Literarische Begegnungen (Lesungen)

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    ford-prefect
    Feeling all right in the noise and the light

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    Gerhard Steidl – Zeughaus C5 (Reiss-Engelhorn-Museen), Mannheim, 12.11.2019
    Vortrag: Die Renaissance des Analogen in der digitalen Welt

    Um die zahlreich erschienenen Besucher, etwa 60 an der Zahl, nicht zu langweilen, gestaltete Gerhard Steidl, der berühmte Verleger und Drucker von Günter Grass, Karl Lagerfeld und Oskar Negt aus dem hessischen Göttingen, seinen Vortrag im Zeughaus C5 der Reiss-Engelhorn-Museen nicht allzu akademisch, sondern erzählte praktisch davon, wie sein Arbeitsalltag aussieht. „Ich fange um 5:30 Uhr an, da ich es liebe, in den Morgenstunden zu arbeiten. Noch früher stand nur Karl Lagerfeld auf, der mich dann mit Faxnachrichten übersäte“, erklärte Verleger Gerhard Steidl, der nicht nur eine Bibliothek für US-Präsident Barack Obama im Weißen Haus einrichten durfte, sondern auch eine Bücherei im Bundeskanzleramt, mit den Gesamtwerken von Grass und Oskar Negt. Für seine verlegerische und drucktechnische Arbeit sei mittlerweile das Computerprogramm Adobe Photoshop unverzichtbar, wofür Steidl regelmäßig Lizenzgebühren für den Gebrauch abführen muss. „Mache ich das nicht, kann ich den Laden dicht machen“, verriet Vortragsredner Gerhard Steidl, der sich als begnadeter Geschichtenerzähler herausstellte.

    Trotzdem weiß der Büchermacher, der mal in Kooperation mit Karl Lagerfeld ein nach Büchern duftendes, jedoch kommerziell erfolgloses Parfum namens „Paper Passion“ herausbrachte, von den Vorteilen des technischen Fortschritts. In diesem Zusammenhang verglich Gerhard Steidl das Produzieren von Büchern mit dem Kochen eines delikaten Menüs. „Beste Zutaten erzielen beste Ergebnisse. Kommt das Papier in unserer Lagerhalle an, wird es erst mal wie ein gutes Steak abgehangen“, gewährte Gastredner Steidl einen Einblick in seinen Verlag, den er „mein Orchester“ nennt, wobei die von ihm anzuweisenden Mitarbeiter die Orchestermitglieder seien, die miteinander gut klingen müssen. Von Künstlerstar Joseph Beuys habe Steidl in den 1970er Jahren gelernt, sich von Goethes Farbenlehre inspirieren zu lassen. „Die Farbenlehre von Goethe hilft mir bis heute, bessere Bücher zu machen“, versicherte der Verleger.

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    I don't let my kids watch the orchestra ... there's too much sax and violins
    Highlights von Rolling-Stone.de
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    #10925909  | PERMALINK

    stormy-monday
    verdreckter Hilfssheriff

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    Danke, Ford. Immer wieder schön zu lesen.

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    Hellhounds in my passway
    #10981413  | PERMALINK

    ford-prefect
    Feeling all right in the noise and the light

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    Herlinde Koelbl – Institut für Psychologie, Universität Heidelberg, 23.1.2020

    Biennale für aktuelle Fotografie

    Thema: Spuren der Macht

    Vor einer Woche hat der holländische Fotograf Anton Corbijn, der die Videoclips und das Bühnenbild von Depeche Mode entwirft und ein Kreativpartner von Herbert Grönemeyer ist, die Tagung für Fotografie eröffnet. Nun kam Herlinde Koelbl zu Besuch. Wie verändern sich Menschen unter dem Einfluss der Macht? Wie sehen Gesichter und Körpersprache vor, während und nach der Ausübung eines hohen öffentlichen Amtes aus? Diese Fragen standen im Mittelpunkt, als die bekannte Fotografin Herlinde Koelbl, die für das Magazin der Wochenzeitung Die Zeit arbeitet, 1991 ihr Langzeitprojekt mit 14 als Portrait sitzenden Persönlichkeiten startete. Dabei fotografierte Koelbl diese Menschen aus Politik und Wirtschaft von 1991 bis 1998 jeweils einmal im Jahr, lediglich vor einer weißen Wand auf einem einfachen Stuhl, um zu dokumentieren, wie sich diese Menschen in Aussehen und Verhalten entwickeln. Darunter befanden sich die in der breiten Bevölkerung noch unbekannte Angela Merkel, Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Vorstandsmitglieder großer Wirtschaftskonzerne. „Wenn sie noch nicht abgeschliffen und geprägt sind“, erläuterte die 80-Jährige. Doch zuerst musste Gastrednerin Herlinde Koelbl dem Publikum erzählen, wie schroff und wenig hilfsbereit ihr einige Heidelberger Bürger begegneten, als sie am Hauptbahnhof ankam. „Bilder bleiben stärker im Gedächtnis als Worte“, erklärte Vortragsrednerin Herlinde Koelbl, die das daran ersichtlich machte, dass die aktuelle Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk ihre Nobelpreisrede mit der Beschreibung eines Bildes ihrer Mutter eröffnet habe. Eine Erkenntnis aus ihrer visuellen Langzeitstudie in den 1990er Jahren sei gewesen, dass Politiker ausgesprochen eitel seien mit einem Hang zur Selbstinszenierung, während Wirtschaftsbosse von Konzernvorständen das Gegenteil darstellten – als diskrete und verschwiegene Charaktere, die erst in die Öffentlichkeit treten, wenn ein Unternehmen aus einer Krise geführt werden muss.

    Die Portraitfotos aus dieser Dekade sind minimalistisch und von Symbolen der Macht befreit, also ohne Statussymbole, was nur ablenken würde. „Was früher Zepter und Hermelinmantel waren, sind heute große Räume und schwere Bilder an den Wänden“, schilderte Fotografin Koelbl, die in einem anderen Projekt verschiedene Menschen jeder sozialen Schicht in deren Wohn- und Schlafzimmer abgelichtet hat. Nur Gerhard Schröder hält als amtierender Bundeskanzler eine dicke Zigarre in der Hand, weil er das so wollte. „Ich habe keine Anweisungen gemacht. Die Menschen sollten nur offen sein und sich zeigen, das war entscheidend“, erzählte die bei München lebende Lichtkünstlerin. 2003 hatte Herlinde Koelbl einen Dokumentarfilm über Benjamin von Stuckrad-Barre und dessen Drogenprobleme gedreht. Bei ihrem Vortrag erwähnte Koelbl außerdem ihren Dokumentarfilm „Die Meute“ von 2001, in dem sie der Distanz und Abhängigkeit zwischen Journalisten und Politikern nachspürt. Kann mich erinnern, diesen eindrücklichen Film, den man auf YouTube in voller Länge finden kann, damals im Hochsommer 2001 im Fernsehen gesehen zu haben.

    Fotografin Herlinde Koelbl während ihrem Gastvortrag über ihre fotografische Langzeitstudie „Spuren der Macht“ in der Heidelberger Uni

     

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    I don't let my kids watch the orchestra ... there's too much sax and violins
    #11563737  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Itchy – Batschkapp, Frankfurt/Main, 27.8.2021, musik. Lesung

    Wo schreibe ich meinen Fanbericht jetzt rein? In „Und so war es dann …“ oder in diesen inzwischen leicht angestaubten Thread? Ich hab mich für diesen Ort entschieden. Seit gestern ist das schwäbische Punk-Rock-Trio Itchy, das bis 2017 ursprünglich Itchy Poopzkid hieß, mit seiner neuen Autobiografie „20 years down the road“ auf musikalischer Lesereise, wobei sie im Innenhof auf einer Sommerbühne der Batschkapp ihren Tourstart hatten. Dort erzählte das Dreigespann, dass seit der Jahrtausendwende in Bandbesetzung existiert, allerhand launige Anekdoten, die den drei Schwabenrockern in den letzten beiden Dekaden widerfahren sind. Am Tourleben gefällt ihnen besonders, in Rockclubs und auf Festivals regelmäßig Künstlern und anderen spannenden Menschen zu begegnen, etwa von ihnen verehrte Kapellen wie Bad Religion oder Slash, Campino und Billie Joe Armstrong … nur Billy Corgan von den Smashing Pumpkins, der sei nicht nett gewesen, sondern ließ sich im Backstage von drei Leibwächtern durch die Flure lotsen, die alles und jeden umrempelten, wer ihnen in den Weg kam. Deshalb machten sich Itchy und ihre Crew einen Spaß daraus, in der Nähe der Garderobe von Corgan auf dem Flur etliche Bierbänke und Tische aufzustellen und dort eine feucht-fröhliche Party zu schmeißen, so dass sich Billy Corgan, als der wieder des Weges in Richtung Bühne kam, an ihnen vorbeiquetschen musste, mit drei verdutzten und irritierten Leibwächtern. Diese Geschichte kam beim Frankfurter Publikum am besten an.

    Zwischendurch erzählte das Trio zudem davon, 2018 in meiner rheinhessischen Heimatstadt Worms auf der Wormser Rocknacht gespielt zu haben, wo man am Imbiss-Stand zünftig Sauerkraut verkauft habe. Nach der Lesung sprach ich Gitarrist Sibbi am Merch-Stand darauf an und gab mich zu erkennen, eigens aus Worms nach Frankfurt für die Itchy-Lesung gekommen zu sein, was er irgendwie missverstand, sich für die Worms-Anekdote rechtfertigen zu müssen, es sei nicht böse gemeint gewesen usw. Habe das Buch von ihnen hier signiert liegen … sind ein paar nette reich bebilderte Storys drin versammelt – wenn man quer durch die Bundesrepublik tourt, kommen eben so manch heitere und weniger heitere Begebenheiten zusammen.

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    #11586277  | PERMALINK

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    Jens Balzer – ehem. Bäckerei Backfactory, Worms am Rhein, 23.9.2021

    Im Rahmen des Pop Up Festivals gastierte Publizist Jens Balzer, der als freier Journalist für Die Zeit und den Rolling Stone schreibt, in einem Leerstand in der Wormser Fußgängerzone mit überschaubaren zwölf Besuchern. Balzer las aus seinem vor drei Monaten erschienenen Sachbuch „High Energy“ vor, das sich die 1980er Jahre als Pop- und Kulturjahrzehnt vorknöpft. „Ich schreibe mich durch die Jahrzehnte durch und betrachte: Wie schlug sich darin die Popkultur nieder? Wie zogen sich die Menschen an? Welche Filme haben sie geschaut?“, eröffnete Autor Jens Balzer, der bereits letztes Jahr in der Nibelungenstadt Worms am Rhein hätte lesen sollen, im Rahmen der Woche der Meinungsfreiheit. Anschließend klappte Balzer sein Sachbuch „High Energy“ auf und las mehrere Kapitel vor, in schnell sprechender Vortragsweise, fast atemlos. „Damit ihr einen Eindruck bekommt, wie der Sound des Buches ist“, erläuterte der 52-Jährige. Seine wohl geformten Formulierungen und scharfen Analysen sind überdurchschnittlich gut und herausragend … sonst würde er wohl nicht im altehrwürdigen Rowohlt-Verlag veröffentlichen.

    Während seiner Lesung ging Jens Balzer auf die Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten 1981 ein, wie 1980 in den Medien zum ersten Mal der Begriff „Multikulturalismus“ auftauchte, das Bildungsbürgerfernsehen von Alfred Biolek, der damals in seiner TV-Sendung „Bios Bahnhof“ eine türkische Gastarbeiterfamilie vorstellte, in der der Mann den Haushalt erledigte und die Frau arbeiten ging, wie man in der Sponti- und Autonomen-Szene psychedelisch farbenprächtige Batik-T-Shirts färbte, wie die Grünen und die Naturkostbewegung die vielseitig nutzbare Getreideart Dinkel wiederentdeckten. In diesem Zusammenhang erwähnte Balzer den dazu passenden Bap-Song „Müsli Män“ sowie das Lied „Zurück zum Beton“ von S.Y.P.H. … da musste ich eben erst mal googeln, wie man die mir unbekannte Band überhaupt schreibt.

    Darüber hinaus ergründete der Schriftsteller die in den 1980er Jahren verbreiteten Jugendkulturgruppen Punker, Gothics, Popper und Yuppies. „Liegt der Popper tot im Keller, war der Punker wieder schneller“ oder „Warum die Zeit totschlagen, es gibt doch Popper“ seien damals umgangssprachliche Redewendungen gewesen. Dazu zitierte er die von Carola Rönneburg und Mathias Lorenz 1979 in Hamburg verfasste „Die Popper-Knigge“. Ferner warf Balzer den Song „Steh auf Berlin“ der Einstürzenden Neubauten von 1981 in die Runde, als auditives Beispiel für diese Dekade. Mir wäre ein Fokus deutlicher auf Musik lieber gewesen statt eine Abhandlung des ganzen Drumherums. Außerdem hätte Balzer einige Songbeispiele über einen Laptop abspielen können, worauf er jedoch gänzlich verzichtete. Dennoch war das eine sehr anregende Lesung, bei der man allerhand lernen konnte. Gegenwärtig schreibt Balzer an einem dritten letzten Band über die 1990er Jahre, wie er in einer anknüpfenden Frage-Antwort-Runde verriet, der wohl 2022 erscheinen wird.

     

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    #11586281  | PERMALINK

    ford-prefect
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    #11592953  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Philipp Dallach „Future Sounds“ und Andreas Dorau, Centralstation Darmstadt, 30.9.2021

    Gestern war ich in der Centralstation in Darmstadt, denn dort, im Saal im dritten Stockwerk, las der freie Journalist Philipp Dallach, der zum Beispiel für Spiegel-Online tätig ist, aus seinem Sachbuch „Future Sounds“ vor, das sich mit Entstehung und Geschichte des Krautrocks beschäftigt. An seiner Seite saß Co-Moderator Andreas Dorau, der sofort Feuer und Flamme für das Buch war, wodurch der Kontakt zu Publizist Dallach zustande kam. In seinem Lichtbild-Vortrag ging der Schriftsteller darauf ein, wie er 1979, als er noch bevorzugt The Stranglers und Sex Pistols hörte, unverhofft seine Vorliebe für Krautrock entdeckte: In einem Gewinnspiel gewann der einstige Jugendliche eine signierte Schallplatte von Holger Czukay, nämlich das Album „Movies“. Durch diese Platte eröffnete sich ihm ein ganz neuer Kosmos an fremden Klängen, Dallach war infiziert. Überhaupt spielt der metaphorische Begriff „Kosmos“ in dieser Musikgattung ja eine elementare Rolle. Von dieser Platte spielte der Gastredner den Song „Persian Love“ über seinen Laptop als Soundbeispiel ab. Aufgrund seines Buchprojektes kam Dallach in den Genuss, zahlreiche Interviews mit Protagonisten dieses Genres führen zu dürfen, von denen einige kürzlich verstorben sind, etwa Holger Czukay und Jaki Liebezeit. Es sind somit die letzten wörtlichen Aufzeichnungen dieser verblichenen Musiker. „Musik bildet die Gesellschaft ab, in der sie entsteht“, erläuterte Journalist Christoph Dallach in der launig-lustigen Runde vor knapp 30 Besuchern. Zwischendurch zitierte er Brian Eno, der gesagt haben soll: „Den Begriff Krautrock mochte ich noch nie, er erinnert mich an die Kriegszeit.“ Denn im Zweiten Weltkrieg war der Ausdruck „Kraut“ eine unter britischen und amerikanischen Soldaten beliebte Bezeichnung für die Deutschen – in der Annahme, die Deutschen ernährten sich hauptsächlich von Sauerkraut.

    Da in der Krautrock-Szene der Konsum von Drogen, etwa LSD, weit verbreitet war, blieb es nicht aus, dass etliche Szene-Musiker daran seelisch erkrankten, weshalb Anfang der 1970er Jahre diese Patienten häufig in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin landeten, die man umgangssprachlich „Bonnie’s Ranch“ nannte. Gaben Tangerine Dream ein Konzert, ließen sie einen Dia-Projektor mitlaufen, auf dessen Dias sie Farbtropfen träufelten, damit psychedelisch verfremdete Bilder auf den Bühnenhintergrund geworfen wurden. Dazu spielte Publizist Dallach den Videoclip „Bathtub Session“ von Tangerine Dream aus dem WDR-Fernsehen über den Saal-Beamer ab. Als erste Adresse für Aufnahmen habe damals Produzent Thomas Kessler mit seinem „Electronic Beat Studio“ in Berlin gegolten, neben Conny Plank bei Köln oder Dieter Dierks. „Can war Trance, Amon Düül war Ekstase“, las Schriftsteller Christoph Dallach aus seinem Buch „Future Sounds“ vor, die eine Oral History darstellt. Darüber hinaus führte er als Videoclip den berühmten Wutausbruch vor von Ton Steine Scherben-Manager Nikel Pallat während einer Fernsehdiskussion mit Musiktheoretiker Rolf-Ulrich Kaiser mit einem mitgebrachten Beil, das Pallat zückte, um den Tisch der Runde zu zerhacken … nicht wissend, dass der Tisch nicht aus Holz, sondern aus einem harten unkaputtbaren Material bestand, weshalb sich Pallat wie ein Rumpelstilzchen vergeblich daran abmühte. Dieser legendäre TV-Auftritt gebe jedoch ein falsches Bild wider von Nikel Pallat, der in Wirklichkeit höflich und zuvorkommend sei und noch heute in der Musikbranche in verantwortlicher Position arbeite. „Wo ist das nächste spannende Konzert? Ich will mit“, sei ein Standardsatz von ihm. Musikfachmann Rolf-Ulrich Kaiser gelte dagegen als verschollen, niemand weiß, wo der abgeblieben ist. Es geht das Gerücht um, dass er irgendwo in einem Kloster versteckt lebt … oder dass er bereits tot ist. „Rolf-Ulrich Kaiser war der Diedrich Diederichsen der 1970er Jahre, der unter anderem für Konkret schrieb“, schilderte Vortragsredner Christoph Dallach.

    Nach einer Stunde gesellte sich auf der Centralstation-Bühne der Musiker Jörn Elling Wuttke dazu, der ebenfalls aus dem Nähkästchen plauderte, dass die Band Suicide von Alan Vega und Martin Rev nicht unerwähnt bleiben darf. Elling selbst soll mit seinem Projekt „Alter Ego“ und dem Track „Rocker“ mal einen Szene-Hit gelandet haben, mir war der Musiker bislang unbekannt.

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    #11607711  | PERMALINK

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    Frank Goosen über die Beatles, Unterhaus, Mainz, 19.10.2021

    Im Verlag Kiepenheuer & Witsch gibt es die schöne Reihe „Musikbibliothek“, in der Kulturmenschen in eigens verfassten Büchern über ihren Lieblingsmusiker bzw. ihre Lieblingsband erzählen, wie sie diese entdeckt haben und wie diese Musik ihr Leben prägte. Etwa Wolfgang Niedecken über Bob Dylan, Markus Kavka über Depeche Mode, Helene Hegemann über Patti Smith oder Charly Hübner über Motörhead. Vor einem Jahr veröffentlichte Frank Goosen, der schon als der deutsche Nick Hornby bezeichnet wurde, weil er sowohl für Fußball als auch für Popmusik brennt, ein Bändchen über die Beatles. Im Unterhaus in Mainz, eine der bedeutendsten Kleinkunst- und Kabarettbühnen in Deutschland, wo Schauspieler und Bond-Bösewicht Gert Fröbe 1972 eine Lesung vor ausverkauftem Haus hielt, gab Goosen einen Einblick in seinen Essay vor 45 Besuchern. Dabei betonte der Ruhrpott-Autor, der seit Kindesbeinen an Fan des VfL Bochum ist, sein Buch stelle keine streng wissenschaftliche Beatles-Exegese dar. Das sei nicht der Ansatz der Reihe Musikbibliothek. „Es ist kein Buch über die Beatles, es ist ein Buch über meine Liebe zu den Beatles“, verdeutlichte der 55-Jährige. „Ich sehe Zusammenhänge, wo andere sie nicht vermuten würden. Ich bin ein Freund gewagter Bezüge“, so der Bochumer. Bevor Goosen die Beatles für sich entdeckte, ging dem eine kurze Abba-Phase voraus. Zu seinem 13. Geburtstag habe ihn dann ein Freund eine Kassette mit dem Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ geschenkt … um Goosen war es geschehen. Sein Vater habe als Elektriker gearbeitet und mal einen Auftrag in einem Elektrofachgeschäft mit Plattenabteilung erledigt. Nach getaner Arbeit habe der Papa zum Inhaber gesagt: „Gib mir kein Geld, gib mir lieber ein paar Platten für meinen Sohn.“ Aus diesem Deal erhielt der kleine Frank das rote und blaue Album sowie die Abbey Road. „Das rote und das blaue Album würde ich noch heute aus unserem Haus schaffen, wenn’s brennt“, beteuerte Publizist Frank Goosen, der seiner Mannschaft für die heimische Begegnung mit Eintracht Frankfurt am nächsten Sonntag feste die Daumen drückt. Seine Mutter habe über den Song „Eight Days a Week“ gestutzt … der ja übersetzt „Acht Tage die Woche“ bedeutet, obwohl die Woche nur sieben Tage hat. Vor einiger Zeit unternahm er eine Reise nach Liverpool, um dort auf den Spuren von JohnPaulGeorgeRingo zu wandeln. In New York City war er auch, mit seinen Kindern, die mit den Beatles kaum was anfangen können. Um das Dakota Building jedoch, vor dem Lennon bekannterweise 1980 ermordet wurde, habe er einen Bogen gemacht … solche historisch kontaminierten Orte hätten für ihn eine Aura von Katastrophentourismus. Stattdessen war er im Central Park gewesen. Die erste Hälfte der Lesung fand ich am besten, in der zweiten Halbzeit driftete mir Goosen etwas zu sehr ins Privat-Persönliche ab, ohne den scharfen Fokus auf den Beatles zu belassen.

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    Matthias Penzel „Talk on the wild side“, Lesefest Open Books, Kunstverein Frankfurt/Main, 21.10.2021

    Wenn braunes Laub auf den Bürgersteigen liegt und die Bäume in ockerfarbenen und gelben Tönen leuchten, dann ist Frankfurter Buchmesse. Im Rahmen des parallel laufenden Lesefestes Open Books las gestern der deutsche Rockjournalist Matthias Penzel, der in den 1990er Jahren der Chefredakteur des Hard’n’Heavy-Magazins Kerrang! war, aus seiner Autobiografie „Talk on the wild side“ vor, mit Moderatorin Suse Michel, die Schlagzeugerin der Frankfurter Punk-Rock-Damencombo The Slags, von denen ich noch nie gehört habe, die jedoch seit 30 Jahren aktiv sind. Mit seinem Buchtitel spielt Penzel auf den berühmten Song „Walk on the wild side“ von Lou Reed an. Das Sachbuch ist im Verlag Andreas Reiffer erschienen, also im selben Verlag wie Herausgeberin Gaby „Mistadobalina“ Werths Konvolut über die Musikjournalistin Ingeborg Schober.

    Zu Beginn drehte sich das Podiumsgespräch hauptsächlich um The Slags und Schlagzeugerin Suse Michel, was das aus 25 Besuchern bestehende Publikum etwas seltsam fand. Ungemein spannend waren ihre Schilderungen trotzdem. „In einer Band zu spielen, ist eine gute Übung, um den Umgang mit anderen Menschen zu erlernen“, betonte die Musikerin Michel. Hinterher erklärte Matthias Penzel, dass ihn früher AC/DC, deren Gitarrist Angus Young er interviewen durfte, angeödet hätten. „Wenn die drei Lieder gespielt haben, bin ich meistens schon aus der Halle gegangen“, erinnerte sich der 55-Jährige. Außerdem durfte er 1990 in einem intimen Gespräch mit Rob Halford von Judas Priest den Achselschweiß der Metal-Ikone vernehmen. Alle paar Seiten findet man in seinem Buch einen kleinen QR-Code, unter dem Ausschnitte seiner digitalisierten Diktiergerätaufnahmen als Audiodateien hinterlegt sind. Ferner erinnerte sich Penzel an seine Begegnung mit King Crimson, John Zorn, Concrete Blonde sowie seine Interviews mit Bassist Krist Novoselic und Drummer Dave Grohl von Nirvana … Kurt Cobain glänzte durch Abwesenheit, seine Stimmbänder waren durch seinen ständigen Schrei-Gesang auf der Bühne lädiert und mussten auf ärztlichen Rat hin geschont werden. Mit am eindrücklichsten sei jedoch sein Inti mit Black Sabbath gewesen, für die habe sich zu dem einstigen Zeitpunkt noch niemand interessiert gehabt.

    Wie ich danach im Plausch mit Journalist Matthias Penzel herausfand, ist er ein Landsmann von mir, bis 1992 wohnte er in Ludwigshafen am Rhein. Dass ich extra wegen seiner Lesung von Worms nach Frankfurt/Main gekommen bin, fand er natürlich großartig. Um 1990 schrieb Penzel für das Break Out, ein kleines fanzinehaftes Hard’n’Heavy-Magazin aus Neckarsteinach im Odenwald, das man im Bahnhofsbuchhandel erstehen kann. Gegenwärtig schreibt Penzel an einem Sachbuch über die 1992 unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommene Grünen-Politikerin Petra Kelly.

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