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Noch etwas aus den frühen / Mitt-80ern.

Angel Corpus-Christi – I❤️NY (1985)
Wie ich jetzt erst feststelle, sind an diesem Album mehrere Mitglieder von MX-80 Sound beteiligt. Viellecht hatte ich es aber auch vergessen. Angel Corpus-Christi ist das Pseudonym von Andrea Ross, der Ehefrau des Sängers, Saxofonisten und Gitarristen Rich Stim von MX-80. Der wirkt auf I❤️NY zwar nicht mit, dafür aber seine Bandkollegen Bruce Anderson (git) und Dave Mahoney (dr). Ganz nebenbei steuert Alan Vega „male vocals“ bei.
I❤️NY ist eine Hommage an New York, genauer gesagt an Popmusik aus New York, wobei Angel Corpus Christi sich dabei größtenteils auf die Zeit von etwa 1975 – 1982 und Punk und New Wave beschränkt. 8 Coverversionen von Patti Smith, Richard Hell, 2 x Suicide, The Ramones und Lou Reed solo, The Day John Kennedy Died von The Blue Mask. Dazu einmal Femme Fatale von Velvet Underground aus den 60ern und als wohl ungewöhnlichste Wahl ein Ausschnitt der Filmusik zu Taxi Driver von Bernard Hermann, über die Angel Corpus-Christi einen Monolog des Taxi Drivers Travis Bickle spricht. „All the animals come out at night. Whores, skunkpussies, buggers, queens, fairies, dopers, junkies, sick, venal. Someday a real rain’ll come and wash all this scum off the streets.“
Angel Corpus-Christi hat eine manchmal kindlich-naiv wirkende Stimme, was diesen Covers eine eigenartig unbefangen, unschuldige und distanzierte, kühle Wirkung verleiht. Und: Sie spielt Akkordeon! Das steht in krassem Kontrast zu diesen Stücken, die ja aus einer Zeit stammen, in der NYC alles andere als heimelig war. Nur Theme From Taxi Driver wirkt bedrohlich und unheilschwanger und Here Today, Gone Tommorrow, vielleicht das Stück der Ramones, das im Original am ehesten wie ein Ballade klingt, endet bei ACC in einem Trommelfell zerfetzenden Gitarreningezerre. Und ganz nebenbei: ACC schlüpft hier mit nur einer Ausnahme in die Rolle von männlichen Künstlern.
Ich habe damals ganz gerne Mixtapes mit Taxi Driver begonnen und mit Here Today … beendet. Das kam nicht bei allen Mithörern gleich gut an.
Eigentlich eigenartig, wie Taxi Driver Travis Bickle davon träumt, dass ein großer Regen eines Tages all den „Abschaum“ von den Straßen von NYC spülen wird und wie Lou Reed in The Day … davon träumt, Präsident der USA zu sein und „to do the job, others hadn’t done“ – wobei er sich sehnsüchtig an John F. Kennedy erinnert. Heute bricht auch eine Art von großem Regen über die USA herein.
I❤️NY ist sicher kein Klassiker, eher eine Fußnote, aber eine geistreiche und amüsante Fußnote. Hier wird schon 1985 nostalgisch auf die späten 70er zurückgeblickt – übrigens von San Francisco aus. Mit 8 Tracks und nicht mal 30 Minuten ist I❤️NY etwas kurz. Ich frage mich, was ACC sonst noch hätte covern können: Talking Heads (Life During Wartime), Blondie (X-Offender)? Und wie sähen Hommagen an andere Städte aus? London, Manchester, Berlin, Düsseldorf?
Edit: Hier noch die Geschichte des „I❤️NY“ Logos. In den 1970er Jahren beauftragte (der) Bundesstaat New York (eine) Werbeagentur mit der Entwicklung einer Marketingkampagne, die (…) den Tourismus ankurbeln sollte. (…) New York war damals als Hochburg der Gewalt- und Drogenkriminalität bekannt – während eines Stromausfalls im Jahr 1977 kam es zu großangelegten Plünderungen, die zu rund 4500 Festnahmen führten. Nachdem man sich auf den Slogan geeinigt hatte, erfand der Grafikdesigner Milton Glaser 1975 das hierzu passende, heute weltberühmte Logo auf einer Taxifahrt durch Manhattan. (…) 10 Jahre nach dem Start der Kampagne ließ der Staat New York das Logo markenrechtlich schützen.
Eine schöne Umdeutung dieser Kampagne hat Angel Corpus-Christi da geschaffen.
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