Re: Der deutsche Jazz

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friedrich

Registriert seit: 28.06.2008

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gypsy tail windLustig, dass Du auf Rosner kommst! Hab neulich die Doku über ihn gesehen (lief auf 3sat oder arte) und mir dann diese Doppel-CD gekauft:

Man hat mich ja eher drauf gestoßen. Die Doku gibt es vielleicht noch als stream?

Und, wie ist Eddie Rosner so? Bis 1933 nannte er sich übrigens Adi, aber der Ursprung dieser Koseform war danach nicht nur für ihn unangenehm konnotiert.

Ohne den Holocaust verharmlosen zu wollen: Manchmal denke ich, wie tragisch es alleine schon ist, was die Nazizeit in Deutschland für einen kulturellen Flurschaden hinterlassen hat. Es gab davor offenbar so viel fruchtbare Traditionen in Musik, Film, Literatur etc. pp., deren Protagonisten aber entweder außer Landes getrieben, mundtot gemacht oder gleich totgeschlagen wurden.

Wie lange hat es gebraucht, bis nach 1945 mal wieder jemand einen geistreichen Pop-Song geschrieben hat? Bis Hildegard Knef? Udo Lindenberg? Oder Ton Steine Scherben, die man aber damals immer noch als eine Art (vermeintliche) Vaterlandsverräter ins Abseits gedrängt hat? Wie lange hat es gedauert, bis sich in Deutschland wieder eine Jazzszene etablieren konnte?

Und was ist mit Show Biz? Man stelle sich vor, Eddie Rosner (nur mal so als Beispiel) wäre auch nach 33 weiterhin in Berlin aufgetreten, hätte Platten gemacht, Musiker wären durch seine Band gezogen, hätten sich selbständig gemacht und hätten diese Tradition weitergetragen.

Der Glam, der Hedonismus und das Geistreiche waren in der Nachkriegszeit futsch! Was für ein Jammer!

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„Etwas ist da, was jenseits der Bedeutung der Worte, ihrer Form und selbst des Stils der Ausführung liegt: etwas, was direkt der Körper des Sängers ist, und mit ein- und derselben Bewegung aus der Tiefe der Stimmhöhlen, der Muskeln, der Schleimhäute, der Knorpel einem zu Ohren kommt, als wenn ein und dieselbe Haut das innere Fleisch des Ausführenden und die Musik, die er singt, überspannen würde.“ (Roland Barthes: Die Rauheit der Stimme)