Creed Taylor

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  • #12442421  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

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    kleines resümee (3000er und 1000er serie):

    popmusik mit jazz- & samba-elementen. bei ersteren geht es nicht um improvisation und soli, sondern um sound und vielleicht noch starqualität (wes montgomery, herbie mann, george benson, paul desmond, am ende sollte ja schon turrentine kommen, wird aber von laws vertreten), bei zweiteren nicht um texte und sozialpolitischen kontext, sondern auch wiederum um sounds – und gute songs. vieles davon ist von verve mitgenommen, aber es gelingt irgendwie noch nicht, sie aufzufrischen.

    natürlich überall beatles-cover, aber die gab es bei blue note ja damals auch. völlig glücklose versuche, noch irgendwo anders hinüberzuschauen, sänger & sängerinnen funktionieren nicht auf dem label. die eigentlichen produktivkräfte sind die arrangeure, vor allem sebesky & deodato, von quincy jones bleibt bob james hängen, der insider-höhepunkt ist bob fischer.

    was man ja weiß: wie erlesen die ganzen leute sind, die in diesen arrangements verschwinden, in jedem bläsersatz, in jeder rhythm section. wie viel z.b. hancock da macht, ohne dass er dort jemals ein leader-album aufnehmen wird.

    ich weiß noch nicht, ob ich da jetzt wirklich weiterhören mag, aber eigentlich sind die frühen 70er ja schon mein ding.

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    #12442427  | PERMALINK

    atom
    Moderator

    Registriert seit: 10.09.2003

    Beiträge: 21,880

    Vielen Dank für den bisherigen Überblick. Ich habe mit großem Interesse mitgelesen, konnte bisher jedoch nichts beitragen, da ich nur Alben der 6000er-Serie und mit Baltimore eines aus der 7000er-Serie besitze und kenne. Dies nehme ich jedoch zum Anlass, mir einige der interessanten früheren Alben anzuhören.

    --

    Hey man, why don't we make a tune... just playin' the melody, not play the solos...
    #12442431  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 12,715

    atomVielen Dank für den bisherigen Überblick. Ich habe mit großem Interesse mitgelesen, konnte bisher jedoch nichts beitragen, da ich nur Alben der 6000er-Serie und mit Baltimore eines aus der 7000er-Serie besitze und kenne. Dies nehme ich jedoch zum Anlass, mir einige der interessanten früheren Alben anzuhören.

    wie findest du denn BALTIMORE? ich kenne das noch gar nicht, finde es aber interessant, dass ausgerechnet taylor für nina simone zu dieser zeit ein album produziert hat. freue mich darauf, wenn es richtung simone-trackumfrage geht.

    interessante frühe CTI-alben gibt es, nicht furchtbar viele meisterwerke vielleicht, aber das ist ja bei CTI eh so die frage.

    mein eigentlicher impuls war ja: ich brauche einen CTI-sampler, den es bisher noch nicht gibt. und dafür war schon richtig viel dabei…

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    #12442441  | PERMALINK

    thelonica

    Registriert seit: 09.12.2007

    Beiträge: 4,180

    „Baltimore“ kenne ich nur als Reissue auf Epic, wenn die Stimmung passt, höre ich das öfters durch, würde es allerdings niemals stückeln für eine Playlist. Dafür ist es dann doch zu gut.

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    #12442451  | PERMALINK

    atom
    Moderator

    Registriert seit: 10.09.2003

    Beiträge: 21,880

    Baltimore ist eine durchwachsene Angelegenheit. Creed Taylor hatte das gesamte Material bereits fertig, und Nina Simone musste alles in einer kurzen Aufnahmesession einsingen. Das merkt man: Sie kann nicht mit allen Songs gleichermaßen „connecten“. Besonders die Reggae-Stücke wirken wie Fremdkörper und fügen sich nicht harmonisch ein. Dennoch ist das Album kein schlechtes Album.

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    Hey man, why don't we make a tune... just playin' the melody, not play the solos...
    #12461973  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 12,715

    In loser Folge – die CTI-6000er Serie, erstmal der komplette Output des Jahres 1970:

        

    Hubert Laws, The Crying Song (1969) / Freddie Hubbard, Red Clay (1970) / Antonio Carlos Jobim, Stone Flower (1970) / Joe Farrell Quartet (Reissue als „Song of the Wind“), s/t (1970) / Bill Evans, Montreux II (1970) / Stanley Turrentine, Sugar (1970) / Hubert Laws, Afro-Classic (1970) / Freddie Hubbard, Straight Life (1970)

    Das sind ja alles Klassiker und Beinaheklassiker. Es geht was weiter, einiges ist aber auch neu. Hubbard, Laws und Turrentine kommen fest zum Label, vom Freelancer Bill Evans übernimmt man nur einen Mitschnitt des Schweizer Radios. Das Label-Programm verschiebt sich weiter zum Jazz: lange Soli, Postbop-Themen, ausgewalzte Grooves. Keine Beatles-Cover mehr (nur auf dem ersten Laws-Album), weniger Pop mit Jazzelementen, CTI wird plötzlich Heimat z.B. für Blue-Note-Leute, die seit 1969 wahrscheinlich dort nicht mehr gut betreut werden (Turrentine, Hubbard) oder bei Atlantic nicht richtig gelandet sind (Laws, wieder Hubbard), später in experimentelleren Gefilden landen werden (Corea, Holland) oder zu was noch Größerem aufbrechen (McLaughlin, Hancock). Ein Labor, in dem Jazz, Rock, Elektronik, Black Power, Freigeist, selbstreflexiver Pop, verrückte Fusionen in der Luft liegen, mit denen die meisten Musikern hier (da gehören ja auch noch Jack DeJohnette, Joe Henderson, Ron Carter, George Benson, Bob James, eine Rhythm Section von Elvis dazu) ziemlich gekonnt jonglieren können. Der Markt weiß noch nicht so genau, was er damit machen soll. Creed Taylor schon.

    Neben dem Engagement von Premiumvertretern der improvisierten Musik (viele davon parallel im Miles-Labor beschäftigt) und der reduzierteren Combo-Besetzungen laufen Dinge weiter: Don Sebesky arrangiert für Hubert Laws ein Programm aus Funk,Kitsch und Bach (und Mozart), aus der Session von Jobim und Deodato wird noch ein zweites Album zusammengestrickt, mit Benson und Turrentine hat man die Aura von Soul und Blues an Bord, um sie neu zu verpacken.

    Ein Ausreißer ist das Farrell-Album mit der Miles-Rhythm-Section Corea/McLaughlin/Holland/DeJohnette, das auch in Freejazzbereiche vorstößt, dreckiger, aber auch vielschichtiger ist (Farrell ist ja Multiinstrumentalist) und hier eigentlich an gemeinsamen Projekten mit Corea weiterarbeitet, deren spätere Popifizierung mit Return to Forever eigentlich auch super zu CTI gepasst hätten, besser als zu ECM jedenfalls. Das ist der etwas verborgene Schatz in diesem Konvolut, das ansonsten eher von der Basslinie von „Red Clay“ in die Zukunft getrieben wird (das zweite Album von Hubbard ist ja eigentlich toller, was die Soli angeht, aber am Ende bleibt halt immer die Basslinie übrig).

    --

    #12462695  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 5,160

    vorgartenIn loser Folge – die CTI-6000er Serie, erstmal der komplette Output des Jahres 1970:

    Hubert Laws, The Crying Song (1969) / Freddie Hubbard, Red Clay (1970) / Antonio Carlos Jobim, Stone Flower (1970) / Joe Farrell Quartet (Reissue als „Song of the Wind“), s/t (1970) / Bill Evans, Montreux II (1970) / Stanley Turrentine, Sugar (1970) / Hubert Laws, Afro-Classic (1970) / Freddie Hubbard, Straight Life (1970)
    Das sind ja alles Klassiker und Beinaheklassiker. Es geht was weiter, einiges ist aber auch neu. Hubbard, Laws und Turrentine kommen fest zum Label, (…) Das Label-Programm verschiebt sich weiter zum Jazz: lange Soli, Postbop-Themen, ausgewalzte Grooves. Keine Beatles-Cover mehr (nur auf dem ersten Laws-Album), weniger Pop mit Jazzelementen, CTI wird plötzlich Heimat z.B. für Blue-Note-Leute, die seit 1969 wahrscheinlich dort nicht mehr gut betreut werden (Turrentine, Hubbard) (…) Ein Labor, in dem Jazz, Rock, Elektronik, Black Power, Freigeist, selbstreflexiver Pop, verrückte Fusionen in der Luft liegen, mit denen die meisten Musikern hier (da gehören ja auch noch Jack DeJohnette, Joe Henderson, Ron Carter, George Benson, Bob James, eine Rhythm Section von Elvis dazu) ziemlich gekonnt jonglieren können. Der Markt weiß noch nicht so genau, was er damit machen soll. Creed Taylor schon.
    (…) aus der Session von Jobim und Deodato wird noch ein zweites Album zusammengestrickt, mit Benson und Turrentine hat man die Aura von Soul und Blues an Bord, um sie neu zu verpacken.
    (…)

    Von diesen acht Alben kenne ich immerhin vier (2 x Hubbard, je 1 x Turrentine und Jobim) und finde sie alle ausgezeichnet. Mit Jobim hatte Creed Taylor ja schon vorher zusammengearbeitet, Hubbard hatte nach Blue Note einen kurzen Zwischenstopp bei Atlantic eingelegt, Turrentine machte 1970 von Blue Note direkt zu CTI rüber. Sein letztes BN-Album, das ich kenne, ist The Spoiler (1966), eine etwas angepoppte gute Hard Bop/Soul-Jazz Platte in großer Besetzung mit Arrangements von Duke Pearson. Das Muster seiner späteren BN-Alben dürfte ähnlich sein. Von Freddie Hubbard streame ich gerade A Soul Experiment (1969), ein programmatisches Soul Jazz/R&B-Album, das in seiner Art gar nicht übel ist, aber sich auch etwas anbiedert. Man meint da herauszuhören, dass FH und Atlantic versuchen, „bisher vernachlässigte Marktsegmente zu erschließen“. Aber so richtig neu und aufregend klingt das alles nicht.

    Ich finde, verglichen damit, sind die von FH und ST nur ein Jahr später auf CTI veröffentlichten Alben ein großer Sprung nach vorne. Da hört man eine andere, zeitgemäße Klangästhetik und den Mut zu stilistischen Experimenten. Und es kommt alles ohne Pop-Covers aus! So wie Motown oder Stax sich um die Wende von den 60ern in die 70er wandelten, so findet hier der Wandel von Blue Note zu CTI statt, oder so. Elektrisch, smooth, gestochen scharf, funky! Man hört deutlich Creed Taylors Händchen als Produzent, der eine Vorstellung davon hatte, wie Jazz in den 70ern klingen und sich verkaufen konnte. Stanley Turrentine und Freddie Hubbard waren wohl zwei seiner besten Pferde im Stall und hier erleben sie nicht nur ihren zweiten Frühling, sie setzen auch gleich statements.

    Von den anderen Alben habe ich vielleicht ein paar Tracks auf Compis. Muss ich mal nachsehen.

    --

    „Etwas ist da, was jenseits der Bedeutung der Worte, ihrer Form und selbst des Stils der Ausführung liegt: etwas, was direkt der Körper des Sängers ist, und mit ein- und derselben Bewegung aus der Tiefe der Stimmhöhlen, der Muskeln, der Schleimhäute, der Knorpel einem zu Ohren kommt, als wenn ein und dieselbe Haut das innere Fleisch des Ausführenden und die Musik, die er singt, überspannen würde.“ (Roland Barthes: Die Rauheit der Stimme)
    #12462765  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 12,715

    friedrichVon diesen acht Alben kenne ich immerhin vier (2 x Hubbard, je 1 x Turrentine und Jobim) und finde sie alle ausgezeichnet. Mit Jobim hatte Creed Taylor ja schon vorher zusammengearbeitet, Hubbard hatte nach Blue Note einen kurzen Zwischenstopp bei Atlantic eingelegt, Turrentine machte 1970 von Blue Note direkt zu CTI rüber. Sein letztes BN-Album, das ich kenne, ist The Spoiler (1966), eine etwas angepoppte gute Hard Bop/Soul-Jazz Platte in großer Besetzung mit Arrangements von Duke Pearson. Das Muster seiner späteren BN-Alben dürfte ähnlich sein. Von Freddie Hubbard streame ich gerade A Soul Experiment (1969), ein programmatisches Soul Jazz/R&B-Album, das in seiner Art gar nicht übel ist, aber sich auch etwas anbiedert. Man meint da herauszuhören, dass FH und Atlantic versuchen, „bisher vernachlässigte Marktsegmente zu erschließen“. Aber so richtig neu und aufregend klingt das alles nicht. Ich finde, verglichen damit, sind die von FH und ST nur ein Jahr später auf CTI veröffentlichten Alben ein großer Sprung nach vorne. Da hört man eine andere, zeitgemäße Klangästhetik und den Mut zu stilistischen Experimenten. Und es kommt alles ohne Pop-Covers aus! So wie Motown oder Stax sich um die Wende von den 60ern in die 70er wandelten, so findet hier der Wandel von Blue Note zu CTI statt, oder so. Elektrisch, smooth, gestochen scharf, funky! Man hört deutlich Creed Taylors Händchen als Produzent, der eine Vorstellung davon hatte, wie Jazz in den 70ern klingen und sich verkaufen konnte. Stanley Turrentine und Freddie Hubbard waren wohl zwei seiner besten Pferde im Stall und hier erleben sie nicht nur ihren zweiten Frühling, sie setzen auch gleich statements.

    Ja, so höre ich das auch – auch wenn ich die Zeit im Jazz von 1969 bis 1975 als noch viel offener und experimenteller kennengelernt habe als das auf CTI abgebildet wird. Ich wollte ja eigentlich Idris Muhammads Karriere verfolgen und bin dabei nach dem 8. Boogaloo-Album auf Blue Note plötzlich bei Nat Adderley auf CTI/A&R gelandet – und plötzlich wehte ein anderer Wind. Jetzt ist das Adderley-Album nicht exemplarisch für Creed Taylors Soundkonzept, aber was dazu alles angemischt wurde, ist mit sehr offenen Ohren gehört worden. Das war ja auch eine Zeit, in der David Murray musikalisch sozialisiert wurde und von weißen Rockbands wie Latin und Freejazz gleichermaßen alles aufgesogen hat, und in der man Alice Coltrane den Suits von Warner Bros. verkaufen konnte.

    --

    #12462847  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 5,160

    vorgartenJa, so höre ich das auch – auch wenn ich die Zeit im Jazz von 1969 bis 1975 als noch viel offener und experimenteller kennengelernt habe als das auf CTI abgebildet wird. Ich wollte ja eigentlich Idris Muhammads Karriere verfolgen und bin dabei nach dem 8. Boogaloo-Album auf Blue Note plötzlich bei Nat Adderley auf CTI/A&R gelandet – und plötzlich wehte ein anderer Wind. Jetzt ist das Adderley-Album nicht exemplarisch für Creed Taylors Soundkonzept, aber was dazu alles angemischt wurde, ist mit sehr offenen Ohren gehört worden. Das war ja auch eine Zeit, in der David Murray musikalisch sozialisiert wurde und von weißen Rockbands wie Latin und Freejazz gleichermaßen alles aufgesogen hat, und in der man Alice Coltrane den Suits von Warner Bros. verkaufen konnte.

    War ein Momenteindruck, den ich hatte, als ich gestern Abend krankheitsbedingt in Schlafanzug und Bademantel am Wohnzimmertisch sitzend im Stream Alben von Turrentine und Hubbard der späten 60er einerseits und frühen 70er andererseits gegeneinander hörte. Da hört man schon eine deutliche Zäsur. Ist eine Binsenweisheit, aber da kann man deutlich ablesen, wie es durch künstlerische Stagnation auch wirtschaftlich zu einer Krise kam, auf die man erst reagierte – oder sich von außen Hilfe holte – , als es nicht mehr anders weiterging.* Nicht Turrentine oder Hubbard haben sich selbst neu erfunden, Creed Taylor hat sie für CTI neu erfunden.

    Klar gab es da auch andere Entwicklungen, aber bei und ST und FH ist deren Wandel zu diesem Zeitpunkt in dieser Form klar erkennbar.

    Die Orientierung an Rock und Soul(!) und Funk(!) dieser Zeit ist für mich sehr gut nachvollziehbar, denn diese Musik wurde damals erwachsen, musikalisch komplexer, griff aktuelle Themen auf. Da konnte man sich einiges abschauen.

    *Ist in anderen Lebensbereichen ja auch nicht anders.

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    „Etwas ist da, was jenseits der Bedeutung der Worte, ihrer Form und selbst des Stils der Ausführung liegt: etwas, was direkt der Körper des Sängers ist, und mit ein- und derselben Bewegung aus der Tiefe der Stimmhöhlen, der Muskeln, der Schleimhäute, der Knorpel einem zu Ohren kommt, als wenn ein und dieselbe Haut das innere Fleisch des Ausführenden und die Musik, die er singt, überspannen würde.“ (Roland Barthes: Die Rauheit der Stimme)
    #12463097  | PERMALINK

    redbeansandrice

    Registriert seit: 14.08.2009

    Beiträge: 14,067

    nur ein kurzer Einwurf zum späten Orgeljazz auf Blue Note:

    hier läuft gerade Set Us Free von Reuben Wilson, das eine Blue Note Orgel Album, das auch auf Kudu nicht aufgefallen wäre? Wenn ich mir hier (und noch 8 Alben hier) mal das Ende der 4000er Serie von Blue Note in den Jahren 1969-71 ansehe, dann fällt mir zunächst die enorme Masse und auch Bandbreite an Musik auf… Don Cherry, John Patton, Grant Green, Jack Wilson, Herbie Hancock, McCoy Tyner, Jimmy McGriff, Elvin Jones, Hank Mobley, Eddie Gale… Odyssey of Iska…alles in drei Jahren, oft mit mehreren Alben… Und so richtig „typische“ Blue Note Alben sind gar nicht so wahnsinnig viele dazwischen… die früheren von Horace Silver sicher, Tyner wohl, Demon’s Dance von McLean…

    Und es fällt auch auf wie vielen Spuren hier nach dem Orgeljazz der Zukunft gesucht wird… Ja, da sind diese Lou Donaldson Alben, die alle nach dem Schema von Alligator Boogaloo (von 1967) gemacht sind … die waren sicher stilbildend, aber auf Blue Note gibt es tatsächlich ausserhalb von Donaldson nicht so viel, was ich in die gleiche Schublade schieben würde… Perfektioniert hat diesen Stil mE Prestige vor allem in der 10000er Serie aber auch schon vorher teilweise in der 7000er, die ganzen Prestige Alben von Charles Kynard, Sonny Philips, Leon Spencer, Rusty Bryant, Melvin Sparks, Charles Earland (wobei die ein etwas breiteres Spektrum abdecken)… friedrich hatt diese compilation, die diese Ecke ganz gut abdeckt… und ich find da vieles besser, vor allem etwas abgehangener, entspannter, funkier als auf den Donaldson Alben… aber ich mag Donaldson vielleicht auch einfach nicht gerne genug…

    der Orgeljazz auf Blue Note in diesen Jahren ist dagegen ziemlich reich und experimentell: die beiden John Patton Alben Understanding und Accent on the Blues sind mE beide absolut singulär und auch total unterschiedlich, solche Musik gab es sonst nirgends… inzwischen verwischt das etwas, weil noch mehr Sachen von Patton aus dem Archiv erschienen sind. Jack McDuff war nie wieder so experimentell unterwegs wie auf Moon Rappin und Who Knows What Tomorrow’s Gonna Bring. Die vier Reuben Wilson Alben sind fantastisch, vor allem Blue Mode und Love Bug leben davon, dass man hier etwas spannendere und modernere Bläser verwendet hat, als auf den Donaldson Alben… Die Serien von Lonnie Smith und Jimmy McGriff sind vielleicht eher klassischer Orgeljazz – aber gerade die Serie von Smith ist verdammt gut… und schliesslich gab es auf dem Label in der Zeit auch noch Larry Young…

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    #12463411  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 12,715

    vielen dank für diese differenzierung! tatsächlich sollte man wohl nicht von den vielen lou-donaldsen-alben auf den gesamten orgeljazz der spätphase von blue note schließen – TURNING POINT hatte ich ja auch noch gehört, da ist muhammad ja auch dabei, und das spricht eine andere sppache. aber eben auch LOVE BUG von reuben wilson, das fand ich jetzt sehr vergleichbar mit der donaldson-formel. (und zwischen wilsons SET US FREE und johnny hammonds einstieg bei kudu liegen ungefähr 20 grad plus).

    aber genau, der blue-note-katalog von 1969 bis 71 ist von einer riesigen bandbreite und hat wirklich viele experimentelle und originelle alben. vielleicht entsteht da umgekehrt der eindruck der profilunschärfe oder -verunschärfung, darüber hatten wir es ja auch in der blue-note-umfrage, glaube ich. da stehen ja corea/holland/altschul neben ELECTRIC BYRD, ornette coleman und duke pearsons großartigem weihnachtsalbum… was aber eben auch die zeit war. und eigentlich hören wir das ja heute alles auch parallel, ich zumindest. CTI erscheint da aber stringenter, und alles, was ich aus dem KUDU-katalog kenne, ist anders, aber genauso identifizierbar, bei aller experimentierlust in den details.

    --

    #12463551  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 5,160

    Ich war ja schon etwas zurückgerudert, indem ich schrieb, dass mein Urteil auf ein bisschen streaming einiger spät 60er/früh 70er Stanley Turrentine- und Freddie Hubbard-Alben in Schlafanzug und Bademantel beruhte. Das bildet sicher nur einen kleinen Ausschnitt ab. Da hört man zwischen STs letztem BN-Album Easy Walker und seinem ersten CTI-Album Sugar eine Zäsur. FH schien nach Orientierung zu suchen, und Creed Taylor schien sie ihm zu bieten.

    Ich stecke da nicht weit genug und tief genug drin, aber ich würde auch nie bestreiten, dass BN Ende der 60er noch viele unterschiedliche und gute Alben produziert hat. Und nachdem Alfred Lion, Francis Wolff und vermutlich auch Duke Pearson raus waren, haben die Mizell Bros. u.a. mit Donald Byrd noch einige sehr erfolgreiche R&B-orienterte Alben für BN prodzuziert. Aber das war wohl nur noch dem Namen nach Blue Note.

    Die funky Prestige-Compi, die ich hier wahrscheinlich immer wieder gebetsmühlenartig erwähne ist … Ain’t It Funky Now!. Eine weitere gute, sehr R&B-lastige Compi ist diese trashig aussehende aber gut klingende andere Prestige-Compi Tenor Titans.

    Der Wandel lag damals wohl in der Luft. Aber zurück zu Creed Taylor!

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    „Etwas ist da, was jenseits der Bedeutung der Worte, ihrer Form und selbst des Stils der Ausführung liegt: etwas, was direkt der Körper des Sängers ist, und mit ein- und derselben Bewegung aus der Tiefe der Stimmhöhlen, der Muskeln, der Schleimhäute, der Knorpel einem zu Ohren kommt, als wenn ein und dieselbe Haut das innere Fleisch des Ausführenden und die Musik, die er singt, überspannen würde.“ (Roland Barthes: Die Rauheit der Stimme)
    #12468097  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 12,715

    CTI, 6000er Serie, 1971:

       

    astrud gilberto, gilberto with turrentine / george benson, beyond the blue horizon / stanley turrentine, salt song / kenny burrell, god bless the child / hubert laws, the rite of spring / freddie hubbard, first light / var., california concert / joe farrell, outback / george benson, white rabbit (alle 1971)

    konsolidierungsphase. das geld für das, was man vorhat, kommt langsam rein, manche alben deshalb verschoben (SALT SONG), bei anderen wird eine tugend daraus gemacht und knackig produziert (BEYOND THE BLUE HORIZON). aus dem hochklassigen postbop des ersten jahres kommen wieder mehr und mehr schichtwerke zum vorschein, in denen populäres material in funkelnde startrampen für musiker verwandelt werden, die auf engem und nicht so engem raum schlüssig solieren können und dazu ein paar stockwerke zugebaut bekommen. die schönheit, die dabei entsteht, ist vielschichtiger als in der A&M-phase (arragements, spiel, sound, aura gleichberechtigt), aber es gibt keine irrlichternden ausreißer nach oben und unten mehr. für jeden star baut man eine sorgfältig gestaltete produktion im jahr zusammen, daraus kann man all-star-bands zusammenstellen, die wiederum sehr viel geld einbringen und super live-versionen abfackeln (CALIFORNIA CONCERT). so gebastelt das oft scheint, so wohl scheinen sich die beteiligten dabei zu fühlen – entspanntheit finde ich eine grundkonstante in den alben. man denkt neu über produktion nach, auch als selbstwert, jenseits der kommerzialität. die politik dahinter vielleicht: dass schönheit zählt, und dass jazz immer noch pop sein kann. oder dass es keinen pop ohne jazz gibt. und als tiefe verbeugung vor der afroamerikanischen kultur entsteht parallel KUDU, auch nicht weniger sorgfältig produziert – aber man muss sich nur billy cobham nacheinander auf einem CTI- und einem KUDU-album anhören, um zu wissen, dass das eigentlich ein gemischtes doppel aus beharren und beschleunigter gegenwart unter einem dach ist.

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