Obskuritäten, Kuriositäten, Raritäten

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  • #12588145  | PERMALINK

    wenzel

    Registriert seit: 25.01.2008

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    #12590799  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

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    Noch etwas aus den frühen / Mitt-80ern.

    Angel Corpus-Christi – I❤️NY (1985)

    Wie ich jetzt erst feststelle, sind an diesem Album mehrere Mitglieder von MX-80 Sound beteiligt. Viellecht hatte ich es aber auch vergessen. Angel Corpus-Christi ist das Pseudonym von Andrea Ross, der Ehefrau des Sängers, Saxofonisten und Gitarristen Rich Stim von MX-80. Der wirkt auf I❤️NY zwar nicht mit, dafür aber seine Bandkollegen Bruce Anderson (git) und Dave Mahoney (dr). Ganz nebenbei steuert Alan Vega „male vocals“ bei.

    I❤️NY ist eine Hommage an New York, genauer gesagt an Popmusik aus New York, wobei Angel Corpus Christi sich dabei größtenteils auf die Zeit von etwa 1975 – 1982 und Punk und New Wave beschränkt. 8 Coverversionen von Patti Smith, Richard Hell, 2 x Suicide, The Ramones und Lou Reed solo, The Day John Kennedy Died von The Blue Mask. Dazu einmal Femme Fatale von Velvet Underground aus den 60ern und als wohl ungewöhnlichste Wahl ein Ausschnitt der Filmusik zu Taxi Driver von Bernard Hermann, über die Angel Corpus-Christi einen Monolog des Taxi Drivers Travis Bickle spricht. „All the animals come out at night. Whores, skunkpussies, buggers, queens, fairies, dopers, junkies, sick, venal. Someday a real rain’ll come and wash all this scum off the streets.“

    Angel Corpus-Christi hat eine manchmal kindlich-naiv wirkende Stimme, was diesen Covers eine eigenartig unbefangen, unschuldige und distanzierte, kühle Wirkung verleiht. Und: Sie spielt Akkordeon! Das steht in krassem Kontrast zu diesen Stücken, die ja aus einer Zeit stammen, in der NYC alles andere als heimelig war. Nur Theme From Taxi Driver wirkt bedrohlich und unheilschwanger und Here Today, Gone Tommorrow, vielleicht das Stück der Ramones, das im Original am ehesten wie ein Ballade klingt, endet bei ACC in einem Trommelfell zerfetzenden Gitarreningezerre. Und ganz nebenbei: ACC schlüpft hier mit nur einer Ausnahme in die Rolle von männlichen Künstlern.

    Ich habe damals ganz gerne Mixtapes mit Taxi Driver begonnen und mit Here Today … beendet. Das kam nicht bei allen Mithörern gleich gut an.


    Eigentlich eigenartig, wie Taxi Driver Travis Bickle davon träumt, dass ein großer Regen eines Tages all den „Abschaum“ von den Straßen von NYC spülen wird und wie Lou Reed in The Day … davon träumt, Präsident der USA zu sein und „to do the job, others hadn’t done“ – wobei er sich sehnsüchtig an John F. Kennedy erinnert. Heute bricht auch eine Art von großem Regen über die USA herein.

    I❤️NY ist sicher kein Klassiker, eher eine Fußnote, aber eine geistreiche und amüsante Fußnote. Hier wird schon 1985 nostalgisch auf die späten 70er zurückgeblickt – übrigens von San Francisco aus. Mit 8 Tracks und nicht mal 30 Minuten ist I❤️NY etwas kurz. Ich frage mich, was ACC sonst noch hätte covern können: Talking Heads (Life During Wartime), Blondie (X-Offender)? Und wie sähen Hommagen an andere Städte aus? London, Manchester, Berlin, Düsseldorf?

    Edit: Hier noch die Geschichte des „I❤️NY“ Logos. In den 1970er Jahren beauftragte (der) Bundesstaat New York (eine) Werbeagentur mit der Entwicklung einer Marketingkampagne, die (…) den Tourismus ankurbeln sollte. (…) New York war damals als Hochburg der Gewalt- und Drogenkriminalität bekannt – während eines Stromausfalls im Jahr 1977 kam es zu großangelegten Plünderungen, die zu rund 4500 Festnahmen führten. Nachdem man sich auf den Slogan geeinigt hatte, erfand der Grafikdesigner Milton Glaser 1975 das hierzu passende, heute weltberühmte Logo auf einer Taxifahrt durch Manhattan. (…) 10 Jahre nach dem Start der Kampagne ließ der Staat New York das Logo markenrechtlich schützen.

    Eine schöne Umdeutung dieser Kampagne hat Angel Corpus-Christi da geschaffen.

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    #12591657  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 5,622

    Dafür, dass ich Angel Corpus-Christis I❤️NY als Fußnote bezeichnet habe, habe ich ganz schön viel darüber geschrieben. Aber Coverversionen und erst Recht ganze Coveralben eröffnen oft sehr viel Assoziationsräume und die eigentliche Spannung liegt zwischen Originalvorlage und Interpretation.

    And now for something completely different:

    Various – The House Sound Of London – Vol. IV The Jackin’ Zone (1988)

    Wie der Ttel sagt: Dies ist eine House-Compilation. Warum tu ich die nicht in den „Ich höre gerade Electronica“-Thread? Erstens: Weil es da kaum einer liest, zweitens, weil da erfahrungsgemäß keiner darauf eingeht und vor allem drittens, weil es mir hier um einen einzigen Track auf dieser Compi geht, der eigentlich nicht dorthin gehört, den der „Track Co-Ordinator“ Jazzy M da aber geschickt eingeschmuggelt hat.

    The House Sound Of London gehört zu einer Reihe anderer früher House-Compis. Eigentlich ist das „ … Of London“ etwas irreführend, denn hinter einigen Pseudonymen der Musiker verbergen sich auch ein paar Amerikaner (darunter Kevin Saunderson) – und ein Deutscher. Das ist Maschinenmusik. Anonym, programmiert, fast generisch. Der Computer ist schöner als jedes Musikinstrument. So was wagten nicht einmal die italienischen Futuristen zu träumen! ;-) Die Drumcomputer tuckern, die Sequenzer blubbern, darüber manchmal ein paar kurze Vokalschnipsel. Einmal wird Martin Luther Kings I have a dream-Rede gesamplet. Aber über weite Strecken ist das unglaublich repetitiv und monoton, je nach Perspektive nervtötend oder hypnotisch. Auf Discogs beschreibt ein Kommentator das so: „ reminds me of a time when a late night dance floor with perhaps a little accompanying black market pharmaceutical was transportation to a magical alternate universe“. Toll aber scheiße aber toll!


    Harry Thumann – Underwater (1979)

    Und dann gibt es auf Record Two, Side Two den Track Two: Underwater von Harry Thumann. Durchgehende bass drum, blubbernde und fiepende Synthesizer – soweit nichts außergewöhnliches. Doch dann hört man auch einen auf dem E-Bass gespielten Lauf, schmetternde Bläser, jubilierende Streicher, eine Harfe – und ein Gitarrensolo! Es wird an nichts gespart und alles wird hoch dramatisch arrangiert, ein Höhepunkt jagt den nächsten. Mitreißend!

    In den knappen liner notes der Compi steht nichts zu diesem Track. Schaut man sich aber das Label der Platte genauer an, steht dort, dass dieser eine Track nicht von 1988 stammt sondern von 1979! Erst dank Internet habe ich entdeckt, dass Underwater von einem Harry Thumann stammt, einem deutschen Toningenieur, Produzenten und Musiker, der Ende der 70er/Anfang der 80er in München zwei Alben unter eigenem Namen veröffentlichte. Underwater war als Single ein kleinerer Hit, ich vermute aber, dass er in den Münchener Discos damals rauf und runter gespielt wurde. In Italien war Underwater die Titelmusik einer Sportsendung.

    Ein toller Munich Disco-Track, versteckt auf einer End-80er House-Compilation. Danke, Track Co-Ordinator Jazzy M!

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    #12594187  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 5,622

    Mal etwas aus der näheren Vergangenheit, aus diesem Jahrtausend, sogar aus diesem Jahrzehnt, also sozusagen aus der Gegenwart:

    Orange Radio – Through The Dust (2024)

    Wie und wo habe ich das entdeckt? In letzter Zeit hatte ich gelegentlich die JAZZTHETIK – Magazin für Jazz und Anderes gelesen. Da wimmelt es eigentlich von Obskuritäten, denn die schreiben oft auch über Künstler, die auf Klein- oder Kleinstlabels oder in diesem Falle sogar ohne Label nur digital auf bandcamp veröffentlichen. Through The Dust bekommt da die Höchstwertung von ***** und das macht natürlich neugierig.

    Orange Radio sind ein Schweizer Trio, git., b., dr., hier und da ergänzt durch perc., eine Flöte (!) und keyboards, das instrumentalen Rock spielt. Wobei „Rock“ hier sehr frei und lässig interpretiert wird. Vorherrschend ist ein entspannter gemeinsamer groove, ein einfaches Thema, was den Musikern viel Spielraum lässt. Aber nicht im Sinne von ausgedehnten Soli, sondern eher im Sinne wie sie auf diesem groove, diesem Thema surfen, mehr federnd als rockend, und das variieren, verzieren, dehnen, strecken, verdichten, beschleunigen, abbremsen, und in Spannung versetzen. Jazzthetik zieht Vergleiche zur Hippieband Quicksilver Messenger Service und den Krautrockern Guru Guru, die ich aber beide kaum kenne. Doch Orange Radio sind konziser, kompakter, weniger ausschweifend. Kaum ein Stück über 4 min. Ihre Entspanntheit vergleicht Jazzthetik mit J.J. Cale. Sie selber nennen ihre Musik „neo psychedelic music with jazz attitude“. Ich denke bei Orange Radio sogar manchmal an eine Band, die Reggae-Riddims spielt – und ein Stück hat sogar einen Reggae-Rhythmus. Alles nicht verkehrt und doch nicht ganz treffend. Sehr schön auch die Musikalität der drei (der drummer!) bzw. vier (im Video die Percussionistin), ohne dass OR die Virtuosität in irgendeiner Weise raushängen lassen.

    Orange Radio – Through The Dust auf bandcamp

    Und weil das alles so schön klingt, bieten Orange Radio auch ein Sample Pack mit 62 „jazz loops, chops & textures“ an, zwischen einer und 18 Sekunden lang.

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    #12598055  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 5,622

    Ein Griff ganz tief in meine Plattenkiste. Diese Scheibe habe ich vor vielen, vielen Jahren bei Michelle Records am Gertrudenkirchhof in meiner Geburts- und damaligen Heimatstadt Hamburg aus dem „DM 9,90-Regal“ gezogen. Wie ich darauf kam, weiß ich nicht mehr genau. Aber damals habe ich ziemlich viel aus diesem Regal gezogen und das dort versammelte Sortiment war nicht unbedeutend für meine musikalische Sozialisation.


    Sam „The Man“ Taylor (Best Artist Series, Aufnahmen wohl 1950er/60er, Compilation wohl 1980er)

    Der Tenorsaxofonist Sam „The Man“ Taylor kam vom Swing, spielte in Tanzorchestern, war viel gefragter Sessionmusiker für Jazz, R&B und R’n’R-Musiker (bei Cab Calloway, Louis Jordan, Quincy Jones, Ella Fitzgerald, Ray Charles …) und machte sich in den 50ern selbständig. Er bewegte sich auch solo im Spannungsfeld von Jazz und R&B und war mit diesem Mix vor allem in Japan sehr populär. Heute scheint er fast vergessen zu sein, obwohl er Dutzende Alben veröffentlicht hat, von denen jedoch kaum noch eins erhältlich ist. Er war aber auch sehr Kind seiner Zeit, mit Stilmitteln, die später aus der Mode kamen und die man heute klischeehaft mit Jazz und R&B dieser Ära verbindet – obwohl man das in dieser Form tatsächlich kaum findet.

    Sam Taylor hat einen satten kraftvollen Sound auf dem Sax und setzt alles ein, was er an testosterongesättigtem Honking und Ächzen einerseits und zärtlichen Geflüster und schlüpfrigen Gesäusel andererseits im Angebot hat. Dramatisch und sentimental, dazu oft eine schön schmierige Orgel und manchmal zuckersüße Streicher und schmissige Bläser. Im Repertoire Jazz und R&B-Standards, Songs aus Soundtracks und auch mal als Exotica ein japanisches Volkslied. Das klingt nach Burlesque, Cocktailbar und Film Noir. Atemberaubend!

    Diese Compilation scheint eine Best Of zu sein und versammelt Stücke verschiedener Perioden und Alben. Leider kann ich die japanischen Liner Notes nicht entziffern. Muss wohl mal die KI bemühen. Das Cover zeigt auf der Vorderseite Chicago, auf der Rückseite Manhattan. Die darauf abgebildeten Wolkenkratzer, das John Hancock Center bzw. das World Trade Center, wurden erst gebaut, nachdem Sam Taylors diese Aufnahmen gemacht hat. Aber sieht schon toll aus!

    Und hier noch ein amüsanter Podcast über Sam „The Man“ Taylor“ von Götz Alsmann auf WDR 3.

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    #12598289  | PERMALINK

    talkinghead2

    Registriert seit: 12.12.2019

    Beiträge: 5,522

    Calaveras – Water High (2010)

    Chemnitzer Band, die sich damals mit dem inzwischen etwas bekannteren aber musikalisch vollkommen anders orientierten Kraftklub den Proberaum teilten. Leider haben es Calaveras nie zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Ich habe sie damals auf dem Festival Inselleuchten auf Marienwerder in Brandenburg kennen gelernt und bin von diesem Tonträger noch immer schwer begeistert.

    Wer reinhören möchte:

    https://bandbuero-chemnitz.de/artists/calaveras/

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    Das Leben als Pensionär ist einfach nur geil!
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