Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Walter Norris – Stepping on Cracks (A Child Is Born) | Progressive kann schon auch etwas progressiver … Norris passt jedenfalls an der Oberfläche weniger gut in ein klassizistisches Schema als Friedman. Leider will Mraz den flachen nachklingenden Bass-Sound jener Zeit haben und kriegt ihn auch (er verkörpert den ja auch sehr, soweit ich das überblicke – allein deshalb nie ein richtiger Lieblingsbassist), spielt aber manchmal auch in die Tiefe und mit akzeptablem Sound, einfach ohne Wumms. Mraz und Norris hatten damals ja für Enja ein superbes Duo hinter sich, hier sind sie vier Jahre später (Norris hatte dazwischen noch „Synchronicity“ mit Aladar Pege gemacht, „Stepping…“ ist sein drittes Album, wenn man das frühe Trio mit Hal Gaylor/Norris/Billy Bean nicht mitrechnet). Im Downtwon Sound Studio am 17. Juli 1978 ist jedenfalls zum ersten Mal auch ein Drummer dabei, Ronnie Bedford, damals wohl sowas wie der Hausdrummer von Produzent Gus Statiras und auf all den Aufnahmen ziemlich gut. Es gibt hier nur fünf Stücke – Norris, Thad Jones, Coltrane, „Cherokee“ und einmal Rodgers/Hart. Mit dem eigenen Titelstück geht es los, 13 Minuten zwischen Tristano und Corea vielleicht, oder einfach Walter Norris, der seine eigene Klangwelt erkundet, die von eigenwillig getönten Akkorden bis ins Freie geht, auch rhythmisch. Danach „Falling Love with Love“ mit einem angemessen freien Einstieg (Drum-Intro, dann gestrichener Bass unter dem Thema, in dem das Tempo erst gefunden werden muss). Bei all den übernommenen Stücken griff Norris in die Form ein. Modulationen in „Falling in Love“, zusätzliche Changes (und wenn ich’s richtig verstehe auch Takte) auch in „Cherokee“, das Norris für „as much the backbone of jazz development as blues and rhythm changes“ hält. Auch in „Giant Steps“ kommt was dazu, „to give a more closing finality at the end of each solo. GIANT STEPS is indeed a giant contribution to jazz by John Coltrane.“ – Am Ende dann „A Child Is Born“ von Thad Jones, die zweite (halbe) Ballade und ein Stück, das Norris gemäss eigener Auskunft hier schon zum vierte Mal einspielt: „it offers so many possibilities for the theme and variations approach“. Das Stück gab der ein Jahr früher erschienenen japanischen Ausgabe (1981) den Namen und ist auch auf dem erwähnten Duo-Album mit Mraz schon zu hören („Drifting“, Enja, 1974) und in dem später aufgenommenen aber in der Zwischenzeit wohl schon veröffentlichten Nachfolger mit Aladar Pege wieder („Winter Rose“, Enja, 1980) – dazu kommen Versionen mit Pepper Adams („Twelfth and Pingree“, Enja, 1975) und Junko Mine („A Child Is Born“, Trio, 1976). Die Stücke werden also quasi neu zusammengesetzt, mit eigenartigen Intervallen und Voicings, immer sehr melodisch – mir gefällt Norris‘ Klangwelt, seitdem ich sie via „Drifting“ in den späten Neunzigern entdeckt habe. Und ihn auch mal mit Drums zu hören, ist toll.

Vom (US-)Cover sollte man sich keinesfalls täuschen lassen: Das sind musikalisch Radikale. Der lachende Herr mit dem Rauschebart studierte bei einem Schlagzeuger aus Toscaninis NBC Orchester, den freundlichen Tschechen kennt man ja gut, und dem seltsamen Herrn in der Mitte, der die Stirn runzelt, sollte man vielleicht besser nicht seine Lebensgeschichte erzählen.

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