Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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Bill Evans – The Secret Sessions: Recorded Live at the Village Vanguard 1966-1975 | Im Village Vanguard war Evans vor allem in den Sechzigern sehr oft zu Gast – und wurde auch oft mitgeschnitten, nicht nur 1961 für Riverside, sondern auch heimlich von Mike Harris, einem Fan, aus dessen Nachlass 1996 eine Box mit acht CDs erschien.

Doug Ramsey, Liner Notes
Mike Harris is unsure whether Evans knew he was being recorded in the club. The two shy men talked, but not often and not long, and neither raised the subject. „I think in over 15 years he might have noticed,“ Harris says. „We were always toting this rather large, rather heavy bag, and I figured that at some point he would just look at us and say, ‚I know what the hell you’re doing,‘ but it didn’t come up.“

Mitte der Sechziger, als die Formation mit Israels/Bunker nicht mehr bestand, fing für Evans eine Übergangsphase an. Im März 1966 ist er im Vanguard auf acht Stücken (CD1 #1-8) mit dem alten Gefährten Teddy Kotick (der kaum noch aktiv war) und Arnie Wise zu hören (er ist auch auf dem Town Hall-Album zu hören). „Very Early“ macht den Einstieg, ein Huster sitzt in der Nähe und ist auch in „Round Midnight“ noch mehrfach zu hören … dann wurde er wohl nach Hause ins Bett geschickt (oder die folgenden Stücke stammen von einem anderen Abend im selben Monat?). „One for Helen“, „Blue in Green“, „Turn Out the Stars“, „Waltz for Debby“, „Time Remembered“ und Autumn Leaves“ folgen – Evans-Kernrepertoire grossteils, mit einem hervorragend aufgelegten Pianisten und einem Trio voller Drive.

Weiter geht es dann am 3. Juli (CD1 #9-13), hier ist der neue Bassist an Bord, Eddie Gomez, der elf Jahre bei Evans bleiben sollte, und weiterhin Wise am Schlagzeug. Es gibt „I Should Care“, „Elsa“, „Who Can I Turn To“, „My Foolish Heart“ und „In Your Own Sweet Way“, das in den Set-Closer „Five“ übergeht. Im „Elsa“ spielt Evans hinter Gomez‘ Bass-Solo eine auffällige Begleitung – und es entwickelt sich ein Dialog, der vielleicht schon den Kern der fruchtbaren Zusammenarbeit enthält.

Bill Evans, Shelly Manne, Eddie Gomez – A Simple Matter of Conviction | Am 4. Oktober 1966 gingen Evans und Gomez mit Shelly Manne für Verve ins Studio von Rudy Van Gelder – es entstand ein Nachfolger zum Label-Debut „Empathy“, doch dieses Mal war der Bassist derjenige von Evans‘ Combo. Creed Taylor hatte Verve inzwischen verlassen und Helen Keane, Evans‘ Managerin, kümmerte sich jetzt um die Sessions. In einem Interview 1994 erzählte sie: „As Bill Evans’s manager, I was in the studio whenever he recorded. Creed Taylor, who was his producer at the time, began relying on me more and more. I would bring home cassettes of the sessions and make suggestions. Long before my name appeared on Bill’s records, I was virtually producing them. When Creed was leaving Verve Records, he called me in and said he was going to set it up for me to take over officially as Bill’s producer. Fortunately, the president of MGM/Verve agreed, and I got a contract“ (aus den Liner Notes von Phil Bailey zu Verve-Box von Evans).

Und ich erfreue mich an @vorgartens Spiel mit den Farben des Covers und der Musik:

vorgartenwie man aus dem herrenclub auf die moderne zeit schaut… „these things called changes“, heißt der von evans komponierte closer. moderneskepsis kommt natürlich gut, wenn das eigene konzept in formeln erstarrt. gutes altes evans-trio also hier, aber tatsächlich wurde es ja erst ein paar jahre früher so erfunden. außerdem ist der bassist hier neu, chuck israels ist im letzten club sitzen geblieben, arnie wise wollte auch nicht mehr um die welt fliegen, also kam es erstmal zur interims-herrenrunde, dann kam mal wieder philly joe jones ins spiel, dann bekannterweise jack dejohnette, dann stellte sich mit marty morell die stabilität wieder ein. zu hören gibt es hier altes zeug in ocker, waldgrün und rustikalbraun, bill evans hat das metronom dazu eingeschaltet, der drummer hält sich geschmackvoll im dunkelbraunen hintergrund, auch der neue bassist kann den rollkragenpullover anlassen. (ich denke ja, dass die herren ironiebewusstsein hatten, aber es ist zu schön, die farbpalette 1:1 auf das programm zu beziehen.)

Neu erfunden wurde bei Evans in der Zeit wirklich nichts mehr … aber viel gute Musik zu hören gibt es dennoch. Wenn Evans am Ende des März-Segments aus dem Village Vanguard das Intro zu „Autumn Leaves“ anstimmt und Kotick/Wise sofort in den Groove fallen, ist da nicht mehr die Leichtigkeit der frühen Jahre. Der Zugewinn an Gewicht hindert das Trio allerdings nicht daran, durch Kosmas Klassiker zu tänzeln, Kotick erweist sich auch solistisch als der Herausforderung gewachsen, Wise hat den Swing mit den Besen hervorragend im Griff. Und Evans steigt nach dem Bass-Solo mit einer Energie ein, die er im Studio nicht oft aufbrachte … hier ist gerade auch der direkte Vergleich mit Wynton Kelly aufschlussreich: die beiden sind sich ähnlicher, als man gemeinhin denken würde: Voicings, Rhythmik, Flow …

Im Studio finde ich Manne z.B. gerade im Opener/Titelstück gar nicht so hintergründig – aber vielleicht kann man sagen, er erfüllt seine Rolle anders? Er kommentiert aktiv, tut das aber wie er es halt immer schon tat, nicht im Dialog (oder Trialog) mit den anderen, während sich parallel dazu das Zwiegespräch von Evans und Gomez immer mehr intensiviert. Er klingt jedenfalls phantastisch – zwischen den eher bescheidenen Aufnahmen aus dem Village Vanguard eine Wohltat. Der Bassist kriegt in „Stella by Starlight“, dem zweiten Stück, schon seinen ersten grossen Spot. Das Repertoire ist teilweise konventionell („My Melancholy Baby“, „Stella by Starlight“, „Laura“, „Star Eyes“, „I’m Getting Sentimental over You“), teilsweise original: Es gibt gleich vier neue (?) Evans-Tunes. Nach dem Titelstück sind das „Only Child“ und „Orbit“ (1966 war – zuletzt vor 2026 – das Jahr des Feuerpferds, zudem das Jahr der Kulturrevolution und vielleicht auch das des Buchstabens O?) und schliesslich der Closer, den Evans als Warm-Up schon im Trident gespielt hatte, eine Re-Harmonisierung von „What Is This Thing Called Love“, mit eigener neuer Melodielinie (die Info beziehe ich aus einem Kommentar in der Verve-Box zum Track der Trident-Aufnahmen).

Vom 21. Oktober (CD2 #1-3), sowie dem 10. (CD2 #4-9) und 12. (CD2 #10-14 und CD3 #1-3) November 1966 folgen in der „Secret Sessions“-Box weitere Aufnahmen mit Gomez/Wise, darunter diverse Evans-Klassiker wie „Gloria’s Step“, „Nardis“, „Come Rain Or Come Shine“, „Spring Is Here“ (ein direkter Vergleich mit Hawes), „A Sleepin‘ Bee“, „Emily“ usw., es gibt aber auch „Alice in Wonderland“ (1961 mit LaFaro/Motian im Vanguard aufgenommen) und „I Love You“, mit dem sein Debutalbum beginnt (er spielte es auch 1957 in Newport, nahm es dann mit Herbie Mann wieder auf, sonst scheint es v.a. vereinzelte Live-Versionen zu geben – wobei „vereinzelt“ bei Evans auch ein Dutzend heissen kann, der Katalog ist ja so erschlagend umfangreich).

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #170: Aktuelles von Jazzmusikerinnen – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba