Graphic Novels

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  • #6453509  | PERMALINK

    ursa-minor

    Registriert seit: 29.05.2005

    Beiträge: 4,499

    Mikko Und ich würde wohl auch die von Dir, ursa minor, genannten Beispiele lieber als herkömmlichen Roman (von mir aus mit einzelnen Illustrationen) lesen.

    Was natürlich wieder grundsätzlich die Frage aufwirft, ob das Comic/die Graphic Novel näher am Film oder näher am Buch ist.

    Gerade die längeren Geschichten könnte man in einen Film gar nicht reinpacken, weil es zu viele Handlungsstränge, zu viele Personen und zu viele Orte gäbe, so dass die Zuschauer bereits nach kurzer Zeit überfordert wären. Gott gnade uns sollte es jemals einen Sandman-Film geben. Und auf den Bone-Film schaue ich auch eher mit gemischten Gefühlen.

    Allerdings würde ich zum Beispiel bei Cerebus (selbst angesichts der manchmal endlos erscheinenden Theorie- und Politikdiskussionen in Church & State) nie zugunsten des Textes auf die Bilder verzichten wollen, denn der schlechtgelaunte kleine Aardvark wächst einem doch unglaublich ans Herz. Und die kleine Elfe erst. Und die ganzen Anspielungen an Captain America, an die Marx Brothers, Tolkien und was weiß ich an was noch könnte man in einer reinen Text-Version wohl kaum adäquat rüberbringen.

    Dadurch, dass es im Comic weniger Platz für den Text gibt, sind eben doch mehr Infos in den Bildern enthalten. Und während man den Sandman wahrscheinlich auch recht gut als Roman verfassen könnte, würden bei Cerebus 50 % des Inhalts und bei Bone 50 % des Charmes verloren gehen. Und Y würde sich vermutlich kein Mensch kaufen.

    So zumindest meine bescheidene Meinung.

    --

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    #6453511  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

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    Denis Scheck sagte ja auch, dass 100 Seiten Pynchon schwieriger (und damit auch „anspruchsvoller“) wären als 200 Seiten Graphic Novel. Gestern erst mit einem Freund darüber gesprochen: man muss Comics auch richtig lesen. Was zB. Dave Sim in seine Bilder und seine grafischen Erzählungen steckt ist höchst komplex (und manchmal langweilig). Man kann es zwar lesen und auch verstehen, aber ob man zB alle Anspielungen, grafischen Elemente etc mitbekommt, wenn man glaubt, Comics wären leicht zugänglich, wage ich zu bezweifeln.

    --

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    #6453513  | PERMALINK

    ursa-minor

    Registriert seit: 29.05.2005

    Beiträge: 4,499

    lathoDenis Scheck sagte ja auch, dass 100 Seiten Pynchon schwieriger (und damit auch „anspruchsvoller“) wären als 200 Seiten Graphic Novel. Gestern erst mit einem Freund darüber gesprochen: man muss Comics auch richtig lesen. Was zB. Dave Sim in seine Bilder und seine grafischen Erzählungen steckt ist höchst komplex (und manchmal langweilig). Man kann es zwar lesen und auch verstehen, aber ob man zB alle Anspielungen, grafischen Elemente etc mitbekommt, wenn man glaubt, Comics wären leicht zugänglich, wage ich zu bezweifeln.

    Ich finde, solange man die Geschichte noch versteht, wenn man die Anspielungen nicht versteht, ist es okay. Bei Sim geht vieles über meinen Kopf hinweg, weil ich die Anspielungen nicht verstehe (immer übel, wenn man merkt, dass eine bestimmte Sache eine Anspielung sein soll, man aber nicht weiß, worauf).

    Zugegeben, Sim übertreibt es mit der Detailverliebtheit.

    Aber Keef und Mick in der Kutsche zum Beispiel ist doch einfach nur zum Schieflachen …

    --

    C'mon Granddad!
    #6453515  | PERMALINK

    spong

    Registriert seit: 12.10.2007

    Beiträge: 11

    @mikko Comics können alles, was auch Filme, Romane und Theaterstücke können. Jedes erzählende Medium hat seine Stärken und Schwächen, Bewegung ist z.B. im Film besser aufgehoben, aber es gäbe sicher kein geeigneteres Medium für WATCHMEN als den Comic, und dassselbe kann man über viele ambitionierte Comicerzählungen sagen, das gil für Sim in seinen besten Zeiten ebenso wie für Alex Robinsons‘ BOX OFFICE POISON.

    Zeter! Schimpf! Agitier!

    --

    #6453517  | PERMALINK

    kaifalke

    Registriert seit: 23.06.2009

    Beiträge: 57

    wenn man seine Bücher nicht Graphic Novels nennen möchte, macht man es wie der Splitter Verlag:

    Splitter Books

    bisher sind 4 Bücher in der Reihe erschienen, im Hardcover Buchformat

    Das Wolkenvolk
    India Dreams
    Paradise
    Sonnenfinsternis

    demnächst:

    Cheri-Bibi
    http://www.splitter-verlag.de/index.php?cPath=42

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    #6453519  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,389

    Die Diskussion darüber, wie der Begriff Graphic Novel definiert ist, und ob er überhaupt Sinn ergibt, mag ich hier nicht noch mal aufrollen. Mir scheint jedoch ein Comic Forum, in dem fast alles, was irgendwie in die Kunstform der mit Bildern erzählten Geschichten passt, in den beiden Threads „Comics“ und „Meine neuen Comics“ abhandelt – wenn man nach Anzahl der Antworten und Hits in den genannten Threads gehen kann – etwas undifferenziert. Ein paar Genres werden zwar gesondert abgehandelt (z.B. Superhelden), hier und da gibt es auch Threads zu einzelne Serien und Autoren, aber im Großen und Ganzen kann man hier hier alles in den gleichen Topf werfen, egal ob es Donald Duck, Batman oder Maus ist. Und der Grund dafür scheint nicht zu sein, dass diese Comics miteinander gemein haben, dass sie irgendwie was mit Tieren zu tun haben.

    Ich bin kein Comic-Experte, bin aber mit Walt Disney’s Lustigen Taschenbüchern, Asterix, Tim & Struppi und Zack! aufgewachsen. Viel später gewann ich wieder Interesse an Comics durch Will Eisner, Robert Crumb, Bücher wie The Black Knight Returns oder Maus, Veröffentlichungen also, die sowohl in ihrer Thematik und Erzählweise als auch von ihrem Umfang eine andere Dimension aufweisen.

    Ich bin kein Freund des Begriffes Graphic Novel, zumal er vor allem als Marketing-Instrument dient, indem er eine unscharf definierte Art von Comics mit dem Begriff „novel“ abzugrenzen und zu nobilitieren versucht – als seien Comics, die nicht in diese Kategorie fallen, prinzipiell weniger ernst zu nehmen. Dennoch: Vielleicht eignet sich der Begriff Graphic Novel immerhin dazu, Autoren-Comics größeren Umfangs und mit komplexen Erzählungen unter diesem Label zu behandeln, zumal er de facto etabliert ist – mit allen Unschärfen, die zwangsläufig damit verbunden sind. Jedenfalls würde ich hier gerne zu der einen oder anderen Graphic Novel etwas schreiben und lesen.

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    "I said a hip-hop, the hippie, the hippie / To the hip, hip-hop and you don't stop the rockin' / To the bang-bang boogie, say up jump the boogie / To the rhythm of the boogie, the beat" (The Sugarhill Gang)
    #6453521  | PERMALINK

    friedrich

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    Fangen wir mal mit einem Comic an, der kürzlich erschienen ist und der – sicher nicht ganz zufällig – ein Thema behandelt, das gegenwärtig anscheinend sehr en vogue ist und übrigens auch in der aktuellen Ausgabe sehr empfehlenswerten Magazins von get happy!? aufgegriffen wird.

    Jörg Ulbert (Text) + Jörg Mailliet (Zeichnungen) – Gleisdreieck Berlin 1981 (2014)

    Ich hatte das Glück vor einigen Wochen einer Buchvorstellung von Gleisdreieck Berlin 1981 beizuwohnen. Der Ort dafür war fast ideal: Unterm Dach des Kreuzberg Museums standen Texter, Zeichner und Verleger Rede und Antwort. Da sie völlig unvorbereitet in die unmoderierte Veranstaltung gingen, lief diese zwar etwas zerfahren ab. Immerhin fanden sich im Publikum aber einige – inzwischen grauhaarige – alte Kämpfer aus der Zeit, in der Gleisdreieck spielt, die einiges zum Thema beizutragen hatten: Die Zeit des Häuserkampfes im West-Berlin der frühen 80er Jahre.

    Die Autoren von Gleisdreieck leben heute in Frankreich, haben aber die 80er Jahre in Berlin erlebt. Vor dem Hintergrund des Häuserkampfes erzählen sie eine Geschichte um zwei Figuren aus entgegengesetzten Lagern: Martin, ein ehemaliger Angehöriger der Bewegung 2. Juni, der in Berlin noch eine Rechnung offen hat, und Otto, verdeckter Ermittler der Polizei, der ebendiesen ausfindig machen soll, treffen in West-Berlin ein. Der eine nimmt alte Kontakte wieder auf, der andere mischt sich in die Szene von Hausbesetzern und militanten Gruppen, um an Informationen über den gesuchten Terroristen zu gelangen. Den Titel Gleisdreieck, Name einer Kreuzberger U-Bahn-Station, an der sich zwei Linien kreuzen, darf man wohl als Metapher verstehen – auch wenn sich Martin und Otto nie direkt begegnen.

    Ulbert und Mailliet vermischen in ihrer Geschichte fact und fiction: Der reale gewaltsame Tod des 18-jährigen Demonstranten Klaus-Jürgen Rattay kommt ebenso vor wie ein fiktiver Entführungsversuch des realen damaligen Innensenators Lummer und ein Banküberfall, bei dem die Räuber Negerküsse an Bankpersonal und Kunden verteilen – letzteres ist tatsächlich vorgefallen, wenn auch schon 1975.

    Während sich Martin und Otto durch West-Berlin bewegen treffen sie auf Hausbesetzer, Punks, endlos diskutierende Sponti-Gruppen und sogar ein paar baskische ETA-Aktivisten, die ihren Kampf für Autonomie und gegen Faschismus mit einem Bordell finanzieren. Die Handlung ist etwas verworren, manchmal schwer nachvollziehbar und löst sich am Ende etwas abrupt und unspektakulär auf. Eine Schwäche, die ich aber gerne in Kauf nehme, denn offenbar nehmen Ulbert und Mailliet die Geschichte vor allem zum Anlass um die Atmosphäre im West-Berlin der frühen 80er einzufangen. Und das gelingt ihnen vorzüglich.

    Straßenkämpfe, Prügeleien am Rand von Punkkonzerten, Rumgehänge in Szene-Kneipen, versiffte WGs in tristen Mietskasernen, Paranoia und politische Polarisierung vor dem Hintergrund von Hausbesetzungen und Terrorismus werden so realistisch wirkend dargestellt, dass man meint darin einzutauchen. Jörg Mailliet schafft lässig wirkende aber sehr detaillierte Zeichnungen, die auch von der Farbgebung eine Atmosphäre erzeugen, die man fast spüren kann. Die eigentliche Hauptrolle in Gleisdreieck spielt dabei die Stadt Berlin selbst. Auf fast jeder Doppelseite ist ein Ort oder ein Gebäude zu sehen, das jeder Berliner kennt, sei es der Flughafen Tegel, das SO 36 oder der BEHALA-Speicher am Westhafen, auf den die Gruppe, in die sich Otto eingeschleust hat, einen Brandanschlag verübt. Als Dreingabe liefern die Autoren sogar eine Playlist von den Einstürzenden Neubauten über die Fehlfarben bis zu Joy Division mit.

    In Gleisdreieck wird ein Bild stark stilisiertes und mythisch verklärtes Bild vom Berlin der 80er Jahre gezeichnet, das von fast schon pittoresker Tristesse einerseits und brodelnder Aufruhr andererseits geprägt ist. Berlin war damals zwar nicht nur von Verfall, Hausbesetzungen und Terrorismus gezeichnet und anders als in Gleisdreieck dargestellt schien dort auch hin und wieder mal die Sonne. Aber genau mit dieser Zuspitzung schaffen Ulbert und Mailliet ein beeindruckendes Stück Faction, das diese untergegangene Ära Berlins fast wieder etwas lebendig werden lässt. Ein Stück Zeitgeschichte als Comic.

    Link zur Seite des Verlags: Klick!

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    #6453523  | PERMALINK

    latho
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    Wenn ich den Kopf dafür habe, schreibe ich mal was…

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    If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
    #6453525  | PERMALINK

    friedrich

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    lathoWenn ich den Kopf dafür habe, schreibe ich mal was…

    Nur zu! Ich bin gespannt.

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    #6453527  | PERMALINK

    blitzkrieg-bettina

    Registriert seit: 27.01.2009

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    FriedrichNur zu! Ich bin gespannt.

    Ich ebenfalls.

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    Man hatte uns als Kindern das Ende der Welt versprochen, und dann bekamen wir es nicht.
    #6453529  | PERMALINK

    friedrich

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    Beiträge: 4,389

    Mal weitermachen.

    Volker Reiche – Kiesgrubennacht (2014)

    Autobiografische Comics haben inzwischen schon eine lange Tradition. Keiji Nakazawas „Barfuß durch Hiroshima“ und Robert Crumbs selbstironische Betrachtungen haben Pionierarbeit geleistet und Art Spiegelmans Aufarbeitung seiner Familiengeschichte in „Maus“ oder Marjane Satrapis „Persepolis“ gelten zu Recht als Klassiker. Zugegeben: Damit liegt die Latte ziemlich hoch. Man kann diese oder andere Geschichten aber auch als Vorbilder und Anregungen betrachten. Offenbar wird das auch von vielen Autoren so gesehen.

    Volker Reiche ist vielen wohl als langjähriger Zeichner des täglichen Strips Strizz in der FAZ bekannt. Da ich die FAZ nicht lese, blieb mir dies jedoch bislang verborgen. Vielleicht ist das aber auch von Vorteil, den so kann ich mich unvorbelastet seinem Buch Kiesgrubennacht nähern.

    Volker Reiche versucht sich in Kiesgrubennacht an einer „großen Comic-Autobiographie“ (Klappentext), die nicht nur von der Nazi-Vergangenheit seiner Eltern, deren unglücklicher Ehe, seiner Kindheit als Flüchtlingskind in der Nachkriegszeit sondern auch seinem Entschluss, Künstler zu werden, erzählt. Reiche wählt dafür das Mittel einer Anekdotensammlung aus seiner Kindheit, die sich mit Episoden abwechseln, in denen er aus heutiger Perspektive über die Vergangenheit reflektiert. Die neunmalkluge Katze Herr Paul und die Hunde Tassilo und Müller – Figuren aus Strizz – kommentieren darin die Handlung wie ein Chor. Leider gelingt es Reiche nicht, die Geschichte für sich stehen zu lassen und es damit dem Leser zu überlassen, seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Die Anekdoten sind zwar für sich recht schön erzählt, setzen sich aber kaum zu einem größeren Bild zusammen. Zusammenhänge werden erst durch Rückblicke und Erläuterungen des Autors hergestellt. Reiche liefert die Interpretation also selber gleich mit. Das könnte geistreich und witzig sein, ist über weite Stecken aber nur redundant und ermüdend. Seitenweise geben seine Figuren erläuternden Text von sich, ohne dass die Zeichnungen irgendetwas zur Geschichte beitragen. Es gibt Sprechblasen, die enthalten mehr als 20 Zeilen Text! Einiges wird sogar überhaupt nicht oder nur Andeutungsweise über Bilder erzählt, darunter ausgerechnet die titelgebende – mögliche – Verstrickung von Reiches Vaters in eine Massenhinrichtung an einer Kiesgrube und die Vergangenheit seiner Mutter als BDM-Gauleiterin. Gut, der Autor hat das nicht selbst miterlebt und kennt es selbst bloß aus Erzählungen. Gerade darum geht es ja. Aber was muss das in der Phantasie eines Kindes ausgelöst haben? Reiche erwähnt diese für seine Geschichte zentralen und offenbar so prägenden Ereignisse jedoch nur in ein paar Worten. Auch die letzten zwanzig Jahre des Lebens seiner Eltern – seine Mutter starb als Alkoholikerin – erzählt Reiche nur noch im Epilog in der Rückschau.

    Ich weiß, Volker Reiche ist ein hochdekorierter Zeichner und Autor. Er mag ja auch ein guter Zeichner von kurzen Strips sein. Mit der großen Form ist er aber überfordert. Es gelingt ihm in „seinem autobiographischen Großwerk“ (nochmals Klappentext) nicht, seine Geschichte fesselnd und berührend zu erzählen. Auch seine stilistisch wenig prägnanten Zeichnungen reißen da nichts raus. Es tut mir fast leid, das so zu schreiben, aber insbesondere nach den vielen überschwänglichen Kritiken von Kiesgrubennacht, die ich gelesen habe, bin ich enttäuscht – nach dem großspurigem Klappentext (noch eine Kostprobe: VR legt „auf noch nie im Comic gesehene Weise Rechenschaft ab“) sogar verärgert.

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    "I said a hip-hop, the hippie, the hippie / To the hip, hip-hop and you don't stop the rockin' / To the bang-bang boogie, say up jump the boogie / To the rhythm of the boogie, the beat" (The Sugarhill Gang)
    #6453531  | PERMALINK

    latho
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    Registriert seit: 04.05.2003

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    Ich habe Kiesgrubennacht nicht gelesen, aber mein Bruder berichtete ähnliches wie du.

    Was graphic novel angeht: den Begriff hatte Eisner ja benutzt, um sich von den comic books, also den Heften, abzugrenzen. Comic books waren monatliche Hefte mit immer wieder auf Null zurückgesetzten Handlungen. Ironischerweise besteht Eisners A Contact with God auch aus Kurzgeschichten (die aber wenigstens zusammenhängen). Der Begriff selber geistert ja schon länger durch die Comic-Geschichte. Problematisch war er immer, denn was umfasst der Begriff eigentlich? Eisner dürfte Länge (länger als ein 20- bis 30-seitiges Heft) aber auch den Inhalt (keine Superhelden) gemeint haben, aber da gehen die Probleme schon los. Dave Sim meinte mal ein Roman in Comic-Form dürfte nicht unter einigen tausend Seiten Umfang haben und da hat er nicht Unrecht, allein schon was das Ausarbeiten der Figuren angeht. Zum Inhalt: heute werden auch Watchmen von Alan Moore / Dave Gibbons dazugezählt (gegen den Willen Moores) und Watchmen ist bekanntlich superhero-stuff (wenn auch dekonstruierend).
    Wenn man heute schimpft, dass graphic novel nur als Marketing-Begriff benutzt wird, vergisst man allerdings, dass Eisner den Begriff wahrscheinlich auch genau deswegen eingeführt hat – er kannte ja das Business und wie man Comics bewirbt. Ich gestehe aber, dass ich den Begriff auch schon gebraucht habe, um lange zusammenhängende Werke, die einen Anfang und ein Ende haben, zu charakterisieren, aber eine gültige Definition könnte ich auch nicht liefern.

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    #6453533  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

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    lathoIch habe Kiesgrubennacht nicht gelesen, aber mein Bruder berichtete ähnliches wie du.

    Danke für Deine – wenn auch knappe – Rückmeldung. Aber wenn Du Kiesgrubennacht nicht gelesen hast, kannst Du natürlich auch nichts dazu sagen. Ich hatte schon befürchtet mich etwa zu lang gefasst zu haben und damit Leser abzuschrecken. Aber es fällt mir halt viel dazu ein und selbst über eine misslungene graphic novel kann man viel sagen. Es ist mir völlig rätselhaft, wieso Kiesgrubennacht von der Kritik so gelobt wird. Allein schon deswegen war es mir ein Bedürfnis meine Meinung dazu zu sagen. Bei ebay hat KN immerhin noch € 10 gebracht.

    lathoWas graphic novel angeht: den Begriff hatte Eisner ja benutzt, um sich von den comic books, also den Heften, abzugrenzen. Comic books waren monatliche Hefte mit immer wieder auf Null zurückgesetzten Handlungen. (…). Der Begriff selber geistert ja schon länger durch die Comic-Geschichte. Problematisch war er immer, denn was umfasst der Begriff eigentlich? Eisner dürfte Länge (länger als ein 20- bis 30-seitiges Heft) aber auch den Inhalt (keine Superhelden) gemeint haben, aber da gehen die Probleme schon los. (…) Zum Inhalt: heute werden auch Watchmen von Alan Moore / Dave Gibbons dazugezählt (gegen den Willen Moores) und Watchmen ist bekanntlich superhero-stuff (wenn auch dekonstruierend).
    Wenn man heute schimpft, dass graphic novel nur als Marketing-Begriff benutzt wird, vergisst man allerdings, dass Eisner den Begriff wahrscheinlich auch genau deswegen eingeführt hat – er kannte ja das Business und wie man Comics bewirbt. Ich gestehe aber, dass ich den Begriff auch schon gebraucht habe, um lange zusammenhängende Werke, die einen Anfang und ein Ende haben, zu charakterisieren, aber eine gültige Definition könnte ich auch nicht liefern.

    Wer könnte das schon? Aber versuch doch mal den Begriff Roman zu definieren:

    Wikipedia:

    (Es ist) schwierig, den Roman eindeutig zu definieren, da er zum einen in der antiken Diskussion über literarische Formen nicht erwähnt wird und zum anderen (bis heute) viele unterschiedliche Einflüsse auf die Romanproduktion (…) einwirken. (…) Daraus resultieren zwei für die Definition des Romans wichtige Grundannahmen. (Der Roman) wird erstens als Synthese verschiedener Gattungen aufgefasst, da es außer dem Prosakriterium kaum formale Vorgaben gibt (…). Und zweitens ist der Roman aufgrund seiner Offenheit gegenüber anderen Formen und Genres einem stetigen Wandel unterworfen (…).

    Alles klar? ;-) Dennoch wird der Begriff Roman völlig selbstverständlich gebraucht. Ich sehe gerade, die FAZ hat jetzt sogar den Begriff [I]Comic Roman erfunden – als Übersetzung des französischen bédénovela. Das hält die FAZ wohl für besonders originell, obwohl im Französischen wohl auch der Begriff roman graphique gebräuchlich ist. Ulkigerweise wird dieser FAZ-Comic Roman aber in Episoden von der Länge einer Seite veröffentlicht, die außerdem noch von jeweils anderen Zeichnern gestaltet werden. Na denn …

    Superhelden sind ein Genre, keine literarische Gattung und daher können Watchmen oder Batmann Year One und The Dark Knight Returns gleichzeitig superhero stuff und meinetwegen Graphic Novels sein. Es kommt mir nicht auf den Begriff an. Es geht mir um „lange zusammenhängende Werke, die einen Anfang und ein Ende haben“, wie Du schreibst. Ich glaube damit kann man schon ganz gut arbeiten.

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    #6453535  | PERMALINK

    latho
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    Registriert seit: 04.05.2003

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    FriedrichDanke für Deine – wenn auch knappe – Rückmeldung. Aber wenn Du Kiesgrubennacht nicht gelesen hast, kannst Du natürlich auch nichts dazu sagen. Ich hatte schon befürchtet mich etwa zu lang gefasst zu haben und damit Leser abzuschrecken. Aber es fällt mir halt viel dazu ein und selbst über eine misslungene graphic novel kann man viel sagen. Es ist mir völlig rätselhaft, wieso Kiesgrubennacht von der Kritik so gelobt wird. […]

    Das ist wie bei Film auch, die meisten Kritiker haben wenig Ahnung von der Kunstform, verstehen sie nicht und sind vom Chefredakteur abgeordnet worden, weil Comics eben „jeder lesen kann“ (oder sie bilden es sich selber ein). Also bespricht man nicht den Comic selber, sondern nur sein Thema. Es gab Kritik an dem Zustand, große Aufregung und eine Diskussionsrunde in Erlangen, ändern wird das aber nichts, ist ja schließlich das grundlegende Problem v.a. des Online-Journalismus.

    Friedrich
    Wer könnte das schon? Aber versuch doch mal den Begriff Roman zu definieren:

    Wikipedia:

    Alles klar? ;-) Dennoch wird der Begriff Roman völlig selbstverständlich gebraucht. Ich sehe gerade, die FAZ hat jetzt sogar den Begriff [I]Comic Roman erfunden – als Übersetzung des französischen bédénovela. Das hält die FAZ wohl für besonders originell, obwohl im Französischen wohl auch der Begriff roman graphique gebräuchlich ist. Ulkigerweise wird dieser FAZ-Comic Roman aber in Episoden von der Länge einer Seite veröffentlicht, die außerdem noch von jeweils anderen Zeichnern gestaltet werden. Na denn …

    Mir ist klar, dass die ganzen Form-Definitionen auch in der Literatur selber ebenfalls unklar sind, aber das ist in meinen Augen nicht das Problem. Es liegt eher daran, dass Literatur und Comic zwei völlig unterschiedliche Kunstformen sind und mit der gleichen Berechtigung, mit der ich „Comic-Roman“ einführe, könnte ich auch eine „Film-Kurzgeschichte“ einführen oder einen „Roman-Gemälde“. Die Tatsache, dass Comics auf Papier, in Buchform präsentiert werden, verleitet dazu, sie der Literatur gleichzustellen, sie auch mit den selben Mitteln zu kritisieren. Das funktioniert aber nur in den seltesten Fällen.
    (Einmal mehr empfehle ich dazu Scott McClouds „Understanding Comics“)

    Friedrich
    Superhelden sind ein Genre, keine literarische Gattung und daher können Watchmen oder Batmann Year One und The Dark Knight Returns gleichzeitig superhero stuff und meinetwegen Graphic Novels sein. Es kommt mir nicht auf den Begriff an. Es geht mir um „lange zusammenhängende Werke, die einen Anfang und ein Ende haben“, wie Du schreibst. Ich glaube damit kann man schon ganz gut arbeiten.

    Ja, irgendwie muss man ja so einen Begriff für eine „lange Erzählung“ haben, da ist graphic novel so gut oder schlecht wie jeder andere. Superhelden waren ein Genre, das auch die Form vorgab, in den 70ern hatten die Comic Books eine gewisse Länge und eine meist abgeschlossene Geschichte – übergreifende story arcs oder gar zusammenhängende Geschichten über mehrere Hefte, wie sie heute an der Tagesordnung sind, gab es nicht.

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    #6453537  | PERMALINK

    sonic-juice
    Moderator

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    Beiträge: 10,983

    Interessante Besprechung, Friedrich! Als langjähriger FAZ-Leser hat sich mir der Reiz von „Strizz“ ja nie erschlossen. Mir schien das immer bieder, bildungsbürgerlich und uninspiriert. Natürlich auch ohne jegliche popkulturelle Verwurzelung, anarchischen oder absurden Witz. Dass man selbst im Comic Strip nicht ohne Literaturrätsel und Thomas-Mann-Referenzen auskommen kann, ist schon trist. Da ist der Rest des Feuilleton-Teils eigentlich schon weiter. Andreas Platthaus ließ mal im Rahmen der Schirmacher-Nachrufe durchblicken, dass in der FAZ wohl einfach nicht mehr ginge. Vorher war man mit einer Serie von Steven Appleby bei der Stammleserschaft gescheitert.

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