Die 10 besten Alben der 60er

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  • #11139775  | PERMALINK

    napoleon-dynamite
    Moderator

    Registriert seit: 09.11.2002

    Beiträge: 21,254

    wahr Waren die Jazz-Texte in den erwähnten amerikanischen und englischen Music-Mags denn mehr als nur abgegrenzte Nischen? Wurden dort Rock und Jazz zusammengedacht oder zumindest tiefer die Kontexte beleuchtet, in denen Jazz passierte?

    Es waren sicherlich Nischen, wenn auch nicht immer abgegrenzte – so wie im Gegenzug Beefheart, Stooges, Can, Grateful Dead et al tendenziell in „Down Beat“ auftauchen konnten, es in der Regel aber nicht taten. Vieles hält meiner Meinung nach heutigem Lesen nicht stand, aber man sollte dennoch den Impact und die Präsenz von zahlreichen Autor*innen in sich primär an Rock-Hörer gerichteten Mags nicht unterschätzen: Lester Bangs‘ Enthusiasmus für Cecil Taylor, „On The Corner“ oder Archie Shepp, die Freiräume und Entwicklungen beim „NME“ in den 70ern, die stilistische Bandbreite, die von Robert Christgau in der „Village Voice“ abgedeckt wurde (so gediegen und dienstleistungsorientiert sie auch zunehmend gewesen sein mag), Journalist*innen wie Julie Burchill, Tony Parsons, Byron Coley, die beim Schreiben über Post-Punk ein vielfach größeres Referenzfeld abrufen konnten als your average rock critic, Richard Cook, der zeitgleich für den „NME“ schrieb und als Chefredakteur die „Wire“ vom anfangs reinen Jazz-Blatt zu dem Magazin entwickelte, das es heute ist … und einige mehr, die ich beim retrospektiven Aufarbeiten britischer und amerikanischer Musik-Mags nicht nur als Fußnoten bezeichnen würde.

    wahr Wenn ich mir beim britischen „Prog“-Mag – einem spin-off von „Classic Rock“ – die Awards von 2012 bis 2019 anschaue, sehe ich keine Verbindung zu Jazz-Beteiligungen. Kategorie „Outer Limits“ 2014: And the winner is … Uriah Heep! Also ich weiß nicht …

    Wie es halt so ist: Beim größten gemeinsamen Nenner wird es oftmals furchtbar langweilig. Wenn man aber beispielsweise über die Verflechtungen zwischen Canterbury Sound und britischer Jazz-Szene in den frühen 70er-Jahren lesen will, zwischen Keith Tippett und King Crimson, zwischen Soft Machine und Nucleus, dann fällt mir niemand Besseres ein als der „Prog“-Autor Sid Smith, der all das aus unmittelbarer Nähe erlebt hat.

    --

    Kanye West is blonde and gone/ "Life on Mars" ain't just a song
    Highlights von Rolling-Stone.de
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    #11139821  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 8,746

    Danke! @napoleon-dynamite
    Burchill und Parsons hätte ich jetzt gar nicht mit Jazz in Verbindung gebracht. Cecil Taylor passt ganz gut zu Lester Bangs, das leuchtet ein.

    #11139897  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 8,746

    grievousangel@wahr:
    Ich danke dir vielmals für die schöne Ausformulierung deiner Gedanken – gerade deine Eindrücke zu diesem „Versäumnis“ der Musikmagazine waren ein ganz neuer Denkanstoß für mich und beschäftigen mich seit gestern Abend.

    Danke fürs Feedback! :)
    Ich trage das ja schon länger mit mir rum und glaube nach wie vor, dass in dieser Hinsicht – der journalistischen Aufbereitung des Spannungsfelds Rock zu Jazz – noch viel Potenzial und Verbindendes ungenutzt geblieben ist.

    #11139915  | PERMALINK

    napoleon-dynamite
    Moderator

    Registriert seit: 09.11.2002

    Beiträge: 21,254

    Ja, ein spannendes Thema. Schöne Denkanregung, @wahr!

    --

    Kanye West is blonde and gone/ "Life on Mars" ain't just a song
    #11139943  | PERMALINK

    irrlicht
    Nihil

    Registriert seit: 08.07.2007

    Beiträge: 30,041

    napoleon-dynamiteJa, ein spannendes Thema. Schöne Denkanregung, @wahr!

    Absolut, hat Spaß gemacht, hier mitzulesen.

    --

    Hold on Magnolia to that great highway moon
    #11139947  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 8,746

    lotterlotta…..den minimalen Anteil des Jazz im RS bemängele ich ja schon ewig und der kleine Kasten mit Jazzvorstellungen wird glaube ich dem doch recht großen und wie mir scheint immer weiter wachsenden Interessenten aus dem Forum nicht gerecht!

    So sehe ich es auch.

    #11139965  | PERMALINK

    atom
    Moderator

    Registriert seit: 10.09.2003

    Beiträge: 17,876

    Ein sehr spannendes Thema, danke für die vielen tollen Aspekte @wahr!

    wahrIch kenne die englischsprachigen Mags zu der Zeit nicht. Die deutsche Sounds hatte ganz zu Anfang ausschließlich Jazz-Rezensionen im Programm, nach dem Sounds-Rezensionswälzer zu urteilen. Ab 70er fast nur Rock in vielen Schattierungen. Wahrscheinlich ab und an mal eine Jazz-Rezension.

    Sounds war ja zu Beginn sogar ein reines Jazz-Magazin mit dem Untertitel „Die Zeitschrift für Neuen Jazz“. Das zeigte sich nicht nur in den Schallplattenbesprechungen, sondern auch in den anderen Texten und Interviews, z.B. über Archie Shepp, Gunter Hampel, Marion Brown, Sun Ra, Cecil Taylor, Ornette Coleman oder Peter Brötzmann. Erst ab Herbst 1967 kamen die ersten kleinerenn Texte über Rock ins Magazin. In der Rubrik Rock Talk gab es Informationen zu Jimi Hendrix, Pink Floyd, etc.

    --

    Hey man, why don't we make a tune... just playin' the melody, not play the solos...
    #11140137  | PERMALINK

    lotterlotta

    Registriert seit: 09.04.2005

    Beiträge: 1,836

    Auch von mir nochmals dank @wahr, haben doch deine Einlassungen eine interessante Aussprache gefördert.

    Persönlich halte ich den Einfluss von Musikmagazinen auf den Musikgeschmack allerdings eher für sehr begrenzt. Die Sozialisierung der breiten Masse, was den Bereich Musik betrifft, wurde meines Erachtens eher durch andere Medien wesentlich mehr und einschneidender beeinflusst, Stichworte Radio / Singleformat/Werbung…formuliere das jetzt allgemein für uns alte Säcke, Geburtsjahrgänge 1955-1965! Was lief in den Radiosendungen und Musiksendungen des öffentlichrechtlichen Formatfunks tagsüber, wann kamen die anderen vielleicht weitgefächerteren Spartensendungen wo auch mal Hintergründe beleuchtet wurden, denke da zum Beispiel im HR an Volkers Kramladen….im Prinzip musste man sich also doch überwiegend selbst auf den Weg machen um tatsächlich mehr als den Standard der Haussender mitzubekommen…..aber das Radioformat hat ja nicht nur zur nicht Wahrnehmung des Jazz beigetragen sondern im Prinzip auch den Rock plattgemacht, da vieles auch im Rock einfach zu lang war für die tgl. Radiosendungen….

    Von daher kann ich auch die Wahrnehmung der Musik in den 60ern und 70ern bei vielen verstehen und auch akzeptieren, erwarte aber auch das gleiche. Wenn man abseits aller Sparten an Musik herangeht, kommt man vielleicht wieder zum Ursprung der Musik zurück, der Spiritualität. Musik ist eine universelle Sprache und Ausdruckweise die mich in meinem inneren, auf der emotionalen Seite packen muss, damit ich sie als gut empfinde, sie muss etwas in mir auslösen, da ist es egal ob es nun Rock, Blues, Klassik oder Jazz ist. Je mehr sie mich von allem anderen wegführt und frei macht von alltäglichen Widrigkeiten desto besser und genialer empfinde ich diese und bewerte sie dann auch entsprechend….damit sind wir wieder beim Urproblem der Musikbewertung, auch der in Musik-Mags, sie ist etwas völlig subjektives…..

    --

    Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt
    #11140335  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 8,746

    Ich habe mich schon immer gerne durch Musik-Mags informieren und entsprechend auch beeinflussen lassen. Radiosendungen waren früher sicher auch wichtig – und sind es heute wieder. Siehe bzw. höre Radio StoneFM. :-)

    Das mit der Spiritualität und dem „frei machen von alltäglichen Widrigkeiten“ als Eigenschaft guter Musik kann ich alledings nur bedingt teilen. Musik darf für mich gerne auch alltäglichen Widrigkeiten spiegeln, oder gesellschaftliche Zusammenhänge. Auch die spirituelle Jazz-Musik der 1960er war ja alles andere als nur spirituell. Es ging daneben auch oft um Widerstand gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, exitenzielle Nöte und um ganz konkrete gemeinschaftsstiftende Aktionen. Ich glaube, wem es schlecht geht, wer hungert, marginalisiert, gewaltsam unterdrückt, misshandelt und ökonomisch abgehängt wird, der hat erstmal andere Sorgen als die reine Spiritualität der Musik. Der versucht vielleicht erstmal die Spiritualität ganz konkret zur Verbesserung seiner weltlichen Situation zu nutzen.

    zuletzt geändert von wahr
    #11140439  | PERMALINK

    mozza
    Captain Fantastic

    Registriert seit: 26.06.2006

    Beiträge: 58,902

    karmacoma

    mozza

    karmacoma

    mozza

    karmacoma. Meine Jazzfaible ist noch ein scheues Kitz, welches mit Obacht bedacht werden muss damit es nicht verschreckt wird

    Dein Toto-Faible ist hingegen schon ein ausgewachsener Hirsch?

    Ich formuliere es mal so: er lahmt bereits ganz bedenklich . Um es ganz grob runterzubrechen, bei Toto reichen die Titel mit Eigennamen.

    Du bist halt nicht so der AOR-Typ. Ich habe mir vorgestern zufällig in meinem Stammladen auch eine Toto-LP gekauft.

    Da ist was dran. Welche hast du dir geholt?

    Jetzt erst gelesen. Fahrenheit

    --

    young hot sophisticated bitches with an attitude
    #11140563  | PERMALINK

    lotterlotta

    Registriert seit: 09.04.2005

    Beiträge: 1,836

    wahrIch habe mich schon immer gerne durch Musik-Mags informieren und entsprechend auch beeinflussen lassen. Radiosendungen waren früher sicher auch wichtig – und sind es heute wieder. Siehe bzw. höre Radio StoneFM. Das mit der Spiritualität und dem „frei machen von alltäglichen Widrigkeiten“ als Eigenschaft guter Musik kann ich alledings nur bedingt teilen. Musik darf für mich gerne auch alltäglichen Widrigkeiten spiegeln, oder gesellschaftliche Zusammenhänge. Auch die spirituelle Jazz-Musik der 1960er war ja alles andere als nur spirituell. Es ging daneben auch oft um Widerstand gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, exitenzielle Nöte und um ganz konkrete gemeinschaftsstiftende Aktionen. Ich glaube, wem es schlecht geht, wer hungert, marginalisiert, gewaltsam unterdrückt, misshandelt und ökonomisch abgehängt wird, der hat erstmal andere Sorgen als die reine Spiritualität der Musik. Der versucht vielleicht erstmal die Spiritualität ganz konkret zur Verbesserung seiner weltlichen Situation zu nutzen.

    Das ist sicherlich richtig und entspricht den damaligen Verhältnissen, vielleicht hab ich mich da auch etwas missverständlich oder ungeschickt ausgedrückt. Daher nochmals ein Versuch es besser  zu beschreiben.

    Musik wurde und wird überwiegend dazu genutzt eine Botschaft zu transportieren, in ursprünglicher Form also eher als spirituell zu betrachten bzw. zu sehen, sorry hören  ist. Sie drückt also etwas aus oder diente dazu Situationen zu ertragen siehe Gospel oder Blues bei den Afroamerikanern. Weil es aber bald nicht mehr nur um das Aushalten und Ertragen ging, veränderte sich diese Musik, weg vom textlichen hin zum Anklagenden , Schreienden, Trauerndem, also Jazz in seiner ganzen Bandbreite. Diese Musik drückt also immer noch Gefühle aus, zeigt Emotionen.

    Höre ich nun diese Musik und bin in einer dem entsprechenden bzw. ähnlichen Gefühlslage wird mich diese Musik ansprechen, sie wird mich berühren, ich kann sie hören, sie wird mir als besonders schön oder anders formuliert als inspirierend in Erinnerung bleiben,,,und weil sie mich auf dieser Ebene anspricht kann ich mich ihr ganz hingeben und führt mich unter Umständen weg von allem, it blows my mind free….und das kann dann wieder alles mögliche an Musik sein Blues, Jazz in allen seinen Spielarten aber auch Rock und Klassik…..you now what I mean?

    zuletzt geändert von lotterlotta

    --

    Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt
    #11141367  | PERMALINK

    claque

    Registriert seit: 09.01.2020

    Beiträge: 66

    wahrs Anmerkungen zur Annäherung von Rock und Jazz kann ich voll und ganz unterschreiben. Ursache dieser schmerzlichen Lücke dürfte auch die mangelnde Beschäftigung oder vollständige Ausblendung des Jazz durch praktisch alle Magazine sein. SOUNDS aber hat das in der ersten Hälfte der siebziger Jahre durch die Beschäftigung mit Jazzrock ganz gut gemacht. Danach hat sie ihn der Lächerlichkeit preisgegeben, was falsch war. Ein kompetenter Jazzrezensent und -kritiker wie Karl Lippegaus ist ja heute noch umfassend tätig. Man muss ja nicht mit allem einverstanden sein, was er schreibt und sagt, aber es immer horizonterweiternd und umfassend informativ. Der Jazzteil des Hifi-Magazins STEREO war und ist immer gut. Dass JAZZTHETIK aus Münster als kompetentes deutschsprachiges Magazin nie genannt wird, verstehe, wer will. Ich kann es nach wie vor nur empfehlen. Gibt es ja auch schon seit dreißig Jahren und liegt sprichwörtlich an allen Bahnhofsbuchhandlungen aus.

    --

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