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Das erste Konzert der besten Band der Welt fand am 26. September 1982 in einer Kneipe in einem besetzten Haus in Kreuzberg statt. Die Punk-Credentials des Ortes, dem Besetzereck, dürften also kaum in Frage stehen. Hervorragend zu diesem historischen Anlass passen tut er aber nicht deswegen, weil die frühen Ärzte musikalisch so unglaublich viel punkiger gewesen wären als die spätere Chart-Band, wie es ihnen gerne mal vorgeworfen wird. Viel mehr passt das so wunderbar, weil sich Die Ärzte mit ihrer Gründung, und angelegt im Bandkonzept, auf Konfrontationskurs mit der Szene begaben, die sie hervorgebracht hatte. Der Ort gab der Bandgeschichte also von Anfang an die Reibung, die sie so interessant machen würde.
Als Soilent Grün in den letzten Atemzügen lagen, beschlossen Dirk Felsenheimer und Jan Vetter nämlich, dass sie sich zwar vom bierernsten Polit-Punk, dem sich so viele ihrer Szenegefährten zugewandt hatten, distanzieren, aber auch nicht zur nächsten ein Sauflied nach dem nächsten schmetternden Fun-Punk-Band werden wollten. Stattdessen einigten sie sich auf das Konzept: „Wir imitieren Popstars!“ Oder wie Dirk es später formulierte: „Wir entwickelten eine Gegenhaltung zur Gegenhaltung.“ Ganz von ihren Wurzeln wandten sich Die Ärzte aber auch nicht ab, wie Dirk weiter verdeutlicht: „Die Buzzcocks und The Undertones brachten uns einfach besser durch den Tag als all der negative Kram.“ Punk-fremde Einflüsse bezogen Die Ärzte von den von Jan verehrten Beatles, Dirks Vorliebe für Glam und frühen Goth-Rock sowie einer geteilten Liebe für die amerikanische Popmusik aus den 50ern, von Buddy Holly bis zu Dion & The Belmonts, zu deren bekanntesten Hits eine Nummer namens „A Teenager in Love“ gehörte… Auch die Comedian Harmonists haben Farin und Bela als Vorbild für die erste Phase ihrer Karriere benannt.
Mit dem von der befreundeten Band Frau Suurbier rekrutierten Bassisten Hans Runge stellten sich Die Ärzte also vor ein Szenepublikum in einem besetzten Haus in Kreuzberg und verkündeten, dass man es hier mit einer waschechten Popband zu tun habe. „Ich weiß noch, dass ich angespuckt wurde“, erinnert sich Dirk in Das Buch Ä an den Gig zurück. „Ich hab dem Typen dann von der Bühne zugerufen, dass seine Freundin ein Poster von mir über dem Bett hat. Da war er sprachlos.“ Einige der Songs, die an diesem Abend gemeinsam mit der Band Premiere feierten: „Teenager Liebe“, „Vollmilch“, „Zitroneneis“ und „Teddybär“.
Ihre Tonträger-Premiere feierten Die Ärzte auf einem Sampler, auf dem sie ebenfalls aus der Reihe fielen, obwohl es sich um eine reine Fun-Punk-Veröffentlichung handelte. Der Titel Ein Vollrausch in Stereo: 20 schäumende Stimmungshits ist Programm. Die Bands Die Panzerknacker AG, Frau Suurbier, Die Zapfhahnjodler, DTJ (Deutsche Trinkerjugend) und Tangobrüder lieferten allesamt spaßigen Sauf-Punk, während Die Ärzte über Essen („Zitroneneis“ und in „Zum Bäcker“, einer Nazi-Verarsche mit Marschrhythmus über die Vorliebe des r-rollenden Protagonisten zu Backwaren) und „Vollmilch“. Bei den Tangobrüdern handelt es sich übrigens um Campino und Kuddel von den Toten Hosen, die extra nach Berlin reisten, um ihren Beitrag aufzunehmen.
Da Dirk, Jan und Hans sich dazu entschlossen, sich mit der Veröffentlichung ihrer ersten Songs auch bei der GEMA anzumelden, war die Zeit gekommen, sich Künstlernamen zu suchen. Aus Jan Vetter, der schon in jungen Jahren einen ausgeprägten Hang zu langen Reisen hatte, wurde Farin Urlaub, Dirk Felsenheimer huldigte Vampirdarsteller Bela Lugosi und Fred-Feuerstein-Sidekick Barney Geröllheimer (eine Zeitlang ein Spitzname Belas wegen der Verwandtschaft der Nachnamen) und wurde zu Bela B., und Hans Runge beging mit seinem Namen die erste von zahlreichen Spitzen in Richtung Düsseldorf: Nachdem er sich offiziell Sahnie getauft hatte, warf er auf Konzerten mit Sahnebonbons um sich, um Campinos Gewohnheit, selbiges mit den gleichnamigen Bonbons zu tun, hochzunehmen.
Ein Vollrausch in Stereo erschien 1983 bei dem Indie-Label Vielklang, das im selben Jahr auch den ersten alleinigen Ärzte-Tonträger auf den Markt bringen sollte. Zu schön, um wahr zu sein! setzte sich aus „Teenager-Liebe“, „Anneliese Schmidt“, „Grace Kelly“ und „Teddybär“ zusammen. Die EP ist ein ungeschliffener Pop-Diamant, und meiner Meinung nach einer der besten, wenn nicht sogar der beste, Tonträger in deutscher Sprache. Ein viel besseres Debüt hätten Bela, Farin und Sahnie jedenfalls kaum hinlegen können, um zu verdeutlichen, dass hier die Geburtsstunde eines ganz besonderen Pop-Phänomens zu hören ist.
Die dunkle Seite der Ärzte kitzelte eine Anfrage des britischen Senders Channel 4 aus den Ärzten hervor. Der damals in Berlin umtriebige britische Musiker und Produzent Mark Reeder schlug dem Sender für einen Bericht über die West-Berliner Musikszene unter anderem Die Ärzte vor. Die Ärzte glaubten, dem britischen Publikum etwas bieten zu müssen, was sie auch verstehen würden, gleichzeitig wollten sie ihr Bandkonzept nicht verbiegen und einen englischsprachigen Song schreiben. Also schrieben sie ein sarkastisches Liebeslied über eine deutsche Persönlichkeit, die auch jede Brite kannte: Führer-Gattin Eva Braun. Unter Fans umstritten, handelt es sich hier meiner Meinung nach um eine hervorragende Dekonstruktion der Gemeinsamkeiten von Faschismus und Massenkultur mitsamt bissiger musikalischer Details wie dem im Stile eines „yeah yeah yeah“ gesungenen „heil heil heil“ Backing-Chors. Als sie bei einem Auftritt allerdings einen Naziskin seinen rechten Arm während des Stücks heben sahen, war das selbst für Die Ärzte zu viel des Schlechten. Die Intention des Songs war eine andere, aber dieses Publikum zu bedienen, wollten sie auf gar keinen Fall riskieren – und „Eva Braun“ flog aus dem Set. Erst 2019 wurde das schwarzhumorige Stück auf der Demos- und Obskures-Compilation They’ve Given Me Schrott!: Die Outtakes veröffentlicht.
Hier, diese Bandphase abschließend eingebunden, ist ein Ausschnitt aus dem von Mark Reeder erzählten Dokumentarfilm B-Movie: Lust und Sound in West-Berlin 1979-89 mitsamt des Ärzte-Teils der Channel-4-Sendung: einem Interview mit Farin Urlaub, gefolgt von einer Playback-Performance von „Eva Braun“. In jedem Fall ein sehenswertes Stück Zeitgeschichte – der Ausschnitt als auch die ganze Doku.
zuletzt geändert von jan-lustiger--