Das Piano-Trio im Jazz

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    gypsy-tail-wind
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    Paul Bley – Ramlin‘ | Das Trio-Album, das Bley am 1. Juli 1966 im RCA Studio in Rom mit Mark Levinson und Barry Altschul machte, erschien drei Jahre später bei BYG in Paris. Es ist nicht so dicht und auf Interplay ausgelegt wie die frühen Sessions mit Peacock, nicht so karg wie etwas spätere Aufnahmen … vielleicht setzt sich das alles gerade wieder zusammen, aber ich bin von all diesen Bley-Aufnahmen beim aktuellen Durchgang etwas weniger fasziniert als beim letzten Anlauf vor ein paar Jahren. Hier gibt es von allem etwas: Annette Peacock („Both“, „Touching“), Carla Bley („Albert’s Love Theme“, „Ida Lupino“), Ornette Coleman („Ramblin'“), es gibt Grooves und Stillstand, Melodisches, Rhythmisch Treibendes – und bei aller Freiheit auch immer wieder tolle Akkorde von Bley, interessante Voicings auch in den Stücken, die er damals ständig spielte. Altschul hat das alles drauf, dass es Levinson später ins Hi-Fi-Feld verschlug (mit Kim Catrall verheiratet war er auch noch, lebt laut Wiki seit 2007 in der Schweiz, wurde vor zehn Tagen 79 Jahre alt), ist keineswegs folgerichtig – er ist bloss nicht so agil wie Peacock (oder Red Mitchell, oder Chuck Israels), hat aber einen tollen Sound und auch einen tollen Beat, was auch in dieser freieren Musik durchaus von Belang ist.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
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    soulpope
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    gypsy-tail-wind Paul Bley – Ramlin‘ | …. dass es Levinson später ins Hi-Fi-Feld verschlug (mit Kim Catrall verheiratet war er auch noch, lebt laut Wiki seit 2007 in der Schweiz, wurde vor zehn Tagen 79 Jahre alt), ist keineswegs folgerichtig – er ist bloss nicht so agil wie Peacock (oder Red Mitchell, oder Chuck Israels), hat aber einen tollen Sound und auch einen tollen Beat, was auch in dieser freieren Musik durchaus von Belang ist.

    Zum Thema Agilität legt Mark Levinson auf „In Haarlem – Blood“ (Polydor International) im selben Jahr noch ein paar Schäuferl nach ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #12576945  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Mike Taylor – Trio | Das fügt sich gerade sehr gut an – zumindest bis zum Moment nach knapp eineinhalb Minuten, als das Trio in einen halbwegs stabilen Beat fällt und Taylor das bis dahin nur umspielte Thema von „All the Things You Are“ für ein paar Takte ganz direkt ausspielt. Vom Debut „Pendulum“ (im Quartett) habe ich mir ja das aktuelle Vinyl-Reissue holen müssen, hiervon gibt es auch so eins, aber mir reicht die ezz-thetics/Hat Hut-CD (die noch eine lange Kostprobe von „Pendulum“ enthält sowie drei kürzere Stücke, dei Taylor für Cream komponierte, die da auch zu hören sind, also Eric Clapton mit Jack Bruce und Ginger Baker).

    Los geht es wie gesagt mit „All the Things You Are“ – und das Trio mit Ron Rubin und Jon Hiseman findet eine Linie irgendwo zwischen Bley, Evans und dem freien Geist, der auch „Dream Talk“ von Wolfgang Dauner beseelte. Hisemans Drums sind mir eine Spur zu hart, ich finde sein Spiel nicht so interessant – aber das ist mein Problem und eins auf hohem Niveau, denn er passt schon zum Trio, in dem auf der Hälfte der Stücke Jack Bruce am Kontrabass dazustösst – dreimal neben, einmal statt Rubin (das ist also ein 3/8-Quartett-Album). Neben vier Originals vom Pianisten spielt das Trio auch „While My Lady Sleeps“, „The End of a Love Affair“ und „Stella by Starlight“. Da ist also auch der Geist von Coltrane, Billie Holiday und Miles Davis im Haus … und ich vermute hier auch wieder mal, dass neben Evans auch Herbie Hancocks Spiel hier Spuren hinterlassen hat. Taylor hat einen echt schönen Touch, das ist alles höchst lebendig, auch wenn das Interplay meist ein wenig am Bass bzw. den Bässen vorbeizieht. Das ist für mich mehr ein Stimmungsalbum als eins, das mich wirklich packt.

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    #12576959  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Paul Bley – Blood | Zurück in die Garage – bzw. den Kopf von Paul Bley. Laut Discogs in den Niederlanden 1966 mit dem schwarzen Cover, 1967 in Japan mit dem Röling-Motiv, das es dann ab 1984 auch mit weissem Hintergrund gibt. Zehn Stücke und dafür auch ca. zehn Minuten mehr als bei den eher kurzen anderen Alben aus der Zeit, mit Levinson und Altschul am 21. September und 4. Oktober 1966 in Baarn. Teils dieselben Stücke, jedenfalls das übliche Repertoire wie auf den anderen Alben aus der Zeit: nach dem Titelstück von Annette Peacock folgt ihr „Albert’s Love Theme“, später Colemans „Ramblin'“ (da hör ich im direkten Vergleich auch Fortschritte von Levinson) und Paul Bleys „Pig Foot“ als Closer. Dazwischen mehr von Carla („Seen“) und vor allem Annette („Cordobes“, „Mr. Joy“, „Kid Dynamite“, „Nothing Ever Was, Anyway“) und auch noch ein weiteres Original des Pianisten, „Only Sweetly“. Das bleibt faszinierend in den Räumen, die es bespielt oder auch einfach öffnet, ohne sie zu bespielen. Und es gibt auch neue Aspekte, z.B. der Latin- (oder: spanische?) Beat in „Cordobes“. Aber mir fehlt heute dafür manchmal gerade ein wenig die Geduld – ich bin froh, dass als nächstes wieder Wynton Kelly ansteht und auch The Three Sounds zwischen weiteren Bley- und Evans-Aufnahmen wieder mal dabei sind.

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    #12576991  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    The Wynton Kelly Trio – Full View | Paul Chambers war bis zu seinem frühen Tod ein gefragter Mann. Wenn er nicht konnte, sprang im Wynton Kelly Trio öfter mal Ron McClure ein, so auch im September 1966, als bei drei Sessions dieses Milestone-Album entstand. Dass der Bassist nicht fix dabei war, erahnt man aufgrund des Resultates nicht. Sein Spiel ist vielleicht etwas tieftöniger und behäbiger als das von Chambers, aber es fügt sich hervorragend zum Flow von Cobb. „I Want a Little Girl“ ist schon mal ein klasse Opener die restlichen acht Stücke mischen Klassiker, Pop und Originals von Kelly („Scufflin'“) und seinem Freund Rudy Stevenson (der Walzer „I Thought“ sowie „Dontcha hear Me Callin‘ to Ya“). „Walk On By“ steht am Ende, es gibt auch „On a Clear Day“ (auch Teil des Left Bank-Mitschnitts mit Joe Henderson), „What a Diff’rence a Day Makes“, „Autumn Leaves“ und „Born to Be Blue“ – ein schönes Programm also, kurz gehaltene Stücke, aber auch die geben dem Pianisten Raum für zahlreiche tolle Soli. An Ideen mangelte es Kelly echt nie, und auch wenn er funky wird, driftet er nie in Klischees ab. Ich mag sein Spiel wahnsinnig gerne – und wünschte mir, es gäbe nur halb so viele Aufnahmen wie von Bill Evans … Wynton Kelly ist ein Lieblingspianist ohne richtiges Lieblingsalbum – in meine Liste gehört er auf jeden Fall, der heisseste Kandidat ist das erste Vee Jay-Album mit Philly Joe Jones.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12577035  | PERMALINK

    soulpope
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    gypsy-tail-wind The Wynton Kelly Trio – Full View | Paul Chambers war  … Wynton Kelly ist ein Lieblingspianist ohne richtiges Lieblingsalbum ….

    Wäre wohl ein eigener Thread  …

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #12577073  | PERMALINK

    redbeansandrice

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    vorgartensehr schön, freut mich, dass vor allem I’M ALL SMILES gezündet hat.

     

    Mich freut das natürlich auch! All Smiles hab ich sicher in der Top 20, wahrscheinlich wird es dreimal Hawes (noch Here and Now und Trio Volume 2)

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    #12577201  | PERMALINK

    soulpope
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    Paul Bley „Both“ (Hi Hat) 2018 …. eine nicht sonderlich legitime Veröffentlichung des Trios mit Mark Levinson + Barry Altschul vom 31sten August 1966 @ Jazz Festival Lugano …. die rasante Entwicklung des Bassisten im Lauf eines halben Jahres ist über die Version der sich sukzessive entblätternden Komposition von Annette Peacock auf „Ramblin'“ (BYG) über jene dieses Livemischnitts bis zu „In Haarlem – Blood“ Anfang November gut nachzuvollziehen ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #12577265  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Bill Evans – The Secret Sessions: Recorded Live at the Village Vanguard 1966-1975 | Im Village Vanguard war Evans vor allem in den Sechzigern sehr oft zu Gast – und wurde auch oft mitgeschnitten, nicht nur 1961 für Riverside, sondern auch heimlich von Mike Harris, einem Fan, aus dessen Nachlass 1996 eine Box mit acht CDs erschien.

    Doug Ramsey, Liner Notes
    Mike Harris is unsure whether Evans knew he was being recorded in the club. The two shy men talked, but not often and not long, and neither raised the subject. „I think in over 15 years he might have noticed,“ Harris says. „We were always toting this rather large, rather heavy bag, and I figured that at some point he would just look at us and say, ‚I know what the hell you’re doing,‘ but it didn’t come up.“

    Mitte der Sechziger, als die Formation mit Israels/Bunker nicht mehr bestand, fing für Evans eine Übergangsphase an. Im März 1966 ist er im Vanguard auf acht Stücken (CD1 #1-8) mit dem alten Gefährten Teddy Kotick (der kaum noch aktiv war) und Arnie Wise zu hören (er ist auch auf dem Town Hall-Album zu hören). „Very Early“ macht den Einstieg, ein Huster sitzt in der Nähe und ist auch in „Round Midnight“ noch mehrfach zu hören … dann wurde er wohl nach Hause ins Bett geschickt (oder die folgenden Stücke stammen von einem anderen Abend im selben Monat?). „One for Helen“, „Blue in Green“, „Turn Out the Stars“, „Waltz for Debby“, „Time Remembered“ und Autumn Leaves“ folgen – Evans-Kernrepertoire grossteils, mit einem hervorragend aufgelegten Pianisten und einem Trio voller Drive.

    Weiter geht es dann am 3. Juli (CD1 #9-13), hier ist der neue Bassist an Bord, Eddie Gomez, der elf Jahre bei Evans bleiben sollte, und weiterhin Wise am Schlagzeug. Es gibt „I Should Care“, „Elsa“, „Who Can I Turn To“, „My Foolish Heart“ und „In Your Own Sweet Way“, das in den Set-Closer „Five“ übergeht. Im „Elsa“ spielt Evans hinter Gomez‘ Bass-Solo eine auffällige Begleitung – und es entwickelt sich ein Dialog, der vielleicht schon den Kern der fruchtbaren Zusammenarbeit enthält.

    Bill Evans, Shelly Manne, Eddie Gomez – A Simple Matter of Conviction | Am 4. Oktober 1966 gingen Evans und Gomez mit Shelly Manne für Verve ins Studio von Rudy Van Gelder – es entstand ein Nachfolger zum Label-Debut „Empathy“, doch dieses Mal war der Bassist derjenige von Evans‘ Combo. Creed Taylor hatte Verve inzwischen verlassen und Helen Keane, Evans‘ Managerin, kümmerte sich jetzt um die Sessions. In einem Interview 1994 erzählte sie: „As Bill Evans’s manager, I was in the studio whenever he recorded. Creed Taylor, who was his producer at the time, began relying on me more and more. I would bring home cassettes of the sessions and make suggestions. Long before my name appeared on Bill’s records, I was virtually producing them. When Creed was leaving Verve Records, he called me in and said he was going to set it up for me to take over officially as Bill’s producer. Fortunately, the president of MGM/Verve agreed, and I got a contract“ (aus den Liner Notes von Phil Bailey zu Verve-Box von Evans).

    Und ich erfreue mich an @vorgartens Spiel mit den Farben des Covers und der Musik:

    vorgartenwie man aus dem herrenclub auf die moderne zeit schaut… „these things called changes“, heißt der von evans komponierte closer. moderneskepsis kommt natürlich gut, wenn das eigene konzept in formeln erstarrt. gutes altes evans-trio also hier, aber tatsächlich wurde es ja erst ein paar jahre früher so erfunden. außerdem ist der bassist hier neu, chuck israels ist im letzten club sitzen geblieben, arnie wise wollte auch nicht mehr um die welt fliegen, also kam es erstmal zur interims-herrenrunde, dann kam mal wieder philly joe jones ins spiel, dann bekannterweise jack dejohnette, dann stellte sich mit marty morell die stabilität wieder ein. zu hören gibt es hier altes zeug in ocker, waldgrün und rustikalbraun, bill evans hat das metronom dazu eingeschaltet, der drummer hält sich geschmackvoll im dunkelbraunen hintergrund, auch der neue bassist kann den rollkragenpullover anlassen. (ich denke ja, dass die herren ironiebewusstsein hatten, aber es ist zu schön, die farbpalette 1:1 auf das programm zu beziehen.)

    Neu erfunden wurde bei Evans in der Zeit wirklich nichts mehr … aber viel gute Musik zu hören gibt es dennoch. Wenn Evans am Ende des März-Segments aus dem Village Vanguard das Intro zu „Autumn Leaves“ anstimmt und Kotick/Wise sofort in den Groove fallen, ist da nicht mehr die Leichtigkeit der frühen Jahre. Der Zugewinn an Gewicht hindert das Trio allerdings nicht daran, durch Kosmas Klassiker zu tänzeln, Kotick erweist sich auch solistisch als der Herausforderung gewachsen, Wise hat den Swing mit den Besen hervorragend im Griff. Und Evans steigt nach dem Bass-Solo mit einer Energie ein, die er im Studio nicht oft aufbrachte … hier ist gerade auch der direkte Vergleich mit Wynton Kelly aufschlussreich: die beiden sind sich ähnlicher, als man gemeinhin denken würde: Voicings, Rhythmik, Flow …

    Im Studio finde ich Manne z.B. gerade im Opener/Titelstück gar nicht so hintergründig – aber vielleicht kann man sagen, er erfüllt seine Rolle anders? Er kommentiert aktiv, tut das aber wie er es halt immer schon tat, nicht im Dialog (oder Trialog) mit den anderen, während sich parallel dazu das Zwiegespräch von Evans und Gomez immer mehr intensiviert. Er klingt jedenfalls phantastisch – zwischen den eher bescheidenen Aufnahmen aus dem Village Vanguard eine Wohltat. Der Bassist kriegt in „Stella by Starlight“, dem zweiten Stück, schon seinen ersten grossen Spot. Das Repertoire ist teilweise konventionell („My Melancholy Baby“, „Stella by Starlight“, „Laura“, „Star Eyes“, „I’m Getting Sentimental over You“), teilsweise original: Es gibt gleich vier neue (?) Evans-Tunes. Nach dem Titelstück sind das „Only Child“ und „Orbit“ (1966 war – zuletzt vor 2026 – das Jahr des Feuerpferds, zudem das Jahr der Kulturrevolution und vielleicht auch das des Buchstabens O?) und schliesslich der Closer, den Evans als Warm-Up schon im Trident gespielt hatte, eine Re-Harmonisierung von „What Is This Thing Called Love“, mit eigener neuer Melodielinie (die Info beziehe ich aus einem Kommentar in der Verve-Box zum Track der Trident-Aufnahmen).

    Vom 21. Oktober (CD2 #1-3), sowie dem 10. (CD2 #4-9) und 12. (CD2 #10-14 und CD3 #1-3) November 1966 folgen in der „Secret Sessions“-Box weitere Aufnahmen mit Gomez/Wise, darunter diverse Evans-Klassiker wie „Gloria’s Step“, „Nardis“, „Come Rain Or Come Shine“, „Spring Is Here“ (ein direkter Vergleich mit Hawes), „A Sleepin‘ Bee“, „Emily“ usw., es gibt aber auch „Alice in Wonderland“ (1961 mit LaFaro/Motian im Vanguard aufgenommen) und „I Love You“, mit dem sein Debutalbum beginnt (er spielte es auch 1957 in Newport, nahm es dann mit Herbie Mann wieder auf, sonst scheint es v.a. vereinzelte Live-Versionen zu geben – wobei „vereinzelt“ bei Evans auch ein Dutzend heissen kann, der Katalog ist ja so erschlagend umfangreich).

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    #12577315  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    The 3 Sounds – Vibrations | Die Dreiklänge sind zurück bei Blue Note und nehmen Ende Oktober 1968 mit dem neuen Drummer Kalil Madi dieses Album auf. Im Opener und auch sonst noch gelegentlich spielt Harris auch Orgel – im Opener „The Frown“ im Thema, das dann aber schon vom Klavier kommentiert wird, an das er zum Solo wechselt. Es folgen „Fever“ und „Let’s Go Get Stoned“, „Something You Got“ und „Yeh Yeh“, bevor mit „It Was a Very Good Year“ ein fast schon Klassiker und wieder mit Orgel und Klavier (na ja, von 1961 – „Fever“ ist ja schon von 1956) – die erste Seite abschliesst. Vielleicht ist das auch ein „die Band als Juke-Box“-Album – eine Jukebox, in die ich mich sofort verguckt hab, als ich das japanische CD-Reissue von 2019 gekauft hatte. Auf Seite B geht es dann wortwörtlich klassisch los mit Ravels „Pavane“ – natürlich im funky Midtempo. Es folgt etwas Operette mit „Yours Is My Heart Alone“ von Lehár. Dann leitet „Django“ von John Lewis zum Jazz rück, und mit „Charade“ gibt es als Closer nochmal einen jüngeren Pop-Song – in einer gradlinig walkenden Version (ohne Orgel übrigens, die gibt’s nur zweimal). Die Rede (von Cuscuna) davon, dass das „nur“ noch das Gene Harris Trio sei – da mag was dran sein, aber waren die frühen Three Sounds am Ende was anderes? Das ist auch hier alles total in the pocket, bewegt sich mit einer leichten Eleganz zwischen dem Ahmad Jamal Trio, Oscar Peterson und der Kirche (ich sage jetzt nicht „Amen“, sonst hat der arme Joe Goldberg eine Kolik im Grab). Der neue (Kurzzeit-)Drummer macht sich gut, hat einen leichten Touch, haut seine oft einfach gehaltenen Beats aber wuchtig raus, lässt im „Sidewinder“-Groov von „Yeh Yeh“ und anderswo die Snare und ein Becken rasseln, dass man an ein Tamburin denkt (etwas, was es bei Blue Note ja um den Dreh rum auch gern mal gab).

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    #12577319  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Paul Bley – In Haarlem–Blood | Der Hippie mit den Drogen und den Frauen (er hatte noch nicht an den Synthesizer rübergemacht) zeigt hier, dass er auch grosses Kino kann, nicht nur Kurzgeschichten. Zwei seitenfüllende Tracks, aufgenommen live in Haarlem am 4. November 1966 mit Levinson und Altschul … und ja, das ist phantastisch! Levinson hat in der Zeit echt rasante Fortschritte gemacht, wie anhand der Aufnahmen mit Bley zu hören ist. „Mister Joy“ geht nach den Klangkaskaden von „Blood“ fast beschaulich los, eine Art Latin-Groove mit einer Melodie wie von Carla Bley (aber beide Stücke sind von Annette Peacock – beide sind jedenfalls immer dabei, wenn Bley in der Zeit auftritt) – da kann man gut Vergleiche ziehen zu anderen Trios der Zeit, Gemeinsamkeiten und Unterschiede finden: Bley ist nicht abseits all der anderen unterwegs – aber sein Trio atmet einen freieren Geist, auch wenn es groovt oder sogar eine Art Free-Bossa spielt, ist alles instabil, kann in Richtungen gehen, die den meisten anderen verwehrt sind. Gerade im Vergleich mit der formelhaft gewordenen Musik von Bill Evans ist das schon aufschlussreich und faszinierend.

    Ich habe leider nur die hässliche grünliche Ausgabe, obendrein noch eine nicht als solche deklarierte CD-R untergejubelt gekriegt … den Titeltrack gibt es auch als Bonus auf der Black Lion-CD „Touching“ (ansonsten rein Reissue von „Touching“ mit verdrehter Track-Abfolge) – das Originalcover aus Deutschland (?) ist das erste, in Japan gab es auf Freedom ab 1974 das Sonnenauf- oder Untergangscover, von dem auch das Rückcover mit dem Foto Bleys stammt.

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    #12577333  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Valdo Williams – New Advanced Jazz | Noch ein Pianist aus Kanada, der allerdings im Gegensatz zu den Kollegen Peterson un Bley nur ein einziges Album einspielen konnte, am 20. Dezember 1966, also im kurzen Zeitfenster, als Savoy ein paar Avantgarde-Sachen machte. Reggie Johnson und Stu Martin sind sehr viel bekannter geworden (oder waren es damals schon). Williams schreibt seine eigenen Liner Notes und erwähnt seine Anfänge im Bebop (er hat 1953 in Montréal Charlie Parker begleitet, es gibt davon seine einzige weitere Aufnahme, u.a. bei Uptown zu finden): „The existing jazz at the time I started (bebop, modern jazz etc.) had preset chord progressions and rules that seemed to forbid the utilization of at least some of the newest compositional techniques (harmonic, melodic, contrapuntual) that I had been involved in for some years.“ – Er betont zugleich aber, wie zentral der Beat für ihn sei, schon im ersten Satz des Textes: „There is something exciting, invigorating and rejuvenating about being able to pat my feet while playing jazz.“ – Und Williams erklärt, dass die freien Passagen auf seinem Album trügerisch seien: „At times my music digresses into areas that sound like ’no time ad lib.‘ But are in reality rapidly changing meters.“ – Das ist wohl der Schlüssel für die vier Stücke des Albums, die er natürlich alle selbst geschrieben hat. Der Closer „The Conqueror“ dauert dabei 16:40 Minuten, die ersten zwei auf der A-Seite, „Desert Fox“ und „Bad Manners“, jeweils um die elf. Die B-Seite beginnt mit dem einzigen kürzeren Stück, „Move Faster“. Ich höre in diesem Material eine gewisse Verwandtschaft zu einem Pianisten, den wir hier bisher nicht erwähnt haben, soweit ich es mitgekriegt habe: Hasaan Ibn Ali, der zu Lebzeiten auch nur ein Album machen konnte, als featured Sideman im Trio mit Max Roach (und Art Davis). Das ist zweihändige, ruppige Musik, die oft abrupt das Tempo wechselt, aus wuchtig rollenden Passagen in karg zerklüftetes Territorium wechselt, bis in wilde Cluster, leider mit dünnem, dumpfem Piano-Sound, während der Bass und die Drums ziemlich gut klingen (der suboptimale Sound ist eine weitere Parallele zum Album von Hasaan). Es passiert nicht viel, aber doch ständig etwas Neues, und nichts ist erwartbar. Keine Musik für alle Tage, aber schon toll!

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    soulpope
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    gypsy-tail-wind Valdo Williams – New Advanced Jazz | …. Ich höre in diesem Material eine gewisse Verwandtschaft zu einem Pianisten, den wir hier bisher nicht erwähnt haben, soweit ich es mitgekriegt habe: Hasaan Ibn Ali, der zu Lebzeiten auch nur ein Album machten konnte, als featured Sideman im Trio mit Max Roach (und Art Davis). Das ist zweihändige, ruppige Musik, die oft abrupt das Tempo wechselt, aus wuchtig rollenden Passagen in karg zerklüftetes Territorium wechselt, bis in wilde Cluster, leider mit dünnem, dumpfem Piano-Sound, während der Bass und die Drums ziemlich gut klingen (der suboptimale Sound ist eine weitere Parallele zum Album von Hasaan). Es passiert nicht viel, aber doch ständig etwas Neues, und nichts ist erwartbar. Keine Musik für alle Tage, aber schon toll!

    Danke für die Erinnerung ….. er ist stilistisch eigenständig und mit Reggie Johnson/Stu Martin ein hochwertiger Turboantrieb ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
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    soulpope
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    Richie Beirach Trio „Boston Harry“ (Evidence) 1996 …. im Februar 1993 kommt der Leader gar nicht dazu seinen „überfrachteten“ Lyrikkoffer zu öffnen, denn Dave Holland (b) und Jack DeJohnette (dr) klopften laut an der Studiotür …. und auch im seltener betretenen Terrain kommt Richie Beirach gut zurecht ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
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    vorgarten

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    sardaby, reid, smith, going places (1989)

    am ende der 80er taucht sardaby wieder an meinem horizont auf, auf new-york-besuch, mit einer luxuriösen begleitung aus rufus reid und marvin ’smitty‘ smith. er hat ein paar launige kompositionen dabei, das boppigere daran ist 1989 kein fremdkörper mehr, der französische produzent spendiert eine aufnahme bei rudy van gelder. zwei standards, „how deep is the ocean“, ein wenig überdramatisiert, und „lotus blossom“ als hübsches duett mit reid. hübsch ist das stichwort insgesamt, sardaby kommt mir etwas zu ungelenk und vielleicht auch zu milde für das unternehmen vor, das etwas schärfe und reibung hätte vertragen können.

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