Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

#12582705  | PERMALINK

gypsy-tail-wind
Moderator
Biomasse

Registriert seit: 25.01.2010

Beiträge: 69,788

Michele Rosewoman Trio – Occasion to Rise | Die nächste aktuelle Pianistin findet im September 1990 zum Klaviertrio – an drei Tagen in den ACME Studios in Mamaroneck, NY (Rosewoman hatte dort schon „Contrast High“ aufgenommen und kehrte für weitere Alben dorthin zurück.), mit Rufus Reid und Ralph Peterson (dessen Trio mit Geri Allen ich dieses Mal überspringe, ich weiss wie toll das ist) – und eine allererste Begegnung mit dem Album, das ich in der Nachfolge unserer Enja-Strecke gekauft habe. Leider sind bei Rufus Reid die Siebziger oder Achtziger zurück, in der hohen Lage klingt er wie Steve Swallows Bassgitarre und in der Tiefe oft auch nicht viel besser – was etwas eigenartig ist, da das immerhin fürs japanische Label Somethin‘ Else produziert wurde (zwei Jahre später, 1993, in den USA bei Evidence erschienen, die Ausgabe, die ich höre). Rosewoman ist näher an der Tradition – spielt Coltranes „Lazy Bird“ als Opener, später Ellingtons „Prelude to a Kiss“, Mingus‘ „Weird Nightmare“ (toll mit Besen, zunächst gestrichenem Bass und bittersüssem Klavier zwischen Cocktail und Dissonanz), Ron Carters catchy „First Trip“ und Lee Morgans „Nite Flite“ – und Hard Bop-Einflüsse, wenn auch verklausuliert, wieder zu hören, ist nach so vielen Jahren fast ein kleiner Schock. Dazu kommen fünf Originals, die zum Teil Rosewomans Interesse an afrikanischer Musik – und wie sie via Cuba in die USA kam – spiegelt („West Africa“, der Closer, in dem Rosewoman auch eine Gankogui spielt, eine westafrikanische Doppelglocke). In einem davon, „We Are“, ist sie auch als Sängerin zu hören. Wenn ich es richtig verstehe, war das Trio damals Teil von Ralph Petersons Quartett, hatte vor den Sessions laut den Liner Notes gerade eine dreiwöchige Tour absolviert (sie war bei Peterson Allens Nachfolgerin, eine Aufnahme entstand erst 1992) – aber noch nie im Trio gespielt. Die Musik geht in viele Richtungen – Rosewoman lernte bei Ed Kelly (vgl. Pharoah Sanders) in ihrer Heimatstadt Oakland, hat Einflüsse der AACM, der BAG oder von Cecil Taylor absorbiert und eigene Wege gefunden, denen man auch ihre Berührungspunkte mit M-Base anhört (sie nahm 1987 mit Greg Osby auf, dieser, Steve Coleman, Gary Thomas, Lonnie Plaxico usw. gehörten zu ihrer Quintessence). Das ist oft recht harte Musik, rhythmisch, manchmal dicht, da und dort auch in den alten Jazz zurück schielend (im Ellington-Stück, das sie unbegleitet spielt, klingt Stride an, die Verdichtungen und Läufe erinnern ein wenig an Jaki Byard). Mir ist das vom ersten Eindruck her von allem etwas zu viel, aber interessant auf jeden Fall.

--

"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba