The Necks – minimal jazz from down under

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  • #89749  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

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    die notorisch unklassifizierbaren, sich aber seit 1987 unbeirrbar treu beibenden necks sind ein ursprünglich aus sydney stammendes trio. chris abrahams spielt klavier, orgel, synthesizer. lloyd swanton ist bassist, tony buck im wesentlichen drummer, manchmal spielt er aber auch zusätzlich gitarre. alle drei sind eine art exzellenzcluster der australischen musikszene, alle drei haben – auch unabhängig voneinander – spuren im jazz, in der popmusik (swanton bei sting, abrahams u.a. bei midnight oil), in der filmszene (diverse soundtracks) hinterlassen. der recht verschrobene abrahams hat daneben einige ziemlich experimentelle solo-alben veröffentlicht, tony buck, der auch in japan und in den niederlanden gelebt hat, kennt man auch aus härteren musikrichtungen zwischen noise und industrial, dazwischen gab es aber auch immer vergleichsweise konventionelle jazzengagements (mit thomas borgmann, johannes bauer, tobias delius usw.). swanton spielt in klassischen jazzformationen, macht immer wieder auch solokonzerte und ist ein gefragter session-musiker.

    da ein großteil der australischen freien jazzszene um das NOWnow-festival mittlerweile in berlin lebt (buck, abrahams ist zumindest häufig hier) und sich locker mit der echtzeitmusik-szene verbunden hat, sind die necks längst kein australisches regionalprodukt mehr. leider gab es allerdings in den letzten jahren nur einen einzigen auftritt der band in berlin.

    das konzept der necks scheint simpel, allerdings nur auf den ersten blick. live spielen sie, soweit ich weiß, immer zwei ca. einstündige sets, deren anfangsmotiv unabgesprochen von einem der drei gesetzt wird, um dann in einer einzigen bewegung weiterentwickelt zu werden. die entwicklungen passieren dabei fast unmerklich, die jeweiligen techniken, motive, effekte werden kaum variiert, vielmehr unendlich oft wiederholt, was natürlich immer wieder vergleiche zur amerikanischen minimal music, aber auch zu ambient etc. provoziert. es gibt aber dabei deutliche unterschiede – manchmal gehen sie von riffs aus, manchmal wird sogar ein beat gesetzt, manchmal bleibt auch alles im bereich der freien improvisation. ungefähr ein drittel aller necks-alben sind dokumente einzelner live-sets, ohne postproduktive veränderungen, schnitte etc.

    die studioalben dagegen funktionieren oft anders. hier wird durchaus mit overdubs gearbeitet, manchmal wird sessionmaterial nach macero-vorbild zu einem stück zusammengebaut, manchmal, wenn auch selten, wird sogar die 60-minuten-trackstruktur aufgegeben. das aufregende daran ist, dass man meistens im voraus weiß, was man bei einem necks-konzert oder -album bekommt, andererseits sind es aber auch die vielen unterschiede zwischen den einzelnen aufnahmen, die einen zusätzlichen reiz ausmachen.

    fängt an wie IN A SILENT WAY, bleibt die volle stunde auf rock, unter schimmernden orgelflächen, die hyperaktiven drums sind irgendwann im breakbeat gelandet, einiges los, auch overdubs, postproduktion – am ende verzerrte mwandishi-keyboard-blasen und immer lautere stille dazwischen. der vielleicht aufwendigste minimalismus dieser band. HANGING GARDENS (1999)

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    #9096921  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

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    meine liebste. ein live-set diesmal, 1996, fängt äußerst ruhig und modal an, 4 töne bass,2 akkorde, tony buck nur auf den becken, abrahams steigt am dringendsten aus aus dem minimalismus, deckt immer mehr zu, am ende fast eine stockhausen-etüde, bass & drums finden dazwischen einen unglaublichen groove (irgendwas zufällig karibisches), nach den 55 minuten kapiert man wirklich überhaupt nicht mehr, wie sie von a nach b gekommen sind, „yet, the listener barely senses the movement — simply stunning“ (couture, allmusic). meine 50nach1970er liste muss überarbeitet werden, nicht nur deshalb.

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    #9096923  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,795

    das debüt, 1989. für die 1-studen-stücke der necks musste die cd erfunden werden. das ist hier geradezu unverschämt, ein bassriff aus 2 tönen, nur ein akkord. einzelne piano-motive, als overdubs, immer wieder kehrend. nach 20 minuten ein poppiges hauptmotiv. nach weiteren 10 minuten wird es etwas dichter, ein paar schlagzeug-overdubs, der bass hat nur das riff und ein paar hinzugefühte streichakzente. nichts entwickelt sich, im medium swing reichert sich ein bisschen material an, das aber kaum neue impulse setzt. nach spätestens 50 unsexy minuten ist man in trance.

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    #9096925  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,795

    dieses ding ist wirklich unglaublich. 2007, live, im kleinen australischen townsville aufgenommen. kein riff diesmal. swanton fängt an, fast vorsichtige figuren, die irgendwann zu einem zweiton-motiv werden. buck nur (die gesamten 50 minuten) auf den becken, flexible time, ent- und beschleunigend. abrahams spielt die ganze zeit nur arpeggien, ausschließlich in dur. wie sich die unmerklich verändern, kann ich nicht beschreiben. erster höhepunkt in minute 24, wenn swanton vom bogen zu einem gezupften motiv übergeht, als sei all das vorher nur ein intro gewesen. irgendwann wabert es nur noch, buck mit schellen und geöffneter hi-hat, abrahams mit durchgetretenem pedal, swanton streicht. und endlich, in den letzten fünf minuten, geht das klavier ins dissonante, schwebt die ganze band ins vollkommen ungreifbare – und hört auf.

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    #9096927  | PERMALINK

    atom
    Moderator

    Registriert seit: 10.09.2003

    Beiträge: 20,385

    Danke für deine Höreindrücke, vorgarten. Ich habe immer mal wieder über die Band gelesen und bin regelmäßig im ReR-Katalog über sie gestolpert – habe bisher aber noch nichts von ihnen gehört. Das werde ich nun ändern.

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    Hey man, why don't we make a tune... just playin' the melody, not play the solos...
    #9096929  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,795

    CHEMIST (2006) funktioniert auf mehreren ebenen sehr anders als andere necks-alben. 3×20 minuten statt 1×60, aber das ist es nicht nur. in die drei tracks sind bewegungen eingearbeitet, die stark „produziert“ wirken, denen die brenzligkeit, das risiko eines live-ausgesetztsein fehlen. in nr.1, „fatal“, nervt mich plötzlich das ewige arpeggio von abrahams, es geht nirgendwo hin, es illustriert nur. der ungerade beat von buck ist zu langweilig für pop und jazz gleichermaßen. in „buoyant“ funktioniert die necks-magie aber wieder, auch wenn die elektronischen zirp-effekte und die langsame steigerung bis zum einsatz der drums (in der 13. minute) ganz offensichtlich nicht „live“ sind. das auseinander fliegende „abillera“ ist auch schön, nicht sehr kommunikativ, aber den schrullen der drei spieler angepasst. wo so ein album hinwill, wo es einsortiert werden mag, ist ein bisschen unklar; für mich ist das fast wie von einer anderen band.

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    #9096931  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,795

    atomDanke für deine Höreindrücke, vorgarten. Ich habe immer mal wieder über die Band gelesen und bin regelmäßig im ReR-Katalog über sie gestolpert – habe bisher aber noch nichts von ihnen gehört. Das werde ich nun ändern.

    ja, mach mal. wie ich das einschätze, würde sich das für einige hier lohnen. als gute einstiegsdroge gilt das oben beschriebene PIANO BASS DRUMS.

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    #9096933  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 61,835

    Danke auch von meiner Seite! Irgendwie haben mich The Necks auf Konserve bisher nie recht gepackt (ein Versuch ist längst mal wieder fällig), aber das eine Live-Konzert, das ich hören konnte, war grandios! Ich würde sofort wieder hin … wenn ich mir das ausführliche Tour-Programm auf ihrer Seite anschaue sehe ich, dass sie öfter in der Schweiz sind und dass ich nach dem Gig von 2001 (die zweite Gruppe war Supersilent – was für ein Abend! wer zuerst spielte, weiss ich gar nicht mehr, ich glaub The Necks am Schluss) noch einen in Zürich verpasst habe – schade! 1998, als sie auch schon hier spielten, kannte ich sie noch nicht.

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #133: Revivals in den 90ern und eine Neuheit aus der Romandie - 14.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: tba
    #9096935  | PERMALINK

    gastrisches_greinen

    Registriert seit: 19.09.2005

    Beiträge: 2,471

    Sehr schöne Beschreibungen, vorgarten, ich höre die Alben der Australier auch gerade wieder mit viel Freude. Absolutes Lieblingsalbum ist das Live-Box-Set Athenaeum, Homebush, Quay & Raab – gerade das sich zu stürmisch-rasantem Drive aus einem winzig kleinen, allmählich ins Dissonante kippenden Motiv hocharbeitende „Raab“ finde ich unglaublich. Dicht gefolgt auf dem zweiten Platz läge wohl Piano, Bass, Drums, sicher auch der beste Einstieg in das Werk des Trios, aber eigentlich ist alles, was ich von ihnen gehört habe, ähnlich faszinierend. Chemist kenne ich noch nicht und nur das stilistisch sehr aus der Diskographie der Band herausfallende Next ist mit seinen kürzeren, teilweise funkigen Stücken, auch für mich nicht ganz auf der Höhe der anderen Alben.

    #9096937  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,795

    gypsy tail windIrgendwie haben mich The Necks auf Konserve bisher nie recht gepackt (ein Versuch ist längst mal wieder fällig), aber das eine Live-Konzert, das ich hören konnte, war grandios!

    ja, mein einziges konzert, 2011 in der wabe (friedrich war auch dabei), war auch toll. erst heute habe ich mir tickets für das maerz-musik-konzert bestellt.
    das mit der konserve würde ich an deiner stelle nochmal überprüfen – vor allem die HANGING GARDENS sind, mit ihren ganzen overdubs und soundschichten, wirklich hypnotisch.

    gastrisches_greinenSehr schöne Beschreibungen, vorgarten, ich höre die Alben der Australier auch gerade wieder mit viel Freude. Absolutes Lieblingsalbum ist das Live-Box-Set Athenaeum, Homebush, Quay & Raab – gerade das sich zu stürmisch-rasantem Drive aus einem winzig kleinen, allmählich ins Dissonante kippenden Motiv hocharbeitende „Raab“ finde ich unglaublich. Dicht gefolgt auf dem zweiten Platz läge wohl Piano, Bass, Drums, sicher auch der beste Einstieg in das Werk des Trios, aber eigentlich ist alles, was ich von ihnen gehört habe, ähnlich faszinierend. Chemist kenne ich noch nicht und nur das stilistisch sehr aus der Diskographie der Band herausfallende Next ist mit seinen kürzeren, teilweise funkigen Stücken, auch für mich nicht ganz auf der Höhe der anderen Alben.

    ATHENAEUM… habe ich neu hier liegen und freue mich jetzt sehr darauf, sie einzulegen! NEXT mag ich ja tatsächlich sehr gerne, finde aber auch, dass sie sehr rausfällt. schön, dass es hier noch andere fans gibt!

    --

    #9096939  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 4,229

    vorgarten

    das ist hier geradezu unverschämt, ein bassriff aus 2 tönen, nur ein akkord. (…) nach spätestens 50 unsexy minuten ist man in trance.

    Liest sich so, als müsste ich das unbedingt hören.

    vorgartenja, mein einziges konzert, 2011 in der wabe (friedrich war auch dabei), war auch toll.

    Ja, das war toll und ich habe es noch in angenehmer Erinnerung. Und die Wabe: der einzige Veranstaltungsort, den ich von zu Hause aus zu Fuß innerhalb von 5 Minuten erreichen kann. Nicht alles in der DDR war schlecht. ;-)

    vorgartenerst heute habe ich mir tickets für das maerz-musik-konzert bestellt.
    (…)

    Das wäre eine Option …:roll:

    Ich habe und kenne von The Necks als Konserve nur AETHER. Mal abwarten, was Du dazu schreibst.

    --

    "I said a hip-hop, the hippie, the hippie / To the hip, hip-hop and you don't stop the rockin' / To the bang-bang boogie, say up jump the boogie / To the rhythm of the boogie, the beat" (The Sugarhill Gang)
    #9096941  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,795

    Friedrich
    Ich habe und kenne von The Necks als Konserve nur AETHER. Mal abwarten, was Du dazu schreibst.

    AETHER ist natürlich ein klassiker. das habe ich mir für den schluss aufgehoben.

    --

    #9096943  | PERMALINK

    blues-to-bechet

    Registriert seit: 09.09.2012

    Beiträge: 860

    Klingt spannend, danke für die Vorstellung. War mir bisher alles unbekannt, werde mal ein Ohr riskieren!

    --

    Bald in diesem Theater: - BtBs Top 100 Filme - Top 100 des Barock
    #9096945  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,795

    zum ersten und bisher einzigen mal: the necks on vinyl. 2×22 minuten. zwei harte bretter, zumindest das erste von anfang an, „rum jungle“. bass-ein-ton-attacke, dazu zwei gegeneinanderlaufende rhythmen. nach ein paar minuten erst steigt das klavier ein, cluster im tieftonbereich. das bleibt so, wird dichter, man hört harmonien, sobald das klavier höher geht, es verwischt sich aber auch alles ineinander, aus der attacke wird ein schwebendes ungefähres. warum interessiert mich das in seiner wüstheit die volle albumseite? auf der anderen, „daylights“ heißt das stück, klingt alles zunächst nach gegenposition, es zirpt elektronisch, das klavier klingt präpariert, dann nach e-piano. dem bass genügt ein einziger ton. nach sieben minuten, also einem drittel, ein komplexer, gegenläufiger swing der drums. auch hier kommen spuren dazu, immer mehr, immer flächiger, immer verzerrter. zum zweiten mal wird eine wand hochgezogen, gegen die man fortwähend geworfen wird. stillstand der vorwärtsbewegung. funktioniert alles auch ohne große bögen großartig. tolle platte. von 2011, die vorletzte.

    --

    #9096947  | PERMALINK

    travis-bickle

    Registriert seit: 30.06.2007

    Beiträge: 7,532

    Vielen Dank für diesen thread, vorgarten. The Necks habe ich nie bewusst wahrgenommen, aber nach den interessanten Texten oben habe ich mir heute spontan „Sex“ bestellt. Bin gespannt.

    --

    When shit hit the fan, is you still a fan?
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