Startseite › Foren › Über Bands, Solokünstler und Genres › Eine Frage des Stils › Blue Note – das Jazzforum › Ich höre gerade … Jazz! › Re: Ich höre gerade … Jazz!
atom
Friedrich
Gestern:
Keith Jarrett, Gary Peacock, Paul Motian – At The Deer Head Inn (rec. 1992, rel. 1994)
Immer noch meine einzige Keith Jarrett-Platte. Gestern war es in Berlin zwar keine „warm, humid, rainy, foggy, autumn night“, wie Keith Jarrett in den liner notes den 16. September 1992, an dem die Platte eher nebenbei im Deer Head Inn in Pennsylvania aufgenommen wurde, beschreibt. Aber immerhin war es humid and rainy und so konnte ich mich auch klimatisch ein wenig in die Atmosphäre dieser Aufnahme hineinversetzen. Man sitzt den Musikern fast unterm Hemd, hört Keith Jarrett grunzen, die Gläser klingeln und am liebsten mag ich die Stelle ganz am Ende, wenn der letzte Ton verklungen ist, man immer noch den Atem anhält und dann in der Stille hört, wie draußen auf der Landstraße ein Auto vorbeifährt.
vorgartenwirklich ganz toll. allein peacock & motian zusammen – ein traum.
Ich höre seit zwei Tagen kaum etwas anderes und bin extrem begeistert von dieser Aufnahme. Mein persönlicher Höhepunkt ist „You Don’t Know What Love Is“. Wirklich schade, dass dies die einzige Aufnahme dieses Trios ist.
vorgartenja, auch wenn man natürlich in alle richtungen weiterhören kann. peacock & motian haben ja eine tolle gemeinsame diskographie, nicht nur mit bley und evans, eben auch mit kikuchi, crispell…
Da kann ich einhaken:

Tethered Moon – First Meeting (Aufnahme 1990/91, Release 1997)
Masabumi Kikuchi: p; Gary Peacock: b; Paul Motian: dr.
Ich hatte diese Platte früher mal gehabt als ich ein kurz aufbrandendes Interesse an Piano Trios entwickelte. Wenig später hatte ich das aber auch schon wieder satt und dieses Album fiel einer gnadenloses Säuberungswelle zum Opfer. Nachdem vorgarten in einem Blind Fold Test aber ein Stück von Masabumi Kikuchi brachte, das mir ausgezeichnet gefiel, habe ich die Platte noch mal gekauft.
Seit einigen Tage läuft sie immer wieder, ohne dass ich sie wirklich greifen kann. Aber vielleicht liegt das in der Natur dieser Musik. Hier wird Zeit gedehnt und gestaucht, Kikuchi setzt gefühlte Minuten aus um dann eine paar Noten hinterherzuwerfen, frei schwebende traumsequenzartige Passagen werden wieder eingefangen, manchmal scheint das völlig ziellos aus dem Ruder zu laufen und alle drei mehr aneinander vorbei als miteinander zu spielen, es gibt Leerstellen, aber am Ende kommen sie doch immer wieder zusammen. Spröde, verquer, sehr – äh … – sinnlich und wie mir gerade auffällt überhaupt nicht swingend aber umso spannender. Keine einfache Musik, und sie hat mich wohl auch mal in ihrer Sprödigkeit genervt – aber toll!
Edit: Ich kenne die Geschichte dieser Aufnahme nicht. 1990/91 aufgenommen, erst 1997 veröffentlicht, vielleicht mehr eine gemeinsame Probe (heißt ja auch First Meeting), als eine geplante Veröffentlichung. Man meint das hören zu können, wenn man will, denn hier will manches erst noch seine Form finden. Aber vielleicht ist gerade das der Reiz.
--
“There are legends of people born with the gift of making music so true it can pierce the veil between life and death. Conjuring spirits from the past and the future. This gift can bring healing—but it can also attract demons.” (From the movie Sinners by Ryan Coogler)