Das Piano-Trio im Jazz

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    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

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    Kenny Werner „Work Song“ (RCA Victor) 1997 …. der Pianist/Komponist holt sich hier mit Dave Holland (b) und Jack DeJohnette (dr) zwei Grossmeister ins Team, jedoch das „Arbeitsergebnis“ überrascht mich in seiner kompakten Geschlossenheit und Dichte .. das Material stammt zum Großteil aus der Feder von Kenny Werner, das einzige Cover diese durchdacht „entsoulifizierte“ Klarsicht des Nat Adderley Gassenhauers …. gehört gehört ….

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    #12581973  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Jaki Byard Trio – Foolin‘ Myself | Zwischendurch mal wieder etwas ganz Neues: hab davon gerade das CD-Reissue aus Japan gekauft. Ein paar Tage später im August 1988 nimmt Jaki Byard in den Sound Ideas Studios in New York ein Trio-Album mit der Rhythmusgruppe seiner damaligen Big Band (auch bei Soul Note zu hören) auf, Ralph Hamperian und Richard Allen. Byard präsentiert sich als kompletter Pianist mit seiner üblichen Bandbreite von Rag und Blues, altem bis Avantgarde-Jazz und deutet an, dass er auch einiges an Klassik gehört haben dürfte. Schon in der öffnenden „Suite 27“ mit vier Teilen in fünf Minuten gibt es ungewöhnliche Klänge, wenn Byard den Flügel fast eine Harfe klingen lässt, mit gehauchten, eher gezupft als gehämmert klingenden aufgefächerten Tönen. In „Searchlight No. 2“ spielt Byard den Blues, als Closer gibt es eine Art Bossa mit freiem Intro und irre schönen Klavierpassagen, anderswo überschlagen sich Byards Linien, wie man es von frühen Aufnahmen, nicht zuletzt mit Mingus, kennt. Die Sidemen müssen auf der Hut sein, um keine Abzweigung zu verpassen, schlagen sich allerdings sehr gut (auch in den gelegentlichen Soli) – aber bleiben Sidemen, die Rollenverteilung ist klar, das erinnert diesbezüglich eher an die grossen Individualisten – Ellington, Monk, Nichols, Hasaan … und ja, auch Erroll Garner! – als an jene Pianisten, die den Dialog pflegten. Byard ist viele und die sind mit sich selbst schon genügend beschäftigt. Das Material stammt grossteils von ihm, es gibt zudem „Breath“ von Hamperian und natürlich das Titelstück, den einzigen Standard hier, die (langsame) Rag-Nummer als Klaviersolo, auch hier. Ein Ritt, der grossen Spass macht – und ein erstaunlich rundes Ganzes ergibt. Pianistik absolut auf der Höhe von Rowles – wenn gleich nicht so rund und voll in den Farben (mag teils aber auch am Studio und der Technik liegen, Byard klingt ein wenig flach und eine Spur fahl im direkten Vergleich).

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    #12581991  | PERMALINK

    soulpope
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    Karl Berger „Drinking Fire“ (Enja Records) 1992 …. nach der trefflichen Zusammenarbeit auf „Transit“ (Black Saint) in 1986 gibt es für diese Formation um Dave Holland (b) und Ed Blackwell (dr) nach 5 Jahren ein da capo …. neu ist, dass sich Karl Berger additiv auch als Pianist einbringt und dies mit beträchtlichem Können …. lange nicht mehr gehört, Kandidat für einen Dauerläufer ….

    P.S Erinnerung an mich, auch die Karl Berger + Dave Holland Scheibe „All Kinds of Time“ (Sackville) aus 1976 wieder einmal auszugraben ….

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    #12582167  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Tommy Flanagan – Jazz Poet | Vollendete Eleganz in der Nachfolge von Wilson und der ersten Bebop-Generation – mehr Haig als Powell vermutlich. Wunderbarer Sound, nuancierter Anschlag, aber auch Swing, eine Fähigkeit zur Linie, zum süffigen Spiel – mich hat das das schon im Opener „Raincheck“ wieder. Das erinnert auch daran, dass bei Flanagan die Klangwelt von Ellington/Strayhorn immer wieder anzutreffen ist, was ich auch sehr schätze. Es gibt hier noch „Caravan“, dazu diverse Klassiker wie „Lament“ von J.J. Johnson, „Willow Weep for Me“, „Glad to Be Unhappy“, den „St. Louis Blues“, das weniger bekannte „That Tired Routine Called Love“ von Matt Dennis und als Closer der LP „Mean Streets“. Die CD enthält noch zwei Stücke, „I’m Old Fashioned“ und Ivan Lins‘ „Voce abuso“. George Mraz und Kenny Washington sorgen für eine hervorragende Begleitung, zumal das ja auch wieder die traditionelle Schiene ist,

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    #12582181  | PERMALINK

    soulpope
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    Gerri Allen „Holding Court“ (Telarc) 2004 …. interessant dies nach der schon vorgenannten  Veröffentlichung von Kenny Werner zu hören …. Parallelen sind einerseits Dave Holland (b) + Jack DeJohnette (dr) und andererseits die Programmgestaltung (=der überwiegend Teil sind Eigenkompositionen) …. da Gerri Allen eine Dekade zuvor mit dem Rhythmustandem (+ Betty Carter) länger zusammenarbeitete kommt es ziemlich überraschend, dass Kenny Werner eine geschlossenere, ja  fokussierte Arbeit abliefert …. womöglich spielen auch die Eigenkompositionen eine Rolle, denn nur bei ggstdl. Track kommt ein Drive auf, der das Trio förmlich „rollen“ lässt …. eine durchaus schöne Produktion, aber gleichzeitig Spiegelbild der vergebenen Möglichkeiten ….

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    #12582201  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Don Pullen – New Beginnings | Was für ein Rausch auch hier! Cecil Taylor, Jaki Byard und Dave Burrell treffen auf Spiritual Jazz und heraus kommt etwas vollkommen Eigenes. Der Groove im Opener „Jana’s Delight“ (alles Material von Pullen) ist schon so, dass stillsitzen kaum möglich ist – und dann bricht Pullen im Diskant in diese arpeggierten Cluster aus, bleibt aber ständig im Groove. So ähnlich geht das weiter, mit einem druckvollen Bass und wuchtigen Drums, die ständig ausufern, überborden, und darin ein kongenialer Gegenpart zum Pianisten sind. Der steckt unglaublich tief im Groove, auch wenn er sich immer wieder zu unfassbaren Höhenflügen aufschwingt. Es gibt halbe Montunos, rollende Riffs, Kantiges und Fliessendes, rockige Beats und Free-Jazz-Piano über einem Walking Bass (!) – und das alles direkt miteinander, nebeneinander, übereinander, organisch verwachsen. Darauf, dass das eine Pick-Up-Band ist, die es so nur im Studio gab, würde man echt nie kommen.

    Interessant, was Michael Cuscuna in seinem „Postscript“ zum Mosaic Select von Don Pullen schreibt. Beim Blue Note/Mt. Fuji Festival 1988 spielte Pullen mit dem Adams/Pullen-Quartett (Cameron Brown, Victor Lewis). Auch das Tony Williams Quintet und das Trio von Michel Petrucciani mit Gary Peacock und Roy Haynes waren dort (ich merke erst jetzt, dass ich von Petrucciani längst auch was wieder anhören wollte). Cuscuna traf Pullen und Williams and er Bar. „Tony started talking about not seeing Gary for over 20 years and how much he’d like to play with him again […]. Out of nowhere, Don said, ‚Why don’t we make a trio record together?‘ With one passing thought, the [Pullen/Adams] quartet was no more and a new phase of Don’s career had begun. Five months later, the three men convened at A & R Studios on West 48th Street in Manhattan for New Beginnings. Don, who detested the recording process, wasn’t happy with anything that day, though he’d come to enjoy it later. Tony confided to me that he’d taken the gig just for the opportunity to play with Gary again and said, ‚I wasn’t sure what Pullen’s music was about, but he’s extraordinary. I’m glad I did this.'“ – So viel zu Kairos, den glücklichen Fügungen, wie sie im Jazz so oft zum Tragen kommen (und gerade so oft unerkannt vorbeistreichen). Die Session fand am 16. Dezember 1988 statt, David Baker hat den tollen Sound verantwortet – und auf der CD gibt es noch einen epischen Solo-Bonustrack, „Silence = Death“.

    Pullen, so Stanley Crouch in seinen Liner Notes von epischer Länge, wollte nach dem Quartett mit Adams im Trio weitermachen und darin steckt auch eine Art „Zurück zu den Anfängen“ – Crouch zitiert den Pianisten:

    Don Pullen
    I feel the need to express myself either as a solo pianist or in a trio right now. I love all the music I played with Mingus and with George, but what I’m after right now is the kind of excitement I got when I was playing with Milford Graves back in the `60s. It was the most exciting playing of my life because it was brand new. You never had any idea what was going to happen. Milford had such an original touch and sound and so much energy that it was like walking into a fire when you played with him. I have always had the urge to reach into that kind of playing again, to go into that danger zone where anything can happen. But now that I have matured more as a player, I also want to bring together all of my musical knowledge. I don’t want to leave any of my experiences in life or in music behind me. It’s just that I now hare the need to organize all of it in a way that is most satisfactory to me artistically and spiritually. That is why I chose the musicians that I did for this record, which I think is my best so far.

    Die Worte, die Pullen selbst dem Album mitgibt, sind leider immer noch brandaktuell (abgesehen vom Ozonloch, und die Metaphorik im ersten Absatz würde heute rasch als ableistisch gebrandmarkt):

    Don Pullen
    Warriors we must be in the continuing fight against the insanity of hatred, racism, homophobia, the madness that is destroying our planet and all the ills that keep our society divided. Unless seeds of peace and love are planted, changes made, a new consciousness embraced, all that can be reaped is the whirlwind.

    Silence about these issues surely equals death. The „powers that be“ are at war with nature, the ozone layer, the air we breathe, the water we drink, the trees, the grass and all the things that make life and this planet beautiful.

    Once upon a time this was not so. It does not have to be so today. We can begin anew and rededicate ourselves to peace and love and harmony.

    […]

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    soulpope
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    Wenn es in dieser „Thread Kleingruppe“ nur einen Konsens gibt so wohl jenen,  dass Gary Peacock ein fantastischer Bassist war …. quasi nicht von dieser Welt ….

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    #12582251  | PERMALINK

    soulpope
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    Michel Petrucciani „She Did It Again“ (Blue Note) 1988 …. Fakt : Gary Peacock (b) + Roy Haynes (dr) beheizen den Furor …. was für ein 🤯Groove🤯 ….

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    #12582255  | PERMALINK

    vorgarten

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    danke für den text zu dem pullen-album. auch die zitate sind interessant: wie er die sehnsucht nach harmonie und nicht-diskriminierung musikalisch mit dem wunsch verbindet, in eine „danger zone“ zu gehen, in der alles passieren kann. vielleicht, weil man den alltag eh als gefahrenzone bgreift und das als erfahrung abbilden will. mich interessiert dieser gospel-to-free-ansatz nach wie vor sehr, das hat sich ja schon als ein weg herausgestellt, den mehrere leute im jazz weitergegangen sind. dazu passt z.t. auch meine zugfahrtmusik von gestern:

    stenson, jormin, christensen, serenity (1999)

    ich habe das album wirklich mal sehr geliebt, auch noch im nachhören für die ecm-umfrage. gestern kam mir das ziemlich schal vor, anders als REFLECTIONS und WAR ORPHANS, wobei da der kunst- und amalgam-anspruch nicht so hoch war. aber stenson spielt wirklich ohne synkopen, ohne eine dringlichkeit, die es gelernt hätte, sich in einem rhythmischen zugang auszubilden; er bewegt sich mit jeder neuen einspielung weiter vom jazz weg, habe ich das gefühl (und findet dafür vielleicht etwas eigenes, werden andere sagen). natürlich ist das material spannend (z.b., dass er „mood“ vom zweiten davis-quartett ausgräbt), aber diese ganzen ECM-klaviertrios ende der 90er, anfang der nuller, lassen mich gerade eher kalt (auch bley, crispell). sowas wie das, was christensen hier macht, dieses fast a-rhythmische rumpeln, im hinteren studio-hallraum platziert, kann ich gerade gar nicht hören. wahrscheinlich aber nur eine phase ;-)

    moran, mateen, waits, the bandwagon (2002)

    das ist natürlich eine live-aufnahme, die auch tatsächlich mit dem dankbaren publikum kommuniziert und sehr viel wilder daherkommt als das, was moran sonst im studio einspielt. aber wie er mit den beiden anderen im trio kommuniziert, man nennt sowas ja gerne „telepathisch“, ist wrklich beeindruckend, weil sich ja die rhythmische eben dauernd verschiebt. dabei könnten mateen und waits einfach durchspielen (und es würde auch gut funktionieren), aber sie gehen tatsächlich mit, beschleunigen, verlangsamen, setzen mittendrin akzente gegen den beat, brechen mit aus, sind sekundenschnell im pianissimo… das ist entweder eine gemeinsame sprache oder sehr viel gemeinsames üben. das material ist nicht langweiliger als bei stenson, zwischen „body and soul“ und „planet rock“, jaki byard und brahms. aber der auftritt vermittelt auch den anarchischen spaß des proto-jazz, als all das noch nicht festgelegt war, was später formel und genre und absprache wurde, und das führt wieder in die live-situation zurück.

    allen, holland, dejohnette, the life of a song (2004)

    wenn man geri allen ernst nimmt, kommt man natürlich nicht darum herum, über ihr material nachzudenken, die komplexen ostinato-strukturen (direkt beim opener, bei „holdin‘ court“, bei dem was sie aus „dance of the infidels“ macht), die sie seit „drummer’s song“, „feed the fire“ und „in the middle“ etabliert hat und die heute die jüngeren pianist*innen nachspielen. da ist sehr viel eigenes entwickelt worden, das für sich steht. aber hier ist sie in einer neuen phase, die sich vom scharfkantigen der anfänge wegbewegt und komplexer (aber nicht unbedingt zupackender) geworden ist. dave holland begleitet das etwas zu clean in meiner wahrnehmung, aber trotzdem ist das eine spannende standortbestimmung für alle drei, die sich anfang der nuller auch noch weiterentwickelten.

    hicks, dolphin, brooks III, impressions of mary lou (1998)

    das war eine überraschung. hatte ich zufälligerweise noch auf festplatte, aber nie richtig gehört, jetzt auch ohne große erwartungen: hicks hat am ende unendlich viele alben eingespielt, dabei sich nicht mehr groß herausgefordert, war nicht gesund, hat zuviel gesoffen etc. die williams-hommage knallt da auch nicht total raus, aber sie ist doch sehr gefühlvoll arrangiert in eine richtung, die eigentlich sehr gut zeigt, was wiederum hicks als pianisten auszeichnete. der weg vom gospel um freie spiritual-jazz ist eben nicht weit, und da können pullen, allen und moran sicherlich beipflichten. hier gibt es z.b. einen „old time spiritual“, den hicks im 3/4 arrangiert hat, um seine spezifische energie darüber zu erzeugen, ohne dass man jetzt noch einen sanders oder murray als special effect bräuchte. damit bin ich noch nicht fertig.

     

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    #12582363  | PERMALINK

    soulpope
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    Richard Poole + Gary Peacock + Marilyn Crispell „Blue Streets Up and Down“ (Intakt Records) 2016 …. aufgenommen im November 2014 …. ich war neugierig auf Gary Peacock’s „Altersform“ (zum ggstdl. Zeitpunkt in seinem 80sten Lebensjahr) und wurde nicht enttäuscht …. er verkörpert hier (wie immer) Verankerung mit Ideenreichtum, Marilyn Crispell investiert eine minderexpressive, sensible Seite …. und Richard Poole ein einfühlsamer Schlagwerker …. gehört gehört ….

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    gypsy-tail-wind
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    Geri Allen, Charlie Haden, Paul Motian – In the Year of the Dragon / Segments | März und April 1989 im Sound Ideas in New York, einmal für JMT, das andere Mal für DIW. Ich höre das ähnlich wie @vorgarten: tolle Atmosphäre auf beiden Alben, aber richtig abheben kann die Musik nur beim zweiten, wo selbst in den Bebop-Stücken („Marmaduke“ und „Segment“ sind halt auch nicht die Parker-Tunes, die alle Tage gespielt werden) ungewöhnliches passiert. Da wirkt das Trio fokussierter, es kommt immer wieder auf die Essenz – selbst in der Miniatur „Home“, wo Haden unter den Marschtrommeln des Komponisten Motian den Kern findet. Motian ist überhaupt kratzbürstig hier, geht ständig gegen den Flow und trägt ihn doch mit … faszinierend. Und das ist auch wieder eine Art Rausch, aber ein stiller, fast in sich gekehrter.

    Für mich ist das alles noch zu frisch, als dass das Lieblingsalben sein könnten (nach Allens Tod gekauft und dann erstmal drei oder vier Jahre nicht angerührt, weil Todesfälle halt oft doch nicht der passende Anlass sind, etwas neu zu entdecken oder zu vertiefen – Bekanntes wieder anhören funktioniert für mich oft gut, aber Neues dazu nehmen lieber mit genug Distanz).

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    gypsy-tail-wind
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    Marilyn Crispell Trio – Live in Zurich | Rechtzeitige Erinnerung, dass es nicht nur Weisse Bassisten gibt, die super sind (Peacock, Haden, Holland) – auch Reggie Workman kann sowas, hier im freien Rahmen, zusammen mit der (weissen) Pianistin aus Woodstock und dem allseits beliebten Paul Motian. Interessant, welche Verschiebungen sich hier ergeben: Workman ist freier unterwegs und Motian im Schlepptau auch, Crispell natürlich sowieso. . Ich habe diese relativ frühen Crispell Trios erst kürzlich angeschafft und höre diese CD zum ersten Mal. Das Trio spielte laut der CD am 14. April 1989; die Taktlos-Chronologie, der ich da eher glaube, sagt 15. April, Ort wird nirgendwo angegeben, ich nehme an in der Roten Fabrik. Erschienen ist der Mitschnitt jedenfalls 1990 bei Leo Records. „Areas/Solstice“ heisst der 22minütige erste Teil, in dem Crispell zu Beginn auch etwas mitsingt. Es folgen „Night Light Beach II“, „Duets/Point in Time“, zusammen nochmal etwas länger, und dann ein kurzes „Dear Lord“ (John Coltrane) als Rubato-Ballade zum Abschluss. Die Musik ist mal dicht, mal eher karg und ruppig. Die Kompositionen stammen bis auf den Closer alle von Crispell, die betont, ihr sei „clarity of structure“ wichtig und ihre Musik nicht mit „energy music“ der Sechziger verwechselt haben will: „All my pieces have motifs and structures, some written, others organised around types of things to be played (ie a section of fast 4 time, a slow free ballad section, a collective improvisation, whatever).“ Und auch damals schon meint sie: „I think that the most energy exists in silence“ (Zitate aus den Liner Notes von Graham Lock). Ein Abend, bei dem ich gerne dabei gewesen wäre!

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    gypsy-tail-wind
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    Charlie Haden / Geri Allen / Paul Motian – The Montreal Tapes
    Charlie Haden / Paul Motian / Gonzalo Rubalcaba – The Montréal Tapes
    Charlie Haden with Paul Bley and Paul Motian – The Montreal Tapes

    Charlie Haden in der Woche seines Lebens, zumindest musikalisch gesprochen … 1. Juni 1989 mit Allen/Motian, aufgekratzt mit ausgewähltem Material, das die drei zur bisherigen Bestform auflaufen lässt, allen den Raum gibt, sich mit ihrem ganzen Können zu präsentieren, aber zugleich zum stärksten bisherigen Trio-Effort wird. Was ich hier auch wieder recht stark höre, ist das KC-Element, dieser lockere Swing, wie ihn Bennie Moten, Count Basie, Jay McShann geprägt haben – und ich mag das total, wie das Trio diese Grooves spielt, sie nie zuspielt, wie oft gar nicht wirklich soliert wird sondern wirklich gemeinsam improvisiert.

    Mit dem jungen Kubaner (*1963) hatte Haden schon 1986 ein erstes Mal gespielt. Auch am 3. Juli öffnete sich manches, verschiedene Strängen laufen nebeneinander – aber es gibt klassische, virtuose Soli vor allem von Rubalcaba, der allerdings auch zu höchster Form aufläuft. Es gibt u.a. tolle Versionen von „La Pasionaria“ und „Silence“, und zum Ausklang „Solar“, das das Jarrett Trio ein paar Monate später ebenfalls spielen sollte (zu hören auf „Tribute“). In diesem Set kommt die melodische Seite von Hadens Musik stark zum Tragen, dass er immer auch gerne Lieder spielte, Hymnen, in der frühen Zeit am ehesten mit dem Liberation Music Orchestra, später aber auch in den zahlreichen Duos (nicht zuletzt auch wieder 2005 mit Rubalcaba auf dem 2015 erschienen „Tokyo Adagio“).

    Dann der zweitletzte Abend am 7. Juli mit Paul Bley – und hier brechen nochmal ganz andere Dinge auf. Ja, eigentlich bricht hier alles auf, und es ist geradezu ein Wunder, dass nicht auch gleich alles auseinanderfliegt, so frei, wie die drei mit dem Material umspringen. Es gibt viermal Ornette (dessen Stücken Bley 1997 noch ein ganzes Trio-Album widmete), einmal Haden und Motian und in der Mitte des Konzerts die beiden Bleys in einem knapp 20minütigen Höhepunkt, „So Far so Good“ von Paul und danach das immer wieder grossartige „Ida Lupino“ von Carla in einer der besten Versionen. Das ist ein wirklich grossartiges Dokument, das in meiner Liste gerade das so halb als Platzhalter eingesetzte Album der Sechziger verdrängt.

    Aufrechnen will ich hier definitiv nichts gegeneinander – die Konzertmitschnitte, zusammen mit den weiteren, ergeben eine Art Gesamtportrait von Haden in all seinen Aspekten. Von Ornette (via Don Cherry/Ed Blackwell) über ECM (mit Egberto Gismonti) bis zum LMO, von der Avantgarde (mit Henderson und vor mit allem Bley) über den Klassizismus (mit Henderson und mit Rubalcaba) bis zum aktuellen zeitgenössischen Jazz (mit Allen). Die Leerstellen sind damit auch angedeutet: Ornette Coleman (ein Coleman/Haden/Blackwell Trio wäre sich grossartig geworden, 1989 wäre Coleman ja auch wieder in der Stimmung für sowas gewesen) und vielleicht Jan Garbarek, mit dem das Duo mit Gismonti zum „Magico“-Trio-Revival geworden wäre … ob das vielleicht sogar mal die Idee war?

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    gypsy-tail-wind Marilyn Crispell Trio – Live in Zurich | Rechtzeitige Erinnerung, dass es nicht nur Weisse Bassisten gibt, die super sind (Peacock, Haden, Holland) – auch Reggie Workman kann sowas, hier im freien Rahmen, zusammen mit der (weissen) Pianistin aus Woodstock und dem allseits beliebten Paul Motian. Interessant, welche Verschiebungen sich hier ergeben: Workman ist freier unterwegs und Motian im Schlepptau auch, Crispell natürlich sowieso. . „Areas/Solstice“ heisst der 22minütige erste Teil, in dem Crispell zu Beginn auch etwas mitsingt. Es folgen „Night Light Beach II“, „Duets/Point in Time“, zusammen nochmal etwas länger, und dann ein kurzes „Dear Lord“ (John Coltrane) als Rubato-Ballade zum Abschluss. Die Musik ist mal dicht, mal eher karg und ruppig. Die Kompositionen stammen bis auf den Closer alle von Crispell, die betont, ihr sei „clarity of structure“ wichtig und ihre Musik nicht mit „energy music“ der Sechziger verwechselt haben will: „All my pieces have motifs and structures, some written, others organised around types of things to be played (ie a section of fast 4 time, a slow free ballad section, a collective improvisation, whatever).“ Und auch damals schon meint sie: „I think that the most energy exists in silence“ (Zitate aus den Liner Notes von Graham Lock). Ein Abend, bei dem ich gerne dabei gewesen wäre!

    Durchaus schwierige Music, welche konzertant möglicherweise gesammelter transportiert …. Strukturen sind schwerlich auszumachen und dass die meisten Energie aus der Ruhe (aka Stille) kommt  würde Marilyn Crispell erst eine Dekade später in den Vordergrund stellen …. jedoch im Unterschied zu den Deinerseits genannten, „weissen Starbassisten“ gibt Reggie Workman seine Stärke – sehr „körperliches“, rhythmusbetontes, flüssiges Spiel – hier (und wiederkehrend später) auf, er ist hier kaum wiederzuerkennen und geht im mit Clustern behafteten Powerplay der Pianistin stellenweise richtiggehend unter …. dies Problem hat Paul Motian nicht ….

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    gypsy-tail-wind
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    Da hörst Du wohl ein anderes Album als ich! Ich finde Workman super und sehr präsent – er gibt nichts auf und hat keine Probleme sondern gewinnt im Gegenteil massiv dazu (wie später auch im Trio 3, das ich glücklicherweise mehrmals live sehen konnte). Ich weiss gar nicht genau, wann und wo Workman (wieder, wenn man 1961 mit Coltrane mitzählt, was man schon tun sollte) zur Avantgarde fand oder ob er da je ganz raus war. Mit Crispell hat er ja schon „Gaia“ für Leo Records gemacht, 1987 mit Doug James am Schlagzeug. Lag hier auch bereit … eigentlich wollte ich Crispell seit der ECM-Strecke mal etwas vertiefen, was auch der Anlass war, „Live in Zurich“ zu kaufen.

    Cecil Taylor Feel Trio – 2 Ts for a Lovely T | Cecil Taylor, William Parker und Tony Oxley wurden über fünf Tage, vom 27. August bis 1. September 1990, im Ronnie Scott’s mitgeschnitten, eine working band, soweit das für so eine Gruppe halt möglich war, die hervorragend abgestimmt ist. Noch in der höchsten Verdichtung bleibt die Musik des Trios transparent, durchsichtig, klar, jeder Ton, jedes Schaben, jedes Zupfen, jedes Kratzen und Klopfen ist stets hörbar. Oxley hat sein ganzen Klangarsenal dabei, Glöcklein, kleine Becken und andere Gegenstände, die er auf die Trommeln legt oder in dien Händen hält. Parker ist blitzschnell, greift ab und zu zum Bogen, manchmal nur für einen Ton oder zwei, dann für längere Passagen. Taylor ist derweil all over the piano, spielt seine 88 tuned drums von gehämmerten Akkorden in der tiefsten Lage bis zu Clustern im Diskant, mal wuchtig und hart, dann mit nahezu zärtlich hingetupften Passagen. Und in diesem ganzen Maelstrom ergeben sich auch immer wieder Momente der Ruhe – selbst in rasenden Momenten scheint manchmal alles stillzustehen. Die Sets – in der Regel ein Stück pro CD – dauern meisten etwas über 40 Minuten, das erste etwas länger, ein anderes dafür auch mal nur etwas mehr als eine halbe Stunde. Grossartige Musik!

    Ich hatte mir überlegt, Box-Sets ev. doch auch aus der Liste zu nehmen – oder nur das von Jarrett drin zu lassen … aber nein, das hier muss auch mit rein! Bin der „funny rat“-Gruppe (ein Faden auf Org, in dem sich zu Beginn die vier, fünf Leute versammelten, die Interesse an Free Jazz und zeitgenössischem Avantgarde-Jazz hatten – benannt nach dem Brötzmann/Hano-Album, das ich erst Jahre später in die Finger kriegte) auf immer dankbar, dass ich die auf 1000 Exemplare limitierte Box, die 2002 bei Codanza (das Label verzeichnet bei Discogs keine weiteren Einträge) erschien, rechtzeitig kaufte. Auch hatte ich mir überlegt, ein Set vom Anfang, eins aus der Mitte und eins vom Schluss zu hören – und das sogleich wieder verworfen. Die Box bleibt in Griffweite, jetzt mal Sets 1 und 2 und die Tage (oder ab Februar, mal schauen) dann Fortsetzung.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
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