns zweiter wurde Brahms vierte Symphonie gegeben.

    Los ging es mit einer knallenden Version der Egmont-Ouvertüre – sehr engagiert und zupackend gespielt machte sie sofort hellwach und rollte den Teppich für Frank Peter Zimmermann aus, indem sie die Ohren durchblies und die Sinne schärfte. Ich dachte in der ersten Konzerthälfte einige Male, dass Beethoven ein grossartiger Komponist war – nicht, dass ich daran jemals gezweifelt hätte, aber in den letzten Monaten lief nicht oft Beethoven hier im Haus (zuletzt Montagabend ein paar Klaviersonaten mit András Schiff, aber die Klaviersonaten sind soweiso in einer eigenen Liga – die Streichquartette wohl auch, aber da blicke ich noch nicht annährend so sehr durch). Frank Peter Zimmermann erwies sich einmal mehr – ich hörte ihn im Herbst 2013, in der letzten Saison von David Zinman beim Tonhalle-Orchester und mit diesem am Pult im Brahms-Konzert – als idealer Interpret, zurückgenommen und doch höchst präsent, bescheiden, aber nie seine Könnerschaft verleugnend, in seiner ruhigen Art eigentlich doch ziemlich spektakulär. Das Konzert war perfekt ausgestaltet, Zimmermann glänzte mal mit brilliantem Ton mit just der richtigen Menge Schmelz, dann wieder schrammelte er munter dahin, die Intonation perfekt und noch die schnellsten Läufe völlig klar ausgeführt. Honeck war auch hier stets bereit und wirkte mit Zimmermann – der übrigens seit einigen Monaten seine geliebte „Lady Inchiquin“ wieder hat – aufs schönste zusammen.

    Die Brahms-Symphonie dann, in der zweiten Hälfte, gelang wunderbar – und versöhnte mich auch mit dem Werk, das ich vor einigen Monate in der Tonhalle hörte, mit Pablo Heras-Casado, der im Vorfeld der Entscheidung als härtester Konkurrent Paavo Järvis um die Bringuier-Nachfolge gehandelt wurde, mich aber bisher nicht immer zu überzeugen vermochte (einmal schon, mit Bartóks Suite für Orchester, als er für Christoph von Dohnányi einsprang, der seither leider nicht wieder im Spielplan auftauchte). Bei Heras-Casado wurde das Ding quasi durchgepeitscht, denkbar unsubtil aber mit grosser Wucht. Bei Honeck nun kam die Symphonie zum Leben, gespielt wurde ebenfalls mit der nötigen Wucht, was auch Honecks Dirigierstil entsprach: athletisch, klar, aber auch fliessend gerade im langsamen Satz. Sehr gut gefiel mir übrigens die alte Sitzordnung mit den Stereo-Violinen und den Celli und Bratschen in der Mitte – gerne wieder so, nicht nur in kleinen Besetzungen, gerade dem Brahms tat das sehr gut!

    Die Enttäuschung über Haitinks Absage war also nach dem Konzert bestens zu verschmerzen – aber ich hoffe doch, dass er seinen geplanten Auftritt im September wird wahrnehmen können, denn die bisherigen Konzerte, die ich mit ihm und dem Tonhalle-Orchester erlebte, waren jedes für sich ein Ereignis!

    Hier gibt es einen Bericht über den ersten der drei Abende – ich vermute, dass gerade bei der Overtüre noch etwas gefeilt bwz. nachgebessert werden konnte:
    http://seenandheard-international.com/2018/06/honeck-steps-in-for-haitink-and-schumann-gives-way-to-brahms/

    Zürich, Tonhalle-Maag – 29.6.

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Herbert Blomstedt
    Leitung
    Julia Fischer Violine

    Felix Mendelssohn Bartholdy Violinkonzert e-Moll op. 64

    Gustav Mahler Sinfonie Nr. 1 D-Dur

    Eine Woche später folgte das letzte Konzert der Saison des Orchesters – und um es vorwegzunehmen: auch das ein Höhepunkt! Erneut war ich in der dritten und letzten Aufführung, erneut wurde in der alten deutschen Aufstellung gespielt (wie auch beim Beethoven-Konzert mit Blomstedt in der letzten Saison), erneut begrüsste ich das ungemein, besonders in der zweiten Konzerthälfte.

    Doch los ging es mit Julia Fischer, vor ein paar Jahren Artist in Residence an der Tonhalle und wie Blomstedt ein gern gesehener Gast. Sie machte beim Violinkonzert von Felix Mendelssohn umgehend klar, dass sie das Ding im Griff hat. Die Blicke gingen immer wieder zu den Stimmführern aber auch zum Dirigenten, einmal mehr klappte das Zusammenspiel ganz hervorragend, es war eine Freude zu hören, wie ihre Stimme aus den Tutti aufstieg und die schnellsten Läufe wie auch die leisesten, zartesten Momente – eine absolut überzeugende Darbietung, und das auf einem brandneuen Instrument (siehe NZZ-Kritik unten). Auf dem Weg in die Tonhalle-Maag war ich im Glauben, das Violinkonzert Mendelssohns ganz wie jenes von Beethoven in der Woche davor, zum ersten Mal im Konzert zu hören – ich vergass völlig das für meine Ohren leider ziemlich missglückte Konzert, bei dem Isabelle Faust das Violinkonzert mit dem Freiburger Barockorchester – einmal mehr unter Pablo Heras-Casado – aufführte. Mir scheint gerade, Fischer gewinne im Konzert die Klarheit und Überzeugungskraft, die sie auf den mir bekannten, recht wenigen Tonträgern nicht immer haben will – während es bei Faust möglicherweise umgekehrt ist, sie im Konzert nicht ganz einlösen kann, was die Tonträger versprechen (wobei das Trio mit Melnikov und Queyras schon ziemlich toll war und die Bach-Solo-Sache grossartig – aber mit Orchester will es nicht so ganz klappen, eindeutig am besten das zweite Mal, dass ich sie mit dem Schumann-Konzert hörte, mit dem ZKO unter Roger Norrington, als drittes neben diesem und dem Mendelssohn-Abend hörte ich sie ebenfalls mit Schumann, Tonhalle-Orchester unter Jakub Hrusa). Fischer jedenfalls hatte eine starke Präsenz, bewegte sich beim Spiel auf dem engen Raum zwischen dem Orchester und dem Dirigentenpult, hämmerte – im langen Kleid natürlich – auch mal eine besonders prägnante Phrase in breitbeiniger Mackerpose in die Bühnenbretter. Ein toller Auftritt, und ich freue mich schon auf den nächsten, im Januar 2019 unter Juanjo Mena, der im Anschluss an das Violinkonzert von Britten noch Bruckners Sechste dirigieren wird.

    Grossartig war dann auch die zweite Konzerthälfte – Blomstedt, der in exakt einer Woche den 91. Geburtstag feiern wird, wirkt ordentlich steif in seinen Bewegungen. Aber er weiss, mit dem Orchester umzugehen, seine Hände setzt er sparsam ein, doch umso prägnanter scheinen seine Anweisungen umgesetzt zu werden. Die erste Symphonie von Mahler war meine dritte im Konzert und auch das dritte Mal, dass ich überhaupt eine Mahler-Symphonie angehört habe (Nr. 6 mit Zinman/Tonhalle und neulich Nr. 9 mit Rattle/LSO) – es wird Zeit, dass ich mich mal hinter all die längst bereitliegenden Aufnahmen mache! Wie das sperrige Ding buchstäblich unter den Händen von Blomstedt und da, direkt vor meiner Nase (ich sass in der ersten Reihe am Mittelgang) Form annahm, war schon sehr eindrücklich zu beobachten. Am Ende war ich zugleich niedergeschlagen und irgendwie euphorisch, eine sehr eigenartige Stimmung, die ich so nur grossartigen Erlebnissen aus dem Konzert oder dem Kino kenne (oder natürlich nach einer Lektüre, aber die ist ja selten so kompakt und so reichhaltig und man steuert das Tempo stets selbst, setzt sich mit Pausen aus).

    Zwei andere Rezensionen (die NZZ zum ersten, Rhodes zum zweiten Abend):
    https://www.nzz.ch/feuilleton/julia-fischer-und-herbert-blomstedt-begeistern-in-der-tonhalle-maag-ld.1399060
    http://seenandheard-international.com/2018/06/fischer-and-blomstedt-phenomenal-violinist-and-phenomenal-conductor/

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    #10523153  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Armida Quartett – Zürich, Kirche St. Peter – 08.07.2018

    Martin Funda, Violine
    Johanna Staemmler, Violine
    Teresa Schwamm, Viola
    Peter-Philipp Staemmler, Violoncello

    Bach, aus «Die Kunst der Fuge« BWV 1080
    Mozart, Adagio und Fuge c-Moll KV 546
    Beethoven, Streichquartett B-Dur op. 130 mit Grosser Fuge op. 133

    Am Sonntag fand in der Kirche St. Peter zu Zürich das letzte Konzert der neuen Streichquartett-Reihe statt, die auch in der kommenden Saison fortgesetzt wird. Ich war bei drei Konzerten, der Auftakt mit dem Doric String Quartet wurde vom Veranstalter allen Abonnenten – auch der anderen Reihe in der Tonhalle, bei der ich ein Abo hatte und wieder habe – offeriert, danach hörte ich vor ein paar Wochen das mich eher enttäuschende Chiaroscuro Quartet und jetzt zum Ausklang das grossartig aufspielende Armida-Quartett.

    Hier hatte die Musik wieder klare Konturen, das wurde schon in den drei Contrapuncti aus Bachs „Kunst der Fuge“ zum Auftakt klar. Weiter ging es mit Mozarts Adagio und Fuge KV 546, die Fuge wurde in ihrer Unerbittlichkeit greifbar, das Ding hatte den nöttigen Drive und trotz dem etwas schwammigen Klang in der Kirche war das Klangbild – wie auch beim Bach davor – klar genug, um mich nicht, wie beim Chiaroscuro Quartet, zu stören.

    Der Hauptteil des Konzertes folgte danach mit Beethovens monströsem Quartett Op. 130 inklusive dem ursprünglichen Schlussatz, der „grossen Fuge“ – das Ding dauert etwa 50 Minuten, nicht immer konnte ich die Bögen nachvollziehen, was aber vielleicht auch an meiner etwas strapazierten Aufnahmefähigkeit lag und käumlich an den Fähigkeiten des Armida Quartetts. Die beiden Tanzsätze an vierter und fünfter Stelle waren dann wieder einfacher zu verolgen und bei der Fuge zum Ausklang sass ich auf der Stuhlkante. Was für ein unfassbarer Trümmer! Von den drei späten Streichquartetten, die ich gehört habe – Op. 130/133 mit Armida, Op. 131 mit Takács, Op. 135 mit Kuss – war das jedoch für mich das schwierigste, Op. 131 mit dem beeindruckenden Takács Quartett das atemberaubendste, und Op. 135 in vieler Hinsicht das schönste, vielleicht abgeklärteste, jedenfalls klarste, auch wenn hinter und unter der Oberfläche einiges brodelt.

    Ausfühlicher berichtet heute die NZZ, die Rezension steht auch online:
    https://www.nzz.ch/feuilleton/geschliffenes-gespraech-im-hallraum-ld.1402258

    Heute Abend wird wohl die Sommerpause noch einmal etwas angeknabbert (danach gibt es – bzw. ab heute gibt es – noch eine mittwöchliche Reihe mit Orgelkonzerten im Grossmünster, von denen ich wohl das eine oder andere nach der Arbeit anhören gehen werde), denn bei den Serenaden im Park der Villa Schönberg spielt das Belcea Quartett ein Programm, das sich sehr toll ausnimmt: los geht es mit Op. 33/5 von Haydn, dann folgt Bartóks sechstes Streichquartett, und den Ausklang macht schliesslich Mendelssohns Op. 80.

    Es ist toll, Streichquartette im Konzert entdecken zu können, auch wenn ich mit dem Repertoire im allgemeinen noch nicht sehr vertraut bin … allerdings kamen gerade die Schumann-Aufnahmen der Juilliards (in der Gould-Box sind ja nur die Werke mit Klavier drin – auch das, auf dem Bernstein spielt, die erste Hälfte der einstigen LP-Box, eben mit den Streichquartetten, strich man raus), die Sammlung wächst weiter.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #89: Blue Note Records: Die frühen Jahre, Teil 3: Swing Sessions, 1944-46 - 29.8., 22:00; #90: Blue Note Records: Die frühen Jahre, Teil 4: Swing Combos und New Orleans Revival, 1949-55 - 10.9., 22:00; #91: Dr. John und das New Orleans-Piano - 14.9., 22:30 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #11: tbd | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
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    Belcea Quartet – Serenaden im Park der Villa Schönberg, Zürich – 11.07.2018

    Corina Belcea, Violine
    Axel Schacher, Violine
    Krzysztof Chorzelski, Viola
    Antoine Lederlin, Violoncello

    Joseph Haydn Streichquartett in G-Dur, op. 33, Nr. 5
    Béla Bartók Streichquartett Nr. 6, Sz. 114

    Felix Mendelssohn Streichquartett Nr. 6 in f-Moll, op. 80

    Das Konzert des Belcea Quartet in der Streichquartett-Reihe im St. Peter habe ich leider verpasst, aber vorgestern konnte ich das nachholen, ein ganz anderes Programm aus dem breiten Repertoire des Quartetts, das ich bisher nicht kannte (und noch einen Beethoven-Zyklus werde ich auch käumlich anschaffen). Die Serenaden finden jeden Sommer im Park der Villa Schönberg, man sitzt auf dem Platz hinter der Villa, die einst zum Wesendonck-, später Rieter-Areal gehört (heute ist dort – in bzw. neben/unter der Villa Wesendonck das Museum Rietberg beheimatet).

    Ich brauchte ein paar Minuten, um mich bei Haydn an den harten Stahlsaiten-Sound des Quartetts zu gewöhnen, doch das Spiel war von so klar und zupackend, dass es ein Leichtes war, sich darin einzufinden. Schnörkellos, direkt – ein toller Auftakt, um die Ohren freizublasen. Dass ab und zu ein Flugzeug oder ein Helikopter etwas zu nah vorbeiflogen, störte nicht weiter, der trockene Sound – immerhin abgefedert durch die Rückseite der Villa gleich hinter der improvisierten Bühne – bereitete dem Quartett auch keine nennenswerten Schwierigkeiten. Weiter ging es dann mit Bartók, dem sechsten Streichquartett. Mit Bartóks Quartetten habe ich mich noch gar nicht befasst, umso beeindruckter war ich von Werk wie Interpretation. Das Belcea Quartet lebte diese Musik, es wurde mit enormer Überzeugungskraft gespielt – und die Vögel in den Bäumen rundherum schienen da und dort Antwort zu geben. Besonders schön der Bratschen-Satz … und das immer wieder ins Nichts, in die Stille laufende des ganzen Werkes.

    Nach einer viel zu langen Pause folgte noch das letzte Quartett von Felix Mendelssohn, auf das ich mich ähnlich freute, wie auf das Bartók-Quartett. Angehört habe ich wohl erst die Einspielung des Quatuor Ebène (das ich in der nächsten Saison im Konzert hören werde), aber von Mendelssohn ja neulich mit dem Chiaroscuro Quartet Op. 12 im Konzert gehört. Auch hier wurde mit Innbrunst musiziert, die vier sassen buchstäblich auf der Stuhlkante. Ein toller Ausklang eines sehr schönen Abends – und einer sehr reichhaltigen Saison (eigentlich wäre ja jetzt Zeit für den grossen Jahresrückblick … durchaus auch im Jazz-Bereich, wo der Sommer ja auch die Zäsur darstellt, aber halten wir uns mal an die Forumstraditionen und warten bis zum Ende des Kalenderjahres).

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    gypsy-tail-wind
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    Heinz Holliger, Zoltán Fejérvári, András Schiff, Miklós Perényi, Chamber Orchestra of Europe, Lucerne Festival Alumni
    Lucerne Festival, KKL, Luzern – 20.08.2018

    Chamber Orchestra of Europe
    Lucerne Festival Alumni
    Heinz Holliger
    Dirigent
    Zoltán Fejérvári Klavier (Kurtág)
    Sir András Schiff Klavier (Beethoven)
    Miklós Perényi Violoncello

    Arnold Schönberg (1874–1951)
    Kammersinfonie Nr. 1 E-Dur für fünfzehn Soloinstrumente op. 9
    Ludwig van Beethoven (1770–1827)
    Klaviersonate Es-Dur op. 27 Nr. 1 Sonata quasi una fantasia
    György Kurtág (*1926)
    … quasi una fantasia … für Klavier und im Raum verteilte Instrumentalgruppen op. 27 Nr. 1

    Ludwig van Beethoven (1770–1827)
    Klaviersonate cis-Moll op. 27 Nr. 2 Sonata quasi una fantasia
    György Kurtág (*1926)
    Doppelkonzert für Klavier, Violoncello und zwei im Raum verteilte Kammerensembles op. 27 Nr. 2
    Heinz Holliger (*1939)
    COncErto? Certo! cOn soli pEr tutti (… perduti? …)! für Orchester

    Ich versäumte es, direkt nach diesem tollen Konzert ein paar Zeilen zu schreiben – doch es war eindrücklich! Der Auftakt mit Schönberg, in der kleinen Originalbesetzung aufgeführt (d.h. die Streicher nur einfach besetzt) war grossartig und liess mich einmal mehr denken, dass ich die Musik Schönbergs endlich tiefer erkunden sollte. Beethoven und Kurtág wurden jeweils ohne Unterbrechung aufgeführt. Schiff schien in den Sonaten fast schon zu baden, manchmal war das vielleicht ein wenig eitel, doch auch stringent und überzeugend – und mit einem tollen Ton, den er seinem Bösendorfer entlockte.

    Am schönsten fand ich aber, Gelegenheit zu haben, die beiden Kurtág-Werke zu hören. Mit von Schönberg geschärften Ohren und nach den Fantasien Beethovens konnte man sich darauf in der Tat bestens einlassen. Auf der Bühne standen diverse grosse Tasten- und Schlaginstrumente sowie Harfen, Streicher und Bläser waren an vier bzw. fünf Stellen in der ersten Galerie verteilt, teils wohl in gleicher Besetzung auf jeder Seite des Raumes (auf deren einen ich selbst sass und deshalb nicht alle Gruppen sehen konnte). Sehr eindringlich war das, in der grossen Unaufdringlichkeit, der es aber an Dringlichkeit gerade nicht mangelt. Solche Konzerte würde man gerne öfter hören, auch wenn man den Beethoven auch hätte weglassen und stattdessen, wie auch die NZZ meinte, einfach den Kurtág jeweils hätte doppelt spielen können.

    Holligers eigenes abschliessendes Orchesterkonzert, für das Chamber Orchestra of Europe geschrieben (das bei Schönberg minimal, bei Kurtág aber deutlich durch die Alumni des Festivalorchester verstärkt worden war, hier nun in konventioneller Besetzung auftrat), besteht aus ziemlich vielen Teilen, die jeweils unterschiedlich kombiniert werden können. Vor dem Konzert werden wohl die zu spielenden Teile bestimmt (sie standen auch im Programmheft – aber ob genau diese Teile gespielt wurden, weiss ich nicht), Holliger bestimmt aber die genaue Reihenfolge erst im Konzert. Das liess das Orchester natürlich auf der Stuhlkante sitzen und brachte auch in der unterschiedlichen Kombination mit Solos für verschiedenste Instrumente sehr abwechslungsreiche Resultate hervor. Zugleich aber wirkte das Stück auch etwas beliebig und nicht auf der Höhe der so präzisen Werke Kurtágs, in denen alles Überflüssige weggelassen ist – dass auf dem Weg raus manche Konzertbesucherinnen ganz begeistert von allerlei Vögeln sprachen, die sie gehört hätten, wertete ich denn für mich auch nicht gerade als positives Urteil. Dennoch: mehr davon!

    Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko, Yuja Wang – Lucerne Festival, KKL, Luzern – 30.8.

    Berliner Philharmoniker
    Kirill Petrenko
    Dirigent
    Yuja Wang Klavier

    Paul Dukas (1865–1935)
    La Péri, ou La Fleur d’immortalité
    Sergej Prokofjew (1891–1953)
    Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26
    Zugabe: Toccata d-Moll Op. 11

    Franz Schmidt (1874–1939)
    Sinfonie Nr. 4 C-Dur

    Diese Woche ging es zum zweiten Mal nach Luzern – ganz so erfreulich war es leider am Ende nicht noch einmal, aber damit hätte ich ja rechnen können, wenn die Berliner mit ihrem künftigen (ab 2019/20) Chefdirigenten und der Pianistin Yuja Wang aufspielen. Die konzentrierte, ungestörte Ruhe vom Konzert des COE unter Holliger fehlte gänzlich, das KKL war praktisch voll (das heisst glaube ich nahezu 2000 Leute), ich sass ganz oben, was manchmal ja gute Voraussetzungen sind, um unter den Leuten zu sein, die wirklich der Musik wegen kamen – aber auch das war diesmal nur teilweise der Fall.

    Die Berliner waren jedoch schon bei Dukas beeindruckend – das Zusammenspiel, die Farben … Petrenko scheint zu wissen, was er will und das Orchester bereit zu sein, mit ihm zu gehen. Ein feiner Auftakt, etwas exotisch aber auch impressionistisch. Dann wurde der Flügel in die Mitte geschoben, das Ungetüm, das Wang zu zähmen suchte. So richtig gefiel mir überraschenderweise der zweite, langsame Satz, in dem die Bläser das Thema vortragen und das Klavier dann erst einsetzt – Wang setzte hier behutsame Akzente, liess sich Zeit, gestaltete. Die beiden Ecksätze schienen mir dagegen an mancher Stelle etwas hektisch und konfus. Das liegt aber, ich habe es inzwischen zuhause nachgeprüft, wohl auch am Werk selbst, mit dem ich nicht wahnsinnig viel anfangen kann. Als Zugabe spielte sie, und das war dann wiederum sehr eindrücklich – auch weil ich besten Blick auf die Hände hatte, und das schien wirklich fingerbrecherisch – die Toccata von Prokofiev. Riesiger Applaus – und dann Ruhe in der Pause.

    Nach der Pause folgte das am wenigsten moderne bzw. zu seiner Entstehungszeit zeitgenössische aber zugleich das gewichtigste Werk, Franz Schmidts vierte Symphonie, eine Art instrumentales Requiem auf seine im Kindbett verstorbene Tochter, deren Tod der in der Brahms/Bruckner-Linie stehende Spätestromantiker nur schwer verkraften konnte. Ich kannte das Werk noch nicht und freue mich darauf, bei Zeiten auch die Einspielung anzuhören, die schon länger da ist (Symphonien 1-4 mit dem MDR Orchester unter Fabio Luisi, von Nr. 4 auch noch die Wiener unter Mehta). Schmidt scheint nur in Österreich einigermassen regelmässig gespielt zu werden, z.B. von Welser-Möst oder einst auch von Harnoncourt. Das ist schade, denn das Ding ist tatsächlich so gut, dass man verstehen kann, dass auch Neutöner wie Berg den aus der Zeit gefallenen Komponisten (der zudem, so liest man, am Klavier aus dem Gedächtnis praktisch das komplette symphonischer Repertoire spielen konnte) überaus schätzten.

    Ich war ja letztes Jahr zum ersten Mal beim Lucerne Festival und positiv überrascht – besonders elitär kam es mir (von den Kartenpreisen mal abgesehen) auch dieses Mal nicht vor, aber ein Konzert mit Holliger (den ich schon letztes Jahr hörte) zieht wohl ein wesentlich interessierteres Publikum an als eines mit glanzvollen Namen wie Petrenko und Wang … das ist ja auch hier in der Tonhalle nicht anders, aber aus dem Alltag heraus dünkt mich hat das Publikum nicht so lange Anlaufzeit, um richtig ins Husten, Rascheln, Tuscheln, Schuheschleifen usw. hineinzufinden – und die klingelnden Armreifen anzuziehen vergisst es zum Glück meistens auch. Muss man alles nicht haben, zumal wenn es ein typisch überaltertes Publikum ist … die Jungen sind ja in der Regel wirklich nur der Musik wegen da und dann auch ruhig (die hören aber auch all die Störgeräusche noch …), aber das galt eben in Luzern bei diesem Konzert für meine Sitznachbarn leider auch nicht … und dass dann auch noch von diversen Kameras, die sich am Bühnenrand dauernd bewegen, gefilmt wird, macht die Sache nicht besser.

    Ein dritter Besuch steht nächsten Sonntag an, Musik von Stockhausen mit Aimard (die ganzen Klavierstücke in der Matinee – zweieinhalb Stunden … bin ja gespannt, wieviel ich davon mitkriege, zumal ich am Abend davor kaum früh ins Bett kommen werde) und danach ab dem späteren Nachmittag mit Pintscher und Rattle zweimal Stockhausens „Gruppen“, dazwischen mit denselben Werke von Messiaen und Nono.

    Die NZZ-Rezension zum Konzert mit Holliger und dem COE:
    https://www.nzz.ch/feuilleton/so-betreibt-das-lucerne-festival-die-wieder-verraetselung-des-alls-ld.1413510

    Eine Rezension des Programmes der Berliner, aufgeführt im April in Berlin, findet man hier:
    https://bachtrack.com/de_DE/review-schmidt-peri-kirill-petrenko-wang-berlin-philharmonic-april-2018

    John Rhodes war am Vortag in Luzern, als die Berliner unter Petrenko Beethoven und Strauss spielten – mich nahm Schmidt (und der Rest mehr wunder):
    http://seenandheard-international.com/2018/08/the-berlin-phil-and-kirill-petrenko-simply-in-a-class-of-their-own/

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    gypsy-tail-wind
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    Und noch einmal die NZZ, Tripelkritik zu den zwei Konzerten Petrenkos sowie einem von Nézet-Séguin (Philharmonisches Orchester Rotterdam):
    https://www.nzz.ch/feuilleton/lucerne-festival-zwischen-diesen-dirigenten-liegen-welten-ld.1416642
    Wang hin oder her, ich habe wohl schon gut gewählt … Dukas und noch mehr Schmidt waren wirklich toll.

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    soulpope
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    @gypsy: Sehr feine Konzertberichte, thnx ….

    --

      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
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    gypsy-tail-wind
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    Lucerne Festival – Stockhausen? Stockhausen! … Messiaen, Nono etc. – 08.09.208

    Es ging ordentlich früh raus am Sonntag und ich hatte Bedenken, dass ich beim einen oder anderen Konzert wegdösen könnte … doch das erwies sich zum Glück als unbegründet. Den Auftakt machte ein Rezital in der Betonkirche MaiHof, etwas ausserhalb des Stadtzentrums.

    Pierre-Laurent Aimard, Klavier

    Karlheinz Stockhausen (1928–2007)
    Klavierstücke I-XI

    Aimards Reihenfolge war: II, IV, II, I (alle vier 1952), V (1954/55), VIII, VII, VI (alle drei 1954/55), dann gönnte er sich und uns eine sehr kurze Pause (rausgehen lohnte nicht) und weiter ging es mit XI (1956), IX und X (beide 1954/55, 1961). Das ganze dauerte fast zwei Stunden und war enorm eindrücklich. Der Weg liess ich nachvollziehen von den durchaus eleganten etwas früheren Stücken, die teils nur Miniaturen sind, bis hin zu den sehr langen, sehr komplexen späteren Stücken. Für X am Schluss zog Aimard fingerlose Handschuhe an, was für Irritation sorgte, doch sich bald erklärte: er legte nicht nur die ganzen Hände oder Hände und Arme auf die Tasten, um Cluster zu spielen sondern schlitterte auch immer wieder mit der Handkante über mehrere Oktaven der Kante der (weissen) Tasten entlang (ob er auch die schwarzen „mitnahm“ konnte ich nicht erkennen). Eindrücklich auf jeden Fall, mit der ruhigen Ausstrahlung des Meisters gespielt, der auch die (Festival-)Photographin verjagte, als sie plötzlich im Hintergrund seines Blickfeldes auftauchte (zum Glück hatte er gerade erst ein paar Töne eines neuen Stückes gespielt und fing denn einfach noch einmal von vorn an). Die grosse Frage, die sich stellte, bei aller Faszination: Was unterscheidet diese Musik von Improvisationen eines Pianisten wie Cecil Taylor (der zugegeben 1952 noch nicht dokumentiert ist und auch danach als Solist noch nicht so bald)? Wird nicht auch gerade der spirituelle – im weitesten Sinne, nicht im stockhausen’schen recht eng/unironisch-religiösen – Aspekt möglicherweise aus dem Moment heraus ebenfalls intensiver, eben gerade weil es keine letztgültige Erklärung gibt, wie sie bei Stockhausen ja im Notentext vorhanden ist, hinter den der Interpret weder kann noch will? Ganz trivial aber auch: was bzw. wen hat Stockhausen denn gehört damals? Woher kommt diese Musik? Es gab ja einerseits die ganzen Russen, andererseits Bartók, und natürlich die etwas älteren französischen Impressionisten … aber das alles reicht keineswegs, um Stockhausens Klaviermusik zu erklären. Stockhausen spielte jedenfalls auch Klavier einer Bar (ein Brotjob?) las ich irgendwo …

    Danach Spaziergang in der Gegenrichtung zu ziemlich vielen Touristen entlang dem enthaltenen Teilstück der Stadtmauer von Luzern, ein kleiner Imbiss, eine Stunde im Kunstmuseum Luzern, wo es vor allem einen Raum mit ein paar hundert Skizzen und Zeichnungen von Erwin Wurm zu sehen gibt, der ziemlich toll ist (die Sammlung ist eher bescheiden, viel Schweizerisches aus dem 19., die andere aktuelle Wechselausstellung war mir etwas zu bunt, mit den Sachen von Claude Sandoz konnte ich eher wenig anfangen, besser fand ich ein paar der beigegebenen Sachen, v.a. den Raum mit Werken von Rinus van de Welde, aber auch den Raum von Samuel Herzog zu einer fiktiven Insel (es geht in der ganzen Schau um Bezüge zur Karibik, Aufenthalte, Mitgebrachtes, Angeregtes etc.)

    Um 16 Uhr gab es in der Box des Luzerner Theaters die erste Impro-Box (Eintritt frei, dauerte knapp 40 Minuten) des Festivals zu hören, mit Joke Lanz & Gilles Grimaître an den Plattentellern bzw. an Synthesizer/Laptop. Das kam ziemlich gut und war auch der Moment, um etwas neuen Schwung zu tanken für den Rest des Tages, der noch einiges zu bieten hatte. Das Elektro-Set war ziemlich gut, fand ich – aber ich missbrauchte es als Ambient für eine Art halbwachen Power-Nap im Halbdunkel des Raumes, in dem ein paar verstreute Zuhörerinnen rund um die beiden Musiker sassen.

    London Symphony Orchestra
    Orchester der Lucerne Festival Academy
    Simon Rattle
    , Dirigent
    Jaehyuck Choi, Dirigent
    Duncan Ward, Dirigent

    Karlheinz Stockhausen (1928–2007)
    Gruppen, für drei Orchester

    Weiter ging es dann um halb sieben mit der ersten von zwei Aufführungen von Stockhausens „Gruppen“, komponiert für 109 Musiker in drei Orchestergruppen. Die mittlere wurden von Rattle dirigiert, die rechte von Ward, die linke von Choi, einem der drei Einspringer für Matthias Pintscher, der sich Anfang Woche wohl wegen künstlerischer oder sonstiger Differenzen per sofort von der Lucerne Festival Academy verabschiedete. Ich sass ungefähr vor dem Mischpult in der Mitte des Raumes, Blick ziemlich direkt auf Rattle, konnte auch recht gut nach links und rechts zu den anderen beiden Dirigenten sehen. Sie standen alle mit dem Rücken zur Wand, die Orchester wandten dem Publikum also auch den Rücken zu, wobei das mit dem wichtigen Schlagwerk an den Rändern und anderen Anpassungen der Sitzordnung etwas durchbrochen wurde. Vor Rattle stand der grosse Flügel und ungefähr dort, wo das Pult des Stimmführers der Celli (oder der 2. Geigen) stehen würde, sass der E-Gitarrist (Irritation … hätte man damals schon ein besseres – dynamischeres, natürlicheres, weniger nach Plastic klingendes, atmendes – Instrument verwenden können, etwas japanisches oder chinesisches z.B., eine Koto? Oder wenigstens eine verstärkte akustische Gitarre?). Dass die drei Orchestergruppen einen je eigenen Zeit-Raum bespielten oder bewohnten – das konnte ich so nicht unbedingt erkennen, aber das koordinierte, manchmal sich fast schon chaotisch verdichtende Mit-, Gegen-, Nebeneinander war schon sehr faszinierend und die Musik über weite Strecken frisch – und auch durchaus nicht allzu sperrig. Die Gitarre mittendrin fand ich rein vom Klang her etwas flach, ich schrieb es ja schon, andere Soli gefielen, der eine oder andere Echo- oder Stereo-Effekt, das durch den Raum gehetzte Motiv war schon gut, aber ein paar Momente, die fast schon nach Lachern zu lechzen schienen, fand ich wiederum etwas nervig. Aufgeführt wurde das Werk übrigens nicht im grossen Konzertsaal des KKL sondern im kleineren Luzerner Saal, der die Aufstellung der drei Ochestergruppen im Hufeisen um das Publikum herum problemlos möglich macht, aber den Charm einer schwarz gestrichenen Fabrikhalle, der man die Fabrik schon ausgetrieben hat, verströmt.

    London Symphony Orchestra
    Sir Simon Rattle
    , Dirigent (Messiaen)

    Orchester der Lucerne Festival Academy
    Ruth Reinhardt
    , Dirigentin (Nono)

    Olivier Messiaen (1908–1992)
    Et exspecto resurrectionem mortuorum, für Bläser und Schlagzeug

    Luigi Nono (1924–1990)
    No hay caminos, hay que caminar … Andrej Tarkowskij, für sieben Orchestergruppen

    Weiter ging es wenig später im grossen Konzertsaal. Ich hatte einen Platz auf der Orgelempore hinter dem Orchester, was nicht optimal aber auch nicht weiter tragisch war – trotz Schlagwerk und Hörnern vor der Nase (bei Messiaen). Rattle hatte ebensowenig Zeit, um sich auf das grosse Ding von Messiaen umzustimmen, das er nun dirigierte – ich hatte wiederum besten Blick auf ihn und auf die grosse Schlagzeuggruppe, die ihre Arbeit sehr gut machte. Dass Messiaen Klängen Farben zuordnen konnte, passt perfekt zu seiner Musik, die für mein Empfinden fast immer aussergewöhnlich klingt, gerade was Klangfarben betrifft. Das ist auch bei seinem grossen instrumentalen Requiem für die Toten der beiden Weltkriege der Fall, vielleicht mehr als bei manch anderem Werk, das ich von ihm kenne (allzu viele sind es noch nicht, ich finde die Klangwelt Messiaens bisher nicht gerade leicht penetrierbar, aber ich bleibe dran). Die Aufführung war aber beeindruckend, auch wenn sich mir das Werk nach wie vor nicht wirklich erschliesst. Rattle agierte mit Leidenschaft und bildet mit dem LSO in der Tat eine Gemeinschaft, der man eine lange und ergiebige gemeinsame Reise wünscht (derselbe sehr positive Eindruck stellte sich ja schon ein, als ich sie im April in Zürich mit Mahler 9 hörte).

    Dann kurze Umbaupause, Ruth Reinhardt (eine weitere Einspringerin für Pintscher, sie wirkt diesen Sommer sowieso als Assistenzdirigentin der Lucerne Festival Academy) betritt die Bühne, sagt ein paar Sätze zum Werk von Nono, erläutert dessen sieben Töne, die sieben Orchestergruppen. Diese richten sich dann ein, zwei auf der Bühne (Streicher und ganz hinten Schlagwerk und Posaunen), eine im hinteresten Teil des Parketts, der leer gelassen wurde, je zwei auf den ebenfalls leeren ersten Galerien. Dann beginnt diese seltsame, stille Musik allmählich den Raum zu füllen – behutsam, tastend, mit viel Zeit und viel Luft. Es gibt keine Wege, es gibt nur das Gehen – Nono interesseirte damals, in den Achtzigerjahren, wie er schrieb, „der Prozess der Erkenntnis viel mehr als das Resultat eines Prozesses“. Zur Uraufführung des Stückes, das zum 60. Jubiläum der Whisky-Produktion von Suntory in Japan als Auftrag entstand, reiste Nono denn auch mit der Transsibirischen Eisenbahn an. Den Effekt mit den verschiedenen Klangfarben der sieben Instrumentengruppen konnte ich nur punktuell nachvollziehen (was auch am Platz gelegen haben mag, aber sicher nicht nur, denn der grosse Saal des KKL ist von einer beeindruckenden Transperenz und ich sass schon öfter am Rand, meist auf den Galerien, wo es halbwegs erschwingliche Plätze nah am Geschehen gibt). Leider fiel das Publikum mit Gehuste negativ auf, as die Stille Rätselhaftigkeit des erklingenden Werkes immer wieder empfindlich störte – aber die meisten waren wohl nicht wegen Nono da (sondern wegen … Rattle, Sehen und Gesehenwerden, Gewohnheit, keine Ahnung warum es so viele Raschler und Huster in klassische Konzerte treibt, wo sie offensichtlich weder Willen noch Geduld und zuletzt aufrichtiges Interesse mitzubringen scheinen – ich dachte jedenfalls unwillkürlich ein paar Male an den guten Gustl). Egal, Nonos Werk war für mich das Geheimnisvollste des ganzen Tages, gerade weil es so rätselhaft schimmerte und schillerte, sich entziehend und ändernd in jedem noch so zerdehnten Augenblick.

    London Symphony Orchestra
    Orchester der Lucerne Festival Academy
    Simon Rattle
    , Dirigent
    Jaehyuck Choi, Dirigent
    Duncan Ward, Dirigent

    Karlheinz Stockhausen (1928–2007)
    Gruppen, für drei Orchester

    Den Ausklang machte dann um 21 Uhr eine zweite Aufführung von „Gruppen“ in etwas anderer Orchesterbesetzung (keine Schlüsselpositionen – solistisch exponierte – soweit ich sehen konnte). Es war wunderbar, das Ding gleich nochmal zu hören. Ich setzte mich noch zentraler in eine Reihe etwas weiter vorn, weil mir die Distanz beim ersten Mal eine Spur zu weit war. So konnte ich das Interagieren der drei Dirigenten zwar nicht mehr verfolgen, sass aber förmlich mittendrin … und fand das Ding beim zweiten Mal noch zugänglicher aber auch noch eindrücklicher in seiner Vielfalt, seinem Reichtum. Es ist in vielem wohl eine Art Antithese zur Kunst Nonos, die mir – die Prognose wage ich bedenkenlos – immer sehr viel näher sein wird. Aber der ganze Tag mit seinem Stockhausen-Schwerpunkt war beeindruckend und bereichernd, sowohl was die Klavierstücke wie auch was „Gruppen“ betraf. Ein anspruchsvolles Programm, wie ich es gerne auch im regulären Konzertbetrieb auf so ansprechendem Niveau hören würde (hallo Tonhalle! :bye: ).

    Luzern scheint obendrein mit kostenlosen 40minütigen Konzerten, die wohl eine Art öffentlicher Generalproben sind, bei denen Werke aufgeführt und erläutert und dann allenfalls auch nochmal wiederholt werden, einen Weg zu finden, wie Musik vermittelt werden und ein neues Publikum angezogen werden kann (die Schwelle, zum „richtigen“ Konzert zu gehen, ist aber auch wegen der Kartenpreise nach wie vor hoch … beim sehr feinen Konzert, das @vorgarten heute – mit Matthias Pintscher und dem derzeit von ihm geleiteten Ensemble Intercontemporain – in Berlin hört(e) ist die teuerste Karte weniger teuer als die zweitbilligste in Luzern, wo es von da aber noch bis Faktor 4 hochgeht mit vier weiteren Kategorien … und so viel höher ist das Einkommensniveau hier nun auch wieder nicht). Pintscher werde ich im Verlauf der nächsten Saison hoffentlich dann auch noch zu hören kriegen, er wirkt in der Tonhalle als Creative Chair und ich habe eine Karte für ein Konzert mit dem Ensemble Intercontemporain, bei dem das Klavier- und das Cellokonzert von Ligeti sowie Pintschers „Bereshit“ auf dem Programm stehen – doch das ist erst im Mai:
    https://www.tonhalle-orchester.ch/konzerte/kalender/neue-tne-in-der-tonhalle-maag-1220796/
    EDIT: Und auch hierfür habe ich eine Karte – ist ja auch nichts, was alltäglich aufgeführt wird, aber man merkt schon den Unterschied:
    https://www.tonhalle-orchester.ch/konzerte/kalender/josefowicz-pintscher-und-martina-gedeck-1219272/

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    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

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    gypsy-tail-windbeim sehr feinen Konzert, das vorgarten heute – mit Matthias Pintscher und dem derzeit von ihm geleiteten Ensemble Intercontemporain – in Berlin hört(e) ist die teuerste Karte weniger teuer als die zweitbilligste in Luzern, wo es von da aber noch bis Faktor 4 hochgeht mit vier weiteren Kategorien … und so viel höher ist das Einkommensniveau hier nun auch wieder nicht).

    letzteres würde ich bezweifeln, aber trotz kleiner preise, dem besuch eines star-ensembles und einem noch recht neuen konzertsaal von frank gehry war auch dieses konzert nicht bis auf den letzten platz gefüllt – und das publikum sah jetzt auch nicht anders aus als bei beethovensonaten oder schubertliederabenden.

    aber: das war ein wahnsinnig tolles konzert (alban berg: vier stücke für klarinette und klavier op. 5 | gérard grisey: vortex temporum für klavier und fünf instrumente | pierre boulez: le marteau sans maître für altstimme und sechs instrumente).

    nach den berg-stücken war das gehör geschärft, die huster und raschler konnten sich schon mal bemerkbar machen (dann gibt es ja noch die, denen ständig das programm aus den händen fällt), und es gab zwei kammermusikalische schwergewichtswerke, die zwei unterschiedliche wege von messiaen aus gingen und wiederum vierzig jahre auseinander liegen.

    für mich war es eine sehr persönliche angelegenheit, vortex temporum wiederzuhören, nachdem ich vor 22 jahren (mit 22 jahren!) bei der uraufführung in witten war. damals hat mich diese musik völlig unvorbereitet getroffen und tief bewegt (sie soll ja auch verschiedene schwindelgefühle erzeugen), und es war sofort klar, dass hier ein neuer musikgeschichtlicher akzent gesetzt war (es gab sogar – in witten völlig unüblich – buh-rufe) – umso verrückter, das stück jetzt zwischen berg und boulez eingeklammert zu sehen, als teil des großen kanons – es gibt ja auch schon eine choreografie von ana teresa de kaersmakers dazu, wahrscheinlich taucht es bald in filmen auf. die aufnahme aus witten (ensemble recherche unter kwame ryan) gibt es auf cd, ich kenne sie in- und auswendig. aber es war wirklich toll, was wiederum pintscher daraus gemacht hat. fast mit spätromantischem gestus (oder man hatte den berg noch im ohr), aber mit genauem gespür für die klangfarben und verschmelzenden resonanzen – das maschinell rhythmische ging dabei ein bisschen verloren. und dann gibt es ja noch dieses unglaubliche klaviersolo – ich saß genau drüber und sah dimitri vassilakis völlig begeistert bei der arbeit zu. als er hinterher von pintscher abgeknutscht wurde, zuckte er nur verlegen mit den schultern. was für ein toller pianist.

    boulez‘ meister ohne hammer danach kam mit ähnlich spannenden klangverschmelzungen aus disparatesten quellen aus der pause, blieb aber rhythmisch so abstrakt, dass es nach grisey fast banal wirkte. trotzdem toll, wie die stimme eingesetzt wird (ich kannte das stück auch schon recht gut vorher). auf jeden fall ein toller kontrast und eine spannende aufgabe für’s gehör.

    falls jemandes interesse geweckt wurde: deutschlandfunk kultur hat das konzert aufgenommen und strahlt es am übermorgen um kurz nach acht aus (kann man auch problemlos aufnehmen) –

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/programmvorschau.282.de.html?drbm:date=13.09.2018

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