Das Piano-Trio im Jazz

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    gypsy-tail-wind
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    Norman Simmons – Midnight Creeper | Die Pause nach dem hier vor einigen Wochen erwähnten Debutalbum dauerte sehr lang. Zwanzig Jahre später nahm Simmons 1976 für Spotlite das Album „Ramira the Dancer“ auf (mit denselben Leuten wie hier aber auch noch Ralph Dorsey an Percussion, ich kenne es allerdings eh nicht), am 11. September 1979 folgte „Midnight Creeper“ mit Lisle Atkinson und Al Hareweood, erschienen bei Miljac. Simmons war in der Zwischenzeit vor allem Begleiter von Sängerinnen – von 1961 bis 1969 allein mit Carmen McRae, dann holte Al Harewood Simmons und Lisle Atkinson ins Trio von Betty Carter, wo es mehr Raum für den Pianisten gab (die drei sind auf drei Alben aus den Jahren 1969/70 zu hören). Atkinson und Harewood ermutigten Simmons, als Leader ihres Trios in den Vordergrund zu treten, was hier wie gesagt zum zweiten Mal klappte (1980 folgte bei Miljac „I’m … the Blues“ mit dem Trio sowie Jimmy Owens und Clifford Jordan sowie Vernel Fournier auf ein paar Tracks statt Hareweood; 1985 dann noch „13th Moon“, teils mit dem Trio plus Jimmy Owens, Frank Wess, Dave Samuels, Bobby Sanabria, Dorsey und Robert Davis, teils im Quartett mit Howard Alden, Atkins und Gerryck King; auf dem letzten Miljac-Album und den folgenden auf Savant ist das Trio nicht mehr dabei, Atkinson taucht allerdings noch zweimal auf).

    „Blackout“ von Avery Parrish (auch für „After Hours“ verantwortlich) setzt den Ton: ein traditionelles, dunkel getöntes, sehr souliges Trio mit einem tief ausschwingenden (und gut aufgenommenen) Bass und den hippen, hellen Drums von Harewood, die noch gerade so frisch klingen wie zwanzig Jahre früher mit Horace Parlan. Simmons‘ Titelstück ist dann schneller, aber ebenfalls bluesig. Er lässt sehr viel Raum zwischen seinen Phrasen, die manchmal ziemlich lang dauern und sich nicht gross um Taktstriche kümmern – immer wieder hört man ihn auch leise mitsingen. Atkinson spielt hier ein starkes Solo. Es folgt das zum Aufwärmen gespielte „Someday My Prince Will Come“, während dessen die Tonleute die Balance hinkriegen sollten. Simmons spielte das übliche Intro von Miles Davis – aber in 4/4 statt 3/4, ohne die beiden Kollegen vorzuwarnen. Doch alles ging gut – und ebenso schnell hatte David Baker die Balance im Griff. Auf der CD gibt es danach den ersten von drei Bonustracks, „I Fall in Love Too Easily“, in dem einmal mehr Simmons‘ toller Touch zu bestaunen ist. Danach gibt es eine groovende Version von Sondheims „Send in the Clows“ – die Idee dazu hatte Simmons von Anita O’Day, die ihn während seiner vier Jahre in ihrer Band ebenfalls ermutigte, als Leader zu arbeiten – und Mandels „Emily“, gefolgt vom nächsten Bonustrack, Simmons‘ „Turtle“, einer langsamen Groove-Nummer nach dem Vorbild von „Sleepy“, einem Stück der MJT+3. „Confirmation“ war der Closer der LP, auf der CD folgt noch „Easy Livin'“ als Walking Ballade und dem Andenken Billie Holidays gewidmet. Ein Piano Trio aus Chicago – das kann man da und dort wohl auch zu dem Zeitpunkt noch hören, manche Touches von Simmons kennt man von da, es gibt auch die eine oder andere Anleihe beim klassischen Jamal Trio (wie gesagt: Fournier taucht später auch bei Simmons auf). Vermutlich mein liebstes Album von Simmons – wobei ich nicht ganz alle kenne und die Savant-Alben noch nicht sehr gut.

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    #12581231  | PERMALINK

    redbeansandrice

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    lotterlotta

    redbeansandrice ……und nun das Vijay Iyer Album, das ich scheinbar lieber mag als die meisten Leute: Vijay Iyer , Linda May Han Oh, Tyshawn Sorey – Uneasy

    ….wieso denkst du das, ich mag das auch schon sehr, nur wenn man sich so durch die ganzen trio-alben wühlt, wird es immer schwerer tatsächlich nachvollziehbare entscheidungen bzgl. „in and out of the top“ zu treffen! je mehr alte aufnahmen ich höre, desto schwerer haben es diejenigen aus den letzten 30 jahren, die bei mir auch sehr hoch in der gunst stehen, sei es nun iyer, e.s.t. , em oder wollny! zur zeit überlege ich, welche lieblingsalben von jamal, evans, jarrett, flanagan, hawes, ellington, clark, allen, ibrahim,peterson(allein sie haben schon mehr als 30 plätze besetzt) weston oder waldron raus müssen um auch platz für echte highlights bei den solitären alben im regal von kessler, williams, nock, horn, barron, beirach oder cryspell zu bekommen…eigentlich ist eine top 20 auswahl unmöglich ohne bauch- und kopfschmerzen. vielleicht bin ich auch überfordert, es ist einfach zu viel! hab keine ahnung wie flurin, jan und ingo das alles hin bekommen, mir fehlt das ohr und vielleicht auch der wille diese ganzen fantastischen alben kritischer zu zerpflücken, bei zu vielen denke ich beim hören, ja das müsste auch rein! so foltere ich mich gerade mit dieser unfassbar guten aufnahme von evans… hier muss ich schon abwägen ob sie in oder out bleibt…..wie soll da dann platz für iyer und all die anderen sein…..ich glaub ich steig aus, genieße meine platten, lese hier mit und überlege mir dann später, was noch in meinen schrank rein könnte….das piano trio, ein fass ohne boden….

     

    Ich hatte das jetzt am Iyer Sternethread festgemacht, wo vorgarten es relativ deutlich hinter die meisten anderen Alben setzt, und auch irrlicht hat es (mit guter Note allerdings) hinter Compassion… Wahrscheinlich ging es mir vor allem auf das Ranking zwischen den zwei Alben… Und ja: wie die letzten Jahrzehnte, die man selbst miterlebt hat, sich einfügen, ist eine der kniffligsten Fragen… Sicher nur mit ein paar Alben…

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    #12581245  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Gary Peacock, Art Lande, Eliot Zigmund – Shift in the Wind
    Marc Hemmeler, Ray Brown, Shelly Manne – Walking In L.A.

    Neue Dekade, neues Glück? Ich weiss nicht recht … jedenfalls fange ich mit zwei total unterschiedlichen Trios an. Das erste hat @vorgarten hier schon beschrieben. Ich mag Lande inzwischen auch, mag auch dieses Album inzwischen ganz gerne – bei der ersten Begegnung vor vielen Jahren fand ich es ziemlich langweilig und legte es lange weg. Peacock spielt super – und ich glaube auch, dass hier etwas Neues entsteht, was dann bei ECM nicht nur mit dem Gary Peacock Standards Trio sondern diversen anderen Formationen reichte Früchte tragen sollte und Formen fand, die mir sehr viel besser gefallen – die aber in den meisten Fällen (Marilyn Crispell ist die Ausnahme) auch „Arbeit“ waren für mich (das Peter Erskine Trio mit John Taylor, das Bobo Stenson Trio). Über klangtechnische Probleme braucht man hier nicht nachdenken, das hat ECM ja die allermeiste Zeit im Griff.

    Auch das zweite Album ist klangtechnisch hervorragend, hat all die Wärme, die anderswo (Pauer) fehlt … vielleicht kommt die am Ende ja doch von den Palmen auf dem kalifornischen Cover? Der Schweizer Pianist Marc Hemmeler kam 1938 in Lyon zur Welt und machte in den frühen Achtzigern mit erlesenen Trios ein paar sehr gute Alben, von denen das hier das erste ist, auf LP bei Musica, später bei Elabeth als CD („Easy Does It“, auch Musica/Elabeth, ist das zweite, und „Feelings“ auf Rexon das dritte). 1960 in Paris gelandet, spielte er vier Jahre bei Johnny Halliday, wurde 1964 Hauspianist im Blue Note in Paris (mit Jimmy Gourley und Kenny Clarke), ab 1969 lange Zeit in der Band von Stéphane Grappelli, seine eigene Karriere ging spät los. Bill Evans steckt drin in diesem Album, aber auch Monty Alexander – und das ist tatsächlich alles sehr aufgeräumt, dass ich Pauer erwähne also kaum Zufall. Aber Brown/Manne federn mit so viel Eleganz durch die Session, dass Hemmeler wirklich nicht viel falsch machen kann (das einzige nachhaltig störende Element ist, dass eins der Becken, wenn Manne es auf der Glocke schlägt, die Mikrophone so übersteuert, dass es wie ein giftiger Triangel über alles hinüber klingt … und leider tut er das öfter mal, im Opener fast ständig). Vom Repertoire her ist das ein Standards-Album, mit einem Opener von Hemmeler/Nougaro. Danach „My Romance“, Browns „Gravy Waltz“ (ein Beinah-Standard), „In Your Own Sweet Way“, Hemmelers Titelstück, „Do You Know What It Means“ (to Miss New Orleans – ein Highlight), „Spring Can Hang You Up“ („Really“ und „the Most“ fehlt, warum auch immer, aber Tommy Wolf steht dabei) und als Closer nochmal etwas exzentrischer „I’m an Old Cowhand“ (da war Manne ja damals auch mit dabei). Das flutscht super durch, ist auch eine Position von Mainstream-Jazz um 1980, aber sicher kein Lieblingsalbum.

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    #12581281  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Andrew Hill Trio – Strange Serenade | Auch die Avantgarde war 1980 noch unterwegs … nicht oft im Plattenstudio, aber auch das kam vor. Am 13. und 14. Juni 1980 in Mailand nahm Andrew Hill für Soul Note ein Solo-Album („Faces of Hope“) und dieses Trio-Album auf, bei dem Alan Silva und Freddie Waits mit dabei sind. Für mich gerade die weniger grosse (Wieder-)Entdeckung als die Alben aus den Siebzigern, die ich nicht mehr so auf dem Schirm hatte. Ob das hier eher eine Art von Koexistenz ist (in die Richtung geht vorgarten) oder doch Kommunikation, darüber könnte man wohl diskutieren … für mich funktioniert das die meiste Zeit sehr gut, ich mag den dunklen Sound, der von allen dreien kommt, ich mag die grosse Freiheit, die ebenfalls im Spiel aller drei steckt, ich mag die latente Unruhe, eine Art Brodeln aus dem Untergrund, das mal vom Bass, dann vom Schlagzeug verstärkt wird – und bei Hill eigentlich immer da ist. Immer wieder passieren dann ganz konkrete Dinge, eine Folge von Akkorden, ein Klavierlauf, ein Bass-Riff … den Albumtitel finde ich sehr passend.

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    #12581311  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Sadik Hakim – Lazy Bird | Letzte Runde im alten Jahr … und letzte Runde mit Sadik Hakim, läuft jetzt doch noch rasch, quasi fast schon auf dem Weg in die Küche. Wieder Errol Walters am Bass (ist das wirklich derselbe, der auch für Coxsone aufgenommen hat, 1948 in Kingston geboren, oder ist das nur mal wieder ein Discogs-Fehler?) und dieses Mal Clifford Barbaro am Schlagzeug. Sehr schön aufgenommen (Iino Hall, Tokyo, 4. April 1980, wieder Trio Records, mein CD-Reissue von 2020 fehlt bei Discogs noch) – und mir fehlt da im Bass echt nichts, der spielt ziemlich gut, klingt ziemlich gut, hat einen guten Beat und spielt auch ganz gute Soli, z.B. in „Idling“, einem von nur zwei Hakim-Stücken hier. Das andere ist „49th Street“, an zweitletzter Stelle vor „Body and Soul“. Los geht es mit „Stella by Starlight“, dann folgen „Now’s the Time“, „Lazy Bird“ (Coltrane), und dann eben „Idling“, bevor Seite 1 mit „I’ll Remember April“ endet – mit dem fast schon üblichen Wechsel zwischen Latin- und Swing-Beat. Die zweite Seite öffnet mit „Yardbird Suite“ und „My Little Suede Shoes“ (mit dem üblichen Latin-Beat), womit Parker mit drei Stücken der wichtigste Komponist des Albums ist. Das ist vielleicht das beste der drei Alben – aber ich glaub ich mag „Witches, Goblins, Etc.“ am Ende doch am liebsten …

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    #12581337  | PERMALINK

    lotterlotta
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    hier nun drei weitere kandidaten neben den gesetzten zwei von ihm….(trio II und all smiles), hart, echt hart!

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    Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt!  
    #12581345  | PERMALINK

    lotterlotta
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    redbeansandrice…..Und ja: wie die letzten Jahrzehnte, die man selbst miterlebt hat, sich einfügen, ist eine der kniffligsten Fragen… Sicher nur mit ein paar Alben…

    …..da dürften bei mir dann fast keine drin sein, weil alle die ich habe als live erlebnis nochmals eine spur besser waren, ob nun iyer, wollny, em3 oder e.s.t., nur eins ist sicher mit drin, weil live erlebt und so als cd vorliegend, da muss ich irgendwie den rechte-inhaber ein wenig bearbeiten, dass er sich für eine vinyl-vö stark macht…..(wunschdenken! träumen erlaubt…)
     

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    Hat Zappa und Bob Marley noch live erlebt!  
    #12581381  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Tyshawn Sorey Trio – Continuing / Mesmerism | Gestern lieben beim Zubereiten des Silvester-Menus diese beiden Alben … „Mesmerism“ war wohl auch 2025 eins meiner meistgespielten (ich führe keine Statistik) … immer noch ein fabelhaftes Trio, dessen Erstling definitiv in meine Liste gehört. Das ist gleichzeitig wuchtig und mitreissend aber auch von einer tänzerischen Eleganz. Wie die drei das klassische Trio von Ahmad Jamal channeln und daraus etwas Eigenes entwickeln, fasziniert mich nach wie vor sehr. Highlights? „Detour Ahead“ und der Rausschmeisser „REM Blues“ (ursprünglich auf einem Nummer-1-Kandidaten, den wir hier gar nie hatten – ich hoffe nicht nur bei mir, weil das Album eh gesetzt ist?) vom ersten Album und vom Zweitling vielleicht wirklich das Jamal-Cover, „Seleritus“.

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    #12581383  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Bill Evans Trio – Letter to Evan / Turn Out the Stars: Live at Ronnie Scott’s | Dass diese beiden CDs – mit Aufnahmen vom 21. Juli bzw. 10. August – nicht durch die Warner- und Fantasy-Boxen aus den letzten Monaten von Evans‘ Leben abgedeckt sind, hatte ich erst vor ein paar Jahren mal begriffen und sie dann natürlich gekauft. Evans kam bei mir in all den Jahren, die ich hier im Forum bin, fast immer zu kurz. Ich hörte die Resonance- und Elemental-Neuveröffentlichungen aus dem Archiv und gelegentlich etwas aus dem Riverside- oder Verve-Katalog, aber das grosse Evans-Wiederhören steht seit über 15 Jahren mal wieder an. Im aktuellen Kontext stehen die beiden hier also stellvertretend für die letzte, intensiv dokumentierte Werkphase, die ich auf Anhieb besser mochte als praktisch alles aus den Siebzigern (Anhieb heisst hier ca. 1997/98, als ich mir die „Turn Out the Stars“-Box auf Warner leistete und staunte, wie toll das alles war).

    Für diese Dreyfus-CDs von 1992 hat Francis Paudras hymnische Liner Notes abgefasst (Evans, Debussy, Evans, Ravel, Evans, Bach, der vermisste Freund Evans, die Tragik, Evans der sich dem Autoren anvertraute) … je nach Perspektive eher abschreckend zu lesen, eine Art Heiligenvita ohne Heiliges – bzw. mit Unheiligem, das verschwiegen wird, das Heilige ist natürlich die Musik, der Engel ist Evans (gefallen ist er bei Paudras natürlich nicht). Zum Einstieg schreibt er aber auch, wie das Ronnie Scott’s seit 1969 zu einem Ort geworden sei, den Evans immer gern besuchte, und wie das auf Gegenseitigkeit beruhte, es Leute gab, die keinen von Evans‘ Auftritten dort verpassen wollten. Und natürlich sind die Aufnahmen toll – klingen tun sie etwas weniger als das, auch der Bass ist nicht gut aufgenommen, hat auch in der tiefen Lage keinen Körper … aber das macht nichts, denn das Zusammenspiel von Evans mit Marc Johnson ist umwerfend und Joe LaBarbera sorgt für den richtigen Beat, durchaus lärmig und zupackend und keineswegs unaufdringlich. Es gibt hier ein paar Originals, die ich gar nicht im Blick – oder gar im Ohr – habe: „Knit for Mary“, „Your Story“ und natürlich „Letter to Evan“ auf der ersten CD, auf der zweiten neben dem bekannten Titelstück auch „Laurie“ und „Two Lonely People“. Dazu kommen Klassiker wie „Emily“, „Stella by Starlight“ und „My Man’s Gone Now“ (erste CD), „My Romance“ und But Beautiful (zweite CD), und auch ein paar etwas jüngere Stücke wie „Days of Wine and Roses“ auf der ersten CD oder „I Do It for Your Love“ (Paul Simon) und „Peau Douce“ (Steve Swallow) auf der zweiten.

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    Walter Davis / Kenny Clarke / Pierre Michelot – Live au Dreher | Ich bin gar nicht in Rückblickslaune – wenn also wer einen Jahresrückblick machen will, bitteschön, ich schreibe dann schon was rein, aber hab meine Gedanken dazu überhaupt nicht sortiert und mag das grad auch nicht tun. Zum Jahr gehört aber, dass Guy Kopelowicz gestorben ist, mit dem ich leider viel zu lange keinen Kontakt mehr gehabt hatte. Dieses Album – das CD-Reissue von Paris Jazz Corner/Savano aus dem Jahr 1999 – gehört zu den vielen, die ich dank Guy in die Finger kriegte. Ein dunkles, intensives Set, zusammengestellt aus Aufnahmen von zwei Tagen Ende März 1981 im Dreher in Paris. Walter Davis brummelt und stöhnt mit seinen zerklüfteten Bebop-Läufen mit, Kenny Clarke scheppert an den Trommeln und drischt auf die Becken, dass Tote zum Leben erweckt werden, Pierre Michelot ist – Klischee – der Ruhepol, der das ganze erdet und in dessen Bass das irrlichternde Piano und die Drums irgendwie zusammenfinden. Es gibt mittendrin ein Davis-Original („X.W.D.“), ansonsten Bebop-Staples: „Confirmation“ und „All God’s Chillun Got Rhythm“ zum Einstieg, Bud Powell („Celia“, „John’s Abbey“), Thelonious Monk („‚Round Midnight“, „52nd Street theme“, „Monk’s Mood“ als Closer) und Benny Harris („Little Benny“, sonst bekannt als „Crazeology“). Das ist ein enorm lebendiges Album, bei dem man wirklich den Eindruck erhält, im Club zu sitzen, direkt vor den drei Musikern – toll!

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    gypsy-tail-wind
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    Joanne Brackeen – Special Identity | Zwei Tage im Minot Sound, White Plains, NY im Dezember 1981 – Joanne Brackeen mit der 1968er-Rhythmusgruppe von Bill Evans, Eddie Gomez und Jack DeJohnette (passend dazu hat Helen Keane, die langjährige Managerin von Evans, das Album produziert). Natürlich gerät das schon im Opener in viel intensivere Fahrwasser, Brackeens Klavier schneidet mit einer Schärfe durch das frühe digitale Klangbild (das ich mit dem Label, Antilles, sowieso stark verbinde), der Bass klingt jetzt wieder gut, die schlimmen Jahre sind wohl überstanden … und DeJohnette ist DeJohnette aus der Zeit, also mit schwerem, rockigem Sound, eher auf der Suche nach komplizierten Patterns und treibenden Beats als nach Polyrhythmen. Nat Hentoff beschreibt in den Liner Notes – Bemerkungen von Brackeen einbeziehend – wie sie auf der Suche nach der Unmittelbarkeit ist, wie sie nicht Musik macht sondern Musik *ist*, wie es bei Konzerten das Wichtigste sei, lebendig zu sein, wem auch immer zuhöre, Leben zu vermitteln. Es geht hier nicht um Virtuosität, nicht um einzelne Läufe und Passagen, nicht um das eine catchy Stück, sondern um das Ganze. Und das funktioniert wirklich hervorragend hier, auch wenn es Momente gibt, in denen alles Festzustecken, die rollende Welle dieses Trios zu brechen droht. Brackeen schichtet auch mal wilde Cluster über einen kantigen Beat, bleibt dabei aber immer „in tune“ mit dem Ganzen. Für meine Ohren ein grosser Schritt nach vorn.

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    #12581413  | PERMALINK

    soulpope
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    gypsy-tail-wind Walter Davis / Kenny Clarke / Pierre Michelot – Live au Dreher | …. das CD-Reissue von Paris Jazz Corner/Savano aus dem Jahr 1999 ….  Ein dunkles, intensives Set, zusammengestellt aus Aufnahmen von zwei Tagen Ende März 1981 im Dreher in Paris. Walter Davis brummelt und stöhnt mit seinen zerklüfteten Bebop-Läufen mit, Kenny Clarke scheppert an den Trommeln und drischt auf die Becken, dass Tote zum Leben erweckt werden, Pierre Michelot ist – Klischee – der Ruhepol, der das ganze erdet und in dessen Bass das irrlichternde Piano und die Drums irgendwie zusammenfinden. Es gibt mittendrin ein Davis-Original („X.W.D.“), ansonsten Bebop-Staples: „Confirmation“ und „All God’s Chillun Got Rhythm“ zum Einstieg, Bud Powell („Celia“, „John’s Abbey“), Thelonious Monk („‚Round Midnight“, „52nd Street theme“, „Monk’s Mood“ als Closer) und Benny Harris („Little Benny“, sonst bekannt als „Crazeology“). Das ist ein enorm lebendiges Album, bei dem man wirklich den Eindruck erhält, im Club zu sitzen, direkt vor den drei Musikern – toll!

    Eigne und schätze diese NAD aka Night and Day Veröffentlichung durchaus …. sie wirft für mich auch im neuen Jahr aber wiederum die Frage auf, warum gerade Pianisten – denen eine überaus opulente Tastatur und den sich daraus ergebenden instrumentalen Effekten -den Hang (Drang) zum Brummen, Stöhnen, Laute bzw Geräusche absondern haben …. bei Bassisten ist dies trotz vergleichsweise „einschränkendem“ Instrument selten (ad hoc fällt mir hier Major Holley und Ed Schuller ein *) und Schlagzeuger diesbezüglich wohl eine Leermeldung ….

    Edit : * und Lisle Atkinson ….

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #12581435  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Aki Takase Trio – Song For Hope | Eine der grösseren (Wieder-)Entdeckungen bei der Enja-Strecke vor gar nicht allzu langer Zeit. Ich zitiere einfach mal in Auszügen: „… ein irrer Trip. … Aki Takase (p), Nobuyoshi Ino (b) und Takeo Moriyama (d) wurden am 5. November 1981 beim Jazzfest Berlin von Carlos Albrecht für Enja aufgenommen. Mit dem neunminütigen Solo „Monologue“ öffnet das Album – verschiedene sich überlagernde irre Grooves, ein wunderbar warm klingendes Klavier … allmähliche Ausbrüche in freie Gefilde: kleine Cluster, kurze Aussetzer, dann eine Atempause, Besinnung, und Takase setzt mit einer freien Improvisation neu an, um wieder in neue melodische Motive zu spielen, einen neuen Groove zu finden. Der „Song for Hope“ ist dann eine ekstatische Trio-Performance – Bass-Ostinato, hymnisch singendes Klavier, sich verzahnenden Drums. „Minerva’s Owl“ ist eine Ballade mit einem leichten Groove der Rhythmusgruppe, einem aktiven Kontrabass und vor allem mit phantastischem Klavier. „Mountain Forest“ heisst das letzte, längste Stück. Ein Drum-Roll, ein kleines Piano-Riff, dann ein Bass-Solo, bei dem Ino irgendwann zum Bogen greift. Dann steigt das Takase kurz ein, übergibt aber schnell an Moriyama für ein tolles langes Schlagzeugsolo. In den letzten Minuten steigt Takase dann ein und das Trio wächst noch einmal zusammen.“ – Wirklich toll!

    Wirklich toll! Und hätte natürlich vor Brackeen gehört, wie das nächste Album auch.

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    #12581481  | PERMALINK

    vorgarten

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    cary, mateen, waits, trillium (2000)

    ich bin jetzt in den nullern, tarus mateen (noch akustisch) und nasheet waits, die zwei jahre später mit jason moran das bandwagon trio gründen werden, hier mit marc cary, der eher aus der rollenden spiritual-jazz-ecke kommt, manchmal erinnert mich sein spiel sogar an bheki mseleku, aber das war damals auch die zeit. was da zwischen bass und schlagzeug abgeht, ist die eigentliche sensation hier, das ist in sich sehr komplex, gleichzeitig aber sehr reaktionsschnell. überhaupt ein sehr schönes album, das kein bisschen von der stange kommt – passt hier aber nicht ganz, es gibt einen block mit zweimal p-fl-duo und einmal p solo, am ende mit flöte noch ein quartett.

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    #12581485  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Horace Tapscott – In New York
    Horace Tapscott – Live at Lobero 
    Horace Tapscott / Fred Hopkins / Ben Riley – Dissent or Descent

    Drei Runden mit einem Solitär, der allerdings so sehr in einer Community verwurzelt war wie kaum ein anderer … und vielleicht gerade dadurch so frei agieren konnte? Horace Tapscott nahm am 5. Januar 1979 sein erstes Trio-Album, wie der Titel sagt in New York (für Interplay) und mit Art Davis und Roy Haynes. Letzterer war selten in so freiem Kontext unterwegs (ich hab „Trio Music“ von Chick Corea aus Zeitgründen aus dem Stapel genommen, 1981 entstand das Live-Album, also genau da, wo ich eigentlich gerade bin). Freiheit ist bei Tapscott aber immer relativ, oder eher: es ist paradox. Niemand rollt so wuchtige Grooves und ist zugleich so frei unterwegs. Ein Vergleich wäre vielleicht Mal Waldron, aber bei dem ist die Wucht wesentlich geringer und die Freiheit am Ende fast immer auch. Art Davis ist der perfekte Bassist für den Job, und Haynes trommelt auch mal ein halbes Solo auf Woodblocks oder sowas. Das Trio entwickelt schon im Opener, „Akirfa“ von Lester Robertson, einem Posaunisten aus Tapscotts Band, nahezu hypnotische Qualitäten, die sich in „Lino’s Pad“ nur noch verstärken. Ein weiteres Original des Leaders, „Sketches of Drunken Mary“, und „If You Could See Me Now“ von Tadd Dameron sind auf Seite zwei zu hören (bei mir läuft die CD von 2006).

    Eine Woche nach Takase in Berlin spielte Tapscott mit Robert Miranda und Sonship (Woody „Sonship“ Theus) im Lobero Theatre in Santa Barbara und wurde mitgeschnitten. 1981/82 erschienen zwei LPs, Vol. 1 wurde auf CD um das fast halbstündige „Inception“ ergänzt, das als eine Art Daumenklavier+Percussion+Vokalismen+Handtrommel-Meditation beginnt und sich tatsächlich wie ein Konzertbeginn anfühlt. Erst nach über zehn Minuten tauchen wie aus dem Nichts zarte Klaviercluster auf, die sich verdichten bis zum freien Spiel, während der gestrichene Bass und die Drums einen mitreissenden freien Beat entwickeln. „Sketches of Drunken Mary“ und „Raisha’s New-Hip Dance“ sind auf Seite 1 der ersten LP zu finden, „Dark Tree“ mit über 21 Minuten nimmt die ganze Seite 2 ein. Das ist alles Musik zwischen Groove und freiem Rausch und reisst mich noch jedes Mal mit. Ich mag allerdings die grossen Bands in der Regel nochmal einiges lieber, auch wenn es natürlich toll ist, Tapscott ausgiebig als Pianisten hören zu können. Er spielt ein Composer’s Piano, aber dann – wie Ellington – eben doch viel mehr als das.

    Runde drei stammt von ca. 1984 und erschien 1998 nur noch auf CD. Die Sidemen sind wieder prominenter und kriegen Co-Credits in gleich grosser Schrift (die farbliche Abstufung wiederholt sich auf dem Rückcover: der Titel im dunkelsten Orange, das Line-Up in einer mittleren Farbe, die Tracks etwas heller und die Credits in fast schon Gelb). Mit Fred Hopkins und Ben Riley ging Tapscott in New York ins Studio, nach knapp 50 Minuten im Trio folgen noch zwei längere Solo-Nummern, ca. 1983/84 aufgenommen: „Ruby, My Dear“ von Monk und „Chico’s Back in Town“ (Tapscott) – natürlich toll, fällt ja mitten in die Zeit der „Tapscott Sessions“, von denen ich leider bis heute nur eine kenne. Mit dem Trio spielt Tapscott zu vier seiner eigenen Stücke noch „Spellbound“ von Clifford Jordan, das mit 14 Minuten Dauer auch das längste Stück des Albums ist. Im Opener „As a Child“ tritt Tapscott aussergewöhnlich still auf, ein eleganter Groove über Hopkins‘ rollenden Bass und die frisch-frechen Drums von Riley, wie üblich knackig und mit viel Snare, da ein Roll, dort ein kurzer Fill – sehr lebendig. Bald werden Tapscotts Läufe in der hohen Lage dichter, unregelmässiger – erinnern mehr an Nichols denn an Monk (den ich dennoch als klares Vorbild auszumachen geneigt bin). So ähnlich geht es weiter: ich höre hier einen fokussierten Tapscott, der sich zurückhält ohne dass das wie eine Begrenzung oder Einengung wirkt. Im Gegenteil: in der Zurückhaltung findet er eine neue, eine andere Freiheit, die auch bis in Atonale gehen kann (ein wenig à la Hasaan manchmal, wenn er rasende Läufe und ruppige Akkorde in den Diskant hämmert), die es so vielleicht erst in der relativen Enge geben kann, wenn mal all die rollenden Klangwellen etwas eingedämmt werden. Hopkins steuert mal zu mal selbst tolle Soli bei (das Problem mit dem Bass-Sound ist jetzt behoben, er kann resonant spielen ohne dass es übel klingt – da ist auch der Unterschied zum Evans Trio im Ronnie Scott’s von heute Morgen recht eklatant). Und Riley ist durchgängig super, aktiver und frecher als ich ihn generell im Kopf abgelegt habe – ohne ihn wäre das alles nur halb so frisch.

    Alle drei Alben toll – und obwohl Tapscott echt kein besonders facettenreicher Pianist ist, ist jedes Album für sich sehr anders.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba
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