AotW: Randy Newman – 12 Songs

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  • #6494367  | PERMALINK

    mosse

    Registriert seit: 16.11.2007

    Beiträge: 279

    Um mal auf die Musik zu sprechen zu kommen: Als ich sie jetzt das erste Mal wieder gehört hatte, dachte ich, dass sie ein für Newman-Verhältnisse erstaunlich breites Spektrum an Stilen wiederspiegele (Country, Blues, Jazz etc.). Wobei die zweite Seite – mit der Ausnahme „Old Kentucky Home“ – noch einheitlicher war, als die erste. Der Titel der Platte scheint ja auch anzudeuten, dass diese Vielfalt kein Zufall ist, dass dahinter eine Absicht steht.

    Doch je öfter ich sie höre, desto mehr ergibt die Platte doch etwas Homogenes, Ganzes. Vielleicht, weil Newman hier seine eigene Interpretation dieser Stile anbietet. Ein Blues wie „Lucinda“ ist zum Beispiel – zumindest jetzt, wo ich die LP öfters gehört habe – sofort als Randy-Newman-Song zu identifizieren. Mir fällt es übrigens auch enorm schwer, zu sagen, dass mir dieser Song besser gefällt oder jener schlechter, weil jeder für sich genommen in sich stimmig ist.

    „Cornfield“ gefällt mir sehr, wegen Ry Cooders Gitarre, wegen der unterschwelligen Spannung, die das Stück ausdrückt, und weil der gestrichene Besen für mich klingt, als würde jemand das Streichholz entzünden, mit dem das Feld angezündet werden soll. Wie sieht’s bei euch aus, was haltet ihr von den Songs?

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    #6494369  | PERMALINK

    nail75

    Registriert seit: 16.10.2006

    Beiträge: 41,758

    waUm mal bei „Old Kentucky Home“ zu bleiben. Zynisch ist die Figur, die Newman verkörpert. Jemand, der seine Familie verhöhnt, der Lächerlichkeit preisgibt, den Unzulänglichkeiten und Tragödien nicht kratzen, hauptsache er selber ist „alright“. Letztendlich wird der Zyniker bloßgestellt, nicht seine Umgebung. Wenn diese Empathie seitens Newman kein Humanismus ist, was dann?
    Diese schon oft widergekäute Behauptung, Newman sei ein Zyniker scheint mir aus der Zeit seines größten kommerziellen Erfolgs, nämlich „Short People“ zu stammen.
    Graham Parker, selber kein Riese, zeigte sich begeistert von dem Song. Er glaubte, ein Leidensgenosse prangere die Klischees über kleine Leute an. Als erfuhr, daß Newman alles andere als kleinwüchsig ist, war er ziemlich erzürnt, da er nun der Annahme war, Newman mache sich in zynischer Art und Weise über körperliche Handicaps lustig. Doppelter Irrtum.

    Ich will jetzt ja nicht Newmans gesamte Karriere diskutieren, eigentlich soll es ja um „12 Songs“ gehen, aber den Zynismus auf Alben wie „Sail Away“ oder „Good Old Boys“ kann man doch nicht übersehen. „God’s Song“ oder „Political Science“ sind ja nicht weniger zynisch als „Short People“.

    „Old Kentucky Home“ macht sich ja in ziemlich fieser Weise über den von Stephen Foster 1853 geschrieben „state song“ von Kentucky lustig. Was auch immer die ursprünglichen Intentionen von Foster gewesen sein mögen, Newman war das Plantagenleben-Szenario offensichtlich zu harmonisch und er hat es benutzt, um ein etwas anderes Bild des Südens zu zeichnen. Sicherlich wollte er auch die Hauptfigur des Liedes bloßstellen, aber noch viel mehr die weiße Familienidylle des Südens, der ihn ja lebenslang beschäftigt hat.

    http://en.wikipedia.org/wiki/My_Old_Kentucky_Home

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    Ohne Musik ist alles Leben ein Irrtum.
    #6494371  | PERMALINK

    sonic-juice
    Moderator

    Registriert seit: 14.09.2005

    Beiträge: 10,990

    otis
    Ich gehe auch nicht mit, Newman auf Ironie, Sarkasmus, Satire, Gemeinheit etc. festzulegen. Dafür ist das alles bei ihm viel zu offen und im Grunde humanistisch. Obwohl, wie gesagt, mit einem recht zynischen Einschlag.

    Bei den Diskussionen um Newmans Geisteshaltung hier tue ich mir recht schwer. Zunächst verstehe ich unter Humanismus eine philospophisch fundierte Weltanschauung und nicht einfach jemanden, der irgendwelche (mit)menschlichen Züge aufweist oder in seiner Kunst transportiert. Ich bin nun selbst nicht in den einschlägigen Geisteswissenschaften so firm, dass ich mich hier profund um begriffliche Details streiten könnte, aber Newmans Texte würde ich nicht diesen Stempel verleihen, dafür ist mir seine Grundansatz doch zu spöttisch, entblößend, ins Mark treffend und in gewisser Weise auch resignierend, hoffnungslos. Newman beobachtet und analysiert, aber m.E. nicht mit der Hoffnung oder Absicht, den Menschen ändern zu wollen. Er predigt allenfalls zu den Bekehrten.
    Insofern sehe ich das auch eher wie Nail und Ah Um:

    Ah Um
    (…) Wenn Newman in die Rolle eines dummen Reaktionärs schlüpft, dann ist jedenfalls für seine Zielgruppe – hippe Intellektuelle und die sich dafür halten – klar erkennbar, dass es nur eine Rolle ist. Und diese Rollenhaftigkeit soll erkennbar bleiben, die volle Identifikation muss vermieden werden. Die Perspektive des Ich-Erzählers ist sozusagen nur ein Trick, sich möglichst schadlos in der Psyche seines Protagonisten umzutun. Newman kanzelt nicht ab, er ist subtiler, aber deswegen noch lange kein Philanthrop. Die Distanz bleibt stets spürbar. Der Autor kennt die dargestellten Figuren besser als diese sich selbst und lässt sie Verräterisches äußern. Er bleibt der überlegene Geist, der die anderen durchschaut. Zu einer wirklich humanistischen Haltung (im Sinne von Menschenliebe) fehlt hier ein überzeugendes Mit-Leiden, vorherrschend bleibt die leicht näselnde Lakonik und durchaus ein gerüttelt Maß an Zynismus.

    Otis, vielleicht magst Du ja noch mal etwas ausführlicher begründen, was Du unter humanistisch verstehst und insbes. was ein „Humanismus mit zynischem Einschlag“ ist? Für mich geht das begrifflich noch nicht zusammen.

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    #6494373  | PERMALINK

    otis
    Moderator

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 22,564

    Sonic JuiceZunächst verstehe ich unter Humanismus eine philospophisch fundierte Weltanschauung und nicht einfach jemanden, der irgendwelche (mit)menschlichen Züge aufweist oder in seiner Kunst transportiert. Ich bin nun selbst nicht in den einschlägigen Geisteswissenschaften so firm, dass ich mich hier profund um begriffliche Details streiten könnte, aber Newmans Texte würde ich nicht diesen Stempel verleihen, dafür ist mir seine Grundansatz doch zu spöttisch, entblößend, ins Mark treffend und in gewisser Weise auch resignierend, hoffnungslos. Newman beobachtet und analysiert, aber m.E. nicht mit der Hoffnung oder Absicht, den Menschen ändern zu wollen. Er predigt allenfalls zu den Bekehrten.

    Otis, vielleicht magst Du ja noch mal etwas ausführlicher begründen, was Du unter humanistisch verstehst und insbes. was ein „Humanismus mit zynischem Einschlag“ ist? Für mich geht das begrifflich noch nicht zusammen.

    Ich kann zu Newmans Geisteshaltung natürlich auch nichts beitragen, ich kenne ihn nicht. Ich kann mir auch vorstellen, dass das von dir als spöttisch etc. Beschriebene später etwas deutlicher zum Vorschein kam.

    Ich glaube, ich sagte es schon: ich stelle mir Newmans Songs oft als kleine Filme vor. Darstellungen des Menschlichen in seiner ganzen Bandbreite, beschreibend nicht sezierend. Ihm ist nichts fremd, er erhebt sich aber auch über nichts. Da ist kein Zeigefinger, er predigt nicht, es gibt auch keine Bekehrten. Er verurteilt nicht, er konstatiert und akzeptiert. Das meine ich mit im Wesen „humanistisch“.
    Der pädagogische Weltverbesserer, der Händchenhalter, der harmoniesüchtige Weichspüler etc. das ist nicht, was ich unter Humanismus verstehe. Humanismus ist in meinen Augen der Glaube an und das Wissen um das Menschliche, mit seinen guten und schlechten Seiten.
    Dass angesichts des Alltags ein solcher Humanismus irgendwann mit Zynismus durchtränkt wird, liegt in der Natur des Menschlichen. Bin ohnehin der Meinung, dass echter Zynismus nur die Kehrseite der Medaille Humanismus ist.
    Thomas Mann war auch so einer, und sicher viele andere mehr.

    --

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    #6494375  | PERMALINK

    nail75

    Registriert seit: 16.10.2006

    Beiträge: 41,758

    Ich wollte mit meinem Kommentar über den „händchenhaltenden Humanismus“ nicht den Humanismus an sich angreifen, sondern lediglich die Gegensätze der verschiedenen Auffassungen betonen. Sorry falls Du Dich dadurch beleidigt gefühlt hast, otis, das war nicht meine Absicht. In der Sache sind unsere Positionen weiterhin sehr unterschiedlich, fast gegensätzlich.

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    Ohne Musik ist alles Leben ein Irrtum.
    #6494377  | PERMALINK

    ah-um

    Registriert seit: 24.02.2006

    Beiträge: 1,398

    Humanismus ist ein komplexer Begriff, der ein wenig dazu einlädt, darunter zu verstehen, was man gerade will. Zum Humanismus als Geisteshaltung rechnet man jedenfalls in aller Regel den Glauben an das Gute im Menschen, an die Moral und an die Erziehbarkeit des Menschengeschlechts. Das ist selbstverständlich nichts Niedliches und Kuscheliges, sondern ein ausgesprochen dickes, hartes Brett.

    Als Zyniker würde ich jemanden bezeichnen, der diesen Glauben verloren hat, meist aus Enttäuschung über die Menschen. Zum Zyniker gehört also, dass er die Worte des Wahren, Guten und Schönen sehr wohl versteht, ihnen aber die Gefolgschaft verweigert. Er ist ein enttäuschter Moralist und vom Glauben abgefallener Menschenfreund.
    In diesem Sinne würde ich den Ich-Erzähler des „Old Kentucky Home“ nicht als Zyniker bezeichenen. Er ist nur ein Egoist und dummer Ignorant. Der Zyniker ist schon Newman selbst. Dass es sich hier um ein satirisches Spottlied auf eine verlogene Idylle handelt, wird gerade beim Vergleich mit der historischen Vorlage deutlich (nails Link oben).

    Ich stimme mit otis überein, dass Newman hier keinen pädagogischen Impetus an den Tag legt. Aber gerade das disqualifiziert ihn als Humanisten. Denn zum Humanisten würde es gehören, dass er den Weg zum Guten weisen will und am moralischen Fortschritt der Menschheit arbeitet. Newman dagegen ist lakonisch, fast fatalistisch. Scheinbar unbeteiligt beschränkt er sich aufs Beschreiben – dies allerdings sehr wohl von einer wissenden, überlegenen Warte aus. Die Beschreibung als solche mag ein letzter Akt der Auflehnung gegen die Unzulänglichkeiten der Realität sein, aber eine wirkliche Hoffnung auf eine Verbesserung vermag ich bei Newman nicht herauszuhören.

    Um Missverständnissen vorzubeugen: Dass ich Newman eher als Zyniker (enttäuschten Menschenfreund) denn als Humanisten (gläubigen Menschenfreund) sehe, sagt nichts über die künstlerische Qualität seines Werks aus. Er schreibt großartige zynische Songs.

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