jaimie branch

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    gypsy-tail-wind
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    Unschön, einen Thread mit einer Diss zu starten, aber die Anregung von @wahr, die Diskussion auszulagern, ist schon sinnvoll. Da es wieder um einige Posts geht, die teils auch andere Dinge betreffen, halt mal wieder in der Form des Zitate-Gebastels, ich geb mir Mühe, das visuell halbwegs lesbar zu überarbeiten (mühsam/aufwändig, in diesem Schrottforum).

    Die Diskussion ist schwierig, hat wohl mit unterschiedlichen Hintergründen und entsprechend geformten Hörerwartungen zu tun, und ich frage mich wieder mal, ob ich einfach besser die Klappe gehalten bzw. das positive herausgestrichen hätte, aber nun denn, dafür ist es zu spät (und falsch gewesen wäre es obendrein auch). Dass das alles nur Meinung ist, ist natürlich klar – und dass wir alle nicht aus unserer Haut können, auch wenn wir es manchmal gerne tun würden, hoffentlich auch :-)

    gypsy-tail-wind
    … heute Nachmittag dann auch zum ersten Mal die neue von jaimie branch – und das Fazit ist vom ersten Eindruck her (leider) das gleiche: sie spielt eigentlich nur die schlauen Verzierungen und Schlenker, das „Eigentliche“ fehlt komplett. Tönt alles super hip, aber ist nichts dran. Die Rhythmusgruppe mit dem phänomenalen Chad Taylor am Schlagzeug, Jason Ajemian am Bass und besonders Lester St. Louis am Cello ist aber dermassen gut, und das Album dann doch total aus einem Guss (und natürlich als solches auch eine Leistung von branch), dass mich die Schwäche der Leaderin gar nicht gross stört – ich sehe bzw. höre es eher als total vertane Chance, endlich zu zeigen, was sie wirklich drauf hat, denn das Material, das Konzept, die Band: alles super. Bloss die Trompete höchstens Mittelmass.

    soulpope
    Hörte die Scheibe gestern während meiner Transition in die Berge …. ist zugegebenerweise nicht „meine“ Musik, unabhängig davon ist ihr Trompetenspiel jedoch nahezu dilettantisch ….

    dietmar_
    Dachte, es wird von „Teil II“ gesprochen? Aber das Bild zeigt das Album von 2017.
    Die sind auch recht ähnlich.

    Ich habe mich an „II“ noch nicht gewagt, überlege auch, ob ich diese Erfahrung überhaupt machen möchte? „I“ hörte ich ziemlich gern, dann wanderte das Album ins Regal und hat es seit dem nicht mehr verlassen.

    wahr
    Dilettantisch„? „Das „Eigentliche“ fehlt“?
    Jazzkenneralarm! Ich stehe manchmal vor Rätseln, wenn ich obiges lesen muss. Und merke, ich krieche doch aus einer ganz anderen Ecke kommend auf Jazz zu.

    gypsy-tail-wind
    Soll sich bloss niemand den Spass verderben lassen, weil ich nörgle (war bei Album 1 dasselbe).
    Aber ich versuche es nochmal: branch spielt kein irgendwie zusammenhängendes Solo, sie kriegt *an der Trompete* (mit dem Album sehr wohl, und das laut und deutlich!) kein Statement hin. Sie spielt Versatzstücke, „schlaue“ kleine Motive, Tricks mit halb gedrückten Ventilen und sowas … das tut z.B. ein Lee Morgan an einzelnen Stellen (oder am Ende) eines Solos und es ist fast immer ein Blender/Protzer/Angeber-Effekt. branch spielt, so höre ich das, nichts als diese blöden Dinge, und die reiht sie dann aneinander, mit vielen Pausen und viel Luft (was ja generell schön sein könnte, aber wenn vor und nach der Pause nur Versatzstücke kommen, ist die Pause auch nicht grad geadelt). Und ich frage mich angesichts dessen halt, ob sie das bewusst macht, ob es gar eine Art aus „Zuviel-Können“ entstehendes Unvermögen ist, sich auch mal länger als 5 Sekunden auf eine Idee zu fokussieren?
    Ich hab die CD jetzt zweimal gehört, finde das Ding aus einem Guss, finde die Rhythmusgruppe so super, dass ich die CD gerne jederzeit wieder anhören werde, nur um die kleinen Verschiebungen von Chad Taylor zu geniessen (die sind auch verdammt „schlau“, aber eingebettet in einen funktionierenden Groove – sonst wären sie auch nichts wert) – und ich möchte die Trompete gerne besser mögen, aber es bleibt eine Frustration …

    Und ja, klar, es ging um Vol. II (Bild oben korrigiert).

    gypsy-tail-wind
    … nochmal: die grossen Bögen, die gibt es auch hier wieder – aber die gibt es vom Konzept, vom Material her … und das ist auch alles phantastisch gemacht und vermutlich zu weiten Teilen branch anzurechnen (sie schreibt, wie das Material live ausprobiert wurde und allmählich Form annahm, aber ob da dieselben Leute schon an Bord waren, weiss ich nicht) … aber von der Trompete her höre ich halt einfach keine Bögen. Mag sein, dass das etwas ist, wo man mit unterschiedlichem Hintergrund anders rangeht: Keine Soli als Pluspunkt – das wirst Du von einem Jazzfan natürlich nicht hören, denn es geht ja gerade um den individuellen Ausdruck, und klar, der kann die einzelne Stimme transzendieren und ich würde sogar behaupten, dass er das auf beiden „Fly or Die“-Alben tut, umso frustrierender finde ich die mittelmässige Trompeterin, die da mitspielt – mit der Bandleaderin/Komponistin/Konzeptkünstlerin kann ich das einfach nicht zusammenbringen.

    soulpope

    wahr
    Dilettantisch„? „Das „Eigentliche“ fehlt“? Jazzkenneralarm! Ich stehe manchmal vor Rätseln, wenn ich obiges lesen muss. Und merke, ich krieche doch aus einer ganz anderen Ecke kommend auf Jazz zu.

    Ja manche „Jazzkenner“ haben diesen Ansatz in den 70ern als Neuerung erlebt und hören manche Ansätze des diskutierten Produktes bestenfalls retro …. aber jedem seine persönliche (auch geburtszeitpunkt bedingte) Jazzevolution …. und sonst steht jeder wiederholt vor Rätseln, also kein Einzelschicksal ….

    wahr

    gypsy-tail-wind
    …aber nochmal: die grossen Bögen, die gibt es auch hier wieder – aber die gibt es vom Konzept, vom Material her … und das ist auch alles phantastisch gemacht und vermutlich zu weiten Teilen branch anzurechnen (sie schreibt, wie das Material live ausprobiert wurde und allmählich Form annahm, aber ob da dieselben Leute schon an Bord waren, weiss ich nicht) … aber von der Trompete her höre ich halt einfach keine Bögen.

    Ich höre ihr Trompetenspiel sogar als essentiellen Mittelpunkt des Ganzen. Daher kann ich auch diesen Kommentar nicht teilen:

    gypsy-tail-wind
    Ich finde das Vorgänger-Album was Branchs Trompetenspiel anbelangt auch nicht berauschender (und live fand ich sie leider auch nicht besser). Ist wirklich einer diese Fälle, wo ich gerne mehr mögen würde, aber es geht einfach nicht

    Wenn auf Album I die Drums von Chad Taylor Jaimie Branchs stakkatoartigen Töne und Slogans auf der Trompete aufnehmen, merkt man, dass Branchs Trompete wie ein Beschleuniger wirkt. Oder wenn sie, wie zu Anfang der zweiten Seite auf Album I im ruhigen Part sich undeutlich aus einem undefinierbaren Erinnerungsnebel schält, noch nicht wissend, in welcher Gestalt sie schließlich heraustreten wird, diese Stimmung gehalten und erstmal nicht aufgelöst wird, kann ich das nicht anders als meisterhaft finden. Dann wird es langsam körperlich mit einem Bass, der auf mich zugeht, tastend, aber bestimmt. Das kurze Solo von Branch, das dieses Auf-Mich-Zukommen begleitet, ist wunderschön, nimmt immer mehr Farben auf, als würde sich der Nebel in seine Spektralfarben auflösen, ganz unaufgeregt auflösen, währendessen hat sich das Cello unmerklich dem Bass angeschlossen, sie gehen gemeinsam auf mich zu. Taylor schlägt und klingelt im Hintergund ein leises Panorama dazu, nichts wird hier laut, alles bleibt ruhig und doch ist das meilenweit von Tapetenmusik entfernt. Plötzlich ist Branch wieder ganz alleine mit der Trompete, und dann in den Pausen, zwischen ihren Trompetenlauten, sind es wir selbst, die alleine sind. Wir können es beim ersten Hören noch nicht wissen, aber sie bereitet mit jedem kleinen Trompetenausstoß das Motiv vor, das dann alle wieder aufnehmen werden. Ein treibendes Motiv, wir sind wieder voll drin in Fly Or Die. Allein diese Stelle – ich könnte die ganze Platte so durchdeklinieren – ist der Kauf wert.
    Für mich von der ersten bis zur letzten Sekunde herausragende Musik, eine überzeugende und auch bewegende Mischung aus Improvisation und Verarbeitung, Standpunkt und Perspektive. Ich kann deine Meinung, das wir es hier mit einer mittelmäßigen Trompetenspielerin zu tun haben, einfach nicht nachvollziehen. Ich sehe aber von jeher Musik auch nicht vom Standpunkt technischen Könnens her. Aber du doch eigentlich auch nicht, oder? Oder vielleicht doch. Ich habe ja mit Blue Note-Aufnahmen aus der Welt der perfekt platzierten Hochleistungsmikrophone an professionell verschallten Studiowänden in ultrageschmackvollen Covern auch manchmal so meine Schwierigleiten, weil sie mir schon fast zu perfekt aufgenommen sind. Ich wünsche mir unperfekte Musik, denn wenn Musik perfekt ist, wo bleibe ich denn da? Ich bin da aber selbst hin- und hergerissen.

    gypsy-tail-wind… Mag sein, dass das etwas ist, wo man mit unterschiedlichem Hintergrund anders rangeht: Keine Soli als Pluspunkt – das wirst Du von einem Jazzfan natürlich nicht hören, denn es geht ja gerade um den individuellen Ausdruck, und klar, der kann die einzelne Stimme transzendieren und ich würde sogar behaupten, dass er das auf beiden „Fly or Die“-Alben tut, umso frustrierender finde ich die mittelmässige Trompeterin, die da mitspielt – mit der Bandleaderin/Komponistin/Konzeptkünstlerin kann ich das einfach nicht zusammenbringen.

    „Kein Soli als Pluspunkt“ wirst du von mir nicht hören. Ich bin nicht @friedrich ;).

    Aber von mir wirst du eben auch nicht hören: „Soli als Pluspunkt“. Ich höre den individuellen Ausdruck nicht nur in Soli, so nehme ich Musik einfach nicht wahr. Ich höre den individuellen Ausdruck im Spiel als Ganzes. Keith Richards ist ein außergewöhnlicher Gitarrist nicht nur wegen seiner Soli, sondern in seiner ganzen Spielweise, in seiner Beziehung zu seinen Mitspielern, in dem was er spielt und in dem was er weglässt. Das ergibt für mich in der Summe seinen ganz individuellen Ausdruck. Er hat auch tolle Soli gespielt, die ungefähr so lang oder kurz sind, wie die Soli, die ich auch bei Jamie Branch höre. Ich würde mir einbilden, ihr Trompetenspiel nach dem, was ich bisher von ihr kenne, aus jedem Track herauszuhören. Und deswegen kann ich auch die Trompetenspielerin Branch ohne Probleme mit der Bandleaderin/Komponistin/Konzeptkünstlerin Branch zusammenbringen. Auch mit der Punkmusikerin und der Elektronikmusikerin.

    soulpope

    wahr
    Dilettantisch„? „Das „Eigentliche“ fehlt“? Jazzkenneralarm! Ich stehe manchmal vor Rätseln, wenn ich obiges lesen muss. Und merke, ich krieche doch aus einer ganz anderen Ecke kommend auf Jazz zu.

    Ja manche „Jazzkenner“ haben diesen Ansatz in den 70ern als Neuerung erlebt und hören manche Ansätze des diskutierten Produktes bestenfalls retro …. aber jedem seine persönliche (auch geburtszeitpunkt bedingte) Jazzevolution …. und sonst steht jeder wiederholt vor Rätseln, also kein Einzelschicksal ….

    Keine Ahnung, welche Ansätze „des diskutierten Produkts“ von Jaimie Blanch retro sind und welchen Ansatz du davon in den 70ern schon als Neuerung erlebt hast. Dass sich Blanch auf Free Jazz bezieht, ihn aber eher als Tool einsetzt? Und diese Art als politisch adäquat in heutiger Zeit betrachtet? Sie füllt diesen (von ihr übrigens abgelehnten) Begriff doch mit aktuellen Inhalten, lässt ihre kolumbianische Herkunft mit einfließen (auf Album II mit den spanischen Einflüssen), findet eine Mischung aus auskomponierten Parts, Edition und freieren Bereichen, und klingt auch sonst einfach heutig, mit ihren diversen Projekten (Punk, Elektronik, Jazz) die eigene Sprache immer wieder aufwirblend und neu zusammensetzend. Um Innovationspunkte hat sie nie gebeten, soweit ich das mitbekommen habe. Sorry, aber ich reagiere immer etwas allergisch auf die „KennIchAllesSchonDagewesen“-Masche. Das klingt so, so … einfach?

    Ihre Fähigkeiten an der Trompete als dilettantisch zu bezeichen, grenzt an Arroganz. Sie als mittelmäßig zu bezeichnen (so wie gypsy), nun ja, das geht dann eben als eine Meinung durch.

    (Vielleicht sollte man die Konversation in einen eigenen Jaimie Branch-Thread verschieben, oder?)

    Done!

    Hoffe, die Jazzecke ist ok, eigentlich deckt das bei branch ja längst nicht alles ab …

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #136, 13.12., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: Charlie Haden - The B-Sides (Teil 2), 10.11., 20:00
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    #10917593  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Hier noch meine paar Zeilen zur bisher einzigen Live-Begegnung mit branch, im März 2018 beim artacts in St. Johann in Tirol:

    Branch/Rempis/Haker Falten/Ostvang

    Jaimie Branch, t; Dave Rempis, as; Ingebrigt Haker Falten, b; Tollef Ostvang, d

    Umso grösser dann die Hoffnung und Vorfreude auf die zweite Gruppe des Abends, erneut ein Quartett in derselben Besetzung. Doch hier trug man Karohemden und Bart, Baseball-Cap und viel Attitüde … Ostvang hatte ich noch nie gehört, er gefiel mir sehr gut – ein feines, präzises und doch sehr packendes Spiel. Haker-Flaten am Kontrabass war einmal mehr super, die grosse Überraschung war für mich aber Dave Rempis, den ich noch nie live erlebt hatte und von dem ich neben wenigen älteren Aufnahmen der Vandermark 5 auch keine Aufnahmen kannte. Sein Spiel, das die Linie fortführt, die von Charlie Parker bis zu Jimmy Lyons geht, war sehr beeindruckend. Neben diesen drei hochkarätigen Schwergewichten hatte Jaimie Branch – auf die ich mich sehr freute – einen ziemlich schweren Stand. Das fing einmal damit an, dass ihr Ton ziemlich uncharismatisch war, ging weiter mit ziemlich langweiligen Ideen bzw. einem recht deutlich auf „schlaue“ Effekte ausgelegten Spiel, in dem keine Bögen entstanden. Da war ein deutlicher Überschuss an Attitüde, ein Missverhältnis zwischen dem Auftreten und dem, was musikalisch geliefert wurde. Am Ende war die Trompete für mich nur eine erfreuliche Klangfarbe im Ganzen, das dennoch ziemlich überzeugend war.

    Von hier:
    http://forum.rollingstone.de/foren/topic/2018-jazzgigs-konzerte-festivals/page/3/#post-10431317

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    gypsy-tail-wind
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    … und noch ein Nachtrag in Sachen Technik: ich denke, es ist eine grosse Illusion, der Ansicht zu sein, es gebe im Jazz Leute, die technisch nicht ganz so super sind. Jeder von denen, die da im Verdacht sind, würden jeden von uns bei einer Jam Session kreuzweise an die Wand nageln, nicht nur, weil sie die ganzen Kniffe und Tricks kennen und ihre Licks eingeübt haben, sondern einfach, weil sie verdammt gut sind. Beim Musikhören stellt man ja permanent Vergleiche an, aber ich denke die ganzen Einstufungen von „scheisse“ bis „unfassbar“ bewegen sich, im Vergleich mit der kompletten Skala, in aller Regel wohl dann so zwischen 8 bis 10, wenn 10 das Maximum ist. Drunter dringt in der Regel nicht bis in die Öffentlichkeit vor (okay, die Saxophonistin „Grace Kelly“ mag eine Ausnahme sein, aber das ist wohl alles planwirtschaftlich durchgetaktet – jemand anderes fällt mir da wirklich nicht ein … und nein, Kenny G. ist kein Jazzmusiker).

    Also nein, natürlich suche ich nicht nach der perfekten Technik, ich halte obendrein auch die legendären Blue Note-Platten selten für perfekt und denke, dieser Ruf hat mehr mit dem Image, der Legende, die später um das Label entstand, zu tun – und natürlich damit, dass manch andere Label, allen voran Prestige, wirklich schlampig produzierten (Riverside oder Contemporary aber hatten wohl Standards, die denen von BN vergleichbar waren, bloss gibt es da halt keinen Mythos, der besser ist als die Realität). Das Ding ist aber, dass die Meisterschaft (auch in technischer Hinsicht) halt auch durchschimmert, wenn jemand zurückhaltender agiert … man nehmen einen Wayne Shorter oder Joe Henderson, bei denen so oft deutlich wird, dass sie sich bewusst einschränken – das Potential schwingt dabei immer mit, auch wenn sie die einfachsten, melodischen Phrasen spielen. Miles Davis wäre da natürlich auch ein gutes Beispiel, Kenny Dorham auf jeden Fall auch … es gibt dann auch noch die Kunst das Schwierige einfach klingen zu lassen – aber um das auch nur erahnen zu können muss man sich dann wohl schon selbst wenigstens als Dilettant mit den handwerklichen Aspekten des Musizierens befasst haben (und kann es auch dann nur beurteilen, wenn man ganz konkret weiss, wie gewisse Instrumente funktionieren, wie Tonarten auf Instrumenten unterschiedlich schwierig sind usw.)

    Was ich sagen will: ich denke, eine auf Technik beschränkte Diskussion führt überhaupt nirgendwohin, denn sie ist immer nur Mittel zum Zweck, mehr kann sie eigentlich ja auch gar nicht sein, es sei denn es geht um „clinics“, wo irgendwer die verschiedensten Arpeggi im Höllentempo und chromatisch hoch- und wieder runterbetet … aber sowas hören wir ja nicht zum Vergnügen ;-)

    --

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    #10917971  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

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    gypsy-tail-wind

    soulpope

    wahrDilettantisch„? „Das „Eigentliche“ fehlt“? Jazzkenneralarm! Ich stehe manchmal vor Rätseln, wenn ich obiges lesen muss. Und merke, ich krieche doch aus einer ganz anderen Ecke kommend auf Jazz zu.

    Ja manche „Jazzkenner“ haben diesen Ansatz in den 70ern als Neuerung erlebt und hören manche Ansätze des diskutierten Produktes bestenfalls retro …. aber jedem seine persönliche (auch geburtszeitpunkt bedingte) Jazzevolution …. und sonst steht jeder wiederholt vor Rätseln, also kein Einzelschicksal ….

    Keine Ahnung, welche Ansätze „des diskutierten Produkts“ von Jaimie Blanch retro sind und welchen Ansatz du davon in den 70ern schon als Neuerung erlebt hast. Dass sich Blanch auf Free Jazz bezieht, ihn aber eher als Tool einsetzt? Und diese Art als politisch adäquat in heutiger Zeit betrachtet? Sie füllt diesen (von ihr übrigens abgelehnten) Begriff doch mit aktuellen Inhalten, lässt ihre kolumbianische Herkunft mit einfließen (auf Album II mit den spanischen Einflüssen), findet eine Mischung aus auskomponierten Parts, Edition und freieren Bereichen, und klingt auch sonst einfach heutig, mit ihren diversen Projekten (Punk, Elektronik, Jazz) die eigene Sprache immer wieder aufwirblend und neu zusammensetzend. Um Innovationspunkte hat sie nie gebeten, soweit ich das mitbekommen habe. Sorry, aber ich reagiere immer etwas allergisch auf die „KennIchAllesSchonDagewesen“-Masche. Das klingt so, so … einfach? Ihre Fähigkeiten an der Trompete als dilettantisch zu bezeichen, grenzt an Arroganz. Sie als mittelmäßig zu bezeichnen (so wie gypsy), nun ja, das geht dann eben als eine Meinung durch.

    @wahr

    Möglicherweise betreibst Du hier ein Art Schattenboxen, denn ich habe bereits in meinem Eingangsstatement unmissverstädlich erklärt, daß mir diese Aufnahme/Musik per se nicht nahesteht.

    Ich habe jedenfalls mit Interesse Deine Eindrücke und deren Beschreibung bezüglich Jamie Branch II gelesen. Ist aufgrund des Vorgesagten für mich natürlich schwer nachvollziehbar, aber regte mich zu Gedanken an, welche Musik ich – würde ich ausschließlich Deine Eindrücke kennen – darunter subsumieren würde ….

    Und das Trompetenspiel – wenn Branch auch Anderes mit dem Instrument vermag und den hier dokumentierten Ansatz bewusst einsetzt, dann ist auch dies eine Art von Können, welches aber für mich am erhörbaren Erlebniswert Nichts ändert.

    Was mich an Deiner Aktuellen Positionierung stört ist der Umstand, hier meine Reaktion auf das Trompetenspiel zu benoten bzw zu be-/verurteilen, welche Kritik akzeptabel ist und welche womöglich arrogant sei. (Nicht nur) dieses Forum leidet an der Maladie daß ein negatives Feedback zu von anderen Forumsmitgliedern favorisierten Aufnahmen/Künstlern verpönt ist und Verhaltensverdikte nach sich zieht. Dies mündet im Zustand, daß nur ein Feedback im Positivfall gegeben wird und und sonst hat man zu schweigen/wird geschwiegen …. wegen der „guten“ Threadstimmung warat`s halt …

    Ich denke Du hast dieses Album erworben und es gefällt Dir unabhängig davon, welche Sichtweise ich dazu habe.

    Schlußendlich habe ich in vielen Jahren des Sammelns/Hörens wiederholt versucht, andere Aficionados in konkreten Fällen von der Wichtigkeit/Richtigkeit einer Aufnahme zu überzeugen, aber diese Art des „Missionierens“ ist oftmals zum Scheitern verurteilt und die Verbleibende Frustration war (zumindest bei mir) noch größer ….

    Soweit von mir ….

    --

      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #10918513  | PERMALINK

    wahr

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    soulpope…. Und das Trompetenspiel – wenn Branch auch Anderes mit dem Instrument vermag und den hier dokumentierten Ansatz bewusst einsetzt, dann ist auch dies eine Art von Können, welches aber für mich am erhörbaren Erlebniswert Nichts ändert. Was mich an Deiner Aktuellen Positionierung stört ist der Umstand, hier meine Reaktion auf das Trompetenspiel zu benoten bzw zu be-/verurteilen, welche Kritik akzeptabel ist und welche womöglich arrogant sei. (Nicht nur) dieses Forum leidet an der Maladie daß ein negatives Feedback zu von anderen Forumsmitgliedern favorisierten Aufnahmen/Künstlern verpönt ist und Verhaltensverdikte nach sich zieht. Dies mündet im Zustand, daß nur ein Feedback im Positivfall gegeben wird und und sonst hat man zu schweigen/wird geschwiegen ….

    Zu keinem Zeitpunkt habe ich dir irgendwelche „Verhaltensverdikte“ auferlegt. Noch habe ich dir in unserer Konversation zu verstehen gegeben, dass du nur positives Feedback geben darfst. Nie und nimmer habe ich dich zum Schweigen aufgefordert, wenn du negatives Feedback gibst. Steck mich nicht in Töpfe, in die ich nicht reingehöre. Wenn du das Trompetenspiel einer Trompetenspielerin, die ganz offensichtlich Trompete spielen kann, als „nahezu dilettantisch“ bezeichnest, kannst du das gerne jederzeit immer wieder tun. Von mir hast du keine „Verdikte“ zu befürchten. Ich nehme mir aber die Freiheit heraus, darauf zu reagieren und deine Einlassung zum Trompetenspiel von Jamie Branch als an Arroganz grenzend zu bezeichnen. Damit musst du leben, wie ich auch mit deiner Ansicht lebe.

    #10918561  | PERMALINK

    snowball-jackson

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    Gute Idee mit der Auslagerung und danke dafür. Hätte diese Diskussion sonst gar nicht bemerkt. Wenn ich allerdings Sätze lese wie: „…tönt alles super hip, aber ist nichts dran…“ oder „…ihr Trompetenspiel [ist] jedoch nahezu dilettantisch…“ gleich zu Beginn der Diskussion, kann ich das nur kopfschüttelnd verneinen und als überhebliche Äußerungen verorten. Die beiden Fly or die Teile sind m.E. voll von memorablen Melodien, konzentrierten Solis, die nicht nur skizzenhaft irrlichtern sondern durchaus einen roten Faden erkennen lassen. Ihr mal wütendes, mal klagendes Trompetengeheul wird gerade durch diese großartig luftig und dekonstruierten Arrangements emporgehoben und getragen. Künstlerischer Dilettantismus oder (wie oben behauptet) technisches Gepose kann ich nirgends erkennen. Als Leaderin gibt sie ihrer Band viel Freiraum, entwickelt stimmungsvolle Debatten und schafft sphärische Sequenzen. Faszinierend auch, wie sich die Band durch einige Spielarten durchhangelt und -ob des düsteren Themas der LP- manchmal sogar fröhlich klingt. Großartige LP.
    Überlege momentan mir ihre Live Show in Berlin anzuschauen. Hoffe es gibt noch Karten!

    --

    you can't win them all
    #10918567  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

    Registriert seit: 02.12.2013

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    wahr

    soulpope…. Und das Trompetenspiel – wenn Branch auch Anderes mit dem Instrument vermag und den hier dokumentierten Ansatz bewusst einsetzt, dann ist auch dies eine Art von Können, welches aber für mich am erhörbaren Erlebniswert Nichts ändert. Was mich an Deiner Aktuellen Positionierung stört ist der Umstand, hier meine Reaktion auf das Trompetenspiel zu benoten bzw zu be-/verurteilen, welche Kritik akzeptabel ist und welche womöglich arrogant sei. (Nicht nur) dieses Forum leidet an der Maladie daß ein negatives Feedback zu von anderen Forumsmitgliedern favorisierten Aufnahmen/Künstlern verpönt ist und Verhaltensverdikte nach sich zieht. Dies mündet im Zustand, daß nur ein Feedback im Positivfall gegeben wird und und sonst hat man zu schweigen/wird geschwiegen ….

    Zu keinem Zeitpunkt habe ich dir irgendwelche „Verhaltensverdikte“ auferlegt. Noch habe ich dir in unserer Konversation zu verstehen gegeben, dass du nur positives Feedback geben darfst. Nie und nimmer habe ich dich zum Schweigen aufgefordert, wenn du negatives Feedback gibst. Steck mich nicht in Töpfe, in die ich nicht reingehöre.  …..

    Guten Morgen @wahr, natürlich hast Du das nicht explizit geschrieben, aber mit Deinem Feedback genau diesen Effekt erzielt (ja die Macht der Sprache ….) Daher musst Du das mit den selbstgewählten/-belegten „Töpfen“ für Dich lösen ….

    Mit der attestierten Arroganz, so dies im aktuellen Fall die Zuweisung einer differenzierten Sichtweise bedeutet, habe ich schlußendlich kein Problem ….

    Und um auf einer positiven Note zu enden : wir haben einander nicht angeschwiegen, sondern geschrieben ….

    --

      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #10918575  | PERMALINK

    soulpope
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    gypsy-tail-wind… und noch ein Nachtrag in Sachen Technik: ich denke, es ist eine grosse Illusion, der Ansicht zu sein, es gebe im Jazz Leute, die technisch nicht ganz so super sind …. Was ich sagen will: ich denke, eine auf Technik beschränkte Diskussion führt überhaupt nirgendwohin, denn sie ist immer nur Mittel zum Zweck, mehr kann sie eigentlich ja auch gar nicht sein, es sei denn es geht um „clinics“, wo irgendwer die verschiedensten Arpeggi im Höllentempo und chromatisch hoch- und wieder runterbetet … aber sowas hören wir ja nicht zum Vergnügen

    Ich denke Illusionen sind vor allem auch jene situative Erfahrungen und Eindrücke, welche wir – also jeder für sich – beim Musikhören empfinden …. kann man ja oft genug bei einer „Blindfold Test“ Situation nachvollziehen …

    --

      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #10918593  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    There we go again … vielleicht sind ein paar Zeilen zum anderen Diskurs gestattet, aus dem @soulpope und ich kommen (ich denke neben redbeansandrice als einzige hier im Forum)? Jazz war immer schon ein Haifischbecken: 95% der Kenner (wer immer dieses äh, Gütesiegel, erteilt) verabscheuen Oscar Peterson, manche Leute halten Miles Davis bis heute für einen schlechten Trompeter (und Monk für einen Dilettanten) oder können nur seine Sachen bis 1967 ertragen … Coltrane bis 1964. Jackie McLean konnte keine Intonation, Dexter Gordon ist todlangweilig, Red Garland: ein Barpianist, … favorisierte Musiker werden verteidigt und gelobt, andere ignoriert oder gedisst (irgendwoher musste der Scheiss der Hip-Hop-Kultur ja herkommen, oder?).

    Das ist jetzt arg überzeichnet, aber es zieht sich immer noch weiter, unter den Hardcore-Jazzfans zumindest, und mit Variationen (ich habe in der lokalen Szene hier z.B. auch ein paar Leute, die ich überhaupt nicht schätze bzw. bei denen mir nicht aufgeht, warum die überhaupt mitspielen dürfen, um es drastisch zu formulieren). Da ist nichts mit „alle gehören dazu“, „jeder darf bei der Jam Session mitmachen“ oder so, es gibt auch keine Warnung vor verletzten Gefühlen, sondern man wird halt geprüft, muss liefern, und dann klappt es oder auch nicht – und ja, der Mechanismus ist kaputt, die ganzen Hochschulen produzieren eine Art Parallel-Szenen-Multiversum, von denen dann jede Kapsel für sich ist und die eigenen Homies als Publikum dienen, aber ausserhalb merkt keiner was – auch das drastisch formuliert, aber in der Tendenz nehmen das selbst die jungen Musiker so wahr.

    Die Wohlfühlideologie heutiger Zeiten (und mit Verlaub, wer mich als arrogant oder überheblich tituliert, von dem verlange ich, dass er mein Wirken hier im Forum, meine vertretenen Ansichten kennt, sonst reicht auch mal eine Nummer kleiner!) ist da jedenfalls eine völlige Gegenthese dazu – und ich habe mich in den letzten Jahren, auch z.B. bei dem Hype um Kamasi Washington (der mir absolut nichts gibt, ich merke der Musik zwar die Geschultheit an den rhythmischen Finessen des – instrumentalen – Hip-Hop an und finde das auch toll, aber obendrauf Gepose und Leere, aufgebläht mit viel warmer Luft … falls sich jemand wundert, warum ich mich nicht ausführlicher zu Kamasi W. geäussert habe, there you go, es wäre das gleiche passiert wie hier gerade), immer mal wieder gewundert, wie entkoppelt diese Hype-Phänomene von dem sind, was ich oben als den „Jazz-Diskurs“ zu umreissen versuche. Ich befürchte, es gibt da praktisch keine Schnittmenge (entsprechend auch keinen Spillover, weil wer auf Kamasis Album oder auf Shabaka abfährt, fängt er/sie nicht plötzlich damit an, anderen Jazz zu hören bzw. kommt ev. bis zu Marshall Allens Sun Ra Arkestra, aber das ist dann auch wieder so ein Ding, anders gelagert aber total Hype-anfällig). Das wiederum mag bei Leuten wie mir auch zu einer gewissen Bitterkeit führen: warum wird sowas mittelprächtiges plötzlich überall abgefeiert als sei der Messias zurück (da ist jetzt Kamasi selbst dran schuld bei dem Covermotiv – das finde ich ja abgesehen davon wieder gut, der Afro-Messias geht über Wasser … aber das hilft beim Genuss der Musik auch nicht weiter).

    Vermutlich ist das jetzt auch nur ein hoffnungslos versandender Gruss aus einer anderen Blase, aber was soll’s – seit ein paar Jahren treibt mich das immer um: JazzmusikerInnen (Matana Roberts, Kamasi Washington, Makaya McCraven*, Yazz Ahmed, jaimie branch, Shabaka Hutchings) feiern Crossover-Erfolge, wie das seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten kaum mehr der Fall war … aber es gibt wie erwähnt keinen spürbaren Spillover dieser neuen HörerInnen in andere Gefilde des Jazz. Aber wie soulpope oben richtig sagt, das mit der messianischen Mission führt – auch innerhalb der Jazz-Community – oft nirgendwohin (auch bei mir nicht, es gibt wohl ein halbes Dutzend Namen, von denen ich seit 20 Jahren weiss, dass ich sie mal anhören müsste, aber wenn mein eigener verschlungener Pfad, der natürlich allerlei Anregungen, Einflüsse, Meinungen, Lobeshyhmnen und Disse mitnimmt, mich nicht dahin führt, dann passiert es eben nicht, auch wenn mir vielleicht drei Leute, deren Ansichten ich durchaus schätze, in der Zwischenzeit drauf hingewiesen haben … manchmal passt das eben, aber meistens passt es halt nicht, soulpope kann z.B. drüber klagen, dass ich mit Kip Hanrahan noch nirgends bin und Jerry Gonzalez mit seiner Fort Apache Band eine pure Leerstelle darstellt).


    *) dessen „Universal Beings“ habe ich übrigens gerade mit „Fly or Die II“ aus Neugierde doch mal noch gekauft – ich hoffe, meine Neugierde, die dann zu Überheblichkeit führt, ist nicht auch etwas, was wir im Sitzkreis diskutieren müssen.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #136, 13.12., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: Charlie Haden - The B-Sides (Teil 2), 10.11., 20:00
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    gypsy-tail-wind
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    soulpope
    Ich denke Illusionen sind vor allem auch jene situative Erfahrungen und Eindrücke, welche wir – also jeder für sich – beim Musikhören empfinden …. kann man ja oft genug bei einer „Blindfold Test“ Situation nachvollziehen …

    Ich weiss nicht genau, was das ist … aber klar, es ist persönlich, es ist aber auch in meinem Leben so ziemlich das beste (jedenfalls von den Dingen, die man regelmässig erleben kann) und ergiebigste überhaupt. Dass wir uns dabei ganz alleine bewegen, quasi in unserer Haut gefangen sind, ist auch klar – und manchmal wohl auch ein wenig frustrierend, denn wie gerne würde man nicht manchmal dieses Erleben mit jemandem teilen? Andererseits gehe ich seit Jahren gerne alleine auf Konzerte, weil ich die Diskussion über das Gehörte unmittelbar danach oft als störend empfinde, auch mit langjährigen Freunden, mit denen ich mich in anderer Form regelmässig über Musik austausche …

    Illusion, persönliche Meinung … natürlich. Etwas anderes haben wir ja nicht. Aber das alles ist kein Grund dafür, in eine (angeblich von der frz. Postmoderne beschleunigte – Rufmord galore!) „alles ist gut“-Lethargie zu fallen, wie es heute viel zu oft geschieht. Ich halte an der Relativität des Relativismus standhaft fest ;-)

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    soulpope
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    gypsy-tail-wind …. warum wird sowas mittelprächtiges plötzlich überall abgefeiert als sei der Messias zurück (da ist jetzt Kamasi selbst dran schuld bei dem Covermotiv – das finde ich ja abgesehen davon wieder gut, der Afro-Messias geht über Wasser … aber das hilft beim Genuss der Musik auch nicht weiter). Vermutlich ist das jetzt auch nur ein hoffnungslos versandender Gruss aus einer anderen Blase …. 

    +1 …. aber die Hoffnung lebt (trotzdem) weiter ….

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    soulpope
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    gypsy-tail-wind

    soulpope Ich denke Illusionen sind vor allem auch jene situative Erfahrungen und Eindrücke, welche wir – also jeder für sich – beim Musikhören empfinden …. kann man ja oft genug bei einer „Blindfold Test“ Situation nachvollziehen …

    Ich weiss nicht genau, was das ist … aber klar, es ist persönlich, es ist aber auch in meinem Leben so ziemlich das beste (jedenfalls von den Dingen, die man regelmässig erleben kann) und ergiebigste überhaupt. Dass wir uns dabei ganz alleine bewegen, quasi in unserer Haut gefangen sind, ist auch klar – und manchmal wohl auch ein wenig frustrierend, denn wie gerne würde man nicht manchmal dieses Erleben mit jemandem teilen? Andererseits gehe ich seit Jahren gerne alleine auf Konzerte, weil ich die Diskussion über das Gehörte unmittelbar danach oft als störend empfinde, auch mit langjährigen Freunden, mit denen ich mich in anderer Form regelmässig über Musik austausche … Illusion, persönliche Meinung … natürlich. Etwas anderes haben wir ja nicht. Aber das alles ist kein Grund dafür, in eine (angeblich von der frz. Postmoderne beschleunigte – Rufmord galore!) „alles ist gut“-Lethargie zu fallen, wie es heute viel zu oft geschieht. Ich halte an der Relativität des Relativismus standhaft fest

    Und damit zu einem der Ausgangspunkte dieser Diskussion …. wenn man (mit)teilen möchte und stattdessen eine Abfuhr erhält – das fühlt sich nicht gut an, obwohl auf den ersten Blick das eigene positive Erlebnis wichtig genug erscheint …

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
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    wahr

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    soulpopeUnd damit zu einem der Ausgangspunkte dieser Diskussion …. wenn man (mit)teilen möchte und stattdessen eine Abfuhr erhält – das fühlt sich nicht gut an, obwohl auf den ersten Blick das eigene positive Erlebnis wichtig genug erscheint …

    Deine („nahezu dilettantisch“) und gypsys Mitteilungen (Mittelmaß, nichts dahinter, etc.) substanziell (also nicht polemisch) zu kritisieren, ist keine Abfuhr. Das mit dem „Jazzkenneralarm!“ hätte ich mir verkneifen sollen, ich hörte da so eine Hochnäsigkeit raus …, hab ich mir wahrscheinlich eingebildet.

    #10918653  | PERMALINK

    soulpope
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    wahr

    soulpopeUnd damit zu einem der Ausgangspunkte dieser Diskussion …. wenn man (mit)teilen möchte und stattdessen eine Abfuhr erhält – das fühlt sich nicht gut an, obwohl auf den ersten Blick das eigene positive Erlebnis wichtig genug erscheint …

    Deine („nahezu dilettantisch“) und gypsys Mitteilungen (Mittelmaß, nichts dahinter, etc.) substanziell (also nicht polemisch) zu kritisieren, ist keine Abfuhr. Das mit dem „Jazzkenneralarm!“ hätte ich mir verkneifen sollen, ich hörte da so eine Hochnäsigkeit raus …, hab ich mir wahrscheinlich eingebildet.

    Schade daß wir geographiebedingt nicht auf ein Glas Bier oder Wein gehen können um das und Anderes zu besprechen …. die „Abfuhr“ war wohl eher mein Trumpetenspielsicht für all jene, welche das Branch Album schätzen …. trotz allem habe ich jetzt über Jamie Branch mehr Informationen als je zuvor ….

    --

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    gypsy-tail-wind
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    wahr
    Aber von mir wirst du eben auch nicht hören: „Soli als Pluspunkt“. Ich höre den individuellen Ausdruck nicht nur in Soli, so nehme ich Musik einfach nicht wahr. Ich höre den individuellen Ausdruck im Spiel als Ganzes. Keith Richards ist ein außergewöhnlicher Gitarrist nicht nur wegen seiner Soli, sondern in seiner ganzen Spielweise, in seiner Beziehung zu seinen Mitspielern, in dem was er spielt und in dem was er weglässt. Das ergibt für mich in der Summe seinen ganz individuellen Ausdruck. Er hat auch tolle Soli gespielt, die ungefähr so lang oder kurz sind, wie die Soli, die ich auch bei Jamie Branch höre. Ich würde mir einbilden, ihr Trompetenspiel nach dem, was ich bisher von ihr kenne, aus jedem Track herauszuhören. Und deswegen kann ich auch die Trompetenspielerin Branch ohne Probleme mit der Bandleaderin/Komponistin/Konzeptkünstlerin Branch zusammenbringen. Auch mit der Punkmusikerin und der Elektronikmusikerin.

    Da möchte ich nochmal rasch ansetzen, denn die Passage versinnbildlicht fast schon exemplarisch die unterschiedlichen Herkünfte. Im ersten Moment mag ich beleidigt reagieren, wenn mir – indirekt, klar – unterstellt wird, ich würde „den individuellen Ausdruck … nur in Soli“ zu hören vermögen. Aber gut, nehmen wir die Big Band von Duke Ellington die grossen Aufnahmen der Dreissigerjahre: da gibt es wohl tatsächlich Passagen, in denen individueller Ausdruck von einzelnen Musikern auch in Ensembles zu hören ist – aber das liegt an der Kompositionsweise Ellingtons, der quasi nicht für Instrumente schrieb sondern „seine“ Musiker als Instrumente einsetzte – das ist allerdings wiederum ein (damals: total / später: ziemlich) einzigartiges Vorgehen … dennoch bleibt am Ende der Ausdruck derjenige von Duke Ellington. Nehmen wir Count Basie: da muss mir keiner kommen und sagen, er höre im Satz die individuelle Ausdrucksweise von Dan Minor oder Ed Lewis (who?) hören. Und nein, das ist nicht albern, das ist bloss ein Hinweis darauf, dass eine solche Diskussion vorsichtig geführt werden muss (oder sonst aus dem Kontext des Jazz-Diskurses enthoben – wie mit Kamasi Washington grossteils geschehen, aber dann kriegen die Jazzheads auch wieder Haue, weil sie die grossartige Entdeckung ignorieren, macht die Chose auch nicht angenehmer oder für alle Seiten zufriedenstellender). Dass sich das im Combo-Jazz ändert, dass ein Coleman Hawkins oder ein Roy Eldridge in den Vierzigern (oder auch ein Satchmo in den 20ern!) auch bei der Präsentation thematischen Materials Charakter zeigen konnten – gekauft (eben: da kommt dann potentiell das beleidigt sein ins Spiel … muss aber nicht!), dass das auch im Bebop und Hard Bop und erst recht im Free Jazz der Fall ist – wer könnte daran Zweifeln? Dass aber aus der Geschichte des Jazz heraus das Solo, die Improvisation (sei es die eines einzelnen Akteurs oder die gemeinsame mehrerer Akteure) eine zentrale Rolle einnimmt – das sollte wiederum so klar sein, dass ich beleidigt sein könnte, wenn jemand hier mit tut und vorgibt, das zu ignorieren.

    Mir ist klar, dass er hier um persönliche Hörgewohnheiten geht, dass dabei solche Feststellungen, Gewachsenheiten, Traditionen, Diskurse manchmal schlicht keine Relevanz haben. Aber gerade im Sinne der Diskussion, die wir ja führen, und angesichts dessen, dass hier Welt- oder Musik(an)sichten aufeinander prallen, möchte ich wie gesagt für etwas mehr Vorsicht plädieren. Nicht im Sinne davon, dass alles bitte mit Watte gebauscht werden soll, überhaupt nicht, aber im Sinne einer klaren Argumentation ist das halt nicht zu unterschätzen.

    Anyway, das Wochenende ist schon fast wieder vorbei, ich kriege das mit dem Wiederhören nicht hin, aber ich habe die beiden Fly or Die-Alben sowie das (bessere ;-) ) „An Unruly Manifesto“ von James Brandon Lewis mit branch griffbereit. Was ich auch gerne empfehlen würde – aber das wird eben wieder auf Desinteresse stossen (zu jazz?) – bzw. wozu ich auch gerne andere Ansichten hören würde, ist die Delmark-Scheibe „Just Like This“ von Keefe Jackson. Die hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel (rec. 2007, als Branch noch in Chicago war und der Name noch mit Grossbuchstaben anfing) und da hört man jaimie branch neben Josh Berman. Der ist nun auch kein Virtuose der Brillanz oder so (also nicht Nate Wooley oder gar Peter Evans), sondern im Gegenteil eher einer, denen man vom Eindruck her beschränkte Technik aber umso mehr Charme attestieren würde (meine Gedanken dazu stehen oben, das schmälert den Charme aber keineswegs) … und da, im Direktvergleich von zwei Trompetenstimmen im Rahmen einer etwas grösseren Band (Line-Up: Josh Berman, Jaimie Branch, Jeb Bishop, Nick Broste, Marc Unternährer, James Falzone, Guillermo Gregorio, Dave Rempis, Jason Stein, Anton Hatwich, Frank Rosaly) ist halt für mich auch ein eklatanter Unterschied zu hören (ist aber aus meiner Warte ein sehr hörenswertes Album, das eine Menge der jüngeren Chicagoer Leute versammelt, denen da und dort nachzusteigen auf jeden Fall lohnt, auch wenn ich das längst nicht bei allen von ihnen getan habe).

    --

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