Konzertimpressionen und -rezensionen

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  • #11777721  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Entschuldigt meinen Zynismus. Die Konzerte, die ich besuche, sind seit Monaten diejenigen Anlässe, in denen mir das Versagen unserer Pandemiepolitik am deutlichsten vor Augen gehalten wird. Dass da ganz viele alte (auch richtig alte, Gehhilfe und so) Menschen sitzen, die gerne auch etwas husten aber keinesfalls noch eine Maske tragen würden dabei sind, zeigt halt, wie die Informations“strategie“ hierzulande kläglich gescheitert ist – und was die politische Aufladung der ganzen Pandemie in den D-A-CH-Ländern angerichtet hat. Ich bin eigentlich eher traurig und verwundert, aber das äussert sich dann in zynischen Bemerkungen wie jener zur Endemie oben :-(

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    #11777727  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

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    Problematisch auch die Tatsache, dass der menschliche Schwachsinn immer öfter endemische Grenzen mühelos überschreitet ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #11777751  | PERMALINK

    yaiza

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    gypsy, sehr schade, dass es bei Deinen Konzertbesuchen so läuft. Von der Politik werden hier für den Kulturbereich auch keine Vorgaben gemacht. Auf den Websites z.B. der Kinos ist fettgedruckt zu lesen, dass alle Corona-Richtlinien entfallen. Bei klassischer Musik ist das noch anders. Die Spielstätten verweisen auf ihr Hausrecht und verpflichten zum Tragen der FFP2-Maske. Für die Orchestermitglieder wird es wahrscheinlich auch eine Fürsorgepflicht vom Arbeitgeber aus geben (?)  Vermutlich seid ihr uns mehrere Wochen voraus, auch hier wird die Diskussion aufkommen, ob die Masken noch sein müssen. … Mal schauen, wie es ab Frühsommer hier so läuft. Ich werde sie wohl im Innenraum noch freiwillig länger tragen.

    --

    #11777827  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

    Registriert seit: 02.12.2013

    Beiträge: 45,557

    yaiza …. Ich werde sie (die FFP2 Maske) wohl im Innenraum noch freiwillig länger tragen.

    Same here ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #11800679  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Registriert seit: 25.01.2010

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    Bei mir sind seit einer Woche wieder samstägliche (und manchmal dazu frei- oder sonntägliche) Konzertbesuche angesagt. Ein paar Zeilen zu den letzten drei:

    14. Mai 2022 – Zürich, Tonhalle – Swiss Orchestra

    Swiss Orchestra
    Lena-Lisa Wüstendörfer
    Leitung
    Heinz Holliger Oboe
    Alice Belugou Harfe

    Johann Carl Eschmann Grosse Konzert-Ouvertüre (1847)
    Frank Martin «Trois danses» für Oboe, Harfe, Streichquintett und Streichorchester (1970)

    Johannes Brahms Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 (1883)

    Dieses Konzert war 2020 (Saison 2019/20, glaub ich) einst als erste Konzerttournee des jungen „Swiss Orchestra“ geplant gewesen – doch es sollte anders kommen. Inzwischen endet bald Tournee #4, ich war letzten Herbst schon bei #3 eher kritisch zugegen. Kritisch bleibe, ich leider auch. Wüstendorfer hat für ihr Orchester geschickt eine Nische gesucht und gefunden: der schweizerischen Sinfonik des späten 18. bis frühen 20. Jahrhundert Raum zu geben, Werke auf die Bühne zu bringen, die kaum (noch) bekannt sind. Das ist natürlich sehr begrüssenswert. Nicht ganz so rund läuft es aber im Hinblick auf die Güte des Gebotenen. Da ist zuerst mal die Repertoire-Frage, die ja bei jedem sinfonischen Konzert gestellt werden kann: das Kombinieren von Unbekanntem, Vergessenen mit dem Bewährten, ständig zu Hörenden – die übliche Frage also, die sich wohl jeder Intendant, jeder Chefdirigent tagtäglich stellen muss: kommen die Leute wegen oder trotz Beethoven und Brahms? Beim Konzert #3 neulich gab es als gewichtigstes Werk nach der Pause die Sinfonie von August Walter – und damit einen deutlichen Kontrapunkt zur etwas lang geratenen ersten Konzerthälfte, in der Ouvertüre von Mendelssohn Salonmusik von Raff und Wagner vorangestellt wurde. Dieses Mal gab’s nach der Pause Brahms‘ Dritte – as mainstream as it gets also. Davor eine Ouvertüre von Eschmann und Frank Martins drei Tänze für Oboe und Harfe, einst für das Ehepaar Holliger geschrieben (und mit Entstehungsjahr 1970 etwas jünger als das, was Wüstendorfer in der Regel programmiert).

    Holliger war überhaupt einst der Grund, weshalb im Sommer 2019 eine Karte gekauft hatte: ihn auch endlich mal an der Oboe zu hören – natürlich mit dem Hintergedanken „so lange das noch geht“ (er wurde gestern 83, und die Oboe ist ja ein Instrument, bei dem jede Unsicherheit gleich zu hören ist). Und Martin war auch ganz klar das Highlights des Programmes. Das Zusammenspiel von Holliger mit der jungen Harfenistin (Ursula Holliger ist 2014 verstorben, ich habe sie leider nie auf der Bühne gesehen) funktionierte bestens, beiden stand der Schalk auch beim Applaus danach ins Gesicht geschrieben. Und mich dünkte auch, dass die Präsenz der hervorragenden Solisten das Orchester besser aufspielen liess. Die schöne Konzertouvertüre von Eschmann klang zu oft wie eine Aufwärmübung und auch die Brahms-Sinfonie wurde weder gross gestaltet noch richtig gut umgesetzt. Immer wieder gab es Unsauberkeiten, und mich beschlich das Gefühl, dass weder den Details noch den grossen Bögen genügend Beachtung geschenkt wurde. Vom Podest kamen kaum Impulse, das wirkte auf mich durchgespielt, nicht interpretiert. Aber das klingt jetzt sehr harsch – es ist nicht so, dass der Gang ins Konzert sich nicht gelohnt hätte. Allerdings hat Wüstendorfer mich auch dieses mal nicht überzeugt, es war die Musik von Martin, die Auftritte von Belugou und Holliger – und durchaus die Gelegenheit, das Stück von Eschmann im Konzert zu hören, die den Abend dennoch lohnenswert machten.

    20.05.2022 – Zürich, Opernhaus

    Arabella
    Lyrische Komödie in drei Aufzügen von Richard Strauss (1864-1949)
    Text von Hugo von Hofmannsthal

    Musikalische Leitung Markus Poschner
    Inszenierung Robert Carsen
    Ausstattung Gideon Davey
    Lichtgestaltung Robert Carsen, Peter van Praet
    Choreografie Philippe Giraudeau
    Choreinstudierung Ernst Raffelsberger
    Dramaturgie Ian Burton, Kathrin Brunner

    Graf Waldner Michael Hauenstein
    Adelaide Stephanie Houtzeel
    Arabella Jacquelyn Wagner
    Zdenka Nikola Hillebrand
    Mandryka Josef Wagner
    Matteo Thomas Paul
    Graf Elemer Nathan Haller
    Graf Dominik Yannick Debus
    Graf Lamoral Brent Michael Smith
    Die Fiakermilli Aleksandra Kubas-Kruk
    Eine Kartenaufschlägerin Irène Friedli
    Ein Zimmerkellner Alejandro Del Angel
    Welko Cheyne Davidson
    Djura Mentor Bajrami
    Jankel Nick Lulgjuraj

    Philharmonia Zürich
    Chor der Oper Zürich
    Statistenverein am Opernhaus Zürich

    Am Freitag ging ich dann nach längerem wieder in die Oper – wie das Tonhalle-Debut des Swiss Orchestra hatte ich auch die „Arabella“ im März 2020 hören wollen. Die Premiere fand im Februar noch statt – schon unter schlechtem Stern: die Arabella war krank und musste kurzfristig ersetzt werden – doch danach wurden die weiteren Aufführungen abgesagt und die Inszenierung von Carsen jetzt wieder aufgenommen – in fast vollständig neuer Besetzung, mit Ausnahme von Wagner, der erneut den Mandryka sang.

    Krankheiten waren aber auch am Freitag ein Problem: Wagner hatte schon am Wochenende davor abgesagt, hiess es bei der Ansage auf der Bühne direkt vor der Aufführung, danach folgten bis am Vortag weitere Absagen – von allen Sängerinnen, wegen denen ich überhaupt hingehen wollte: Hanna-Elisabeth Müller (in der Titelrolle), Anett Fritsch (Zdenka) und Judith Schmid (Adelaide), und zudem fiel auch noch Pavol Breslik (Matteo) aus. Um 15 Uhr am Tag der Aufführung waren dann auch die letzten Einspringer*innen angekommen, es wurden parallel zwei Proben durchgeführt, damit am Abend auch alles klappte – und das gelang dann auch. Zumindest passierte nichts, was in Unkenntnis von Werk und Libretto klar als Panne oder Fehler zu erkennen war. Die Hände der Souffleuse (Maestra suggetrice ist sie hier betitelt) waren öfter als sonst kurz zu sehen, sie hatte wohl mehr zu tun als bei einer regulären Aufführung – am Ende wurden auch noch zwei unwillige gestalten in Alltagsklamotten auf die Bühne gezerrt, wohl die Inpizientin und der Kollege, die die Notfallproben geleitet hatten.

    Das 2020 von der NZZ arg kritisierte Regiekonzept funktionierte für mich ganz gut, die neue musikalische Leitung ebenfalls – Wagner, so hiess es damals, hätte mit dem unsympathischen Rollenbild und den Klangmassen, die der damalige Chefdirigent Fabio Luisi entfachte, arg zu kämpfen gehabt. Dass seine Figur eine äussert zwiespältige ist, wird ja schon aus dem unfertigen Libretto sehr klar (Hofmannsthal hatte nur den ersten Akt zu Ende bearbeitet, als er 1929 verstarb, Mandryka taucht aber erst in den beiden folgenden Akten auf, ist davor nur eine Erzählung, ein Schatten, ein Blick). Dass Carsen das Geschehen ins Wien des Jahres 1938 verlegte, verhilft ihm aber gerade wieder zu einer positiveren Rollen, denn mit den um Arabella herumwedelnden Nazi-Offizieren hat er nichts gemein (Matteo, dieser traurig-komische Vogel, ist positiver gezeichnet, weicher, mit mehr als nur Schneid und Karriereplänen).

    Dass das Haus schlecht besucht war – es war ein hochsommerlicher Abend, schon am Freitag kletterte das Thermomenter im Schatten auf über 30 Grad, es war zudem Opernhaustag, d.h. ab 11 Uhr des Vorstellungstages sind alle verbleibenden Karten zum halben Preis zu kriegen (ob auch deshalb ein paar der Künstler*innen lieber die Stimmbänder schonten?) – tat dem Vergnügen wenig Abbruch. Für mich war das ein runder Abend, die Einspringerinnen und der Einspringen machten ihre Sache exzellent, dass Wagner – rechtzeitig genesen – sich im ersten Akt allmählich herantastete und etwas behutsam anfing, war nicht weiter tragisch. In kleineren Nebenrollen hatten gern gesehene und gehörte langjährige Ensemblemitglieder wie Irène Friedli und Cheyne Davidson gute Auftritte. Alexandra Kubas-Kruk hatte ich vor drei Jahren schon als Einspringerin in einem von Julie Fuchs (mit)konzipierten Konzert gehört, sie glänzte auch als Fiakermilli wieder. Und die ganzen umbesetzten Hauptrollen machten einen hervorragenden Job, allen voran Jacquelyn Wagner als Arabella und Nikola Hillebrand als Zdenko/Zdenka.

    Ich war aber auch einmal mehr von Strauss‘ Musik sehr angetan. Die unterschiedlichen Charakterisierungen von Zdenko/Zdenka und Matteo einerseits – zweifelnd, chromatisch, düster, schwer – und Arabella/Mandryka andererseits – jublierend, warm, wohlklingend -, dazwischen die fast brutalen Walzer-Einlagen die Solo-Passagen für Viola und Cello (ich weiss nicht, wer das wunderbare lange Viola-Solo spielte, das Solo-Cello spielte soweit ich sehen konnte Lev Sivkov) – dazu die immer wieder überraschenden Einfälle in der Orchestrierung – eine richtige Ohrenweise. Das Orchester agierte unter Poschner jedenfalls ganz hervorragend. Ich bin jedenfalls immer wieder beeindruckt von seiner Qualität, auch wenn ich derzeit die Konzerte nicht besuche, die es auch gibt (Prioritäten in der endemischen Pandemie halt – dass auf dem grossen Platz vor der Oper auch jetzt wider der Nationalzirkus gastiert, inklusive Streichelzoo direkt vorm Eingang zur Oper – ist grad auch wieder ein lustiges Zeichen, Affenpocken ahoi!).

    21.05.2022 – Zürich , Tonhalle – Neue Konzertreihe Zürich

    Grigory Sokolov Klavier

    Ludwig van Beethoven 15 Variationen Es-Dur mit einer Fuge op. 35 «Eroica-Variationen»
    Johannes Brahms Drei Intermezzi op. 117

    Robert Schumann «Kreisleriana» op. 16

    Zugaben:
    Sergei Rachmaninoff: Prélude D-Dur Op. 23/4, Prélude es-Moll Op. 23/9, Prélude Ges-Dur Op. 23/10
    Alexander Skrjabin: Prélude e-Moll Op. 11/4
    Frédéric Chopin: Mazurka a-Moll Op. 68/2, Prélude c-Moll Op. 28/20

    Und gestern wieder Hochamt mit Grigory Sokolov – einmal mehr der schiere Wahnsinn, was der Mann da geboten hat und ich mag da gar nicht allzu lange drüber schreiben. Die Eroica-Variationen boten das ganze Spektrum. Da ist alles drin, was Musik geben kann, vom zarten Werden bis zum prallen Leben und dem stillen Vergehen. Sehr beeindruckend. Besonders toll die lange ruhige Passage in der zweiten Hälfte – und wie Sokolov danach die Rückkehr zum leicht erkennbaren thematischen Material gestaltete (Variationen 9 und 13 sind durchgängig im Forte zuspielen, davor jeweils pp bzw p – ich kenne das Stück zu schlecht, um zu sagen, welchen Übergang ich meine). Und danach Brahms, jedes der drei Stücke wunderbar gestaltet – mich berührt da v.a. das erste immer sehr.

    Das grosse Highlight waren dann aber wie erwartet die „Kreisleriana“. Mit welcher Leichtigkeit Sokolov diese Charakterstücke gestaltet hat, die Triller, die schnellen Läufe, die brütenden Passagen … was für ein umwerfendes Werk das doch ist. Und was für ein Glück, es in einer so grossartigen Version im Konzert hören zu können! Danach folgten die üblichen sechs Zugaben – keine Ahnung, was die ersten vier waren, aber zum Schluss gabe es zwei kurze Stücke von Chopin (vermutlich Études, vielleicht auch eine Prélude). Und natürlich fingen die Ungeduldigen schon nach der ersten Zugabe an, zu gehen – dabei war die zweite Konzerthälfte doch mit den ca. halbstündigen „Kreisleriana“ so angelegt, dass die Zugaben quasi in die ca. zwei Stunden Musik miteingerechnet waren. Von mir aus hätte es auch länger dauern dürfen, aber wie immer bei Sokolov war ich am Ende einfach nur dankbar und glücklich.

    (Foto: Schlussapplaus bei „Arabella“)

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    #11800905  | PERMALINK

    yaiza

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    Vielen Dank für Deine Berichte und Deine Gedanken zu den Programmen des Swiss Orchestra.

    bzgl. Zugaben bei G. Sokolov… vielleicht hilft Dir dieser Bericht aus Wien weiter (Zugaben sind nach dem Programm aufgezählt)

    Ich war am heutigen Abend beim Berliner Klavierfestival. Marc-André Hamelin spielte im Konzerthaus.Das war schon ein schönes Geschenk, ihn im Kleinen Saal (ca. 380 Plätze) zu sehen. Mir gefällt die Akustik dort und man sitzt auch viel näher dran. Morgen hoffentlich mehr dazu…

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    #11800919  | PERMALINK

    soulpope
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    yaiza …. Ich war am heutigen Abend beim Berliner Klavierfestival. Marc-André Hamelin spielte im Konzerthaus.Das war schon ein schönes Geschenk, ihn im Kleinen Saal (ca. 380 Plätze) zu sehen. Mir gefällt die Akustik dort und man sitzt auch viel näher dran. Morgen hoffentlich mehr dazu…

    Was hat Hamelin gespielt …. ,?

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #11800921  | PERMALINK

    soulpope
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    gypsy-tail-wind …. 21.05.2022 – Zürich , Tonhalle – Neue Konzertreihe Zürich Grigory Sokolov Klavier Ludwig van Beethoven 15 Variationen Es-Dur mit einer Fuge op. 35 «Eroica-Variationen» Johannes Brahms Drei Intermezzi op. 117 — Robert Schumann «Kreisleriana» op. 16 Und gestern wieder Hochamt mit Grigory Sokolov – einmal mehr der schiere Wahnsinn, was der Mann da geboten hat und ich mag da gar nicht allzu lange drüber schreiben. Die Eroica-Variationen boten das ganze Spektrum. Da ist alles drin, was Musik geben kann, vom zarten Werden bis zum prallen Leben und dem stillen Vergehen. Sehr beeindruckend. Besonders toll die lange ruhige Passage in der zweiten Hälfte – und wie Sokolov danach die Rückkehr zum leicht erkennbaren thematischen Material gestaltete (Variationen 9 und 13 sind durchgängig im Forte zuspielen, davor jeweils pp bzw p – ich kenne das Stück zu schlecht, um zu sagen, welchen Übergang ich meine). Und danach Brahms, jedes der drei Stücke wunderbar gestaltet – mich berührt da v.a. das erste immer sehr. Das grosse Highlight waren dann aber wie erwartet die „Kreisleriana“. Mit welcher Leichtigkeit Sokolov diese Charakterstücke gestaltet hat, die Triller, die schnellen Läufe, die brütenden Passagen … was für ein umwerfendes Werk das doch ist. Und was für ein Glück, es in einer so grossartigen Version im Konzert hören zu können! Danach folgten die üblichen sechs Zugaben – keine Ahnung, was die ersten vier waren, aber zum Schluss gabe es zwei kurze Stücke von Chopin (vermutlich Études, vielleicht auch eine Prélude). Und natürlich fingen die Ungeduldigen schon nach der ersten Zugabe an, zu gehen – dabei war die zweite Konzerthälfte doch mit den ca. halbstündigen „Kreisleriana“ so angelegt, dass die Zugaben quasi in die ca. zwei Stunden Musik miteingerechnet waren. Von mir aus hätte es auch länger dauern dürfen, aber wie immer bei Sokolov war ich am Ende einfach nur dankbar und glücklich.

    Dank für den Bericht …. ich habe das Konzert im März @ Wien aus COVID-19 Gründen ausgelassen (habe aber eine CD-R mit einem „Soundboardmitschnitt“ erhalten …. welchen ich noch nicht angehört habe….), die Entscheidung natürlich auch dadurch leichter gemacht, dass ich Sokolov schon mehrere Male konzertant erleben durfte …. für mich bleibt er im romantischen Bereich grossartig, Beethoven empfinde ich als Teil seines breiten (für Pianisten der alten russischen Schule typischen) Konzertportfolios …. btw dass zahlreiche Künstler Beethoven so gerne spielen können täten ist aber Fakt …. jedenfalls scheen, dass Du ihn erleben konntest – bei Pianisten seines Alters weis man ja nie ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #11800927  | PERMALINK

    yaiza

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    soulpope

    yaiza …. Ich war am heutigen Abend beim Berliner Klavierfestival. Marc-André Hamelin spielte im Konzerthaus.Das war schon ein schönes Geschenk, ihn im Kleinen Saal (ca. 380 Plätze) zu sehen. Mir gefällt die Akustik dort und man sitzt auch viel näher dran. Morgen hoffentlich mehr dazu…

    Was hat Hamelin gespielt …. ,?

    CPE Bach Suite Wq 62/12; eine Eigenkomposition (dazu später mehr); Beethoven op. 106
    mehr zu wie und worauf dann am Nachmittag ;)

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    #11800931  | PERMALINK

    soulpope
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    yaiza

    soulpope

    yaiza …. Ich war am heutigen Abend beim Berliner Klavierfestival. Marc-André Hamelin spielte im Konzerthaus.Das war schon ein schönes Geschenk, ihn im Kleinen Saal (ca. 380 Plätze) zu sehen. Mir gefällt die Akustik dort und man sitzt auch viel näher dran. Morgen hoffentlich mehr dazu…

    Was hat Hamelin gespielt …. ,?

    CPE Bach Suite Wq 62/12; eine Eigenkomposition (dazu später mehr); Beethoven op. 106 mehr zu wie und worauf dann am Nachmittag ;)

    😁😇 ….

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    gypsy-tail-wind
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    Vielen Dank @yaiza – ich hatte immerhin in die richtige (russische) Richtung gedacht: die ersten vier Zugaben waren die drei von Rachmaninov und dann das eine von Skrjabin, wie in Wien. Nr. 5 und 6 hatte ich eindeutig als Chopin erkannt und grad rasch identifiziert: zuerst das Mazurka a-Moll Op. 68 Nr. 2 und dann als letzte Zugabe die Prélude c-Moll Op.28 Nr.20 („Trauermarsch“).

    Was Beethoven angeht, den empfinde ich schon als Teil von Sokolovs Kern – aber das mag damit zu tun haben, womit ich ihn im Konzert hörte (Beethoven war gestern schon zum vierten Mal dabei, wenn mich nicht alles täuscht, Brahms zum zweiten Mal, da gab es letztes Mal Opp. 118 & 119, zudem je einmal Haydn und Schubert – und Schumann glaub ich zum zweiten Mal).

    Über Hamelin mehr zu hören würde mich natürlich auch freuen!

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    #11800989  | PERMALINK

    soulpope
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    gypsy-tail-wind …. Was Beethoven angeht, den empfinde ich schon als Teil von Sokolovs Kern – aber das mag damit zu tun haben, womit ich ihn im Konzert hörte (Beethoven war gestern schon zum vierten Mal dabei, wenn mich nicht alles täuscht, Brahms zum zweiten Mal, da gab es letztes Mal Opp. 118 & 119, zudem je einmal Haydn und Schubert – und Schumann glaub ich zum zweiten Mal) ….

    Er ist ja ein musikalisches Kompendium und daher ein „Kern“ …. für mich wie gesagt jedoch die Romantk sein überlebensgrosses Forte ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #11801011  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Ja, kann ich schon nachvollziehen. Für mich sind da allerdings einfach die jährlichen Konzerte der Massstab – so sehr ich seine Aufnahmen schätze (besonders die für Naïve und Vorgänger). Mozart vergass ich oben, mit Mozart hörte ich ihn auch dreimal inzwischen, glaube ich? Das fand ich dann nicht „Kern“, aber KV 310 beim ersten Konzert, das ich hörte (in Luxembourg, zufällig, war zur richtigen auf Arbeit dort, 2012 glaub ich?) war sehr toll. Damals gab’s auch noch Rameau in der ersten Konzerthälfte, und in der zweiten dann die Hammerklaviersonate.

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    #11801375  | PERMALINK

    yaiza

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    … dann nehme ich den Ball mit der Hammerklaviersonate auf. Der Nachmittag ist zwar längst vorbei, aber ein paar Gedanken zu gestern sind aufgeschrieben…

     

    Konzerthaus Berlin, Kleiner Saal  (8. Berliner Klavierfestival, 4. Abend)

    So., 22. Mai 2022     

    Marc-André Hamelin

    C.P.E. Bach  Suite e-Moll Wq.62/12; Hamelin Suite à l’ancienne (2020) – PAUSE

    Beethoven Sonate B-Dur op. 106 „Hammerklaviersonate“

     

    Gestern ging das 8. Berliner Klavierfestival (nach zweijähriger Pause) in den 4. Abend. Zuvor spielten Benjamin Grosvenor, Severin von Eckardstein und Zlata Chochieva. Die beiden letztgenannten teilten sich zum 150. Jubiläum des Geburtstages von Scriabin die Aufführung der Sonaten.

    Ich entschied mich, zum 4. Abend mit Marc-André Hamelin und zum Abschlusskonzert mit Janina Fialkowska zu gehen. Im kleinen Saal des Konzerthauses angekommen, nahm ich ganz vorn auf der Galerie (re. Seite) Platz. Ich kümmerte mich -pandemiebedingt, wie es immer noch heißt – erst spät um die Karte und das war bei der Buchung einer der letzten freien Plätze. Ein erster Blick zur Bühne brachte mich zum Lächeln. Da stand kein Steinway, auch kein Bechstein, sondern ein Bösendorfer. Ich mag den wärmeren, etwas dunkleren Klang und bin froh über jede Hörgelegenheit – außerhalb des Pianosalons kommt das gar nicht (mehr) so häufig vor. Im Parkett saß das Publikum eng an eng, die Galerie war nur zu deutlich weniger als die Hälfte besetzt. Wurden da einige Sponsorenkarten nicht eingelöst? Wer weiß. Schade für diejenigen, die keine Karte(n) mehr erwerben konnten.

    … und dann kam der Pianist des Abend ganz entspannt heraus, ein Lächeln und los ging’s. Ich war mit meinem Platz sehr zufrieden, hatte aufgrund der Seite keine Sicht auf die Hände, dafür aber einen schönen Blick auf den Flügel und da war mechanisch auch einiges los. Besonders später bei Hamelins Stück. Aber zunächst CPE Bach mit einer Suite/Sonate, die im „Musikalischen Allerley“ in den 1760ern in Berlin veröffentlicht wurde. Sie ist von leichterer Art und es war schön, dieser sehr friedlich klingenden Musik zu lauschen.

    Die von Marc-André Hamelin komponierte Suite à l’ancienne (2020) wurde gestern von ihm zum ersten Mal öffentlich gespielt.  Rachel Naomi Kudo, eine Pianistin, die er beim 2017er Van Cliburn Wettbewerb kennenlernte, gab sie in Auftrag. Hamelin saß bei diesem Wettbewerb in der Jury und hatte die Ehre, die von ihm komponierte „Toccata on L’homme armé“ gleich 30x (als Pflichtstück) zu hören. In den letzten Wochen hatte ich mir immer mal Interviews angeschaut und in Podcasts reingehört und dies erwähnte er öfters und bezeichnete es einerseits als schon merkwürdig, es so oft gespielt zu hören und andererseits als Privileg. Über die gestern gespielte Suite à l’ancienne sagte er (aus dem Programmheft zitiert): „Meine Suite ist direkt von den barocken Vorbildern der verschiedenen Werke des Genres der Toccata von Bach und Händel abgeleitet, da die allgemeinen Formen sehr ähnlich sind. Darüber hinaus ist die Harmonik, auch wenn die Sprache vollständig tonal bleibt, viel komplexer, chromatischer.“ Auch wenn ich die Suite vermutlich nicht verstanden habe, wirkte sie auf mich doch gut hörbar. Wie oben kurz angedeutet, war da eine Menge los. Ich hörte im Radio mal ein Konzert vom Klavierfestival Husum, als er einen Teil seiner Etüden vorstellte. Als Laie nehme ich das auf, mich berührt es aber nicht weiter. Ich nehme an, da sind einige Schwierigkeitsgrade abgedeckt ;)  Ich fand es schön, Hamelin mit einem Stück von ihm gehört zu haben, ein Erlebnis war es auf jeden Fall.

    Nach der Pause dann der „Mount Everest“. Ich hätte nicht gedacht, dass ich op. 106 von Beethoven nach dem 2020er Zyklus von Igor Levit so schnell wieder live höre und habe mich beim Lesen der Ankündigung sehr gefreut. In den letzten Wochen hörte ich auch einige Aufnahmen, um als Hörer wieder etwas „reinzukommen“. Beim Adagio ist er auf der schnelleren Seite, was ich bevorzuge. Beim gedehnten Spiel einiger Pianisten hört es sich für mich an, als ob es auseinanderfällt. Das war bei Hamelin nicht der Fall. Ich hab’s sehr genossen.

    Hätte er nach dem langen Applaus den Deckel vorn heruntergeklappt, ich hätte es verstanden. Das war schon ein „Ritt“ und mir gefiel es, dass er das danach auch nicht poker face- mäßig überspielte. Er nahm den Applaus entgegen, holte tief Luft und als sich die ersten zur Standing Ovation erhoben, setzte er sich doch nochmal an den Flügel. Einleitend gab er zu verstehen, dass die Zugabe „very very far from Beethoven is“. Eine kurze Erklärung zu William Bolcom und mit Graceful Ghost wechselte er zum Ragtime, was  gut zum „Runterkommen“ passte. Das war doch ein schöner Ausblick auf die nächste Veröffentlichung. In den USA braucht er zu William Bolcom nichts erklären, hier in Europa schaden ein paar einleitende Worte nicht. Man sah ihm auch so richtig die Freude an. Nach weiterem langen Applaus kehrte er mit dem Rondo in c-Moll zu CPE Bach zurück. Das wäre auch ein runder Abschluss gewesen, aber er schenkte uns nach weiterem langen und lautem Applaus noch einen weiteren Rag – The Poltergeist, ein sehr witziges Stück mit einigen false endings… :)  Zu Hause stöberte ich dann ein bisschen zu William Bolcom und fand heraus, dass die beiden Zugaben zu den „Three Ghost Rags“ gehören.

    Wie im Hörfaden beschrieben, hatte ich vor dem Konzert noch nicht viele Höreindrücke zu Hamelin. Trotz Vorfreude, ihn mal live zu hören, hatte ich keine riesigen Erwartungen. Das Programm fand ich sehr gut aufgebaut. Er gestaltete den Abend wirklich schön. Die Schublade „kühles Spiel“ kann ich aus diesem Erleben heraus nicht aufziehen. Der Abend wirkt noch nach und hat mir insgesamt viel Freude gebracht.

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    soulpope
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    gypsy-tail-windJa, kann ich schon nachvollziehen. Für mich sind da allerdings einfach die jährlichen Konzerte der Massstab – so sehr ich seine Aufnahmen schätze (besonders die für Naïve und Vorgänger). Mozart vergass ich oben, mit Mozart hörte ich ihn auch dreimal inzwischen, glaube ich? Das fand ich dann nicht „Kern“, aber KV 310 beim ersten Konzert, das ich hörte (in Luxembourg, zufällig, war zur richtigen auf Arbeit dort, 2012 glaub ich?) war sehr toll. Damals gab’s auch noch Rameau in der ersten Konzerthälfte, und in der zweiten dann die Hammerklaviersonate.

    Ich hörte ihn auch wiederholt mit Bach …. interessanter nie mit Scriabin als offiziellem Programmteil, aber immer Tonnen seiner Kompositionen via der langen/opulenten Zugaben ….

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