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danke für den text zu dem pullen-album. auch die zitate sind interessant: wie er die sehnsucht nach harmonie und nicht-diskriminierung musikalisch mit dem wunsch verbindet, in eine „danger zone“ zu gehen, in der alles passieren kann. vielleicht, weil man den alltag eh als gefahrenzone bgreift und das als erfahrung abbilden will. mich interessiert dieser gospel-to-free-ansatz nach wie vor sehr, das hat sich ja schon als ein weg herausgestellt, den mehrere leute im jazz weitergegangen sind. dazu passt z.t. auch meine zugfahrtmusik von gestern:

stenson, jormin, christensen, serenity (1999)
ich habe das album wirklich mal sehr geliebt, auch noch im nachhören für die ecm-umfrage. gestern kam mir das ziemlich schal vor, anders als REFLECTIONS und WAR ORPHANS, wobei da der kunst- und amalgam-anspruch nicht so hoch war. aber stenson spielt wirklich ohne synkopen, ohne eine dringlichkeit, die es gelernt hätte, sich in einem rhythmischen zugang auszubilden; er bewegt sich mit jeder neuen einspielung weiter vom jazz weg, habe ich das gefühl (und findet dafür vielleicht etwas eigenes, werden andere sagen). natürlich ist das material spannend (z.b., dass er „mood“ vom zweiten davis-quartett ausgräbt), aber diese ganzen ECM-klaviertrios ende der 90er, anfang der nuller, lassen mich gerade eher kalt (auch bley, crispell). sowas wie das, was christensen hier macht, dieses fast a-rhythmische rumpeln, im hinteren studio-hallraum platziert, kann ich gerade gar nicht hören. wahrscheinlich aber nur eine phase

moran, mateen, waits, the bandwagon (2002)
das ist natürlich eine live-aufnahme, die auch tatsächlich mit dem dankbaren publikum kommuniziert und sehr viel wilder daherkommt als das, was moran sonst im studio einspielt. aber wie er mit den beiden anderen im trio kommuniziert, man nennt sowas ja gerne „telepathisch“, ist wrklich beeindruckend, weil sich ja die rhythmische eben dauernd verschiebt. dabei könnten mateen und waits einfach durchspielen (und es würde auch gut funktionieren), aber sie gehen tatsächlich mit, beschleunigen, verlangsamen, setzen mittendrin akzente gegen den beat, brechen mit aus, sind sekundenschnell im pianissimo… das ist entweder eine gemeinsame sprache oder sehr viel gemeinsames üben. das material ist nicht langweiliger als bei stenson, zwischen „body and soul“ und „planet rock“, jaki byard und brahms. aber der auftritt vermittelt auch den anarchischen spaß des proto-jazz, als all das noch nicht festgelegt war, was später formel und genre und absprache wurde, und das führt wieder in die live-situation zurück.

allen, holland, dejohnette, the life of a song (2004)
wenn man geri allen ernst nimmt, kommt man natürlich nicht darum herum, über ihr material nachzudenken, die komplexen ostinato-strukturen (direkt beim opener, bei „holdin‘ court“, bei dem was sie aus „dance of the infidels“ macht), die sie seit „drummer’s song“, „feed the fire“ und „in the middle“ etabliert hat und die heute die jüngeren pianist*innen nachspielen. da ist sehr viel eigenes entwickelt worden, das für sich steht. aber hier ist sie in einer neuen phase, die sich vom scharfkantigen der anfänge wegbewegt und komplexer (aber nicht unbedingt zupackender) geworden ist. dave holland begleitet das etwas zu clean in meiner wahrnehmung, aber trotzdem ist das eine spannende standortbestimmung für alle drei, die sich anfang der nuller auch noch weiterentwickelten.

hicks, dolphin, brooks III, impressions of mary lou (1998)
das war eine überraschung. hatte ich zufälligerweise noch auf festplatte, aber nie richtig gehört, jetzt auch ohne große erwartungen: hicks hat am ende unendlich viele alben eingespielt, dabei sich nicht mehr groß herausgefordert, war nicht gesund, hat zuviel gesoffen etc. die williams-hommage knallt da auch nicht total raus, aber sie ist doch sehr gefühlvoll arrangiert in eine richtung, die eigentlich sehr gut zeigt, was wiederum hicks als pianisten auszeichnete. der weg vom gospel um freie spiritual-jazz ist eben nicht weit, und da können pullen, allen und moran sicherlich beipflichten. hier gibt es z.b. einen „old time spiritual“, den hicks im 3/4 arrangiert hat, um seine spezifische energie darüber zu erzeugen, ohne dass man jetzt noch einen sanders oder murray als special effect bräuchte. damit bin ich noch nicht fertig.
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