Musik im Wandel der Zeit: Wie Musik sich verändert

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  • #11533981  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 10,883

    go1

    herr-rossiIn musikalischen Umbruchszeiten tritt die „große“ Melodie regelmäßig in der modernen populären Musik zurück, das ist die Stunde der Shouter, der Rapper, des Stakkatos, des für Uneingeweihte einförmig, unmelodisch Klingenden, da geht es um Sound, Attitüde und Worte. … In all den Jahrzehnten ist die schöne/große/ausgereifte usw. Melodie nicht gestorben, aber dort, wo es musikalisch interessant und forward thinking wurde, war sie nie so besonders wichtig.

    Klingt nach einer guten These – ich werde bei Gelegenheit mal drüber nachdenken. (Wobei „interessant“ oder „originell“ ja nicht dasselbe ist wie „gut“ – wenn es etwa um „Hyperpop“ geht – Sounddesign über alles, nach meinem Empfinden – dann bin ich raus.)

    Bin da bei Rossi. Faustregel: Rhythmus rüttelt am Bestehenden, Melodie will es erhalten.

    Highlights von Rolling-Stone.de
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    #11533983  | PERMALINK

    mozza
    Captain Fantastic

    Registriert seit: 26.06.2006

    Beiträge: 65,644

    Als Pop-Album, das sich auf Meta-Ebenen (übersteigerte Anwendung musikalischer Techniken und Motive, Thematisierung von Musik in den Lyrics) mit dem Prozess der Herstellung von Pop-Musik beschäftigt, empfehle ich euch Lil Beethoven von den Sparks. Entertainment in Extremis.

    Die beiden genialischen Mael-Brüder verkünden gar den Abschied vom Beat, wenn sie skandieren: „Auf Wiedersehen to the Beat“.
    („The Rhythm Thief“)
    :-)

    zuletzt geändert von mozza

    --

    Young, hot, sophisticated bitches with an attitude
    #11533985  | PERMALINK

    mozza
    Captain Fantastic

    Registriert seit: 26.06.2006

    Beiträge: 65,644

    wahr Bin da bei Rossi. Faustregel: Rhythmus rüttelt am Bestehenden, Melodie will es erhalten.

    Wenn ich Rossi richtig verstehe, hat er nicht per se ein „Problem“ mit Melodien oder konventionellem Songwriting.

    Bei dir bin ich mir da nicht so sicher… ;-)

    --

    Young, hot, sophisticated bitches with an attitude
    #11536801  | PERMALINK

    herr-rossi
    Moderator
    -

    Registriert seit: 15.05.2005

    Beiträge: 74,153

    TED: How music streaming transformed songwriting | Björn Ulvaeus

    „Money, money, money … in the music business, there seems to be little left for the songwriters that fuel it. ABBA co-founder Björn Ulvaeus calls for the industry to support its most valuable asset, breaking down how the streaming revolution impacts creator royalties, careers and craft – and outlines what can be done to truly thank artists for the music.“

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    #11536803  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 10,883

    mozza

    wahr Bin da bei Rossi. Faustregel: Rhythmus rüttelt am Bestehenden, Melodie will es erhalten.

    Wenn ich Rossi richtig verstehe, hat er nicht per se ein „Problem“ mit Melodien oder konventionellem Songwriting. Bei dir bin ich mir da nicht so sicher…

    Ich mag beides, brauch es aber nicht immer zwingend.

    #11536837  | PERMALINK

    stormy-monday
    verdreckter Hilfssheriff

    Registriert seit: 26.12.2007

    Beiträge: 14,565

    Danke, Rossi. Danke, Björn.

    --

    Hey! Ho! Let's GO!!!!!!
    #11537981  | PERMALINK

    jan-lustiger

    Registriert seit: 24.08.2008

    Beiträge: 10,288

    go1

    herr-rossiDas ist doch alles auch kein Phänomen, das mit Lady Gaga oder Billie Eilish Einzug gehalten hätte. Man hätte doch schon bei den Rock’n’Rollern der späten 50ern vom „Tod der Melodie“ sprechen können.

    Das hätte man tun und hätte es auch begründen können, es wäre nur etwas voreilig gewesen […]

    Das hätte man nicht nur tun können, das hat man auch getan. Als Rock’n’Roll auf den Plan trat, sah man das vor allem im Tin-Pan-Alley-Umfeld als die Zuspitzung einer jahrelangen Entwicklung, in der Songs, die sowohl in der Melodie als auch den Lyrics sehr sophisticated waren (die Cole Porter-/Irving Berlin/et al.-Tradition), an Popularität verloren und von Novelty-Nummern wie dem Nummer-Eins-Hit „The Doggie in the Window“ (1953) verdrängt wurden. Diese Songs waren one trick ponies; sie hatten meistens ein sehr prägnantes Merkmal, das sehr unsubtil und prominent in dem Track platziert wurde, bei „The Doggie in the Window“ das Hundebellen etwa. Die meisten dieser Songs betrachtet man heutzutage nicht zu Unrecht mit einem müden Lächeln (oder sogar Scham), wobei dabei gerne vergessen wird, dass in dieser Ära, der ersten Hälfte der 50er, auch ein Bewusstsein für das Studio als eigenes „Instrument“ entwickelt wurde, was heute pophistorisch etwas kurz gedacht eher in der zweiten Hälfte der 60er verortet wird. (Die Ergebnisse waren in den 60ern natürlich deutlich beeindruckender.) Rock’n’Roll sah man einfach als das nächste Novelty-Genre: Die machen etwas Krach und singen anzüglich übers Tanzen – big deal!

    Den klassischen Pop-Song (man sprach tatsächlich bereits von „popular music“ bzw „popular songs“) nach Great-American-Songbook-Vorbild hingegen betrachtete man als die über allem thronende, universelle Form populären Songwritings, und wenn man bedenkt, wieviele Jahrzehnte diese Songs eine, wenn nicht sogar die tragende Rolle in der amerikanischen Populärkultur gespielt haben (bei gleichzeitig hohen Ansprüchen an die Kompositionen selbst), ist da sicherlich auch etwas dran. Dann entwickelten Teenager plötzlich ein eigenes Profil, das in den 50ern anfing, den Musikmarkt zu dominieren, und dazu noch ein gegenkulturelles Bewusstsein, das bedeutete, dass man nicht mehr hören wollte, was Mom & Dad gut fanden. Dass Rock’n’Roll mit seiner „Körperlichkeit“ ein vielleicht sogar noch universelleres Potenzial in sich trug als clever geschriebene Standards mit tollen Melodien, verkannte man ebenso wie dass die Attitüde der Performer eine immer größere Rolle spielen würde, und Ende der 50er/Anfang der 60er wurde das Great American Songbook sozusagen endgültig geschlossen.

    Schon vorher gab es einen deutlichen Anstieg der Popularität von Country sowie Rhythm’n’Blues, die wir heute als Kerngenres der Populärmusik begreifen, aber von führenden Songwritern, Performern, Funktionären ebenfalls als B-Ware eingestuft wurden. Wie immer hatte das ganze Spiel eine materielle Komponente: Es gab zwei Verwertungsgesellschaften für Songwriter, also quasi zwei GEMAs: ASCAP und BMI. ASCAP war älter und zählte die komplette alte Great-American-Songbook-Riege sowie neue Talente in dieser Tradition zu ihren Mitgliedern. BMI war die weniger glanzvolle Variante, zu der viele Autoren und Autorinnen von Novelty-, Country-, Rock’n’Roll, Blues-Songs gehörten. Die Abwertung dieser Genres war natürlich auch einfach ein Versuch seitens der ASCAP, die eigene Marktvorherrschaft zu bewahren. Needless to say: Heute ist BMI größer als ASCAP. Alleine die Vorstellung wäre 1945 völlig absurd erschienen.

    Ein sehr interessanter Titel in dem Zusammenhang, der mehr als relevant für die hiesige Diskussion über den „Tod der Melodie“ ist, ist Nat King Coles „Mr. Cole Won’t Rock and Roll“. Der Song beginnt mit der Zeile „Once upon a time a song had melody and rhyme“, was natürlich impliziert, dass das im Rock’n’Roll nicht mehr der Fall sei. Später macht sich Cole (der den Song als Künstler der alten Schule natürlich nicht selbst geschrieben hat) direkt über Rock’n’Roll-Lyrics lustig (die Musik imitiert den Rhythmus der neuen Musik streckenweise ebenfalls): „One o’clock, two o’clock, three o’clock, rock / You gotta sing rock or you go into hock / Four o’clock, Five o’clock, six o’clock, roll / Throw away your senses and your self control“. Das mündet dann in der im Titel angekündigten Distanzierung: „But brother, I’ve got news / Mr. Cole won’t rock and roll“.

    Hier eine Live-Performance des Songs, 1960 in der Dinah Shore Show. Die Anmoderation ist bemerkenswert: „Everyone knows that America is a mixture of many different cultures. But there’s one thing that’s really and truly ours: popular music and jazz.“ Daraufhin spielen Cole und Shore einen Dialog durch, in den sie ein paar amerikanische Genres einbauen und dem Blues immerhin seinen Einfluss auf Jazz zugestehen, was dann aber alles als Hinleitung zu Coles Anti-Rock’n’Roll-Nummer, die selbst Elemente einer Rock’n’Roll-Pastiche aufweist, dient (der Song selbst beginnt dann bei 2:31):

    Und ja, voreilig war diese Verurteilung auf jeden Fall. Und die Ablehnung oft einseitig. Die Fab Four zB coverten ja nicht nur Rock’n’Roll, sondern auch den einen oder anderen Songbook-Standard.

    --

    #11538015  | PERMALINK

    krautathaus

    Registriert seit: 18.09.2004

    Beiträge: 23,098

    @jan-lustiger: Klasse, die Nat King Cole Story zum Rock’n’Roll kannte ich noch nicht.

    --

    from Monday to Friday, from Friday to Sunday
    #11538021  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 10,883

    Schöne historische Zusammenfassung, @jan-lustiger. Danke!

    #11538087  | PERMALINK

    the-imposter
    na gut

    Registriert seit: 05.04.2005

    Beiträge: 32,223

    ja, prima, danke ebenfalls

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    out of the blue
    #11538405  | PERMALINK

    herr-rossi
    Moderator
    -

    Registriert seit: 15.05.2005

    Beiträge: 74,153

    @jan-lustiger: Spannender und sehr informativer Beitrag, herzlichen Dank! Das sind Aspekte, die viel zu selten thematisiert werden. Vage wabernde Nostalgie – nicht nur – rund ums Thema Musik löst sich schnell auf, wenn man mal realistisch und faktenorientiert auf die „gute alte Zeit“ schaut.

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