Die Violine im 20. Jahrhundert

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    gypsy-tail-wind
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    Analog zum Klavier-Faden einer für die Geige, weil ich keinen passenden fand, um die gestern verbreitete Nachricht vom Tod von Ida Haendel zu verbreiten – Tode sind keine Glossen, versteht sich.

    Sie kam mir eigentlich schon lange wie eine Überlebende aus längst verangenen Zeiten vor – und jetzt ist sie auch gegangen. Schülerin von Flesch und Enescu … und ihre Einspielung der dritten Violinsonate von Enescu war ein essentieller Bestandteil meiner Klassik-Entschlüsselung (von @clasjaz an der Hand genommen – zu ewigem Dank verpflichtet dafür).

    Einer der Nachrufe:
    https://www.theguardian.com/music/2020/jul/01/ida-haendel-obituary

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #105: 24.9., 22:00; Slow Drive to South Africa, #6: tba | No Problem Saloon, #19: Klassikstunde #2, 27.8., 22:00; #20: Ennio Morricone, 12.9., 22:30
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    #11152953  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Und dann auch mal noch eine Liste, zum Auftakt:

    Joseph Joachim
    Eugène Ysaÿe
    Leopold Auer
    Jenö Hubay
    Carl Flesch
    George Enescu

    Jacques Thibaud
    Bronislaw Huberman
    Adolf Busch
    Mischa Elman
    Fritz Kreisler
    Emil Telmányi

    Erica Morini
    Georg Kuhlenkampf
    Albert Sammons
    Alfredo Campoli
    Joseph Szgeti
    Bronislav Gimpel

    Jascha Heifetz
    Nathan Milstein
    Max Rostal
    David Oistrakh
    Gioconda de Vito
    Tossy Spivakovsky
    Henri Temianka

    Zino Francescatti
    Wolfgang Schneiderhan
    Michèle Auclair
    Henryk Szeryng
    Ginette Neveu
    Arthur Grumiaux
    Szymon Goldberg
    Joseph Hassid
    Ruggiero Ricci
    Isaak Stern
    Aida Stucki
    Leonid Kogan
    Johanna Martzy

    Ida Haendel
    Camilla Wicks
    Josef Suk
    Ivry Gitlis
    Christian Ferras
    Michael Rabin
    Igor Oistrakh
    Erick Friedman
    Edith Peinemann
    Jaime Laredo

    bei Joseph Joachim lernten u.a.: Bronisław Huberman und Leopold Auer

    bei Leopold Auer lernten u.a.: Mischa Elman, Jascha Heifetz, Nathan Milstein

    bei Jenö Hubay lernten u.a.: Joseph Szigeti, Emil Telmányi, Jelly d’Arányi

    bei Carl Flesch lernten u.a.: Bronislaw Gimpel, Ivry Gitlis, Szymon Goldberg, Ida Haendel, Josef Hassid, Ginette Neveu, Max Rostal, Henryk Szeryng, Henri Temianka, Aida Stucki

    bei George Enescu lernten u.a.: Yehudi Menuhin, Christian Ferras, Ivry Gitlis, Arthur Grumiaux, Ida Haendel, Uto Ughi

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #105: 24.9., 22:00; Slow Drive to South Africa, #6: tba | No Problem Saloon, #19: Klassikstunde #2, 27.8., 22:00; #20: Ennio Morricone, 12.9., 22:30
    #11153439  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    ich bin mal so frei und schlachte meine alte Ausgabe von Hartnack („Große Geiger unserer Zeit“, München 1967) noch etwas weiter – und sehr selektiv aus – einiges aus den Stammbäumen hinten im Buch (S. 316ff.):

    Toscanische Schule (aka Paduaner Schule)
    da ist Giuseppe Tartini wohl der bekannte der frühen Namen, später tauchen Sarasate, Vieuxtemps und Schuppanzigh auf

    Lombardisch-Venezianische Schule
    Corelli, Gaminiani, Locatelli, und die Linie Pisendel-Graun-W.F. Bach sind da in den frühen Zeiten aufgeführt, ein paar „Generationen“ später dann Joachim und unter ihm u.a. Auer, Hess, Gregorowitsch, Eldering und Hubay (wobei über Auer auch der Name Dont steht, der mir gar nichts sagt). Unter Auer (und in Klammern Ysaÿe, der aus einer anderen Schule reinschaut) finden sich Milstein, Elman, Seidel, Zimbalist, Duschkin und Heifetz (und unter diesem dann Friedman); unter Hess folgt Kulenkampff und unter diesem Ricci; unter Gregorowitsch folgt Hubermann und unter diesem Taschner; unter Eldering folgt u.a. Busch und darunter, ohne direkte Linie und in Klammern auch Thibaud; unter Hubay folgt eine ganze Menge von Leuten: Bustabo (über der via Persinger auch Thibaud steht, beide in Klammern), Szigeti, Martzy, Telmanyi usw., unter Szgieti folgt die gerade verstorbenen Ida Haendel, über der in Klammern auch Flesch und Enescu geführt werden.

    Böhmische Schule (Nebenzweig der Mannheimer Schule)
    da stehen lauter Namen, die mir gar nichts sagen, bis dann in der fast letzten Generation Shcneiderhan und Morini zu finden sind

    Mannheimer Schule
    Tartini als einer der Gründerväter (> Toscanische Schule) der andere ein Cernoworski, unter den beiden Johann Stamitz, und unter diesem Cannabich, Karl Stamitz und Anton Stamitz. Die Linie unter Cannabich führt über mehrere Generationen weiter u.a. zu Spohr; unter A. Stamitz folgt Rodolphe Kreutzer (Ediciones singulares/Palazetto Bru Zane haben seine Tragédie-lyrique „La Mort d’Abel“ eingespielt/herausgebracht), unter ihm dann via Massart zwei grosse Namen, die mitten hinein führen: Wieniawski und Kreisler, aber auch Marsik, der mir wieder nichts sagt. Aber da wird es wie gesagt dick: unter Wieniawski folgt Ysaÿe, via Persinger (der auch unter Enesco und Thibaud steht) darunter dann Ricci (über dem auch Kulenkampff steht, so.o), Stern und Menuhin (der auch von Enesco kommt, mehr dazu folgt gleich); unter Marsik finden wir Enescu, Thibaud und Flesch; unter Enescu und Thibaud dann Menuhin, Ferras und Grumiaux; unter Flesch schliesslich eine ganze Reihe klingender Namen: Neveu, Moodie, Rostal, Odnoposoff, Haendel, Szeryng, Goldberg, Gitlis, Wolfsthal; und unter Rostal noch Edith Peinemann.

    Natürlich wäre es schön, wenn die Stammbäume noch etwas weiter gingen – und auch den sowjet-induzierten Exodus über den Atlantik (in einzelnen Fällen führte die Fahrt wohl über den Landweg ostwärts und dann über den Pazifik) in die Vereinigten Staaten berücksichtigt würde, die franko-belgische Schule usw. Ich kenne leider keine spätere Ausgabe von Hartnack, mein Exemplar war ein Spontankauf im Antiquariat um die Ecke.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #105: 24.9., 22:00; Slow Drive to South Africa, #6: tba | No Problem Saloon, #19: Klassikstunde #2, 27.8., 22:00; #20: Ennio Morricone, 12.9., 22:30
    #11153507  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Das 2-CD-Set „The Great Violinists: Recordings from 1900-1913“ (Testament) enthält Aufnahmen aus den frühen Jahren der Tonaufzeichnung, von: Joseph Joachim, Eugène Ysaÿe, Pablo de Sarasate, Stanislaw Barcewicz, Bernhard Dessau, Paul Viardot, Arnold Rosé, Henri Marteau, Fritz Kreisler, Jan Kubelík, Willy Burmester, Jacques Thibaud, Marie Hall, Franz von Vécsey, Joseph Szigeti und Karol Gregorowicz

    Von George Enescu gibt es dann einige Aufnahmen aus den Dreissigerjahren mit Yehudi Menuhin – wobei Enescu dirigiert, bei Bachs BWV 1042 aber zur Geige greift. Es gibt zudem eine Einspielung seiner zweiten und dritten Violinsonate mit Dinu Lipatti am Klavier (Hänssler hat ein tolles Set mit den wichtigsten Aufnahmen Lipattis zusammengestellt, Enescu ist da natürlich auch mit der dritten Klaviersonate als Komponist vertreten).

    Label-Exkurs #1: Naxos hat sehr viele dieser frühen Aufnahmen in guten Ausgaben wieder herausgebracht – mit selbst angefertigten bzw. bei den besten Leuten in Auftrag gegebenen Transfers, also nicht der übliche Klau, wie es ihn bei haufenweise italienischen Bootleg-Labeln gibt … da ich in aller Regel aber andere Ausgaben habe, habe ich bei Naxos gar keinen Überblick (den hat wohl auch das Label selbst längst nicht mehr).

    Jacques Thibaud – viel kenne ich da nicht, aber die Trios mit Alfred Cortot (p) und Pablo Casals (vc) sowie die paar Sonaten mit Cortot sind schon sehr, sehr schön (es gibt u.a. Haydns Trio G-Dur Hob. XV:25, die „Kreutzer“ und das „Erzherzog“-Trio von Beethoven und jeweils das erste Trio von Mendelssohn, Schubert und Schumann, das Konzert für Klavier, Violine und Streichquartett von Chausson, die Sonaten von Debussy und Franck, die erste von Fauré. Nicht zu vergessen: die phänomenale Einspielung des zweiten Ravel-Quartetts mit Marguerite Long (p), Maurice Vieux (vla) und Pierre Fournier (vc) von 1940. Alle diese Aufanhmen sind in der grossen Cortot-Box zu finden, die mit Casals auch in den Ausgaben von dessen EMI-Aufnahmen (die entsprechende Box war 2010 meine erste grosse Klassik-Anschaffung).

    Von Bronislaw Huberman besitze ich gerade mal die obige CD, die vor ein paar Jahren zum Spottpreis in einer ganzen Reihe von Warner (ex EMI) CDs erschien … muss sie mal wieder anhören, sie lief zwar schon, aber eine klare Erinnerung daran habe ich nicht mehr.

    Adolf Busch war u.a. Primgeiger des Busch Quartetts und der Schwiegervater seines treuen Klavierbegleiters Rudolph Serkin. Die Kammermusikaufnahmen, in allen Konstellationen, sind superb! Warner hat nach der Übernahme des EMI-Klassik-Katalogs die obige Box herausgebracht – Beethoven- und Schubeert-Quartette, die Klavierquartette von Brahms, Sonaten von Mozart, Schumann und Brahms usw. – fast alles phänomenal … und überraschend gut auch die frühe Einspielung der sechs „Brandenburgischen Konzerte“ (in der Cortot-Box gibt es die allererste Einspielung, die ist auch hörenswert, aber irgendwie – nicht auf schlechte Art – ziemlich irr). Enorm gerne mag ich auch die Aufnahmen mit Serkin, die auf Music&Arts erschienen sind – hier eine Rezension mit den ganzen Angaben:
    http://www.musicweb-international.com/classrev/2011/Feb11/busch_serkin_CD1244.htm

    Mischa Elman – der grosse alte Amerikaner mit seinen Rubati und Portamenti, der von Heifetz dann quasi auf Altenteil abgeschoben wurde … für heutige Ohren ist dieses Spiel (ganz im Gegensatz zu Busch!) auch etwas gewöhnungsbedürftig, es trieft manchmal vor Schmelz, ist aber dennoch hochmusikalisch und hörenswert! Ich griff zu Testament, das sehr verlässlich gute Ausgaben alter Aufnahmen herausbringt, in Ellmans Fall zwei 4-CD- und ein 2-CD-Set.

    Label-Exkurs #2, an die Bemerkung zu Testament anschliessend: im Rennen ist auch Documents/Membran, mit üblicherweise fast unterbotenen Mindeststandard – aber oft halt doch hilfreich, wenn ältere Ausgaben nicht mehr greifbar sind oder ein paar Lücken ohne tief in die Tasche greifen zu wollen geschlossen werden können (im Jazz lasse ich von denen tunlichst die Finger, aber von den Klassik-Boxen habe ich einige der „Wallet-Boxen“, neben dem Furtwängler-Sarg, den Merkel einst Ratzi schenkte – das war der Typ mit dem bösen Blick und dem gelben Fleck, falls sich noch jemand erinnert). Komplett oder konsistent, geschweige denn schlau programmiert sind die Boxen aber in aller Regel nicht. Für Ramschpreise kriegt man halt Ramsch. Ein weiters Label im Markt ist Doremi, die oft verdienstvolle Sachen herausbringen, die aber eher hässlich gestaltet sind (Testament ist minimalistisch aber klar, was ich sehr ok finde, Doremi hat kein Budget für die Grafik und hält auch die Liner Notes sehr kurz … dennoch gibt es dort CDs, auf die ich nicht verzichten möchte, ein paar erwähnte ich später bestimmt noch!)

    Fritz Kreisler – ein paar seiner Evergreens kannte ich schon, bevor ich ihn zum ersten Mal hörte – in der Icon-Box von EMI. Diese Serie war für mich beim Einstieg enorm hilfreich, ich hatte bald ein Dutzend Boxen von Geigern, Pianisten, vom Cellisten Pierre Fournier und bald auch von Sängerinnen und Sängern, da. Warner hat einige nachgepresst und das einstige rote EMI-Logo ersetzt. Die Kreisler-Box war eine schöne Überraschung, sie bietet neben durchaus hörenswerten Aufnahmen (gleiches Thema/Problem wie bei Elman, klar) auch weitere Ausflüge in die Urzeit des Mediums: die ältesten Aufnahmen sind von 1904. Diverse Konzerte sind zweimal zu hören, in akustischen Aufnahmen aus den Zwanzigern und elektrischen aus den Dreissigern – erstere bieten natürlich keinen Orchesterklang, wie wir ihn kennen, die Besetzungen und Instrumentierungen wurden angepasst, damit die Aufnahmetechnik überhaupt mithalten konnte … ich finde sowas faszinierend, und wenn dann auch noch Leo Blech oder Michael Raucheisen anzutreffen sind, wird das noch besser. Ob die zehn Beethoven-Sonaten mit Franz Rupp (1935/36) die erste Gesamtaufnahme sind, weiss ich gar nicht, gut möglich (Nr. 8 G-Dur Op. 30/3 hat Kreisler 1928 auch mit Rachmaninov eingespielt, die „Kreutzer“ von Thibaud/Cortot ist von 1929, ebenso wie Nr. 1 von Menuhin/Giesen, Morini hat schon 1927 Nr. 5, die Frühlingssonate, eingespielt).

    Emil Telmányi ist wohl ein odd ball, ich hörte ihn auf einer Dutton/Vocalion-CD mit dem Violinkonzert von Nielsen – er hatte 1918 die Tochter Nielsens geheiratet und zog von Ungarn nach Dänemark. Seine Einspielung des Solo-Bach ist vielleicht die seltsamste, die es gibt, er verwendet dafür einen Bogen, der ein polyphones Spiel einfacher erlaubt als die üblichen geraden Bögen (der Druck bzw. die Spannung der Saiten lässt sich dabei wohl während des Spiels irgendwie regulieren mit dem Daumen der Bogenhand oder so). Habe ich mir aus Neugierde dann auch noch gekauft (Testament mal wieder, deren Katalog ist immens und sehr vieles scheint grundsätzlich einfach erhältlich zu sein) – aber ich denke, auch wenn ich meine derzeitige statistische Lebenserwartung erreiche (keine Ahnung, wo die liegt, wohl noch su 45 Jahre), höre ich diese Einspielung kaum noch mehr als 2-3 Mal. Die Nielsen-Einspielung ist schön, aber die CD wohl hoffnugnslos vergriffen.

    Label-Exkurs #3: Dutton/Vocalion – das Label brachte z.B. auch Rachmaninovs eigene Einspielungen seiner Klavierkonzerte oder vier CDs mit den Beethoven-Streichquartetten des Busch Quartetts heraus – auch vorzüglich, was den Klang angeht, Design und Präsentation eher okay als super … vieles war da wohl schon vergriffen, als es mich zu interessieren begann, aber einige CDs sind doch da (auch die gerade genannten von den Buschs bzw. Rachmaninov).

    Erica Morini – endlich die erste Frau! In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts tauchten ja immer mehr Geigerinnen auf, doch das wäre wohl ein eigener Faden … Morini ist in mancher Hinsicht vielleicht ein Pendant zu Kreisler: Wärme, Schmäh, wienerischer Charme. Die abgebildete Box ist eine von dreien von EMI Korea, die ich für teures Geld kaufte, alle drei EMI (bzw. assoziierten, in diesem Fall Westminster) Aufnahmen von Geigerinnen gewidmet. In manchen Fällen hat EMI wohl in Korea mal den Markt getestet und später eine internationale Veröffentlichung nachgereicht, aber das geschah in keinem der drei Fälle (Gioconda de Vito und Johanna Martzy sind die beiden anderen). Es gab auch den Fall, wo in Korea komplette Boxen erschienen (Label-Boxen mit den Westminster-Aufnahmen), im Westen bzw. global dann aber nur eine kleinere Auswahl. Aber gut, das war jetzt wieder ein Label-Exkurs (#4). Die Morini-Box, um nochmal bei den Labeln zu bleiben, enthält neben Westminster-Aufnahmen auch US-Decca-Aufnahmen, die damals und heute zu Universal gehören dürften … vermutlich so uninteressant, dass man der Konkurrenz eine Lizenzausgabe gestattete – was natürlich nichts über die Qualität der Musik sagt. Es gibt Sonaten aus Italien (Tartini vor allem) und aus dem Norden (Mozart, Beethoven, Brahms, Franck), die besten davon mit Rudolf Firkusný, ein paar Streichquartette (Walter Trampler an der Bratsche) und ein paar schöne Konzerte: Tschaiko und Brahms mit RPO/Rodzinski, Bach 1/2 und Mozart 4/5 mit US-Kammerorchestern – Kammmermusik ist hier also fast durchgängig Thema bzw. der Geist, in dem Morini musiziert, und das ist sehr, sehr schön. (Documents hat die Lücke inzwischen wieder geschlossen, ich weiss nicht einmal, ob dort ev. sogar mehr drin ist als in der EMI-Box, denn in diesen Koreanischen Boxen werden Alben reproduziert, die Spielzeit der CDs ist oft kurz, was sie noch teurer machte … Inhalt einer ca. 6-/7-CD-Icon, aber bei sechsfachem Preis oder so … aber ich habe bei keiner der drei darüber je einen reuigen Gedanken verschwendet).

    Georg Kulenkampff – der Mann ist kein Sympathieträger: er war der letzte im dt. Grossmannszwergreich verbliebene grosse Geiger, die anderen im Exil, zum verstummen gebracht oder verstummt. Und Kulenkampff führte dann 1937 das von Clara Schumann zurückgehaltene (und – im Manuskript, klar – Joachim vermachte Violinkonzert Robert Schumanns auf. Joachim hatte testamentarisch verfügt, dass es bis 100 Jahre nach Schumanns Tod 1856 nicht aufgeführt werden dürfe, aber die Geigerin Jelly d’Aranyi, Grossnichte Joachims, die um das Werk wusste, erfand dann noch irgendeine spiritistische Sitzung, bei der ihr der Geist Schumanns erschienen sei und sie auf das verschollene Werk aufmerksam machte … nunja. Es gibt wohl Musiker (und Musikerinnen, Elly Ney allen voran) die sich mehr zuschulden kommen liessen in den Jahren 1933 bis 1945, aber Kulenkampff, der dann auch 1948 bereits starb, geniesst längst nicht den Ruf anderer Geiger aus der Zeit. Ich habe irgendwann drei Dutton/Vocalion-CDs günstig gekauft, aber gehört habe ich sie erst oberflächlich. Es gibt auch von Kulenkampff eine Membran-Box (die meisten oder alle dieser Klassik-Boxen heissen „Milestones of a Legend“, in der Regel 10 CDs).

    Albert Sammons kenne ich noch gar nicht, was v.a. damit zu tun hat, dass ich ins englische Repertoire noch kaum vorgedrungen bin … drei Dutton/Vocalion-CD sind im Regal, mit Werken von Delius, Elgar, Ireland und Rubbra. Ich bin selten pastoral aufgelegt, aber klar, da gibt es mehr und irgendwann mache ich mich etwas ernsthafter dahinter.

    Alfredo Campoli – der „Bel Canto Geiger“: so heissen die sechs Doppel-CDs, die 2017 bei Australian Eloquence herausgekommen sind … ich hatte seinen Namen noch nie gehört und die Reihe kürzlich gekauft, angehört habe ich daraus aber noch nichts. Das Repertoire umfasst Klassiker (Beethoven, Mendelssohn, Bruch 1, Tchaikowsky), die Geigen-Klassiker (Sarasate, Wieniawski, Paganini), haufenweise „Encores“ (u.a. viel Kreisler) aber auch eher Überraschendes wie Händel-Sonaten (1952, mit George Malcolm am [Industrie-]Cembalo) … warum statt einer Box die Form von sechs Doppel-CDs gewählt wurde, weiss der Geier, aber die Booklets sind eine Spur umfassender als bei (Label-Mini-Exkurs #5) Australian Eloquence meist üblich (was in den Boxen ja auch der Fall ist, besonders die Myra Hess-Box ist ein echtes Schmuckstück – aber sooo viel historische Aufnahmen von Interesse gibt es da bisher nicht: neulich erchien eine grossartige Moura Lympani-Box, es gibt gibt eine von Cécile Ousset, Aufnahmen aus den Siebzigern; und es gibt eine feine Irmgard Seefried-Edition … und wohl noch ein paar Sachen, von denen ich nichts weiss … die Aufmachung ist da immer okay bis toll, jedenfalls kein Vergleich mit den weissen Eloquence-Billig-Boxen wie sie hier vor Jahren herumstanden: Arrau spielt Liszt, Gulda spielt Beethoven, Brendel spielt … ein paar von denen habe ich auch, klar).

    Joseph Szgeti – der Schrammel-Grossmeister mit der Musik to end all music (oben abgebildet). Violinsonaten von Mozart-Sonaten mit Horszowski, Beethoven mit Arrau, Kammermusik mit Schnabel und Fournier (das Frick-Rezital wurde kürzlich auf dem Label Arbiter neu aufgelegt, höchst empfehlenswert!), ein Rezital mit Béla Bartók (mit der Kreutzersonate für die Insel, wenn’s denn eine sein muss), Konzerten mit Szell (der auch bei den Mozart-Sonaten rasch einspringt) und Mitropoulos (gegensätzlicher geht wohl kaum?). Es gibt weitere Aufnahmen mit Clara Haskil oder Egon Petri, ich kaufte da irgendwann einfach mal alles zusammen, was ging (auch ein paar Naxos-CDs). Ein grossartiger Musiker jedenfalls! (Trivia: seine Urgrossnichte, Vanessa Szigeti, ist seit kurzem eine der Stimmführerinnen der zweiten Geige im Tonhalle-Orchester, die rätselhafte Schöne, die irgendwann plötzlich da sass … momentan in Babypause, aber wenn die kommende Saison denn irgendwie stattfinden wird, und hoffentlich auch später wieder, auch in kammermusikalischen Programmen zu hören, dazu passt, dass sie 2011 auch zum Quatuor Diotima gehörte.)

    Bronislav Gimpel der letzte für den Moment … auch ein Musiker, den ich noch kaum kenne, aber bei Audite, das auch eine feine Reihe mit historischen Aufnahmen am Laufen hat (die aber kaum weiter zurück als bis in die 50er gehen, drum tauchte das Label bisher noch nicht auf, es gibt zwar auch was von Morini!) ist ein 3-CD-Set mit einigen seiner Aufnahmen erschienen. Und wer bis hierhin dabei ist, der/dem ist klar, dass ich bei sowas nicht lange überlege (es gibt eine ähnliche Box der Cellistin Zara Nelsova, 4 CD, die auch darauf wartet, erkundet zu werden).

    Da dann noch ein letzter Label-Exkurs #6: hie und da tauchen auch noch CDs von Vox auf – das Label brachte viele gute Aufnahmen günstig heraus, auf LP und später auf CD, oft in grauenvollem Layout und auch klanglich manchmal nicht grad leckerbissenverdächtig … Vorsicht ist aber leider geboten, denn vieles, was neu im Umlauf ist, ist dann keine CD sondern eine CD-R (ähnlich bei Nimbus). Ganz alte Sachen sind da aber auch selten, das setzt in den Fünfzigern ein (und alles, was mehr als einen Tonträger umfasst, kommt als „Vox Box“ daher, früher auch mit den dicken Doppel-CD-Hüllen). Ebenfalls noch zu nennen ist Tahra, wo ich aber v.a. CDs von Pianisten zusammengetragen habe … das Label wurde 1993 von der Tochter Hermann Scherchens gegründet und 2014 eingestellt. Es brachte während gut 20 Jahren eine Unmenge toller Sachen heraus, die teils inzwischen auch anderswo wieder greifbar wurden, in der Regel aber weiterhin eher rar sind. Die Aufmachung ist suboptimal, aber manchmal enthalten die Sets umfassende Booklet mit ganzen Diskographien, bebildert usw. Dirigenten standen stark im Fokus, natürlich Scherchen (ich erwähnte neulich, dass ich seinen Beethoven-Zyklus in den Tahra-Ausgaben habe), aber auch Knappertsbusch, Abendroth, Furtwängler, Schmidt-Isserstedt, Jochum, und viele andere, unter den InstrumentalistInnne tauchen da auch kaum noch bekannte Namen auf: Edith Farnadi, Youra Gouller, Friedrich Wührer, aber auch semi-legendäre wie Ginette Neveu, Clara Haskil, Eduard Erdman oder Dinu Lipatti. Das Wührer-Set unten ist meine jüngste Tahra-Anschaffung und ich bilde es ab, weil da auch das Tripelkonzert mit Gimpel (v) und Joseph Schuster (vc) drauf ist, mit dem Württembergischen Staatsorchester und Walter Davisson, aufgenommen in den Fünfzigern.

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    #11153663  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

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    Danke mal – stellvertretend für andere Leser – bezüglich Deiner Themen und Fäden …. genug Stoff zum lesen, aber auch zahlreiche Anstösse zum hören ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #11153699  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Nun, die richtige Vertiefung wäre dann natürlich, das alles (und die weiteren ähnlichen Posts, wobei ich nicht ganz zu allen oben gelisteten rein diskographisch was empfehlen kann, glaub ich … ich versuchte aber, Leute, von denen ich gar nichts kenne, auch gleich ganz wegzulassen, von den frühen mal abgesehen, die ja quasi in die Ton-Ära nur noch so hineinrutschten).

    Und das wurde, denk ich klar: Leute, die erst so in den 50ern und 60ern auf die Welt kamen, müssen nicht unbedingt auch noch in diesen Faden, und die jungen aktiven von heute erst recht nicht, da könnten wir (sehr gerne!) weitere Fäden öffnen. Wobei – das ist ja Dir bestimmt nicht entgangen – bei mir die alten (siehe Liste oben) und die jungen (Kopatchinskaja, Hahn, Jansen, Zehetmair, Zimmermann, Faust, Frang, Fischer) eher mehr sagen als die von dazwischen (ich nenne mal Mutter, stellvertretend, aber Perlman ist jetzt z.B. auch eher nicht für mich, Kremer manchmal sehr, aber im Standard-Repertoire dann auch wieder eher nicht – vom Solo-Bach vielleicht abgesehen). Das sind aber auch gewachsene Hörvorlieben … und dann kommen ja noch die ganzen HIP-Leute, wo ich aber auch wieder eher die zweite oder dritte Generation zu schätzen scheine als die ersten. Also Biondi oder Onofri und deren Altersgenossen als die Kuijkens oder Leonhardt, Bylsma und deren Generation … aus der ich eigentlich gar keine Geiger kenne, die mich wirklich umhauen, wie ich gerade merke, wo mir keine Namen einfallen … Jeanne Lamon, Simon Standage, Monica Huggett sind ja irgendwo dazwischen, Chiara Banchini mag ich sehr – ist am Ende doch alles nicht so eindeutig. Aber ich bin quasi eher Mono Era und Analogue Era als Digital Era ;-)

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    #11154079  | PERMALINK

    yaiza

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    Beiträge: 2,103

    gypsy-tail-wind Analog zum Klavier-Faden einer für die Geige, weil ich keinen passenden fand, um die gestern verbreitete Nachricht vom Tod von Ida Haendel zu verbreiten –  Sie kam mir eigentlich schon lange wie eine Überlebende aus längst verangenen Zeiten vor – und jetzt ist sie auch gegangen. Schülerin von Flesch und Enescu …

    Ich habe hierdurch gerade von ihrem Tod gelesen. Auch sehr interessante Doku in Deinem Post… Da ich heute noch einen Tag Urlaub habe, schaue ich gleich weiter…  Steven Isserlis interviews Ida Haendel, Wigmore Hall (ca 1h) — sehr unterhaltsam :D

    soulpope  Danke mal – stellvertretend für andere Leser – bezüglich Deiner Themen und Fäden …. genug Stoff zum lesen, aber auch zahlreiche Anstösse zum hören ….

    Ich schließe mich soulpope an. Vielen Dank auch von mir für diesen umfangreichen Auftakt. :good:

     

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    #11154115  | PERMALINK

    yaiza

    Registriert seit: 01.01.2019

    Beiträge: 2,103

    Zur Zeit höre ich vermehrt die Violinkonzerte von Alfred Schnittke, u.a. auch die BIS-Einspielungen von 1990 des VK 1 & 2 mit Mark Lubotsky (geb. 1931, studierte bei Jampolski und Oistrach, 1976 wanderte er in die Niederlande aus). Im Booklet gibt es jeweils einen kurzen Text von Schnittke zu seinen Kompositionen. Hier erklärt er, dass das 2. Violinkonzert auf Anregung von Mark Lubotsky entstand und Lubotsky spielte auch 1966 die Uraufführung. Für zeitgenössisches Repertoire könnte er ganz interessant sein.

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    #11154279  | PERMALINK

    clasjaz

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    Beiträge: 1,726

    Sehr schön! Von so manchen kenne ich nur den Namen, von einigen nicht einmal diesen, z. B. Sammons, Campoli. Die Stammbäume finde ich interessant, zumal dann, wenn teils dennoch die Individualstile so deutlich oder prägnant sind wie bei Rabin, Heifetz, Grumiaux oder Gitlis (markant, dass er bei Enescu und Flesch war), um wahllos hineinzugreifen. Was dann wohl auch an solchen Überlehrern wie Auer, Enescu und Flesch liegt, einer „Bildung“ auch in vordergründig nicht musikalischen Dingen, soweit ich weiß. Und Szigeti. Seine Interpretation der Sonaten und Partiten von Bach wäre wohl die von den Gesamteinspielungen, die mit aufs Schiff oder Treibholz Richtung Insel käme.

    Ida Haendel. So sehr vertraut ist sie mir gar nicht und bei vielem zieht es mich wohl zu anderen. Aber die Feuerzusammenarbeit mit Ashkenazy bleibt nach wie vor ganz oben und auch ihre späte Einspielung der Stücke für Solovioline von Bach, bei Testament erschienen.  Ein langes, langes Leben.

    Johanna Martzy (Schülerin von Hubay) stand wohl eher auf der Schattenseite, andere drangen an ihr vorbei … Dennoch, das Dvorák-Konzert unter Fricsay ist jedes Hören wert, auch die Konzerte von Mendelssohn und vor allem Brahms unter Kletzki. Hier gibt es einen kleinen biografischen Abriss. Und auch sie hat die Sonaten und Partiten komplett eingespielt, durchaus in geschätzter Schrammeltradition, wenn auch nicht so selbstbewusst wie Szigeti.

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    #11154301  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Campoli war mir auch ein unvertrauter Name, auf Sammons stiess ich beim Stöbern in einem der Abverkäufe von Dutton/Vocalion – das Label bringt Unmengen an „Nostalgia“ heraus, für eine sterbende Altersgruppe, seien es Schlager, seichter Jazz oder seichte Klassik … aber eben auch tolle Reissues von historischen Klassik-Aufnahmen (viel mit England-Schwerpunkt natürlich), aber eine kleine, sehr feine Reihe von Jazz-Klassikern. Ich wühlte da ein paar Male durch die Angebote und schnappte das eine oder andere (auch Neveu oder Haendel sind dort vertreten).

    Was Martzy angeht: in Glarus gestorben? Das wusste ich nicht, musste rasch ins NZZ-Archiv, aber einen ordentlich Nachruft schaffte die alte Tante damals nicht, nur eine Agenturmeldung am 15. August 1979. Sie hatte den Verleger der „Glarner Nachrichten“, Daniel Tschudi, geheiratet (der im Vorjahr bei einem Umfall umkam, die Todesanzeige fand ich auch bei meiner Suche). Sie ist ja die dritte, von der ich eine dieser sündhaft teuren Boxen aus Südkorea gekauft habe … ich schätze sie am Ende wohl auch mehr als Haendel (die ja eigentlich Hendel hiess, die Namensänderung sollte wohl eine – theoretisch mögliche – Verwandtschaft mit Händel suggerieren, las ich in einem Nachruf?)

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #105: 24.9., 22:00; Slow Drive to South Africa, #6: tba | No Problem Saloon, #19: Klassikstunde #2, 27.8., 22:00; #20: Ennio Morricone, 12.9., 22:30
    #11154315  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Ich mache mal weiter … neben Isaac Stern war Jascha Heifetz bei mir in den Anfängen wohl die wichtigste Station (gefolgt bald von Michael Rabin und dann David Oistrakh, Nathan Milstein, Arthur Grumiaux, Joseph Szigeti). Er bleibt für mich einer der Allergrössten überhaupt, drum darf auch das Bild ziemlich gross sein (je nach Auflösung am Bildschirm dürfte es fast der wirklichen Grösse entsprechen); dieses Bildchen zeigt den 2011 veröffentlichten Koffer mit seinen gesammelten Aufnahmen für RCA. Einige davon sammelten sich hier an, in billigen Boxen, und auch in der Icon-Box von EMI (da gab es Vertriebsdeals mit RCA, weshalb in Europa einige der Aufnahmen bei EMI herauskamen – und EMI anscheinend auch in den Nullern noch Rechte daran besass, so genau weiss ich das nicht). Als der Koffer 2014 noch einmal erschien, musst eich einfach zugreifen – ich hatte davor schon die noch grössere Rubinstein-Box gekauft, in der es ebenfalls viele Aufnahmen mit Heifetz zu hören gab … kühl oder kalt oder emotionslos sei er, hört man gerne mal, perfekt (was dann gerne ein negatives Attribut ist) – aber so empfinde ich das überhaupt nicht, eher scheint er mir an der Oberfläche mit der Film-Persona von Buster Keaton verwandt zu sein. Und er war auch privat, wie man allerdings nur selten hört, da er in der Tat ein sehr privater Mensch war, ein überaus humorvoller und oft zu einem Spass aufgelegter Kerl. Die Box ist natürlich längst auch wieder vergriffen, und auch die späteren Auskopplungen (die Box mit den gesammelten Heifetz-Piatigorsky-Konzerten und „The Complete Stereo Recordings Remastered“) sind längst weg bzw. mondpreisig, nicht mal die billigen Sets, die ich damals neben der Icon und den Konzerten mit Piatigorsky kaufte: „Plays Beethoven“, „Plays Great Violin Concertos“, „Plays Great Violin Sonatas“. In der Reihe folgte 2015 noch ein viertes Set, „Plays Favourite Recital Pieces & Encores“, das auch ziemlich guten Stoff enthält. Bei Naxos ist bestimmt noch einiges greifbar, aber ich möchte die grosse Box wirklich nicht missen, sie ist – wie die Rubinstein-Box – für vieles eine Art Grundstein hier.

    Nathan Milstein – auch er ein perfekter Techniker, auch bei ihm hört man manchmal was von kühl oder emotionslos. Kann ich genau so wenig nachvollziehen, denn da ist ein innere Glühen, das auch seine berühmte Bach-Aufnahme für DG durchzieht. Eine kleine Box mit seinen DG-Aufnahmen ist wohl immer noch erhältlich, ich habe den Bach in einer gemischten Box von Universal/DG und im Plattenregal steht auch noch was, hab beschlossen, dass das reicht – denn bei aller Faszination ist er dann doch keiner, bei dem ich möglichst viel haben möchte. In der Box finden sich aber diverse tolle Einspielungen, u.a. mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter William Steinberg. Und da ist auch die EMI-Einspielung des Solo-Bach. Was bei meiner Art des Einkaufens/Sammelns noch hinzukommt: in verschiedenen Label- oder Dirigenten-Boxen tauchen die Geiger, um die es hier geht, auch wieder auf – Milstein z.B. mit Walter, Barbirolli, Munch oder Jochum. Von Milstein gibt es auch eine CD in der feinen Lucerne Festival-Reihe von Audite – mit einem so dunkel schimmernden Mendelssohn-Konzert, wie man es gerade von diesem sonst doch eher ohne doppelten Boden aufspielenden Meister nie erwartet hätte – faszinierend! (Die Reihe dürfte weiterhin komplett erhältlich sein, Schneiderhan und Stern sind die anderen bisher vertretenen Geiger.)

    Von Max Rostal habe ich gerade mal eine CD da (er taucht noch mit Monique Haas und Paul Tortelier auf) – aber die hat es in sich. Die Empfehlung kam – wie so viele! – von @clasjaz, und sie war wertvoll. Die „Kreutzer“ mit Franz Osborn am Klavier ist ebenso hervorragend wie das Bartók-Konzert mit dem LSO unter Sargent. Da dürfte ich wohl mal die Documents/Membran-Box holen (die frecherweise einfach das Cover einer Testament-CD kopiert).

    David Oistrakh – der erste Russe, der nicht aus einer exilierten Familie stammt … auch auf ihn stiess ich früh, damals gab es noch einige der Brilliant-Boxen aus der Reihe „Historic Russian Archives“, in der Regel 10 CD umfassend. Von Oistrakh hatte ich bald drei im Regal: eine mit dem Oistrakh Trio mit Sviatoslav Knushevitsky (vc) und Lev Oborin (p), eine mit Konzerten und eine mit Kammermusik. Die Box mit seinen EMI-Aufnahmen war auch bald da, und später auch noch die DG-etc.-Box (oben). Interessanterweise weiss ich aber bis heute gar nicht so recht, was ihn ausmacht – oder was ihn für mich ausmacht. Aber seine Mozart-Einspielungen sind z.B. sehr schön (EMI, er leitet selbst die Berliner Philharmoniker, in KV 364 wechselt er an die Bratsche und Sohn Igor spielt die Geige), unter den russischen Aufnahmen finden sich (bei manchmal ziemlich schlechter Klangqualität, das ist bei den Brilliant-Boxen in Kauf zu nehmen) einige Werke, die nicht gerade oft zu hören sind … und natürlich tauchen an seiner Seite die legendären russischen Taktstock-Dikatoren auf: Kondrashin, Mravinsky, Eliasberg, Rozhdestvensky, Sanderling. Auch die Westler sind eine illustre Gruppe: Karajan, Cluytens, Szell, Klemperer usw. Unter den Kammermusikpartnern finden sich u.a. Richter, Badura-Skoda, aber vor allem Vladimir Yampolski und natürlich Oborin.

    Gioconda de Vito – die Italienerin ist heute ziemlich vergessen. Was ich wie bei Morini auch sehr bedauerlich finde. Die Box oben ist zweite meiner südkoreanischen Schätze (es folgte dann noch eine vierte von Christian Ferras – von der gab es dann aber im Gegensatz zu den Damen eine internationale Erfolgsausgabe in der „Icon“-Reihe von EMI/Warner). Sie hat mit Fricsay, Raucheisen, Furtwängler und anderen gearbeitet, mit Edwin Fischer, Kubelík, Sargent usw., und gemäss Hartnack („Grosse Geiger“) ist ihre Einspielung des Doppelkonzerts von Brahms die einzige halbwegs tolerierbare (1952 mit Amadeo Baldovino und dem Philharmonia Orchestra und Rudolf Schwarz – in der obigen Box enthalten). Es gibt auch von ihr eine Membran-Box, vermutlich mit mehr oder weniger allem drin, was auch in der koreanischen Box zu finden ist … ich habe mir nie die Mühe gemacht (die Membran-Boxen kommen ja mit minimalen Infos, neben den Mitwirkenden in der Regel nur eine Jahreszahl, die eher Veröffentlichung als Aufnahme verzeichnet).

    Tossy Spivakovsky – ihn kenne ich bisher nicht, ein paar wenige Aufnahmen sind da (mit Munch, Monteux, Leon Kirchner, Firkusný), aber angehört habe ich sie noch nicht. Das abgebildete 4-CD-Set von Doremi ist aber sehr verlockend … und günstig ist es gerade auch (was bei Doremi gar nicht immer der Fall ist, allzu viel mag ich für die CDs aber nicht ausgeben, dazu sind sie oft wirklich nicht gut genug, s.o.).

    Und doch möchte ich nicht ohne meinen kleinen (zwei-drei Dutzend dürften es sein, einzelne CDs, aber auch ein paar Doppelte und kleine Boxen) Stapel von Doremi sein, denn sonst hätte ich auch Henri Temianka nie entdeckt. Mit Leopold Shure führte er 1946 in der Library of Congress die zehn Sonaten von Beethoven auf, und Doremi hat sie 2011 auf dem abgebildeten 3-CD-Set (wieder einmal, nehme ich an?) herausgebracht – ein wunderbarer Zyklus (klanglich natürlich nicht besser als der ebenso feine von Szigeti mit Arrau (der 1944 ebenfalls in der LOC mitgeschnitten wurde). Temianka taucht bei mir ansonsten nur mit wenigem auf: mit Reiner und Piatigorsky hat er in Pittsburgh den „Don Quixote“ aufgenommen, mit Eileen Joyce und Antoni Sala (vc) das Klaviertrio von Arensky.

    PS: das Spivakovsky-Set ist bestellt :-)

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    #11155407  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Nachtrag bzw. Label-Exkurs:

    Von Gioconda de Vito gibt es auch ein Set bei Scribendum – da ist die Aufmachung unwesentlich besser als bei Membran/Documents, und dennoch habe ich einen viel besseren Eindruck, denn immerhin werden da Boxen mit einer gewisse Mühe zusammengestellt, und vor allem Boxen mit Aufnahmen, an die sonst kaum in dem Umfang zu kommen ist (z.B. Yudina, Grinberg, Nikolyaeva, Sofronitzky, Barylli, Végh, Leibowitz usw.). In der Regel kriegt man Aufnahmedaten und Besetzungen und sonst keine weiteren Angaben, aber das ist schon mehr als bei Membran, wo das Jahr oft das VÖ-Jahr ist, und dieses kann ja gerne mal einige Jahre später liegen, v.a. wenn die Basis eine umgestellte spätere LP Ist und nur das betreffende Jahr daneben steht … Scribendum ist mir jedenfalls wesentlich sympathischer.
    http://scribendumrecordings.com/our-shop/4583959841/sc808-10cd—gioconda-de-vito-the-art-of/11182833
    Beim Preis muss man wohl aber etwas aufpassen … die 60-70€ für die grossen Piano-Boxen finde ich sehr ok, aber bei Amazon (und wohl auch anderswo) sind kleinere Boxen manchmal zu teuer. Direkt bestellt habe ich noch nie.

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    gypsy-tail-wind
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    Nachtrag zu Bronislav Gimpel

    Teil 1 – Er war der Enkel des Gründers des jiddischen Theaters von Lemberg, seiner Geburtsstadt. Die obige CD präsentiert Lieder, die damals dort gesungen wurden, und das in einer vorbildlichen Edition mit ausführlichem Booklet (sie steht hier schon eine Weile, aber den Konnex zu B. Gimpel hatte ich nicht gemacht). Hier ein Auszug aus einer Rezension:

    Yiddish theatre has been always inseparable from Yiddish songs. They have common origins, and the father of Yiddish theatre, Abraham Goldfaden, was also a songwriter and a composer. The greatest and most ambitious Yiddish music was produced between 1876 and the late 1940s in Yiddish theatres such as Gimpel’s Lemberg Yiddish Theatre. Lemberg (in English, Lviv), now in Ukraine, was an important spot on the map of Yiddishland and a home for many Yiddish theatres. Most of them were ephemeral, traveling theatre troupes. The only permanent one with its own stage was run by the Gimpel family. It changed its location many times before finally reaching 11 Jagiellonska Street at the very center of Lviv. The theatre was established in 1889, despite the opposition of both Austrian authorities and Jewish religious authorities (Talmud forbids “the theatre and circuses of idolatry” [Avodah Zarah 18b; Shabbat 150a]), by Jakob-Ber Gimpel, a veteran member of the chorus at the Polish Municipal Opera. After his death, the management of this cultural institution was passed on his sons, Adolf Gimpel and Emil Gimpel. The theatre received a license to stage one-act plays, farces, song concerts, operettas and plays in the “Jewish jargon” (Yiddish), so all of these theatrical forms were in its repertoire. The Gimpel’s Yiddish Theatre managed to function continuously until the outbreak of the Second World War.

    https://ethnomusicologyreview.ucla.edu/content/cd-review-wandering-stars-songs-gimpel’s-lemberg-yiddish-theatre-1906-1910


    Teil 2 – Gimpel ist auf der Sessions vom 30. November 1949 an der Seite von Charlie Parker zu hören. Damals wurden die sechs Stücke des „Charlie Parker with Strings“-Albums (1950 auf drei Schellacks bzw. auf 10″ LP erschienen) zu hören. Auch da war mir sein Name bisher vollkommen entgangen. Im Booklet der audit-Box ist von „Aufnahmen zahlreicher Stücke u.a. von George Gershwin“ die Rede – was masslos übertrieben scheint (aber mich erst auf die Spur gebracht hat). Immerhin ist mit „Summertime“ unter den sechs tatsächlich ein Gershwin-Stück. Aber gut, für einen klassischen Musiker ist sowas eh einfach ein Gig und die Betonung im Booklet bei audite etwas schief („Bemerkenswert ist seine Zusammenarbeit mit Jazzikone Charlie Parker“) – da ist halt die unwissende oder bestenfalls halbwissende Überlegenheit der „richtigen“ Kulturmenschen gegenüber dem Jazz, immer unerfreulich.

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    #11156461  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Die französische Geigerin Marina Chiche macht für France Musique eine Sendung über die Violine bzw. ihre wichtigsten Vertreter*innen – die zweite Staffel öffnete gestern mit Musik von Erica Morini, Aida Stucki, Maud Powell etc. (wobei „etc. in diesem Fall heisst: Fritz Kreisler – ein kurzes Stück zwischendurch, sonst gehört die Sendung ganz den Geigerinnen):
    https://www.francemusique.fr/emissions/mon-coeur-est-un-violon/les-pionnieres-du-xixe-siecle-de-teresa-milanollo-a-maud-powell-85131

    Die Folgen von 2019 sind online nach wie vor verfügbar, ein, zwei Folgen habe ich auch bereits angehört. Lohnt!
    https://www.francemusique.fr/emissions/mon-coeur-est-un-violon

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    #11160113  | PERMALINK

    yaiza

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    zu Ida Haendel

    vom Miami Piano Festival:  auf youtube gibt es 4 Videos „Ida Haendel plays informally“ (2009) vor einer Gruppe junger Musiker. Ihre Kommentare sind auch sehr witzig…lustiges Konzerte-Raten :-)

    z.B. Teil 3 geht mit Sibelius los, ab ca. 3:10 Khatchaturian: „Do you know how many years I didn’t play this? Maybe a century…“ :D Gleich danach spielt sie weiter und erzählt, wie häufig dieses Konzert zu hören war und heute fast gar nicht mehr. Nach lustigen Anekdoten dann noch Glazunov…

    https://www.youtube.com/watch?v=6X4LxlXwGrY

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