Das Piano-Trio im Jazz

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    gypsy-tail-wind
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    Sadik Hakim Trio – Witches, Goblins, Etc. | Es gibt die traurigen Ausgrabungen oder Einsargungen und es gibt die echten Wiederentdeckungen von Leuten, die viel zu wenig gewürdigt wurden und ihre Chance zu nutzen wussten. Sadik Hakim, der in seinen frühen Jahren als Argonne Thornton bekannt war und bei einer Session mit Charlie Parker mitwirkte, gehört zu den letzteren. Aufgenommen für Steeplechase (nach ein paar Progressive-Sessions und der Mitwirkung bei „I Remember Bebop“) am 8. November 1977 in New York mit Errol Walters und Al Foster, klingt er verschattet, oft sehr dicht und auch recht modern – und vor allem sehr fokussiert und in einer ganz eigenen Klangwelt daheim (die er bisweilen auch mit lautem Brummen und Summen füllt). Mark Gardner füllt in den Liner Notes die Stationen auf nach der Zeit, in der Hakim mit Parker, Ben Webster, Coleman Hawkins, Dexter Gordon usw. gespielt hatte. In den Fünfzigern war er bei James Moody und Buddy Tate, zog dann nach Kanada, machte 1962 aber noch die LP „The East and West of Jazz“. 1972 kam er aus Montréal nach England, blieb ein paar Monate, führte dort seine „London Suite“ auf, trat in Skandinavien und den Niederlanden auf – „and was pleased by the receptive audiences he met during that happy summer“ (Gardner erwähnt auch die gemeinsam Spaziergänge nach Wimbledon). Zurück in Kanada dann Aufnahmen für die CBC, Umzug nach Toronto, und später die Rückkehr nach New York, wo er in der ab Juni 1977 ganze vier Alben machte. „Piano Conceptions“ und „Resurgence“ für Progressive, drei Stücke für „I Remember Bebop“ und dann dieses Album für Steeplechase, 32 Jahre nach seiner Session für Parker im November 1945. Acht interessante eigene Stücke (und zwei Alternate Takes als Bonus beim CD-Reissue) – und ein echt gutes Album voller überraschender harmonischer und melodischer Twists und mit einer hervorragenden Rhythmusgruppe (Errol Walter ist auf all den Alben aus der Zeit, Al Foster auch bei den „Remember Bebop“-Sessions).

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
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    #12580415  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    The Fritz Pauer Trio – Blues Inside Out | Fritz Pauer mit Jimmy Woode und Tony Inzalaco, 6. März 1978 im MPS-Studio in Villingen mit acht meist eher kurzen, zumeist eigenen Stücken. Den Opener „The Beacon“ und „Terra Samba“ hat Inzalaco beigesteuert, das Titelstück und „The Man from Potters Crossing“ kommen von Woode, von Pauer stammen der lange „English Garden Walk“, der an zweiter Stelle steht, sowie die unmittelbar folgenden „Flute Song“ und „My Little Girl“ – und dann ist an zweitletzter Stelle noch Ellington mit „Prelude to a Kiss“ vertreten. Das ist total aufgeräumte Musik, von keinem Wölkchen getrübt hüpft und springt das wie die Eisbachwelle zu besten Tagen … und zieht leider auch heute wieder ziemlich an mir vorbei, trotz interessanter Ansätze. Das eine Mal, als ich Pauer live hörte, begleitete er in Wien die umwerfenden Sheila Jordan, und das war super – aber das war auch über 29 Jahre nach diesen Aufnahmen. Ich mochte das früher mal etwas mehr – heute stört mich etwas, was ich als etwas aufgesetzte Hipness und Funkiness wahrnehme: die ungraden Metren, die Riffs und der Blues … hingegen mag ich den tollen Sound von Woodes Bass, der doch auch ein paar Nuancen Schatten reinbringt (und z.B. im Closer nach vielen Klischees von Pauer ein schönes Solo spielt). Ganz schön finde ich die Stücke, in denen der Druck etwas rausgenommen wird: „Flute Song“ und das Ellington-Stück – da wird auch der Raum in Villigen nicht ständig mit Tönen zugepflastert und kommt etwas zum Atmen (das ist natürlich rein von der Qualität der Abbildung der Instrumente her wahnsinnig gut aufgenommen, aber mich dünkt für die hohe Energie des Trios passt das nicht optimal). Anderswo – auch in „Terra Samba“ – fühle ich mich ziemlich überrollt und dann schnell etwas gelangweilt.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12580727  | PERMALINK

    soulpope
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    gypsy-tail-wind The Fritz Pauer Trio – Blues Inside Out | Fritz Pauer mit Jimmy Woode und Tony Inzalaco, 6. März 1978 im MPS-Studio in Villingen mit acht meist eher kurzen, zumeist eigenen Stücken. Den Opener „The Beacon“ und „Terra Samba“ hat Inzalaco beigesteuert, das Titelstück und „The Man from Potters Crossing“ kommen von Woode, von Pauer stammen der lange „English Garden Walk“, der an zweiter Stelle steht, sowie die unmittelbar folgenden „Flute Song“ und „My Little Girl“ – und dann ist an zweitletzter Stelle noch Ellington mit „Prelude to a Kiss“ vertreten …. Ich mochte das früher mal etwas mehr – heute stört mich etwas, was ich als etwas aufgesetzte Hipness und Funkiness wahrnehme: die ungraden Metren, die Riffs und der Blues … hingegen mag ich den tollen Sound von Woodes Bass, der doch auch ein paar Nuancen Schatten reinbringt (und z.B. im Closer nach vielen Klischees von Pauer ein schönes Solo spielt) …. das ist natürlich rein von der Qualität der Abbildung der Instrumente her wahnsinnig gut aufgenommen, aber …. für die hohe Energie des Trios passt das nicht optimal) ….

    Ich höre das nicht unähnlich wie Du (btw einer der wenigen Fälle in denen herausragende Aufnahmequalität  nachteilig wirkt), aber gesagt werden sollte auch :

    Fritz Pauer blieb nach zwei Leader Dates für MPS sitzen, in den nächsten 6 Jahren konnte er sich weder neu erfinden noch verschwinden, sondern er lehrte @ Jazzkonservatorium Wien, spielte in der berühmten ORF Big Band unter Karel Krautgartner zwecks Broterwerbes und war (Gott sei Dank) öfter mit Art Farmer im Wiener Jazzland zu sehen/hören …. der missing link zu der finalen Session für MPS war eine Piano Trio Aufnahme für Joe Haider’s EGO Records in Februar 1977 mit Isla Eckinger(b) + Billy Brooks (dr) …. mitgeschnitten im wohl überaus sagenumwobenen Tonstudio Bauer Ludwigsburg wurde ein sehr plastisches Bild festgehalten .. der Pianist im wiederkehrenden expressionistischen „Widerstreit“ mit seinem Komponisten, gehört gehört ….

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    #12580863  | PERMALINK

    thelonica

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    BOBBY TIMMONS – Chun-King

    „Chun-King“ läuft hier im Stream. Das Titelstück von Keter Betts (u. Charly Byrd) ist wie gemacht fürs Genre und könnte/sollte eine häufiger gehörte Komposition sein, mir gefällt es. Albert Heath wie fast immer super hier, man übersieht fast, dass es nicht nur ein Timmons Album mit ihm gibt. Keter Betts war Begleiter von Ella Fitzgerald u. Charly Byrd, plus tolle Alben von Sam Jones u.v.m. Es gibt hier auch ein Stück von Jobim (O Grand Amour). Toller Bassist. Sleeve Notes von Chris Albertson.

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    #12580949  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Jimmy Rowles – Shade and Light | Nachtmusik mit Jimmy Rowles, der natürlich auch klassisch konnte (neben dem krawalligen, das @vorgarten schon schön beschrieben hat) – hier für Black & Blue im Juli 1978 im Studio in Paris mit George Duvivier und Oliver Jackson. Ich mag Rowles in allen seinen Rollen und Facetten, Sänger, seltsamer Onkel, zweihändiger Pianist (in aufsteigender Bedeutung gelistet) – hier kriegt man fast nur letzteren, aber er singt dann doch ab und zu, nicht zuletzt in „You Started Something“ (Harburg/Gorney). Das ist alles maximal entspannt, aber nie langweilig … vielleicht die Antithese zu den getriebenen Hipstern Mose Allison oder Dave Frishberg, die irgendwie immer unter Druck stehen, während Rowles das alles mit einer selbstverständlichen Lockerheit macht, die doch nie unkonzentriert oder unfokussiert wirkt.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12581047  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Walter Norris – Stepping on Cracks (A Child Is Born) | Progressive kann schon auch etwas progressiver … Norris passt jedenfalls an der Oberfläche weniger gut in ein klassizistisches Schema als Friedman. Leider will Mraz den flachen nachklingenden Bass-Sound jener Zeit haben und kriegt ihn auch (er verkörpert den ja auch sehr, soweit ich das überblicke – allein deshalb nie ein richtiger Lieblingsbassist), spielt aber manchmal auch in die Tiefe und mit akzeptablem Sound, einfach ohne Wumms. Mraz und Norris hatten damals ja für Enja ein superbes Duo hinter sich, hier sind sie vier Jahre später (Norris hatte dazwischen noch „Synchronicity“ mit Aladar Pege gemacht, „Stepping…“ ist sein drittes Album, wenn man das frühe Trio mit Hal Gaylor/Norris/Billy Bean nicht mitrechnet). Im Downtwon Sound Studio am 17. Juli 1978 ist jedenfalls zum ersten Mal auch ein Drummer dabei, Ronnie Bedford, damals wohl sowas wie der Hausdrummer von Produzent Gus Statiras und auf all den Aufnahmen ziemlich gut. Es gibt hier nur fünf Stücke – Norris, Thad Jones, Coltrane, „Cherokee“ und einmal Rodgers/Hart. Mit dem eigenen Titelstück geht es los, 13 Minuten zwischen Tristano und Corea vielleicht, oder einfach Walter Norris, der seine eigene Klangwelt erkundet, die von eigenwillig getönten Akkorden bis ins Freie geht, auch rhythmisch. Danach „Falling Love with Love“ mit einem angemessen freien Einstieg (Drum-Intro, dann gestrichener Bass unter dem Thema, in dem das Tempo erst gefunden werden muss). Bei all den übernommenen Stücken griff Norris in die Form ein. Modulationen in „Falling in Love“, zusätzliche Changes (und wenn ich’s richtig verstehe auch Takte) auch in „Cherokee“, das Norris für „as much the backbone of jazz development as blues and rhythm changes“ hält. Auch in „Giant Steps“ kommt was dazu, „to give a more closing finality at the end of each solo. GIANT STEPS is indeed a giant contribution to jazz by John Coltrane.“ – Am Ende dann „A Child Is Born“ von Thad Jones, die zweite (halbe) Ballade und ein Stück, das Norris gemäss eigener Auskunft hier schon zum vierte Mal einspielt: „it offers so many possibilities for the theme and variations approach“. Das Stück gab der ein Jahr früher erschienenen japanischen Ausgabe (1981) den Namen und ist auch auf dem erwähnten Duo-Album mit Mraz schon zu hören („Drifting“, Enja, 1974) und in dem später aufgenommenen aber in der Zwischenzeit wohl schon veröffentlichten Nachfolger mit Aladar Pege wieder („Winter Rose“, Enja, 1980) – dazu kommen Versionen mit Pepper Adams („Twelfth and Pingree“, Enja, 1975) und Junko Mine („A Child Is Born“, Trio, 1976). Die Stücke werden also quasi neu zusammengesetzt, mit eigenartigen Intervallen und Voicings, immer sehr melodisch – mir gefällt Norris‘ Klangwelt, seitdem ich sie via „Drifting“ in den späten Neunzigern entdeckt habe. Und ihn auch mal mit Drums zu hören, ist toll.

    Vom (US-)Cover sollte man sich keinesfalls täuschen lassen: Das sind musikalisch Radikale. Der lachende Herr mit dem Rauschebart studierte bei einem Schlagzeuger aus Toscaninis NBC Orchester, den freundlichen Tschechen kennt man ja gut, und dem seltsamen Herrn in der Mitte, der die Stirn runzelt, sollte man vielleicht besser nicht seine Lebensgeschichte erzählen.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
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    gypsy-tail-wind
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    Sadik Hakim Trio – A Bit of Monk | Letzte Runde aus der Progressive-Küche für den Moment, glaub ich. Sadik Hakim war jetzt wieder im Geschäft und für dieses Ende Oktober 1978 im Downtown Sound mit Errol Walters und Satguro Singh eingespielte Album stellte er ein Programm aus vier Stücken von Monk („Pannonica“, „Off Minor“, „Blue Monk“, „Ugly Beauty“) und vier eigenen zusammen. Der Name des sonst nicht bekannten Drummers deutet auf Sikh und/oder Nordindien – es scheint unmöglich, da was zu finden. Die Stücke von Monk wechseln sich mit den eigenen ab, nach „Up at Harvey’s“ ist „Pannonica“ als Klaviersolo zu hören – Hakim entfernt sich kaum vom Thema, aber mehr braucht es da auch gar nicht. Wenn ich Hakims Stil beschreiben müsste, würde ich ihn irgendwo zwischen dem lyrischen frühen Bop (mehr Duke Jordan als Al Haig) und den idiosynkratischen Stilen von Monk und vielleicht noch etwas mehr Herbie Nichols verorten. Gerade die Balladen finde ich sehr toll, aber das vermischt sich auch, wenn er in „Ugly Beauty“ das Tempo anzieht und die Drums aktiver werden. Sehr schön auch die Originals „Ode to Scorpio“ am Ende der ersten Seite und „Luscious Thing“, das zweitletzte Stück des Albums. Jedenfalls echt schöne Alben (eins mehr hab ich noch, „Lazy Bird“, im April 1980 für Trio mit Walters und Clifford Barbaro eingespielt, aber das leg ich mal auf den Stapel für später).

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
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    gypsy-tail-wind
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    Joe Bonner Trio – Parade | Und damit bin ich in meinem Geburtsjahr angekommen … ein Album, das ich neulich nicht finden konnte, als ich chronologisch Dyani hörte. Aufgenommen wurde es am 8. Februar 1979 in Kopenhagen. Zum Einstieg wird Bonner zitiert, der meint, mit bald 31 sei es Zeit, seine eigene Musik zu machen (wobei „Parade“ sein fünftes Album ist, aber er arbeitete halt hauptsächlich als Sideman). Eine Woche, bevor er im kleinen Kellerbüro von Steeplechase sass, sei er unerwartet eines späten Abends im Jazzhus Montmartre aufgetaucht, direkt aus New York eingetroffen. Warum Kopenhagen? „I still remember the strong vibrations when I was here with Billy Harper’s Quintet, working at the old Montmartre in 75, and I always wanted to come back. As far as wanting to play my own music, it goes back to when I was in school in Virginia.“ – Die Schule habe ihn beinah rausgeworfen, weil er nicht – wie sein Vater es wollte – klassische Musik lernen mochte. In den letzten beiden Sommern sei er mit dem Quintett von Roy Haynes losgezogen, habe in Kanada und Boston gespielt. „But luckily, I stuck it out at college and finally graduated in 68. As far as studying other kinds of music, I didn’t learn anything that I haven’t been able to use, one way or the other…“. Bonners erster Gig nach dem Abschluss war mit Max Roach – mit Billy Harper und Jymie Merrit. Dann weiter zu Freddie Hubbard, der damals für CTI aufnahm, wo halt nur Stars erwünscht waren und Bonner daher den Platz jeweils für Herbie Hancock räumen musste (nicht mal Junior Cook war gut genug für Creed Taylor – die Hubbard-Band der frühen Siebziger war ja echt gut, aber ist leider kaum dokumentiert … auf dem phantastischen Mitschnitt aus Paris 1974 ist dann George Cables der Pianist).

    Bonner landete bald bei Pharoah Sanders, mit dem er von 1971 bis 1974 spielte und mehrere Alben aufnahm – eine wilde Zeit: „sometimes the fantastic staying power of Pharoah’s music would almost drain you out, physically. […] In some places, people would come up and tell us that we were not supposed to play like that, and several club owners accused me of trying to ruin their pianos. But the music also took its toll, there was a tendency to try to play literally everything in every measure (I think it was Miles Davis who once told Coltrane ‚you don’t have to play everything‘), and eventually the music had to take a turn and balance itself. So, finally, Pharoah disbanded and I joined Billy Harper’s quintet.“ – Mit diesem verbrachte Bonner zwei Sommer in Europa und spielte im Montmartre in Kopenhagen. Als er Anfang 1979 dort aufkreuzte, war Billy Higgins der erste Musiker, den er antraf (das Cedar Walton Quartet trat gerade auf) und sie unterhielten sich darüber, ein Trio-Album mit Johnny Dyani zu machen.

    Das Trio probte ein paar Tage, bevor es in den frühen Morgenstunden des 8. Februars ins Studio ging. „We started around 2 a.m. and recorded all night […] and when we were through, around seven or eight in the morning, the sun was getting up outside – almost as if it was reflecting the music we had just been through.“ Die Musik also: ein rollendes Bonner-Original zum Einstieg („Change It“) mit tollem Billy Higgins (er klingt ja immer so phantastisch … das ist hier in der Piano-Trio-Strecke glaub ich aber das erste Album, wo ich finde, dass sein ganzes Potential genutzt wird), dann Bebop mit Parkers Blues „Au Privave“ – was Bonner als Teil der „Afro-American tradition as it has been handed down by some of its great individuals“ versteht. Danach ein Hit von vor ein paar Jahren, „Sunny“ von Bobby Hebb. Teil zwei gehört dann ganz Bonners Stücken: „Hurry Up and Wait“ mit Dyanis auf- und abspringenden Bass-Riff. Das Titelstück „Parade“ bezieht sich auf ein seltsames Erlebnis mit einem ungenannten Drummer in New York („he would kill me if I revealed his name, but it’s not one of the ones that I have worked with“). Dieser sass am Steuer eines Wagens in New York und blieb trotz grüner Ampel minutenlang stehen. Als ihn schliesslich jemand fragte, was denn los sei, soll er geantwortet haben: „I’m waiting for the parade to go by!“ – aber da war natürlich keine Parade, „it was really some kind of hallucination on his part. I thought about that – and thus the dreamy, otherworldly and time-wise sort of ‚off‘ character of the tune.“ – Der langsame Walzer ist ein Highlight des Albums, auch dank dem schönen Dyani-Solo. Den Abschluss macht dann „Blues for B“, ein kurz vor Sonnenaufgang rasch im Studio improvisiertes Stück – für Barbra Streisand, „one of the greatest New Yorkers I know … [a]s an artist she came from almost out of nowhere, but as a musician, I think she’s really something else“ (alle Zitate aus den Liner Notes von Jorgen Frigard, März 1979). Auf der CD gibt es noch eine sehr schöne Solo-Version von „Wild Is the Wind“ und dann alternate Takes von „Hurry Up and Wait“ (deutlicher kürzer als der Master) und „Au Privave“.

    Dass Bonner auf dem Cover so konzentriert blickt, passt zur Musik. Auf dem Rückcover der LP gab es noch drei Fotos – und da lacht nicht etwa smilin‘ Billy Higgins sondern Dyani … der ernste Blick passt allerdings zur Musik, denn es scheint hier wirklich um viel zu gehen, die drei sind mit höchster Konzentration bei der Sache, gehen gemeinsam durch das teils ziemlich anspruchsvolle Material, das manchmal durchdacht arrangiert ist, dann eher dem freien Playing dient. Dyani und Higgins kriegen selbstverständlich ihre Spots und es ist auch in Ordnung, dass Bonner den Haupt-Credit alleine erhält – trotzdem ist das ein starker Trio-Effort, an dessen Erfolg alle drei gleichermassen beteiligt sind.

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    #12581069  | PERMALINK

    soulpope
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    gypsy-tail-wind Sadik Hakim Trio – A Bit of Monk | Sadik Hakim war jetzt wieder im Geschäft und für dieses Ende Oktober 1978 im Downtown Sound mit Errol Walter und Satguro Singh eingespielte Album stellte er ein Programm aus vier Stücken von Monk („Pannonica“, „Off Minor“, „Blue Monk“, „Ugly Beauty“) und vier eigenen zusammen …. Gerade die Balladen finde ich sehr toll, aber das vermischt sich auch, wenn er in „Ugly Beauty“ das Tempo anzieht und die Drums aktiver werden …. Jedenfalls echt schönes Album

    Von der Materialzusammenstellung her sehr stimmig und besonders „Ugly Beauty“ ist wirklich wunderbar …. der Erfolg hier auch damit begründet (sic), dass auf dem Track Errol Walter durchgehend in tiefem Bass agiert – ansonsten würde ich ihm insbesondere in seinen zahlreichen Soli den Punch von Clint Houston wünschen, welchen Du Letzterem unlängst (im Kontext mit Joanne Brackeen) abgesprochen hast ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
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    redbeansandrice

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    Frank Hewitt – We Loved You

    an dieses Album, einen .org hype von vor zwanzig Jahren musst ich die Tage öfters denken, wenn es um die Bebopveteranen ging… Hewitt (1935 – 2002) spielte sein ganzes Leben im New Yorker Bebop Untergrund, „he worked with Howard McGhee, Cecil Payne, John Coltrane, Dinah Washington and Billie Holiday“ steht bei wikipedia über ihn, und das ist bestimmt irgendwie wahr, klingt vielleicht glamouröser als es ist… aber deutet doch an, dass er viel gesehen und gehört hat… in den frühen 60ern, als Freddie Redd beim Theaterstück The Connection gelegentlich einen Stellvertreter brauchte, war das Hewitt… (War nicht Tina Brooks der Stellvertreter von Jackie McLean?) … in den 90ern war Hewitt dann ein geschätztes Mitglied der Szene rund um das Smalls… und nach seinem Tod brachte Luke Kaven auf Smalls Records eine Reihe von CDs mit Aufnahmen aus dem Smalls heraus, von denen das hier die erste ist. Über Elmo Hope liest man ja gelegentlich, dass er seinen ganz eigenen Platz zwischen Monk und Powell gefunden hat… über Hewitt kann man das sicher auch sagen… auch das Programm könnte so aus dem New Yorker Bebop Untergrund der 50er kommen, Ghost Of A Chance, Polka Dots and Moonbeams, I’ll remember April… man wartet eigentlich drauf, dass von der Strasse Lester Young hereinkommt und ein Solo spielt… Nein, das ist bestimmt kein essenzielles Album… aber es ist wahnsinnig schöne Musik.

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    #12581135  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Oh, danke für die Erinnerung, daran hatte ich nicht gedacht (dank Dir das eine Album, das ich von Hewitt habe).

    Hier:

    Hank Jones Trio – Live in Japan | Label-Wechsel von Progressive zu Trio, das hier ein Konzert in der Ishi-Kaikan Hall in Kagoshima am 2. Mai 1979 dokumentiert. Jones klingt super, Manne macht sein Ding wie üblich mit grosser Präsenz und hier oft sehr druckvoll. Und dann ist das George Duvivier – an sich beste Voraussetzungen, aber leider hat sein Bass kaum Tiefe (das wummert schon bisschen, aber ist nur leere Hülle, kein Volumen) – nicht sein Fehler, bestimmt, aber halt trotzdem schade, denn agil ist er und am richtigen Ort auch immer – aber nicht mal seine Walking-Linien klingen gut: als hätte er den Stimmbruch kippt der Sound je nach Lage, klingt aber weder unten noch oben gut. Echt schade, denn das ist ein ziemlich toller Mitschnitt, der Jones‘ von Teddy Wilson ebenso wie vom Bebop geprägtes, elegantes und sehr farbenreiches Klavierspiel sehr schön dokumentiert. Es gibt eine Reihe von Standards („Blue Lou“, „Cotton Tail“, „The Man I Love“ mit Duvivier im Lead, „Crazy Rhythm“, „I Only Have Eyes for You“, „Polka Dots and Moon Beams“, „Yardbird Suite“ und „On Green Dolphin Street“) und dazwischen noch Duviviers „Bassically the Blues“. Etwas unnett, dass nur Mannes Name mit auf dem Cover steht. Bei späteren Ausgaben änderte sich das zum Teil (von links: All Art LP, Japan, 1985; All Art CD, USA, 1991; All Art CD, Japan, 2010):

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    gypsy-tail-wind
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    René Urtreger, Pierre Michelot, Daniel Humair – R. Urtreger, P. Michelot, D. Humair | 19 Jahre sind vergangen, als HUM sich ein zweites Mal in der Formation im Studio in Paris treffen – oder genauer im Auditorium des Musée de l’Art Moderne, wo sie im Juni ein neues Album aufnehmen. Alle drei sind um einige musikalische (und sicherlich auch sonstige) Erfahrungen reicher und reifer, brauchen jedenfalls nicht überstürzen und können das Album schon mal im langsamen Tempo mit dem „Thème pour un ami“ von Urtreger öffnen – erst nach einer Minute oder so verdoppelt das Trio das Tempo, Michelot spielt das Thema am Bass. Dann „All God’s Chillun Got Rhythm“ – ein Stück, das die drei so rasant nehmen, wie es die Bebopper gerne taten. Dennoch wirkt das von Humairs Intro an den Besen ziemlich entspannt. Auch Michelots folgendes Original, „Ballade au Musehum“, ist ein langsames Stück – dieses Mal durchgängig und wieder mit dem Bassisten im Lead und einem tollen Klaviersolo. Danach gibt’s den „Bluesehum“ von allen dreien. Teil zwei öffnet locker swingend mit „The Duke“ von Dave Brubeck gefolgt von Sonny Rollins‘ „Airegin“ mit einem tollen, freien Schlagzeug-Intro und dann einem superben Hi-Hat-Puls von Humair. Urtregers „Didi’s Bounce“ ist dann fast so süffig wie ein Stück von Benny Golson, bevor das Album mit Humairs zunächst langsamem „Hum Calshum“ schliesst, in dem es ein tolles Schlagzeugsolo mit Bass-Begleitung gibt. Bisschen viele Puns im Spiel hier, da schadet es nichts, dass es im HUM-3-CD-Set noch den Bonustrack „It Could Happen to You“ gib (das Album ist auch so noch 37 Minuten kurz). Auch zu der Zeit ein tolles Trio, sehr lebendig im Zusammenspiel, wenngleich sicher nicht völlig gleichberechtigt. Die Aufnahme ist aus Europa und Michelot daher sehr gut aufgenommen. Wenn ich was zu kritisieren habe, vielleicht eine gewisse Routiniertheit? Vielleicht hätten den dreien ein Publikum im Auditorium eben doch gut getan?

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
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    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

    Registriert seit: 02.12.2013

    Beiträge: 56,976

    Franco D’Andrea „Kick Off“ (Red Records) 1989 …. alle Wege führen nach Rom …. so auch am 14ten April 1988, als Sergio Veschi seine „Dokumentation“ des italienischen Jazzes mit diesem Top Piano Trio fortführte …. der Leader zu diesem Zeitpunkt ein nachhaltigst erprobter Veteran, ebenso sein langjähriger Bassist Bruno Tommaso und Roberto Gatto nachgefragt im Musikgeschäft …. die Chemie der Musiker ist von Anbeginn spürbar und der Sound ist klasse (Bass !) …. ein „kick off“ zum Erfolg ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #12581193  | PERMALINK

    redbeansandrice

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    Beiträge: 14,777

    gypsy-tail-windOh, danke für die Erinnerung, daran hatte ich nicht gedacht (dank Dir das eine Album, das ich von Hewitt habe).

     
    hatte auch länger nicht an Hewitt gedacht… hier ist ein ganz guter Artikel, Hewitt lebte wohl in seinen letzten Jahren, in denen diese Aufnahmen entstanden, in einem umgebauten Kühlschrank hinten im Smalls… hier lief eben noch mehr Klaviertrio, ein bisschen Sadik Hakim, dann Sacha Perry (auch aus der Smalls Schule, Eretik), dann ein bisschen Bud Powell und nun das Vijay Iyer Album, das ich scheinbar lieber mag als die meisten Leute:


    Vijay Iyer, Linda May Han Oh, Tyshawn Sorey – Uneasy

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    #12581213  | PERMALINK

    lotterlotta
    Schaffnerlos

    Registriert seit: 09.04.2005

    Beiträge: 6,439

    redbeansandrice ……und nun das Vijay Iyer Album, das ich scheinbar lieber mag als die meisten Leute: Vijay Iyer , Linda May Han Oh, Tyshawn Sorey – Uneasy

    ….wieso denkst du das, ich mag das auch schon sehr, nur wenn man sich so durch die ganzen trio-alben wühlt, wird es immer schwerer tatsächlich nachvollziehbare entscheidungen bzgl. „in and out of the top“ zu treffen! je mehr alte aufnahmen ich höre, desto schwerer haben es diejenigen aus den letzten 30 jahren, die bei mir auch sehr hoch in der gunst stehen, sei es nun iyer, e.s.t. , em oder wollny! zur zeit überlege ich, welche lieblingsalben von jamal, evans, jarrett, flanagan, hawes, ellington, clark, allen, ibrahim,peterson(allein sie haben schon mehr als 30 plätze besetzt) weston oder waldron raus müssen um auch platz für echte highlights bei den solitären alben im regal von kessler, williams, nock, horn, barron, beirach oder cryspell zu bekommen…eigentlich ist eine top 20 auswahl unmöglich ohne bauch- und kopfschmerzen. vielleicht bin ich auch überfordert, es ist einfach zu viel! hab keine ahnung wie flurin, jan und ingo das alles hin bekommen, mir fehlt das ohr und vielleicht auch der wille diese ganzen fantastischen alben kritischer zu zerpflücken, bei zu vielen denke ich beim hören, ja das müsste auch rein! so foltere ich mich gerade mit dieser unfassbar guten aufnahme von evans…

    hier muss ich schon abwägen ob sie in oder out bleibt…..wie soll da dann platz für iyer und all die anderen sein…..ich glaub ich steig aus, genieße meine platten, lese hier mit und überlege mir dann später, was noch in meinen schrank rein könnte….das piano trio, ein fass ohne boden….

     

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    Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt!  
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