Konzertimpressionen und -rezensionen

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    gypsy-tail-wind
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    Tonhalle Zürich, FR 13.01.17 – 19:30 Uhr, Grosser Saal

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Pablo Heras-Casado Leitung

    Franz Schubert: Sinfonie Nr. 3 D-Dur D 200
    Béla Bartók: Konzert für Orchester

    Gestern auch zum ersten Mal dieses Jahr in der Tonhalle, wie üblich auf den billigsten Plätzen … die Karte hatte ich in erster Linie gekauft, weil Christoph von Dohnányi angekündigt war. Der sagte jedoch krankheitshalber ab und Pablo Heras-Casado sprang ein. Schubert hätte, vermute ich, bei Dohnányi ganz anders getönt, bei Heras-Casado kam eher Beethoven heraus, wobei natürlich der Schubert’sche Schwung schon zu hören war, aber der Kopfsatz wurde so wuchtig gespielt, dass man wirklich an Beethoven dachte – und dass sich auch die Vermutung aufdrängte, Heras-Casado wolle hier schon ein wenig auf Bartók verweisen bzw. Elemente hervorheben, die Schubert etwas moderner – und schroffer – klingen lassen sollten, als das üblicherweise der Fall ist. Aber gut, keinesfalls falsch, auch eine Symphonie live aufzuführen, die kaum als Meisterwerk zu betrachten ist. Nach einer halben Stunde war dann bereits Pause und danach folgte in riesiger Besetzung Bartók. Das gefiel mir dann ausserordentlich gut, das Orchester sass auf der Stuhlkante, spielte sehr aufmerksam und lebendig. Der Applaus war verdientermassen gross und lang, auch wenn das alles in allem doch ein eher „kleiner“ Abend war.

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #55: John Coltrane & Eric Dolphy, 1961-1962, Sa 24.6., 22:30 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #6: tba | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
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    gypsy-tail-windTonhalle Zürich, FR 13.01.17 – 19:30 Uhr, Grosser Saal
    Tonhalle-Orchester Zürich
    Pablo Heras-Casado Leitung
    Franz Schubert: Sinfonie Nr. 3 D-Dur D 200
    Béla Bartók: Konzert für Orchester

    Nachdem mich am Samstag eine Besprechung im Tagesanzeiger (der Rezensent war wohl beim ersten Konzert am Donnerstag) etwas verunsichert hatte (grandioser Schubert, lahmer/zusammenhangloser Bartók, so die Kürzestfassung) gibt es heute in der NZZ auch noch eine Besprechung:
    http://www.nzz.ch/feuilleton/pablo-heras-casado-beim-tonhalle-orchester-zuerich-nur-einspringer-ld.139946
    Dass beim Schubert die Funken stieben, war ja nicht das Problem, im Gegenteil, zu wuchtig war er mir trotzdem, zu schwer, auch wenn im zweiten Satz das Wienerische (das meinte ich oben mit „Schwung“, meine Zeilen sind schludrig und faul, aber so ist gerade die Laune, pardon) durchaus zu hören war und die Wucht etwas zurückgebunden wurde.

    Bartók findet beim Rezensenten der NZZ (Wildhagen war in der Elbphi, aber die Rezensionen dazu habe ich noch nciht angeschaut) allerdings Gefallen, wie bei mir ja auch.

    Wenn ich aber nach den beiden ersten Eindrücken die Wahl hätte, würde ich mir eher Järvi denn Heras-Casado als Nachfolger am Pult wünschen.

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    Anfang und Abschluss des Urlaubs, der leider schon vor einer Woche wieder zu Ende ging, gibt es drüben im entsprechenden Jazz-Thread. Die Klassik sollte jedoch für einmal einen wichtigeren Rang einnehmen (was sie derzeit ja auch bei den Konzerten im heimischen Zürich tut). Neben einem Besuch in der Scala gab es drei Konzerte und ein – ungeplantes – kleines viertes, in das ich zufällig geriet. Doch von vorne.

    Am Montag 30.1. ging es zunächst in den beeindruckenden Dom inklusive Herumturnen auf dem Dach (natürlich auch wegen Viscontis „Rocco e i suoi fratelli“, in meiner Biographie ein Kino-Schlüsselerlebnis), danach ging es ins Museo Poldi Pezzoli, das in der Nähe des Teatro Manzoni liegt und Zutritt in einen einst privaten Palazzo gewährt, der vollgestopft ist mit den Objekten, die der Sammlung der Familie entstammen, die schon seit dem späten 19. Jahrhundert als Museum zugänglich ist. Das grosse Highlight für mich war Piero del Pollaiolos Portrait einer jungen Frau:

    Nach einem guten schnellen Mittagessen in einer brummenden Trattoria ging es weiter in den Palazzo Reale, in dem es gerade eine Rubens-Ausstellung gab, mit dabei ein paar Gemälde, die wir im Sommer schon in Wien wiedergesehen hatten, darunter eines meiner liebsten von Rubens, das Portrait von Clara Serena (1615/16) aus der Liechtenstein-Sammlung. Die Ausstellung präsentierte aber vor allem grossformatige Bilder mit den üblichen Rubens-Motiven, die ich an sich gar nicht mag, doch war die Präsentation sehr erhellend und gut kommentiert, sodass ich den Besuch überaus lohnenswert fand (trotz des Preises von 14€ durfte ich allerdings sonst im Palazzo Reale nichts weiter anschauen … Mailand ist halt wie Zureich, ich hätte beim Ticketkauf besser aufpassen sollen).

    Dann ging es in die Bottega Discantica, von meinem Hotel aus auch gleich um die Ecke – der Laden bietet ein wahrlich beeindruckendes Klassik-Sortiment, es fiel mir richtiggehend schwer, nicht ob der schieren Überforderung mit leeren Händen herauszuspazieren, so kaufte ich eine Eigenproduktion mit Klaviermusik (solo, zwei Klaviere, zwei Klaviere mit Percussion) von Giorgio Gaslini sowie eine APR-CD von Maria Yudina mit drei Beethoven-Sonaten). Ich kehrte zwei Tage später noch einmal rasch zurück, um zwei weitere Yudina-CDs zu holen (beide aus der Vista Vera-Serie, Schubert D 960/Schumann und Bach WTC II Auszüge). Die Preise sind natürlich sehr ordentlich, aber einen solchen Laden vor der Haustür zu haben gefiele mir natürlich trotzdem sehr gut! Am Abend gab es dann nach einem schnellen Abendessen (eine Pizza hinter der Galleria – montags ist Italien inzwischen wohl deutlich ausgestorbener als früher sonntags) dann das erste klassische Konzert:

    Sala Verdi, Conservatorio di Milano – 30.1.

    D. SCARLATTI: Sonaten K 208, K 24, K 132 und K 141
    RAVEL: Gaspard de la nuit

    LISZT: Sonate h-Moll S 178

    Lucas Debargue, piano

    Der Konzertsaal ist schon mal klasse, der Mailänder Bekannte, mit dem ich schon Samstagabend Essen und dann Montag und Dienstag im Konzert und beide Male beim Abendessen war, meinte, es sei von der Akustik her der beste Saal Mailands. Los ging es mit romantisiertem Scarlatti, viel Pedal, Rubato … nicht mein Fall, skip. Ravels Gaspard hörte ich im Vorfeld zwar einige Male, aber so ganz komme ich damit noch nicht klar. Debargue kann das, keine Frage. Seine Technik scheint insgesamt exzellent zu sein, aber in Sachen Gestaltung kann er wohl noch etwas dazulernen, wie so viele junge Musiker dieser Tage. Nach der Pause dann der main event, die grosse Sonate von Franz Liszt. Debargue packte den Stier bei den Hörnern, ging Risiken ein, wählte manchmal so horrende Tempi, dass die Finger nicht mehr ganz mithalten konnte, falsche Töne sich zu den richtigen gesellten – das ist jedenfalls schon einmal die richtige Einstellung. In den ruhigen, leisen Momenten war er sehr stark, aber auch in der wuchtigen Intensität heimisch. Die Verbindung zwischen diesen beiden Polen schien mir jedoch manchmal etwas schwierig, etwas unorganisch, ein rasches Crescendo gepaart mit einem kurzen Accelerando und so war Debargue wenig mehr als einen Wimpernschlag später im anderen Extrem; ein Dazwischen, das die Extreme wirksamer würde werden lassen, gab es nur selten. Doch der Mann ist jung und ich werde wohl aus der Distanz aber mit einiger Sympathie verfolgen, was von ihm kommen wird. Die erste Zugabe war vermutlich ein Stück von Chopin oder Liszt oder auch Schumann … ich erkannte das Stück zwar, aber kam nicht drauf (der Bekannte schloss Chopin aus, aber ich bin immer noch der Meinung, dass es am ehesten Chopin gewesen ist). Die zweite Zugabe war dann leider eine der Kapitalsünden der Klassik-Welt – auch wenn das Publikum das nicht merkte und ziemlich abging: Debargue vergriff sich an Thelonious Monks „Round Midnight“ und ratterte durch, wie es nicht einmal Oscar Peterson getan hätte (ja, double time, auch meist eine Sünde, wenn es um Balladen geht, selbst von den grossen Jazzern konnten das nur wenige). Dabei kam Monk natürlich abhanden, sein Stück wurde ein pures Mittel zum Zweck. Schade, dass das Konzert so enden sollte.

    Am nächsten Morgen stand als erstes der Besuch des Abendmahls von da Vinci auf dem Programm, die Cenacolo Vinciano (geht nur, indem man sich im Voraus ein Ticket für einen Slot kauft … beim nächsten Mal würde ich wohl zwei kaufen, falls das geht, wobei man aus praktischen Gründen ein Zeitfenster – sie dauern jeweils 15 Minuten – überspringen muss), danach eher zufällig zum Einkauf zu Buscemi Dischi (es gab ein paar Jazz-CDs aus den Spezialangeboten, kleiner Laden im Keller, früher anscheinend viel grösser) und weiter zum Castello Sforzesco – neben dem Dom das andere Wahrzeichen Mailands.

    Die von da Vinci mit Fresken ausgestaltete Sala delle Asse ist derzeit leider wegen Restaurierung geschlossen, doch Michelangelos Pietà Rondanini, eine sehenswerte Gemäldesammlung – in der auch das obige Vanitas-Bild (Sängerin am Spinett, Lombardischer Maler, ca. 1650) hängt – und weitere Sehenswürdigkeiten (eine grosse Sammlung alter Musikinstrumente, ein seltsames Gemälde von Mantegna, eine Wechselausstellung mit schönen Photographien von Paolo Monti) machten den Besuch überaus lohnenswert. Im Säulengang eines der kleineren Höfe findet man auch das Fresko – es handelt sich wohl um Soliman (Indien, ca. 1540 – Wien, 1553), ein Geschenk Johannas, der Tochter Kaiser Karls V. und Isabellas von Portugal, an den späteren Kaiser Maximilian II. Die Reise des Elefanten nach Wien ist gut dokumentiert.

    Später ging es noch in ein paar Kirchen, vor allem endlich zu San Satiro, der Kirche mit dem Trompe-l’oeil-Chor von Bramante (weil dahinter direkt die nächste Gasse verläuft, war kein Platz für einen richtigen Chor). Danach besuchte ich noch das Museo del Novecento, relativ neu und direkt neben dem Dom gelegend, von dem Bekannten aus Mailand sehr empfohlen – und in der Tat unbedingt sehenswert. Da kann man z.B. auch die schöne Entdeckung machen, dass Dino Buzzati gemalt hat (und wie mir scheint als Vorläufer des hochverehrten Pfarr zu betrachten ist):

    Eine andere Entdeckung war Elena Mezzadra, von der ich noch nie gehört hatte. Von Lokalmatadoren wie Marino Marini gibt es in Mailand haufenweise Werke zu sehen (s.u.), manche davon gefielen mir sehr gut, aber einiges sprach mich überhaupt nicht an. Als ich gegen Ende des Museums angelangt war – dachte ich zumindest – hörte ich eine laute Stimme, dann Applaus … und nein, das war nicht etwa eine gerade zu Ende gegangene Museumsführung sondern die Einleitung eines Konzertes mit Studenten des Konservatoriums (zu dem ich später wieder wollte, um das nächste Konzert zu hören und daher an sich gehen wollte, um noch einen Moment Erholung zu finden). Natürlich blieb ich dann stehen und hörte zu, das ganze dauerte etwas über eine Stunde und war wenigstens vom Repertoire her hörenswert:

    Die Stück von Honegger für Flöte und Klavier zum Auftakt war exquisit, ich will mich bald einmal nach Aufnahmen von Honeggers Kammermusik umsehen, allein deswegen, weil mir diese Romanze so gut gefiel. Danach folgten leider weniger überzeugende Darbietungen, die Poulenc-Stücke etwas planlos, die Mélodies von Honegger ganz in Ordnung aber doch nicht vollends überzeugend (aber eine gute Stimme war vorhanden), die Chansons von Milhaud dann mit einer völlig in Leere laufenden Pseudo-Virtuosität dargeboten (und man fragt sich bei allem Respekt, ob die Musikerinnen wussten, wovon sie sangen). Zum Glück wurde das am Ende durch die ganz ordentliche „Scaramouche“ wieder etwas aufgefangen. Gelohnt hat sich das aber alleweil, allein um das Flötenstück Honeggers kennenzulernen. Danach rasch wenden im Hotel und weiter zum Konservatorium:

    Sala Verdi, Conservatorio di Milano – 31.1.

    HAYDN: Quartetto in fa maggiore op. 77 n. 2 Hob.III.82
    RAVEL: Quartetto in fa

    BEETHOVEN: Quartetto n. 14 in do diesis minore op. 131

    TAKÁCS QUARTET
    Edward Dusinberre, Violine
    Károly Schranz, Violine
    Geraldine Walther, Viola
    András Fejér, Violoncello

    Und das war nun the real deal, keine Frage! Haydn war ein etwas verhaltener Auftakt – der Gedanke, den mein Bekannter nach dem Konzert äusserte, war mir auch durch den Kopf gegangen: Haydn sollte man am besten in ganz seinen Quartetten gewidmeten Konzerten aufführen. Aber schon da war das äusserst lebendige Spiel des Takács Quartetts zu bewundern, das in Ravels Quartett dann richtig schön zur Geltung kam. Da ist kein elegant geschliffener Gleichklang sondern ein bebender, vibrierender Körper, an dem alle vier ihren Anteil hatten, den sie gemeinsam im Spiel erschaffen. Ravels Musik flimmerte in allen Farben und summte, wie ein Bienenstock, der Blick schien durch ein Prisma zu gehen, aber – zugleich, und das war enorm faszinierend – auch durch ein Vergrösserungsglas, das erst offenbarte, was in Ravels Stück alles steckt. Besonders toll war der Pizzicato-Teil im zweiten (?) Satz. Nach der Pause folgte dann die Krönung mit Beethoven – ich habe ja bekanntlich seine Streichquartette noch nicht angepackt und es war ein beeindruckendes Erlebnis, dieses späte Quartett in so fähigen Händen zum ersten Mal überhaupt bewusst zu hören. Jedenfalls funktionierte der Zugriff des Quartetts perfekt, das Nervöse Flirren sorgte für eine ungeheure Lebendigkeit, einmal mehr schien die Musik fast körperlich greifbar zu werden, so plastisch die Darbietung.

    Zum Abendessen ging es nach dem Konzert ins Brera-Viertel, wo man relativ einfach später noch etwas kriegen kann, wie ich mir erklären liess. Am nächsten Tag, bereits dem letzten in Mailand, kehrte ich morgens gleich dahin zurück, denn es stand die Pinacoteca di Brera auf dem Plan, die eine ganze Reihe von Meisterwerken beherbergt. Ich finde es immer wieder eine feine Sache, vor grossartigen Gemälden zu stehen, die man aus Abbildungen längst kennt – z.B. Mantegnas Cristo morto e dolenti, das die Verkürzung der Perspektive so drastisch umsetzt, Caravaggios „Cena in Emmaus“ mit dem wahnsinnigen Licht, Tintorettos irres Il ritrovamento del corpo di san Marco oder Piero della Francescas Pala Montefeltro, auf dem natürlich vorne der Herr mit der Nase kniet. Dies nur ein paar der für mich ganz grossen Highlights, die unzähligen Schulklassen sassen – neben dem Bild von Tintoretto – noch vor zahlreichen anderen, meist von den Massen her riesigen Gemälden. Es gibt aber auch ein paar Ecken mit Malerei jüngerer Zeit, in der die Inspiration der Szene mit dem Pferdekopf in „The Godfather“ zu finden ist – Pablo Picassos „Kopf eines Stieres“ von 1942:

    Dieses Mal klappte es dann – natürlich nach einem guten Mittagessen – mit der Siesta, denn am Abend stand der letzte schon länger geplante Programmpunkt bevor, mein erster Besuch in der Scala:

    VERDI: Don Carlo
    Oper in fünf Akten, Libretto von Joseph Méry & Camille du Locle

    Teatro alla Scala Chorus and Orchestra
    Conductor: Myung-Whun Chung

    Salzburg Festival Production
    Staging: Peter Stein
    Sets: Ferdinand Woegerbauer
    Costumes: Anna Maria Heinreich
    Lights: Joachim Barth

    Elisabetta di Valois: Krassimira Stoyanova
    La principessa di Eboli: Ekaterina Semenchuk
    Don Carlo: Francesco Meli
    Rodrigo: Simone Piazzola
    Filippo II: Ferruccio Furlanetto
    Il Grande Inquisitore: Eric Halfvarson
    Un frate: Martin Summer
    Voce dal cielo: Céline Mellon
    Thibault: Theresa Zisser

    Da möchte ich auf meine Zeilen zur Wiederaufnahme der Züricher Inszenierung verweisen, denn es scheint mir sinnvoll bzw. ich kann gar nicht anders denn die beiden Opernabende im Vergleich zu betrachten.

    Der Hauptunterschied liegt in der gewählten Fassung: in Mailand gab man die vollständige italienische Version in fünf Akten, was dem Stück auf jeden Fall gut tut bzw., finde ich, an sich die einzige Version ist, die man überhaupt spielen sollte. Kürzen hätte man z.B. bei den Pausen können, denn schon nach dem ersten Akt – gemäss dem Plakat, das im Foyer hing ca. 35 Minuten lang – folgte die erste 25minütige Pause, nach dem zweiten Akt (ca. 67 Minuten) die zweite, nach dem dritten (ca. 43 Minuten) die dritte, die „nur“ noch 20 Minuten dauerte, den vierte und fünften gab man dann dankenswerterweise am Stück (ca. 80 Minuten). Mir hätte die dritte Pause gereicht, aber gut, man sitzt auf den Rängen (ich sass in der ersten Galerie) so dicht beieinander, dass es eine Zumutung ist (es gibt nicht einmal Unterteilungen zwischen den Sitzen, keine Armlehnen, um den hochverehrten Archilochos zu parodieren: man sitzt buchstäblich Arsch an Arsch, Schenkel an Schenkel. Aber kurz aufstehen kann man auch bei den Vorhängen, Szenenwechseln, wenn die Bühne umgebaut wird. Und wenn man erstmal raus geht, zuerst bei der Kasse und dann an der Bar ansteht, um sich einen überteuerten Drink zu holen, braucht man halt auch 25 Minuten. Aber gut, soviel dazu.

    Die Inszenierung aus Salzburg kannte ich schon von der TV-Übertragung, die hier inzwischen auch als BluRay herumliegt – der hatten ja Anja Harteros und Jonas Kaufmann die grossen Hauptrollen gesungen (ein Teil der Faszination des „Don Carlo“ liegt ja auch darin, dass es sechs Hauptrollen gibt und dass sich von den Sechsen keine_r verstecken kann). Die Kostüme und die Bühne schienen mir etwas heller und bunter, aber das mag an der Differenz zwischen den oft engen Bildausschnitten einer solchen Opern-Produktion und dem Live-Erlebnis mit der Sicht auf die komplette Bühne. Das Bühnenbild und die Kostüme fand ich Zürich sehr viel eindringlicher, aber schauspielerisch war die Aufführung in Mailand um Welten besser: in Zürich hatte man sich auf das Herumstehen und Armrudern beschränkt (Sven-Erich Bechtolf halt, ich begreife nicht, warum der immer wieder an den ersten Häusern Aufführungen in den Boden rammen darf). Aber die Strenge, die Eindringlichkeit – und der rabenschwarze Zynismus von Zürich gingen der Stein-Inszenierung ab, die im Vergleich fast ein klein wenig harmlos scheinen wollte (und da und dort halt zu sehr Pappmaché-Theater war). Alles in allem war es nicht ein so intensives Erlebnis wie in Zürich, auch weil mich die Sänger_innen insgesamt nicht ganz so sehr zu überzeugen vermochten. Francesco Meli in der Titelrolle fand ich jedoch sehr überzeugend (und damit etwas besser als Vargas), doch Stoyanova hatte einen schweren Stand gegen Harteros, anfangs hatte ich mir ihr ziemlich Mühe, später wurde sie immer besser. Die beiden Bässe waren – wie in Zürich – hervorragend, der Posa von Piazzola reichte an Mattei nicht ganz heran, war aber ebenfalls sehr gut. Selbiges gilt für die Eboli von Semenchuk und Prudenskaya.

    Das Orchester war in erster Linie einfach anders, ohne zu werten, doch fand ich die düstere Züricher Sichtweise stringenter und zwingender – und letztlich passte dazu auch die gekürzte Fassung: da war eben alles auf den Punkt, wer braucht ob all der Schicksalsmacht noch den Plot verstehen? In Zürich unter Luisi ging es ruppig zur Sache, wurde laut (eine entfernte Bekannte, die auch dort war, fand es sei zu laut, und ihr hat auch – @bgigli – der Carlo von Vargas enorm gefallen, sie scheint aber Vargas überhaupt enorm zu mögen) und knallte, ohne dass das je billig wirkte oder Effekte zu erzwingen schien. In Mailand unter Myung-Whun Chung war der Orchesterklang ausgeglichener, runder, schöner – weniger lebendig, aber am Ende ähnlich plastisch und elastisch. Für mein Empfinden gelang es in Zürich besser, die Kraft der Musik – und die Kraft des Werkes überhaupt – zum Vorschein zu bringen. Dass Bühne und Kostüme dazu praktisch in Schwarz/Weiss getaucht waren, halt gewiss zur Verstärkung dieses Eindruckes. Auf jeden Fall hat sich der Besuch gelohnt – und die Möglichkeit, zwei Inszenierungen einer Lieblingsoper hintereinander zu sehen hat man ja auch nicht alle Tage.

    Am nächsten Tag ging es weiter nach Turin, wo als erstes ein Mittagessen anstand, bei dem es auch galt, das am Vorabend opernbedingt ausgefallene Abendessen nachzuholen – ich ging, im Gedenken an F. N. aus R. durch die Strassen, doch es kam kein Pferd, an dessen Hals ich mich hätte werfen können (das oben ist nicht das Turin Horse sondern „Cavallo“ von Marino Marini aus der Brera). Stattdessen ging es an der Piazza Vittorio Veneto ins Porto di Savona, wo es einmal mehr exzellentes Risotto und danach einen üppigen Bollito misto gab. In einen Plattenladen ging es auch noch rasch (Nero Vinile, nicht schlecht, aber gekauft habe ich nichts), danach ein erster ausführlicher Gang durch das beeindruckende Zentrum Turins: an der Piazza San Carlo in die beiden Kirchen, auf einen Espresso an der Theke ins Caffè Torino, durch die Galleria San Federico und die Galleria Subalpina (wo ich in der kleinen La Feltrinelli ein kleines Buch über Antonioni und eines über Turin erstand) zur Piazza Castello, dort um den irren Palazzo Madama herum (herein dann beim nächsten Mal), zu San Lorenzo und schliesslich in den einzigen Renaissancebau, die überraschend schlichte und sehr klare Kathedrale – sogar vors Grabtuch habe ich es, gänzlich ungeplant, geschafft, musste aber ein pubertäres Kichern hartnäckig unterbinden, erst recht angesichts der Reden, die in dem Raum gehalten wurden … also Blick „demütig“ gen Boden und rasch weiter.

    Am Abend, auf dem Heimweg aus dem Fratelli Marx („La La Land“ – ich habe dazu schon geschrieben), ging ich an der Mole Antonelliana vorbei, einem irren Gebäude, das zum Wahrzeichen Turnins wurde. Einst als Synagoge geplant aber nie gebraucht beherbergt es heute ein überaus sehenswertes Kinomuseum, in dem ich am Tag darauf auch noch ein paar anregende Stunden verbrachte. Doch zuerst besuchte ich die Museen des Polo Reale. Im Palazzo Reale der Savoyen und den angrenzenden Gebäuden ist – neben Räumlichkeiten des Palazzo, der Armeria Reale und des grossen Antikenmuseums – die eindrückliche Galleria Sabauda zu sehen, mit Bildern von Brueghel dem Jüngeren (unten ein Vanitas-Bild, für mich eines der Highlights des Museums), van Dyck, van der Weyden und vielen anderen.

    Zum Mittagessen ging es danach nebenan in ein kleines aber feines Restaurant, das ein Freund mir empfohlen hatte (L’Osto del Borgh Vej, falls jemand mal nach Turin kommt), danach spontan in die Toulouse Lautrec-Ausstellung im Palazzo Chiablese, der auch an der Piazza Reale liegt – hat sich einigermassen gelohnt, zumal ich über seine Lebensgeschichte wenig bis nichts wusste. Danach ging ich weiter in Richtung Bahnhof (der mit dem Palazzo Reale die zentrale Achse bildet, einst schon – wenigstens beim Eintritt in die Piazza San Carlo, eine Römerstrasse) und in die grosse La Feltrinelli, wo es endlich „Minacantalucio“ gab, nach der ich schon in Mailand in diversen Läden vergeblich gesucht hatte. Nach dem bereits erwähnten Besuch im Museo del Cinema ging es nebenan ins Auditorium „Toscanini“ della RAI, wo ein tolles Konzert angesagt war, das ich erst ein paar Tage vor meiner Abreise mitgekriegt hatte. Es war das erste von dreien aus der Reihe „RAI NuovaMusica 2017“:

    Auditorium „Toscanini“ della RAI, Torino – 3.2.

    Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI
    Ingo Metzmacher direttore
    Frank Peter Zimmermann violino

    MAGNUS LINDBERG (1958): Concerto n. 2 per violino e orchestra (2015) (prima esecuzione italiana)

    GÉRARD GRISEY (1946-1998): Modulations, per 33 strumentisti (1976) (Espaces acoustiques, IV)
    EDGARD VARÈSE (1883-1965): Ameriques (versione ridotta del 1927)

    Zum Auftakt spielte Frank Peter Zimmermann das zweite Violinkonzert von Magnus Lindberg. Ein etwas plumpes, manchmal für meinen Geschmack gar plakatives Werk – ich musste da und dort an die Kritik von René Leibowitz an der Symphonik von Jean Sibelius denken: Die Orchestereinsätze waren vor allem wuchtig, hatten aber keine Richtung, nichts entwickelte sich, manche Idee hing lose im Raum – was nicht etwa anregend oder verwirrend wirkte, sondern einfach etwas planlos. Das klingt aber übler als es war, zumal Zimmermann sich dem Konzert mit Herz und Seele hingab und am Ende den letzten Zweifel ausräumen konnte, wenigstens was diese Aufführung betraf. Es gab einen gigantischen Applaus und eine Zugabe (ein Satz aus einer der Solo-Sonaten von Bach, habe mir aber nicht die Mühe gemacht, nach dem Konzert herauszukriegen, welcher es war). Nach der Pause richteten sich die 33 für Griseys „Modulations“ benötigten Musiker_innen auf der Bühne ein und schon bald flirrten faszinierende Klänge durch das moderne und einmal mehr klanglich sehr transparente Auditorium. Es ist ja bekannt, dass ich Grisey noch nicht kenne, doch wurden die Anleihen, die Steve Lehman bei Grisey macht, auch für meine Ohren sofort erkenntlich und als Erstbegegnung war das wohl perfekt. Der grosse Höhepunkt war dann Varèse, die überarbeitete Fassung von „Amériques“ (wobei ich nicht sicher bin, ob diese Angabe stimmte, es gab 15 Schlagzeuger auf der Bühne, was gemäss Wikipedia der Originalfassung entspricht). Jedenfalls ein Mordsspass, auch einmal solche Musik im Konzert zu erleben!

    Und das war es dann auch schon fast. Ein Jahr nach dem ersten Besuch in Novara ging es zurück in das schicke Provinznest, dieses Mal früh genug, um nicht nur durch die (tatsächlich autofreie) Innenstadt zu schlendern sondern auch kurz den Kopf in den überladenen Dom und die viel schönere San Gaudenzio zu stecken und die Kunstausstellung im tollen Broletto anzuschauen, in dem es nur norditalienische Kunst v.a. des 19. Jahrhunderts gab, aber auch ein futuristischer Jahreszeiten-Zyklus von Leonardo Dudreville (185-1975) und – für mich die schönste Entdeckung – ein paar tolle Gemälde von Lorenzo Viani (1882-1936), hier „Burattini (o Le marionette“ von 1913-15:

    Die Basilika San Gaudenzio mit ihrer hohen Kuppel blieb auch nach der Erbauung des Domes das Wahrzeichen von Novara. Auf dem höchsten Punkt der Stadt gebaut ist ihre Kuppel (übrigens auch von Alessandro Antonelli, von dem die Mole Antonelliana in Turin stammt) von überall her sichtbar. Von dort ging es in eines der skurrilsten Museen, die ich je besucht habe, das Museo Faraggiana, in dem eine riesige einst private Sammlung ausgestopfter Tiere zu sehen ist. Meine kleine Eselei auf dem Weg nach Novara hatte ich ja bereits erwähnt und auch mit dem traurigsten Objekt der Faraggiana illustriert – klick.

    Zum Abschluss dieses langen Berichtes nochmal der Verweis auf den letzten Abend, der bereits im viel kürzeren Jazzbericht abgedeckt wurde, und zu guter Letzt hier noch David Teniers Portrait von Anna und David Brueghel aus der Galleria Sabauda.

    Ach so: das Photo ganz oben stammt aus dem Santuario di San Bernardino alle Osse aus Mailand – unbedingt kurz reingehen, wenn ihr mal dort seid, liegt direkt neben der Piazza Fontana, einem leider gechichtsträchtigen Ort Mailands (mehr dazu hier).

    Und wenn ich schon nochmal editiere, noch ein Bild zum Abschluss, Louise-Elisabeth Vigée Lebruns Potrait von Margherita Porporati, einmal mehr aus der Galleria Sabauda:

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    Zürich, Tonhalle, Grosser Saal – 6.2.

    Il Giardino Armonico
    Giovanni Antonini Dirigent
    Sandrine Piau Sopran

    JOSEPH HAYDN
    Sinfonie D-Dur Hob. I: 6 «Le matin»
    «Berenice, che fai»

    WOLGANG AMADEUS MOZART
    Rezitativ «Giunse al fin il momento» und Arie «Deh vieni non tardar» (aus: Nozze di Figaro)
    Arie «Non mi dir» (aus: Don Giovanni)
    JOSEPH HAYDN: Sinfonie A-Dur Hob. I: 64 «Tempora Mutantur»
    WOLGANG AMADEUS MOZART: Rezitativ «Grazie ai numi parti» und Arie «Nel grave tormento» (aus: Mitridate re di Ponto)

    Kaum zuhause ging es ans nächste Konzert – das passte natürlich perfekt, denn Il Giardino Armonico wurde einst von Studenten der Mailänder Musikhochschule gegründet. Ich schätze die bisher drei Veröffentlichungen ihres grossangelegten Haydn-Projektes sehr (und hoffe natürlich, dass Antonini und sein Ensemble und vor allem das Label alpha – und nebenbei ich – bis 2032 überleben werden und die Reihe tatsächlich vollendet werden kann), schätze aber auch, was ich bisher von Sandrine Piau gehört habe. Keine Frage, dass ich hin musste, auch in der grössten Erschöpfung. Glücklicherweise hatte ich mir einen Platz in der ersten Reihe gegönnt, links vom Mittelgang und daher nur zwei, drei Meter vor Piau (und Antonini direkt daneben auf dem Podest). Die Haydn-Symphonien wurden mit viel Verve angegangen, ausser den beiden Cellisten und dem Kontrabass (einer, aber ein toller!) standen alle Musiker, am hinteren Rand der Bühne waren ein paar Stühle aufgestellt. Für Hob. I: 6 war das Orchester sehr klein besetzt, später wuchs und schrumpfte es mehrmals, doch behielt es stets die kristalline Klarheit, mit der die kleinsten Details hörbar gemacht wurden, trotz der teils wohl recht raschen Tempi (ich bin auch bei Haydns Symphonien noch nicht weit, das ist ja hier auch bekannt). Dann die lange grosse Arie von Haydn zum Abschluss vor der Pause mit einer sehr eindrücklichen Piau.

    Mit zwei Mozart-Arien (und einem neuen Kleid) ging es nach der Pause weiter, zuerst die tolle Arie der Susanna aus „Le Nozze di Figaro“, dann aus Don Giovanni „Non mi dir“ von Donna Anna – und das gefiel mir fast noch besser. Was für eine Stimme, was für eine Kontrolle! Und wie toll, das aus nächster Nähe hören zu können, völlig ungefiltert und auch ziemlich laut. Dazu ein Wort: im grossen Tonhallesaal gehen Ensembles mit alten Instrumenten wohl etwas unter, bisher hatte ich aber zum Glück stets die Geistesgegenwart, mir bei solchen Konzerten recht teure Plätze ganz vorne zu leisten; das ist jeweils die dritte von Sechs Preiskategorien, ab Reihe 4 oder 5 beginnt die erste Kategorie, im Regelfall nehme ich die billigsten Karten auf der seitlichen Galerie, wo man aufstehen (sonst sieht man nichts, was auch okay ist) und gesetzt der Laden ist nicht voll (also praktisch immer) auch etwas herumspazieren und sich da hinstellen kann, wo man die beste Sicht hat. Aber gut, Il Giardino Armonico legte dann mit der Sinfonie Hob. I: 64 los, die ich nochmal ein ganzes Stück interessanter fand als die erste frühe. Und natürlich musste auch Piau nochmal ran, mit einer grossen Arie aus der mir noch unbekannten Mozart-Oper „Mitridate“. Danach gab es zwei Zugaben mit Piau, was die erste, auf deutsch gesungene, war habe ich leider vergessen (Piau sagte sie an bzw. sagte irgendwas, aber ich kannte die Arie bzw. das Stück nicht und habe keine Textbausteine mehr präsent, die ich suchen könnte). Als zweites gab es dann – Piau sagte nur: „Barbarina“ und strahlte! – die kleine, bezaubernde Arie der Barbarina aus „Le nozze di Figaro“, „L’ho perduta“. Damit endete ein beeindruckendes Konzert mit einer stillen Note – oder mit einem plötzlichen Abbruch. Vielen Dank, gerne bald wieder!

    In der NZZ gab es eine nicht sehr lesenswerte Kritik:
    https://www.nzz.ch/feuilleton/sandrine-piau-und-il-giardino-armonico-warum-schreit-berenice-auf-ld.144238

    ——

    Zürich, Tonhalle, Grosser Saal – 10.2.

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Michel Tabachnik Leitung
    Katia und Marielle Labèque Klavierduo
    Clara Mouriz Mezzosopran

    PHILIP GLASS: Four movements for two pianos
    FRANCIS POULENC: Konzert d-Moll für zwei Klaviere und Orchester

    MANUEL DE FALLA: El sombrero de tres picos (Der Dreispitz)

    Die Woche endete dann mit dem zweiten Konzertbesuch, den ich auch geplant hatte, um endlich mal den neuen und schon wieder abtretenden Chefdirigenten der Tonhalle, Lionel Bringuier zu hören. Die Labèques waren mir bis dahin unbekannt, das wird sich nach diesem fulminanten Auftritt ändern. In High Heels, für die man einen Waffenschein benötigt, kommen die beiden auf die Bühne und spielen zunächst das vierteilige Opus von Glass – äusserst mittelmässige Musik, nichtsdestotrotz brilliant präsentiert. Mittelmässig, weil ich öfter mal dachte: das klingt jetzt so, wie wenn einer etwas zu oft das „Köln Concert“ angehört hat und „sowas“ jetzt mal rasch komponiert. Geht nicht, geht nirgends hin, ist aber auch bei weitem nicht insistierend genug, als dass es jemals wirklich interessant würde. Aber gut, es klingt ganz nett, Pop-Klassik halt – kommt natürlich super an, das Publikum tobt, die Schwestern gehen nach hinten und wieder nach vorn und wieder nach hinten pp.

    Dann das Konzert von Poulenc – mit relativ kleinem Orchester, ohne Umbau, die Bühne um die beiden Flügel herum immer noch leer, das Orchester dahinter. Am Pult also Tabachnik, ein mir völlig unbekannter, wie ich las einst von Karajan geförderter, auch nicht mehr so junger Dirigent. Ich weiss nicht, was ich von dem Stück halten soll, manche Passagen finde ich spitze, anderswo höre ich abgehangenes neoklassizistisches Zeug wie bei Stravinsky … aber die Labèques ficht das nicht an, in den leisesten Passagen wie im lauten Tastenlöwensteinwaydonner machen die eine souveräne Figur. Das Orchester spielte mit Verve, das Solocello im Flageolett war grossartig, anderes da und dort auch, aber beim Zusammenspiel schien es manchmal etwas zu hapern. Das fiel umso mehr auf, als die Labèques mit selbstverständlicher Souveränität aus der perfekten Synchronizität in leichte Versetzungen und wieder zurückfinden konnten – schon bei Glass war das sehr faszinierend zu beobachten.

    Nach der Pause dann Falla – ein riesiges Orchester (acht Kontrabässe – die lagen bei Glass noch wie gestrandete Wale in der hintere Ecke der abgestuften Bühne herum), sehr farbig, zupackend, mitreissend aber für mein Empfinden nicht. Die Mezzosopranistin Clara Mouriz stand für den ersten Auftritt mitten im Orchester zwischen den Celli und den Bratschen (die Geigen sassen nebeneinander links und mittig, daneben die Bratschen, die Celli vorne am Bühnenrand), für den zweiten dann am Geländer der Galerie hinter der Bühne – das war alles ganz gut gemacht, aber weder musikalisch noch interpretatorisch wirklich zwingend. Und am Ende brauche ich von Falla doch eher etwas Klaviermusik und vielleicht Rubinsteins „Noches“. Uraufgeführt hatte das Werk in der Tonhalle übrigens in
    Auszügen Igor Markewitsch im Jahr 1952, zuletzt gespielt wurde es vor 24 Jahren under Vladimir Fedoseyev … ich glaube das ist ein Intervall, das man in etwa beibehalten kann, da gibt es doch interessanteres, wenn man denn schon mal Musik aus dem 20. Jahrhundert programmieren mag.

    Hier gibt es eine Besprechung eines der anderen Auftritte (mit Ravel statt Glass und ohne Falla – es gab vier Konzerte, ein kurzes über Mittag, das unten besprochene und zwei „richtige“ Abendkonzerte):
    https://www.nzz.ch/feuilleton/hazel-brugger-in-der-tonhalle-keine-angst-vor-fallenden-kronleuchtern-ld.144867

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #55: John Coltrane & Eric Dolphy, 1961-1962, Sa 24.6., 22:30 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #6: tba | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
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    Philharmonia Zürich, 3. La Scintilla Konzert – Opernhaus Zürich – 20.2.

    Julie Fuchs, Sopran
    Orchestra La Scintilla
    Raphaël Pichon, Dirigent

    Jean-Philippe Rameau (1683-1764)
    Zaïs: Ouverture
    Platée: Récit et air de la Folie «Formons les plus brillants concerts… Aux langueurs d’Apollon»
    Les Boréades: Entrée de Polymnie

    Castor et Pollux: Prélude de tambour voilé et scène funèbre
    Castor et Pollux: Air de Télaïre «Tristes apprêts, pâles flambeaux»

    Les Paladins: Entrée très gaye de troubadours
    Les Boréades: Contredanse en rondeau
    Les Boréades: Ariette d’Alphise «Un horizon serein»

    Jean-Philippe Rameau
    Zoroastre: Air tendre en rondeau
    Les Indes galantes: Air de Phani «Viens, hymen»

    Christoph Willibald Gluck (1714-1787)
    Orphée et Eurydice: Introduction au second acte/ Danse des furies
    Orphée et Eurydice: Danse des Ombres heureuses
    Orphée et Eurydice: Récit, Air et Duo (Eurydice) «Mais d’où vient qu’il persiste à garder le silence…/ «Fortune ennemie, quelle barbarie»

    Jean-Philippe Rameau
    Les Fêtes d’Hébé: Tambourin en rondeau
    Dardanus: Chaconne
    Les Indes galantes: «Régnez, plaisirs et jeux» (Zima)

    Zugaben:

    Georg Friedrich Händel (1685-1759):
    Alcina: «Credete al mio dolore« (Morgana)

    Jean-Philippe Rameau
    Platée: Récit et air de la Folie «Formons les plus brillants concerts… Aux langueurs d’Apollon»

    Gestern Abend im Opernhaus Julie Fuchs mit dem hauseigenen HIP-Ensemble, das ich inzwischen schon mehrmals in Opern gehört habe. Es war dies allerdings das erste Mal, dass ich ein Konzert in der Oper hörte. Die Bühne war mit einem riesigen Vorhang, der zur pseudobarocken Stuck-Ausstattung passte, verhängt, das Orchester spielte im ganz nach oben gefahrenen Graben, was leider dazu führte, dass es etwas schwierig war, die Solistin und den Dirigenten zu sehen, da sie schlicht zu weit vorn im Raum standen. Doch die Köpfte reckten sich neugierig nach vorn, um Julie Fuchs zu lauschen, die später in einer kurzen Ansage meinte, sie käme stets sehr gerne nach Zürich.

    Der erste Auftritt gelang: sehr theatralisch trat sie (für mich unsichtbar) zunächst auf der Seite ins Parkett, schleuderte erste Worte aus Rameaus „Air de la folie“ in den Saal, warf die Tür hinter sich zu, kam wieder herein, drang am Rand fast bis zur Bühne vor, raus, Türe zu, und dann kam sie auf die Bühne, wo es auch gleich noch zu Spielereien mit dem Dirigenten Raphaël Pichon kam. Die beiden strahlten viel Freude an der Musik aus, die sie zusammen auf die Bühne brachten. La Scintilla beeindruckte mich ja bei Opern-Aufführungen bisher sehr, in der Konzertsituation fand ich da und dort etwas zu mäkeln, an der Intonation, am nicht so gut integrierten Klang der Streicher … das mag auch mit der Positionierung zu weit oben im Raum (und die Stimme dann zu weit vorn) zu tun haben, doch die Skepsis verflog mit der Zeit immer mehr und es gab auch ein paar Glanzpunkte des Orchesters, ein paar Momente höchster Konzentration gerade im langsamen Tempo und wenn es so leise wurde, dass man – leider – das Brummen der Lüftung hören konnte.

    Fuchs überstrahlte mit ihrem Charme jedoch alles, und stimmlich scheint sie der Herausforderung mehr als gewachsen zu sein. Auch sie hatte immer wieder betörende Momente, ein paar Male auch ganz zart und leise, dann wieder beschwingt und mit einem Drang, den Pichon am Pult zwar auch verkörperte, der beim Orchester aber manchmal nur halb anzukommen schien. Doch wie gesagt: je länger das Konzert, desto besser wurde es, desto höher die Konzentration. Eine Zugabe wurde dann selbstverständlich gefordert und Fuchs sang die betörende Arie der Morgana, mit der sie schon in der Aufführung von „Alcina“ (auch mit La Scintilla, dirigiert von Giovanni Antonini) geglänzt hatte. Damit war noch nicht genug, und nach der erwähnten Ansage (in französisch natürlich, das soll man in der Schweiz auch düften) gab es noch eine Reprise der „Folie“ von Rameau, diesmal etwas anders inszeniert, aber nicht weniger bühnenwirksam. Am Ende gab es eine Standing Ovation, die alles in allem gewiss nicht unverdient war.

    Die Händel-Arie gibt es – mit einem etwas seltsamen Ensemble an modernen und postmodernen Instrumenten – auch in der Tube:

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    Die NZZ berichtete auch über den Abend mit Julie Fuchs in der Zürcher Oper – wieder ein etwas nichtssagender Bericht, finde ich:
    https://www.nzz.ch/feuilleton/wiederbegegnung-mit-der-sopranistin-julie-fuchs-raffinierte-rollenspiele-ld.147103

    Das heutige Konzert fand dreimal statt, die NZZ besuchte offensichtlich den ersten Abend, denn bereits in der heutigen Printausgabe ist folgende Besprechung erschienen:
    https://www.nzz.ch/feuilleton/julia-fischer-und-charles-dutoits-in-der-tonhalle-je-schwieriger-desto-besser-ld.147381

    Das Programm:

    Zürich, Tonhalle, Grosser Saal – 24.2.

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Charles Dutoit Leitung
    Julia Fischer Violine

    Béla Bartók
    Violinkonzert Nr. 2

    Pjotr I. Tschaikowsky
    Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36

    Ich kann der NZZ nur beipflichten, was das Lob von Fischers Interpretation des Bartók-Konzertes betrifft – souverän, mit starkem Ton auch noch im leisesten Pianissimo, bebend, vibrierend, sehnig, und äusserst nuanciert. Wahnsinn, sowas live erleben zu können! Und unter Dutoits sicherem Dirigat wird auch die Klangkultur des Tonhalle-Orchesters wieder einmal aufs schönste hörbar, die ganze Bandbreite von fast schon schmerzhaft laut bis zu zart hingehauchten Passagen … der Maestro scheint ja ein regelmässiger Gast zu sein, aber ich verfolge das alles bekanntlich ja erst seit ein, zwei Jahren so aktiv. Als Zugabe spielte Fischer einen langsamen Satz aus einer der Sonaten oder Partiten Bachs – war wohl gut gemeint, aber passte nach meinem Empfinden nicht zu dem davor und dem danach. Das danach war eben die vierte von Tschaikowsky, ein wunderlich Ding – aber wenn man Sibelius mögen soll, warum nicht auch Tschaikowsky? Das Publikum liebte die Symphonie, es gab am Ende ein zweites Mal langen und lauten Beifall für das Orchester und Dutoit, der auswendig dirigierte. Mein Platz auf der Galerie erlaubte es, Dutoit zu beobachten – und ich bin tatsächlich zum ersten Mal das ganze Konzert hindurch gestanden, um sein Dirigat zu beobachten, das gerade bei Tschaikowsky wirklich faszinierend war. Manchmal setzte er fast aus, andere Male dirigierte er nur mit der Linken in runden Kreisen, natürlich gab er auch den Schlag (mit der rechten mit kleinem Stock), aber viel interessanter waren seine Anweisungen mit der Linken, vor allem die Violinen wurden sehr aktiv gesteuert, während die Bläser durch ihre zahlreichen anspruchsvollen solistischen Passagen scheinbar selbstständig kamen, gewisse Einsätze markierte Dutoit auch mit lautem Mitbrummen der jeweils leitenden Stimme (wie Antonini es ja neulich auch schon tat, der sang oder summte noch viel öfter mit). Jedenfalls faszinierend, zuzuschauen.

    Der nächste Termin ist Samstag in einer Woche, wenn David Zinman zurückkehrt, um mit „seinem“ Orchester Mahlers Sechste aufzuführen, die ich in dem Konzert zum ersten Mal überhaupt hören werde.

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    Hier ist noch eine Kritik zum mittleren Abend mti Fischer/Dutoit zu lesen:
    http://seenandheard-international.com/2017/02/dutoit-fischer-and-the-tonhalle-orchestra-zurich-all-on-top-form/

    Doch eigentlich nehme ich davon nur den Satz hier mit (mit dem Rest bin ich einverstanden, aber was da steht bringt mich nicht weiter im eigenen Verstehen): „Dutoit, looking very good for his eighty years, swayed almost balletically to enhance the dance-like effects of the score.“

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    Mir fehlen ja die Worte, um das Konzerterlebnis mit Mahler 6 unter Zinman zu beschreiben bzw. zu erfassen. In der heutigen NZZ gibt es eine kurze Kritik, nicht sonderlich gut geschrieben, aber in der Beschreibung des Geschehens nicht schlecht – und „ironisch und burlesk“ passt wirklich zu dem, was ich auch gehört habe, zumal im Dritten Satz. Allerdings sind es gerade die Brüche im Werk, die mich faszinierten. Das klang mal nach Variété, dann wieder nach Avantgarde, dazwischen fast neo-romantisch … und dann die Kuhglocken …

    https://www.nzz.ch/mahlers-sechste-sinfonie-mit-david-zinman-spielarten-des-tragischen-ld.149333

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    Und noch eine Kritik zu Zinman mit Mahlers Sechster neulich (vom ersten Abend, ich war am zweiten dabei, es folgte noch ein dritter):
    http://seenandheard-international.com/2017/03/zinman-welcomed-back-to-the-tonhalle-for-stirring-mahler-sixth/

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    Extrakonzert Heinrich Isaac
    Festival Alte Musik Zürich – Kirche St. Peter – 24.3.

    Les Flamboyants & Els Janssens-Vanmunster
    Cantica Symphonia/Giuseppe Maletto

    Vorhin besuchte ich zum ersten Mal das Festival Alte Musik in Zürich, das schon seit fünfzehn Jahren existiert, ohne dass ich davon bisher gehört hätte. Dieses Jahr galt der Schwerpunkt Claudio Monteverdi, doch die interessantesten Konzerte (ein langer Abend mit Auszügen au den Madrigalbüchern mit Voces Suaves letzten Samstag, eine „Vespro Veneziano“ mit La Cetra unter Andrea Marcon letzten Sonntag und übermorgen La Venexiana mit Szenen und Balletti) verpass(t)e ich leider (übermorgen höre ich Isabelle Faust und das Freiburger Barockorchester mit einem Mendelssohn-Programm in der Tonhalle). Und auch das Symposium zu Heinrich Isaac verpass(t)e ich, weil ich ausgerechnet heute ausnahmsweise an einem Freitag arbeiten musste und so geschafft bin, dass ich morgen vormittag auch zum zweiten Teil nicht hingehen mag. Aber das Isaac-Konzert vorhin liess ich mir zum Glück nicht auch noch entgehen. In der ersten Konzerthälfte gab es weltliche Werke mit dem vierköpfig auftretenden Ensemble Les Flamboyans (Silvia Tecardi an der Viola d’arco, Elizabeth Rumsey an der Gambe, Marc Lewon an der Laute und ebenfalls Viola d’arco sowie Leiter Michael Form an der Flöte), dazu stiess die Sängerin Els Janssens-Vanmunster. Das war alles interessant, hübsch, manchmal auch witzig – aber so richtig zu packen vermochte es mich nicht. Das Highlight war dann das letzte Lied (vor der Zugabe), „Es wollt ein Meydlein“:

    Es wollt ein meydlein grasen gan:
    Fick mich, lieber Peter!
    Und do die roten röslein stan:
    Fick mich, lieber Peter!
    Fick mich mehr, du hast dein ehr.
    Kannstu nit, ich wills dich lern.
    Fick mich, lieber Peter!

    Was davor genau auf dem Programm stand, kann ich mit Sicherheit nicht sagen, denn ein Textblatt wurde ausgehändigt, an das man sich halten würde (was nicht der Fall war) und das Programmheft sei nicht mehr aktuell. Die Zugabe war „Innsbruck, ich muss dich lassen“, davor gab es an Vokalem Dufays „Le Serviteur“ zum Auftakt, danach wohl „Le Serviteur“ und/oder „La Morra“ von Isaac (instrumental), dann das Chanson „Et qui lui dira“, wobei mir unklar ist, ob das ein existierendes Chanson ist (auf dem Textblatt sind zwei Texte, der ersten, „De tous biens plaine/Et qui lui dira“, wurde aber nicht gesungen, zum gesungenen steht „Die einzelnen Zeilen sind Textfragmente aus Chansons der Zeit“, was irgendwie impliziert, dass das gar kein Stück von Isaac sondern eine spätere Collage oder sonstwas sein könnte – keine Ahnung). Gesungen wurden dann noch „Fammi una gratia“ (sehr schön!), „Ach, was will dohc mein Herz“ und „Mein Freund allein“ sowie das oben zitierte schüpfrige Liedchen (mit toller Gesangsstimme – wurden die ganzen Verzierungen damals notiert oder ist das Sache der Interpretin, das auszugestalten? Falls ja: chapeau!) über den präpotenten Peterli. Dazwischen gab es weitere Instrumentale Stücke, u.a. „Der Hundt: Das Kind lag in der Wiegen“ – über dieses Stück wird im Programmheft des Festivals der Leiter des Ensembles, Michael Form, länger zitiert. In der Tenorstimme (des instrumentalen Stückes) „verarbeitet Isaac … jeweils die Melodie Das Kind lag in der Wiegen / do bissen es die Fliegen. Gut möglich, dass das arme Kind im weiteren Verlauf des Textes, den ich bis jetzt nicht zur Gänze ausfindig machen konnte, auch noch vom Hundt gebissen wird …“
    Gespielt wurden darüberhinaus wohl noch „Fortuna in mi“ und „Sempre giro piangendo“ und vermutlich noch ein Stück („In meinem Sinn“ oder „Mein Freund allein“?) – schade, dass das nicht eindeutig war, zumal bei einem vergleichsweise so obskuren Komponisten.

    Doch nach der Pause folgte die zweite Hälfte des Programmes, geistliche Musik mit Cantica Symphonia (Laura Fabris, Sopran; Giuseppe Maletto, Tenor & Leitung; Gianluca Ferrarini, Tenor; Marco Scavazza, Bariton; Mauro Morini, Posaunen) – und das war dann ganz grossartig! Isaacs „Ave regina caelorum“ machte den Auftakt, gefolgt von einem „Salve regina“ von Josquin (holy holy!), dann wieder Isaad mit „Sub tuum praesidium“, „Rogamus te“ und „O praeclarissima“, gefolgt von Costanzo Festas „In illo tempore“ und danach wieder Isaac mit „Tota pulchra“. Ausser dem „Tota pulchra“ und dem „O praeclarissima“ finden sich diese Stücke (geistlichen Motetten) alle auf der Isaac-CD des Ensembles, die auf Glossa erschienen ist und hier schon ein paar Monate herumliegt (sie vor dem Konzert wiederzuhören schaffte ich leider nicht – sie enthält dazu die Missa Misericordias Domini und ein paar weitere Motetten). Jedenfalls war das das erste Mal, dass ich solche polyphone Musik live hörte, teils mit der Posaune (eine Art Zugtrompete gab es auch noch, kenne mich mit diesen alten Instrumenten nicht aus, läuft wohl anscheinend auch unter Posaune) als Cantus firmus, teils a cappella – jedenfalls war das phantastisch gesungen und enorm faszinierend, ich sass buchstäblich auf der Stuhlkante.

    Den Abschluss machte dann eine Premiere: von „O decus ecclesiae“ (auch auf der CD) hat Maletto ein Arrangement erstellt, bei dem sein Ensemble (inklusive Posaune) mit den vier Instrumentalist_innen von Les Flamboyants zusammenkam. Gemäss der Ansage war das die Erstaufführung dieser Version, die mir zwar gefiel, aber mich im Wechsel von rein vokalen mit begleiteten Passagen nicht restlos überzeugen konnte. Als Zugabe sangen Cantica Symphonia danach noch Isaacs „Greatest Hits“ – das ist genau einer, nämlich die witzige kurze Motette „La mi la sol“, die er 1502 im heissgeliebten (von mir, keine Ahnung, wie das bei Isaac war) Ferrara inner kürzester Zeit komponierte.

    Cantica Symphonia hätte ich gerne noch länger gelauscht, aber diese enorm dichte Musik zu singen ist wohl unfassbar anspruchsvoll – stattdessen lege ich in den nächsten Tagen die erwähnte Isaac-CD wohl wieder einige Male auf (ein paar weitere – v.a. Dufay gewidmete – CDs des Ensembles habe ich eher zufällig gerade noch bestellt, aber nach diesem Konzert bereue ich die Entscheidung nicht und warte freudig auf das Eintreffen der Sendungen).

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    Tonhalle Zürich, Grosser Saal – 26.3.
    Neue Konzertreihe Zürich

    Freiburger Barockorchester
    Pablo Heras-Casado
    Leitung
    Isabelle Faust Violine

    Felix Mendelssohn Bartholdy

    Ouvertüre „Die Hebriden“ op. 26
    Violinkonzert e-Moll op. 64

    Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 107 „Reformations-Sinfonie“

    Ein Mendelssohn-Programm mit dem Freiburger Barockorchester … und das heiss geliebte Violinkonzert mit Isabelle Faust? Und dennoch holte ich mir erst vor einigen Tagen eine Karte (die allerletzte der billigsten Kategorie, aber allein auf meiner Seite des Saales kamen wohl gegen ein Dutzend Leute nicht). Das hatte seine Gründe, und ganz unberechtigt waren diese wohl nicht.

    Aber von Anfang an: Das Orchester unter Heras-Casado, der das komplette Programm aus dem Gedächtnis dirigierte, legte mit einer zügigen und überaus mitreissenden Hebriden-Ouvertüre los. Der helle, leichte Klang und das leichtfüssige Spiel mochten sehr zu überzeugen und das blieb über den ganzen Abend hinweg so. Das erhoffte Highlight war dann natürlich das Violinkonzert, doch auch seinetwegen hatte ich – trotz meiner grossen Wertschätzung von Isabelle Faust – einige Bedenken. Das Orchester war auch hier wieder tadellos, aber da und dort hätte man sich halt doch mehr Schwere gewünscht. Nicht grundsätzlich, aber als einzusetzendes, abrufbares Stilmittel; gerade im romantischen Repertoire darf es eben schon mal wuchtig klingen, dürfen die Streicher satt schwelgen. Fausts Einstieg fand ich überzeugend, ihre Verve, ihre Klarheit, spitz aber zugleich sanft gespielt – das gefiel. Doch in den lauten Passagen schien ihr Instrument manchmal etwas zu scheppern und dennoch war die Balance zwischen ihr und dem Orchester dann nicht mehr ganz im Lot – es war als ging nicht mehr, als wolle die Geige nicht mehr hergeben. Dann die nächste leisere oder schwindelerregend sich drehende Phrase, und Faust hatte wieder alles unter Kontrolle. So auch in der Kadenz. Doch der langsame Satz litt dann naturgemäss etwas unter der orchestralen Sprödheit.

    Nach der Pause dann die programmliche Wackelpartie, die seltsame fünfte Symphonie, die ja eigentlich die zweite ist, und mit der ich im Gegensatz zur dritten und vierten (der „Schottischen“ und der „Italienischen“) nicht wirklich klar komme (mit der „Lobgesang“, gemäss Opus-Numerierung der zweiten, geht es mir ähnlich). Aber gut, die beiden inneren Sätze sind teils von bezaubernder Schönheit, doch der kurze dritte Satz, der so bezaubernd beginnt, fasert irgendwie ziellos aus – und dann leidet der Schlusssatz gerade wie der Kopfsatz unter einer Mischung, die ich eigentlich bisher nur bei Beethoven halbwegs erträglich finde: plakativ munter drauf, manchmal geradezu plump in der Motivik, und dann wieder ganz bezaubernde Momente, und das alles irgendwie in einer Art Dialog zusammenmontiert, dann obendrein – im Schlusssatz – noch die ganze lutherische christliche Kriegsmarsch-Ästhetik (wie Choräle schon bei Bach vom Himmlischen zum Waffengeklirr der stampfenden Soldaten kippen, wird mich wohl zeitlebens vor den Kopf stossen, ein feste Burg halt – nicht für mich, bitte!).

    Aber gut, das klingt jetzt wohl zu negativ, denn insgesamt war das ein toller Einblick in das überaus interessante Schaffen von Mendelssohn, das ja gerade mit Beethoven und mit der Klassik sowieso bricht, dabei auf Bach zurückgreift und vorgreift auf Dinge, die erst viel später wieder auftauchen (zumindest scheint mir das so, meine Vertrautheit mit der Romantik hält sich bisher einigermassen in Grenzen und die Lust, das über Schumann und Brahms hinaus grossartig zu vertiefen, hält sich ebenso in Grenzen … Bruckner wieder, dann Mahler, klar, aber das geht da dann schon wieder entscheidende Schritte weiter, zumal bei Mahler). Faust setzte sich übrigens für die zweite Konzerthälfte unten ins Publikum, Heras-Casado bei der kurzen Kurtág-Encore von Faust hinten ins Orchester. Die Mendelssohn-Zugabe ganz zum Schluss hat Heras-Casado zwar angesagt, aber verstanden habe ich ihn nicht, verstanden habe ich nur, dass er sagte, originell sei die Wahl nicht gerade.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #55: John Coltrane & Eric Dolphy, 1961-1962, Sa 24.6., 22:30 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #6: tba | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
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    Tonhalle Zürich, Grosser Saal – 1.5.
    Neue Konzertreihe Zürich

    Kammerorchester Basel
    Julia Schröder
    Konzertmeisterin
    Julia Lezhneva Sopran

    Georg Friedrich Händel
    Concerto grosso F-Dur op. 3 Nr. 4

    Carl Heinrich Graun
    Arien aus der Oper „Armida“ und „Coriolano“

    Georg Friedrich Händel
    Concerto grosso G-Dur op. 3 Nr. 3

    Carl Heinrich Graun
    Sinfonia zur Oper „Coriolano“
    Arien aus der Oper „Armida“ und „Silla“

    Georg Friedrich Händel
    Concerto grosso B-Dur op. 3 Nr. 2
    Arie aus der Oper „Alessandro“

    Ziemlich tolles Konzert mit der bezaubernden Julia Lezhneva – was für eine Stimme, was für ein Singen! Am Schluss gab es drei Zugaben (ich erkannte sie natürlich nicht) und das half sehr, denn da drehte sie noch einmal richtig auf und sang die unfassbarsten Koloraturen – im Pianissimo. Davor kam es mir besonders in der ersten Konzerthälfte ein wenig so vor, als würde die Händel-Arie zum Schluss Graun ziemlich in den Schatten stellen. Die neue CD, die Grundlage des Konzertes ist, werde ich dennoch die nächsten Tage oder Wochen ein paar Male wiederhören wollen, denn die beiden Arien aus der zweiten Konzerthälfte gefielen mir enorm gut – wohingegen ich die Sinfonia von „Coriolano“ recht langweilig (eben: hübsch barock, so dass man sich lustige Hüpftänze vorstellen kann, tut niemand weh). Die drei Concerti grossi von Händel im Konzert zu hören, war ziemlich toll, auch wenn mich das Spiel des Basler Kammerorchesters nicht in letzter Konsequenz gepackt hat – aber gut, ich habe noch nie instrumentale Musik von Händel im Konzert gehört und ein schlechter Einstieg war das keinesfalls. Überdies, wie so oft: Es hilft mir fast immer, das Orchester zu sehen, um das Zusammenwirken der Stimmen, der Instrumente, der Register, besser erfassen zu können.

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    Tonhalle Zürich, Grosser Saal – 7.5.

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Lionel Bringuier
    Leitung
    Xavier de Maistre Harfe
    Mojca Erdmann Sopran
    Katharina Konradi Sopran
    Christian Elsner Tenor
    Zürcher Sing-Akademie
    Andreas Felber Einstudierung

    Kaija Saariaho
    „Trans“ für Harfe und Orchester, Schweizer Erstaufführung

    Felix Mendelssohn Bartholdy
    „Lobgesang“ op. 52

    Heute am späten Nachmittag wieder in die Tonhalle, obwohl mir vor lauter Dingen (auch Musik) der Kopf rauscht und ich fast vom Stuhl kippte … aber ich wollte das Harfenkonzert von Saariaho hören, die ich bisher überhaupt nicht kannte. Faszinierendes Werk, mit viel Verve gespielt von Xavier de Maistre und dem Tonhalle Orchester, das ich heute tatsächlich zum ersten Mal unter Bringuier sah, dem eigentlich immer noch neuen und doch bald ehemaligen Chefdirigenten, mit dem es leider nicht so recht klappen wollte. Jedenfalls hat sich der Besuch gelohnt, auch wenn mir die Worte für das Werk von Saariaho ziemlich fehlen, ich es überhaupt nicht einordnen kann. Man liest von den Spektralisten, vom IRCAM, von Computermusik – das alles kenne ich noch viel zu schlecht. Im Programmheft hat sie selbst einen Kommentar zu „Trans“ beigesteuert, wird auch im weiteren Text über das Werk zitiert: „Die Herausforderung besteht darin, die Vielfalt der orchestralen Palette zu bewahren, ohne die Harfe als Soloinstrument zuzudecken.“ Die Vielfalt der Palette war in der Tat zu hören, es gab auch Röhrenglocken, Xylophone und anderes, die Instrumentierung war oft sehr interessant, fand ich – zum Glück konnte ich, da das Konzert nicht sonderlich gut besucht war, auf dem Balkon etwas nach vorn rutschen und besser sehen, welche Instrumente gerade zu Gange waren. Bei unkonventionellen Kombinationen ist es doch sehr hilfreich, sehen zu können (das fehlt mir denn auch oft daheim, wenn ich CDs höre – aber das Ohr lernt mit, denke ich).

    Was „Lobgesang“ betrifft, die sinfonische Kantate von Mendelssohn, die aus welchen Gründen auch immer lange Zeit als seine zweite Symphonie geführt wurde (im Tonhalle-Programm ist das wenigstens im Begleittext auch immer noch so halb der Fall), war ich skeptisch. Es sind die „Italienische“ und die „Schottische“, die mich ansprechen, doch im Konzert gehört habe ich gerade die „Reformationssymphonie“ und jetzt eben den „Lobgesang“. Doch die Skepsis war unnötig, das Orchester unter Bringuier ging die öffnende Sinfonia gemessen aber mit viel Elan an und es entfaltete sich ein wundervoll bunter Klangzauber. Die Sing-Akademie war dann erst recht beeindruckend, mit einer Diktion und Verständlichkeit, die jene von Mojca Erdmann in den Schatten stellte, wie man leider sagen muss (sind es nicht die Hamburger, die so stolz auf sich sind?). Erdmann war keineswegs schlecht, im Gegenteil, aber von den Solisten war es in erster Linie Christian Elsner, der mich sehr beeindruckte. Das Duett der beiden Soprane gelang ebenfalls bestens, die Timbres von Erdmann und Katharina Konradi, die den undankbaren zweiten Sopranpart sang, passen bestens zusammen.

    Am Ende grosser Applaus für Chor, Solisten und Orchester, Bringuier liess zuletzt auch noch die diversen Register einzeln aufstehen – sehr sympathisch und musikalisch auch ziemlich gut, wenn mich mein Urteilsvermögen da nicht völlig im Stich lässt. Aber gut, der Blick geht nach vorn, das Tonhalle-Orchester ab nächster Saison für drei Jahre in eine temporäre Spielstätte im todlangweiligen Trendquartier Zürich West („internationales, grossstädtisches Flair“ heisst ja soviel wie: völlig austauschbar, ein paar alte umfunktionierte Fabriken, neue Hochhäuser, die manchmal wie Bunker aussehen, das übliche halt) und die Arbeit am Klang wie auch der Wechsel zu einem neuen Chefdirigenten wird unter den Umständen gewiss nicht einfach (von den bisher als Papabili gehandelten Gästen wäre Paavo Järvi mein klarer Favorit – kenne ihn nicht gut, aber im Konzert war er klasse und das Zusammenwirken mit dem Orchester klappte hervorragend).

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #55: John Coltrane & Eric Dolphy, 1961-1962, Sa 24.6., 22:30 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #6: tba | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
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    Tonhalle Zürich, Grosser Saal – 17.05.17

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Herbert Blomstedt
    Leitung

    LUDWIG VAN BEETHOVEN

    Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93

    Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

    Keine vielen Worte dafür, es war schlichtweg umwerfend. Blomstedt scheint die Symphonien bis ins kleinste Detail zu kennen. Das Orchester kennt und schätzt ihn, folgt ihm und macht noch die feinsten Verästelungen nachvollziehbar. Der Aspekt des Zusammenspiel, das oftmals fast Kammermusikalische war enorm faszinierend, vor allem im Hinblick auf die grosse Wucht, die beiden Symphonien zugleich innewohnt. Die Streicher waren nach alter Façon aufgestellt, links die erste Violinen, rechts die zweiten, die Effekte, die Beethoven einbaute, wurden dadurch auch räumlich erfahrbar. Toll war auch zu sehen, wie das Orchester zusammenspielte, wie Blicke ausgetauscht wurden, lachende und frohe Gesichter immer wieder, weil auch wirklich fast alles perfekt gelang.

    Die Reihenfolge machte Sinn, entsprach auch der Publikumsreaktion, die wohl seit den den jeweiligen Uraufführungen nicht gross geändert hat. Es war also konsequent, die viel beliebtere Siebente nach der Pause zu spielen – der Applaus zum Schluss war riesig, als der zweite Satz begann (nahtlos an den ersten gehängt) gab es gar etwas Getuschel („Das ist jetzt die Stelle, von der ich dir erzählte …“). Die Achte allerdings, die ich im Gegensatz zur Siebenten noch nie im Konzert gehört habe (meine erste Begegnung mit der Siebenten im Konzert war ebenfalls klasse – klick – damals sassen Celli und Bratschen andersrum, sonst hätte ich wohl die Pauke statt der Hörner vor der Nase gehabt), ist ein verdammter Höllenritt. Ich kann nicht behaupten, aus dem Werk als Ganzem schlau zu werden, es scheint mir oft etwas disparat, ruppig, aber gerade das macht es wiederum sehr reizvoll. Und natürlich ist die Umsetzung des – wie mir scheint teils sehr kargen, einfachen – melodiösen Materials höchst faszinierend. Die Siebente ist dagegen – Tanz hin oder her, der alte Blomstedt wippte tatsächlich herum, aber das tat er auch davor bei der Achten, wo er kaum je den Takt schlug, nur mit den Händen Einsätze und Dynamik kontrollierte und eine Richtung gab – ein gemütlicher Spaziergang. Aber der zweite Satz zählt für mich schon auch zu den unfassbar tollen Werken (wie z.B., um beim Orchestralen zu bleiben, Mozarts 40., auch da wieder der zweite Satz, aber auch die ganze Symphonie, oder der langsame Satz von KV 364). Aber gut, die Achte war das Hauptereignis des Konzertes, keine Frage!

    Die NZZ hat auch berichtet:
    https://www.nzz.ch/feuilleton/herbert-blomstedt-dirigiert-das-tonhalle-orchester-zuerich-blomi-komm-bald-wieder-ld.1294551

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #55: John Coltrane & Eric Dolphy, 1961-1962, Sa 24.6., 22:30 | Slow Drive to South Africa, #5: tba | No Problem Saloon, #6: tba | Konzertkritiken und mehr: ubu's notizen
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    Zürich, Tonhalle, Grosser Saal – 8.6.

    Igor Levit Klavier

    Dmitri Schostakowitsch
    24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87

    Ich habe eigentlich gar keine Worte dafür, möchte das nur rasch Erwähnen – Wahnsinn! Zum ersten Mal, dass ich Levit mit Noten sah, die er aber oft über längere Strecken gar nicht zu beachten schien. Einen solch monströsen Zyklus im Konzert erleben zu können ist ja eh schon eindrücklich genug – im Programm stand „ca. 150 Minuten“, Levit liess sich Zeit und benötigte wohl 15 oder 20 Minuten länger (jedenfalls würde seine Fassung so nicht auf zwei CDs passen, im Gegensatz zu denen von Ashkenazy und Rubackyte, die mir vorliegen – leider suchte ich die kleine Schostakowitsch-Piano/Chamber Works-Box, in der sich die noch nie angehörte Ashkenazy-Aufnahme findet, gestern Nacht vergeblich, aber die taucht schon wieder auf). Wie sich die Préludes und die anschliessenden Fugen vor dem sehenden Ohr entfalten, sich hartnäckig und unaufhaltsam durch den Quintenzyklus schraubend, wie Levit dabei mit dem Klang des Flügels umging, wie feingliedrig sein Spiel, wie gekonnt sein Einsatz der Dynamik (nur selten liess er den Flügel laut schnauben, doch nach Nr. 24 hatte er ihn endgültig erlegt) – wirklich grossartig!

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