Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Paul Bley/ Charlie Haden / Paul Motian – Memoirs | Ein Jahr nach Montréal im Studio in Mailand, zehn Stücke, zu viel Musik (70 Minuten), phantastischer Bass-Sound im Zentrum, tolle Stimmungen in der Auflösung aller Konventionen durch Bley und Motian, etwa in Hadens „Dark Victory“. Dieser will gerade etwas sagen, als der Photograph abdrückt – aber die Pauls haben nur Augen für die Kamera (Hans Harzheim, der die Buddies unfreundlicherweise aus leicht erhöhter Position ablichtet – und auf der Papphülle aus der Bley Box von CAM-Jazz dafür Harzhelm heisst) … ein wenig ist das vielleicht sinnbildlich für das Album, das eine Art Bley-Klassizismus zu propagieren scheint, klangschön, so elegant wie sonst eher bei eigenen Trio-Aufnahmen*. Haden ist davon unbeirrt und ist für mich beim heutigen Wiederhören oft das heimliche Herz dieser Aufnahme. In den besten Momenten driftet auch hier alles auf eine schiefe Bahn, die drei laufen nebeneinander – und doch fügt sich alles. Zum Klassizismus passt auch, dass neben Coleman („Latin Genetics“ dieses Mal) auch Monk („Monk’s Dream“) kurz vorbeischaut, die acht anderen Stücke stammen von den drei Musikern selbst (zweimal Bley, dreimal Haden bzw. Motian). Das gefällt mir schon ganz gut, aber es hat nicht dieses Vibrieren von Montreal, wo alles wie neu, wie gerade im Augenblick entdeckt wirkt. Hier wissen die drei wohl schon im Voraus, was passieren wird, bzw. sie wissen, dass es gut herauskommen wird und müssen dafür nicht ständig über Abgründe springen und auf Hochseilen balancieren.


*) Davon machte Bley nicht zuletzt für Steeplechase eine ganze Reihe, die alle gut bis sehr gut sind – das erste, das ich habe, ist „Indian Summer“ von 1987 mit Ron McClure und Barry Altschul, spätere gibt es u.a. Alben mit Bob Cranshaw/Keith Copeland, Marc Johnson/Jeff Williams oder Jay Anderson/Victor Lewis – aber die alle wegzulassen hatte ich längst beschlossen, sonst werde ich hier echt nie fertig.

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