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Horace Tapscott – In New York
Horace Tapscott – Live at Lobero
Horace Tapscott / Fred Hopkins / Ben Riley – Dissent or Descent
Drei Runden mit einem Solitär, der allerdings so sehr in einer Community verwurzelt war wie kaum ein anderer … und vielleicht gerade dadurch so frei agieren konnte? Horace Tapscott nahm am 5. Januar 1979 sein erstes Trio-Album, wie der Titel sagt in New York (für Interplay) und mit Art Davis und Roy Haynes. Letzterer war selten in so freiem Kontext unterwegs (ich hab „Trio Music“ von Chick Corea aus Zeitgründen aus dem Stapel genommen, 1981 entstand das Live-Album, also genau da, wo ich eigentlich gerade bin). Freiheit ist bei Tapscott aber immer relativ, oder eher: es ist paradox. Niemand rollt so wuchtige Grooves und ist zugleich so frei unterwegs. Ein Vergleich wäre vielleicht Mal Waldron, aber bei dem ist die Wucht wesentlich geringer und die Freiheit am Ende fast immer auch. Art Davis ist der perfekte Bassist für den Job, und Haynes trommelt auch mal ein halbes Solo auf Woodblocks oder sowas. Das Trio entwickelt schon im Opener, „Akirfa“ von Lester Robertson, einem Posaunisten aus Tapscotts Band, nahezu hypnotische Qualitäten, die sich in „Lino’s Pad“ nur noch verstärken. Ein weiteres Original des Leaders, „Sketches of Drunken Mary“, und „If You Could See Me Now“ von Tadd Dameron sind auf Seite zwei zu hören (bei mir läuft die CD von 2006).
Eine Woche nach Takase in Berlin spielte Tapscott mit Robert Miranda und Sonship (Woody „Sonship“ Theus) im Lobero Theatre in Santa Barbara und wurde mitgeschnitten. 1981/82 erschienen zwei LPs, Vol. 1 wurde auf CD um das fast halbstündige „Inception“ ergänzt, das als eine Art Daumenklavier+Percussion+Vokalismen+Handtrommel-Meditation beginnt und sich tatsächlich wie ein Konzertbeginn anfühlt. Erst nach über zehn Minuten tauchen wie aus dem Nichts zarte Klaviercluster auf, die sich verdichten bis zum freien Spiel, während der gestrichene Bass und die Drums einen mitreissenden freien Beat entwickeln. „Sketches of Drunken Mary“ und „Raisha’s New-Hip Dance“ sind auf Seite 1 der ersten LP zu finden, „Dark Tree“ mit über 21 Minuten nimmt die ganze Seite 2 ein. Das ist alles Musik zwischen Groove und freiem Rausch und reisst mich noch jedes Mal mit. Ich mag allerdings die grossen Bands in der Regel nochmal einiges lieber, auch wenn es natürlich toll ist, Tapscott ausgiebig als Pianisten hören zu können. Er spielt ein Composer’s Piano, aber dann – wie Ellington – eben doch viel mehr als das.
Runde drei stammt von ca. 1984 und erschien 1998 nur noch auf CD. Die Sidemen sind wieder prominenter und kriegen Co-Credits in gleich grosser Schrift (die farbliche Abstufung wiederholt sich auf dem Rückcover: der Titel im dunkelsten Orange, das Line-Up in einer mittleren Farbe, die Tracks etwas heller und die Credits in fast schon Gelb). Mit Fred Hopkins und Ben Riley ging Tapscott in New York ins Studio, nach knapp 50 Minuten im Trio folgen noch zwei längere Solo-Nummern, ca. 1983/84 aufgenommen: „Ruby, My Dear“ von Monk und „Chico’s Back in Town“ (Tapscott) – natürlich toll, fällt ja mitten in die Zeit der „Tapscott Sessions“, von denen ich leider bis heute nur eine kenne. Mit dem Trio spielt Tapscott zu vier seiner eigenen Stücke noch „Spellbound“ von Clifford Jordan, das mit 14 Minuten Dauer auch das längste Stück des Albums ist. Im Opener „As a Child“ tritt Tapscott aussergewöhnlich still auf, ein eleganter Groove über Hopkins‘ rollenden Bass und die frisch-frechen Drums von Riley, wie üblich knackig und mit viel Snare, da ein Roll, dort ein kurzer Fill – sehr lebendig. Bald werden Tapscotts Läufe in der hohen Lage dichter, unregelmässiger – erinnern mehr an Nichols denn an Monk (den ich dennoch als klares Vorbild auszumachen geneigt bin). So ähnlich geht es weiter: ich höre hier einen fokussierten Tapscott, der sich zurückhält ohne dass das wie eine Begrenzung oder Einengung wirkt. Im Gegenteil: in der Zurückhaltung findet er eine neue, eine andere Freiheit, die auch bis in Atonale gehen kann (ein wenig à la Hasaan manchmal, wenn er rasende Läufe und ruppige Akkorde in den Diskant hämmert), die es so vielleicht erst in der relativen Enge geben kann, wenn mal all die rollenden Klangwellen etwas eingedämmt werden. Hopkins steuert mal zu mal selbst tolle Soli bei (das Problem mit dem Bass-Sound ist jetzt behoben, er kann resonant spielen ohne dass es übel klingt – da ist auch der Unterschied zum Evans Trio im Ronnie Scott’s von heute Morgen recht eklatant). Und Riley ist durchgängig super, aktiver und frecher als ich ihn generell im Kopf abgelegt habe – ohne ihn wäre das alles nur halb so frisch.
Alle drei Alben toll – und obwohl Tapscott echt kein besonders facettenreicher Pianist ist, ist jedes Album für sich sehr anders.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba