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soulpope "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"Registriert seit: 02.12.2013
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gypsy-tail-wind Da hörst Du wohl ein anderes Album als ich! Ich finde Workman super und sehr präsent – er gibt nichts auf und hat keine Probleme sondern gewinnt im Gegenteil massiv dazu (wie später auch im Trio 3, das ich glücklicherweise mehrmals live sehen konnte). Ich weiss gar nicht genau, wann und wo Workman (wieder, wenn man 1961 mit Coltrane mitzählt, was man schon tun sollte) zur Avantgarde fand oder ob er da je ganz raus war. Mit Crispell hat er ja schon „Gaia“ für Leo Records gemacht, 1987 mit Doug James am Schlagzeug ….
Nein, ich höre sehr wohl das idente Album aber bezüglich Reggie Workman eben komplett konträr (da mögen auch meine konzertanten Hörerlebnisse aus den späten 70ern und den 80ern eine massgebliche Rolle spielen) 😉 …. btw er „findet zur „Avantgarde“ in Schritten, beginnend in etwa mit „Gaia“ wie Du erwähnst, bleibt aber durch die langjährige Kooperation mit Mal Waldron bis in die mitt90er auch der modalen Seite verbunden ….
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Steve Kuhn / Miroslav Vitous / Aldo Romano – Oceans in the Sky | Ich vergesse irgendwie immer wieder, wie gut dieses Album ist! Miroslav Vitous federt mir am Bass zwar manchmal etwas zu sehr herum (und ich mag selbsterklärte Grösste-Irgendwas eh nie), aber Steve Kuhn klingt wahnsinnig gut (Voicings, Klangfarben, Phrasierung) und Aldo Romano findet leichte, sehr vielseitige Beats. Das Material ist zwischen Debussy und Ellington („La plus que lente“ mit „Passion Flower“ als Samba verbunden), Dorham („Lotus Blossom“), Brubeck („In Your Own Sweet Way“ natürlich), Styne (der Closer „The Music That Makes Me Dance“), Lacey („Theme for Ernie“), Jobim („Angela“) und Lins („The Island“ zum Einstieg) ebenfalls hervorragend ausgewählt, ein paar Originals kommen dazu (das Titelstück und „Ulla“ von Kuhn, „Do“ von Romano) und das an zwei Septembertagen 1989 in Paris im Studio Ferber für Owl aufgenommene Album kriegt einen grossartigen Flow – und bei maximaler Eleganz auch sehr viel Punch. Schon fast 25 Jahre hier (Universal CD-Reissue von 2001), aber irgendwie immer wieder vergessen … gerade eine kleine, aber sehr schöne Wiederentdeckung.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
Don Pullen – Random Thoughts | Don Pullens zweiter Eintrag ins Trio-Genre, dieses Mal mit jüngeren Leuten aus dem konservativeren Umfeld der Neo-Traditionalisten – und ich bin damit in den Neunzigern angekommen, am 23. März wieder in den A & R Studios mit David Baker. James Genus hat viel Wumms, Lewis Nash wohl seinen Hip Hop gehört, aber auch einiges von Roy Haynes und anderen grossen Vorbildern verarbeitet. Das Trio funktioniert völlig anders, der Leader muss die Spannungsbögen allein meistern und greift daher zu anderen dramaturgischen Mitteln, baut klassischere Soli auf, die sich steigern, zuspitzen, in seinen typischen Clustern entladen. Die Vorbilder werden vielleicht dadurch etwas deutlicher hörbar, wenn das Titelstück wie eine Mischung aus Monk und Nichols klingt (viel Monk, aber da sind so kleine Figuren … und der Einstieg ist Solo auch: klassischer Nichols). Im Opener muss ich wieder an Dave Burrell denken, ein Jahr älter (Pullen ist hier ja bereits 48) und stellenweise mit ähnlichen Zuspitzungen oder Entgleisungen unterwegs – wobei ich bei Pullen mehr Wucht und wenig dunkel Surrealistisches höre. Dunkles schon, aber das speist sich aus anderen Quellen (Ellington, vermute ich – der erfand ja letztlich auch schon all die Noir-Strömungen, wie sie später Grachan Moncur und die Shorters oder Ran Blake entwickelten). In der Perkussivität ist Pullens Spiel auch dem von Cecil Taylor recht nah – aber Pullen bevorzugt doch einen schönen, vollen Klavierklang, wie man ihn bei Taylor nur in Solo-Aufnahmen kriegt. Wie zuvor bei Kuhn ist der Closer unbegleitet – aber hier keine Vignette sondern eine geradezu zärtliche, ausgewachsene Ballade von über acht Minuten Dauer. Das ist vom Material her vielseitig und abwechslungsreich – aber es erreicht mit dann doch weniger als „New Beginnings“ (oder die danach folgenden Räusche der African Brazilian Connection).
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
soulpope "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"Registriert seit: 02.12.2013
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Mike Melillo Trio „Bouncing with Bud“ (Red Records) 1995 …. Sergio Veschi war nicht nur nachhaltiger „Dokumentarist“ des italienischen Jazz, sondern er hatte auch eine gutes Gespür für excellente Piano Trio Aufnahmen …. hier fischte er den amerikanischen Bop Veteranen Mike Melillo aus der Versenkung und brachte den fraglos superben (wenn auch leider kaum bekannten) italienischen Bassisten Massimo Moriconi + famosen Schlagmann Giampaolo Ascolese als Beigabe …. das Thema dieser CD ist Bud Powell und erfüllt schlicht alle (meine) Wünsche …. gehört gehört ….
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"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
Myra Melford Trio – Jump | Nach einem Duo- und einem Solo-Album nimmt Myra Melford im Juni 1990 ihr drittes Album auf und findet damit zum Trio-Format, das sie in den frühen Neunzigern weiter pflegen sollte und zu dem sie jüngst 2025 zurück gekehrt ist. Mit Lindsey Horner und Reggie Nicholson hat sie zwei Leute dabei, die dunkle Ostinato-Figuren und rollende Grooves können, aber auch Höhenflüge, die gar nicht so weit von Jarrett oder tatsächlich auch mal von Pullens Verdichtungen weg scheinen. Man hört Melford auch mal laut ausrufen: „Yeah!“ – und recht hat sie! Das Material stammt bis auf Horners „The World Wears Away“ in der Mitte des Albums von Melford. Nicholson hat Chicago und die AACM (inkl. Amina Claudine Myers) im Gepäck, Horner die Juilliard (er beherrscht das Bogenspiel hervorragend). Blues, Folk (dass Horner später mit Jewels and Binoculars Dylan-Songs spielte, leuchtet auch sofort ein, wenn man ihn hier hört), Gospel, Free und die experimentelle Avantgarde finden in diesem Trio zusammen – und „Jump“ ist ein durchaus programmatischer Titel: manchmal wörtlich gemeint, manchmal im übertragenen Sinn. Nicht alles fliesst, manches ruckelt oder ist arg sperrig, doch das Trio schnürt alles zu einem Paket, das im Strom der Gezeiten dieser Stücke auf und ab springt und sich immer wieder singend, jubilierend erhebt. Eine bemerkenswerte neue Stimme – und ein Album, das ich mit anderen erst kürzlich angeschafft habe (Melford vertiefen ist ein seit der Enja- und der 90er-Strecke geplantes Unterfangen … ich müsst mir halt auch mal Zeit für sowas lassen
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tbasoulpopeWenn es in dieser „Thread Kleingruppe“ nur einen Konsens gibt so wohl jenen, dass Gary Peacock ein fantastischer Bassist war …. quasi nicht von dieser Welt ….
…may be the best ever, höre ihn hier auch überragend…


…beide alben drängen sich förmlich auf in die top 20 vorzudringen…auch wenn ich hier wie auf keinen anderen platten den gesang von jarrett in vielen momenten als störend empfinde, darf das überhaupt wegen dem gesang gerankt werden??? kann ich beide alben als complete session in einem ranken oder verzichte ich darauf, kommen sie vor changeless oder dahinter, fragen über fragen, hab sie ja erst seit dem vinyl release….glaube auch,dass der singsang im club gar nicht mal so zur geltung kam, sondern hier einfach durch die aufnahmetechnik bedingt ist, im club wäre ich zu gerne dabei gewesen…sternstunde in kleiner location, beseelt…..
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Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt!gypsy-tail-wind
Don Pullen – New Beginnings | Was für ein Rausch auch hier! Cecil Taylor, Jaki Byard und Dave Burrell treffen auf Spiritual Jazz und heraus kommt etwas vollkommen Eigenes. Der Groove im Opener „Jana’s Delight“ (alles Material von Pullen) ist schon so, dass stillsitzen kaum möglich ist – und dann bricht Pullen im Diskant in diese arpeggierten Cluster aus, bleibt aber ständig im Groove. So ähnlich geht das weiter, mit einem druckvollen Bass und wuchtigen Drums, die ständig ausufern, überborden, und darin ein kongenialer Gegenpart zum Pianisten sind. Der steckt unglaublich tief im Groove, auch wenn er sich immer wieder zu unfassbaren Höhenflügen aufschwingt. Es gibt halbe Montunos, rollende Riffs, Kantiges und Fliessendes, rockige Beats und Free-Jazz-Piano über einem Walking Bass (!) – und das alles direkt miteinander, nebeneinander, übereinander, organisch verwachsen. Darauf, dass das eine Pick-Up-Band ist, die es so nur im Studio gab, würde man echt nie kommen. Interessant, was Michael Cuscuna in seinem „Postscript“ zum Mosaic Select von Don Pullen schreibt. Beim Blue Note/Mt. Fuji Festival 1988 spielte Pullen mit dem Adams/Pullen-Quartett (Cameron Brown, Victor Lewis). Auch das Tony Williams Quintet und das Trio von Michel Petrucciani mit Gary Peacock und Roy Haynes waren dort (ich merke erst jetzt, dass ich von Petrucciani längst auch was wieder anhören wollte). Cuscuna traf Pullen und Williams and er Bar. „Tony started talking about not seeing Gary for over 20 years and how much he’d like to play with him again […]. Out of nowhere, Don said, ‚Why don’t we make a trio record together?‘ With one passing thought, the [Pullen/Adams] quartet was no more and a new phase of Don’s career had begun. Five months later, the three men convened at A & R Studios on West 48th Street in Manhattan for New Beginnings. Don, who detested the recording process, wasn’t happy with anything that day, though he’d come to enjoy it later. Tony confided to me that he’d taken the gig just for the opportunity to play with Gary again and said, ‚I wasn’t sure what Pullen’s music was about, but he’s extraordinary. I’m glad I did this.’“ – So viel zu Kairos, den glücklichen Fügungen, wie sie im Jazz so oft zum Tragen kommen (und gerade so oft unerkannt vorbeistreichen). Die Session fand am 16. Dezember 1988 statt, David Baker hat den tollen Sound verantwortet – und auf der CD gibt es noch einen epischen Solo-Bonustrack, „Silence = Death“. Pullen, so Stanley Crouch in seinen Liner Notes von epischer Länge, wollte nach dem Quartett mit Adams im Trio weitermachen und darin steckt auch eine Art „Zurück zu den Anfängen“ – Crouch zitiert den Pianisten:Don Pullen I feel the need to express myself either as a solo pianist or in a trio right now. I love all the music I played with Mingus and with George, but what I’m after right now is the kind of excitement I got when I was playing with Milford Graves back in the `60s. It was the most exciting playing of my life because it was brand new. You never had any idea what was going to happen. Milford had such an original touch and sound and so much energy that it was like walking into a fire when you played with him. I have always had the urge to reach into that kind of playing again, to go into that danger zone where anything can happen. But now that I have matured more as a player, I also want to bring together all of my musical knowledge. I don’t want to leave any of my experiences in life or in music behind me. It’s just that I now hare the need to organize all of it in a way that is most satisfactory to me artistically and spiritually. That is why I chose the musicians that I did for this record, which I think is my best so far.
Die Worte, die Pullen selbst dem Album mitgibt, sind leider immer noch brandaktuell (abgesehen vom Ozonloch, und die Metaphorik im ersten Absatz würde heute rasch als ableistisch gebrandmarkt):
Don Pullen Warriors we must be in the continuing fight against the insanity of hatred, racism, homophobia, the madness that is destroying our planet and all the ills that keep our society divided. Unless seeds of peace and love are planted, changes made, a new consciousness embraced, all that can be reaped is the whirlwind. Silence about these issues surely equals death. The „powers that be“ are at war with nature, the ozone layer, the air we breathe, the water we drink, the trees, the grass and all the things that make life and this planet beautiful. Once upon a time this was not so. It does not have to be so today. We can begin anew and rededicate ourselves to peace and love and harmony. […]
….das ist bei mir gesetzt, muss in die liste, auch wenn mir der cd-track fehlt, hab ihn auch noch nie gehört….ich seh schon von den säulenheiligen müssen doch einige alben weichen….
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Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt!
Michele Rosewoman Trio – Occasion to Rise | Die nächste aktuelle Pianistin findet im September 1990 zum Klaviertrio – an drei Tagen in den ACME Studios in Mamaroneck, NY (Rosewoman hatte dort schon „Contrast High“ aufgenommen und kehrte für weitere Alben dorthin zurück.), mit Rufus Reid und Ralph Peterson (dessen Trio mit Geri Allen ich dieses Mal überspringe, ich weiss wie toll das ist) – und eine allererste Begegnung mit dem Album, das ich in der Nachfolge unserer Enja-Strecke gekauft habe. Leider sind bei Rufus Reid die Siebziger oder Achtziger zurück, in der hohen Lage klingt er wie Steve Swallows Bassgitarre und in der Tiefe oft auch nicht viel besser – was etwas eigenartig ist, da das immerhin fürs japanische Label Somethin‘ Else produziert wurde (zwei Jahre später, 1993, in den USA bei Evidence erschienen, die Ausgabe, die ich höre). Rosewoman ist näher an der Tradition – spielt Coltranes „Lazy Bird“ als Opener, später Ellingtons „Prelude to a Kiss“, Mingus‘ „Weird Nightmare“ (toll mit Besen, zunächst gestrichenem Bass und bittersüssem Klavier zwischen Cocktail und Dissonanz), Ron Carters catchy „First Trip“ und Lee Morgans „Nite Flite“ – und Hard Bop-Einflüsse, wenn auch verklausuliert, wieder zu hören, ist nach so vielen Jahren fast ein kleiner Schock. Dazu kommen fünf Originals, die zum Teil Rosewomans Interesse an afrikanischer Musik – und wie sie via Cuba in die USA kam – spiegelt („West Africa“, der Closer, in dem Rosewoman auch eine Gankogui spielt, eine westafrikanische Doppelglocke). In einem davon, „We Are“, ist sie auch als Sängerin zu hören. Wenn ich es richtig verstehe, war das Trio damals Teil von Ralph Petersons Quartett, hatte vor den Sessions laut den Liner Notes gerade eine dreiwöchige Tour absolviert (sie war bei Peterson Allens Nachfolgerin, eine Aufnahme entstand erst 1992) – aber noch nie im Trio gespielt. Die Musik geht in viele Richtungen – Rosewoman lernte bei Ed Kelly (vgl. Pharoah Sanders) in ihrer Heimatstadt Oakland, hat Einflüsse der AACM, der BAG oder von Cecil Taylor absorbiert und eigene Wege gefunden, denen man auch ihre Berührungspunkte mit M-Base anhört (sie nahm 1987 mit Greg Osby auf, dieser, Steve Coleman, Gary Thomas, Lonnie Plaxico usw. gehörten zu ihrer Quintessence). Das ist oft recht harte Musik, rhythmisch, manchmal dicht, da und dort auch in den alten Jazz zurück schielend (im Ellington-Stück, das sie unbegleitet spielt, klingt Stride an, die Verdichtungen und Läufe erinnern ein wenig an Jaki Byard). Mir ist das vom ersten Eindruck her von allem etwas zu viel, aber interessant auf jeden Fall.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
Paul Bley/ Charlie Haden / Paul Motian – Memoirs | Ein Jahr nach Montréal im Studio in Mailand, zehn Stücke, zu viel Musik (70 Minuten), phantastischer Bass-Sound im Zentrum, tolle Stimmungen in der Auflösung aller Konventionen durch Bley und Motian, etwa in Hadens „Dark Victory“. Dieser will gerade etwas sagen, als der Photograph abdrückt – aber die Pauls haben nur Augen für die Kamera (Hans Harzheim, der die Buddies unfreundlicherweise aus leicht erhöhter Position ablichtet – und auf der Papphülle aus der Bley Box von CAM-Jazz dafür Harzhelm heisst) … ein wenig ist das vielleicht sinnbildlich für das Album, das eine Art Bley-Klassizismus zu propagieren scheint, klangschön, so elegant wie sonst eher bei eigenen Trio-Aufnahmen*. Haden ist davon unbeirrt und ist für mich beim heutigen Wiederhören oft das heimliche Herz dieser Aufnahme. In den besten Momenten driftet auch hier alles auf eine schiefe Bahn, die drei laufen nebeneinander – und doch fügt sich alles. Zum Klassizismus passt auch, dass neben Coleman („Latin Genetics“ dieses Mal) auch Monk („Monk’s Dream“) kurz vorbeischaut, die acht anderen Stücke stammen von den drei Musikern selbst (zweimal Bley, dreimal Haden bzw. Motian). Das gefällt mir schon ganz gut, aber es hat nicht dieses Vibrieren von Montreal, wo alles wie neu, wie gerade im Augenblick entdeckt wirkt. Hier wissen die drei wohl schon im Voraus, was passieren wird, bzw. sie wissen, dass es gut herauskommen wird und müssen dafür nicht ständig über Abgründe springen und auf Hochseilen balancieren.
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*) Davon machte Bley nicht zuletzt für Steeplechase eine ganze Reihe, die alle gut bis sehr gut sind – das erste, das ich habe, ist „Indian Summer“ von 1987 mit Ron McClure und Barry Altschul, spätere gibt es u.a. Alben mit Bob Cranshaw/Keith Copeland, Marc Johnson/Jeff Williams oder Jay Anderson/Victor Lewis – aber die alle wegzulassen hatte ich längst beschlossen, sonst werde ich hier echt nie fertig.--
"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba

Geri Allen / Charlie Haden / Paul Motian – Live at the Village Vanguard + Unissued Tracks | Die letzten Aufnahmen dieses Trios, 21./22. Dezember 1990 im berühmten Club in New York – und sofort öffnet sich all das wieder, was im Studio mit Bley zugegangen war. Das Trio lässt sich alle Zeit der Welt, der Einstieg ins Album ist sehr ruhig, fast kontemplativ, und „It Should Have Happened a Long Time Ago“ ist tatsächlich ein grossartiges Stück Musik, auf das hin die ersten zwei Stücke zulaufen. Eine kleine kinderliedartige Figur ist alles, was es braucht. Und danach direkt „For Turiya“, Haden, 50 Sekunden Hymnus – und auch damit ist alles gesagt. Toll finde ich auch den freien Groove in Motians „Mumbo Jumbo“, dem längsten Stück des Albums.
Die zweite Runde erschien unverhofft 2021 – und geht direkt mit dem flüssigen Monk-Stück „In Walked Bud“ los – ein weniger sperriger Einstieg. Es folgen weitere Klassiker wie „Dancing in the Dark“, „Cherokee“, „I Don’t Know What Time It Was“ (Didn’t, eigentlich) und als Closer nochmal Bud Powell mit „Dance of [the] Infidels“. Auch die Originals sind teils schon bekannt: „Fiasco“, die einzige Repertoire-Dublette zum ersten Album „Mambo Jumbo“ [Mumbo? 2021 scheint man nicht gut aufgepasst zu haben] – aber nicht Motians „Two Women from Padua“, das vom gleichen Album stammt wie das Highlight der ersten CD, das auch gleich so heisst („It Should’ve Happened a Long Time Ago“ – ECM, 1984, mit Frisell und Lovano). Als sei hier ein Gegenpol zum ersten Album programmiert worden, bleibt das Tempo über mehrere Stücke eher schnell – erst in „Fiasco“ brechen die Dinge wirklich auf: Haden rast, aber Motian verweigert sich dem Tempo und Allen navigiert gekonnt dazwischen. Hier ist wieder die offene Stimmung, die den Gig aus Montréal und die erste CD aus dem Vanguard so toll macht. In „I Didn’t Know What Time It Was“ findet das Trio einen tollen Groove, des für „Mumbo Jumbo“ beibehält und bevor das Album mit postmodernem Bebop wieder beschwingt aber auch präzis endet, kratzt und schabt Haden solo mit Bogen seinen „Song for the Whales“.
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Die Pianistin, die den Nachschlag von 2021 auswählte und programmierte, Junko Onishi (*1967), tauchte hier im Faden noch nicht auf, glaube ich … ich habe ihre Trio-Alben in der Pandemie entdeckt und darüber hinaus auch diverse jüngere Japan-Veröffentlichungen zusammengesucht. In einigen Wochen erscheint wieder ein neues Album – im Trio hat sie allerdings die letzten Jahre nur noch hie und da aufgenommen, zuletzt 2019 mit Robert Hurst/Karriem Riggins. 1994 nahm sie mit Reginald Veal und Herlin Riley selbst zwei tolle Live-Alben im Village Vanguard auf. Vermutlich überspringe ich die Trio-Alben, weil ich ihre Aufnahmen mal insgesamt etwas vertiefen möchte. Onishi hörte 1999, als ihr Mentor Jaki Byard ermordet wurde, komplett zu spielen auf – ihr Comeback 2009 nahm sie mit Yosuke Inoue/Gene Jackson auf, liess 2010 „Baroque“ folgen und machte dann bis 2016 gleich wieder Pause.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
Myra Melford Trio – Now & Now | Das Trio von Melford war im August 1991 wieder im Studio in New York und nahm das zweite Album für Enemy auf. Im Vergleich zum Vorgänger wirkt das runder, rollender, satter, weniger kantig und schroff, was sicher zum Teil mit dem Klang der beiden Alben zu tun hat. Es gibt sechs Stücke – alle von Melford – und die sind teils bis zu 11 und 12 Minuten lang. So munter und wuchtig dahinrollend wie „Shout“, der Opener, bleibt das Album nicht. Schon im „This That Way“ wird das Tempo angezogen, die Rhythmen überlagern sich, Melford bricht bald in Cluster und Arpeggien aus, improvisiert zweihändig, während Lindsey Horner und Reggie Nicholson den Beat flexibel halten. Im Gegensatz zu Rosewoman (im Trio – mit Quintessence ist da ja anders, siehe Enja-Faden) wird bei Melford der Mix nie zu bunt, sie bringt Grooves und Riffs mit dem freien Spiel organisch zusammen und ist auch nicht – wie Pullen – nur in eine Richtung (Steigerung bis zum Knall) unterwegs sonder gestaltet ihre Stücke als Achterbahnfahrten. Interessant mal wieder, diese verschiedenen Ansätze so nebeneinander zu hören. Dass Melford an Pullen und Byard erinnert, ist kein Zufall: die zwei waren ihre Lehrer. Und ihr erster Lehrer, Erwin Helfer, war ein Boogie-Woogie- und Blues-Pianist – auch das hört man manchmal. Aber all das wird durch die Brille von AACM (Threadgill war ihr Kompositionslehrer) oder Cecil Taylor dekonstruiert und neu zusammengesetzt. Ich finde das, von der späteren Melford her kommend, gerade recht überraschend: wie stark die Blues- und verklausuliert (Chicago halt) die Soul-Elemente hier reinspielen. Ich höre das hier deutlicher als beim ersten Album, das ich schon mal angehört hatte, wohingegen „Now & Now“ gerade zum ersten Mal läuft. Das Trio ist auch hier wieder stark, wohl nochmal enger zusammengewachsen, das Material vielseitig. „Ancient Airs“ ist ein sanfter Walzer, „Between Now and Then“ zunächst eine Art Rubato-Ballade, in der bald der Bass übernimmt und dann auch das Schlagzeug ein Solo kriegt. 1993 folgte noch „Alive in the House of Saints“ mit Live-Aufnahmen aus Deutschland – das kenne ich in der erweiterten Form als Doppelalbum schon länger, da es bei Hat Hut erschien und hier in den Läden verfügbar war. Vermutlich mein liebstes der drei, aber das lasse ich dann auch mal aus.
Bertha Hope habe ich auch ausgelassen – neben diversem anderem … ich glaub ich könnte meine Liste jetzt an sich abschliessen, weil ich in den Jahren ab 1990 nicht mehr mit relevanten Verschiebungen rechne. Und ob das jetzt der Moment ist, Tethered Moon (nicht drin in der Liste) wirklich zu vertiefen, bezweifle ich, da die Zeit dafür bis Ende Januar halt doch nicht reichen kann (Tage mit so viel Zeit wie die letzten zwei Wochen hab ich bis dahin vielleicht noch fünf oder sechs).
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
Tethered Moon – First Meeting | Das erste Album – verspätet 1997 veröffentlicht – von Tethered Moon geht noch heute … 20. Oktober 1990 sowie 11.–13. März 1991, The Studio, New York. Masabumi Kikuchi, Gary Peacock, Paul Motian – ein neues Dream-Team, das akustischen Jazz macht, der irgendwo zwischen dem Telegramm-Bop von Mal Waldron, offenem Avantgarde-Jazz in der Bley-Nachfolge (wo Peacock ja dabei war) und kargem Free Funk macht. Zum Einstieg in die Diskographie gibt es zwanzigminütiges Stück von Kikuchi, das gleich heisst, wie die Band, und in dem sich nach einigen Minuten ein Bass-Lick herausschält. Da wird durchaus improvisiert, aber nicht im herkömmlichen Sinn soliert. Nichts wirkt hier vorabgesprochen, alle drei sind sehr frei – und nehmen sich in der gemeinsamen Sparsamkeit auch immer wieder etwas Raum. Peacock soliert so halb, wenn er keine Riffs repetiert, Kikuchi schafft immer wieder tolle Momente, Motian betätigt sich eher klangmalerisch als rhythmisch (sowas wie die Minimal-Version von dem, was Oxley im Feel Trio macht). Da gibt es keine brillanten Läufe, Cluster oder Arpeggien, keinen Soul, keine Höhenflüge – und doch ist in der Reduktion alles da. Ein Stotter-Flow, ein minimaler Maximalismus, der bereits den Ton setzt für das, was ab 1991 folgte und dann auch zeitnah erschien. Drei Individualisten, die sich darauf verständigen, nichts so zu spielen, wie man das erwarten könnte, und darauf dann die meiste Zeit auch beharren. Wenn an zweiter Stelle Monks „Misterioso“ erklingt, ist das nur eine Behauptung. Das Stück ist ja mit seinem herumgeschobenen immergleichen Intervall schon minimalistisch, aber ist auch sogleich vergessen und das Trio spielt weiter. Es folgen ein gemeinsames „Intermezzo“ das in Cole Porters „So In Love“ übergeht, das gemeinsame Titelstück, das in „Solar“ von Miles Davis und danach in „Open Trio“ wieder von allen dreien, und als Abschluss Peacocks „P.S.“.
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Im Index ist zu dem Album zweimal der Beitrag von vorgarten verlinkt – hat sonst noch wer dazu geschrieben, vielleicht @redbeansandrice? Hab gerade alles durchgeklickt (und nach „first meet“ gesucht, ohne auch noch alles zu scrollen) … bitte um Hinweis und entschuldige mich für den Fehler.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tbaNe, zu den Winter + Winter Alben von Tethered Moon hab ich nichts geschrieben, weil ich sie auch kaum nochmal gehört, nur Tosca ein bisschen, ohne zu schreiben… An sich müsst ich da nochmal dran…
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.Okay, hab jetzt meinen Post als Link 2 hinterlegt.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
Tethered Moon – Plays Jimi Hendrix+ | Es ist wieder mal so kalt und vereist, dass ich zu Fuss statt mit dem Fahrrad ins Büro gehe … wie damals im Winter, als wir die Miles Davis-Umfrage laufen hatten, eine gute Gelegenheit, morgens etwas nachzudenken und etwas Musik zu hören. Heute dieses eine Album von Tethered Moon, das ich nur in Behelfsversion habe, aufgenommen bei zwei Konzerten in Japan im Oktober 1997. Peacock macht auf dicke Hose und gibt den Jimi in „Purple Haze“, irgendwann setzt er dann gleich ganz aus und Kikuchi und Motian machen zu zweit weiter – Musik ohne Boden. Kikuchi singt und brummt stellenweise etwa gleich viel, wie er spielt, manchmal hat man fast den Eindruck, in seinem Kopf zu stecken, wenn da seine wenigen Töne ausgedacht und unter grossem Aufwand auf das Instrument übertragen werden. Die drei suchen hier ständig Zuspitzungen und Höhepunkte – quasi das „hot“ Album von Tethered Moon. „Machine Gun“, ein herzzerreissend schönes „Little Wing“, „Castles Made of Sand“ und „Up from the Skies“ folgen, bevor das „+“ aus dem Titel, ein Kikuchi-Favorit, „Manha da carnaval“, den Abschluss macht. Das sind schon alles tolle Alben – aber, ich wiederhole mich, ich kenne sie noch nicht gut genug bzw. kein einzelnes hat bisher so eingschlagen, dass es in die Favoriten-Liste käme.
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Schlagwörter: Jazz, Piano, Piano Trio
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