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Originally posted by MitchRyder@3 Jun 2004, 18:26
prince iss nix als ein eitler schnösel
Eitel? Geschenkt. Schnösel? Weiß nicht. Jämmerlich? Jetzt hört aber auf.
„Daß Tolle an Prince ist, daß er sich für keinen Spaß zu schade ist.“ (A. Engelke)
Frankfurter Allgemeine 15.10.02 Concert Review
Auch Sarkasmus kann ein Antrieb sein
Die Welt ist in Schwierigkeiten, doch Pop eine heilende Kraft: Prince, wie er singt und philosophiert, im Frankfurter Konzert
Die vielleicht größte Kunst der Popmusik ist es, den Augenblick zu gestalten ? und in der Erinnerung Ewigkeit werden zu lassen. Über die Jahrzehnte ist diese Kunst in dem Maße verlorengegangen, wie sich die Industrie der Musik bemächtigt und ihr Rituale aufgezwungen hat, die man heute deshalb als konstituitionell zu nehmen bereit ist ? weil keiner es mehr anders kennt. Das Grundmodell funktioniert so: Der Künstler veröffentlicht eine Platte und geht auf Tournee. Im Konzert nimmt das Publikum die neuen Stücke als Preis dafür, die alten Songs wieder zu hören. Und mit jeder weiteren Veröffentlichung wird das eben noch Neue ganz selbstverständlich zum Klassiker ? allein durch den Umstand, dass es nicht mehr ganz neu ist. Billiger als im Pop ist die Aura des Ewigen nicht zu haben. Womöglich ist das die allergrößte Kunst der Musikindustrie.
Prince, der Popstar aus Minneapolis, bei dem zwischen Alt und Neu schon immer alles ganz anders war als bei den anderen, steht auf der Bühne der Frankfurter Festhalle, erste deutsche Station auf einer überraschend angesetzten Tournee, und provoziert die Sehnsucht der Fans nach seinem allergrößten Hit, „Purple Rain“. Als die Rufe dann ertönen, wiegelt er ab. Nein, dieses Stück werde er nicht spielen, das stamme aus den Achtzigern. Jetzt sei 2002. Das Argument leuchtet ein, nicht minder sein unlängst im Interview geäußerter Hinweis darauf, den Zustand der Welt bereits vor zwanzig Jahren in dem Song „1999“ beschrieben zu haben.
Dass er „Purple Rain“ keine zehn Minuten später doch spielt, ist so erstaunlich, wie es das genau nicht ist. Die allergrößte Kunst von Prince ist es seit je, aus dem Selbstreferentiellen unmittelbar Kapital zu schlagen. Die zweite Säule seines Rangs sind musikalische Kompetenz und multiinstrumentale Versiertheit. Prince ist nichts weniger als ein ganz eigener Poporganismus. Er singt, spielt und atmet Musik, stets im Hier und Jetzt und doch immer auch mit jenem Hauch von Unwiederholbarkeit, der im Pop Legendenurfutter ist.
Mit jedem Auftritt gestaltet Prince sein OEuvre neu. Dies ist eigens zu betonen, denn in der Reproduktionsmaschinerie des Pop ist die Neuerfindung eher ein Handwerk, das man nebenbei erledigt. „Purple Rain“ klingt an diesem Abend wie gerade erfunden ? mit krachenden Gitarrensplittern von der Bühne und schwebenden Publikumschören ?, und auch den anderen Hits gewinnt er neue Facetten ab: schneller, höher, bunter. Ein Abend mit Prince ist immer anders aufregend.
Wie groß der Anteil des alten Materials im Konzert ist, spielt keine Rolle. Bei ihm klingt alles neu. Auch das unterscheidet den heute Vierundvierzigjährigen von Madonna oder Michael Jackson, mit denen er anfangs oft verglichen wurde. Künstlerisch hat er die beiden längst hinter sich gelassen. Dass sein Stern unterwegs nie so hell strahlte, liegt womöglich am bizarren Verständnis der eigenen Position in der Musikindustrie, die er notorisch hinterfragt ? dabei hat er sich zuweilen selbst ins Abseits gestellt. Fast die ganzen Neunziger über war er damit beschäftigt, seine Unabhängigkeit von den Strukturen des Popmarkts zu betonen, bis hin zur Preisgabe seines Künslternamens: nichts weniger als auch eine Art künstlerischen Selbstmords. Seine Musik ist dabei eher zu kurz gekommen.
Heute steht er wieder auf der Bühne, als sei nichts geschehen. Er ist neuerlich Prince und nicht mehr die Symbolfigur in der Wüste des Pop, als die er sich selbst zuweilen stilisiert hatte. Dafür ist der Anteil dramatischer Gesten auf der Bühne größer geworden. Die Welt sei in argen Schwierigkeiten, sagt er, und bittet zehn Zuschauer zum Vortanzen aufs Podium. Sie machen ihre Sache ordentlich und müssen dann wieder verschwinden ? ein Volk, eine Liebe, ein Gott. Es ist, als habe Prince inzwischen auch den Sarkasmus als Antriebskraft seines Popuniversums entdeckt, die Ironie fügt seinem Konzert neue dunkle Farben hinzu.
Musikalisch klingt das Disparate wie aus einem Guss. Gospel und Blues, Hardrock und Funk ? alles wird eins und bleibt doch stets ganz besonders. Immer neue Lunten legen die sieben Musiker der „New Power Generation“. Die Songs explodieren in grellen Blitzen. Was bleibt, sind die Melodien. Ihre eigentliche Schönheit ist erst im Nachklang zu erkennen. Sie ähneln Adern in der Unendlichkeit des Nachthimmels.
MfG
Anachronist
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Die eigene Schönheit verblasst immerzu im Angesicht der Schönheit der Geliebten.