Lesefrüchte

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  • #10495511  | PERMALINK

    Anonym
    Inaktiv

    Registriert seit: 01.01.1970

    Beiträge: 0

    Vergänglichkeit

    Betrachte die Dinge

    die aus Ursachen zusammengesetzt sind

    wie einen funkelnden Stern

    wie ein Phantasieprodukt

    das man aufgrund einer Augenkrankheit sieht

    wie das flackernde Licht einer Butterlampe

    wie eine magische Täuschung

    wie Tau, Seifenblasen, Träume

    Blitze oder Wolken.

    (Sutra des Diamantschleifers)

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    Highlights von Rolling-Stone.de
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    #10514279  | PERMALINK

    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

    Beiträge: 4,592

    „Es gibt natürlich auch Journalist_innen, die sich tatsächlich nicht für ihr Gegenüber interessieren. Ihnen ist ihr eigener Witz, ihre Respektlosigkeit und Selbstinszenierung und teils auch die Demontage ihres Gegenübers wichtiger, als die Aufgabe, ihren Leser_innen einen so ausgewogenen Text zu liefern, dass die sich mit dessen Hilfe ein eigenes Bild von den Porträtierten machen können. Das mag in Klatsch- und Satireblättern oder -rubriken sehr gefragt sein; für lebendige, dreidimensionale Porträts taugt diese Haltung nicht. Es kann Sie natürlich niemand dazu zwingen, sich für eine Person zu interessieren. Doch wenn Sie tatsächlich kein Interesse an jemandem haben, sollten Sie sich fragen, ob Sie die richtige Person für dieses Porträt oder sogar generell fürs Porträtschreiben sind.“

    https://www.birtevogel.de/portraets-schreiben-ihre-haltung-6/

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    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
    #10584637  | PERMALINK

    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

    Beiträge: 4,592

    „Der Massenmensch findet sich vollkommen. Der hervorragende Mensch muss, um sich vollkommen zu finden, ausgesprochen eitel sein. Die Überzeugung von seiner Vollkommenheit ist ein Fremdkörper in seinem Wesen; sie ist nicht ursprünglich in ihm, sondern ein Produkt seiner Eitelkeit und trägt sogar für ihn selbst einen vorgetäuschten, scheinhaften und fragwürdigen Charakter. Darum braucht der Eitle die anderen, damit sie ihm die Meinung, die er gern von sich selber hätte, bestätigen. So daß der Edle auch in diesem krankhaften Fall, auch verblendet durch Eitelkeit, nicht zum rechten Glauben an seine Vollkommenheit gelangen kann. Dem mittelmäßigen Menschen unserer Tage, dem neuen Adam, dagegen fällt es nicht ein, an seiner Gottähnlichkeit zu zweifeln. Sein Selbstvertrauen ist paradiesisch wie Adams; es hindert ihn daran, sich mit anderen zu vergleichen, was die erste Bedingung für die Entdeckung seiner Unzulänglichkeit wäre. Er müßte dazu eine Weile aus seinem eigenen Leben hinaus- und in das seines Nächsten hinüberwandern. Aber die gemeine Seele versteht sich nicht auf Seelenwanderungen – den sublimsten Sport.

    Wir haben es hier mit demselben Unterschied zu tun, der seit Ewigkeiten den Narren vom Weisen trennt. Dieser ertappt sich selbst immer zwei Finger breit von einer Torheit; darum bemüht er sich, der ständig lauernden zu entkommen, und in dieser Bemühung liegt seine Klugheit. Der Einfältige aber ist ohne Arg gegen sich selbst; er dünkt sich gewaltig gescheit, und daher die beneidenswerte Genügsamkeit, mit der sich Beschränkte in ihrer eigenen Geistesarmut zur Ruhe setzen. Wie jene Insekten, die man auf keine Weise aus ihren Löchern ausräuchern kann, läßt sich der Dumme nicht aus seiner Dummheit werfen; unmöglich, ihn ein Weilchen ohne Scheuklappen umherzuführen und ihn zu zwingen, daß er sein dumpfes Weltbild mit anderen feineren Arten des Sehens zusammenhält. Dummheit ist lebenslänglich und hoffnungslos. Darum meinte Anatole France, sie sei verhängnisvoller als Bosheit; denn Bosheit setzt manchmal aus, Dummheit nie. [1]

    Nicht daß der Massenmensch dumm wäre. Im Gegenteil, der gegenwärtige ist gescheiter, hat größere intellektuelle Fähigkeiten als irgendeiner in der Vergangenheit. Aber diese Fähigkeiten helfen ihm nicht; im Grunde hilft ihm das undeutliche Bewußtsein ihres Besitzes nur dazu, daß er sich noch hermetischer in sich verschließt und sie erst recht nicht gebraucht. Den Wust von Gemeinplätzen, Vorurteilen, Gedankenfetzen oder schlechtweg leeren Worten, den der Zufall in ihm aufgehäuft hat, spricht ein für allemal heilig und probiert mit einer Unverfrorenheit, die sich nur durch ihre Naivität erklärt, diesem Unwesen überall Geltung zu verschaffen. Das ist es, was ich im ersten Kapitel als das Kennzeichen unserer Epoche hinstellte: nicht daß der gewöhnliche Mensch glaubt, er sei außerordentlich und nicht gewöhnlich, sondern daß er das Recht auf Gewöhnlichkeit und die Gewöhnlichkeit als Recht proklamiert und durchsetzt.

    Nichts an der gegenwärtigen Situation ist so neu und unvergleichbar mit irgendeinem Geschehen der Vergangenheit wie die Herrschaft, welche die geistige Plebs heute im öffentlichen Leben ausübt. In der europäischen Geschichte wenigstens hat sich bis zum heutigen Tag das Volk noch niemals eingebildet, „Ideen“ über irgend etwas zu haben. Es hatte Glaubenslehre, Überlieferungen, Erfahrungen, Sprichwörter, Denkgewohnheiten; aber es dünkte sich nicht im Besitz theoretischer Einsichten in das Sein oder Sollsein der Dinge – in Politik etwa oder Literatur. Was der Politiker plante oder tat, erschien ihm gut oder schlecht; es stimmte für oder gegen; aber es beschränkte sich darauf, im einen oder anderen Sinn den Resonanzboden für die schöpferische Tat anderer abzugeben. Den „Ideen“ des Politikers seine eigenen gegenüberzustellen, ja sie auch nur vor das Tribunal anderer „Ideen“ zu ziehen, die es zu besitzen glaubte, wäre ihm niemals eingefallen. Und ebenso in der Kunst und den übrigen Ordnungen des öffentlichen Lebens. Ein angeborenes Gefühl für seine Begrenztheit, seine Uneignung zu theoretischem Denken hinderte es daran. [2] Die selbstverständliche Folge war, daß das Volk auch nicht entfernt daran dachte, auf irgendeinem Gebiet der öffentlichen Tätigkeiten, die größtenteils theoretischer Art sind, Entscheidungen zu treffen.

    Heute dagegen hat der Durchschnittsmensch die deutlichsten Vorstellungen von allem, was in der Welt geschieht und zu geschehen hat. Dadurch ist ihm der Gebrauch des Gehörs abhanden gekommen. Wozu hören, wenn er schon alles, was not tut, selber weiß? Es ist nicht mehr an der Zeit zu lauschen, sondern zu urteilen, zu befinden, zu entscheiden. Im öffentlichen Leben gibt es keine Frage, in die er sich, taub und blind wie er ist, nicht einmischte, seine Ansichten durchsetzend.

    Aber ist das nicht ein Vorteil? Bedeutet es nicht einen gewaltigen Fortschritt, wenn die Massen „Ideen“ haben, das heißt gebildet sind? Ganz und gar nicht. Die „Ideen“ dieses durchschnittlichen Menschen sind keine echten Ideen, noch ist ihr Besitz Bildung. Die Idee ist ein Schach, das man der Wahrheit bietet. Wer Ideen haben will, muß zuerst die Wahrheit wollen und sich die Spielregeln aneignen, die sie auferlegt. Es geht nicht an, von Ideen oder Meinungen zu reden, wenn man keine Instanz anerkennt, welche über sie zu Gericht sitzt, keine Normen, auf welche man sich in der Diskussion berufen kann. Diese Normen sind die Grundlagen der Kultur. Es kommt mir nicht auf ihren Inhalt an. Was ich sagen will, ist, daß es keine Kultur gibt, wenn es keine Normen gibt, auf die wir und unsere Gegner zurückgreifen können. Es gibt keine Kultur, wenn es keine Prinzipien des bürgerlichen Rechts gibt. Es gibt keine Kultur, wenn es keine Ehrfurcht vor gewissen Grundwahrheiten der Erkenntnis gibt. [3] Es gibt keine Kultur, wo die wirtschaftlichen Beziehungen von keiner Verkehrsordnung beherrscht werden, unter deren Schutz man sich stellen kann. Es gibt keine Kultur, wo ästhetische Polemiken es nicht für notwendig erachten, das Kunstwerk zu rechtfertigen.

    Wo dies alles fehlt, gibt es keine Kultur: es herrscht im genauesten Sinn des Wortes Barbarei. Und Barbarei ist es, geben wir uns keinen Täuschungen hin, die dank der zunehmenden Aufsässigkeit der Massen in Europa anzubrechen droht. Der Reisende, der in ein barbarisches Land kommt, weiß, daß dort keine Bindungen gelten, auf die er sich verlassen kann. Barbarische Normen im eigentlichen Verstand gibt es nicht. Barbarei ist die Abwesenheit von Normen und Berufungsinstanzen.

    Der Grad der Kultur bemißt sich nach der Genauigkeit der Normen. Wo sie gering ist, ordnen sie das Leben nur im Groben; wo sie groß ist, durchdringen sie bis ins einzelne die Ausübung aller Lebensfunktionen. [4]

    Niemand kann sich dem Eindruck entziehen, daß in Europa seit Jahren seltsame Dinge vor sich gehen. Als greifbares Beispiel möchte ich gewisse politische Bewegungen wie den Syndikalismus und den Faschismus nennen. Man sage nicht, daß sie seltsam erscheinen, einfach weil sie neu sind. Die Begeisterung für das Neue ist dem Europäer in solchem Maße eingeboren, daß er sich das bewegteste von allen historischen Schicksalen bereitet hat. Wenn also diese neuen Begebenheiten sonderbar anmuten, ist es nicht, weil sie neu, sondern weil sie höchst befremdlich geartet sind. Unter den Marken des Syndikalismus und Faschismus erscheint zum ersten Mal in Europa ein Menschentypus, der darauf verzichtet, Gründe anzugeben und Recht zu haben, der sich schlechtweg entschlossen zeigt, seine Meinung durchzusetzen. Das ist neu: das Recht darauf, nicht recht zu haben, Grundlosigkeit als Grund. Die neue Einstellung der Masse manifestiert sich nach meiner Meinung am sinnfälligsten in ihrem Anspruch, die Gesellschaft zu führen, ohne dazu fähig zu sein. Aber wenn die Struktur der neuen Seele auch nirgends so grob und unverhüllt zutage tritt wie in ihrem politischen Gebaren, der Schlüssel liegt doch in ihrer geistigen Absperrung. Der durchschnittliche Mensch entdeckt „Gedanken“ in sich, aber er kann nicht denken. Er ahnt nicht einmal, wie scharf und rein die Luft ist, in der Gedanken leben. Er will „meinen“, aber er will die Bedingungen und Voraussetzungen alles Meinens nicht anerkennen. Darum sind seine Gedanken in Wahrheit nur Triebe in logischer Verkleidung.

    Man ist nur dann im Besitz einer Idee, wenn man im Besitz ihrer Gründe zu sein glaubt, wenn man demnach an Begründbarkeit überhaupt, an die Existenz eines Reiches einsichtiger Wahrheiten, glaubt. Es gibt kein Denken noch Meinen, das nicht an eine solche Instanz appelliert, sich ihr beugt, ihren Kodex und Wahrspruch anerkennt und also die überlegenste Form menschlicher Beziehungen in dem Zwiegespräch sieht, in dem die Vernunftgründe unserer Gedanken erwogen werden. Aber der Massenmensch wäre verloren, wenn er sich in Diskussionen einließe; instinktiv schreckt er zurück vor der Nötigung, diese höchste objektive Instanz anzuerkennen. Das Neueste in Europa ist es daher, „mit den Diskussionen Schluß zu machen“, und man verabscheut jede Form geistigen Verkehrs, die, vom Gespräch über das Parlament bis zur Wissenschaft, ihrem Wesen nach Ehrfurcht vor objektiven Normen voraussetzt. Das heißt, man verzichtet auf ein kultiviertes Zusammenleben, das ein Zusammenleben unter Normen ist, und fällt in eine barbarische Gemeinschaft zurück. Der Massenmensch verachtet alle normalen Zwischenstufen und schreitet unmittelbar zur Durchsetzung seiner Wünsche. Die Unzugänglichkeit seiner Seele, die ihn, wie wir sahen, anstachelt, sich in alle öffentlichen Angelegenheiten zu mischen, führte ihn auch unausweichlich zu einem einzigen Interventionsverfahren: der „direkten Aktion“.

    Wenn man später einmal die Anfänge unserer Zeit zu rekonstruieren versucht, wird man finden, daß die ersten Takte ihrer eigentümlichen Melodie um 1900 bei jenen syndikalistischen und realistischen Gruppen in Frankreich erklangen, die das Wort und die Sache der „action directe“ erfanden. Der Mensch hat immer wieder seine Zuflucht zur Gewalt genommen; zuweilen war dieser Rekurs schlechthin ein Verbrechen und geht uns nichts an. Aber zuweilen war die Gewalt das Mittel, zu dem er griff, wenn vorher alle anderen versagt hatten. Man mag es beklagen, daß die menschliche Natur gelegentlich zu Gewalttaten führt; aber sind sie nicht im Grunde die schönste Ehrenbezeugung vor Vernunft und Gerechtigkeit? Denn was ist Gewalt anders als Vernunft, die verzweifelt; als „ultima ratio“? Törichterweise ist diese Wendung, die doch die vorangegangene Unterwerfung der Gewalt unter die Norm der Vernunft sehr gut veranschaulicht, meist ironisch verstanden worden. Zivilisation ist der Versuch, die Gewalt zur ultima ratio zu machen. Das wird uns jetzt nur allzu klar, denn die direkte Aktion dreht die Ordnung um und proklamiert die Gewalt als prima ratio, genauer als unica ratio. Sie ist die Norm, die jede Norm aufhebt, die alle Zwischenglieder zwischen unserem Vorsatz und seiner Durchführung ausschaltet. Sie ist die Magna Charta der Barbarei.

    Wir erinnern daran, daß die Masse, sooft sie aus diesem oder jenem Grund handelnd in das öffentliche Leben eingriff, es in Form der direkten Aktion getan hat, die also immer die natürliche Art des Vorgehens für sie war. Und die These dieses Buches wird kräftig durch die offenkundige Tatsache gestützt, daß gerade jetzt, da die Führung des öffentlichen Lebens durch die Massen aus einem zufälligen und gelegentlichen zum gewöhnlichen Zustand geworden ist, die direkte Aktion von Rechts wegen und als anerkannte Norm auf der Szene erscheint.

    Die neue Ordnung, welche die vermittelnden Instanzen unterdrückt, ergreift schon das ganze Gemeinschaftsleben. Der gesellige Verkehr verzichtet auf die gute Erziehung. Literatur als direkte Aktion besteht aus Schmähungen. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern vereinfachen ihre Präliminarien.

    Verhandlungen, Normen, Höflichkeit, Rücksichten, Gerechtigkeit, Vernunft! Warum erfand man das alles? Wozu der ganze Umstand? All das läßt sich in dem Wort der Zivilisation zusammenfassen, das durch den Begriff des civis, des Bürgers, hindurch seinen Ursprung enthüllt. Es dient dazu, die civitas, die Gemeinschaft, das Zusammenleben, zu ermöglichen. Wenn wir in diese Hilfsmittel der Zivilisation hineinleuchten, finden wir darum in allen den gleichen Kern. Sie alle bekunden den ursprünglichen und fortwirkenden Wunsch jedes Individuums, mit allen übrigen zu rechnen. Zivilisation ist in erster Linie Wille zur Gemeinschaft. Man ist so unzivilisiert und barbarisch, wie man rücksichtslos gegen seinen Nächsten ist. Die Barbarei ist die Neigung zur Auflösung der Gesellschaft. Darum waren alle barbarischen Epochen Zeiten der menschlichen Vereinzelung, eines Gewimmels kleinster, getrennter und feindlicher Gruppen.

    Die politische Form, die den höchsten Willen zur Gemeinschaft verkörpert hat, ist die liberale Demokratie. Sie zeigt die Bereitschaft zur Anerkennung des Mitmenschen in vollster Entfaltung und ist das Urbild der indirekten Aktion. Der Liberalismus ist das politische Rechtsprinzip, nach welchem die öffentliche Gewalt, obgleich sie allmächtig ist, sich selbst begrenzt und, sei es auch auf ihre eigenen Kosten, in dem Staat, den sie beherrscht, eine Stelle für jene frei läßt, die anders denken und fühlen als sie, das heißt als die Starken, als die Majorität. Der Liberalismus – wir dürfen das heute nicht vergessen – ist die äußerste Großmut; er ist das Recht, das die Majorität der Minorität einräumt, und darum die edelste Losung, die auf dem Planeten erklungen ist. Er verkündet den Entschluß, mit dem Feind, mehr noch: mit dem schwachen Feind zusammenzuleben. Die Wahrscheinlichkeit war gering, daß die Menschheit eine so schöne, geistreiche, halsbrecherische und widernatürliche Sache erfinden würde. So ist es kein Wunder, wenn nun diese selbe Menschheit entschlossen scheint, sie aufzugeben. Ihre Ausübung ist allzu schwierig und verwickelt, als daß sie auf dieser Erde Wurzel schlagen könnte.

    Mit dem Feind zusammenleben! Mit der Opposition regieren! Ist eine solche Humanität nicht fast schon unbegreiflich? Nichts verrät die Beschaffenheit der Gegenwart schonungsloser als die Tatsache, daß die Zahl der Länder, wo es eine Opposition gibt, immer mehr abnimmt. Fast überall lastet eine gleichförmige Masse auf der Staatsgewalt und erdrückt jede oppositionelle Gruppe. Die Masse – wer würde es denken beim Anblick ihrer Dichte und Zahl – wünscht keine Gemeinschaft mit dem, was nicht zu ihr gehört; sie hat einen tödlichen Haß auf alles, was nicht zu ihr gehört.

     

    [1]  Ich habe mir oft folgende Frage gestellt: Wie ist es möglich, da doch die Berührung, der Zusammenstoß mit der Dummheit von jeher für viele Menschen zu den qualvollsten Leiden ihres Lebens gehört haben muß, wie ist es möglich, daß dennoch – so viel ich weiß – niemals eine Studie über sie, ein „Essay über die Dummheit“ geschrieben wurde? Denn die Seiten des Erasmus tun dem Gegenstand nicht genug.

    [2] Man versuche nicht, die Frage zu umgehen: jedes Meinen ist theoretisches Denken.

    [3] Wenn sich unser Partner in der Diskussion nicht darum kümmert, ob er bei der Wahrheit bleibt, wenn er nicht den Willen zur Wahrheit hat, ist er ein geistiger Barbar. So verhält sich aber praktisch genommen der Massenmensch, wenn er spricht, Vorträge hält oder schreibt.

    [4] Die Dürftigkeit der spanischen intellektuellen Kultur zeigt sich nicht darin, daß einer mehr oder weniger weiß, sondern in dem gewohnheitsmäßigen Mangel an Behutsamkeit und Sorgfalt in der Berücksichtigung der wahren Sachverhalte, der bei allen Redenden und Schreibenden offenbar wird. Nicht also darin, ob man recht hat oder nicht – die Wahrheit ist nicht in unserer Hand -, sondern in der Kritiklosigkeit, die dazu führt, daß man die elementaren Voraussetzungen des Rechthabens nicht erfüllt. Wir sind noch immer der ewige Dorfpfarrer, der triumphierend den Manichäer widerlegt, bevor er sich damit befaßt hat, die Gedanken des Manichäers in Erfahrung zu bringen.“

     

    Aus: José Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen (1930)

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    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
    #10587785  | PERMALINK

    ford-prefect
    Feeling all right in the noise and the light

    Registriert seit: 10.07.2002

    Beiträge: 5,799

    Vorhin in der 3sat Kulturzeit aus Anlass ihres Todes, wenn das kein Popzitat ist:

    „Coca-Cola hat einen Geschmack. Aber Bücher haben 1000 Geschmäcker.“

    Inge Feltrinelli (1930-2018)

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    "We play incredibly complex music, we have to see our fingers. Wir sind nicht die Toten Hosen." (Page Hamilton, Helmet / Halle02, Heidelberg, 25.9.2019)
    #10587827  | PERMALINK

    kurganrs

    Registriert seit: 25.12.2015

    Beiträge: 4,399

    ford-prefect Vorhin in der 3sat Kulturzeit …

    Übrigens, 3sat Kulturzeit ist eine tolle Sendung. :good:

    --

    #10588005  | PERMALINK

    ford-prefect
    Feeling all right in the noise and the light

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    kurganrs

    ford-prefect Vorhin in der 3sat Kulturzeit …

    Übrigens, 3sat Kulturzeit ist eine tolle Sendung.

    Schaust du die auch täglich.

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    "We play incredibly complex music, we have to see our fingers. Wir sind nicht die Toten Hosen." (Page Hamilton, Helmet / Halle02, Heidelberg, 25.9.2019)
    #10588015  | PERMALINK

    kurganrs

    Registriert seit: 25.12.2015

    Beiträge: 4,399

    ford-prefect

    kurganrs

    ford-prefect Vorhin in der 3sat Kulturzeit …

    Übrigens, 3sat Kulturzeit ist eine tolle Sendung.

    Schaust du die auch täglich.

    Soweit es passt, ja. :bye:

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    #10878567  | PERMALINK

    cleetus

    Registriert seit: 29.06.2006

    Beiträge: 15,138

    Aus dem wiktionary-Eintrag zum Wort „tschechern“:

    [1] „Norbert Walter tschechert den Wein nicht nur, er keltert ihn auch.“[2]
    [1] „Er war in vielen Rollen zu erleben, u. a. als „Pompfüneberer“, der über die
    Vergänglichkeit des Lebens schwafelt. Als Schmäh führender „Hombre“ an der Theke („Eine
    kluge Frau ist mit Leib und Seele Körper“). Als mit kraftvoller Faust das Viertel
    umklammernder Winzer, gebeutelt vom Weinskandal („Angstfrei tschechern muss wieder
    möglich sein“).“

    zuletzt geändert von cleetus

    --

    Don't be fooled by the rocks that I got - I'm still, I'm still Jenny from the block
    #10878617  | PERMALINK

    snowball-jackson

    Registriert seit: 09.11.2008

    Beiträge: 955

    Vater

    Am Ende ist er derart kahl geworden,
    man konnte seine Gedanken sehen.

    Paata Shamugia (Aus Grand Tour- Reisen durch die junge Lyrik Europas S.286)

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    #10899763  | PERMALINK

    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

    Beiträge: 4,592

    aus dem Roman „Brasil“ von Errol Lincoln Uys:

     

    Segge ließ sich sofort nieder, um die Eingeborenen zu skizzieren und zu malen, ohne auf Amadors Schmähreden über sie zu achten. Einmal jedoch wurde eines seiner Gemälde beeinflußt von dem, was Amador zu sagen hatte.

    Segge hatte ein Tapuya-Mädchen an den Rand eines hübschen Teichs gestellt. Er skizzierte sie mit einem Büschel Blätter, das ihre Geschlechtsteile verdeckte, und mit der einen Hand hielt sie einen Zweig über ihren nackten Busen. Ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge waren eine Idealisierung draller holländischer Weiblichkeit.

    „Ich sehe keine Wilde“, sagte Amador geradeheraus.

    Sie befanden sich in ihrer Hütte. Das Bild, das auf einer Staffelei stand, war schon weit fortgeschritten. Segge war mit Skizzen für ein Gemälde von Häuptling Nhandui beschäftigt und schien Amadors Kommentar nicht zu hören.

    „Die bandeira ist wirklichkeitsgetreu“, fügte Amador hinzu. „Die Leute können sehen, wie es ist, im Wald gegen die Carijó zu ziehen. Aber das hier…“

    Segge stand auf und trat an Amadors Seite. Er sagte nichts, aber sein Gesichtsausdruck wurde hart, und er mahlte langsam mit seiner Kinnlade.

    „Da ist nichts Wildes dran, Segge.“

    „Pah! Jeder sieht, daß sie eine Tapuya ist – eine Prinzessin der Wildnis!“

    Amador lachte. „Prinzessin? Ah, Segge, wie bereit du doch bist, das Wort des jüdischen Hauptmanns für bare Münze zu nehmen. Für Rabbe ist der schlimmste von diesen Unholden König Jan. Ich nehme an, er hat dir gesagt, daß diese Wilde eine Ehrenjungfer sei – Ihre Allerköniglichste Kleine Hoheit?“

    Segge umfaßte sein Kinn mit der Hand und legte die Spitze seines Zeigefingers an seine Nase. „Was fehlt denn?“

    „Du malst eine Kannibalin – eine menschenfressende, knochenknackende Mutter von Heiden. Das sollst du darstellen.“

    Eines Morgens, vier Wochen nach ihrer Ankunft, sah Amador, daß Segge an dem Porträt einige Veränderungen vorgenommen hatte: Ihr Bein war angewinkelt, ihr Fuß stand auf einem Stein im Bach, die eine Hand, die auf ihrem Knie abgestützt war, umklammerte eine abgeschnittene menschliche Hand. Segge hatte ihr einen Korb gegeben, den sie auf dem Rücken trug und mit einem Riemen aus Fasern, der um ihre Stirn führte, festhielt. Und aus dem Korb ragte ein menschlicher Fuß heraus.

    „Bravo!“ rief Amador aus. „Genau! Eine Wilde, wie die ganze Welt sie sehen soll!“

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    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
    #10899879  | PERMALINK

    stormy-monday

    Registriert seit: 26.12.2007

    Beiträge: 11,206

    Danke, Hal. Immer wieder schöne Fundstücke von Dir hier. Macht mehr Spass, als in den anderen Threads mit Dir die Klinge wegen dem Fräulein zu kreuzen, nicht?

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    Businessmen, drink my wine!
    #10899887  | PERMALINK

    hal-croves
    אור

    Registriert seit: 05.09.2012

    Beiträge: 4,592

    stormy-mondayDanke, Hal. Immer wieder schöne Fundstücke von Dir hier. Macht mehr Spass, als in den anderen Threads mit Dir die Klinge wegen dem Fräulein zu kreuzen, nicht?

    Stets zu Diensten, verehrter Amador.

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    "Edle, freie Unbefangenheit bei Allem. ... Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. ... Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät." (Baltasar Gracián) =>mehr<=
    #10928773  | PERMALINK

    pfingstluemmel
    Darknet Influencer

    Registriert seit: 14.09.2018

    Beiträge: 1,174

    „Gefühle sind die niedrigste Form des Bewusstseins. Emotionale Handlungen sind die beschränkendsten, einengendsten, gefährlichsten Verhaltensformen.
    Die romantische Lyrik und Dichtung der letzten 200 Jahre hat uns recht blind gemacht für die Tatsache, dass Emotionen eine aktive und schädliche Form des Stumpfsinns sind.
    Jeder Bauer kann dir das sagen. Nimm dich in acht vor dem emotionalen Menschen. Er ist ein taumelnder Irrer. Emotionen enstehen durch biochemische Sekretionen im Körper, um in Momenten der Gefahr zu helfen. Ein emotionaler Mensch ist ein blinder, verwirrter Wahnsinniger. Emotionen sind suchtbildend, narkotisch und verdummend.
    (…)
    Alle Emotionen beruhen auf Furcht. Wie ein Alkoholiker oder Morphinist flieht der furchtsame Mensch am liebsten in die Aktivität:
    Befehlend, rivalisierend, strafend, angreifend, rebellierend, sich beklagend, demütigend, sich unterwerfend, besänftigend, zustimmend, schmeichelnd, lobhudelnd, gebend.
    (…)
    Die psychedelische Enstprechung: Der einzige Zustand, in dem wir lernen, harmonisieren, wachsen, verschmelzen, uns vereinigen, verstehen können, ist der Zustand ohne Emotion. Er wird Seligkeit oder Ekstase genannt, erreicht durch die Konzentration der Emotionen.
    Stimmungen wie Leid und Freude begleiten die Emotionen. Wie ein Morphinist, der gerade seine Spritze bekommen hat, oder wie ein Alkoholiker mit der Flasche in der Hand fült sich der emotionale Mensch wohl, wenn er gefühlsmäßig gewonnen hat, d.h. jemanden geschlagen hat oder geschlagen worden ist. In einem Wettkampf gesiegt hat. Sich vollgefressen hat beim Menschengrapschen. Bewußte Liebe ist keine Emotion; sie ist heiteres Verschmelzen mit dir selbst, mit anderen Menschen, anderen Formen der Energie. Liebe kann im emotionalen Zustand nicht existieren.“ (Timothy Leary)

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    Come with uncle and hear all proper! Hear angel trumpets and devil trombones. You are invited.
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