Klassik: Corona-Konzerte etc.

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  • #11129107  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    yaizaging wohl …. lt. Bericht ist die Familie in wenigen Wo. um ein Persönchen reicher

    Ah, okay – kam nicht zum Lesen, ging ziemlich unter im Büro … morgen und übermorgen wieder Telearbeit.

    Gerade kam bei mir das Saisonprogramm der Neuen Konzertreihe Zürich für 2020/21, los geht es da erst Ende Oktober, denke das wage ich mal (zwei Konzerte der Saison 2019/20 – Grigory Sokolov und Cecilia Bartoli – stehen noch aus und sollen nachgeholt werden), bis dahin ist ja noch viel Zeit und vielleicht bleibt die Situation ja halbwegs so gut wie momentan. Dabei sind neben – wie seit einigen Jahren immer – Sokolov gleich zweimal Vilde Frang mit dem Kammerorchester Basel, das erste Mal ohne Dirigenti, das zweite Mal inkl. Tripelkonzert mit Gabetta und Bezuidenhout sowie Antonini, ev. kriege ich das ja doch noch gehört … dann Fazil Say ebenfalls mit dem KOB, Julia Lezhneva mit Concerto Köln, die von Sokolov geförderte junge Pianistin Alexandra Dovgan (kenne sie nicht, sie wurde eingeschoben, weil das für den Termin geplante Eröffnungskonzert in der renovierten alten Tonhalle mit der verschobenen Wiedereröffnung verschoben wird), Regula Mühlemann mit dem KOB unter Umberto Benedetti Michelangeli (hörte ich schon einmal die Kombination, gefiel mir … es gibt diesmal neben Mozart-Arien aber nicht Mozart-Symphonien sondern Faurés Pavane und Masques et bergamasques sowie Ravels Le Tombeau de Couperin), und als letztes nach Sokolov zum Abschluss Sabine Meyer mit dem Armida Quartett und dem Alliage Quintet (Mozarts Klarinettenquintett und Musik für Klarinette, Saxophonquartett und Klavier – letzteres das Alliage Quintet). Das das fast alles mit dem KOB ist, freut mich natürlich sehr!

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #123: 21.10., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: tba
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    #11130065  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Ok, ich wage mich also demnächst auch wieder raus, 26.6. um 12:15, ganz hinten in der Ecke (zwei leere Plätze neben mir, zwei leere Reihen vor, niemanden hinter mir – das sieht doch vernünftig aus (mitten drin scheint mir die Zuordnung der besetzten Plätze teils etwas eng. Das ist doch auch ein wirklich verlockendes Programm:

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Paavo Järvi
    Chefdirigent und Music Director

    Witold Lutosławski «Musique funèbre» für Streichorchester
    Arthur Honegger Sinfonie Nr. 2

    Die Programme werden dreimal am Tag (12:15, 18:30 und 20:30) aufgeführt, das Orchester tritt wohl auch nur in kleiner Formation an … aber gut, viel werde ich mir nicht mehr anhören bis im Herbst.

    Das Opernhaus hat gerade seine Programm für den Juli verschickt – einen Liederabend mit Sabine Devieilhe möchte ich wohl auch nicht verpassen, aber da noch für keine der Vorstellungen der Vorverkauf läuft, ist unklar, wie das dort mit der Bestuhlung und so läuft … sieht aber gut aus, auch bei Damrau und Julie Fuchs wäre ich gerne dabei:
    https://www.opernhaus.ch/spielplan/finale-2019-2020/

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    #11130517  | PERMALINK

    yaiza

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    Ich war gestern abend im Pianosalon und es war richtig schön. „Ausverkauft“ heißt nun max. 70 Gäste, die auch alle versetzt sitzen, die Halle auf einem ehem. Betriebshof ist groß genug. Einer der Mitarbeiter ging vorher durch die Reihen und rief „Sie sind wirklich alle da“. Ja, ein treues Publikum, das auch vor Corona ein sehr ruhiges war, kaum ein Mucks oder Huster und gestern war es fast schon andächtig still. Der entscheidende Punkt, dass ich mich entschied, zu den Konzerten zurückzukehren, war, dass man die Maske zwischen Beginn des Konzerts und Schlussapplaus abnehmen darf. So kann ich die Musik genießen, alles andere wäre mehr ein „Aus- oder Durchhalten“.

    Der Pianist Hinrich Alpers widmete dieses Eröffnungskonzert den vier Komponisten, die ihm am meisten bedeuten:

    Skrjabin: Sonate Nr.10 op.70; Ravel: Sonatine; Beethoven-Liszt: 3. Satz (Adagio molto e cantabile) aus der Symphonie Nr. 9 op.125; Schumann: Sonate f-moll op.14 „Konzert ohne Orchester“

    In seiner Zugabe nahm er noch Brahms (eines der Intermezzi op. 117) dazu.

    Alpers ließ es sich nicht nehmen, zu jedem Stück etwas zu sagen und so wurden doch mehr als 90min daraus. Ich empfand das Konzert klanglich als sehr farbenfroh, hinzu kam die Freude, die Musik wieder auf dem alten Steinweg-Flügel aus Braunschweig zu hören.

    Mal schauen, ob ich Mitte Juli noch zu einem reservierten Konzert darf und angeschrieben werde. Falls da schon mehr Reservierungen vorlagen, werden ja nicht alle die Möglichkeit haben.

    Ansonsten war alles sehr gut organisiert: Der Kartenverkauf fand im Freien vor der Halle statt, das Publikum verteilte sich wähend des Wartens vor dem Einlass mit Abstand über den ganzen Hof. Am Eingang standen Desinfektionsspender und jede/r ging zügig zum beim Kartenverkauf mitgeteilten Platz. In der E-Mail wurde man gebeten, einen Zettel mit Namen/E-Mail/Tel-Nr. vorzubereiten – diese kommen in einen Umschlag, der nach 4 Wo. vernichtet wird. Das erscheint mir doch eine praktikable Lösung.

    :bye:   gypsy: Dir auch schonmal schöne Vorfreude. Hier sind die staatlichen Bühnen und Konzerthaus sowie Philharmonie bis 31. Juli geschlossen. Die privaten Säle, z.B. auch Pierre Boulez-Saal öffnen aber nach und nach.

    --

    #11130519  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Freut mich zu hören – und das ist auch ein schönes Programm, was Du da gehört hast!

    Hast Du, hat der grössere Teil, Maske getragen, wird das gar verlangt? (Ich überleg’s mir bereits und tendiere dazu, obwohl Maske tragen hier allerdings immer noch vollkommen unüblich ist, nicht mal in vollen Strassenbahnen – die ich weiterhin nicht nutze aber man kann ja reingucken, wenn die vorbeirauschen.)

    Karten kriegt man hier nur online, weil die Schalter auch weiterhin zu sind (und dann haben die auch gleich die Kontaktdaten und niemand kann ohne grösseren Aufwand schummeln).

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    #11130527  | PERMALINK

    yaiza

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    Ab Einlass bis zum Beginn des Konzerts (Betreten der Bühne durch Künstler/in) und dann wieder ab Schlussapplaus besteht Maskenpflicht, auch für die Künstler. Ich nahm die Maske nach der Begrüßung durch den Pianisten ab (er hatte auf der Bühne auch eine Markierung, wo er sich hinstellen durfte). Das war ein Test und es lief gut, alle hielten sich an die Vorgaben. Einige Zuhörer behielten die Masken auf… aber ich fand das Risiko für mich in der ehem. 7./8. -jetzt 3. Reihe- nicht so hoch.

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    #11130871  | PERMALINK

    yaiza

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    hier eine Besprechung des Eröffnungskonzertes im Pianosalon am 09.06.2020 mit Hinrich Alpers von Albrecht Selges Blog

    Hundert 11 – Konzertgänger in Berlin – https://hundert11.net/entmaskend/

    daraus:

    Aber pianistisch ist das natürlich alles erstsahnig, was Alpers da veranstaltet. Und nicht nur sein souveränes Spiel nimmt ein, sondern auch sein spürbarer Enthusiasmus – ja seine Dankbarkeit, musizieren zu dürfen. Und so wird zum unmaskiertesten Hörerlebnis des Abends ausgerechnet eine Transkription: und zwar die des langsamen Satzes aus Beethovens neunter Sinfonie, verfertigt von Franz Liszt. Eigentlich Musik, die in Zeiten der Omni- und Überpräsenz von Beethovens Sinfonik unter starkem Überflüssigkeitsverdacht steht. Hilpers hat Liszts van-Transkriptionen gerade komplett eingespielt. Und vielleicht sollte ja alles, was die vermeintlich vertrauten Dauerschlager von Big B. verfremdet und somit aufs Neue zugänglich macht, willkommen sein.

    Hier ist es also Dank. Ausdruck dankbarer Empfindungen. Alpers vergleicht diesen Satz in seiner kurzen Einführung mit dem Heiligen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit aus Beethovens spätem a-Moll-Streichquartett. Und eben dieses Gefühl stellt sich ein, jetzt, da man, wie vorsichtig auch immer, endlich wieder Musik erleben darf: echte Musik, von einem Menschen gespielt, im Raum entstehend, im Raum von Menschen gehört. In einer Gemeinschaft von Abständigen und Maskierten. Echt. Über dem Dach des Pianosalons aber sind in den leisen Passagen des Adagio molto e cantabile die sommerlichen Mauersegler zu vernehmen, die unsere Träume und Wünsche und Sehnsüchte in den Abendhimmel zu fiepsen scheinen.

    --

    #11134365  | PERMALINK

    yaiza

    Registriert seit: 01.01.2019

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    hier geht’s mangels geöffneter Säle noch mit Radiokonzerten weiter…

    am 20.06.2020, 19.00 Dlf Kultur   –>  RSB / Jurowski, live aus dem Haus des Rundfunks

    Gidon Kremer, Violine (Kancheli – V & V“ für Violine, Streicher und Zuspielband , Schnittke – VK 2, Wustin – Tango, Hommage à Gidon)

    Benjamin Kobler, Klavier (Nikodijević „gesualdo dub/raum mit gelöschter figur“ – Konzert für Klavier u. Ensemble)  https://www.rsb-online.de/konzerte/radiokonzert-20-juni-2020/

    ebenfalls

    Bruckner: Zwei Aequale für drei Posaunen c-Moll

    Beethoven: Streichquartett f-Moll op.95; Fassung für Streichorchester von Gustav Mahler

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    #11134805  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Gerade ging der VVK für die erste Finale-Vorstellung des Opernhauses los, im Parkett sieht es etwas gedrängt aus, das kann aber auch schlicht an der Darstellung liegen … aber für einen kleinen Preis allein in eine seitliche Loge – super, das mache ich dann wohl (wenn ich es schaffe, es gibt gerade vier solcher Plätze) bei den Konzerten mit Devieilhe und Damrau!

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    #11134825  | PERMALINK

    yaiza

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    Viel Glück!  :good:

     

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    #11134831  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    yaizaViel Glück!

    Danke! Damrau könnte schwierig werden, da ich dann (als Sidekick/ergänzender Kommentator) in einer Schulung sitze, wie es aussieht … aber auf dem Handy ist das in 30 Sekunden erledigt, das werde ich mir erlauben :-)

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    #11139391  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Das Opernhaus Zürich bietet noch bis Sonntag Mitternacht (seit gestern 18 Uhr, das sind die Zeitfenster) die phänomenale Aufführung von „Pelléas et Mélisande“ an, die ich damals gerade noch sehen konnte – sass kränkelnd in einer leeren Loge (hatte den billigsten Platz hinten gekauft, aber schon spekuliert, dass ich allein bleiben würde) und war am Ende unglaublich froh, dass ich nicht zuhause geblieben war, weil’s so grossartig war. Nehme nicht an, dass sich das auf den kleinen Bildschirm übertragen lässt, aber damals war das wirklich perfekt, die Behandlung der Sprache in der Musik, das konstante Flirren der Musik – enorm beeindruckend (ich konnte das Erlebnis bisher auch mit Aufnahmen nicht rekonstruieren, hab’s auch noch gar nicht ernsthaft versucht – war aber auch mein erster Opernbesuch nach wohl 15 Jahren).

    https://www.opernhaus.ch/spielplan/streaming/pelleas-et-melisande/

    Mein Post von damals:

    gypsy-tail-wind
    Gestern abend nach vielen Jahren endlich mal wieder in die Oper hier in Zürich (der letzte Besuch war vor ein paar Jahren in Duisburg, davor wohl zehn oder gar zwölf Jahre keine Oper live gesehen) – nach den Besprechungen vor ein paar Wochen (das Stück läuft vom 8. bis 29. Mai, keine Wiederaufnahme in der nächsten Saison :doh:) musste ich einfach hin, trotz nicht auskurierter Sommergrippe, ausgerüstet mit Hustenbonbons und Taschentüchern … zum Glück landete ich, trotzdem ich die letzte erhältliche Karte der billigsten Kategorie erwischt hatte, ganz alleine in einer Loge (kam aber ohne Hustenanfälle durch, im Gegensatz zu vielen anderen im Saal, gibt es eigentlich sozialpsychologische Studien zu dieser Zwangsneurose und kann man den betroffenen nicht einfach eine Spritze ins Gesäss verpassen vor der Aufführung?) – aber gut, es gab:

    PELLÉAS ET MÉLISANDE
    Oper von Claude Debussy

    Musikalische Leitung Alain Altinoglu
    Philharmonia Zürich
    Zusatzchor der Oper Zürich
    SoprAlti

    Arkel, König von Allemonde Brindley Sherratt
    Pelléas, Arkels Enkel Jacques Imbrailo
    Golaud, Arkels Enkel Kyle Ketelsen
    Yniold, Golauds Sohn aus erster Ehe Damien Göritz (Tölzer Knabenchor)
    Ein Arzt Charles Dekeyser
    Mélisande Corinne Winters
    Geneviève, Mutter von Golaud Yvonne Naef
    Pelléas‘ Vater Reinhard Mayr

    Inszenierung und Bühne Dmitri Tcherniakov
    Kostüme Elena Zaytseva
    Lichtgestaltung Gleb Filshtinsky
    Video-Design Tieni Burkhalter
    Choreinstudierung Jürg Hämmerli
    Dramaturgie Beate Breidenbach

    Wie so oft – ich hörte die Oper in den letzten Wochen ein paar Male an, zuletzt ja noch gestern in der Boulez/Sony-Einspielung – half es mir enorm, eine Aufführung zu sehen, das Orchester in echt zu hören, um einen direkten Zugang zum Werk zu finden (das ja wohl eigentlich gar keine Zugänge erlaubt, wenigstens nicht im herkömmlichen Sinn). Es ist ja nicht gerade so, als gäbe der verworrene Plot etwas her, als würde die Musik dramatische Bögen gestalten – ich verstehe jeden nur halbwegs interessierten, der das Werk für langweilig oder langfädig hält. Das Bühnenbild war simpel, einer modernen Villa nachempfunden, mit sündhaft teuren Liegen, einem langen Designer-Holztisch im Hintergrund, einem Nebenraum mit Schiebetür – als Grotte und Wald (als Burg sowieso) völlig ungeeignet, ich hätte wohl ein noch abstrakteres Bühnenbild bevorzugt, aber egal, die Inszenierung gefiel mir sehr gut, sehr einfach, Golaud legte Mélisande erstmal auf die Couch (und band sie danach, das gab es nur als Einspielung, stumm, auf dem Flachbildschirm der Villa, ans Krankenhausbett – Bilder aus älteren Filmen mit Szenen aus der Psychiatrie wurden wach). Das mag man überflüssig oder albern finden, aber es spielte keine Rolle, drängte sich nicht zu sehr ins Geschehen.

    Altinoglu erweckte die Musik zum Leben, wie er aus dem Orchester die ganzen ungewohnten Klänge hervorkitzelte, die Debussy vorschwebten, die er aber, gemäss dem Interview mit Altinoglu im Programmheft, manchmal nur halbwegs zu notieren vermochte: „Debussys Instrumentation ist nicht so genial wie die Ravels. Ravel macht keinen einzigen Fehler, bei ihm funktioniert die Instrumentation wie eine Schweizer Uhr: Wenn man das spielt, was in Ravels Partituren steht, funktioniert es perfekt. Wenn man die Dynamiken ausführt, die Debussy geschrieben hat, ist das nicht so. Man muss als Dirigent spüren, wo die Hauptstimmen un die Nebenstimmen liegen, und wie man beides kombiniert. […] Wenn man dann aber die richtige Balance gefunden hat, ist es wunderschön.“

    Das war es in der Tat: wunderschön. Aber auch düster, verhangen, rätselhaft – ganz wie der Plot, die zur Hälfte aus Auslassungen, Leerstellen bestehende Dramatis personae. Aber diese Leerstellen gehören ja ganz zentral zur Faszination des Werkes – und sie sind, so scheint mir, musikalisch kongenial umgesetzt. Man erkennt durchaus kleine Motive, die eine Art unterschwellige Leitmotivik andeuten, überhaupt scheint Debussy die Melodie vor allem fürs Orchester vorgesehen zu haben, der Gesang entspricht in Gestus und Sprache der alltäglichen, gesprochenen Sprache. Und das Orchester spielte denn an dem Abend eine der Hauptrollen – es glimmte, drohte zu erlöschen, brannte auf blauer Flamme, brach dann aus, überdeckte auch einmal für kurze Augenblicke die Stimmen. Da fand alles aus Schönste zusammen. Und die Stimmen fand ich allesamt hervorragend, nur der Knabensopran war manchmal etwas laut/undifferenziert (aber immer noch besser als die quäkenden Sopranistinnen in den „lustigen“ Rollen in traditionellen Opern, Zerbina usw., das ist ja oft Bauerntölpelhumor, der wohl noch Molière beschämt hätte).

    Dass es eine Pause gab, war eigentlich ein Skandal … dieses so wundersam schwebende, so ungreifbare Stück, das da direkt vor meiner Nase entstand und nahezu physisch wurde, zu unterbrechen? Was für eine Grobheit! Aber gut, der vierte Akt ist wohl einer der grossen Höhepunkte dieses musikalischen Gemäldes, der fünfte dann eine Art erweiterte „funèbre“ (ist das Ding eigentlich Oper oder Symphonie in fünf langen Sätzen?). Wie Musik und Gesang immer wieder aus dem Nichts entsprangen und ins Nichts zurücksanken, das war schon pure Magie. Am Ende war ich erschlagen – innerlich jauchzend aber auch bereit, die fünfzig Schritte zum See zu gehen und direkt ins Wasser. Diese Mischung der völligen Niedergeschlagenheit bei zugleich grösster Beglückung ist ja ein eher selten Ding („Le Bonheur“, anyone?), umso wertvoller, diese Erfahrung bei einem Konzert zu machen, nicht bloss auf der Leinwand oder mit den Kopfhörern. Jedenfalls eine so rauschhafte wie niederschlagende Sache.

    Und das stimmte mich nachdenklich, klar. Wenn „Pelléas et Mélisande“ eben keine Krone der Spätromantik ist (als die sie wohl von Wagnerianern gerne betrachtet wird, doch kickt das Ding doch die Ärsche von all denen in Bayreuth … die Karajan-Einspielung höre ich mir trotzdem bald mal an, scheint ja allein schon wegen des Spiels der Berliner Philharmoniker zu lohnen) sondern so etwas wie der (ein?) Beginn der modernen Oper, wofür es ja mancherlei überzeugend Argument gibt, so ist es wohl die Leere, das Spiel mit den Leerstellen, die Referenzen, die allesamt ins Nichts laufen, die Feststellung, dass man zwar etwas sieht, aber nicht versteht – oder anders: versteht, dass es nicht ums Verstehen auf einer schlichten Handlungsebene geht; wobei der Twist mit der Psychoanalyse vor diesem Licht nur noch sarkastischer – und als Regie-Einfall toller – wird, denn: Es gibt hier nichts zu Psychologisieren. Nichts. Die erschlagende, alles tränkende Traurigkeit, die sich über einen legt, ist die grundsätzliche Erfahrung der Leere in der Moderne – ich denke an Robert Walser und seinen drifter Jakob von Gunten, man mag auch an Beckett denken. Ein angeklebtes „Post-“ ändert an der Intensität dieser Erfahrung, und damit sind wir dann wieder beim Kern: Nichts.

    http://forum.rollingstone.de/foren/topic/die-wunderbare-welt-der-oper/page/20/#post-8732171

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    #11145587  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Tonhalle-Maag, Zürich – 26.06.2020

    Tonhalle-Orchester Zürich
    Paavo Järvi
    Chefdirigent und Music Director

    Witold Lutosławski «Musique funèbre» für Streichorchester
    Arthur Honegger Sinfonie Nr. 2

    So, ich war auch wieder im Konzert … seltsame Umstände, ein recht gross besetztes Streichorchester mit je ca. 10 Geigen, etwas weniger Bratschen und Celli sowie drei Bässen, soweit ich es von weit hinten erkennen konnte – vermutlich knapp über 40 MusikerInnen. Im Saal hätte über 200 Plätze verkauft werden können (240 habe ich im Kopf?), es waren aber nur ca. 60 Leute da, die meisten sassen weit vorn, ich fühlte mich also definitiv nicht unwohl – trug obendrein wie empfohlen Maske (zum ersten Mal, beim Einkauf muss man hier nicht und ich hab den immer zu Randzeiten erledigt, freitags um 10 Uhr morgens oder samstags schon um 8 Uhr, bevor die Leute alle draussen sind). Aber zum Wichtigen!

    Live-Musik – Wahnsinn! Und dann auch noch zwei Werke, die ich nicht kannte, die mich mächtig neugierig machten. Statt einem Programmheft gab es einige öffnende Worte von der Intendantin Ilona Schmiel und nach ein paar Minuten ging es los – mit der Grabesmusik, die Witold Lutosławski 1954-58 für Béla Bartók geschrieben hat. Ein düster-melancholisches Werk mit getragenen Streicherklängen, sich langsam entpuppenden Melodien, der Stimmführer der Celli, Rafael Rosenfeld, hatte ein paar Momente im Rampenlicht, später auch Konzertmeister Klaidi Sahatçi und der Stimmführer der Bratschen, Gilad Karni. Doch vor allem beeindruckte der kompakte Klang (obwohl die Besetzung doppelt so gross war wie bei der Uraufführung – Wikipedia-Eintrag), der zu flirren, zu schweben anfing, den Raum langsam flutete. Es war wohl der „Metamorphoses“ überschriebene mittlere der fünf Sätze, der mich am meisten gefesselt hat, wenn ich die Wiki-Beschreibung lese: da wird eine Art „Kettenform“ gespielt (wie er sie später in der Passacaglia des „Concerto for Orchestra“ wieder anwenden sollte): drei Stränge werden verflochten, die Zwölftonreihe vom Prolog (die als Intervalle den Tritonus und die kleine Sekund nutzt) wird in zwölf „Metamorphosen“ durch den absteigenden Quintenzirkel geschoben, während die Textur immer dichter wird – eine Art Cantus Firmus mit darüber immer farbiger und ungewöhnlicher werdender Klangwelt.

    Honeggers zweite Symphonie ist ähnlich düster sie entstand 1940/41 und wurde 1942 vom Collegium Musicum unter Paul Sacher hier in Zürich uraufgeführt. Honegger sprach, wie er daran gearbeitet habe, dem ersten Satz eine „strenge Form zu geben ohne die innere Heftigkeit abzuschwächen“ (zit. nach Reclams Konzertführer, 18. Auflage, 2006). Das finde ich sehr passend, denn streng wirkt das ganze Werk, und heftig ebenso. Im Vergleich zu Lutosławskis Werk von viel stärkeren rhythmischen Impulsen geprägt, aber in der Stimmung ähnlich dunkel. Vielleicht ist das ja gerade die richtige Musik für diese Tage – sie trifft die Stimmung, entfaltet aber in ihrem Reichtum auch eine grosse Strahlkraft. Bei Honegger gibt es am Ende noch einen Twist, denn im dritten Satz kommt eine Solotrompete dazu (der Solist ist im schlechten Bildchen auf dem Balkon zu sehen).

    Wie gut es tut, auch unter wenig optimalen Umständen – der Applaus dünn, der Kopf mit der Maske nach einer halben Stunde zum Brummen neigend, die Müdigkeit rasant steigend durch das doch etwas erschwerte Atmen – im Konzert zu sitzen und dem Erschaffen von Musik in Echtzeit beizuwohnen – vergessen hatte ich es nicht, aber wohl schon ein wenig verdrängt. Das tue ich wohl bis auf Weiteres und freue mich auf die Ausnahmen.

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    #11154313  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

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    A propos Ólafsson @yaiza @clasjaz – heute Abend, 20 Uhr:

    DG Stage – Víkingur Ólafsson

    We are delighted to present today, July 3rd at 8 PM CET our next ticketed concert on DG Stage, our new video music service. It features a brand new live and exclusive recital by Víkingur Ólafsson, Christoph Eschenbach and the Konzerthausorchester Berlin.

    The acclaimed Icelandic pianist Víkingur Ólafsson partners with Christoph Eschenbach and the Konzerthausorchester Berlin for Mozart’s beautiful Piano Concerto in A major K488 to conclude his 2019/20 Konzerthaus residency. Eschenbach will join Ólafsson at the keyboard for a Mozart four-hands encore. Solo works by Debussy and Rameau complete the programme and span two centuries of great piano music.

    The repertoire includes:

    Mozart: Overture from “The Marriage of Figaro”
    Mozart: Piano Concerto in A major K488
    Mozart: Piano Sonata for Four Hands in D major K381 (2. Andante)
    Rameau: Le rappel des oiseaux (from “Pièces de clavecin”)
    Debussy: The Snow is Dancing (from “Children’s Corner” L113)
    Rameau: La Cupis (from “Cinquième Concert”)
    Rameau, arr. Ólafsson: The Arts and the Hours (from “Les Boréades”)

    Tickets kosten 9.90 – alles weitere hier:
    https://www.dg-premium.com/dg_stage_video/vikingur-olafsson-and-christoph-eschenbach-in-duet/

    Schaffe ich leider nicht, aber ich habe ja für nächste Woche zwei Karten für echte Live-Konzerte :-)

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    #11154385  | PERMALINK

    yaiza

    Registriert seit: 01.01.2019

    Beiträge: 3,352

    :bye: vielen Dank für den Hinweis. Da ich nur über retro Zahlungsmittel :D verfüge, kann ich nicht dabei sein.

    Nä. Wo. gehe ich zum 2. Mal nach Neustart in den Pianosalon. Ein Klavierduo spielt Rachmaninow, Scriabin und „Le Sacre…“ von Strawinsky. Bin sehr gespannt…

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    #11154415  | PERMALINK

    clasjaz

    Registriert seit: 19.03.2010

    Beiträge: 1,943

    gypsy-tail-windA propos Ólafsson

    Danke auch von mir – aber ich werde wohl etwas anderes machen …

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