Pharoah Sanders

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  • #11886085  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

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    vorgarten

    Even as Sanders is reaching dizzying heights of rapture and dissonance—even, perhaps, as he is most closely apprehending the elusive something he sought—it is still possible to hear his roots as an R&B player and a guy who saw music as a means to keep food on the table, as well as a route toward holiness.

    alan cush demystifiziert sanders in seinem sehr lesenswerten nachruf für pitchfork ein wenig, kriegt aber trotzdem zu fassen, was man das besondere nennen könnte.

    Interessant fand ich, dass sich Sanders von Umweltgeräuschen inspirieren ließ ( “I listen to the waves of the water. Train coming down. Or I listen to an airplane taking off.”), so wie es auch Don Van Vliet/Beefheart tat. Van Vliet war ja sehr vom Freejazz beeinflusst, von Ayler und Dolphy besonders. Dolphy hat ja auch mal erwähnt, er würde sich an Tierlauten (z.B. Vögeln) orientieren. Beefheart erwähnte ebenfalls mal, er würde statt eines Menschen eher eine Gans als Vorbild nennen (als er passenderweise gefragt wurde, ob ihn Dolphy beeinflusst hätte). Interesssant auch, dass Sanders wie Ayler aus dem R&B kamen, dann in den 60ern ihren Fire-Stil fanden, später dann aber wieder teilweise in dieses Terrain zurückfanden. Was bei Ayler dann zu ziemlich verheerenden Kritiken führte. Zu Unrecht, wie ich finde. Du @vorgarten hast ja mal eine schöne, ausführlich kommentierte Diskographie von Sanders hier nach und nach eingestellt. Das allermeiste von Sanders kenne ich nicht, aber von seinen späteren Sachen habe ich in letzter Zeit zumindest „Rejoice“ und „Jouney To he One“ und „Kabsha“ (Idris Muhammad) gerne gehört. Wirklich schöne Alben. Das letzte Album, zusammen mit Floating Points, hat ihm dann ja nochmal einen Schub versetzt, der ihm wieder neue Hörer erschlossen hat. Fand ich sehr beeindruckend, auch wenn es sich etwas zog, nachdem die ersten Hördurchgänge durch waren. „Pharoah & The Underground“ auf clean feed habe ich auch noch hier stehen. Hat aber keinen besonderen Eindruck gemacht. „Izipho Zam“ fand ich auch gut, das war eher wieder der alte feuernde Sanders. Länger nicht gehört.

    Was mir irgendwann auffiel: Jazz, der sich an seiner spirituellen Vergangenheitszukunft orientiert, ist mit den normalen Veröffentlichungsprozessen ‚großer‘ Plattenlabel überhaupt nicht zu greifen. Es gibt weder eine gradlinige Stringenz in der künstlerischen Entwicklung (weil eben die ständige Veränderung und ein ständiges Suchen nach Ausdruck nie linear verläuft) noch in der Veröffentlichungspolitik. Es gibt kaum wirklich in sich abgeschlossene „Alben“, eher Schnappschüsse von Phasen, die später noch mit einer teilweise unübersichtlichen Menge an zusätzlichem Material aus der Zeit verschränkt werden. Das Material teilweise unter kuriosen Umständen aufgenommen (wie die Aufnahmen Aylers in Stockholm, wo ständig ein betrunkener Student im Publikum mit- bzw. eher gegenpfeift). Ich finde das total faszinierend, weil es so vieles einfach offen lässt, anstatt sich in einer Wohlgeordnetheit der Welt einzukuscheln. Bei Sanders waren es die im Nachhinein zugänglich gemachten Coltrane-Aufnahmen „Live In Japan“, die mir klar machten, was man unter den Oberflächen der ‚offiziellen‘ Veröffentlichungen noch alles so entdecken kann. Und Sanders kann einen auf „Live In Japan“ wirklich in Stücke spielen.

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    #11886111  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 10,558

    danke für deine gedanken, @wahr. bei mir läuft da sehr viel zusammen oder auch auseinander, ich habe sanders, der mich unendlich fasziniert, nie zu greifen bekommen, was ich aber auch nicht schlimm finde. letztlich gibt es ja wenige punkte, die man als jemand, der in den 70ern in westdeutschland geboren wurde, an erfahrungen und lebensweltlichen anschauungen mit jemandem wie sanders teilt. was für ihn wichtig war, was unwichtig, kann man ja im interview nachlesen, er stellt sich ja überhaupt nicht auf die gleiche stufe wie die coltranes, aber er kann sich auch nicht an seine mitmusiker in der anfangszeit erinnern. es gibt die suche nach dem sound (und ich finde ja, er hat einen der schönsten tenor-sax-sounds in der jazzgeschichte, aber er meint natürlich was anderes), dann gab es aber auch immer die suche nach den heißen, herausfordernden rhythm sections (was am besten ende der 70er und in den 80ern geklappt hat), und es gibt – und das ist glaube ich sehr wichtig – die „communal melodies“, sein spiel für eine ganz bestimmte community, die legendären auftritte im east-club, letztlich steckt in seiner musik auch immer die aufforderung, sie gemeinschaftlich zu teilen, mitzumachen.

    wann und warum da jeweils die popkultur angedockt hat, zeugenschaft coltranes & jazz&hiphop-kooperationen (90er), spiritual jazz (ab den nullern), ist da fast äußerlich. und wie schreibt sich da das musikbusiness ein… sanders hatte seit 1974 keinen festen plattenvertrag mehr, ist aber bis kurz vor seinem tod unermüflich aufgetreten (es gab keine phase der pause, des rückzugs, soweit ich das sehe).

    mein ding, das kristallisiert sich bei mir so in den letzten jahren heraus, ist eher das, was die free&spiritual-leute ab mitte der 70er gemacht haben, die tighten trios und quartette, die losen postbop-harmonien, die eigene handschrift & energie von leuten wie sanders, shepp, adams/pullen, aber auch der alice coltrane von TRANSFIGURATON und dem comeback-album. darin höre ich eine große eigenständigkeit, in der souveränität, wie man was baut und belastet, manchmal einreißt, wieder zusammensetzt usw. das ist aber eine spezifische kulturleistungen von afroamerikanischen jazzern, die die entwicklungen und communities ende der 60er, anfang der 70er miterlebt haben. und da verstummt gerade leider sehr vieles.

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    #11886173  | PERMALINK

    wahr

    Registriert seit: 18.04.2004

    Beiträge: 13,305

    vorgartendanke für deine gedanken, @wahr. bei mir läuft da sehr viel zusammen oder auch auseinander, ich habe sanders, der mich unendlich fasziniert, nie zu greifen bekommen, was ich aber auch nicht schlimm finde.

    Ja, finde ich auch gar nicht schlimm, wenn etwas nicht in den Griff kommt. Eher im Gegenteil. Eben ein unendlich unabgeschlossenes Entwicklungskapitel. Eigentlich der Idealzustand künstlerischen Schaffens.

    vorgartenletztlich gibt es ja wenige punkte, die man als jemand, der in den 70ern in westdeutschland geboren wurde, an erfahrungen und lebensweltlichen anschauungen mit jemandem wie sanders teilt. was für ihn wichtig war, was unwichtig, kann man ja im interview nachlesen, er stellt sich ja überhaupt nicht auf die gleiche stufe wie die coltranes, aber er kann sich auch nicht an seine mitmusiker in der anfangszeit erinnern.

    Wahrscheinlich ist es für einen jungen Mann auch schwer, die eigenen Fähigkeiten einzuschätzen, besonders wenn man von einem etablierten, berühmten und hochgeschätzten Saxofonisten zur Zusammenarbeit eingeladen wird. Sanders hatte ja eine gute Strategie, sich als Gegenpart zu Coltrane, als Reibefläche zu verstehen. Ich lese aus dem Interview auch raus, dass er bestrebt war, immer zu spielen, sich also Leute gesucht hat, mit denen er sich das vorstellen konnte („Leute mit Energie“ z.B.), und daraus ist dann etwas „passiert“.
    Es gibt in der Musik ja immer sowohl den sozialen Aspekt, unter dem sie entsteht und es gibt den Aspekt, dass die Musik davon freigelassen wird, wenn sie auf Ohren trifft, die einen anderen kulturellen Background haben. In dem Moment, wo Musik entsteht, entzieht sie sich auch ein Stück weit der Kontrolle ihrer Macher. Kann als Folie für Menschen dienen, die ein ganz anderes Leben führen, so wie du oder ich eben mit bundesrepublikanischem Background der 70er/80er Jahre. Wichtig finde ich dann eben, nicht dabei stehenzubleiben, die Musik ausschließlich auf die eigene Welt zu beziehen, sondern sich irgendwann auch damit zu beschäftigen, wo sie herkommt und wie sie heute gehört werden kann. Ich finde, das machst du ja in vielen Kommentaren hier auf vorbildliche Weise.

    vorgarten es gibt die suche nach dem sound (und ich finde ja, er hat einen der schönsten tenor-sax-sounds in der jazzgeschichte, aber er meint natürlich was anderes), dann gab es aber auch immer die suche nach den heißen, herausfordernden rhythm sections (was am besten ende der 70er und in den 80ern geklappt hat), …

    Ja, die Suche nach dem Sound oder „Ton“. Ich lese das sehr häufig gerade in der Biografie zu Albert Ayler von Peter Niklas Wilson (Spirits Rejoice), wo Zeitgenossen, die Ayler gehört haben, besonders den lauten, ungewöhnlichen Ton seines Stils erwähnen. Ton/Sound ist wichtig. Er muss nicht schön sein, aber er muss etwas transportieren. Dieser besondere, raue Ton, den ich auch bei Pharoah Sanders höre (nur eben ganz anders), der ist es wohl auch, der sie als Rollenmodell für einige Punk/NoNY-Sachen so interessant gemacht hat. Es schwingt auch noch was anderes mit, was man erreichen will, wenn man nach einem „Sound“ sucht, was gar nicht notwendigerweise mit dem Instrument zu tun hat (weswegen ja gerne auch versucht wird, über die Grenzen des Instruments hinaus zu gehen): Sich selbst, etwas Universelles, etwas Soziales.

    vorgartenund es gibt – und das ist glaube ich sehr wichtig – die „communal melodies“, sein spiel für eine ganz bestimmte community, die legendären auftritte im east-club, letztlich steckt in seiner musik auch immer die

    aufforderung, sie gemeinschaftlich zu teilen, mitzumachen.

    Den Begriff der communal melodies kenne ich nicht, finde ihn aber sehr schön und nachvollziehbar. Was hat Sanders denn im East-Club gespielt? Mit welchem „Ton“ wollte er die Community stärken?

    vorgartenwann und warum da jeweils die popkultur angedockt hat, zeugenschaft coltranes & jazz&hiphop-kooperationen (90er), spiritual jazz (ab den nullern), ist da fast äußerlich. und wie schreibt sich da das musikbusiness ein… sanders hatte seit 1974 keinen festen plattenvertrag mehr, ist aber bis kurz vor seinem tod unermüflich aufgetreten (es gab keine phase der pause, des rückzugs, soweit ich das sehe).

    Das hat sicher auch mit den Notwendigkeiten zu tun, immer noch für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Wie es im Interview mit dem New Yorker (danke für den Link zum Interview @gypsy-tail-wind!): he speaks of himself – and seems to sincerely regard himself—as just another working musician trying to make a living.

    vorgartenmein ding, das

    kristallisiert sich bei mir so in den letzten jahren heraus, ist eher das, was die free& spiritual-leute ab mitte der 70er gemacht haben, die tighten trios und quartette, die losen postbop-harmonien, die eigene handschrift & energie von leuten wie sanders, shepp, adams/pullen, aber auch der alice coltrane von TRANSFIGURATON und dem comeback-album. darin höre ich eine große eigenständigkeit, in der souveränität, wie man was baut und belastet, manchmal einreißt, wieder zusammensetzt usw. das ist aber eine spezifische kulturleistungen von afroamerikanischen jazzern, die die entwicklungen und communities ende der 60er, anfang der 70er miterlebt haben. und da verstummt gerade leider sehr vieles.

    Das kann ich verstehen. Gerade diese Souveränität ist manchmal besser zu hören – zumindest aber bei häufigeren Gelegenheiten – als der reine Sturm, aus dem sie erwachsen ist. Ich finde, dass man den Sturm durchaus als Echo oder auch mal als Zitat eigentlich immer noch mithört, eben auch bei späteren Sanders-Aufnahmen wie „Rejoice“. Er gehört dazu, weil er ein Teil dessen ist, ohne den es die Souveränität gar nicht geben würde.

    vorgartenund da verstummt gerade leider sehr vieles.

    Ja, diejenigen, die die communities damals mitgestaltet haben, kommen eben so langsam ins Alter … Ob sich andere communities gerade aufbauen, oder sich in den letzten Jahren aufgebaut haben, kann ich nicht beurteilen. Ich sehe da ein bisschen was in der Richtung bei den Leuten um International Anthem, aber inwiefern das wirklich so ist, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob da viel in Richtung socal community passiert oder sich eher auf musikalische Netzwerke beschränkt.

    #11886205  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 10,558

    wahr
    Den Begriff der communal melodies kenne ich nicht, finde ihn aber sehr schön und nachvollziehbar. Was hat Sanders denn im East-Club gespielt? Mit welchem „Ton“ wollte er die Community stärken?

    danke noch mal für das gespräch, was auch ein bisschen die lücke füllt, die hier und anderswo entsteht, wenn man nur nachrufe liest und solch ein thread aus traurigem anlass wieder hochgespült wird.

    „communal meodies“ ist aus dem pitchfork-nachruf, fand ich auf anhieb einleuchtend, obwohl diese momente auf sanders-konzerten (tänzchen, mitklatschen, mitsingen) immer etwas befremdlich wirkten, weil: andere community…

    über sanders im east hatte ich am samstag das hier gelesen, fand ich heute morgen nicht wieder, jetzt habe ich aber nochmal vernünftig gesucht. das sind schon wichtige kontextbeschreibungen, durch die man lernt, wo solch eine musik „eigentlich“ zuhause ist (was ich jetzt natürlich nicht so essenzialisieren will). die aufnahmen zu dem album (LIVE AT THE EAST) sind ja ein bisschen unklar, deswegen habe ich nochmal recherchiert.

    wahr
    Ja, diejenigen, die die communities damals mitgestaltet haben, kommen eben so langsam ins Alter … Ob sich andere communities gerade aufbauen, oder sich in den letzten Jahren aufgebaut haben, kann ich nicht beurteilen. Ich sehe da ein bisschen was in der Richtung bei den Leuten um International Anthem, aber inwiefern das wirklich so ist, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob da viel in Richtung socal community passiert oder sich eher auf musikalische Netzwerke beschränkt.

    ganz sicher passiert da was – und bestimmt auch viel, was sich nicht in aufnahmen und auf konzerten in europa abbildet – und ich habe auch den eindruck dass heutige communities frühere recherchieren, schauen, was auch heute für sie daran noch produktiv ist. und es braucht ja immer utopien. aber das sind jetzt sonntagsreden ;-)

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