Antwort auf: Umfrage: Die 20 besten Tracks von Die Ärzte

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jan-lustiger

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Man muss wahrlich kein Experte sein, um zu wissen, dass bei den Ärzten Ironie ein zentraler Teil des Konzepts ist. Die vielleicht größte und folgenreichste Ironie der Bandgeschichte haben sich die Berliner aber nicht selbst ausgedacht. Dass sie es 1984, als bei einem Indie-Label unter Vertrag stehende Band ohne LP oder geschweige denn Chart-Hits, in die Bravo schafften, war vielleicht Schicksal, mindestens aber ein glücklicher Zufall. Der Punk-affine Redakteur Uli Weissbrod, der für das Blatt bereits The Undertones auf Tour begleitet hatte, wird während des Sommerlochs in Abwesenheit des eigentlichen Chefredakteurs zum Stellvertreter ernannt – und nutzt die Gelegenheit, um mit den Ärzten eine seiner Lieblingsbands ins Heft zu hieven. Neben einer Besprechung ihrer zweiten Vielklang-EP Uns geht’s prima… gab es einen richtigen Artikel – und die Berliner Punks, die sich für Popstars ausgaben, fanden sich plötzlich tatsächlich in Deutschlands Teenie-Magazin Nummer 1 wieder.

Die Folgen: Ausverkaufsvorwürfe und Jugendliche, die im Garten des Hauses campten, in dem sich Belas Wohnung befand. Der Grund: Nicht mit dieser Art der Aufmerksamkeit rechnend, hatten Die Ärzte in den Liner Notes der Zu schön, um wahr zu sein!-EP Belas Adresse als Kontaktmöglichkeit angegeben. „Es war völlig absurd“, erinnert sich Farin im Buch Ä zurück. „Wir waren berühmter als wir erfolgreich waren.“ Mit dem Bravo-Artikel und der Veröffentlichung der Uns geht’s prima… stieg das öffentliche Profil der Ärzte immens und erste Majorlabel bekundeten Interesse, so auch die EMI, bei der auch Die Toten Hosen unter Vertrag standen – sehr zu deren Missfallen.

Zu den wildesten Geschichten dieser wilden frühen Anfangsjahre in der Geschichte von Deutschlands bekanntesten Punkbands gehört sicherlich der Moment, als ein alkoholisierter Campino nach einem Ärzte-Konzert backstage verkündete, dass es zwei Ärzte brauchen würde, um es mit ihm aufzunehmen – worauf sich Bela und Sahnie auf ihn stürzten. Die Hassliebe Ärzte/Hosen wird später nochmal Thema sein. Zu einer Keilerei auf der Bühne kam es indes in Bremen, als ein Punker, der Die Ärzte und speziell Farin nicht ausstehen konnte, nicht aufhörte, Farin während des Gigs zu stören und mit Bier zu bespritzen, worauf der kurzerhand zu der Milchtüte griff, die er, in Anspielung auf den DÄ-Song „Vollmilch“ auf der Bühne statt Bier trank, und den Inhalt genüsslich über den langen, sorgsam aufgestellten Irokesen des Störenfrieds ausgoss. Der stürmte daraufhin die Bühne… Bilder des Gerangels gibt es in der Ärzte-Biographie Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf. Gleichzeitig taten Die Ärzte ihre ersten Schritte im Fernsehen. Das Ergebnis: ein völlig absurder Auftritt in der Show Showstart mit Playback-Vorführungen von „Der lustige Astronaut“ und „Teenager Liebe“, mitsamt Interview, geführt von Jürgen von der Lippe, dem die freche Art der Newcomer wohl sofort sympathisch war. Der ganze Auftritt ist der Welt glücklicherweise erhalten geblieben:

Schließlich unterschrieben Die Ärzte beim Majorlabel CBS. Wie im Fall der Bravo ging das Interesse nicht von oberster Etage aus, sondern von einem Punk-interessierten Mitglied der A&R-Abteilung des Labels. Die Chefabteilung sollte sich nie wirklich mit den Ärzten anfreunden, stimmte aber letzten Endes zu, weil Die Ärzte sie nicht viel kosten. Die Debüt-LP Debil wird in einer Woche und mit wenig Drumrum aufgenommen und erscheint im November 1984. Die erste Single „Paul“ erscheint im Winter – völlig unpassend zum Text über einen zweifelhaften Bademeister im Freibad – und versinkt im Nichts. Mehr Aufmerksamkeit erhält 1985 „Zu spät“, das in einer neuen Version als Single erscheint. Die Ärzte befanden sich auf dem Weg in den deutschen Pop-Olymp. Was sollte da schon noch schiefgehen? Zum Abschluss, hier noch ein Fernsehbeitrag aus dem Jahr 1985, mit „Zu spät“ (LP-Version), „Mädchen“ und viel Quatsch.

zuletzt geändert von jan-lustiger

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