Umfrage: Die 20 besten Tracks von Die Ärzte

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  • #12597161  | PERMALINK

    punchline
    he can still do it

    Registriert seit: 15.12.2019

    Beiträge: 4,970

    Wo ist Mozza? Das müsste doch auch was für ihn sein.

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    never change a running system
    Highlights von Rolling-Stone.de
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    #12597669  | PERMALINK

    cloudy

    Registriert seit: 09.07.2015

    Beiträge: 11,714

    1. Westerland
    2. Zu spät
    3. Junge
    4. Lasse redn
    5. M & F
    6. Schrei nach Liebe
    7. Männer sind Schweine
    8. Ohne dich
    9. Ein Song namens Schunder
    10. El Cattivo
    11. Mysteryland
    12. 2000 Mädchen
    13. Du willst mich küssen
    14. Teenager Liebe
    15. Alleine in der Nacht
    16. Popstar
    17. Radio brennt
    18. Bitte Bitte
    19. Buddy Holly´s Brille
    20. Blumen

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    schnief schnief di schneuf
    #12597821  | PERMALINK

    jan-lustiger

    Registriert seit: 24.08.2008

    Beiträge: 11,556

    Die nächste Liste stammt von @mahoney, der sich bis hierhin wohl die größten Chancen auf den Dissenshorst ausrechnen dürfte. Kein „Schrei nach Liebe“, kein „Westerland“, 13 Songs, die nie in irgendeiner Form als Single erschienen sind und, was mich besonders freut: Das Debüt der nicht regulär im Handel erhältlichen 5, 6, 7, 8 – Bullenstaat! (2001), auf der Die Ärzte auf 24 Tracks in 21 Minuten so ziemlich alles liebevoll durch den Kakao ziehen, was man an Deutschpunk lieben oder hassen kann.

    Die Liste konzentriert sich auf die 80er- und 90er-Jahre, nach 2001 hat es kein Track mehr in die Liste geschafft. Ich zähle 15 Farin-Nummern, 4 von Bela (bisheriger Rekord) sowie mit „3-Tage-Bart“ (Le Frisur, 1996) eine Co-Komposition der beiden. Ebenfalls ein First: Die Nummer Eins stammt mit „Der Graf“ (13, 1998) ebenfalls von Bela. Bei diesem Fan-Favoriten handelt es sich um den wohl schönsten Felsenheimer-Take auf den Graf-Dracula-Stoff, mit dem der große Horrorfan schon seit den Anfangstagen der Ärzte geliebäugelt hat. „Der Graf“ ist ein Abgesang auf den Mythos des einst so mächtig erscheinenden Wesens, das keine Kinder mehr erschrecken und keine Jungfrauen mehr bezirzen kann – letzteres aus „Angst vor HIV“, wie später im Text verraten wird. Dieser Gegenwartsbezug ist insofern ein Geniestreich, als dass der Verweis auf die harte Realität der Moderne der Horrorfigur ihre Naivität und damit ein Stück weit auch die Unschuld nimmt – was sich auf dem Papier erstmal wie ein Widerspruch liest. Auch die Musik balanciert, passend dazu, elegant zwischen melancholisch und heavy. In diesem Sinne: Hier kommt „Der Graf“ (Musik & Text: Bela B. Felsenheimer).

    Und weil ich nicht weiß, wie oft ich dazu noch die Gelegenheit bekomme, hier mit „Elektrobier“ (Musik: Bela B. Felsenheimer, Rodrigo González, Farin Urlaub / Text: Bela B. Felsenheimer) noch eine Nummer von der 5, 6, 7, 8 – Bullenstaat!.

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    #12598041  | PERMALINK

    jan-lustiger

    Registriert seit: 24.08.2008

    Beiträge: 11,556

    Eine sehr 90er-lastige Liste schickt @fordprefect ins Rennen. Alleine von den ersten beiden Alben nach der Reunion, Die Bestie in Menschengestalt (1993) und Planet Punk (1995), finden sich jeweils fünf Titel im Ranking. Immerhin sechs Titel stammen aus den 80ern, aus dem 21. Jahrhundert hat es einzig die Geräusch-Hitsingle „Unrockbar“ von 2003 unter die ersten 20 geschafft.

    Die Liste hat eine ganz schöne Mischung aus Hits und Album-Cuts. Von den weniger häufig genannten Titeln fallen mir vor allem „Deutschrockgirl“ (Die Bestie in Menschengestalt, 1993) – Textauszug: „Weil Kunzes Hund ein Baby biss / hat dich noch nie ein Mann geküsst“) -, „Straight Outta Bückeburg“ aus der zu oft vernachlässigten Le Frisur (1996) und die aberwitzige Latin-Nummer „Meine Ex(plodierte Freundin)“ (Planet Punk, 1995) auf, letztere sicherlich ein Fan-Favorit abseits der großen Klassiker. Mit „Vermissen, Baby!“ (ebenfalls Planet Punk) befindet sich nun außerdem der dritte „Rod-Song“ im Rennen, ein Punkkracher vor dem Herrn, in dem sich der verlassene Machotyp nach und nach als absoluter Vollpfosten enttarnt.

    Auf der Nummer eins befindet sich dann auch eine Nummer, die absolut Sinn macht, wenn man den Generationshinweis des Listenerstellers (musikalisch sozialisiert in den 90ern, auch mit der besten Band der Welt) in seinem Post beachtet. Denn kaum ein anderer Ärzte-Song schreit so sehr „Gen X“ wie „Kopfüber in die Hölle“ (Musik: Farin Urlaub / Text: Bela B. Felsenheimer, Farin Urlaub) von Die Bestie in Menschengestalt (1993). „Revolution, wir wollten weg von der Masse / Kopfüber in die Hölle und zurück / Heute stehst du bei Hertie an der Kasse / Da ist keine Sehnsucht mehr in deinem Blick“. Das gegenkulturelle Aufbegehren der Jugend weicht einem desillusioniertem Leben „im System“, der Protagonist weint der Vergangenheit hinterher – was natürlich auch mit einem Verlust an Unschuld und Aufbegehren einhergeht. Die Zeile „Heute stehst du bei Hertie an der Kasse“ wurde übrigens bei der Neuaufnahme für die Veröffentlichung als Doppel-A-Seite einer Single gemeinsam mit „Quark“ sowie bei allen folgenden Liveauftritten durch „Heute stehst du für alles, was ich hasse“ ersetzt, nachdem sich ein paar Fans über die mangelnde Sensibilität der Zeile beschwert hatten. Anyway, hier ist der Song, live in Bremen im Jahr 1995:

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    #12598195  | PERMALINK

    firecracker

    Registriert seit: 18.01.2003

    Beiträge: 14,242

    cloudy

    1. Westerland
    2. Zu spät
    3. Junge
    4. Lasse redn

    Der muss natürlich auch in die Top 10. ♡ Lief letztens (vor einigen Monaten) früh morgens auf NDR 2, was mich sehr freute. Habe den Track dann im Kunstunterricht in Klasse 4 gespielt, aber die Kids waren nicht so richtig begeistert. Banausen! (In letzter Zeit wühlt mich NDR 2 morgens zu sehr auf, sodass ich NDR 90.3 höre; aber die spielen zu selten „Westerland“ – andere Lieder gar nicht, glaube ich)

    So wie 1 bis 3.

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    Dirty, dirty feet from the concert in the grass / I wanted to believe that freedom there could last (Willy Mason)
    #12598205  | PERMALINK

    mozza
    Captain Fantastic

    Registriert seit: 26.06.2006

    Beiträge: 84,347

    firecracker Habe den Track dann im Kunstunterricht in Klasse 4 gespielt, aber die Kids waren nicht so richtig begeistert. Banausen!

    Musik im Kunstunterricht? Dann aber auch Kunst im Musikunterricht, oder wie oder was?
    Interdisziplinärer Ansatz. Respekt. Heutzutage ist man eigentlich schon froh, wenn die Kinder bzw. Jugendlichen ein Fach zur selben Zeit verstehen.  :scratch:

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    when there's nothing left to burn, you have to set yourself on fire
    #12598247  | PERMALINK

    gipetto
    Funk 'n' Punk

    Registriert seit: 04.02.2015

    Beiträge: 14,681

    Mal schauen, ob ich hier eine Liste beisteuern kann. Alles nach Die Bestie… hat mir nicht mehr gefallen und der frühe Stoff ist teilweise schlecht gealtert, wie ich seit ein paar Tagen feststellen muss. Das beste Album für mich war, ist und bleibt wohl auch Im Schatten der Ärzte.

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    "Really good music isn't just to be heard, you know. It's almost like a hallucination." (Iggy Pop)
    #12598275  | PERMALINK

    talkinghead2

    Registriert seit: 12.12.2019

    Beiträge: 5,506

    gipettoMal schauen, ob ich hier eine Liste beisteuern kann. Alles nach Die Bestie… hat mir nicht mehr gefallen und der frühe Stoff ist teilweise schlecht gealtert, wie ich seit ein paar Tagen feststellen muss. Das beste Album für mich war, ist und bleibt wohl auch Im Schatten der Ärzte.

    Hm, wann ist dein nächster Termin beim Ohrenarzt?

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    Das Leben als Pensionär ist einfach nur geil!
    #12598281  | PERMALINK

    mozza
    Captain Fantastic

    Registriert seit: 26.06.2006

    Beiträge: 84,347

    punchlineWo ist Mozza? Das müsste doch auch was für ihn sein.

    Ich bin hier.

    Kenne zu wenig von den Ärzten. Da kann ich keine seriöse Liste beisteuern.
    Hoffentlich schaffe ich noch die Bob Seger – Liste, da ist Abgabeschluss am Wochenende.

    zuletzt geändert von mozza

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    when there's nothing left to burn, you have to set yourself on fire
    #12598645  | PERMALINK

    jan-lustiger

    Registriert seit: 24.08.2008

    Beiträge: 11,556

    @lysol liefert eine stark 80s- und noch stärker Farin-Urlaub-lastige Liste ab. Inklusive kleinem Gag am Anfang: Auf „Mädchen“ (Debil, 1984) folgt „Junge“ (Jazz ist anders, 2007). Und danach? Zahlreiche Tracks aus den Sahnie-Jahren, zehn insgesamt, davon fallen vier auf die Debüt-LP Debil (1984), drei auf die Debüt-EP Zu schön, um wahr zu sein! (1983), zwei auf Zweit-LP Im Schatten der Ärzte (1985) und eine auf Zweit-EP Uns geht’s prima… (1984). Aus späteren Jahren ist einzig Geräusch (2003) mit zwei Tracks vertreten. Neben Single-Hit „Unrockbar“ hat es noch der Fan-Favorit „Jag Älskar Sverige!“, Farin Urlaubs absurde Hommage an Schweden, in die Liste geschafft.

    Unter den ungewöhnlicheren Nennungen findet sich tatsächlich eine Single – und zwar eine sträflichst unterschätzte, wenn ihr mich fragt. Der einzige Bela-Song – neben seinen Kompositionsanteilen an „Schrei nach Liebe“ (Die Bestie in Menschengestalt, 1993), „Radio brennt“ (Ist das alles? 13 Höhepunkte mit den Ärzten, Compilation 1987) und „Madonnas Dickdarm“ (Live: Nach uns die Sintflut, 1988) – ist „Goldenes Handwerk“ (Musik/Text: Bela B. Felsenheimer), das 1998 nach dem Über-Hit „Männer sind Schweine“ als zweite Single aus der 13 ausgekoppelt wurde. Der herrlich selbstironische Country-Track über das Schlagzeugerdasein – mit Knut Bewersdorff von Truck Stop als Gastmusiker an der Steel-Guitar – war eine ungewöhnliche Wahl und hinterließ im Gegensatz zum Vorgänger keine sonderlich großen Spuren in den Charts. Nach Veröffentlichung des Titels kamen wohl jahrelang Drummer auf Bela B. zu, die sich für das liebevolle Porträt ihrer Zunft bedankten. Besonders schöner musikalischer Gag: Der verhunzte, weil viel zu hektisch gespielte, Drum-Break nach dem ersten Refrain.

    Auch die Nummer Eins dieser Liste sei an dieser Stelle noch angebracht. „Mädchen“ (Musik/Text: Farin Urlaub) ist ein schönes Beispiel für den ungemeinen Pop-Appeal der frühen Ärzte und eines der Highlights der an Highlights sicherlich nicht armen Debil. Im angehängten Video performt die Originalbesetzung der Ärzte das Stück live fürs deutsche Fernsehen – in Römerkostümen, weil halt. Zu den weiteren musikalischen Gästen gehörte der heute in Ungnade gefallene Gary Glitter, von dem sich Glam-Rock-Fan Bela in voller Montage ein Autogramm holte. „Nice costume“, soll Glitter bei dem Anblick gesagt haben.

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    #12598787  | PERMALINK

    jan-lustiger

    Registriert seit: 24.08.2008

    Beiträge: 11,556

    Eine weitere Liste, die das Ergebnis mehr in die von mir erwartete Richtung drücken dürfte – ich dachte nämlich, dass das hier eine deutlich 80er-lastigere Geschichte werden würde, als dann die ersten Listen vermuten ließen – kommt von @toolshed71. Von „Junge“ (Jazz ist anders, 2007) als Spitzenreiter sollte man sich nicht irritieren lassen: 14 Tracks stammen aus der Gründungsdekade der Ärzte, davon fünf von Debil (1984) und vier von Die Ärzte (1986).

    13 der Songs der Liste hat Farin Urlaub alleine geschrieben, Bela B. tritt insgesamt sechsmal als Songwriter auf, davon vier mal in Kooperationen (drei mit Farin und eine mit Farin und – Achtung, Seltenheit – Zweitbassist Hagen Liebing). Die beiden reinen Bela-Nummern befinden sich beide auf Die Ärzte und gehören auch für mich zu den Felsenheimer’schen 80s-Highlights: „Ist das alles?“ – in den 80ern wohl der Bela-Song schlechthin – und „Alleine in der Nacht“. Der fehlende letzte Credit lautet Urlaub/Runge – damit ist jeder Arzt mit Ausnahme von Rod als Komponist vertreten. @lysol hat dieses Kunststück ebenfalls bereits vollbracht.

    Bei der von der kompletten DÄ-Formation der späten 80er komponierten Nummer handelt es sich um „Madonnas Dickdarm“ (Musik: Farin Urlaub / Text: Bela B. Felsenheimer, Hagen Liebing, Farin Urlaub), das 1988 als exklusive Nummer für die Abschiedstour Die beste Band der Welt! komponiert wurde und dementsprechend seine Erstveröffentlichung auf dem Doppel-Live-Album Live: Nach uns die Sintflut! (1988) erlebte, bei der es sich um den ersten Longplayer der besten Band der Welt handelt, der es auf den ersten Platz der Charts schaffte. Die knackige Pop-Punk-Nummer glänzt mit absurdem Humor, der dadurch, dass eine Textstelle mitten im Song und ohne jeden Bezug zum Rest der Lyrics aus Friedrich Schillers „Das Lied von der Glocke“ entnommen ist, endgültig auf die Spitze getrieben wird. Eine Studioversion gibt es nicht, live erfreute sich der Song aber lange reger Beliebtheit. Hier gibt es die Nummer live auf der Abschiedstour 1988 (Die Jahresangabe im Videotitel ist falsch), politisch inkorrekte Ansage inklusive:

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    #12598809  | PERMALINK

    jan-lustiger

    Registriert seit: 24.08.2008

    Beiträge: 11,556

    Das erste Konzert der besten Band der Welt fand am 26. September 1982 in einer Kneipe in einem besetzten Haus in Kreuzberg statt. Die Punk-Credentials des Ortes, dem Besetzereck, dürften also kaum in Frage stehen. Hervorragend zu diesem historischen Anlass passen tut er aber nicht deswegen, weil die frühen Ärzte musikalisch so unglaublich viel punkiger gewesen wären als die spätere Chart-Band, wie es ihnen gerne mal vorgeworfen wird. Viel mehr passt das so wunderbar, weil sich Die Ärzte mit ihrer Gründung, und angelegt im Bandkonzept, auf Konfrontationskurs mit der Szene begaben, die sie hervorgebracht hatte. Der Ort gab der Bandgeschichte also von Anfang an die Reibung, die sie so interessant machen würde.

    Als Soilent Grün in den letzten Atemzügen lagen, beschlossen Dirk Felsenheimer und Jan Vetter nämlich, dass sie sich zwar vom bierernsten Polit-Punk, dem sich so viele ihrer Szenegefährten zugewandt hatten, distanzieren, aber auch nicht zur nächsten ein Sauflied nach dem nächsten schmetternden Fun-Punk-Band werden wollten. Stattdessen einigten sie sich auf das Konzept: „Wir imitieren Popstars!“ Oder wie Dirk es später formulierte: „Wir entwickelten eine Gegenhaltung zur Gegenhaltung.“ Ganz von ihren Wurzeln wandten sich Die Ärzte aber auch nicht ab, wie Dirk weiter verdeutlicht: „Die Buzzcocks und The Undertones brachten uns einfach besser durch den Tag als all der negative Kram.“ Punk-fremde Einflüsse bezogen Die Ärzte von den von Jan verehrten Beatles, Dirks Vorliebe für Glam und frühen Goth-Rock sowie einer geteilten Liebe für die amerikanische Popmusik aus den 50ern, von Buddy Holly bis zu Dion & The Belmonts, zu deren bekanntesten Hits eine Nummer namens „A Teenager in Love“ gehörte… Auch die Comedian Harmonists haben Farin und Bela als Vorbild für die erste Phase ihrer Karriere benannt.

    Mit dem von der befreundeten Band Frau Suurbier rekrutierten Bassisten Hans Runge stellten sich Die Ärzte also vor ein Szenepublikum in einem besetzten Haus in Kreuzberg und verkündeten, dass man es hier mit einer waschechten Popband zu tun habe. „Ich weiß noch, dass ich angespuckt wurde“, erinnert sich Dirk in Das Buch Ä an den Gig zurück. „Ich hab dem Typen dann von der Bühne zugerufen, dass seine Freundin ein Poster von mir über dem Bett hat. Da war er sprachlos.“ Einige der Songs, die an diesem Abend gemeinsam mit der Band Premiere feierten: „Teenager Liebe“, „Vollmilch“, „Zitroneneis“ und „Teddybär“.

    Ihre Tonträger-Premiere feierten Die Ärzte auf einem Sampler, auf dem sie ebenfalls aus der Reihe fielen, obwohl es sich um eine reine Fun-Punk-Veröffentlichung handelte. Der Titel Ein Vollrausch in Stereo: 20 schäumende Stimmungshits ist Programm. Die Bands Die Panzerknacker AG, Frau Suurbier, Die Zapfhahnjodler, DTJ (Deutsche Trinkerjugend) und Tangobrüder lieferten allesamt spaßigen Sauf-Punk, während Die Ärzte über Essen („Zitroneneis“ und in „Zum Bäcker“, einer Nazi-Verarsche mit Marschrhythmus über die Vorliebe des r-rollenden Protagonisten zu Backwaren) und „Vollmilch“. Bei den Tangobrüdern handelt es sich übrigens um Campino und Kuddel von den Toten Hosen, die extra nach Berlin reisten, um ihren Beitrag aufzunehmen.

    Da Dirk, Jan und Hans sich dazu entschlossen, sich mit der Veröffentlichung ihrer ersten Songs auch bei der GEMA anzumelden, war die Zeit gekommen, sich Künstlernamen zu suchen. Aus Jan Vetter, der schon in jungen Jahren einen ausgeprägten Hang zu langen Reisen hatte, wurde Farin Urlaub, Dirk Felsenheimer huldigte Vampirdarsteller Bela Lugosi und Fred-Feuerstein-Sidekick Barney Geröllheimer (eine Zeitlang ein Spitzname Belas wegen der Verwandtschaft der Nachnamen) und wurde zu Bela B., und Hans Runge beging mit seinem Namen die erste von zahlreichen Spitzen in Richtung Düsseldorf: Nachdem er sich offiziell Sahnie getauft hatte, warf er auf Konzerten mit Sahnebonbons um sich, um Campinos Gewohnheit, selbiges mit den gleichnamigen Bonbons zu tun, hochzunehmen.

    Ein Vollrausch in Stereo erschien 1983 bei dem Indie-Label Vielklang, das im selben Jahr auch den ersten alleinigen Ärzte-Tonträger auf den Markt bringen sollte. Zu schön, um wahr zu sein! setzte sich aus „Teenager-Liebe“, „Anneliese Schmidt“, „Grace Kelly“ und „Teddybär“ zusammen. Die EP ist ein ungeschliffener Pop-Diamant, und meiner Meinung nach einer der besten, wenn nicht sogar der beste, Tonträger in deutscher Sprache. Ein viel besseres Debüt hätten Bela, Farin und Sahnie jedenfalls kaum hinlegen können, um zu verdeutlichen, dass hier die Geburtsstunde eines ganz besonderen Pop-Phänomens zu hören ist.

    Die dunkle Seite der Ärzte kitzelte eine Anfrage des britischen Senders Channel 4 aus den Ärzten hervor. Der damals in Berlin umtriebige britische Musiker und Produzent Mark Reeder schlug dem Sender für einen Bericht über die West-Berliner Musikszene unter anderem Die Ärzte vor. Die Ärzte glaubten, dem britischen Publikum etwas bieten zu müssen, was sie auch verstehen würden, gleichzeitig wollten sie ihr Bandkonzept nicht verbiegen und einen englischsprachigen Song schreiben. Also schrieben sie ein sarkastisches Liebeslied über eine deutsche Persönlichkeit, die auch jede Brite kannte: Führer-Gattin Eva Braun. Unter Fans umstritten, handelt es sich hier meiner Meinung nach um eine hervorragende Dekonstruktion der Gemeinsamkeiten von Faschismus und Massenkultur mitsamt bissiger musikalischer Details wie dem im Stile eines „yeah yeah yeah“ gesungenen „heil heil heil“ Backing-Chors. Als sie bei einem Auftritt allerdings einen Naziskin seinen rechten Arm während des Stücks heben sahen, war das selbst für Die Ärzte zu viel des Schlechten. Die Intention des Songs war eine andere, aber dieses Publikum zu bedienen, wollten sie auf gar keinen Fall riskieren – und „Eva Braun“ flog aus dem Set. Erst 2019 wurde das schwarzhumorige Stück auf der Demos- und Obskures-Compilation They’ve Given Me Schrott!: Die Outtakes veröffentlicht.

    Hier, diese Bandphase abschließend eingebunden, ist ein Ausschnitt aus dem von Mark Reeder erzählten Dokumentarfilm B-Movie: Lust und Sound in West-Berlin 1979-89 mitsamt des Ärzte-Teils der Channel-4-Sendung: einem Interview mit Farin Urlaub, gefolgt von einer Playback-Performance von „Eva Braun“. In jedem Fall ein sehenswertes Stück Zeitgeschichte – der Ausschnitt als auch die ganze Doku.

    zuletzt geändert von jan-lustiger

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    #12598843  | PERMALINK

    the-imposter
    na gut

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    Beiträge: 38,742

    jan-lustiger

    .. Zu schön, um wahr zu sein! setzte sich aus „Teenager-Liebe“, „Anneliese Schmidt“, „Grace Kelly“ und „Teddybär“ zusammen. Die EP ist ein ungeschliffener Pop-Diamant, und meiner Meinung nach einer der besten, wenn nicht sogar der beste, Tonträger in deutscher Sprache. Ein viel besseres Debüt hätten Bela, Farin und Sahnie jedenfalls kaum hinlegen können, um zu verdeutlichen, dass hier die Geburtsstunde eines ganz besonderen Pop-Phänomens zu hören ist. ..

    bei Teenager Liebe hat dem Imposter seine Schwester mitgewirkt (so um 2:20 rum bei den Oh ohs ist sie deutlich zu hören)

    ich glaub bei Grace Kelly und / oder Anneliese Schmidt war sie auch irgendwie im Background dabei, das weiss ich aber nicht mehr so genau

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    out of the blue
    #12599421  | PERMALINK

    jan-lustiger

    Registriert seit: 24.08.2008

    Beiträge: 11,556

    Man muss wahrlich kein Experte sein, um zu wissen, dass bei den Ärzten Ironie ein zentraler Teil des Konzepts ist. Die vielleicht größte und folgenreichste Ironie der Bandgeschichte haben sich die Berliner aber nicht selbst ausgedacht. Dass sie es 1984, als bei einem Indie-Label unter Vertrag stehende Band ohne LP oder geschweige denn Chart-Hits, in die Bravo schafften, war vielleicht Schicksal, mindestens aber ein glücklicher Zufall. Der Punk-affine Redakteur Uli Weissbrod, der für das Blatt bereits The Undertones auf Tour begleitet hatte, wird während des Sommerlochs in Abwesenheit des eigentlichen Chefredakteurs zum Stellvertreter ernannt – und nutzt die Gelegenheit, um mit den Ärzten eine seiner Lieblingsbands ins Heft zu hieven. Neben einer Besprechung ihrer zweiten Vielklang-EP Uns geht’s prima… gab es einen richtigen Artikel – und die Berliner Punks, die sich für Popstars ausgaben, fanden sich plötzlich tatsächlich in Deutschlands Teenie-Magazin Nummer 1 wieder.

    Die Folgen: Ausverkaufsvorwürfe und Jugendliche, die im Garten des Hauses campten, in dem sich Belas Wohnung befand. Der Grund: Nicht mit dieser Art der Aufmerksamkeit rechnend, hatten Die Ärzte in den Liner Notes der Zu schön, um wahr zu sein!-EP Belas Adresse als Kontaktmöglichkeit angegeben. „Es war völlig absurd“, erinnert sich Farin im Buch Ä zurück. „Wir waren berühmter als wir erfolgreich waren.“ Mit dem Bravo-Artikel und der Veröffentlichung der Uns geht’s prima… stieg das öffentliche Profil der Ärzte immens und erste Majorlabel bekundeten Interesse, so auch die EMI, bei der auch Die Toten Hosen unter Vertrag standen – sehr zu deren Missfallen.

    Zu den wildesten Geschichten dieser wilden frühen Anfangsjahre in der Geschichte von Deutschlands bekanntesten Punkbands gehört sicherlich der Moment, als ein alkoholisierter Campino nach einem Ärzte-Konzert backstage verkündete, dass es zwei Ärzte brauchen würde, um es mit ihm aufzunehmen – worauf sich Bela und Sahnie auf ihn stürzten. Die Hassliebe Ärzte/Hosen wird später nochmal Thema sein. Zu einer Keilerei auf der Bühne kam es indes in Bremen, als ein Punker, der Die Ärzte und speziell Farin nicht ausstehen konnte, nicht aufhörte, Farin während des Gigs zu stören und mit Bier zu bespritzen, worauf der kurzerhand zu der Milchtüte griff, die er, in Anspielung auf den DÄ-Song „Vollmilch“ auf der Bühne statt Bier trank, und den Inhalt genüsslich über den langen, sorgsam aufgestellten Irokesen des Störenfrieds ausgoss. Der stürmte daraufhin die Bühne… Bilder des Gerangels gibt es in der Ärzte-Biographie Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf. Gleichzeitig taten Die Ärzte ihre ersten Schritte im Fernsehen. Das Ergebnis: ein völlig absurder Auftritt in der Show Showstart mit Playback-Vorführungen von „Der lustige Astronaut“ und „Teenager Liebe“, mitsamt Interview, geführt von Jürgen von der Lippe, dem die freche Art der Newcomer wohl sofort sympathisch war. Der ganze Auftritt ist der Welt glücklicherweise erhalten geblieben:

    Schließlich unterschrieben Die Ärzte beim Majorlabel CBS. Wie im Fall der Bravo ging das Interesse nicht von oberster Etage aus, sondern von einem Punk-interessierten Mitglied der A&R-Abteilung des Labels. Die Chefabteilung sollte sich nie wirklich mit den Ärzten anfreunden, stimmte aber letzten Endes zu, weil Die Ärzte sie nicht viel kosten. Die Debüt-LP Debil wird in einer Woche und mit wenig Drumrum aufgenommen und erscheint im November 1984. Die erste Single „Paul“ erscheint im Winter – völlig unpassend zum Text über einen zweifelhaften Bademeister im Freibad – und versinkt im Nichts. Mehr Aufmerksamkeit erhält 1985 „Zu spät“, das in einer neuen Version als Single erscheint. Die Ärzte befanden sich auf dem Weg in den deutschen Pop-Olymp. Was sollte da schon noch schiefgehen? Zum Abschluss, hier noch ein Fernsehbeitrag aus dem Jahr 1985, mit „Zu spät“ (LP-Version), „Mädchen“ und viel Quatsch.

    zuletzt geändert von jan-lustiger

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    #12599465  | PERMALINK

    cycleandale
    ALEoholic

    Registriert seit: 05.08.2010

    Beiträge: 10,970

    @jan-lustiger

    Ich hab es ja nicht so sehr mit den Ärzten, aber es macht viel Spaß all das hier zu lesen.  :-)

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    l'enfer c'est les autres...
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