Graphic Novels

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  • #6453539  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

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    Mit Strizz konnte ich auch nichts anfangen. Aber über die FAZ habe ich Kleists Boxer kennengelernt, den hätte ich sonst wohl nicht gelesen und der ist gut.

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    #6453541  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

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    lathoDas ist wie bei Film auch, die meisten Kritiker haben wenig Ahnung von der Kunstform, verstehen sie nicht und sind vom Chefredakteur abgeordnet worden, weil Comics eben „jeder lesen kann“ (oder sie bilden es sich selber ein). Also bespricht man nicht den Comic selber, sondern nur sein Thema. Es gab Kritik an dem Zustand, große Aufregung und eine Diskussionsrunde in Erlangen, ändern wird das aber nichts, ist ja schließlich das grundlegende Problem v.a. des Online-Journalismus.

    Ich habe die Kritik an dem Zustand von Marc-Oliver Frisch jetzt nur mal überflogen. Da ist natürlich was dran, wenngleich ich seine Pauschalkritik an Büchern wie Kleist’s Der Boxer und Schwartz‘ Packeis nicht teile.

    Bei Kiesgrubennacht drängte sich mir dieser Verdacht auf: FAZ? Suhrkamp Verlag? Nazivergangenheit? Da müssten eigentlich schon die Alarmglocken schrillen. Denn wer da die Zielgruppe ist, dürfte damit klar sein. Jedenfalls scheint sich diese Zielgruppe weniger aus gewohnheitsmäßigen Comic Lesern zu rekrutieren, sondern vielmehr aus Lesern der FAZ und des Suhrkamp Verlags, der ja meint, Romanvorlagen als Comics adaptieren zu müssen. Da wird wohl tatsächlich das „ernstzunehmende“ Thema bewertet, nicht die Art wie es als Comic erzählt wird. Und damit scheitert Volker Reiche in meinen Augen. Die Erzählung funktioniert nicht und seine Charaktere bleiben flach und eindimensional. Beinahe hätte ich gesagt – und das ist jetzt zweimal ironisch um die Ecke gedacht: sie bleiben „comichaft“.

    latho(…) Die Tatsache, dass Comics auf Papier, in Buchform präsentiert werden, verleitet dazu, sie der Literatur gleichzustellen, sie auch mit den selben Mitteln zu kritisieren. Das funktioniert aber nur in den seltesten Fällen.
    (Einmal mehr empfehle ich dazu Scott McClouds „Understanding Comics“)

    Understandig Comics habe ich nie gelesen. Ist ja wohl ein Klassiker. Aber vielleicht brauche ich das als jemand, der schon im Grundschulalter mehr Comics als Bücher gelesen hat, auch nicht.

    Sonic JuiceInteressante Besprechung, Friedrich! Als langjähriger FAZ-Leser hat sich mir der Reiz von „Strizz“ ja nie erschlossen. Mir schien das immer bieder, bildungsbürgerlich und uninspiriert. Natürlich auch ohne jegliche popkulturelle Verwurzelung, anarchischen oder absurden Witz. Dass man selbst im Comic Strip nicht ohne Literaturrätsel und Thomas-Mann-Referenzen auskommen kann, ist schon trist. Da ist der Rest des Feuilleton-Teils eigentlich schon weiter. Andreas Platthaus ließ mal im Rahmen der Schirmacher-Nachrufe durchblicken, dass in der FAZ wohl einfach nicht mehr ginge. Vorher war man mit einer Serie von Steven Appleby bei der Stammleserschaft gescheitert.

    Danke! Wie ich das Verhältnis von FAZ/Suhrkamp < -> Comic < -> Publikum einschätze, habe ich ja oben geschrieben. Du bestätigst das eigentlich. Steven Appleby kenne ich leider nicht. Ich frage mich, warum die FAZ meint, Comic Strips mit „Literaturrätseln und Thomas-Mann-Referenzen“ veröffentlichen zu müssen. Die klassischen Tageszeitungen-Strips sind doch eher Peanuts oder Calvin & Hobbes, die ihre eigene Art von Witz und Geist haben, ohne einer „hochkulturellen“ Absicherung zu bedürfen. Aber das verstehen viele Nicht-Comic Leser offenbar nicht. Sie verstehen ja nicht einmal, dass das keine Strips für Kinder sind, nur weil Kinder dort die Hauptfiguren sind. Ich behaupte ja oft und gerne, dass man idealerweise mit Comics aufgewachsen sein sollte, um sie lesen und beurteilen zu können.

    lathoMit Strizz konnte ich auch nichts anfangen. Aber über die FAZ habe ich Kleists Boxer kennengelernt, den hätte ich sonst wohl nicht gelesen und der ist gut.

    Kleists Boxer ist gut, auch wenn Marc-Oliver Frisch den in seiner Kritik der Comic Kritik mit vielen anderen pauschal verreißt. Über Sinn und Zweck, eine literarische Vorlage als Comic zu adaptieren kann man sicher streiten. Ich würde Dir Reinhard Kleists Johnny Cash Biographie I See A Darkness empfehlen, falls du die noch nicht kennst. Für mich das beste von Kleist, jedenfalls von dem, was ich kenne.

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    "I said a hip-hop, the hippie, the hippie / To the hip, hip-hop and you don't stop the rockin' / To the bang-bang boogie, say up jump the boogie / To the rhythm of the boogie, the beat" (The Sugarhill Gang)
    #6453543  | PERMALINK

    mikko
    Moderator
    Moderator / Juontaja

    Registriert seit: 15.02.2004

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    Ich bin gewiss kein Strizz Fan, und ich bin auch kein FAZ Leser, aber die ersten Strizz Sammelbände fand ich ganz unterhaltsam. Und die Figur Strizz ist mir durchaus sympathisch. Und das sicher nicht wegen Literaturrätseln und Thomas Mann Bezug. Zu dem aktuellen Werk von Volker Reiche kann ich nichts sagen, weil ich es nicht kenne.

    Aber Deine Vorstellung von „Gleisdreieck“ hat mich neugierig gemacht, Friedrich. Ein bisschen spät, ich weiß. Ich werde mir das Buch jedenfalls besorgen.

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    #6453545  | PERMALINK

    napoleon-dynamite
    Moderator

    Registriert seit: 09.11.2002

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    FriedrichFAZ? Suhrkamp Verlag? Nazivergangenheit? Da müssten eigentlich schon die Alarmglocken schrillen. Denn wer da die Zielgruppe ist, dürfte damit klar sein. Jedenfalls scheint sich diese Zielgruppe weniger aus gewohnheitsmäßigen Comic Lesern zu rekrutieren, sondern vielmehr aus Lesern der FAZ und des Suhrkamp Verlags, der ja meint, Romanvorlagen als Comics adaptieren zu müssen.

    Das ist meiner Meinung nach aber ein etwas grobes Vorurteil gegenüber dem Suhrkamp Verlag. „Alte Meister“ oder „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Mahler sind z.B. alles mögliche (vor allem großartig), aber ganz sicher nicht bildungsbürgerliche Peergroups ansteuernde Roman-Adaptionen.

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    I'm making jokes for single digits now.
    #6453547  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,389

    MikkoIch bin gewiss kein Strizz Fan, und ich bin auch kein FAZ Leser, aber die ersten Strizz Sammelbände fand ich ganz unterhaltsam. Und die Figur Strizz ist mir durchaus sympathisch. Und das sicher nicht wegen Literaturrätseln und Thomas Mann Bezug. Zu dem aktuellen Werk von Volker Reiche kann ich nichts sagen, weil ich es nicht kenne.

    Aber Deine Vorstellung von „Gleisdreieck“ hat mich neugierig gemacht, Friedrich. Ein bisschen spät, ich weiß. Ich werde mir das Buch jedenfalls besorgen.

    Zu Strizz kann ich nichts sagen. Kenne ich ja nicht.

    Zu meiner Vorstellung von Gleisdreieck stehe ich. Die Handlung ist zwar zweitrangig, denn die Stadt Berlin und ihre Atmosphäre im Jahr 1981 stehen im Vordergrund. Aber die stellt Gleisdreieck sehr schön dar.

    Ich war damals zwar nicht selbst dabei, denn da ging ich noch in einem Hamburger Vorort in die Schule. Aber Autor und Zeichner von Gleisdreieck lebten damals in Berlin. Bei der Buchvorstellung im Kreuzberg Museum (oder FHXB Museum bzw. Friedrichshain-Kreuzberg Museum, wie es sich wegen der Bezirksreform jetzt nennt) waren ein paar Hausbesetzer-Veteranen anwesend, die sich heute nahe am oder im Rentenalter befinden. Lustigerweise mäkelte einer an Details rum, z.B. dass das Tragen von Motorradhelmen bei – äh … – Auseinandersetzungen mit der Polizei eher unzweckmäßig war, da man damit leicht in den Schwitzkasten genommen werden konnte und dies dementsprechend nicht korrekt dargestellt wird. Außerdem fand er die Straßenkämpfe nicht drastisch genug wiedergegeben. Naja, individuelle Wahrnehmung, würde ich sagen und die Tatsache, dass seine Kritik nur auf Details zielte, scheint mir zu bestätigen, dass das Buch Berlin im Jahr 1981 eigentlich sehr gut einfängt. Ich glaube auch der Direktor des Museums und der Verleger hatten diese Zeit in Berlin selbst miterlebt.

    Bin gespannt, was Du als Urberliner von Gleisdreieck hältst.

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    #6453549  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 35,550

    FriedrichIch habe die Kritik an dem Zustand von Marc-Oliver Frisch jetzt nur mal überflogen. Da ist natürlich was dran, wenngleich ich seine Pauschalkritik an Büchern wie Kleist’s Der Boxer und Schwartz‘ Packeis nicht teile.

    Ich auch nicht, ich mag beide, Der Boxer finde ich sogar sehr gut (gewinnt auf jeden Fall, wenn man ihn nicht online in Häppchen liest). Aber die Grundrichtung der Kritik (an der Comic-Kritik) fand ich ok.

    Friedrich
    Bei Kiesgrubennacht drängte sich mir dieser Verdacht auf: FAZ? Suhrkamp Verlag? Nazivergangenheit? Da müssten eigentlich schon die Alarmglocken schrillen. Denn wer da die Zielgruppe ist, dürfte damit klar sein. Jedenfalls scheint sich diese Zielgruppe weniger aus gewohnheitsmäßigen Comic Lesern zu rekrutieren, sondern vielmehr aus Lesern der FAZ und des Suhrkamp Verlags, der ja meint, Romanvorlagen als Comics adaptieren zu müssen. Da wird wohl tatsächlich das „ernstzunehmende“ Thema bewertet, nicht die Art wie es als Comic erzählt wird. Und damit scheitert Volker Reiche in meinen Augen. Die Erzählung funktioniert nicht und seine Charaktere bleiben flach und eindimensional. Beinahe hätte ich gesagt – und das ist jetzt zweimal ironisch um die Ecke gedacht: sie bleiben „comichaft“.

    Es bleibt eben dabei: in Deutschland wird Comic mit dem „komischen“ Inhalt gleich gesetzt. Der Versuch ins Feuilleton einzubrechen wird von den Verlagen seit Jahr und Tag probiert und so langsam (mit dem Generationenwechsel in den Redaktionen) funktioniert’s auch. Aber alte Vorurteile sind hartnäckig und wie gesagt – es wird sich ja zumeist auf die Handlung oder das Thema konzentriert, nicht auf die Kunstform an sich.

    Friedrich
    Understandig Comics habe ich nie gelesen. Ist ja wohl ein Klassiker. Aber vielleicht brauche ich das als jemand, der schon im Grundschulalter mehr Comics als Bücher gelesen hat, auch nicht.

    Doch, doch. Sollte jeder gelesen haben, lohnt sich.

    Friedrich
    Danke! Wie ich das Verhältnis von FAZ/Suhrkamp < -> Comic < -> Publikum einschätze, habe ich ja oben geschrieben. Du bestätigst das eigentlich. Steven Appleby kenne ich leider nicht. Ich frage mich, warum die FAZ meint, Comic Strips mit „Literaturrätseln und Thomas-Mann-Referenzen“ veröffentlichen zu müssen. Die klassischen Tageszeitungen-Strips sind doch eher Peanuts oder Calvin & Hobbes, die ihre eigene Art von Witz und Geist haben, ohne einer „hochkulturellen“ Absicherung zu bedürfen. Aber das verstehen viele Nicht-Comic Leser offenbar nicht. Sie verstehen ja nicht einmal, dass das keine Strips für Kinder sind, nur weil Kinder dort die Hauptfiguren sind. Ich behaupte ja oft und gerne, dass man idealerweise mit Comics aufgewachsen sein sollte, um sie lesen und beurteilen zu können.

    In der Literatur gilt das aber nicht, oder?

    Friedrich
    Kleists Boxer ist gut, auch wenn Marc-Oliver Frisch den in seiner Kritik der Comic Kritik mit vielen anderen pauschal verreißt. Über Sinn und Zweck, eine literarische Vorlage als Comic zu adaptieren kann man sicher streiten. Ich würde Dir Reinhard Kleists Johnny Cash Biographie I See A Darkness empfehlen, falls du die noch nicht kennst. Für mich das beste von Kleist, jedenfalls von dem, was ich kenne.

    Ich kenne den Cash-Comic, in einer Kleist-Ausstellung hing der mal komplett aus. Ich mag Der Boxer lieber, weil Kleist da auch auf Eisner zurückgreift und das weniger „machohaft“ präsentiert.

    Napoleon DynamiteDas ist meiner Meinung nach aber ein etwas grobes Vorurteil gegenüber dem Suhrkamp Verlag. „Alte Meister“ oder „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Mahler sind z.B. alles mögliche (vor allem großartig), aber ganz sicher nicht bildungsbürgerliche Peergroups ansteuernde Roman-Adaptionen.

    Mahler ist bei jedem Verlag großartig.

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    #6453551  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,389

    Napoleon DynamiteDas ist meiner Meinung nach aber ein etwas grobes Vorurteil gegenüber dem Suhrkamp Verlag. „Alte Meister“ oder „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Mahler sind z.B. alles mögliche (vor allem großartig), aber ganz sicher nicht bildungsbürgerliche Peergroups ansteuernde Roman-Adaptionen.

    Ja, das ist ein Vorurteil. Ich kenne die von Dir erwähnten Bücher gar nicht. Bloß, nachdem ich Kiesgrubennacht gelesen hatte und mir all die für mich nicht nachvollziehbaren Jubelkritiken vor Augen führte, konnte ich mich nicht dagegen wehren, diesen schrecklichen Verdacht zu hegen.

    Gegen Bildungsbürgertum an sich ist eigentlich nichts einzuwenden, sofern es so etwas überhaupt noch gibt. Kommt halt drauf an, was man aus der Bildung macht.

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    #6453553  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,389

    lathoDoch, doch. Sollte jeder gelesen haben, lohnt sich.

    Okay!

    FriedrichIch behaupte ja oft und gerne, dass man idealerweise mit Comics aufgewachsen sein sollte, um sie lesen und beurteilen zu können.

    lathoIn der Literatur gilt das aber nicht, oder?

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich Dich hier richtig verstehe: Doch, ich denke das ist in jeder Kunstform so. Man muss sich halt im jeweiligen künstlerischen Vokabular und Grammatik zurechtfinden.

    lathoIch kenne den Cash-Comic, in einer Kleist-Ausstellung hing der mal komplett aus. Ich mag Der Boxer lieber, weil Kleist da auch auf Eisner zurückgreift und das weniger „machohaft“ präsentiert.

    In wie weit greift Kleist in Der Boxer in Deinen Augen auf Eisner zurück? Zeichenstil in s/w mit Pinsel und Tusche?

    Diese Zeichnung hat Reinhard Kleist persönlich in mein Exemplar von Der Boxer gezeichnet. Ich selbst bin gar nicht sooo oft auf Comic Buch-Vorstellungen, wie es hier den Anschein erwecken mag. Aber wenn solche Veranstaltungen gut moderiert sind, ist das sehr lohnend.

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    #6453555  | PERMALINK

    latho
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    FriedrichOkay!

    Reinventing Comics braucht man nicht unbedingt, aber Understanding ist ziemlich toll – nicht nur geistreich, auch sehr unterhaltsam geschrieben und umgesetzt.

    Friedrich
    Ich bin mir nicht sicher, ob ich Dich hier richtig verstehe: Doch, ich denke das ist in jeder Kunstform so. Man muss sich halt im jeweiligen künstlerischen Vokabular und Grammatik zurechtfinden.

    Ich bezog mich darauf, dass Comics mit Kindern eher als „Kinderkram“ gesehen werden, vollkommen richtig. In der Literatur bzw der Literaturkritik ist das nicht der Fall – soweit ich das überblicken kann.

    Friedrich
    In wie weit greift Kleist in Der Boxer in Deinen Augen auf Eisner zurück? Zeichenstil in s/w mit Pinsel und Tusche?

    Seine Zeichnungen, der Strich, das hat etwas sehr Eisner-haftes, was seine Comics vorher nicht hatten.

    Friedrich
    Diese Zeichnung hat Reinhard Kleist persönlich in mein Exemplar von Der Boxer gezeichnet. Ich selbst bin gar nicht sooo oft auf Comic Buch-Vorstellungen, wie es hier den Anschein erwecken mag. Aber wenn solche Veranstaltungen gut moderiert sind, ist das sehr lohnend.

    Sehr schön! Kleist signiert meines Wissens regelmäßig am Comic-Salon in ER, aber ich habe das nie geschafft, mich da anzustellen. Ich bin aber auch nicht mehr so sehr hinter Signaturen hinterher wie früher.

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    #6453557  | PERMALINK

    latho
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    Heute gelesen: in der Besprechung eines Weissblech-Comics lästert der Verleger auch über „graphic novels“:

    Eine tolle Sache, diese Graphic Novels / Selbst wenn sie nur schwarzweiß sind kann man sie trotzdem glatt zum doppelten Preis verkaufen / … / Aber woher nehmen? Autobiographisches von 23-jährigen Kunststudentinnen wächst nicht auf Bäumen.

    :-)

    --

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    #6453559  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

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    lathoHeute gelesen: in der Besprechung eines Weissblech-Comics lästert der Verleger auch über „graphic novels“:

    Eine tolle Sache, diese Graphic Novels / Selbst wenn sie nur schwarzweiß sind kann man sie trotzdem glatt zum doppelten Preis verkaufen / … / Aber woher nehmen? Autobiographisches von 23-jährigen Kunststudentinnen wächst nicht auf Bäumen.

    :-)

    Jaja …

    “Da zucken die Laserblitze, da scheppern die Blechbikinis!“

    Sehr schön geistreich spritzig spöttischer Artikel, der auch nicht auslässt, dass mit diesem mehr als 100-seitigem Hardcover versucht wird auf der Meta-Ebene auf den Graphic Novel-Zug aufzuspringen. Scheint lustig zu sein!

    Das Urteil mit den 23-jährigen Kunststudentinnen ist natürlich ein Holzhammer-Argument, das zwar in einigen Fällen zutrifft, in den meisten aber nicht. Wie der Zufall es will, habe ich aber gerade einen Band einer – immerhin! – 27-jährigen Kunststudentin bei mir rumliegen. Nicht ganz schwarz-weiß und nur im Ansatz autobiografisch. Die Zeichnerin kommt allerdings ursprünglich aus dem Manga-Bereich. Vielleicht schreibe ich später was dazu.

    Eigentlich finde ich diese Flügelkämpfe aber doof. Das ist ja fast auf dem Niveau von „hat Bob Dylan mit dem Griff zu elektrischen Gitarre – oder sogar schon mit dem Verfassen eigener Songs! – den Folk verraten?“

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    #6453561  | PERMALINK

    latho
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    Friedrich[…]

    Das Urteil mit den 23-jährigen Kunststudentinnen ist natürlich ein Holzhammer-Argument, das zwar in einigen Fällen zutrifft, in den meisten aber nicht. Wie der Zufall es will, habe ich aber gerade einen Band einer – immerhin! – 27-jährigen Kunststudentin bei mir rumliegen. Nicht ganz schwarz-weiß und nur im Ansatz autobiografisch. Die Zeichnerin kommt allerdings ursprünglich aus dem Manga-Bereich. Vielleicht schreibe ich später was dazu.

    […]

    Mir gingen die ganzen Befindlichke9itscomics in der letzten Zeit doch etwas auf den Zeiger, selbst wenn sie gut waren. Mich hat auch Bechdels Fun Home nicht umgerissen, obwohl es natürlich nicht schlecht ist. Ich hätte nur ganz gern einfach mal wieder eine gute, epische Geschichte in Langform.
    Und nein, ein Flügelkampf ist das nicht.

    --

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    #6453563  | PERMALINK

    friedrich

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    lathoMir gingen die ganzen Befindlichkeitscomics in der letzten Zeit doch etwas auf den Zeiger, selbst wenn sie gut waren. Mich hat auch Bechdels Fun Home nicht umgerissen, obwohl es natürlich nicht schlecht ist.

    Bechdels Fun Home kenne ich nicht. Schreib doch mal was dazu!

    lathoIch hätte nur ganz gern einfach mal wieder eine gute, epische Geschichte in Langform.

    Die gibt’s bestimmt. Man muss halt in dem unübersichtlichen Wust der Veröffentlichungen ziemlich tief danach stöbern. Aber der Anspruch ist mit „gut, episch, Langform“ schon sehr hoch. Auch in anderen Kunstformen wirst Du etwas entsprechendes auf hohem Niveau selten finden. Das liegt in der Natur der Sache.

    lathoUnd nein, ein Flügelkampf ist das nicht.

    Eine müßige Diskussion. Mir ist es wurscht, ob sich ein Comic Graphic Novel nennt oder nicht, ob er von einer Kunststudentin stammt oder nicht, ob er schwarz-weiß ist oder nicht und ob er autobiographisch ist oder nicht. Gut muss er sein!

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    #6453565  | PERMALINK

    latho
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    FriedrichBechdels Fun Home kenne ich nicht. Schreib doch mal was dazu!

    Nur kurz, weil keine Zeit: was mir gefallen hat war die kühle Darbietungsform (schwarz-weiß, die Distanziertheit), die Geschichte selber riss mich nicht gerade mit.

    Friedrich
    Die gibt’s bestimmt. Man muss halt in dem unübersichtlichen Wust der Veröffentlichungen ziemlich tief danach stöbern. Aber der Anspruch ist mit „gut, episch, Langform“ schon sehr hoch. Auch in anderen Kunstformen wirst Du etwas entsprechendes auf hohem Niveau selten finden. Das liegt in der Natur der Sache.

    Klar. Und macht ja auch den Spaß aus – wenn man dann etwas tolles findet.

    Friedrich
    Eine müßige Diskussion. Mir ist es wurscht, ob sich ein Comic Graphic Novel nennt oder nicht, ob er von einer Kunststudentin stammt oder nicht, ob er schwarz-weiß ist oder nicht und ob er autobiographisch ist oder nicht. Gut muss er sein!

    Amen to that, brother!

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    friedrich

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    So, hier ist sie, die Graphic Novel einer – knapp – 27-jährigen ehemaligen Studentin der visuellen Kommunikation. Anders als angenommen, ist die Geschichte aber keineswegs autobiographisch. Und ob es sich dabei um einen Befindlichkeitscomic handelt, bezweifle ich auch.

    Olivia Vieweg – Antoinette Kehrt Zurück (2014)

    Olivia Vieweg war mir bisher unbekannt, obwohl sie bereits mehrere Comics veröffentlicht hat, darunter die Zombie-Geschichte Endzeit und die Literatur-Adaptation Huck Finn. Außerdem hat sie 2010 den ICOM Independent Comic Preis gewonnen. Mit Antoinette Kehrt Zurück gewann Vieweg 2012 einen Wettbewerb für ein Stipendium des Egmont Verlags. Vieweg kommt ursprünglich vom Manga her und ein wenig kann man das ihren Zeichnungen auch ansehen: Ihre Figuren wirken mit den großen Augen etwas niedlich, Viewegs Zeichenstil ist in Antoinette Kehrt Zurück aber sonst ganz anders als ein Manga. Fast nur mit Bleistift gezeichnet und mit einem blassen Orange als einzige Farbe wirken die Zeichnungen skizzenartig und etwas kindlich.

    Antoinette ist eine erfolgreiche junge Frau, die in Los Angeles lebt, jedoch von Bildern aus ihrer Vergangenheit in einem deutschen Provinzstädtchen verfolgt wird. Um sich davon zu befreien kehrt sie noch einmal dahin zurück. Nach und nach kehren ihre Erinnerungen wieder und man erfährt, dass sie in der Kindheit von ihren Mitschülern gemobbt und gedemütigt wurde. Allmählich wird klar, dass sie in ihrer alten Heimat noch eine Rechnung offen hat, die sie begleichen will. Antoinette wirkt zunächst sympathisch und unwillkürlich fängt man an, sich mit ihr zu identifizieren. Doch dann erfährt man, was geschah, nachdem Antoinette ihre Heimat Richtung Amerika verlassen hatte und warum sie noch einmal zurückkehrt.

    Graphic Novel ist ein großes Wort für dieses kleine Buch mit gerade mal 84 Seiten (+ ein paar Seiten Anhang). Vermutlich will der Verlag damit zeigen, dass dies zwar eine Geschichte über Kindheit ist, jedoch keineswegs eine Geschichte für Kinder. Eigentlich ist Antoinette Kehrt Zurück eher eine Kurzgeschichte mit einem sogar recht einfachem Plot, aber spannend erzählt, da die Hintergründe der Geschichte erst nach und nach durch Rückblenden aufgedeckt werden.

    Olivia Vieweg schafft in Antoinette Kehrt Zurück einen irritierenden Kontrast zwischen ihren auf den ersten Blick niedlich wirkenden Zeichnungen und dem bitterbösen Abgrund, in den die Geschichte führt. Das wirkt unheimlich, manchmal rätselhaft und ein-zwei mal musste ich auch zurückblättern um Zusammenhänge zu verstehen. Einiges setzte sich für mich auch erst beim zweiten Lesen zusammen. Die Geschichte wird nicht immer völlig auserwählt, manche Charaktere bleiben etwas blass und einiges funktioniert auch mehr über spukartige Bilderfolgen, die im Kopf von Antoinette abzulaufen scheinen, als das es explizit dargestellt wird. Eine kleine Schwäche und bei der Kürze der Geschichte vielleicht nicht zu vermeiden. Vielleicht aber auch Mut zur Lücke.

    Eine grausame und teuflische Geschichte, stellenweise aber auch mit makabren Humor, wenn Antoinette auf dem Weg zum Showdown Cowboyhut und -stiefel trägt – in der Hand eine Frühstücksdose, auf der ein niedliches Vögelchen abgebildet ist. Ein Geschichte wie ein böser Traum.

    Seite des Verlages zum Buch

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