Das Piano-Trio im Jazz

Ansicht von 15 Beiträgen - 1,201 bis 1,215 (von insgesamt 1,217)
  • Autor
    Beiträge
  • #12592413  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 69,788


    Hampton Hawes / Cecil McBee / Roy Haynes – Live at the Jazz Showcase in Chicago Volume One & Volume Two | Gestern Community Musik aus New York in L.A., heute Community Musik aus L.A. in Chicago 1973 (Vol. 1 vom 10. Juli, Vol. 2 vom Juni) … McBee ist zu laut aufgenommen und manchmal sehr dominant (gern grad dann, wenn er nicht so spannendes Zeug spielt), Haynes klingt nicht so knackig wie üblich, spielt dafür ständig tolles Zeug, die Stimmung ist super, Hawes – zu leise aufgenommen – wirkt von der ungewöhnlichen Band ziemlich inspiriert. Beide Volumen öffnen mit Ansagen von Joe Segal, auf Vol. 1 (1981 erschienen) gibt es eine Dreiviertelstunde, drei lange Tracks und ein kürzeres „St. Thomas“ (Haynes top, McBee leider eher flop) zum Ausklang. „Stella by Starlight“ beginnt mit einem langen Solo-Intro, „Bluebird“ (Parker) und „Spanish Moods“ (Hawes) sind dann beide sehr toll. Vol. 2 (erst 1898 nachgereicht) enthält über eine Stunde Musik, zum Einstieg ein 26minütiges Medley aus „Blue Bird“ und „Blue Hamp“ (Hawes), zum Ausklang ein sechzehnminütiges, etwas mäanderndes „Spanish Mood“, obwohl der Groove am Anfang hervorragend sitzt (ich übernehme die unterschiedlichen Schreibweisen von den CDs). Dazwischen gibt es „My Funny Valentine“, „Walking Around the Town“ (von Hawes, der sich hier auch als Sänger versucht, wobei er sich im Voraus für seine Stimme entschuldigt, und er hat leider recht – acht Minuten, die sich ziehen, aber irgendwie doch Charme haben), „The Shadows [sic] of Your Smile“ und den „Carson Blues“ (Hawes, eine Miniatur von weniger als zwei Minuten). Das ist viel Musik und das Trio wirkt nicht ganz so inspiriert wie auf dem ersten Album – aber das ficht Hawes nicht an, der schon im öffnenden Parker-Blues ein tolles Solo vorlegt.

    Ein wenig bin ich beim heutigen Wiederhören über McBee (den ich grundsätzlich sehr mag) enttäuscht – man merkt es. Die halbe Zeit schlittert er irgendwie auf dem Fingerbrett herum, trifft dann schon den Ton wieder, aber walkt dann einfach mässig inspiriert vor sich hin, ständig in der hohen Lage, wo er Hawes auch manchmal in die Quere kommt. Tiefe Töne streut er eigentlich nur für den Effekt ab und zu ein – oder im Solo, da steigt er plötzlich auch mal für einen Moment hinab in die Tiefe. Vielleicht hätte er an dem Abend lieber ein Cello gehabt?

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    Highlights von Rolling-Stone.de
    Werbung
    #12592541  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 69,788

    Sir Charles Thompson – Hey There ! | Bei den Franzosen braucht’s einen Leerschlag vor dem Ausrufezeichen … und dieses ist hier durchaus verdient. Thompson spielt auch mal unbegleitet mit Rag und Boogie Anklängen, aber die meiste Zeit sind Major Holley und Ed Thigpen dabei. Aufgenommen wurde am 25. und 27. März 1974 im Barclay Studio in Paris. Möglich, dass der Motor da und dort gar zu geölt läuft, aber alles in allem ist das ein echt schönes Album, das den Veteranen gut gelaunt im gern „Mainstream“ genannten Zwischengebiet zwischen Swing und Bop, altem, älterem und auch etwas neuerem Jazz präsentiert – mit klarer Tendenz zum schnörkellosen Swing. Toll ist der Opener, eine ziemlich lange Version von „Gee Baby Ain’t I Good to You“, danach folgen auf Seite 1 das „Russian Lullaby“, der erste unbegleitete Blues („Everybody Blues“), und ein kurzer Romp über „It’s Almost Likke Being in Love“. Highlights sind dann wieder die ersten zwei Stücke der zweiten Plattenseite, „Poor Butterfly“ und Wild Bill Davis‘ „Stolen Sweets“. Meistens bleibt Thompson gradlinig und eben: schnörkellos, aber da und dort brechen Läufe aus ihm heraus, die verraten, dass er seinen Tatum gehört hat. Das Titelstück steht am Ende, nach dem „Blues for Bonte“, dem zweiten Solo-Stück.

    Die vier Bonustracks – ein Alternate Take vom „Everybody Blues“ (oder „Everyday Blues“?) sowie „Robbins‘ Nest“ ebenfalls als Solo-Stück, dazu drei im Trio-Stücke: „Strange Hour“, „Bernie’s Tune“, „Bop This“ – packten die Franzosen allesamt auf das Reissue sowohl von „Hey There!“ wie auch auf jenes von „Just Friends“, das Thompson 1979 an der Orgel im Duo mit dem Drummer Ronnie Coles eingespielt hat, das aber erst 1939 erschien (gab’s öfter bei Black & Blue, dass auf der ersten CD eines Künstlers einfach noch Bonustracks beigegeben wurden, als 1997 oder so das frz. Reissue von „Hey There!“ folgte, wurden die Bonustracks halt erneut beigefügt und mit dem Rest der Session, von der sie stammten, vereint). Die Japaner packten „Robbin’s Nest“ ans Ende von „Hey There!“ und die vier anderen Stücke seltsamerweise bloss auf „Just Friends“, wo sie echt nicht hingehören … jedenfalls gibt es beim Bonusmaterial mit „Robbins‘ Nest“, das Thompson zusammen mit Illinois Jacquet komponiert hat, und seinem eigenen „Bop This“ sowie „Bernie’s Tune“ mehr modernen Jazz als auf dem eigentlichen Album, das ist also keine unerhebliche Erweiterung des Programms – ich vermute mal, man liess die moderneren Stücke bewusst weg, weil sie das Programmieren des Albums erschwert hätten.

    Und velleicht auch ganz gut, dass ich das nicht im etwas gedrängten ersten Durchlauf hörte, wo ich aus dieser Ecke so einiges weggelassen habe, was jetzt auf dem nochmal ordentlich hoch gewordenen Stapel liegt. Und klar: die Rollenverteilung ist hier komplett traditionell … auch wenn Thigpen mehr noch als Holley auch anders konnte, passen sie perfekt in so einem Rahmen. Auch „Strange Hour“ ist ein echt schönes Thompson-Stück, auf dem Thigpen eine ziemlich tolle Begleitung trommelt. Überhaupt ist Thigpen auf den drei Trio-Bonustracks so aktiv wie sonst kaum.

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12592681  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

    Registriert seit: 02.12.2013

    Beiträge: 56,976

    gypsy-tail-wind Hampton Hawes / Cecil McBee / Roy Haynes – Live At The Jazz Showcase In Chicago Volume One & Volume Two  .… McBee ist zu laut aufgenommen und manchmal sehr dominant …. Haynes klingt nicht so knackig wie üblich …. Ein wenig bin ich beim heutigen Wiederhören über McBee (den ich grundsätzlich sehr mag) enttäuscht – man merkt es. Die halbe Zeit schlittert er irgendwie auf dem Fingerbrett herum, trifft dann schon den Ton wieder, aber walkt dann einfach mässig inspiriert vor sich hin, ständig in der hohen Lage, wo er Hawes auch manchmal in die Quere kommt. Tiefe Töne streut er eigentlich nur für den Effekt ab und zu ein – oder im Solo, da steigt er plötzlich auch mal für einen Moment hinab in die Tiefe. Vielleicht hätte er an dem Abend lieber ein Cello gehabt?

    Ich kann diese doch ambivalenten Eindrücke sowohl bezüglich Cecil McBee als auch Roy Haynes nachvollziehen, die an und für sich vielsprechende Kombo vollzieht über weitere Strecken einen Routineauftritt, welcher eher Arbeitszeitgrenzen im Auge zu haben scheint als Grenzüberschreitungen in der Interaktion …. dies ist natürlich sehr schade, denn soviel Qualitätsmaterial des späte(re)n Hampton Hawes gibt’s ja leider nicht ….

    --

      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #12593017  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

    Registriert seit: 02.12.2013

    Beiträge: 56,976

    Duke Jordan Trio „Jordu“ (SteepleChase) 1975/1990 …. der „Bop Veteran“ erlebte nach einem Jahrzehnt „im Nebel“ ein künstlerisches Frühlingserwachen in Dänemark …. die frühen Aufnahmen für Steeplechase aus 1973 mit Mads Vinding (b) + Ed Thigpen (dr) sind karg, klar, kompakt und spiegeln so die Essenz im Piano Trio deutlich wieder …. btw würde es im Jazz Tantiemen geben, wäre wohl Duke Jordan mit „Jordu“ finanziell ausreichend fundiert gewesen ….

    --

      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #12593083  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 69,788

    明田川荘之 Trio – 外はいい天気 [Shoji Aketagawa Trio – Sotohaiitenki / Soto Wa Ii Tenki (sp?)] | Shoji Aketagawa (1950-2024) am Klavier in seinem Club, dem Aketa No Mise (ca. 30 Plätze), am 29. März 1976 mit Koichi Yamazaki am Bass und Kenichi Kameyama an den Drums. Und klar, das Album ist beim eigenen Label erschienen, Aketa’s Disk. Es gibt vier lange Stücke, fast eine Stunde. Der „Waltz For Aketa“ von Koichi Matsukaze macht den Einstieg, dann „Lover Man“, ein Original von Aketagawa (外はいい天気 bzw. „Soto wa Ii tenki“) und zum Abschluss „My Foolish Heart“. Das ist kein Hi-Fi (stellenweise mit bleed-through, das wie Echo klingt), aber ein eigenwilliger (auch vokal etwas aktiver), ziemlich unvirtuoser Pianist in toller Atmosphäre und doch sehr hörbar.

    Ich hab die ersten paar CDs gekriegt aus einer Serie von Octave Lab von 2019, die gerade nochmal aufgelegt wird … und dazu noch ein Trio-Trio von Motohiko Hino von 1977 (mit Sato und Ino).

    Toshiko Akiyoshi & Leon Sash – Toshiko & Leon Sash At Newport | A propos Japan, gestern auch mein CD-Reissue von Toshikos Debut-Album gehört, „Toshiko’s Piano“ (Quartett mit Barney Kessel, Ray Brown und J.C. Heard, 1953 in Japan aufgenommen, als die JATP-Truppe dort tourte und man niemand gutes gehört habe ausser diese junge Pianistin, die Norman Granz flugs mit der JATP-Rhythmusgruppe ins Studio brachte) … ziemlich toll – und auch ein Kontrastprogramm zu Aketagawa. Als Bonus ist auf der Ausgabe, die ich habe, dann noch das halbe Album aus Newport 1957 dabei, und da spielte sie im Trio mit Gene Cherico und Jake Hanna. Zuerst sind zwei Originals zu hören, „Between Me and Myself“ und der „Blues for Toshiko“, dann folgen zwei Standards, „I’ll Remember April“ und „Lover“. Sehr virtuos – und in den Jahren dazwischen machte sie wohl ordentlich Fortschritte, sie ist allerdings auch 1953 schon super (aber Kessel stört natürlich).

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12593159  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

    Registriert seit: 02.12.2013

    Beiträge: 56,976

    Enrico Pieranunzi Trio „Footprints“ (Challenge Records) 2005 …. man (ich) muss diesen Pianisten nicht unbedingt mögen, aber jener nun bald vor einem Vierteljahrhundert inklusive Hein Van de Geyn (b) und Andre Ceccarelli (dr) @ Le Duc Des Lombards, Paris erfasste Auftritt bleibt sicher eine massgebliche Errungenschaft seine Musikerkarriere …. btw diese enorm energiebildende Sicht auf  Wayne Shorter’s „Footprints“ jedenfalls ein Highlight ….

    --

      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #12593195  | PERMALINK

    lotterlotta
    Schaffnerlos

    Registriert seit: 09.04.2005

    Beiträge: 6,439

    ….schon länger auf der wunschliste, dank des hinweises hier, dass es ein reissue gibt ab heute auf dem dreher, bin gespannt….

     

     

     

     

    --

    Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt!  
    #12593347  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 69,788

    Howard Riley – Overground | Die letzte Runde mit Howard Riley war das Trio mit Guy und Niggli, das beim Intakt Festival in London ein kurzes, aber schönes Set spielte. Riley schaffte es kaum bis ans Klavier, aber was er da spielte, war dann sehr berührend. Die Diskographie seines Trios hört früher aus, mit Aufnahmen von 1973-1975, deren früheste auf der LP „Synopsis“ (Incus, 1974) erschienen. Davon gab’s dann bei Emanem 2000 eine CD mit einem 18minütigen Bonustrack vom selben Datum (fehlt mir noch), und 2001 folgte bei Emanem die CD „Overground“ mit zwei Stücken vom August 1974 und dreien vom November 1975, alles zum ersten Mal veröffentlicht. Von 1974 gibt es ein Trio-Stück, das elfminütige „Loops“ zum Einstieg, und dann „Pages“, ein 16minütiges Duo von Riley und Tony Oxley. Von 1975 gibt es eine halbe Stunde im Trio im kürzeren „Spliced“ in der Mitte der CD und dem doppelt so langen Titelstück als Closer, und dazwischen ein zehnminütiges Klavier-Duo von Riley mit Overdubs. Alle drei verwenden auch immer wieder „pedal-controlled amplification“, wie in den Infos vermerkt, und Oxley steuert Live-Electronics bei, die immer wieder zu gespenstischen Effekten führen. Das ist nicht mehr die Band von ca. 1967-71, deren Alben ich inzwischen alle (wieder-)gehört habe, sondern das ist jetzt völlig frei improvisierte Musik, sehr experimentell, auf der Suche nach Klängen, eben elektronisch erweitert … aber klar: eine working band ist das immer noch, die drei verstehen sich, die Musik ist teils auch weiterhin notiert oder in Abschnitten konzipiert und geplant. Das sprengt den Rahmen so sehr wie sonst nur das fünfzehn Jahre spätere Feel Trio von Cecil Taylor, zumindest von den – ziemlich vielen – Aufnahmen, die ich inzwischen angehört habe.

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12593419  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 69,788

    McCoy Tyner – Trident | McCoy Tyner an zwei Tagen im Februar 1975 im Fantasy Studio in Berkeley mit Ron Carter und Elvin Jones … mit den frühen (Trio-)Alben habe ich mich ja einigermassen versöhnt, aber das hier klappt gerade weniger gut. Tyner und Jones sind irgendwie zuviel Masse, Carter ist auch nur teilweise cool, manchmal schlittert er herum und wird zum doppelten Zuviel ein drittes … aber klar, das hat Wucht und Momentum, beeindruckt. Insgesamt bleibt das Fazit, dass ich Tyner im Trio weniger mag als in fast jeder anderen Formation, vor allem weniger als wenn ein bis viele Bläser mit dabei sind, die seine Stücke spielen. Im Opener, seinem „Celestial Chant“, spielt Tyner auch Cembalo, im folgenden „Once I Love“, das schon ziemlich schön ist, auch Celesta, beides dann auf „Land of the Lonely“, mit dem die B-Seite beginnt (immer aber auch Klavier). Davor beschliesst Tyners „Elvin (Sir) Jones“ die erste Hälfte, danach sind mit „Impressions“ und „Ruby, My Dear“ noch zwei Klassiker zu hören – letzteres ein für mich überraschend stimmiger Closer – obendrein mit einem guten Bass-Solo.

    Trivia: hatte völlig vergessen, dass Milestone nicht einfach von Orrin Keepnews gegründet wurde (1966, als bei Riverside definitiv Schluss war) sondern gemeinsam mit Dick Katz (1966 – und ab 1972 gehörte es zu Fantasy) … das passt insofern, als Katz ja Wilson-Schüler war, Tyner diesen Wilson-Glow auf den frühen Trio-Sessions auch noch hat – aber hier eben nicht mehr. Und das ist absolut folgerichtig von seiner Entwicklung in den Dutzend Jahren dazwischen. Und es hat vielleicht eben etwas damit zu tun, dass Tyner für mich im Trio hier nicht so richtig funktionieren will. Also: ein gutes Album ist das schon, aber überhaupt kein Lieblingsalbum – es zollt mir Respekt ab, auch wenn es etwas an mir vorbeizieht. Zu den „Supertrios“ komme ich dieses Wochenende wohl auch noch.

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12593493  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 69,788

    Hampton Hawes – At the Piano | All-Star-Time im Studio von Contemporary. Am 14. August 1976 nimmt Hampton Hawes mit Ray Brown und Shelly Manne auf. Los geht es mit „Killing Me Softly“ und der Groove sitzt schnell, Brown spielt ziemlich tolle Bass-Linien, Manne findet einen eleganten Beat. An Ende der ersten Seite steht „Funny“, dazwischen Hawes‘ „Soul Sign Eight“. „Morning“ von Hawes klingt mit dem kreisenden Bass-Lick und der reduzierten Melodie zunächst fast wie ein Stück von Abdullah Ibrahim, doch dann verschiebt sich das Riff und das wird alles etwas elaborierter – eine grossartige Performance mit einem sparsamen, fast kargen Solo von Hawes und Manne, der auf zwei und vier ein dumpfes Becken schlägt, dazu trommelt und grummelt. Es folgt ein zartes „Blue in Green“ und dann zum Abschluss eine tolle, sehr poetische und dank Brown zugleich sehr funky Version eines Lieblingssongs, „When I Grow Too Old to Dream“. Ein etwas verhaltenes und durch die Umstände auch trauriges Albums, das allerdings echt gut geworden ist, obwohl es zunächst halbfertig im Regal blieb, bevor es 1978 erschien.

    Statt Liner Notes hat man ein Interview transkribieren lassen, das Hawes (er starb am 22. Mai 1977) mit Lester Koenig (der am 21. November darauf auch starb) führte, am 20. Januar 1977. Die Session steht nicht nur am Ende von Hawes‘ Leben sondern auch am Ende des ersten, wichtigsten Kapitels von Contemporary:

    In August 1976, Lester Koenig brought Hampton Hawes back to the studio and captured tracks for what would eventually become S7637 Hampton Hawes at the Piano. Lester was still busy preparing the LP when the pianist died the following May, unexpectedly, at 48.

    The loss hit Lester hard. Among all musicians, John Koenig has said, Hamp was his father’s “best friend.”⁽⁹⁾ Their final session retreated to the shelf unfinished.

    A few months later, Les lost another old friend and colleague in Jack Lewerke. Jack had joined GTJ as general manager back in 1950, and the ensuing decade saw him and Lester link up on multiple ventures such as California Record Distributors and Interdisc.⁽¹⁰⁾ They remained close friends throughout the years. Lester served as pallbearer at the funeral.⁽¹¹⁾

    Later that week, Lester fell ill and was rushed to hospital. Two days later, November 21, he died. He was 59.


    (9) Kevin van den Elzen. “West Coast Jazz Hour #40 with John Koenig.” YouTube, YouTube Video, 31 Aug. 2021, http://www.youtube.com/watch?v=tbcYtNB2e2w. Accessed 2023.
    (10) “Heart Attack Claims Independent California Distrib Jack Lewerke.” Billboard, vol. 89, no. 47, Nov. 1977, p. 10. Google Books.
    (11) “Les Koenig, Label Owner, Dies of Heart Attack in Los Angeles.” Billboard, vol. 89, no. 48, Dec. 1977, p. 15. Google Books.

    Quelle: https://www.8481melrose.com/mastering-history-volume-three

    Im Interview erklärt Hawes einiges über sein Spiel und sein Musikverständnis – und auch, warum er anders klinge als alle anderen: Er habe sich alles selbst beibringen müssen, was dazu führe, dass Leute ihm sagen: „you finger funny“ – aber „it’s the only way I know to get it done, maybe because I finger funny it sounds different. You know, maybe I turned a weak point into a strong point. […] I wouldn’t call it a weakness … unorthodox, that’s it. […] I depend on my ear and just my heart and my determination, and maybe that’s the difference that you hear. That fact that I never took any lessons is why you can tell me.“ Hawes erklärt, dass Erroll Garner genau so ein Fall sei, oder Charlie Parker und Wes Montgomery. Koenig: „In other words, you invented playing the piano or yourself.“ – Hawes: „I invented playing the piano for myself because I had to do. That was the only way I was going to get the job done.“

    Dann die Frage, ob Klavierspielen Arbeit („work“) sei, „do you enjoy yourself or is it work? Do you ever feel like you’re just going to a job?“ – Hawes: „No, I never feel like I’m just going to a job. Every time before I play the piano, when I get up on the bandstand and sit down there’s some adrenalin, like the chemicals in my body change. I’ve even had people tell me my face changes. When I sit down at the piano it is work, because when I’m finished I’m drained; but it’s the most beautiful drain, and you’re tired, but it’s really comfortable, it’s a gratifying tired because I feel like I did something. It is work, and I love it. I’m going to always play the piano, you know. In fact, might want to be buried in one in case my ghost might come back. The ghost might become popular. I could play piano down there. I don’t care …“

    Koenig fragt dann nach dem Wandel seit den ersten Jahren von Hawes‘ Aktivitäten, wie er inzwischen selbst zum Einfluss auf andere Leute geworden sei, ob er andere Pianisten verfolge/anhöre. Hawes meint, er sei sehr vorsichtig damit, was er höre. „If I listen to anything, I listen to classical music, you know. I enjoy listening to other piano players because there are good ones around and I’ve heard them on the radio […] They’ve got about four or five real good pianists today.“ – Und natürlich will Koenig wissen, wen er damit meint: „Well, like Keith Jarrett, McCoy Tyner, you know, Chick Corea, Bill Evans, you know, Roland Hanna, and other pianists that are good that a lot of people don’t know about, like David Paich, Joe Sample, you know; Ahmad Jamal’s good.“ Hawes erklärt dann auch noch, dass er nicht wie bei Charlie Parker auf der Suche nach Einflüssen und Ideen hinhöre, „because I don’t want to hear anything that I like that might seep in. Things seep in there anyway, and nobody can say that they have never played anything that they heard that they thought was good, because if they do, they’re lying; because everybody has, even Miles, even Bird.“

    Zum Album befragt, holt Hawes dann etwas aus: „Playing the piano is when I am the happiest, and you were the first person that recognized my worth and gave me an opportunity to do that. So, coming to make this album now with you, it was almost like a spring drink of water because, see, when I came to make the album with you, I knew that all of that stuff that was on my mind I could throw away. I didn’t have to worry about no charts. I didn’t have to worry about … ‚is this the in thing?‘ Only thing I had to do was sit down and play the piano, you know; and to me it was very refreshing because that’s what I needed, because, actually, that’s what I’m all about.“

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12593557  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 69,788

    Phineas Newborn Jr. – Back Home / The Phineas Newborn Trio – Look Out – Phineas Is Back! | Auch bei Phineas Newborn Star Time: Ray Brown ist beide Male dabei, beim zwei Album auch als Produzent. Das erste erschien erst 1985, entstand an zwei Tagen im September 1976 im Contemporary Studio (Lester Koenig selbst am Mischpult, bei Hawes ware Roy DuNann zuständig) mit Elvin Jones am Schlagzeug, das zweite erschien 1977 (Japan) bzw. 1978 (USA/Europa) mit schönerem Cover (unten) und ist mit Jimmie Smith an den Drums an zwei Tagen im Dezember in den RCA Recording Studios in L.A. aufgenommen worden. Liner Notes gibt es hier keine – aber die Musik ist auch selbsterklärend. Newborn wirkt merklich gereift, verfügt weiterhin über eine blendende, brillante Technik, aber setzt diese sehr gut dosiert sein. Es gibt jeweils acht Stücke (beim zweiten Album noch einen kurzen CD-Bonustrack), beim ersten Album neben dem Opener „Sugar Ray“, dem Titelstück und „Pamela“ von Newborn eine klasse Version von Michel Legrands „Watch What Happens“ und vier Klassiker: „Ill Wind“ (toll!), „No Moon at All“ (auch toll, klar – Lieblingsstück), „On Green Dolphin Street“ (mit beeindruckenden zweihändigen Passagen) und „Love for Sale“. Elvin Jones funktioniert hier völlig anders als mit Tyner und Carter, viel entspannter, weniger druckvoll – Manne ist auf dem Album mit Hawes flächiger und polyrhythmischer unterwegs. Jones findet aber seine Rolle und spielt mit ebenso viel Autorität, wie das bei Brown eh immer der Fall ist.

    Das zweite Album, für Pablo aufgenommen und mit leichteren Drums, die mehr nach vorn gespielt werden deutlich weniger vielschichtig sind, öffnet mit „Salt Peanuts“ – über das Bass-Lick von „Manteca“ und sehr funky. Später folgt von Dizzy Gillespie auch noch „A Night in Tunisia“. Von Newborn stammen der „Tamarind Blues“ und der Closer „Donald’s Dream“, Ray Brown brachte seinen „Abbers Song“ mit – hier gibt es eine Art kontrollierte Eskalation von Newborn, die sehr toll ist. Dazu kommen „The Man I Love“ (in einer beeindruckenden Solo-Version – aber das Klavier ist leider so eng abgemischt, dass es fast übersteuert, klingt als sei Fortissimo bis Fortefortissimo alles, was an Dynamik drin ist bei der Aufnahme – es gibt keinen Credit ausser den von Brown als Produzent), „Sometimes I’m Happy“, „Just in Time“ (nur auf der CD) und – eine kleine Überraschung – Stevie Wonders „You Are the Sunshine of My Life“, das aber zu einer ziemlich konventionellen Jazz-Performance wird. Die Aufnahmen mit Elvin Jones gefallen mir deutlich besser … hat vielleicht auch mit dem Label zu tun – auf jeden Fall aber mit dem Drummer und ziemlich sicher auch mit der nicht optimalen Aufnahme des Klaviers.

    Dass Phineas Newborn zu den Leuten gehört, die erst mit zunehmendem Alter richtig gut wurden – in seinem Fall wohl: laufend besser wurden – , ist auf jeden Fall eine Erkenntnis, die ich aus diesem Thread mitnehme.

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12593569  | PERMALINK

    redbeansandrice

    Registriert seit: 14.08.2009

    Beiträge: 14,777

    das Newborn Album ist diskografisch ganz interessant… John Koenig lies die 7000er Serie kurz nach dem Tod seines Vaters auslaufen, arbeitete dann bis 1982 noch mit der 14000er Serie weiter, das Peter Erskine Album ist das letzte von ihm produzierte… nach dem Streit mit seiner Schwiegermutter verkauften er und seine Schwester dann das Label an Fantasy, die 1985/86 gleich eine ganze Serie von Alben aus den Contemporary Vaults rausbrachten… darunter dieses Newborn Album… und beide Serien fortsetzten, die 7000er mit „alten“ Aufnahmen und die 14000er mit neuen…

    http://www.jazzlists.com/SJ_Label_Contemporary.htm

    http://www.jazzlists.com/SJ_Label_Contemporary_14000.htm

    --

    .
    #12593577  | PERMALINK

    lotterlotta
    Schaffnerlos

    Registriert seit: 09.04.2005

    Beiträge: 6,439

    ….das halbfertige liegen bleiben war ja den umständen, also dem tod beider geschuldet, wer weiß, früher veröffentlicht würde es evtl. wesentlich mehr im focus stehen. für mich eine der perlen von hawes, interne top five. mich würde interessieren warum dies coverbild ausgewählt wurde, es hat für mich eine tieftraurige aura…..liegt aber wohl an dem wissen um die geschichte dahinter….

    --

    Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt!  
    #12593595  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 69,788

    lotterlotta
    ….das halbfertige liegen bleiben war ja den umständen, also dem tod beider geschuldet, wer weiß, früher veröffentlicht würde es evtl. wesentlich mehr im focus stehen.

    Steht ja oben :-)

    Muss ich jedenfalls mal ordentlich haben („Back Home“ vielleicht auch – von den letzten drei gehörten Alben habe ich nur Kopien).

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
    #12593689  | PERMALINK

    soulpope
    "Ever Since The World Ended, I Don`t Get Out As Much"

    Registriert seit: 02.12.2013

    Beiträge: 56,976

    Harold Danko Trio „Monk’s Dream“ (SteepleChase) 2004 …. auch ich habe während dieser Umfrage einen Zukauf getätigt (um ganze Euro 10, btw keine CD-R) 😎 …. ich stiess im Rahmen diverser Vergleichsstrecken von Thelonious Monk Coverversionen auf diese schlicht umwerfende „Monk’s Dream“ Interpretation …. nur die Besten können Witz und kompositorisches Verständnis dermassen treffsicher umsetzen wie dieser Pianist mit Bassist Michael Formanek (grossartig !!) und dem feinfühligen Drummer Jeff Hirshfield …. aber dies ist nur die Spitze des Eisberges, denn eine ausgesprochen eklektische Titelauswahl erstreckt sich von Richie Beirach über Billy Strayhorn bis Freddie Redd in sehr suprigen vielseitigen Interpretationen und bilden ein ebensolches Album …. Nils Winther wollte jedenfalls den „Erkennungswert“ seines Labels sicherstellen und hat ergo beim Coverfoto den Autofocus ausgeschalten .. denn wer will schon ein perfektes Produkt …. gehört gehört (!!) ….

    --

      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
Ansicht von 15 Beiträgen - 1,201 bis 1,215 (von insgesamt 1,217)

Schlagwörter: , ,

Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.