Konzertimpressionen und -rezensionen

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  • #10480837  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out So Much"

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    gypsy-tail-wind

    soulpope PS Und die paar Worte zu Mahler 1 entlarven schlussendlich die flache intellektuelle Kurve vollends ….

    Ich war ja nicht dabei und weiss es nicht besser, aber das Lamento über die Jungen, die keinen Charakter haben, finde ich auch ermüdend. Trifonovs Liszt-Doppel-CD finde ich jedenfalls ziemlich gut, mit den „Chopin Evocations“ werde ich weniger warm, mit dem älteren Chopin (plus Scriabin) auch eher nicht … aber ich halte da gerne Igor Levit dagegen, der mich schon ordentlich Charakter zu besitzen scheint. Und was mir dann immer wieder im Kopf herumspinnt – und klar kann man das vom soziokulturellen Hintergrund her schlecht vergleichen, aber: wie ging das denn mit all den 18jährigen Jazzern in den Fünfzigern und Sechzigern, von Paul Chambers (oder auch schon: Jimmy Blanton um 1940) bis zu Tony Williams? Warum dort ja, hier nein? Ich habe keine Antworten, aber ich frage mich halt (auch bei mir selbst! – ich will Dich @soulpope hier nicht ungebührlich anpflaumen, nehme nur die Steilvorlage auf und spiele damit weiter, aber nicht auf den Mann, also auf Dich!), ob da manchmal nicht die Wahrnehmung, das aussermusikalische Wissen, uns einen Streich spielt? Blindtests wären eine mögliche Antwort, aber meine eigene Hilflosigkeit in Sachen Klassik blind hören habe ich im GMG-Forum mal erlebt, als ich kaum in der Lage war, ein paar von Bachs Solo-Violinstücken zu beurteilen (ich habe am Ende gar nichts dazu geschrieben, nur äusserst irritiert gehört, mit dem Resultat, dass mir keine Version wirklich noch gefiel, weil ich überall nur auf das „Schlechte“ oder „Schwache“ hörte, und das, bei diesen geliebten Werken, irritierte mich dann doch sehr). Ich werde jedenfalls irgendwann Trifonov live hören, in der Saison 2019/20 kommt er wohl wieder nicht nach Zürich (er war in der Saison 2016/17 da, aber auch mit Orchester und konnte eh nicht, ein Solo-Rezital wäre mir zum Kennenlernen lieber – Levit hörte ich inzwischen zweimal solo, einmal mit Julia Fischer und einmal mit Orchester und ich glaube, gerade so kann man auch die Reihenfolge in Sachen Güte stellen, wobei „Kreutzer“ und Op. 96 mit Fischer schon sehr toll waren und vielleicht zwischen die zwei Solo-Konzerte hinein gehörten).

     

    Guten Morgen Flurin,

    vorweg kein Grund potentielle Meinungsunterschiede zu entpersonalisieren. Der Diskurs ist ja hier eh das wesentliche belebende Element ….um mit Deinem Eingangsstatement zu beginenn finde ich es wiederum ermüdend wenn immer wieder neue Jungstars – übrigens wer bestimmt den Status, ab wann ist man Altstar und warum gibt es hier nicht den im Sport verwendeten All-Stars (Antwort : Dieser Wertung wird zumeist in einer Abstimmung von Fach- und nicht Marketingleuten vergeben – Letztere setzen einfach lieber auf ein Pferde und kanalisieren die Budgetmittel) – propagiert werden und falls die Verkaufszahlen nicht stimmen ebenso schnell unter die künstlich geschaffene Wahrnehmungsgrenze abtauchen.

    Der Vergleich mit den jungen Innovatoren des Jazz endet halt schnell bei der unterschiedlichen Art sich selber individuell einzubringen zu können aka Interpretation/Improvisation, welche bei der klassischen Musik vergleichsweise eingeschränkt ist (Shura Charkassky spielte bei seinen später Konzerten die einen oder andere falsche Note, wobei ein Kenner/Liebhaber sinnigerweise vermeinte, daß der Vortrag dermassen überzeugend war, daß dies unter Interpretation im weiteren Sinn bzw beginnende Improvisation zu subsumieren sei …. aber was würde da die Puristen sagen …..). Bei klassischer Musik ist aufgrund der vorgenannten Einschränkung natürlich die Aufmerksamkeit fast zwangsläufig auf Notentreue, Tempovorgaben und (Klavier) Anschlagskultur gerichtet ….

    Ich persönlich habe (leider) nie ein Instrument gespielt dh mein„angelerntes“ technischen Wissen steht deutlich im Hintergrund bei der persönlichen Einschätzung von Hörerlebnissen und es dominiert einfach die Art der gesamtheitlichen Eindrücke ….

    Nun zu Trifonov : Habe die Konzertkarte von meiner an diesem Tag absenten Frau geerbt und bin ohne besondere Erwartungshaltung ihm gegenüber (eine solche hatte ich jedenfalls bezüglich Gatti/Concertgebouw) in das Konzert gegangen. Ich gebe auch gerne zu daß ich kein ausgesprochener Liebhaber von Klavierkonzerten bin und Klavier Soloprogramme jederzeit vorziehe …. schlußendlich sind die Klavierkonzerte von Prokofiev tendeziell sehr sperrig dh hier persönliche „Noten“ einfliessen zu lassen ist wohl sehr anspruchsvoll …. bei aller Mentalreservation dem Hr. Ender gegenüber (seine Klassikrezensionen im „Standard“ verdienen zumeist diesen Begriff nicht den auch Provokation sollte zumindest von der Basis her intellektuell unterfüttert sein ….) gibt sein Gschreibsel – mglw unbeabsichtigt – den Trifonovauftritt wieder …. man hat sich schnell an der Technik sattgehört/-gesehen und mangels interpretatorischer Merkmale gleitet die Wahrnehmung Richtung Äusserlichkeiten ab … wie treffend die technisch stupend hingenudelte Zugabe aus Prokofiev`s Sarkasmen – kaum am Klavier schon wieder aufgestanden – hier hätte Trifonov mit einer alternativen Zugabe Interesse an seinen solistischen Fähigkeiten wecken können aber wozu – den DG Exklusivvertrag hat er eh schon in der Tasche …. und der Tourneezirkus zieht weiter ….

    Und schlussendlich : Ich schrieb hier unlängst über das per se nicht so eindrucksvolle Igor Levitt Klavierkonzerterlebnisz, welches damals eher durch ein uninspieriertes Orchester behaftet war jedoch vom Pianisten so viel hergab, daß ich einem Solokonzert besuch nicht abgeneigt bin ….

    So jetzt muss ich was hackln …. bis später ….

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    gypsy-tail-wind
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    aquoiboniste

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    soulpope
    … um mit Deinem Eingangsstatement zu beginenn finde ich es wiederum ermüdend wenn immer wieder neue Jungstars – übrigens wer bestimmt den Status, ab wann ist man Altstar und warum gibt es hier nicht den im Sport verwendeten All-Stars (Antwort : Dieser Wertung wird zumeist in einer Abstimmung von Fach- und nicht Marketingleuten vergeben – Letztere setzen einfach lieber auf ein Pferde und kanalisieren die Budgetmittel) – propagiert werden und falls die Verkaufszahlen nicht stimmen ebenso schnell unter die künstlich geschaffene Wahrnehmungsgrenze abtauchen.

    Gut, da hast Du natürlich völlig recht … und ich ignoriere diesen Mechanismus auch fast gänzlich. Levit ist da eine Ausnahme, ich wurde da vom selben Ex-Fori angefixt, der mir auch Trifonov verklickern wollte, aber eben, bei letzterem hat es bei mir auch nicht so prächtig geklappt und Levit/Bringuier halte ich wenigstens mit Brahms obendrein (ich kenne Bringuier praktisch nicht, habe ihn in seiner Tonhalle-Zeit trotz meiner vielen Konzertbesuche in den letzten beiden Saisons nur zwei oder dreimal gesehen, weil mich die von ihm dirigierten Konzerte alles in allem einfach weniger ansprachen als diejenigen mit Gästen) für eine potentielle Fehlkombination … ich kann mir eben mach dem Berlioz durchaus vorstellen, dass Bringuier/Levit/Ravel/Gershwin viel besser passte oder eben dass Bringuier im französischen Repertoire wirklich besser ist (der Belioz bei dem Konzert legte das schon nahe, auch wenn ich den Teil ja auch nicht vollends überzeugend fand, was aber auch mit Berlioz‘ Musik zu tun hat).

    soulpope
    Der Vergleich mit den jungen Innovatoren des Jazz endet halt schnell bei der unterschiedlichen Art sich selber individuell einzubringen zu können aka Interpretation/Improvisation, welche bei der klassischen Musik vergleichsweise eingeschränkt ist (Shura Charkassky spielte bei seinen später Konzerten die einen oder andere falsche Note, wobei ein Kenner/Liebhaber sinnigerweise vermeinte, daß der Vortrag dermassen überzeugend war, daß dies unter Interpretation im weiteren Sinn bzw beginnende Improvisation zu subsumieren sei …. aber was würde da die Puristen sagen …..). Bei klassischer Musik ist aufgrund der vorgenannten Einschränkung natürlich die Aufmerksamkeit fast zwangsläufig auf Notentreue, Tempovorgaben und (Klavier) Anschlagskultur gerichtet ….

    Da bin ich eben nicht ganz sicher. Der Vergleich hinkt aber sowieso, das ist mir schon klar, es geht oder ging wenigstens damals in vielen Fällen auch um Lebenshintergründe, Erlebtes, Erlittenes, der Jazz stammte in der Zeit in vielen Fällen aus soziokulturellen Milieus, die ihn irgendwie prägten und beeinflussten – das hat sich heute vielerorts geändert (man muss ja wohl auch sagen: zum Glück – aber damit hängt wohl auch die Veränderung des Jazz zusammen, die Akademisierung usw.) … es gibt inzwischen ja auch im Jazz längst die Rösslein (ob sie Francesco Cafiso oder Grace Kelly oder [em] oder sonst ein ACT-Act sind, ist mir dabei völlig Wurst, es gibt auch bei den Rösslein unterschiedliche Wettkampfklassen), bei denen ich mich frage, wo die Substanz abgeblieben ist. Andererseits, wenn man sich Glenn Gould anschaut (ein Solitär, gewiss, und daher kein gutes Gegenbeispiel), besteht ja die Möglichkeit eines jungen Musikers mit eigenen Ideen und viel Talent schon, es gibt da ja noch andere Beispiele, etwa Julius Katchen … aber wohl auch so manche, bei denen man argumentieren könnte, dass sie später besser wurden, wobei das „später“, das Katchen vergönnt war, ja nicht lange dauerte).

    soulpope
    … bei aller Mentalreservation dem Hr. Ender gegenüber (seine Klassikrezensionen im „Standard“ verdienen zumeist diesen Begriff nicht den auch Provokation sollte zumindest von der Basis her intellektuell unterfüttert sein ….) gibt sein Gschreibsel – mglw unbeabsichtigt – den Trifonovauftritt wieder

    Den Vorwurf machte clasjaz ja neulich der Rattle-Rezension von Christian Wildhagen – ich kam da in die Bredouille, weil ich mich auf dem mir neuen Territorium Mahler nicht genügend auf meine Ohren verlassen mochte (dabei haben andere, später gelesene Eindrücke meinen persönlichen Eindruck eben bestätigt: Wildhagens für einmal nicht so durchdachtes Geschreibsel war eben *kein* Spiegel des tollen Konzertes, es war vielleicht ein Spiegel seiner Wahrnehmung, der dann aber zwischen den Zeilen stattfand, denn an der Textoberfläche sagte er ja doch dasselbe, woran ich nach wie vor festhalte: Es war ein Ereignis).

    Aber hackln sollt ich auch … auch wenn ich eher „chrampfe“ sagen würde oder – im kreativen Kontext passend, aber natürlich nicht so gemeint – „schaffe“. :bye:

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    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out So Much"

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    gypsy-tail-wind

    soulpope … bei aller Mentalreservation dem Hr. Ender gegenüber (seine Klassikrezensionen im „Standard“ verdienen zumeist diesen Begriff nicht den auch Provokation sollte zumindest von der Basis her intellektuell unterfüttert sein ….) gibt sein Gschreibsel – mglw unbeabsichtigt – den Trifonovauftritt wieder

    Den Vorwurf machte clasjaz ja neulich der Rattle-Rezension von Christian Wildhagen – ich kam da in die Bredouille, weil ich mich auf dem mir neuen Territorium Mahler nicht genügend auf meine Ohren verlassen mochte (dabei haben andere, später gelesene Eindrücke meinen persönlichen Eindruck eben bestätigt: Wildhagens für einmal nicht so durchdachtes Geschreibsel war eben *kein* Spiegel des tollen Konzertes, es war vielleicht ein Spiegel seiner Wahrnehmung, der dann aber zwischen den Zeilen stattfand, denn an der Textoberfläche sagte er ja doch dasselbe, woran ich nach wie vor festhalte: Es war ein Ereignis).

    Ich denke mit Rezensionen ist es halt wie mit dem beschriebenen Ereignisz aka „yon cant please everyone“ …. auch Geschmacksopportunismus „Bestätigt die Rezension den eigenen Eindruck ist sie super, sonst ein Schas ….“ ist nicht so meine Sache – ich komme jedoch zumindest ansatzweise aus einer Zeit, als Kritik/Rezension de facto eine eigene kleine Kunstform/Literatur war …. ich denke man könnte den Auftritt von Trifonov – ohne Verriss, denn dazu gab es keinen Anlasz – schon wesentlich pointierter betrachten und dabei schon (auch) das Potential (er ist ja in der Szene kein Neuling mehr …. ) bzw die Möglickeiten hinterfragen …. war der Trifonov Teil „leer“ so ist der Teil der Mahlerkritik nur mehr inferior (das er beim mglw einzigen objektivierbaren Pluspunkt nämlich den Holz – und Blechbläsern des Concertgebouw Unsauberkeiten ausgemacht – die aber am Schluss „wenn`s laut wird“ bei ihm eh schon vergessen sind – sagt vieles/alles aus) ….

    P.S Neben mir saß ein älterer Herr, mit welchem ich in der Pause ins Gespräch kam (war ein langjähriger Konzertbesucher der u.A viele Male das Concertgebouw unter Haitink, Blomstedt, Jansonss etc gehört/gesehen hat) … nach dem Mahler 1 erläuterte er mir weshalb ihm die Aufführung weniger zugesagt hat (Tempo etc) und dann sagte er lachend “ es ist noch immer ein Wagniss mit Mahler nach Wien zu kommen …. wenn man bedenkt wie lange es gedauert bis Bernstein „den Unsrigen“ (gemeint die Philharmoniker) den Mahler beigebracht hat“ …. Zeitzeugen tragen Wissen und Werturteile in sich ….

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    #10480915  | PERMALINK

    gruenschnabel

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    soulpope
    P.S Neben mir saß ein älterer Herr, mit welchem ich in der Pause ins Gespräch kam (war ein langjähriger Konzertbesucher der u.A viele Male das Concertgebouw unter Haitink, Blomstedt, Jansonss etc gehört/gesehen hat) … nach dem Mahler 1 erläuterte er mir weshalb ihm die Aufführung weniger zugesagt hat (Tempo etc) und dann sagte er lachend “ es ist noch immer ein Wagniss mit Mahler nach Wien zu kommen …. wenn man bedenkt wie lange es gedauert bis Bernstein „den Unsrigen“ (gemeint die Philharmoniker) den Mahler beigebracht hat“ …. Zeitzeugen tragen Wissen und Werturteile in sich ….

    Meine Frau war neulich mit Mahler 5 in Wien – da habe ich genau das gedacht: Wenn ein norddeutsches Orchester mit Mahler nach Wien kommt, ist die Vorstellung von der Höhle des Löwen vielleicht nicht ganz entfernt. Aber es muss ein sehr umjubeltes Konzert gewesen sein. Du warst nicht „zufällig“ da?

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    #10480921  | PERMALINK

    clasjaz

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    soulpope ich komme jedoch zumindest ansatzweise aus einer Zeit, als Kritik/Rezension de facto eine eigene kleine Kunstform/Literatur war …. ich denke man könnte den Auftritt von Trifonov – ohne Verriss, denn dazu gab es keinen Anlasz – schon wesentlich pointierter betrachten und dabei schon (auch) das Potential (er ist ja in der Szene kein Neuling mehr …. ) bzw die Möglickeiten hinterfragen …. war der Trifonov Teil „leer“ so ist der Teil der Mahlerkritik nur mehr inferior (das er beim mglw einzigen objektivierbaren Pluspunkt nämlich den Holz – und Blechbläsern des Concertgebouw Unsauberkeiten ausgemacht – die aber am Schluss „wenn`s laut wird“ bei ihm eh schon vergessen sind – sagt vieles/alles aus)

    Lese ein bisschen mit … Ja, Kritiken waren mal eine Kunstform, teils sogar Abhandlungen, Einführungen, Übersichten, auf jeden Fall Durchdringungen, und der Kritisierte, ob gut oder übel kritisiert, war Beispiel für die Möglichkeiten – und es ist doppelt eigenartig, dass gerade im Netz, wo es keine Buchstabenbeschränkung geben müsste, das alles verloren zu gehen scheint. Die Rezension im Standard ist, pardon, unter aller Sau. Die Schrägheiten sind ja kaum zusammenzuzählen, Mahler diabolisch, Trifonov diabolisch – am Ende ist es nur der Rezensent. Der sich wohl auch „mit gelassener Konzentriertheit“ – vulgo: Abwesenheit von Konzentriertheit – seinem Beitrag  „widmete“.

    --

    #10480963  | PERMALINK

    soulpope
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    gruenschnabel

    soulpope P.S Neben mir saß ein älterer Herr, mit welchem ich in der Pause ins Gespräch kam (war ein langjähriger Konzertbesucher der u.A viele Male das Concertgebouw unter Haitink, Blomstedt, Jansonss etc gehört/gesehen hat) … nach dem Mahler 1 erläuterte er mir weshalb ihm die Aufführung weniger zugesagt hat (Tempo etc) und dann sagte er lachend “ es ist noch immer ein Wagniss mit Mahler nach Wien zu kommen …. wenn man bedenkt wie lange es gedauert bis Bernstein „den Unsrigen“ (gemeint die Philharmoniker) den Mahler beigebracht hat“ …. Zeitzeugen tragen Wissen und Werturteile in sich ….

    Meine Frau war neulich mit Mahler 5 in Wien – da habe ich genau das gedacht: Wenn ein norddeutsches Orchester mit Mahler nach Wien kommt, ist die Vorstellung von der Höhle des Löwen vielleicht nicht ganz entfernt. Aber es muss ein sehr umjubeltes Konzert gewesen sein. Du warst nicht „zufällig“ da?

    Falls Du das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Hengelbrock im März 2018 meinst, so hat dies meine meine Frau gesehen – und war sehr angetan (Mahler 5 gekoppelt mit dem famosen Piotr Anderszewski und Mozart`s KV 491 Klavierkonzert, welches offenbar wie Honig runterging) …. ist Deine Frau Musikerinn und falls ja, welches Instrument spielt sie ?

    --

      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #10480981  | PERMALINK

    gruenschnabel

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    soulpope

    gruenschnabel

    soulpope P.S Neben mir saß ein älterer Herr, mit welchem ich in der Pause ins Gespräch kam (war ein langjähriger Konzertbesucher der u.A viele Male das Concertgebouw unter Haitink, Blomstedt, Jansonss etc gehört/gesehen hat) … nach dem Mahler 1 erläuterte er mir weshalb ihm die Aufführung weniger zugesagt hat (Tempo etc) und dann sagte er lachend “ es ist noch immer ein Wagniss mit Mahler nach Wien zu kommen …. wenn man bedenkt wie lange es gedauert bis Bernstein „den Unsrigen“ (gemeint die Philharmoniker) den Mahler beigebracht hat“ …. Zeitzeugen tragen Wissen und Werturteile in sich ….

    Meine Frau war neulich mit Mahler 5 in Wien – da habe ich genau das gedacht: Wenn ein norddeutsches Orchester mit Mahler nach Wien kommt, ist die Vorstellung von der Höhle des Löwen vielleicht nicht ganz entfernt. Aber es muss ein sehr umjubeltes Konzert gewesen sein. Du warst nicht „zufällig“ da?

    Falls Du das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Hengelbrock im März 2018 meinst, so hat dies meine meine Frau gesehen – und war sehr angetan (Mahler 5 gekoppelt mit dem famosen Piotr Anderszewski und Mozart`s KV 491 Klavierkonzert, welches offenbar wie Honig runterging) …. ist Deine Frau Musikerinn und falls ja, welches Instrument spielt sie ?

    Ja, genau. Mozart und Mahler. Ich hatte das Programm zuvor in Hamburg auch gesehen. Anderszewski war großartig. Meine Frau spielt Geige im Orchester.

    --

    #10481015  | PERMALINK

    soulpope
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    gruenschnabel

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    soulpope P.S Neben mir saß ein älterer Herr, mit welchem ich in der Pause ins Gespräch kam (war ein langjähriger Konzertbesucher der u.A viele Male das Concertgebouw unter Haitink, Blomstedt, Jansonss etc gehört/gesehen hat) … nach dem Mahler 1 erläuterte er mir weshalb ihm die Aufführung weniger zugesagt hat (Tempo etc) und dann sagte er lachend “ es ist noch immer ein Wagniss mit Mahler nach Wien zu kommen …. wenn man bedenkt wie lange es gedauert bis Bernstein „den Unsrigen“ (gemeint die Philharmoniker) den Mahler beigebracht hat“ …. Zeitzeugen tragen Wissen und Werturteile in sich ….

    Meine Frau war neulich mit Mahler 5 in Wien – da habe ich genau das gedacht: Wenn ein norddeutsches Orchester mit Mahler nach Wien kommt, ist die Vorstellung von der Höhle des Löwen vielleicht nicht ganz entfernt. Aber es muss ein sehr umjubeltes Konzert gewesen sein. Du warst nicht „zufällig“ da?

    Falls Du das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Hengelbrock im März 2018 meinst, so hat dies meine meine Frau gesehen – und war sehr angetan (Mahler 5 gekoppelt mit dem famosen Piotr Anderszewski und Mozart`s KV 491 Klavierkonzert, welches offenbar wie Honig runterging) …. ist Deine Frau Musikerinn und falls ja, welches Instrument spielt sie ?

    Ja, genau. Mozart und Mahler. Ich hatte das Programm zuvor in Hamburg auch gesehen. Anderszewski war großartig. Meine Frau spielt Geige im Orchester.

    Das ist toll …. dann hast Du ja eine Expertin/Insiderin im Haus ….

    P.S ich werde Anderzewski, welchen ich (unter anderem ) für einen begnadeten Bach Interpreten halte, im kommenden Herbst mit einem reinen Bach Programm hören ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
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    gypsy-tail-wind
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    Nachdem Claudio Scimone und seine Solisti Veneti kürzlich in Sachen Vivaldi wieder im Gespräch waren, freue ich mich auf das morgige Eröffnungskonzert des diesjährigen Veneto Festivals, bei dem Rossinis Stabat mater aufgeführt wird, nebst eines den Solisti und Paduagewidmeten Eröffnungsstückes von Wolfgango dalla Vecchia, einer anscheinend wichtigen Figur nicht nur in Padova, von der ich mal wieder noch nie gehört hatte:
    http://m.padovacultura.padovanet.it/it/attivita-culturali/veneto-festival-2018
    Geplant war das nicht, denn meine Online-Suchen förderten nichts zutage ausser dem Jazzkonzert übermorgen, das meine Reise hierhin erst auslöste … aber umso mehr freue ich mich!

    --

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    soulpope
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    gypsy-tail-windNachdem Claudio Scimone und seine Solisti Veneti kürzlich in Sachen Vivaldi wieder im Gespräch waren, freue ich mich auf das morgige Eröffnungskonzert des diesjährigen Veneto Festivals, bei dem Rossinis Stabat mater aufgeführt wird, nebst eines den Solisti und Paduagewidmeten Eröffnungsstückes von Wolfgango dalla Vecchia, einer anscheinend wichtigen Figur nicht nur in Padova, von der ich mal wieder noch nie gehört hatte: http://m.padovacultura.padovanet.it/it/attivita-culturali/veneto-festival-2018 Geplant war das nicht, denn meine Online-Suchen förderten nichts zutage ausser dem Jazzkonzert übermorgen, das meine Reise hierhin erst auslöste … aber umso mehr freue ich mich!

    Bon voyage :bye: ….

    --

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    #10489777  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    I Solisti Veneti, Claudio Scimone – Veneto Festival 2018 (Eröffnungskonzert) – Padua, Chiesa degli Eremitani – 18.05.2018
     
    Anna Dennis soprano
    Diletta Scandiuzzi mezzo-soprano
    ? tenor
    Giovanni Furlanetto bass
    Coro da Camera di Mosca (Vladimir Minin)
    I Solisti Veneti
    Claudio Scimone

     
    Wolfango Dalla Vecchia O Padua felix (1991 – dedicato a „I Solisti Veneti“)
    Gioachino Rossini Stabat mater per soli, coro e orchestra (nel 150.mo anniversario della morte)
     
    Das ungeplante erste Konzert meines Kurzlaubs in Padua war die Eröffnung des diesjährigen Veneto Festivals in der Chiesa degli Eremitani, die direkt neben dem einstigen Komplex liegt, zu der auch die Scrovegni-Kapelle mit ihren famosen Giotto-Fresken gehört. Die Kirche selbst ist ebenfalls sehenswert, eine Kapelle mit weiteren Fresken von Giotto ist allerdings zu weiten Teilen dem 2. Weltkrieg zum Opfer gefallen – nur Fragmente, die nach Rom abtransportiert worden waren, haben überlegt und sind heute in eine s/w-Fotographie im Originalformat an den Wänden eingefügt. Für mehr als eine Idee reicht es aber bei den meisten Tafeln nicht, bloss ein paar wenige sind noch halbwegs gut erhalten.

    In der Kirche sei die Akustik grauenvoll, ich solle nicht zu weit vorn sitzen, meinte der Herr, der mir im Plattenladen (demselben, an dem ich auch Barney Wilens „Wild Dogs of the Ruwenzori“ fand) das Ticket verkaufte. Die vordere Hälfte der Bankreihen war allerdings sowieso Mitgliedern der Gemeinde vorbehalten, ich sass also recht weit hinten, akustisch war das in Ordnung. Sehen konnte ich allerdings nicht viel, auch nicht gegen Ende, als Scimone wohl umkippte, die Leute sich erhoben, ein paar nach vorne rannten – Chor und Orchester brachten die letzten Takte aber zu Ende, alles setzte sich wieder … und danach gab es zwei Zugaben, die der Maestro (*1934) dann aber sitzend dirigierte. Einen Besetzungswechsel gab es auch noch, wenn ich die Ansage, die Scimone zu Beginn ohne Mikrophon und ins unruhige Publikum hinein machte: der Tenor war nicht wie angekündigt Aldo Caputo sondern ein anderer Sänger (Marco irgendwas?) – ich konnte leider im Netz nirgendwo etwas über das Konzert finden, bloss diverse Vorankündigungen.

    Los ging es mit der Fanfare „O Padua felix“ von Wolgango Dalla Vecchia (Rom, 1923–Padua, 1994), der wohl in Padua und auch sonst in (Nord)Italien eine wichtige Figur war. Sein Werk widmete er 1991 den Solisti Veneti und es passte natürlich als Auftakt eines Konzertes in Padua und erst recht als Auftakt eines Festivals. Der Trompetensolist stand vorn, das Orchester spielte das Ding so festlich, wie es sich gehört. Aber wegen diesem „appetizer“ war ich natürlich nicht dort, sondern wegen Rossinis Stabat mater für Vier Solisten, Chor und Orchester. Ich hatte das Werk noch nie gehört und die Aufführung gefiel mir ausserordentlich gut – natürlich gibt es Passagen, die eher nach Oper denn nach Messe klangen, aber das ist mir eigentlich recht egal, wenn sich das Ganze so gut zusammenfügt wie bei Rossini. Das Solistenquartett überzeugte mich jedenfalls und Chor und Orchester waren superb. Schade, dass das Publikum so unruhig war – muss man in Italien ja leider immer drauf gefasst sein, aber diesmal fand ich es wohl so nervig wie noch nie – Flüstern, Reden, Husten, Schuhe auf dem Boden hin- und herschieben, mit Papier rascheln, sich mit Armreifen behängen und dann die Arme schütteln, die Handtasche mit dem Trageriemen aus Metall-Gliedern wählen und diese dann immer wieder bewegen … von all dem etwas viel und die Distanz zur Bühne war da eben auch nicht hilfreich, auch wenn es von meinem Platz, der wohl ungefähr in der Mitte des Kirchenschiffes lag, an sich ziemlich gut klang.

    Morgen geht es wieder in die Kirche, aber zum Konzert des Chiaroscuro Quartetts hier in Zürich – da werden kaum Leute kommen, die nicht wegen der Musik da sind und in der Regel können die auch ruhig sein.

    --

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    gypsy-tail-wind
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    Chamber Orchestra of Europe, Antonio Pappano, Lisa Batiashvili – Zürich, Tonhalle-Maag – 23.05.2018

    Chamber Orchestra of Europe
    Antonio Pappano
    Leitung
    Lisa Batiashvili Violine

    György Ligeti „Concert Românesc“
    Johannes Brahms Violinkonzert D-Dur op. 77
    Zugabe: J.S. Bach: Kantate „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“ BWV 156 – Sinfonia (Arr. für Violine und Steichorchester) [?]

    Johannes Brahms Serenade Nr. 1 D-Dur op. 11
    Zugabe: Gioachino Rossini Overture: La scala di seta

    Ein sehr feiner Abend in der Tonhalle-Maag mit dem Chamber Orchestra of Europe letzten Mittwoch – zu Gast war die vor zwei Jahren in Zürich als artist in residence wirkende Geigerin Lisa Batiashvili, die inzwischen den Status des Fräuleinwunders hoffentlich in aller Augen überschritten hat. Ich hörte sie zum ersten Mal live, war im Vorfeld etwas skeptisch ob des eher konservativen Programmes, ich weiss ehrlich gesagt gar nicht mehr, weshalb ich für das Konzert vor Monaten eine Karte bestellte (gerade bin ich dran, mein Wahlabo für die Saison 2018/19 zusammenzustellen und habe wieder ähnliche Fragen vor mir: wegen eines kurzen Ligeti-Stückes eine Karte kaufen und hoffen, dass der Brahms auch gut wird? So ähnlich ging das wohl, und da ich das Violinkonzert von Brahms erst einmal – mit FP Zimmermann unter David Zinman – hörte …)

    Einen leider entscheidenden Fehler hatte das Programm: die erste Serenade von Brahms ist trotz schöner Passagen ziemlich langfädig und so gar kein Rausschmeisser. In diesem Fall hätte also das Konzert – was damals bei Zinman übrigens der Fall war, den Auftakt vor der Pause machte Mozarts „Jupiter“-Symphonie – in die zweite Konzerthälfte gehört. (John Eliot Gardiner spielte in der letzten Saison die – kürzere – zweite Serenade in der ersten Konzerthälfte.)

    Aber gut, die erste Konzerthälfte war phantastisch, das frühe Ligeti-Stück, das an Bartók und dessen Aneignungen von Volksmusik erinnert, war ein feiner Auftakt, das COE spielte konzentriert, Pappano ist ein feiner Strippenzieher, der die Dramaturgie und die weiten Bögen im Auge hat, aber fortwährend das Geschehen formt und immer wieder eingreift, da ein bisschen mehr verlangend, dort etwas dämpfend.

    Besonders toll wurde das dann im Violinkonzert von Johannes Brahms, das in der relativ kleinen Besetzung sehr dramatisch klang – ein Kammerorchester würde ich das COE in dieser Besetzung mit fast 20 Geigen allerdings kaum noch nennen wollen, doch egal. Der Auftakt gelang mit Schwung und Batiashvilis Einstieg war beeindruckend. Mit welcher Energie und welcher Feinfühligkeit sie das Ding spielte, zugleich hoch dramatisch und wie mir schien sehr reflektiert, zuweilen so zupackend im Spiel, dass da und dort ein paar Töne geschliffen wurden – zudem mit einer in sich völlig stimmigen Intonation, die mir nicht gerade wohltemperiert schien, was da und dort bei Übergangstönen zu interessanten Reibungen mit dem Orchester führten, die sich immer wieder auflösten. Dieses Konzert ist schon beeindruckend, so mein Fazit, um es auch ab und zu im Konzert zu hören, ich gehe also gerne wieder, wenn die Solistin oder der Solist mich interessieren. Batiashvili, das ist jetzt gewiss, will ich in der kommenden Saison mit ihrem Kammermusik-Abend mit Gautier Capuçon und Jean-Yves Thibaudet wieder hören. Pappano, der mich bis anhin nicht so wirklich überzeugte (v.a. bei Opern-Aufnahmen, die im Fernsehen liefen), gefiel mir sehr gut – man scheint ihm auch in diesem Kontext die Erfahrung anzumerken, er „holt“ die Stimmen, die man hören soll, hält anderswo zurück, macht oft fast schon „micro management“, wie man das heutzutage nennt, verliert dabei aber nie das Ganze aus dem Blick. Zudem war er ordentlich interessant anzuschauen, wie er sich auf dem Podium bewegte, stellenweise fast schon tanzte, die Musik oder wenigstens der Rhythmus schien manchmal fast schon aus ihm heraus zu fliessen, aus ihm ins Orchester zu strömen.

    Die Zugabe von Batiashvili – wer das Ding arrangiert hat und ob es wirklich aus der Kantate ist (davon hat sie eine Aufnahme unter Szulc gemacht, der nicht der Arrangeur ist, den sie nannte) weiss ich leider nicht mehr, hätte das in der Pause notieren müssen – fand ich dann etwas flach, aber es ist natürlich eine nette Geste, eine Zugabe mit dem Orchester zu spielen. Nach der Pause dann eben die Brahms-Serenade, die schön geformt war, aber eben doch etwas lange. Eine tolle Zugabe riss die zweite Konzerthälfte dann allerdings noch einmal etwas heraus, es gab die Ouvertüre der Rossini-Oper „La scala di seta“ (ich sah in dieser Saison die Wiederaufnahme an der Zürcher Oper) und da war Pappano natürlich völlig in seinem Element. Die eine oder andere Unsauberkeit im Zusammenspiel, die mir davor aufgefallen war – weil mich die langfädige Musik kritisch stimmte und ich darauf achten musste, nachdem mich das Gebotene nicht mehr völlig überzeugte, ging hier wieder vergessen: wenn so elanvoll gespielt wird, mit so einem kompakten und schönen Orchesterklang, wird das sehr gerne verziehen!

    Fünf Sterne für Batiashvili, aber etwas Abzug wegen der unglücklichen Programmierung.

    Bericht der NZZ:
    https://www.nzz.ch/feuilleton/georgische-geigenkunst-geerdet-zu-hoechsten-toenen-ld.1388337

    Edit: die Zugabe war wohl „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“ (BWV 639) aus dem Orgelbüchlein:
    http://seenandheard-international.com/2018/05/conducting-and-orchestral-playing-of-the-finest-in-pappano-and-the-coes-brahms/

    zuletzt geändert von gypsy-tail-wind

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    Chiaroscuro Quartet – Zürich, St. Peter – 27.05.20187

    Alina Ibragimova Violine
    Pablo Hernán Benedi Violine
    Emilie Hörnlund Viola
    Claire Thirion Violoncello

    BACH: aus „Die Kunst der Fuge“ BWV 1080 (Contrapunctus I, Contrapunctus III, Contrapunctus IX)
    BEETHOVEN: Streichquartett G-Dur Op. 18/2
    MENDELSSOHN: Streichquartett Es-Dur Op. 12

    Das Konzert hinterlässt mich etwas perplex … die ziemlich hochkarätige erste Saison der Streichquartett-Konzerte, die Hochuli Konzert neben der „Neuen Konzertreihe Zürich“ in der Tonhalle (für die ich diese Saison zum ersten Mal ein Abo hatte und dieses auch verlängern werde) veranstaltet, startet im Herbst mit einem Konzert des Doric Quartet, zu dem alle Abonnenten eingeladen waren – ein feines Konzert, das mich darin bestärkte, mehr Kammermusik zu hören, wenn die Gelegenheit sich denn bietet. Gut möglich, dass ich das Kuss Quartett neulich sonst z.B. verpasst hätte … aber gut, von den sechs folgenden Abo-Konzerten der Serie lief heute das vierte und ich war neugierig, weil mir der Name des Chiaroscuro Quartets schon mehrfach begegnet ist, ebenso wie jener seiner Primgeigerin Alina Ibragimova (deren Mozart-Sonaten auf Hyperion ich nicht kenne, aber gerade die wurden mir mehrmals schon voller Lobes nahegelegt).

    Los ging es mit Bach, drei Auszügen aus der „Kunst der Fuge“ – zwei kammermusikalische Einspielungen davon sind mir vertraut, von letztem Jahr die feine von Ottavio Dantone und seiner Accademia Bizantina und von vierzig Jahren davor jene des Juilliard String Quartets. Die Messlatte lag also hoch und das Chiaroscuro Quartet mochte im Mischklang der Peter-Kirche nicht mithalten – zuwenig bestimmt, zuwenig klar klang mir das, die Stimmen vermischten sich zu oft – wo ist die zweite Geige? wo bleibt jetzt die Bratsche wieder? Klar, einen feinen Gesamtklang kann das Quartett bieten, bei Bach aber wäre viel mehr Transparenz nötig.

    Es folgte sehr beschwingt Beethovens in der Chronologie drittes Quartett, das als zweites seines Op. 18 herauskam, seiner ersten sechs Streichquartette. Der Eindruck bestätigte sich: feines Zusammenspiel, differenzierte Gestaltung, effektvolles Ausnutzen der vollen dynamischen Spannbreite – die ganz leisen Passagen waren betörend schön. Ibragimova glänzte an der ersten Geige mit einem geschmeidigen, beweglichen Ton, farbenreich und sehr schön anzuhören. Aber sie glänzte eben fast zu sehr. Cello und Bratsche – die beim Doric Quartet das Herz formen, von dem aus die Musik entsteht, das pure Gegenteil zum Chiaroscuro Quartet also – waren oft zu leise, die Bratsche fand manchmal überhaupt nicht statt, dünkte mich, sie wirkte nur mit im Gesamtklang, war aber melodisch komplett unhörbar. Dass das bei Beethoven so angelegt ist, bei Bach, auch bei Mendelssohn, mag ich nicht glauben, hatte doch das Cello immer wieder kleinere Momente im Rampenlicht oder griff Melodien auf, die dann zur ersten oder auch mal zur zweiten Geige weitergingen. Dass der Gesamtklang passt, ist dann irgendwie fast eher noch frustrierend, fand ich.

    Mendelssohn, sein eigentlich zweites (nach Op. 13 geschriebenes) Quartett Op. 12 war dann klar der Höhepunkt, hier passte das brillante Spiel Ibragimovas am schönsten ins Ganze, die Canzonetta war betörend schön, der Schlussatz mit viel Können geformt – wie viele Anläufe zum Aufhören gibt es da, bis dann ein ganz anderer, viel stillerer Schluss tatsächlich erfolgt?

    Eine Zugabe folgte dann noch, ein einzelner, beschwingter Satz, den ich leider nicht erkannte, weil ich ja in Sachen Streichquartette noch nicht sehr weit bin (etwas Haydn, wenig Mozart, etwas Beethoven, etwas Schubert, etwas Brahms und etwas Mendelssohn, ein klein wenig Dvorák) – könnte östlich gewesen sein, aber ich würde darauf keinesfalls schwören.

    Alles in allem ein etwas zweifelhaftes Vergnügen fand ich – im so hellen und transparenten Saal der Tonhalle-Maag hätte das vielleicht anders gewirkt – sich aber auch verloren vor den dort nur viertelvollen Rängen (die Kirche war immerhin recht gut besetzt). Für das letzte Konzert der Reihe im Juli mit dem Armida Quartet habe ich noch eine Karte, es gibt dann erneut Stücke aus BWV 1080, Mozarts KV 546 und Beethovens Op. 130 mit Op. 133 – darauf bin ich mal gespannt und hoffe, dass es mir mehr zusagen wird.

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    gypsy-tail-wind
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    Alternative Berichte …

    zu Mojca Erdmann/Kuss Quartett:
    http://www.peterhagmann.com/?p=1633

    zum Chiaroscuro Quartet:
    http://seenandheard-international.com/2018/05/chiaroscuro-quartet-inspires-with-the-elan-of-bachs-music/#more-79532
    dass der Beethoven so ein Kontrast zum Bach war, mag schon stimmen – aber so richtig gut fand ich ihn dennoch nicht, und Ibragimova war zu oft Solistin mit Begleitung … und ich glaube nicht, dass das Stück so gedacht ist – müsste mir auch mal Aufnahmen vorknöpfen, bin ja mit Beethovens Quartetten durch Konzerte allmählich schon ein wenig vertraut (angehört habe ich vor Jahren mal ein wenig was aus dem Zyklus des Alban Berg Quartetts, der schon hier war, bevor ich überhaupt mit Klassikhören Ernst machte, inzwischen sind natürlich zahlreiche andere – wohl auch interessantere – Zyklen da).

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    gypsy-tail-wind
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    und gleich nochmal zum Chiaroscuro Quartet:
    http://www.peterhagmann.com/?p=1644

    ich mag weiterhin nicht in die Beifallsstürme einfallen, pardon … das Quartett von Mendelssohn habe ich inzwischen daheim noch einmal nachgehört und finde es toll (auch in den älteren Einspielungen, die ich habe) – vielleicht muss ich mir mal eine CD besorgen, auf der das Chiaroscuro Quartet klanglich dann wirklich austariert wird (und sei es, dass dazu Studio-Technik eingesetzt wurde) …

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