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Michael Garrick Trio – Cold Mountain | Ein Trio aus England hatte ich noch übersprungen – schon im April 1972 ging Michael Garrick mit Dave Green und Trevor Tomkins an zwei Tagen in London ins Studio, um nach diversen Alben mit grösseren Formationen und einer frühen EP im Trio (klick) sein erstes ausgereiftes Trio-Album aufzunehmen. Wie bei anderen Pianisten (jüngst z.B. bei Alexander Hawkins, um in England zu bleiben) ist das Trio-Format eins, das man nicht leichthin anpackt und lieber etwas zuwartet. Garricks Album erschien 1972 bei Argo (Decca) und kam 2006 bei Dutton/Vocalion auf CD heraus. Wie üblich gibt es besonderes Material, das manchmal angesichts der recht wilden Soli und des ziemlich gleichberechtigten Interplays etwas zahm und hübsch wirkt. Aber so funktioniert das bei Garrick eben, er war wohl immer irgendwie auf der Suche nach Schönheit, auch wenn es handgreiflich wird und die Leitlinien (rhythmisch, harmonisch, melodisch) durchaus gesprengt werden. Auch wenn manches hier etwas konventioneller und stärker vom US-Jazz geprägter wirken mag als bei John Taylor oder Gordon Beck, ist Garrick wohl der englischste von allen, und das hat eben auch wieder mit dem Material zu tun. Wenn er „Prayer“ intoniert, ein mehrstimmiges Stück von klassischer Tönung, kommt der näher an alte Musik heran, als das John Lewis beim MJQ je gelang. Garrick spielt die meiste Zeit nur mit dem Bass, der die linke Hand verstärkt oder ergänzt, während die Drums ausser in einem kurzen swingenden Teil pausieren. Dieses Stück, schreibt Garrick, der alle sieben Titel des Albums komponiert hat, habe er 1957 inspiriert von Gibrans „The Garden of the Prophet“ geschrieben. Anderswo gibt es rockige Grooves wie den Siebner in „Annunciation“, das wie der Opener „Proclamation“ ein Weihnachtsstück ist, anderswo einen unregelmässigen „Thanksgiving Dance“ (in 8, aber in 3-3-2 gezählt, so dass die Form „hinkt“) oder Kinderlieder („Miranda Sleeping“, „First Born“).
Das Titelstück bezieht sich, so Garrick, auf ein Gedicht, das Han-Shan zugeschrieben wird, einem chinesischen Einsiedler aus dem 7. Jahrhundert, dessen Name eben „kalter Berg“ bedeutet: „It is to do with man’s quest for spiritual enlightenment and Cold Mountain itself is as much a state of mind as an actual place that is tremendously difficult to attain. The problem is he can grasp the greater reality in glimpses only. Having reached the peak, his physical nature forces him to descent for air, food, ordinary rehabilitation. But Cold Mountain is always there, and ever and ever again he sets out to overcome it.“ – Umgesetzt ist das in 13 Minuten fast wie eine Stummfilmmusik mit Ostinato-Figuren, Riffs, steigenden Tempi bis ins Rasende. Die Musik funktioniert auch ohne solche Infos bestens, sie hat Groove und ist eingängig, und sie hat vor allem einen Reichtum, wie er bei Jazz-Kompositionen selten ist und natürlich bei Garrick zentral zur Musik gehört. Manches ist fast schon so reich wie die Musik von Ellington, dünkt mich.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tbaHighlights von Rolling-Stone.de„Bad“ von Michael Jackson: Der König ist gestürzt
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WerbungGarrick im Trio kann ich mir tatsächlich nicht so richtig vorstellen, die Farben der Bläser scheinen mir essentiell, muss ich mir mal anhören… Von Joe Albany hatte ich mir neulich auch was angehört (das Album aus den 60ern, das auf Revelation und Spotlite erschien), es macht irgendwie Spass, schön, dass es dokumentiert ist, aber für die Spitzengruppe ist es nichts…
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Georges Arvanitas Trio – Live Again | Am 13. Januar 1973 spielt das Trio von Georges Arvanitas mit Jacky Samson und Charles Saudrais in Levallois und Futura ist zur Stelle, um das Geschehen zu dokumentieren. Neben Klassikern („In Your Own Sweet Way“, „Lover Man“ als grosses Bass-Feature, Stella by Starlight“ mit dem Bass im Lead und einer langen Solo-Kadenz von Arvanitas, „Yesterdays“ mit gestrichenem Bass im langen Rubato-Intro, „Con Alma“ als virtuos-mitreissender Closer) stehen auch ein paar Originals auf dem Programm: „Sing Sing und „Electric“ von Arvanitas und „Indian“ von Arvanitas/Saudrais. Auf den beiden letztgenannten wechselt Arvanitas ans E-Piano – ein Hohner mit Wah-Wah-Pedal, wie Arvanitas in den Liner Notes erläutert. Und wo ich den Opener von Brubeck höre, denke ich, ich hätte halt doch nicht mit Evans Nachhören aufhören sollen … denn einiges, was Arvanitas hier spielt, scheint ganz direkt aus dessen Harmonie-Küche zu kommen. Und Samsons Bass in zwei erinnert natürlich auch an die Linie, die da von Chambers über LaFaro zu Gomez läuft. Das Trio ist ja üblicherweise auf Platte her die Begleitband für Hauptattraktionen wie Dexter Gordon, Sonny Criss, Ben Webster etc., aber auch ohne solche klingenden Namen unbedingt hörenswert (schon auf dem Album „In Concert“ von 1969/70, das bei mir grad unauffindbar scheint, „Indian“ ist dort auch schon drauf und wie hier wieder das längste Stück). Die drei entwickeln gemeinsam einen unglaublichen Drive – und sind, wenn sie mal richtig loslegen, weit weg von Evans, energetisch eher beim Jamal Trio der Zeit (bzw. von 1970/71, denn von danach kenne ich wieder lange nichts). Das ist Musik ohne die Nuancen von Garrick, den Freigeist von Beck, den Groove von Haider oder die Abgründe von Kessler – aber von allem ist eine Prise dabei und das Ergebnis ist durchaus auf der Höhe der Zeit (vielleicht, wie es die Aufnahmen von Hampton Hawes sind? Wobei ich da ja auch grad pausiere und zwischen dem Jazzhus Montmartre und dem Jazz Showcase eh eine – E-Piano/Gitarren- – Lücke habe). Das tolle hier ist, dass das eine echte Working Band ist, die ein recht breites Spektrum abdeckt, aber als Trio doch eine erkennbare Handschrift hat.
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Garrick im Trio kann ich mir tatsächlich nicht so richtig vorstellen, die Farben der Bläser scheinen mir essentiell, muss ich mir mal anhören…Ich fand’s heute super … aber im Kontext mit anderen Garrick-Alben mochte ich auch die mit Bläsern und Winstone immer lieber. Ich denke, das ist aber unfair, denn das Trio ist echt schön und ein Klavier kann das alles an Farben eben auch – bloss denkt man nicht dran, wenn man seine grösser besetzten Sachen im Kopf hat.
redbeansandrice
Von Joe Albany hatte ich mir neulich auch was angehört (das Album aus den 60ern, das auf Revelation und Spotlite erschien), es macht irgendwie Spass, schön, dass es dokumentiert ist, aber für die Spitzengruppe ist es nichts…Das aus den 60ern kenne ich nicht – aber eben, spätestens ab den Siebzigern sind solche Alben ja recht zahlreich … ich hab grad noch das von Sadik Hakim (Argonne Thornton) auf Steeplechase hervorgekragt (und dabei erfreulicherweise das neulich verschollene von Joe Bonner mit Johnny Dyani in die Finger gekriegt). Klar ist das nichts für die Sptizengruppe. Auch die Sachen von, was weiss ich, Al Haig, Walter Bishop, auch Ronnie Mathews, Richard Wyands … das ist nicht wie bei Tommy Flanagan, der immer besser wurde … mein Hank Jones-Favorit wär auch ein spätes Album, „Upon Reflection“ – das zieht sich ja bis in die Neunziger mit diesen Alben, aber die „vergessenen“ Leute waren bis dahin dann meistens halt doch schon tot, wenigstens in der Regel zu früh, als dass sie von der Promotionsmaschine, die in den Achtzigern allmählich angelaufen ist, noch hätten profitieren können (und vermutlich hätten sich ja Marsalis und Crouch auch nicht für einen Haig, Wallington [der nahm halt spät nur noch solo auf], Hakim oder Albany interessiert … würd mich jedenfalls eher überraschen). Bei Mary Lou Williams ist es zumindest so, dass die späten Sachen wenigstens so gut sind wie die frühen und dass sie immer neugierig und am Puls der Zeit blieb).
Bei mir läuft jetzt noch ein Album von 1973, das ich eben doch nochmal anhören muss:

Hal Galper – Inner Journey | Hal Galper irgendwann 1973 mit Dave Holland und Bill Goodwin, auch mit unschönem Sound halt, weit weg von Favoritenstatus, aber schon recht gut. Schöne Voicings, gute Grooves … ansprechende Originals (plus „My Funny Valentine“ in einer nur mittelguten Version und Ellingtons „Take the Coltrane“ als „Taking the Coltrane“). Wir sind hier – so in Sachen Sound – auch in einer Zeit angekommen, in der „acoustic piano“ aufs Cover gedruckt wird, damit keine Missverständnisse entstehen.
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Al Haig Trio – Invitation | Das ist schon sehr toll … und wie immer bei Haig bereitet es Mühe, das festzustellen und hier hinzuschreiben. Gilbert Rovère und Kenny Clarke sind am 7. Januar 1974 im Studio in Barnes, England, als das Album für Spotlite entsteht, mehr denn bloss kompetente Begleiter, aber wer der Main Act ist, ist ebenso klar. Es gibt Klassiker („Invitation“, „If You Could See Me Now“, „Day Dream“) weniger bekannte Jazz-Tunes („Holyland“ von Cedar Walton zum Einstieg, „Enigma“ von J.J. Johnson) und drei Originals („Sawbo City Blues“, „Sambalhasa“ und „Linear Motion“). Der Touch ist ist immer noch da … und es ist eine Herausforderung, damit umzugehen, dass einer, der so Klavier spielen konnte ein so böser Mensch gewesen ist.
Allen Lowe hat auf Organissimo, als das Buch 2007 erschien, ein längeres „interview with myself“ veröffentlicht:
http://www.organissimo.org/forum/topic/34163-death-of-a-bebop-wife/Allen Lowe
How do you know everything in the book is true?Some of it probably is not true, some of it is obviously complete crap, but I believe the rest and that’s enough to depress and upset me.
So what are you going to do?
My first thought was to take his recordings and burn them.
Have you done that yet?
My second thought was to not act on my first thought. The music is/was still important. Haig is one of the central figures in jazz history, in my opinion, he changed the sound of the piano and he codified certain standard chord changes and he was a brilliant pianist – praised by everyone, a big influence on people like Hank Jones, whom I met through him, on Tommy Flanagan, and many others – and, damn, I liked him and I miss him. This is very difficult. But I don’t want to be one of those people who denies victims their right to a public recognition and acknowledgment of their suffering; on the other hand I don’t want to think of myself as the friend of a physically and psychologically abusive rapist (apparently he raped the author of the book, who later married him. Yes, I know this raises other questions, but the victim’s self-destructive behavior does not mitigate the viciousness of the initial act).
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
Joanne Brackeen – Snooze | Mitte März 1975 nimmt Joanne Brackeen in einem Studio auf Long Island mit Cecil McBee und Billy Hart ihr erstes Album auf (auf CD auch als „Six Ate“ erschienen). Ich hab die Japan-CD von 2020 und möchte das gerne mehr mögen … und im Direktvergleich mit Haig merke ich vielleicht gerade, dass das mit dem Klaviersound (nicht nur dem jetzt wirklich schwer erträglichen Bass-Sound, der keine Tiefe mehr hat) zu tun haben könnte: ich mag die Farben nicht, die Brackeen dem Flügel entlockt, irgendwie klingt der für mich hell, hoch, hart, fast etwas monochrom. Ein anderer Aspekt ist eine gewisse Atemlosigkeit und auch, dass Brackeen oft einfach wahnsinnig viel spielt (und sie hat sogar noch mit Gitarristen aufgenommen … und ich hab aus purer, blöder Neugierde gerade ein CD-Reissue von „Trinklets & Things“ mit Ryo Kawasaki gekauft und noch nicht gehört). Zum Einstieg spielt Brackeen „Nefertiti“ von Wayne Shorter, dann folgt noch ein Cover von Miles Davis, eine überraschende Wahl, nämlich „Directions“. Abgesehen von „Old Devil Moon“ an zweitletzter Stelle sind die weiteren vier Stücke dann alles Brackeen-Kompositionen: „C-Sri“, „Zulu“, „Sixate“ und der Closer, „Snooze“, der dem Album den Titel gibt. Ein Highlight ist das schnelle „C-Sri“, wo ich recht viel Tyner zu hören glaube, wo McBees Bass auch im Solo dank des Tempos nicht gross verschmiert und Hart einen seiner patentiert eigenen Beats trommelt (klingt oft eher nach Hi-Hat als nach Becken). Manches hier ist stellenweise sehr frei, oft zu Beginn, als eine Art Annäherung an die dann folgenden Tunes. „Zulu“ bleibt allerdings frei und die Begleiter etablieren sich hier, vor allem Hart ist sehr prägnant. Als Bonus gibt’s auf späteren Reissues noch einen zweiten Standard, „I Didn’t Know What Time It Was“. Am Ende ist das Fazit: Viel gute Musik hier – aber sie lässt mich eigenartig kalt.
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PS: Vorhin gemerkt, dass wir hier Jaki Byard noch gar nicht hatten … hab immerhin noch „Sunshine of My Soul“ hervorgekramt. Die zwei Trio-Alben davor („Here’s Jaki“ mit Carter/Haynes und „Hi-Fly“ mit Carter/La Roca) erinnere ich als sehr schön aber eher etwas verhalten. Ein späteres Trio-Album auf Soul Note habe ich kürzlich in Japan gekauft, das kommt dann irgendwann nach Januar in den Player.--
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Joe Haider – Katzenvilla | Oktober 1971 im Studio von Horst Jankowski in Stuttgart. Joe Haider aus München verwirklicht einen Wunsch und nimmt eine Trio-Platte auf, die beim Krautrock-Label Spiegelei erscheint. Mit sich hat er die beste (nie gewesene Mal Waldron-Rhythmusgruppe aus der Schweiz: Isla Eckinger und Pierre Favre …. Ein echt schönes Album, das trotz klarer Inside-Orientierung von einem freien Geist durchweht wird, trotz vieler einfacher Grooves nie unterkomplex wirkt sondern im Gegenteil in seiner relativen Gradlinigkeit und Einfachheit grosse Tiefe gewinnt. Auch eine kleine Wiederentdeckung ….Kann hier – wie in meinem ursprünglichen Posting zu dieser Scheibe bereits geschrieben – zustimmen …. Addendum :
https://youtu.be/x3bvokt8sYI?si=jiK7UPkNnM_urkuY
Anno 1974 veröffentlicht Joe Haider auf seinem Label EGO Records diese Quintett Aufnahme, welche als Rhythmustandem den zweifelsbefreit fabelhaften Günter Lenz und Schlagwerker Todd Canedy bereitstellt …. wäre sicherlich eine sehr suprige Piano Trio Formation gewesen (btw. gilt ebenfalls für das Sal Nistico Dokument „New Arrival“ mit Isla Eckinger und Billy Brooks) ….
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Al Haig Trio – Invitation | Das ist schon sehr toll … und wie immer bei Haig bereitet es Mühe, das festzustellen und hier hinzuschreiben. Gilbert Rovère und Kenny Clarke sind am 7. Januar 1974 im Studio in Barnes, England, als das Album für Spotlite entsteht, mehr denn bloss kompetente Begleiter, aber wer der Main Act ist, ist ebenso klar. Es gibt Klassiker („Invitation“, „If You Could See Me Now“, „Day Dream“) weniger bekannte Jazz-Tunes („Holyland“ von Cedar Walton zum Einstieg, „Enigma“ von J.J. Johnson) und drei Originals („Sawbo City Blues“, „Sambalhasa“ und „Linear Motion“). Der Touch ist ist immer noch da … und es ist eine Herausforderung, damit umzugehen, dass einer, der so Klavier spielen konnte ein so böser Mensch gewesen ist ….Eine schlicht epische Piano Trio Aufnahme .. grosse Darbietungen von Gilbert Rovère + Kenny Clarke …. btw und ich höre dennoch (trotzdem) auch Richard Wagner ….
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Joanne Brackeen – Snooze | Mitte März 1975 nimmt Joanne Brackeen in einem Studio auf Long Island mit Cecil McBee und Billy Hart ihr erstes Album auf …. ich mag die Farben nicht, die Brackeen dem Flügel entlockt, irgendwie klingt der für mich hell, hoch, hart, fast etwas monochrom. Ein anderer Aspekt ist eine gewisse Atemlosigkeit und auch, dass Brackeen oft einfach wahnsinnig viel spielt …. Viel gute Musik hier – aber sie lässt mich eigenartig kalt ….Nachvollziehbar .. bei näherer Betrachtung ist es womöglich der ansonsten von mir überaus geschätze Cecil McBee, welcher hier Joanne Brackeen’s überschäumende Notenflut eher ungebremst walten lässt …. schon ein knappes Jahr später spielt sie mit Stan Getz „Moments in Time“ (Billy Hart auch hier der Drummer), aber gerade Bassist Clint Houston scheint mit seinem durchgehend ungemein flüssigen Spiel zahlreiche lose Fäden ihrer Pianostrukturen miteinander zu verknüpfen …. mehr + mehr = weniger zuviel ….
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Georges Arvanitas Trio – Live Again | Am 13. Januar 1973 spielt das Trio von Georges Arvanitas mit Jacky Samson und Charles Saudrais in Levallois und Futura ist zur Stelle, um das Geschehen zu dokumentieren …. Samsons Bass in zwei erinnert natürlich auch an die Linie, die …. über LaFaro zu Gomez läuft. …. Die drei entwickeln gemeinsam einen unglaublichen Drive – und sind, wenn sie mal richtig loslegen, weit weg von Evans, energetisch eher beim Jamal Trio der Zeit (bzw. von 1970/71, denn von danach kenne ich wieder lange nichts). …. von allem ist eine Prise dabei und das Ergebnis ist durchaus auf der Höhe der Zeit (vielleicht, wie es die Aufnahmen von Hampton Hawes sind? …. Das tolle hier ist, dass das eine echte Working Band ist, die ein recht breites Spektrum abdeckt, aber als Trio doch eine erkennbare Handschrift hat.Definitiv eines der (ge)wichtigen Piano Trios in den 70ern ….
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Gerry Wiggins – Wig Is Here | Gestern spät noch dieses Trio von Gerry Wiggins mit Major Holley und Ed Thigpen, Ende März 1974 in Paris. Bei Black & Blue nahmen zahlreiche ältere US-Musiker in den Siebzigern Alben auf – gut sind sie fast alle, dünkt mich, manche schon ziemlich auf der routinierten Seite, aber in aller Regel kommt hier keine Traurigkeit auf, es scheint den Leute gelungen zu sein, ein Umfeld zu schaffen, in dem nie traurige Retro-Alben oder herauskamen – vielleicht, weil sie die Musiker machen liessen? Klaviertrio-Alben gibt es u.a. auch von Teddy Wilson, Hank Jones, Sir Charles Thompson, Jimmy Rowles, Ellis Larkins … mit denen hätte man auch eine neue „Piano Moods“-Reihe machen können, doch meistens gab es im Ergebnis zeitlosen Piano-Jazz mit Standards und ein paar Originals, hier als Opener noch Stevie Wonders „You Are the Sunshine of My Life“ – und das ist nicht anbiedernd sonder funktioniert im Gegenteil total gut. Wiggins bringt „Edith Is the Sweetest“ und „F.B.O.T.“ mit, dazu kommen noch „Lover“, „Give Me Something to Remember You By“ und „There Is No Greater Love“ … und die ganzen Evans/Kelly, Tyner/Hancock/Corea Geschichten braucht hier keiner: „Tatum, Garner, Cole, Basie, Duke, there is the foundation“, wird Wiggins auf der Rückseite zitiert, und Claude Carrière schliesst an: „Here, the ‚foundation‘ Garner is predominate and that’s swell.“
PS: Das nicht zeitgenössisch sein wollend hat einen entscheidenden Vorteil, nämlich im Klang, der hervorragend ist auf diesen Sessions. Davon profitiert nicht nur das Klavier (bei Brackeen hilft die flache Produktion natürlich auch nicht) sondern natürlich auch der Bass, der halt ganz normal aufgenommen ist.
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Barry Harris – Barry Harris Plays Tadd Dameron | Der Bass hat hier kein Problem, dafür das Klavier. Die Irritation ist am Anfang recht heftig, das Instrument ist so resonanzlos aufgenommen, dass ich echt gut hinhören muss, um auszuschliessen, dass Harris nicht doch an einem Rhodes sitzt. Paul Goodman hat im RCA Studio am 4. Juni 1975 aufgenommen, Don Schlitten für Xanadu produziert – und von ihm stammte die Idee. Harris hatte Dameron allerdings noch zu Lebzeiten gewürdigt („Tadd“, aufgenommen 1960 von Nat Adderley mit Wynton Kelly am Klavier für das Album „That’s Right!“). Vom kleinen Sound mal abgesehen ist das eine feine Session, mit dem tiefen Bass von Gene Taylor und den Besen-Skills von Leroy Williams. Schlitten gab Harris freie Hand und der wählte vor allem Klassiker aus den Vierzigern: „Hot House“ zum Einstieg (das hätte problemlos auch 15 Jahre früher auf ein Harris-Album gepasst, neben die Parker- und Powell-Nummern), „Lady Bird“, „Our Delight“, „The Chase“, „Casbah“, „The Tadd Walk“, „If You Could See Me Now“, und als einzige jüngere Komposition „Soultrane“ vom Album mit Coltrane, 1956. Harris wurde bei Xanadu zum Hauspianisten und kam auch auf zahlreichen anderen Produktionen von Schlitten zum Einsatz, nicht zuletzt bei Muse, wo er mit Sonny Stitt ein paar der tollsten verspäteten Bebop-Alben einspielte. Mark Gardner schreibt in den Liner Notes zum CD-Reissue von Elemental 2015, dass Gene Taylor in den Neunzigern bei Schlitten angerufen habe: er wollte, bevor er sich in Florida zur Ruhe setzte, ein paar Exemplare von „Barry Harris Plays Tadd Dameron“ mitnehmen: „That’s the best album I was ever on“.
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The Jazz Piano Of John Coates, Jr. | 18 Jahre sind vergangen seit dem letzten Album von John Coates – er hatte sich inzwischen in Delaware Water Gap, PA, etabliert, wo er für die Shawnee Press als „composer-arranger-editor“ arbeitete und als das Album 1974 erschien schon den 11. Sommer im Deer Head Inn spielte (viele weitere Sommer würden folgen). Mit DeWitt Kay und Glen Davis wurde er am 3. Februar 1974 (ich hab das Album im Hörstapel falsch einsortiert) im Northampton Community College live aufgenommen, das Album erschien bei Omnisound (2014 auch auf CD), produziert von Yoshio Imomata. Zu hören sind vier Coates-Stücke und dann Lennon/McCartneys „Yesterday“ sowie „Little Rock Getaway“ von Joe Sullivan. Hier braucht man nicht zeitgenössisch sein wollen – man ist es einfach. Die Stücke von Coates sind süffig, haben interessante Changes und gute Hooks
Beim Debutalbum war Coates 18, die Liner Notes auf dem Album (von „erf and mimi„) füllen die Lücken: Nach Abschluss der High School zog Coates zwei Jahre durch die USA und Europa, spielte Klavier und Vibraphon. Dann ging er an die Rutgers University in New Brunswick, NJ, studierte zwar weiter Musik, aber belegte im Hauptfach Italienisch. Er schloss mit magna cum laude ab. Ab 1963 spielte er dann Sommer für Sommer im Deer Head Inn, und die Leute vom Musikverlag (457 Einwohner*innen hatte das Kaff laut den Liner Notes) heuerten ihn an. Er komponierte eigene Stücke und schrieb Arrangements, die bei Schul- und College-Chören gefragt im ganzen Land waren.
Fans versuchten Coates schon lange zu einer Aufnahme zu überreden, doch es brauchte Imomata (dessen Label auch in Delaware Water Gap daheim war), der bei einem Konzert meinte, ob es okay sei, wenn er ein paar Mikrophone aufstelle „and see what happens?“ – Das ganze ging ohne Proben über die Bühne, einfach ein Gig mit zwei Kollegen (die Liner Notes erläutern nicht, ob sie öfter mit Coates spielten oder sich da zum ersten mal sahen). Im Live-Setting zeigt Coates sein breites Können, spielt Rubato-Intros, Rhapsodisches und Zupackendes, Solo-Versionen von seinem „Tune No. 4“ und dem Beatles-Stück stehen jeweils in der Mitte der Album-Seiten, der Closer von Joe Sullivan demonstriert seine Stride-Skills. Das passte vom Konzept her auch in eine spätere Zeit, als man öfter mal Rückschau hielt; schwer zu sagen, ob das Album einfach das Konzert spiegelt, oder ob es seine Form im Nachhinein fand (und falls letzteres, ob Coates involviert war oder der Produzent sich kümmerte). Jedenfalls ein sehr gutes Album, das irgendwie überall zwischen Stuhl und Bank fällt, aber definitiv ein Publikum verdient hat.
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The Jazz Piano Of John Coates, Jr. | …. Mit DeWitt Kay und Glen Davis wurde er am 3. Februar 1974 im Northampton Community College live aufgenommen, das Album erschien bei Omnisound produziert von Yoshio Imomata. Im Live-Setting zeigt Coates sein breites Können …. Jedenfalls ein sehr gutes Album, das irgendwie überall zwischen Stuhl und Bank fällt, aber definitiv ein Publikum verdient hat.Ist gefühlt ein Piano Solo Album, die Sidemen tragen diese Bezeichnung zu Recht .. eigne die ausufernde(re) Solo DoLP „In the Open Space“ (ebenfalls auf Omnisound) .. lange nicht mehr gehört ….
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"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)Das Solo-Album liegt hier auch (selbe Reissue-Reihe), aber dafür ist grad keine Zeit … ich mag die zwei Alben echt gerne. Und das mit dem Solo-Album könnte man zu ganz vielen Trio-Alben sagen, ist natürlich auch eine Definitionsfrage.
Bei Brackeen macht Houston für mich bisher keinen wesentlichen Unterschied, mal schauen ob ich demnächst dazu komme oder nicht (und bei Getz werde ich auch nicht richtig warm, da höre ich allerdings, wie toll die Band ist und wie sie Getz wieder mal die nötigen Schubser gibt, damit wirklich was läuft – der liess sich ja immer gerne von guten Begleiter*innen anspornen).
Und Wagner höre ich auch weiterhin – aber dort ist das Unangenehme ja gewissermassen bereits ins Gewebe der Musik eingearbeitet (dieses Suggestive Brummeln immer, am übelsten im „Parsifal“) – da muss ich das quasi gar nicht aussermusikalisch dazu denken wie bei Haig.
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