rob mazurek, chicago & são paulo underground

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    vorgarten

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    Mazurek-portal-photo.jpg

    es gab eine albumveröffentlichung dieses jahr, die mich ziemlich ins mark getroffen hat.
    hier ein ausschnitt:

    https://www.youtube.com/watch?v=IJUFbW2qdd4

    das ist eine musikalische begleitung der jüngst verstorbenen mutter in den himmel. verzerrung regiert auf allen ebenen, roter bereich, es wird geschrien und ein umwerfender vamp in die welt gesetzt. dass so was geht, so eine avantgardewucht nach vorne, hat mich bei mazureks diversen, quasi unzähligen werken immer wieder fasziniert. so klug ungesichert einfach loszuspielen, mit so vielen layern wie möglich, was auch immer die jazzgeschichte nach so vielen jahrzehnten auch an rekapitulation einfordert.

    also habe ich mir mal die schöne mühe gemacht, alles, was ich zu fassen bekommen habe, durchzuhören, nachzuverfolgen, was mazurek nach seinen retro-neo-konservativen anfängen auf dem hep label in die welt gebracht hat. letztere sind eigentlich ganz schön, wie man hier probehören kann – aber einfach nicht meine tasse tee. wahrscheinlich können redbeans und andere hier vernünftige dinge über z.b. eric alexander sagen, der mit schönem ton und großer selbstverständlichkeit zu dieser zeit bei mazurek mitspielt und so offensichtlich immer noch unterwegs & eine klasse für sich ist.

    mazurek ist jedenfalls schnell weitergewandert in den grenzenlosen szenen der stadt chicago, zwischen postrock und aacm, hat mit tortoise gespielt und fred anderson (teilweise gleichzeitig), mit isotope 217 und bill dixon. ist dann, als sich sein chicago-underground-konzept gerade schön etabliert hatte, nach são paulo gegangen, hat dort ähnliche kreativmilieus gefunden, elektronische aale im amazonas aufgezeichnet und den regen im regenwald. seitdem mischt er alles kräftig durch, bringt chicago nach brasilien und umgekehrt und nimmt beides mit in die ganze welt.

    was man unbedingt hinzufügen muss: mazureks kreativität ist nicht auf jazz und auch nicht auf musik begrenzt, er malt, arbeitet installativ, macht multimedia. wenn man seine ziemlich erratischen aussagen durchforstet, scheint es ihm im wesentlichen um SOUND zu gehen…

    natürlich ist er interessant, weil seine projekte eine interessante weiterführung bestimmter musikalischer traditionen dieser einzigartigen stadt ist. sie sind aber auch ausgesprochen gegenwärtig, fast möchte man sie „hip“ nennen.

    ich weiß nicht so genau, was mich so sehr an ihm interessiert, so dass ich es eigentlich schon lange nicht mehr ertrage, eine einzelne seiner vielen veröffentlichungen zu verpassen. er ist kein wirklich auratischer spieler. auf dem kornett hat er einen tollen ton, er spielt sehr virtuos, seine vielen versuche, elektronik in sein akustisch völlig stimmiges instrumentenkonzept einzufügen, gelingen in der regel ausgesprochen gut. trotzdem geht wenig ausstrahlung von mazurek selbst aus. es sind die bands, die so unfassbar stimmen – sie rocken, schweben, tanzen, schlagen krawall, oft gleichzeitig oder in schnellen wechseln. je größer die formationen sind, umso spannender hört sich das an. seine stimme verliert mazurek dabei nicht – viel mehr don cherry als miles, mit teils naiver, zärtlicher einfachheit singt sie über alles hinweg. auch die kompositionen trauen sich bei aller komplexität immer wieder das ganz simple, die schöne melodie, den stimmigen song zu.

    Rob-Mazurek-Chad-Taylor-ws-710.jpg

    musikalisches rückgrat der diskografie mazureks ist das chicago underground duo mit dem multibegabten und sehr entschiedenen drummer chad taylor. das geht von 1998 bis zu diesem jahr. im einzelnen sind das

    12° OF FREEDOM (thrill jockey 1998)
    SYNESTHESIA (thrill jockey 2000)
    AXIS & ALIGNMENT (thrill jockey 2002)
    IN PRAISE OF SHADOWS (thrill jockey 2006)
    BOCA NEGRA (thrill jockey 2010)
    AGE OF ENERGY (northern spy 2012)
    LOCUS (nothern spy 2014)

    die alben sind oft etwas fahrig, fragmentarisch, setzen zwischen akustik und elektronik offene brüche. erst in den letzten beiden alben wird etwas organisches angestrebt, in großen bögen (AGE OF ENERGY) und in abwechslungsreichen miniaturen (LOCUS). das duo erscheint als das freieste experimentierfeld, ohne sich jemals anzubiedern.

    ganz anders das trio, erst mit noel kupersmith, dann mit jason ajemian. hier steht oft das playing im vorderung, auch die geste nach vorne, elektronik wird sparsamer eingesetzt, trotzdem hat es eher was mit rock als mit swing zu tun:

    POSSIBLE CUBE (delmark 1999)
    FLAMETHROWER (delmark 2000)
    SLON (thrill jockey 2003)
    CHRONICLE (live, aesthetics 2006)

    chicago undergound gibt es auch als einmalige ereignisse als „orchestra“ (PLAYGROUND, delmark 1998) und als quartet (CHICAGO UNDERGROUND QUARTET, thrill jockey 2001). ersteres ist eher ein potboppiges zusammenstellen einzelner individualisten, letzteres ein postjazz-album, das sehr geschlossenen zeigt, wie viele farben eine rockgeübten jazzband entwickeln kann.

    mazureks soloprojekte sind recht unterschiedlich, oft entschieden experimentell, im kontext seiner bildenden kunst entstanden, manchmal rein elektronisch. MOTHER ODE aus diesem jahr kenne ich noch nicht, am besten gefällt mir aber die kathedralengespielung ABSTRACTIONS ON ROBERT D’ARBRISSEL, die eine sehr einfache aufzeichnung von dialogen mit orten und ortsgeräuschen ist.

    SILVER SPINES (delmark 2002)
    AMORPHIC WINGED (walking road 2002)
    THOUGHT FARMING (en/of 2003)
    SWEET & VICIOUS LIKE FRANKENSTEIN (mego 2004)
    ABSTRACTIONS ON ROBERT D’ARBRISSEL (adluna 2008)
    außerdem die 2. cd von MATTER ANTI-MATTER (rogue art 2013)
    MOTHER ODE (corbett vs. dempsey 2014)

    sehr schön dann die freie, dezent elektronische improvisationsgruppe tigersmilk (mit jason roebke und dylan van der schyff), in der mazurek als hochkommunikativer instrumentalist glänzen kann:

    TIGERSMILK (2003)
    TALES FROM THE BOTTLE (live, 2005)
    ANDROID LOVE CRY (2007)
    (alle auf family vineyard)

    aus einem special event schließlich ist das exploding star orchestra hervorgegangen, das ziemlich offen für alle möglichen musiker der chicagoer szene ist, mit bill dixon und roscoe mitchell auch tolle gaststars (die sich nicht als solche aufführen) eingespannt hat, insgesamt aber eine gut durchkomponierte menge an individualistischen stimmen bietet, die sich immer wieder schwerelos in bewegung setzen kann, vor allem durch die flöte von nicole mitchell und die vibes von (zunächst) john mcentire, dann von jason adasiewicz im positiven sinne dominiert wird.

    WE ARE ALL FROM SOMEWHERE ELSE (thrill jockey 2007)
    BILL DIXON WITHE EXPLODING STAR ORCHESTRA (thrill jockey 2008)
    STARS HAVE SHAPES (delmark 2010)
    MATTER ANTI-MATTER (live, rogue art, cd1)

    und dann gibt es noch das unglaubliche são paulo underground, das sich mittlerweile auf den kern guilherme granado (vor allem keyboards) und mauricio takara (vor allem drums und cavaquinho) geeinigt hat, aber jedesmal so viele sound-layer überzeugt, dass man kaum zu den einzelnen schönen details vordringen kann. ziemlich mühelos fügt sich brasilianische folklore ein, in form einfacher gitarrenvamps und bittersüßer melodien, die sich immer wieder aus einer wand aus verzerrtem, vervielfachtem, unsauberem krach herausarbeiten. es gibt keinen moment auf diesen alben, der nicht interessant wäre, wobei THE PRICIPLE die schroffste und TRES CABECAS sicherlich die einschmeichelndste musik bietet.

    SAUNA: UM, DOIS, TRES (aesthetics 2006)
    THE PRINCIPLE OF INTRUSIVE RELATIONSHIPS (aesthetics 2008)
    TRES CABECAS LOUCURAS (cuneiform 2011)
    BEIJA FLORS VELHO E SULHO (cuneiform 2013)

    die restlichen projekte lassen sich kaum zusammenfassen. MANDARIN MOVIE (aestehtics 2005) der gleichnamigen band ist ein noise-projekt, EKUNDAYO (rope a dope 2011) ein brasil-chicagoer rap-jazz-austausch, CHICAGO ODENSE ENSEMBLE (adluna 2011) ein dänisch-brasilianisch-chicagoer joint venture mit eher fusionhaftem resultat, PHAROAH & THE UNDERGOUND (clean feed 2014) ein live-moment von pharoah sanders mit den jungs aus sao paulo, bei denen aber auch chad taylor und matthew lux mitspielen. die am anfang gepriesene ROB MAZUREK BLACK CUBE SAO PAULO band (cuneiform 2014) ist auch so ein hybridgemischt, mit thomas rohrer an der brasilianischen fidel rabeca. weitere mischbands sind auf THE SPACE BETWEEN (delmark 2013), SKULL SESSIONS (cuneiform 2013) und CALMA GENTE (submarine 2010) zu hören.

    zu den eher jazzigen, in kleinen besetzungen aufgenommenen alben, mit entweder vibes oder piano flankiert, gehören SOUND IS (delmark 2009, m. adasiewicz, lux, abrams, herndon), DOUBLE DEMON (starlicker: adasiewcz, herndon, mazurek, delmark 2011) und STELLAR PULSATIONS (pulsar quartet: angelica sanchez, matt lux, john herndon, rob mazurek, delmark 2012). alle kann ich ausnahmslos empfehlen.

    einen überblick über alle projekte von mazurek und einen ausblick auf die jüngste veröffentlichung WAXING CRESCENT, zwei stücke über den ton c, gewidmet bill dixon, im trio mit bass und orgel, bietet mazureks webseite:
    http://www.robmazurek.com/

    was ich vergaß: natürlich geht es bei mazurek immer um planeten, sterne und außeriridische schönheit. und die cover seiner alben, die ich zuletzt hier so zwischen blue notes und verves selbstvergessen gepostet habe, gestaltet meistens damon locks.

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    #9449589  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 3,701

    Uuups, diesen thread hatte ich glatt übersehen.

    vorgarten

    es gab eine albumveröffentlichung dieses jahr, die mich ziemlich ins mark getroffen hat.
    hier ein ausschnitt:

    Das rockt!

    (…) verzerrung regiert auf allen ebenen, roter bereich, es wird geschrien und ein umwerfender vamp in die welt gesetzt. dass so was geht, so eine avantgardewucht nach vorne, hat mich bei mazureks diversen, quasi unzähligen werken immer wieder fasziniert. so klug ungesichert einfach loszuspielen, mit so vielen layern wie möglich, was auch immer die jazzgeschichte nach so vielen jahrzehnten auch an rekapitulation einfordert.

    (…)

    mazurek ist jedenfalls schnell weitergewandert in den grenzenlosen szenen der stadt chicago, zwischen postrock und aacm, hat mit tortoise gespielt und fred anderson (teilweise gleichzeitig), mit isotope 217 und bill dixon. ist dann, als sich sein chicago-underground-konzept gerade schön etabliert hatte, nach são paulo gegangen, hat dort ähnliche kreativmilieus gefunden, elektronische aale im amazonas aufgezeichnet und den regen im regenwald. seitdem mischt er alles kräftig durch, bringt chicago nach brasilien und umgekehrt und nimmt beides mit in die ganze welt.

    Zunächst mal Hut ab! und Dankeschön! für Deine ausführliche Rob Mazurek Retrospektive. Ich kenne Rob Mazurken bloß ausschnitthaft: Das Chicago Underground Quartet, Slon vom CU Trio, das erste Album vom Exploding Star Orchestra und dies und das von Isotope 217 und Tortoise, wo er auch mal mit dem Cornet reinbläst. Sehr aufregende und vielfältige Musik, für meine Ohren nicht immer leicht verdaulich aber immer interessant und Neugierde erweckend. São Paulo Underground muss ich noch entdecken.

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    "Her life was saved by Rock & Roll" (Lou Reed)
    #9449591  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

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    Etwas schade, dass all die schönen Posts im Hör-Tagebuch untergehen – aber hierher verschieben kann ich sie nicht gut, denn die würden chronologisch dargestellt, ergo wäre einfach der früheste von ihnen der Eröffnungspost des Threads, was kaum in vorgartens Sinn sein dürfte. Ich war ja in der Ecke – vom explodierenden Stern mal abgesehen – noch gar nicht unterwegs, las die Posts aber allesamt gerne mit!

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM - Corona-Extraprogramm im April und Mai: gypsy goes jazz, #99: The Real McCoy - McCoy Tyner (1938-2020), 14.4., 22:00; #100: Tenor Giants - Yusef Lateef (1920-2013), 12.5., 21:00 (2 Stunden!); #101: 9.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #5: The Pain and Joy of ZA Jazz, 23.4., 22:00 | No Problem Saloon, #14: Funky Longtracks, 11.4., 20:30; #15: 28.4., 21:00
    #9449593  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

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    ach, kein problem, die hörthread-posts waren auch nicht für sowas hier gedacht. es wird ja noch unzählige mazurek-alben geben, darüber dann ab jetzt hier. ;-)

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    #9449595  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 4,943

    nachtrag. live-aufnahme einer performance in der gallerie von jim dempsey und john corbett, herausgekommen 2014 beim hauseigenen label. mazureks mutter war gerade gestorben und er entwickelt ein programm aus dingen, die er in einer kleinen schachtel mitbringt.

    I play cornet, boxes, bells, flute, books, voice, maracas, electronics, apples, distortion and sun toward the safe journey of my dear mother to the next cosmic realm.

    die aufnahme ist in mehrerer hinsicht nackt, aus geräuschen von kleinen dingen entwickelt, das kornett kommt selten, mit ganz intimer geste. ritualhaftes anfüllen des raums mit sounds, schließlich in bewegung gesetzt. ein bisschen spooky auch, man weiß nicht genau, ob man wirklich zuhören darf.

    ganz großes finale schließlich, das 15-minütige stück „you were born with sun in your eyes“, beginnend mit einer unfassbar schönen kornett-solo-improvisation, zu der schließlich ein synth-akkord dazustößt, der immer dominanter, immer verzerrter den raum erobert und das kornett zu schweigen bringt. als er verklingt, hört man mazurek schnaufen. auf der webseite wird beschrieben, dass er seine mutter-box so lange über seinem kopf hin und hergeschwenkt hat, bis ihm die arme zu schwer wurden.

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    #9449597  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 4,943

    nach einigen sehr intimen aufnahmen jetzt wieder ein opus magnum von mazurek. dass das unter dem projektnamen EXPLODING STAR ORCHESTRA läuft, hat eher programmatische ausstrahlung als dass es eine feste band meint. identifizierbar in den großbesetzungen waren für mich bisher immer nicole mitchells flöte und das vibraphon als schwebender grund-sound (erst war john mcentire dafür zuständig, danach jason adasiewicz). letzteres fehlt komplett, mitchell ist nur auf cd 2 dabei. dass zwei der bisherigen vier alben charismatische gaststars hatten (bill dixon und roscoe mitchell), ist allerdings ein wichtiger hinweis auf das orchesterprogramm: die rückführung von sun ra über die aacm nach chicago.

    das neue doppelalbum eröffnet dementsprechend im booklet mit folgendem zitat von amiri baraka, der den auftritt der band in sardinien (cd1) erlebt hat: „I thought the whole band was exceptional. Very shocking, actually, to see how well they absorbed all of that Sun Ra influence and went on to do their own thing, definitely.“
    der auftritt selbst hat ein libretto von damon locks, verzerrt skandierte space poetry, zur grundlage, das er mit audiosamples von sun ra selbst atmosphärisch kommentieren lässt: „are you spotless?“
    dann kommt eine völlig organisch organisierte suite aus musikalischen bewegungen, freie passagen, die sich mit vorwärtsschreitenden grooves abwechseln – wie so oft bei mazurek kommt hier auch der postrock von tortoise ins spiel (repräsentiert durch gitarrist jeff parker und drummer john herndon). einmal in größerer besetzung (besagter live-auftritt in sardinien), dann – auf cd 2 (live in chicago) – in oktettgröße. die stücke sind gleich, aber da sie nur aus einzelnen rhythmischen und melodischen skizzen bestehen, klingt es jeweils ganz anders, stark beeinflusst vom veranstaltungsort, der veränderten besetzung, der jeweiligen energie.

    die sardinienbesetzung hat zwei drummer (chad tayler, john herndon) und die beiden unglaublichen sao-paulo-underground-mitglieder guilherme granado und mauricio takara, die fuzzige analogsynths, die brasilianische minigitarre cavaquinho, samples und percussion zum einsatz bringen und den gesamtsound somit schon mal sun-ra-mäßig ins all schießen. statt vibraphon gibt es die reflektierten stimmen von angelica sanchez (p) und jeff parker (g), die sich eher abwechseln als verdoppeln. das groove-fundament legt der bassist matthew lux (unglaublich stoisch und autoritär). einziger bläser neben mazurek ist der hervorragende tenorsaxofonist und klarinettist matt(hew) bauder.

    das ganze ding bewegt sich ganz großartig und durchaus episch (kleiner seitenblick auf die zeitgenössische hipveranstaltung aus los angeles – schön, dazz mazurek niemals so hip wird, dass es hier zu grundsatzdiskussionen käme) an einzelnen melodiemomenten entlang, in auf- und abschwellenden soundwolken, mit langen, ungehetzten, eigenwilligen soli (angelica sanchez finde ich hier am stärksten – jeff parker wird manchmal von takaras cavaquinho die schau gestohlen), ohne dass das in irgendeiner weise verkopft klänge oder die suitenform als solches aufmerksamkeit verlangte.

    in chicago klingt alles dann ganz anders. hier ist zwar endlich nicole mitchell dabei (unfassbar tolles flötensolo am ende des zweiten stücks), auch wieder bauder, lux und herndon, sanchez und parker, aber es fehlte die dichte der percussion und die space sounds der keyboards. die rhythm section ist tight, der mix etwas uneben (vor allem sanchez hat darunter zu leiden), die atmosphäre klingt sehr sommerlich, mehrmal musste ich an den sound der davis-band im cellar door denken. aber trotzdem fehlen mir hier ein paar dimensionen. das orchester des explodieren tons ist meiner meinung nach immer dann am tollsten, wenn es als dichte masse spürbar wird, die sich in bewegung setzt. hier ist es eine solide groovende band mit solistischen auftritten (u.a. ein schön fieses klimax-gitarrensolo von parker). es fehlt ein schwebender sound, synthetisch oder eben von den vibes, die hier einiges luftiger gemacht hätten. ich kann mir aber auch vorstellen, dass man mit gleichen guten gründen den zweiten auftritt dem ersten vorziehen kann.

    sehr große empfehlung, wenn man sich gerade epische neuformulierungen des jazz interessiert. für mich ist das exploding star orchestra (ganz persönlich: neben threadgills zooid, colemans five elements, dem iyer trio und dem lehman octet) eine der bands, die ich jedem empfehlen kann, der nach neuen sounds im jazz sucht, die man woanders nicht findet.

    Track Listing: Disc 1: Free Agents of Sound; Make Way to the City / The Arc of Slavery #72 (Part 1); The Arc of Slavery #72 (Part 2); Helmets in Our Poisonous Thoughts #16 / Awaken the World #41; Collections of Time. Disc 2: Free Agents of Sound; Collections of Time; Make Way to the City; The Arc of Slavery #72; Helmets of Our Poisonous Thoughts #16; Awaken the World #41.

    Personnel: Rob Mazurek: cornet, electronics; Damon Locks: text, voice, electronics; Angelica Sanchez: piano; Jeff Parker: guitar; John Herndon: drums; Matthew Lux: electric bass; Matthew Bauder: tenor sax, clarinet; Chad Taylor: drums (Disc 1); Guilherme Ganado: keyboard, samplers, synth, voice (Disc 1); Mauricio Takara: cavaquinho, electronics, percussion (Disc 1); Nicole Mitchell -flutes, voice (Disc 2).

    Record Label: Cuneiform Records, 2-cd, 3-lp.

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    #9449599  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 4,943

    rob mazurek – ALTERNATE MOON CYCLES
    mit matthew lux (b) und mikel patrick avery (org).
    international anthem 2014.

    mazurek verarbeitet den tod von bill dixon mit einem werk namens „100 c’s for dixon“ – variationen über den ton c, suche nach dem kern des reinen sounds des intruments. eine residency mit lux und avery führt zu aufnahmen für das international anthem label. es gibt WAXING CRESCENT (digital und vinyl) und WANING CRESCENT (digital und cassette) mit jeweils zwei um die 15 minuten langen erkundungen auf (fast) einem ton.

    ich haben mir WAXING CRESCENT besorgt und mich auf anhieb sehr mit diesem minimalismus angefreundet. mazurek spielt tatsächlich bis auf das ende der zweiten variation nur einen ton, quasi unmoduliert, mit gestopftem kornett. die pumporgel von avery lässt den gleichen ton auf- und abschwellen. lux‘ e-bass ist elektronisch zum ambient gewachsen, er nutzt einen phaser-effekt und spielt auch die obertöne. zusätzliche subtile veränderungen entstehen durch die aufnahmetechnik, die ständig die lautstärke auspegelt, so dass dominant werdende sounds den gesamtsound verdunkeln, während stille außermusikalisches rauschen erzeugt. der eine ton, in seiner hintergründigen schönheit, wird so immer als instabiles erlebnis vorgeführt, als brüchig, fragil, reaktiv. und die wahrnehmung driftet ohnehin schnell davon.

    waxing crescent / waning crescent.

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    #9449601  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 3,701

    vorgarten(…) ich habe mir WAXING CRESCENT besorgt (…)

    Als Cassette?

    Hier kann man sich Waxing Crescent #1 anhören und käuflich erwerben.

    Erinnert mich spontan an Miles Davis‘ He Love Him Madly zum Tode von Duke Ellington. Eine Referenz die ich in meinem Kopf herstelle. Wie ein Requiem.

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    "Her life was saved by Rock & Roll" (Lou Reed)
    #9449603  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 4,943

    FriedrichAls Cassette?

    nein, das ist ja WANING CRESCENT (eins der beiden stücke kann man hier anhören).

    die cassetten-mode finde ich ja hochgradig bescheuert, nebenbei gesagt. natürlich kann es das gerne auch noch geben, aber die erklärungen (auch um sowas wie den „cassette store day“), cassette wäre halt billiges DIY, aber gegenüber mp3 halt mit aura und geschichte, gehört zu den vielen dningen, die ich an meiner zeit nicht mehr verstehe.

    Friedrich
    Erinnert mich spontan an Miles Davis‘ He Love Him Madly zum Tode von Duke Ellington. Eine Referenz die ich in meinem Kopf herstelle. Wie ein Requiem.

    ja, leuchtet ein. wobei ich die dixon-geschichte erst gelesen hatte, nachdem ich die musik schon mehrfach durchlaufen ließ. hat auch funktioniert. aber mazurek scheint sehr reqium-affin zu sein, es gab ja auch diverse musikalische auseinandersetzungen mit dem tod seiner mutter.

    was ich sehr mag, ist das delany-motto: „a moon’s beauty is in variation of sameness“. aber vielleicht auch nur, weil ich gerade xzessiv delany lese (auch so ein arkestra-vektor).

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    #9449605  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 3,701

    vorgartendie cassetten-mode finde ich ja hochgradig bescheuert, nebenbei gesagt. natürlich kann es das gerne auch noch geben, aber die erklärungen (auch um sowas wie den „cassette store day“), cassette wäre halt billiges DIY, aber gegenüber mp3 halt mit aura und geschichte, gehört zu den vielen dningen, die ich an meiner zeit nicht mehr verstehe.

    Du wirst alt! ;-)

    ja, leuchtet ein. wobei ich die dixon-geschichte erst gelesen hatte, nachdem ich die musik schon mehrfach durchlaufen ließ. hat auch funktioniert.

    Ja, funktioniert sicher. He Loved Him Madly funktioniert ja auch, ohne dass man den Hintergrund kennt – wenn auch anders. Mich hat aber auch die träge, sehr downbeat Athmosphäre des Stücks an He Loved Him Madly erinnert.

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    "Her life was saved by Rock & Roll" (Lou Reed)
    #9449607  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 4,943

    rob mazurek tourt eigentlich gerade mit chad taylor durch die gegend, sie feiern das 20jährige bestehen des chicago underground duo. zuletzt ist aber auch noch auf rogue art ein duoalbum mit jeff parker erschienen, das ich (noch) nicht kenne, vinyl only, SOME JELLYFISH LIVE FOREVER.

    seit freitag gibt es aber auch das hier:

    ALIEN FLOWER SUTRA (international anthem, cd, vinyl, dl) ist das ergebnis von mazureks zusammenarbeit mit dem indiegitarristen und -sänger emmett kelly (the cairo gang). eigentlich war eine oper geplant, aber mazurek hat sich in das intime setting von kellys gesang und gitarrenspiel verliebt und eigentlich nur noch übersteuerte ambient-synth-ebenen drüber-, drauf und danebengelegt. man hört kelly nur zwischendrin mal, auch er stark bearbeitet, als müsse sich die stimme durch den äther quälen, ohne zu irgendeinem zeitpunkt greifbar werden zu können. auch mazureks brasilienconnection (rohrer, granado, issa) ist partiell wieder dabei, geht aber genauso im verzerrten getöse unter wie mazureks stichpunktartig in szene gesetzter kornettklang.

    der effekt der vielschichtigen verzerrungen fällt unterschiedlich aus – der opener, „back to the ocean, back to the sea“ ist ein traumhaft schöner popsong, für den alleine sich die anschaffung lohnt; der closer dagegen, „overture towards the beginning of the end of time“ ist eine giftige 22-minütige klangwolke aus unreinen krachschichten, nicht wirklich anhörbar, es sei denn, man möchte die erfahrung machen, wie der beginn des endes der zeit klingt. dazwischen schaffen es immer wieder schöne, fragile details an die oberfläche, nur kurze augenblicke lang, um bestaunt zu werden, bevor sie wieder untergehen.

    --

    #9974667  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

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    são paulo underground: cantos invisíveis

    rob mazurek – cornet, mellotron, modular synthesizer, moog paraphonic, OP-1, percussion and voice
    mauricio takara – drums, cavaquinho, electronics, moog werkstatt, percussion and voice
    guilherme granado – keyboards, synthesizers, sampler, percussion and voice
    thomas rohrer – rabeca, flutes, soprano saxophone, electronics, percussion and voice.
    produced by rob Mazurek. cover design by damon Locks. cuneiform 2016.

    da ist es endlich, das fünfte album des brasilianischen underground-ablegers, wenn man die live-dokumente mit pharoah sanders nicht mitzählen mag. und es hat alles, was man man so von ihnen kennt, ist ein bisschen weniger lieb als manches davor, ein bisschen weniger krawallig als anderes. das prinzip ist wieder das des wilden schichtens von sonischem dreck, um darunter allerdings traumhaft schöne melodien zu verstecken, die „unsichtbaren lieder“ des titels, die sich ab und zu selbst freilegen. verschiedene vektoren führen wieder zum neo-tropicalismo, dem psychedelischen einverleiben der sounds dieser welt in einen spezifisch brasilianischen synkretismus, und nach chicago (postrockmomente, arkestra-gesänge, diesmal mit der delany-zeile, die schon motto des letzten exploding-star-orchestra-albums war: „a moon’s beauty is in variation of sameness“). die verspielte lust des musizierens mit den absurdesten klangfarben erinnert stark an das art ensemble und seine schiere freude am musizieren selbst, allerdings gibt es hier keine little instruments, sondern elektronische apparaturen.

    zwei suiten rahmen das ganze, beides höhepunkte, gewiss, aber die produktion leuchtet mir nicht ganz ein. da stehen lose zusammenhängende passagen ein einem track herum, dazwischen aber gibt es ganz viele lose zusammenhängende passagen in einzelnen songs. über einander gelagert sind straßenmusiken, märsche, karnevals-drum-patterns, gesänge, folkloristische elemente (der gast, thomas rohrer, ein brasilianisierter schweizer, spielt eine aus dem forro bekannte fidel, die „rabeca“, aber auch die minigitarre cavaquinho kommt wieder zum einsatz), und analoge synthesizer-loops, die ähnlich repetitives veranstalten, aber eben als studioeffekt. zwischendurch wird ein gedicht rezitiert. die musik klingt also irgendwie nach happening, als käme sie aus einer verlassenen garage, mit einer offenen wand zur straße.
    mazureks kornett kommt in den zartesten momenten zum einsatz, das cherry-element. besonders toll das finish: ein trancehaft gelooptes folklorestück, dann ein zarter popsong, beides elektronisch verzerrt und gefiltert, schließlich die 16-minütige abschluss-suite, mit einem steve-reich-pattern, einer ambient-klangwand und am ende mit einer melancholischen kornett-improvisation über zarte trance-percussion und gelooptem elektroakustischen fiepen. könnte auch ein amazonischer fiebertraum sein. aber das, was da nach urwaldgeräuschen klingt, kommt nur als rauschen aus verstärkern.

    nicht meine liebste sao-paulo-underground-expedition, trotzdem großartig. auf der bandcamp-seite von cuneiform kann man alles durchhören.

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    #10000689  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

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    nachgeschoben die letzte mir noch fehlende veröffentlichung mazureks aus dem letzten jahr, ein duo mit jeff parker auf rogue art, vinyl only, aufgenommen schon 2013 in chicago.

    5 stücke.

    in „proton stolons“ schiebt parker verschiedene drone-töne übereinander, mazurek spielt getrennt davon ein paar einsame kornettlinien. reines, in sich hintergründig geschichtetes, ambient. später hört man das klacken der apparaturen, ein live-effekt. 7 minuten spontane atmosphäre-erzeugung.

    „water flower medusa“ hat ein komplett anderes klangbild und eine andere struktur. parker, mit einem warmen halbakustischen gitarrensound, spielt eine komplexe figur, die sich für mazureks einsatz zur begleitung entwickelt – und durch mazureks schöne melodie wird die scheinbar komplexe linie zum song. im hauptteil begleitet parker mazurek in zerlegten akkorden, während dieser cherryhaft verletzlich, zwischen melodie und geräusch, darüber soliert, etwas, was er wie kein anderer kann. ein traumhaft schwebendes stück.

    das zentrale und kürzeste stück, „t.dohrnii“, ist nach t<i>urritopsis dohrnii </i>benannt, einer „potentiell unsterblichen“ quallenart, aus deren körper sich neue zellen mit identischem genmaterial herausbilden, während der rest abstirbt. das stück funktioniert in etwa so wie das erste, welchselnde drones von parker, über die mazurek fragmentierte motive legt, die sich ab und zu auch mal zu melodien entwickeln.

    es folgt „beauty hydroid“, 12 1/2 minuten lang. parker loopt dafür zunächst ein paar sich kaum variierende skelletierte akkorde, die einen stakkatorhythmus vorgeben. dazu spielt er ein verzerrtes thema, das sehr an tortoise-stücke erinnert. im laufe der ersten minuten wird das immer dreckiger, das schalten und regeln an gitarre und verstärker ist wieder genau als live-moment zu hören. zwischendurch spielen parker und mazurek eine andere figur, unisono, die durch dauernde wiederholung etwas nervt, der stakkato-loop wird dafür beendet, mazurek soliert. das ganze stück eine bewegung, die sich langsam radikalisiert und unversöhnlich aufhört.

    der closer, „hydra and the little clones“ ist noch etwas länger, knapp über 13 minuten. parker erfindet eine schöne, rhythmisch komplexe 14-ton-linie, die er wiederholt, mazurek steigt mit einer sehr schönen melodielinie ein. das machen sie eine zeitlang, bis schwebesounds von der gitarre dazukommen und auch die kornettimprovisation abstrakter wird. auf dem weg ins kakophonische schwebt aber schließlich wieder das anfangsmotiv hinein, auch, wenn es nicht völlig siegt. das album endet in der gleichzeitigkeit von ambient und rhytmischer struktur, kontraktionen unter wasser. einige quallen leben ewig.

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    #10158149  | PERMALINK

    vorgarten

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    4 monate ist das jahr alt, mazurek hat bereits drei alben veröffentlicht. die zusammenarbeit mit thollem mcdonas (BLIND CURVES AND BOY CANYONS auf relative pitch) kenne ich noch nicht, die beiden anderen kann ich kurz vorstellen.

    Chicago / London Underground:
    Rob Mazurek – cornet, sampler, electronics and voice
    Chad Taylor – drums, mbira and electronics
    Alexander Hawkins – piano
    John Edwards – double bass

    auf der jubiläumstour zum 20-jährigen bestehen des duos enstand eine live-aufnahme im londoner café oto mit den gaststars hawkins und edwards, mit denen mazurek und taylor noch nie zuvor gespielt hatten. das sich ansonsten über diverse instrumente ausbreitende underground-duo wächst damit zu einem fast klassischen quartett, soundmäßig ist alles schön in verschiedene frequenzen geschieden, aber trotzdem passieren natürlich ständig überraschungen. mit elektronischen hilfsmitteln bewegt sich mazurek oft verhallt im hintergrund, schiebt sich aber effektvoll zwischendurch wieder hyperpräsent nach vorne. es gibt gesänge, vorträge, einen vorgefertigten groove mit elektronisch erzeugter basslinie, daumenklavierpassagen, überhaupt: immer wieder kontrastreich gesetzte laute und leise, volle und minimalistische momente, auf die chicago underground spezialisiert sind. weder wirkt das wie stückwerk, noch sind es „organische“ lange bögen, das funktioniert live eben durch das aufeinanderbezogen sein seit 20 jahren. und durch die offenheit der beiden „neuen“, die wirklich umwerfend schnell genau auf diese wechsel reagieren können. beide geben impulse, folgen aber auch oder ziehen sich kurz zurück, obwohl sie sich nicht im vorhersehbaren settings bewegen. das macht alles großen spaß, ist aber auch ziemlich ehrfurchtgebietend, weil es eben live und unvorbereitet so gut funktioniert. mit 4 stücken geht das an die cd-schmerzgrenze von 80 minuten. sicherlich ein highlight im mazurek-katalog.

    rob mazurek: CHANTS AND CORNERS
    Rob Mazurek modular synth, sampler, cornet, piano
    Mauricio Takara drums
    Guilherme Granado keyboards, synth, sampler, electronics
    Thomas Rohrer rabeca, flutes, soprano saxophone, electronicc
    Philip Somervell piano, prepared piano

    auf clean feed erscheinen traditionell eher nebenwerke von mazurek, so würde ich auch das hier bezeichnen. eigentlich ist das die aktuelle sao-paulo-undergound-formation mit somervell als zusätzlichem musiker, aber das konzept ist hier viel offener – die ersten vier stücke sind nur snippets, insgesamt keine 10 minuten lang, am ende gibt es dann ein 25-minütiges stück und dann noch mal ein 10-minütiges. was schon mal ein ziemliches problem darstellt: man kommt überhaupt nicht rein in diese prinzipiell interessanten klangfarben, das ganze wirkt überhaupt nicht als material organisiert, es folgt keinen erkennbaren überlegungen, ein stück wird sogar mitten in einem ton gestartet. es passiert aber auch leider in den stücken selbst nichts interessantes, weder in den zu kurzen noch in den ausufernd langen. es gibt brutal verlärmte momente und andere, in denen es fast nur elektrostatisch knistert, gerne im wechsel, man hört aber irgendwie keine ideen, keine kommunikation (auch nicht zwischen den konstrastierten einzelteilen) – und nichts, was die cosmopoetischen titel rechtfertigen würde („sun flare extensions and other dimensions“ usw.). sehr schön ist allerdings das verknisterte vorletzte „blue haze“, in das sich elektronisch modulierte rabeca-töne mischen (die rückwärts prozessiert werden?), das bleibt als eindruck noch ein bisschen länger im raum stehen. ich bin, wie man merkt, etwas irritiert. dass mich einige elektroakustische experimente von mazurek ratlos zurücklassen, kommt immer wieder einmal vor, aber von diesen musikern, in dieser zusammenstellung, mit den sounds, die sie produzieren können, habe ich etwas vergleichbar belangloses noch nicht gehört.

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