Graphic Novels

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  • #6453629  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

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    lathoThe Sculptor: Liegt noch anglesen hier. Von meinem Bruder, von dem ich das Buch ausgeliehen habe, hörte ich ähnliches zu McClouds Comic.

    Sowohl Dein Bruder als auch ich scheinen damit mit ihrer Bewertung quer zur weithin veröffentlichten Meinung zu liegen. Aber dazu stehe ich. Mich würde bei Zeiten auch Deine Meinung interessieren.

    Traum von Olympia: Immer noch nicht gekauft, immer noch nur: online gelesen. Und ja, die Geschichte hat nicht die Wucht, die Epik von Der Boxer.

    Das ist Teil des Problems: Traum von Olympia erzählt nichts anderes als das, was Du auch in der Zeitung lesen kannst. Vielleicht etwas detaillierter und in Bildern, aber eigentlich ist die Geschichte von Samia Yusuf Omar mit unzähligen anderen Geschichten vergleichbar und sticht kaum besonders hervor. Damit möchte ich nicht sagen, dass sie nicht erzählenswert ist oder dass Sambias Schicksal nicht tragisch ist, aber das an sich macht noch keine gut erzählte Geschichte und keinen guten Comic aus.

    Beim Boxer ist das anders: Das ist auch nur ein weiteres Einzelschicksal im Holocaust, aber die Geschichte von Hertzko Haft sticht durch ihre groteske Absurdität, ihre besondere Grausamkeit und dadurch, das sie lange – auch und gerade von Hertzko Haft selbst – verschwiegen wurde, aus dem Meer der zahllosen grausamen Schicksale im Holocaust hervor und wird dadurch gleichzeitig persönlich und beispielhaft, anrührend und erschütternd.

    --

    "I said a hip-hop, the hippie, the hippie / To the hip, hip-hop and you don't stop the rockin' / To the bang-bang boogie, say up jump the boogie / To the rhythm of the boogie, the beat" (The Sugarhill Gang)
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    #6453631  | PERMALINK

    latho
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    FriedrichSowohl Dein Bruder als auch ich scheinen damit mit ihrer Bewertung quer zur weithin veröffentlichten Meinung zu liegen. Aber dazu stehe ich. Mich würde bei Zeiten auch Deine Meinung interessieren.

    Mach ich, kann aber noch etwas dauern.

    Friedrich
    Das ist Teil des Problems: Traum von Olympia erzählt nichts anderes als das, was Du auch in der Zeitung lesen kannst. Vielleicht etwas detaillierter und in Bildern, aber eigentlich ist die Geschichte von Samia Yusuf Omar mit unzähligen anderen Geschichten vergleichbar und sticht kaum besonders hervor. Damit möchte ich nicht sagen, dass sie nicht erzählenswert ist oder dass Sambias Schicksal nicht tragisch ist, aber das an sich macht noch keine gut erzählte Geschichte und keinen guten Comic aus.

    Klar, das ist wie üblich: ein achtenswertes Thema macht noch keine gute Geschichte und Schindlers Liste ist kein besonders guter Film. Die Figur Samias ist eigentlich sehr sympathisch, Kleist stellt das auch schön dar. Aber das Thema Flucht ist vielleicht zu eindimensional (dargestellt), so dass man tatsächlich wenig findet, was die Geschichte heraushebt.

    Friedrich
    Beim Boxer ist das anders: Das ist auch nur ein weiteres Einzelschicksal im Holocaust, aber die Geschichte von Hertzko Haft sticht durch ihre groteske Absurdität, ihre besondere Grausamkeit und dadurch, das sie lange – auch und gerade von Hertzko Haft selbst – verschwiegen wurde, aus dem Meer der zahllosen grausamen Schicksale im Holocaust hervor und wird dadurch gleichzeitig persönlich und beispielhaft, anrührend und erschütternd.

    Zumal die Hauptfigur Hertzko Haft ja keine sympathische ist, man weiß aber, warum er so brutal wurde – das ist eine weitere Seite der Geschichte: Wird es Hertzko schaffen, nicht nur physisch wieder in der Zivilisation anzukommen. Eine der beeindruckensten Szenen des Buchs spielt ja nicht in Polen oder Russland – die spielt in Florida, als Haft und sein Sohn zum Flughafen fahren.

    --

    If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
    #6453633  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,389

    lathoKlar, das ist wie üblich: ein achtenswertes Thema macht noch keine gute Geschichte und Schindlers Liste ist kein besonders guter Film. Die Figur Samias ist eigentlich sehr sympathisch, Kleist stellt das auch schön dar. Aber das Thema Flucht ist vielleicht zu eindimensional (dargestellt), so dass man tatsächlich wenig findet, was die Geschichte heraushebt.

    So habe ich es auch wahrgenommen.

    Zumal die Hauptfigur Hertzko Haft ja keine sympathische ist, man weiß aber, warum er so brutal wurde – das ist eine weitere Seite der Geschichte: Wird es Hertzko schaffen, nicht nur physisch wieder in der Zivilisation anzukommen. Eine der beeindruckensten Szenen des Buchs spielt ja nicht in Polen oder Russland – die spielt in Florida, als Haft und sein Sohn zum Flughafen fahren.

    Ja, genau. Die Szene, von der Du sprichst, ist die – wenn ich mich recht erinnere – wo Hertzko sozusagen am Steuer zusammenbricht, sich erinnert und anfängt zu erzählen. Und noch mal ja, Hertzko ist nicht sympathisch, er ist brutal, macht sich und anderen, selbst seiner Familie etwas vor, ist durch seine Vergangenheit geprägt, der er aber auch nicht entkommen kann. Diese Brutalität hat er gelernt, um damals – im Holocaust – zu überleben. Diese ganze Widersprüchlichkeit in der Person Hertzko Haft und der Geschichte macht sie ja so entsetzlich, verwirrend und menschlich. Großartige Geschichte.

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    #6453635  | PERMALINK

    latho
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    Ja, wobei Hertzko ja schon vor dem Einmarsch der Deutschen ein ziemliches Früchtchen ist. Es ist für mich ein bisschen die Frage, welche der großartigen Elemente von Kleist und welche aus der Vorlage stammen (die ich nicht kenne). Ist allerdings auch wurscht, denn im Comic sind sie toll umgesetzt (und das ist auf jeden Fall Kleists Leistung).

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    #6453637  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

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    lathoJa, wobei Hertzko ja schon vor dem Einmarsch der Deutschen ein ziemliches Früchtchen ist. Es ist für mich ein bisschen die Frage, welche der großartigen Elemente von Kleist und welche aus der Vorlage stammen (die ich nicht kenne). Ist allerdings auch wurscht, denn im Comic sind sie toll umgesetzt (und das ist auf jeden Fall Kleists Leistung).

    Klar, auch ein Jude kann ein übler Bursche sein, wie jeder andere Mensch auch. Ab das rechtfertigt es nicht, ihn umzubringen. Aber die Tatsache, dass Hertzko nicht besonders zimperlich und zart besaitet war, macht ihn als Charakter ja umso interessanter und – so makaber es klingt – vielleicht hat ihm das selbst auch ein Stück weit das Leben gerettet. Ich habe in Der Boxer schon lange nicht mehr reingeschaut, obwohl ich ein von RK persönlich signiertes Exemplar habe. Würde sich nach der Enttäuschung von Olympia aber direkt mal wieder lohnen.

    Ja, möglicherweise ist RK kein großer Szenarist. Er hat ja schon mehrere wahre Lebensgeschichten als Comic adaptiert und vielleicht ist er da auch sehr auf eine gute Vorlage angewiesen. Bei Castro hat das meines Wissens nicht so gut geklappt. Aber Der Boxer und Cash sind schon wirklich gute Comic-Bücher.

    Btw: Auch Art Spiegelman stellt seinen Vater ja nicht gerade sympathisch dar, ganz im Gegenteil. Er ist unausstehlich. Aber das ist eben auch ein wichtiger Teil der Geschichte.

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    #6453639  | PERMALINK

    latho
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    FriedrichKlar, auch ein Jude kann ein übler Bursche sein, wie jeder andere Mensch auch. Ab das rechtfertigt es nicht, ihn umzubringen. Aber die Tatsache, dass Hertzko nicht besonders zimperlich und zart besaitet war, macht ihn als Charakter ja umso interessanter und – so makaber es klingt – vielleicht hat ihm das selbst auch ein Stück weit das Leben gerettet. […]

    Ziemlich sicher sogar.

    Friedrich
    Ja, möglicherweise ist RK kein großer Szenarist. Er hat ja schon mehrere wahre Lebensgeschichten als Comic adaptiert und vielleicht ist er da auch sehr auf eine gute Vorlage angewiesen. Bei Castro hat das meines Wissens nicht so gut geklappt. Aber Der Boxer und Cash sind schon wirklich gute Comic-Bücher.
    […]

    Cash habe ich selber nicht, wenn ich mich richtig erinnere habe ich das Buch quasi „an der Wand“ gelesen, als die Original-Seiten anlässlich eines Comic-Salons mal ausgestellt waren. Es ging um die üblichen Cash-Stationen, arme Kindheit auf dem Land, Sun-Studios, Gefängnisauftritte, June und dann „Comeback“ mit den American Recordings – das war mir alles ein bisschen zu abgekaut.

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    #6453641  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,389

    lathoCash habe ich selber nicht, wenn ich mich richtig erinnere habe ich das Buch quasi „an der Wand“ gelesen, als die Original-Seiten anlässlich eines Comic-Salons mal ausgestellt waren. Es ging um die üblichen Cash-Stationen, arme Kindheit auf dem Land, Sun-Studios, Gefängnisauftritte, June und dann „Comeback“ mit den American Recordings – das war mir alles ein bisschen zu abgekaut.

    Ja, Kleist hält sich schon an die – üblichen – Fakten. Ist ja auch nicht verkehrt. Ich finde aber zum einen seinen kontrastreichen schwarz-weiß Stil hier sehr passend (meinetwegenn könnte er sogar noch das Grau weglassen), zum anderen finde ich, dass RK die düstere Atmosphäre der Geschichte – ich sag mal: Johnny Cash als Schmerzensmann – sehr gut darstellt. Herausragend sind dann solch surrealistische Albtraumsequenzen, wie ganz am Ende, als die Ghost Riders Johnny Cash holen. Da läuft es mir kalt den Rücken runter.

    Sicher kann man das auch anders sehen. Ich denke, Reinhard Kleist ist ein hervorragender Zeichner, der aber auf gute Szenarios angewiesen ist und er selbst ist vielleicht nicht der beste Drehbuchautor. An sich nicht schlimm, die Frage ist bloß, wer in Deutschland die guten Geschichten schreibt?

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    #11431779  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Registriert seit: 10.07.2002

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    Gestern brachte die 3sat Kulturzeit einen Beitrag (ab Minute 24:20) über die Berliner Illustratorin Kat Menschik, die tolle Zeichnungen für Bücher macht, zum Beispiel für Graphic Novels über Edgar Allan Poe, Kafka, Murakami und für Babylon-Berlin-Schöpfer Volker Kutscher

    zuletzt geändert von ford-prefect

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    An old beat-up guitar just sounds better
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