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The Grapefruit: Dear Delilah / Dead Boot 1968 D-RCA
Easybeats und Beatles werden als Bezugspunkte genannt. Ersteres, weil der Grapefruit-Leader George Alexander ein Bruder des Easybeat George Young war. Letzteres, weil die Beatles die Band damals nicht wenig protegierte. In der Musik dieser Platte höre ich nichts davon. Dann noch eher die Small Faces.
Diese Debüt-Single der Band enthält typischen Früh-68er Psych-Pop, wie er kaum selbstverständlicher und schöner hätte sein können. Dabei ist es ein durchaus seltsamer Song. Der Refrain besteht aus einer ganz kurzen Melodielinie, die jeweils zweimal wiederholt wird, mit viel Phasing und macht- und prachtvollen Sounds. Dazwischen sehr abwechslungsreiche Zwischenteile mit wunderschönen vocals, kaum drums, dafür klassischem Instrumentarium. Repeat. Ganz toll.
Es gibt nicht viele Singles, bei denen es mir so geht. Aber hier höre ich jedes Mal auch die Rückseite. Ebenfalls mindestens zweimal. Ein kleiner Song, wesentlich unauffälliger arrangiert als Dear Delilah, aber mit harmony vocals von einem anderen Stern und einer sanften Leichtigkeit, die schlichtweg süchtig macht.
Grapefruit haben noch das eine oder andere 7“-Nugget hinterlassen, bis sie mit Deep Water im Jahr darauf endlich einen etwas größeren Hit hatten. Diese Single hier scheint mir die schönste von allen (die ich kenne).
(·) Nicht allzu häufig. Unter 10 Euro wohl nur mit Glück zu bekommen.
The Standells: Why Pick On Me / Mr. Nobody 1966 D-Capitol
The Standells waren neben der Chocolate Watchband, den Seeds oder 13th Floor Elevators eine der wichtigsten amerikanischen Garage-Punk-Bands der 60s. Sie blieben in Deutschland praktisch unbekannt, auch wenn es von ihnen damals mindestens drei Singles auf dt. Capitol gibt. Diese dürfte die seltenste sein. Dabei mag ich sie am meisten.
Stones-Anklänge sind zwar nicht zu überhören, aber das hat partout nichts Englisches. Das ist die offene Garage, mit leeren Orgel- und Fuzzsounds, hämmernden Rhythmen, Vocals, die in dieser Schärfe so nur aus den Staaten kamen, und einem Song, der in seinem bitteren Hass auf das andere Geschlecht nichts von Weinerlichkeit, sondern nur sarkastisch enttäuschte Abwehr erkennen lässt.
Auch Mr. Nobody ist ein grandioser Track mit ähnlichen Zutaten.
Eine tolle Band.
(·) Diese Single dürfte ausgesprochen selten in bestem Zustand zu bekommen sein. Ich hatte vor einigen Jahren Glück, dass jemand ein altes Singles-Lager aufgetan hatte.
Gene Vincent: Be-Bop-A-Lula / Woman Love 1956 D-Capitol
Be-Bop-A-Lula ist purer Sex.
Ich erinnere mich, wie ich diese Single in meinem früheren Leben im Musikunterricht einer neunten Klasse spielte. Steriler Musikraum, dröge Sitzordnung. Und plötzlich war die Szenerie elektrisiert. Mit dem ersten „we-ll“. Die Atmosphäre aufgeladen wie beim ersten Date. Nacktes Gänsehautfeeling. In der Mitte, wo Gene Vincent kurze Stöhngeräusche von sich gibt, bekam es dann schon den Touch von erstem Sex. Ja, und am Ende betretene Stille und Sprachlosigkeit. Wow! Das hatte was. (Auch 1980 noch.) Es war, als hätten die Jungs gespürt, dass es noch viel mehr gab, als in ihren Köpfen herumspukte, als wären etwas unpassende Bilder in einem unschuldigen Mädchenzimmer herumgezeigt worden.
Wir haben dann nicht mehr viel über die Platte geredet. Die Kids hatten alles gehört, ein bisschen verstanden und mussten erst einmal verdauen. Beinahe wäre es noch zu viel für sie gewesen. Nie wieder habe ich eine ähnliche Wirkung von Musik bei Jugendlichen erlebt.
Genau das ist Be-Bop-A-Lula und noch viel mehr: Rockabilly der allerfeinsten Sorte, so federnd leicht, so beschwingt, so innovativ, wenn man Cliff Gallup’s Gitarre hört, dabei so unglaublich lebenswichtig, so wahnsinnig cool.
Und Woman Love legt allemal nach. Allein das Intro ist die Platte wert. Einige Takte nur Gene und der Bass. Mitreißender und bezwingender kann Musik in dieser reduzierten Form kaum sein.
(·) Endlich habe ich vor einiger Zeit eine top erhaltene dt. Pressung dieser Single gefunden, nachdem ich sie eigentlich immer in diversen schlechteren Erhaltungszuständen in meinem Besitz hatte. So eine Platte kann nicht billig sein. Sie wurde mit der Capitol-Nummer 20714 drei Jahre später wiederveröffentlicht. Die ist ungleich häufiger.
Today’s Tops:
1 Vincent
2 Grapefruit
3 Primal Scream
4 Standells
5 Magneta Lane
6 Animals
PS: Kommentare von Gastlesern gern auch an otis-online@gmx.de
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