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Joe Bonner Trio – Parade | Und damit bin ich in meinem Geburtsjahr angekommen … ein Album, das ich neulich nicht finden konnte, als ich chronologisch Dyani hörte. Aufgenommen wurde es am 8. Februar 1979 in Kopenhagen. Zum Einstieg wird Bonner zitiert, der meint, mit bald 31 sei es Zeit, seine eigene Musik zu machen (wobei „Parade“ sein fünftes Album ist, aber er arbeitete halt hauptsächlich als Sideman). Eine Woche, bevor er im kleinen Kellerbüro von Steeplechase sass, sei er unerwartet eines späten Abends im Jazzhus Montmartre aufgetaucht, direkt aus New York eingetroffen. Warum Kopenhagen? „I still remember the strong vibrations when I was here with Billy Harper’s Quintet, working at the old Montmartre in 75, and I always wanted to come back. As far as wanting to play my own music, it goes back to when I was in school in Virginia.“ – Die Schule habe ihn beinah rausgeworfen, weil er nicht – wie sein Vater es wollte – klassische Musik lernen mochte. In den letzten beiden Sommern sei er mit dem Quintett von Roy Haynes losgezogen, habe in Kanada und Boston gespielt. „But luckily, I stuck it out at college and finally graduated in 68. As far as studying other kinds of music, I didn’t learn anything that I haven’t been able to use, one way or the other…“. Bonners erster Gig nach dem Abschluss war mit Max Roach – mit Billy Harper und Jymie Merrit. Dann weiter zu Freddie Hubbard, der damals für CTI aufnahm, wo halt nur Stars erwünscht waren und Bonner daher den Platz jeweils für Herbie Hancock räumen musste (nicht mal Junior Cook war gut genug für Creed Taylor – die Hubbard-Band der frühen Siebziger war ja echt gut, aber ist leider kaum dokumentiert … auf dem phantastischen Mitschnitt aus Paris 1974 ist dann George Cables der Pianist).
Bonner landete bald bei Pharoah Sanders, mit dem er von 1971 bis 1974 spielte und mehrere Alben aufnahm – eine wilde Zeit: „sometimes the fantastic staying power of Pharoah’s music would almost drain you out, physically. […] In some places, people would come up and tell us that we were not supposed to play like that, and several club owners accused me of trying to ruin their pianos. But the music also took its toll, there was a tendency to try to play literally everything in every measure (I think it was Miles Davis who once told Coltrane ‚you don’t have to play everything‘), and eventually the music had to take a turn and balance itself. So, finally, Pharoah disbanded and I joined Billy Harper’s quintet.“ – Mit diesem verbrachte Bonner zwei Sommer in Europa und spielte im Montmartre in Kopenhagen. Als er Anfang 1979 dort aufkreuzte, war Billy Higgins der erste Musiker, den er antraf (das Cedar Walton Quartet trat gerade auf) und sie unterhielten sich darüber, ein Trio-Album mit Johnny Dyani zu machen.
Das Trio probte ein paar Tage, bevor es in den frühen Morgenstunden des 8. Februars ins Studio ging. „We started around 2 a.m. and recorded all night […] and when we were through, around seven or eight in the morning, the sun was getting up outside – almost as if it was reflecting the music we had just been through.“ Die Musik also: ein rollendes Bonner-Original zum Einstieg („Change It“) mit tollem Billy Higgins (er klingt ja immer so phantastisch … das ist hier in der Piano-Trio-Strecke glaub ich aber das erste Album, wo ich finde, dass sein ganzes Potential genutzt wird), dann Bebop mit Parkers Blues „Au Privave“ – was Bonner als Teil der „Afro-American tradition as it has been handed down by some of its great individuals“ versteht. Danach ein Hit von vor ein paar Jahren, „Sunny“ von Bobby Hebb. Teil zwei gehört dann ganz Bonners Stücken: „Hurry Up and Wait“ mit Dyanis auf- und abspringenden Bass-Riff. Das Titelstück „Parade“ bezieht sich auf ein seltsames Erlebnis mit einem ungenannten Drummer in New York („he would kill me if I revealed his name, but it’s not one of the ones that I have worked with“). Dieser sass am Steuer eines Wagens in New York und blieb trotz grüner Ampel minutenlang stehen. Als ihn schliesslich jemand fragte, was denn los sei, soll er geantwortet haben: „I’m waiting for the parade to go by!“ – aber da war natürlich keine Parade, „it was really some kind of hallucination on his part. I thought about that – and thus the dreamy, otherworldly and time-wise sort of ‚off‘ character of the tune.“ – Der langsame Walzer ist ein Highlight des Albums, auch dank dem schönen Dyani-Solo. Den Abschluss macht dann „Blues for B“, ein kurz vor Sonnenaufgang rasch im Studio improvisiertes Stück – für Barbra Streisand, „one of the greatest New Yorkers I know … [a]s an artist she came from almost out of nowhere, but as a musician, I think she’s really something else“ (alle Zitate aus den Liner Notes von Jorgen Frigard, März 1979). Auf der CD gibt es noch eine sehr schöne Solo-Version von „Wild Is the Wind“ und dann alternate Takes von „Hurry Up and Wait“ (deutlicher kürzer als der Master) und „Au Privave“.
Dass Bonner auf dem Cover so konzentriert blickt, passt zur Musik. Auf dem Rückcover der LP gab es noch drei Fotos – und da lacht nicht etwa smilin‘ Billy Higgins sondern Dyani … der ernste Blick passt allerdings zur Musik, denn es scheint hier wirklich um viel zu gehen, die drei sind mit höchster Konzentration bei der Sache, gehen gemeinsam durch das teils ziemlich anspruchsvolle Material, das manchmal durchdacht arrangiert ist, dann eher dem freien Playing dient. Dyani und Higgins kriegen selbstverständlich ihre Spots und es ist auch in Ordnung, dass Bonner den Haupt-Credit alleine erhält – trotzdem ist das ein starker Trio-Effort, an dessen Erfolg alle drei gleichermassen beteiligt sind.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba